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- Kapitel 106 - Der Zufall lebt in Evigane
,,IN FÜNFZEHN MINUTEN LEGEN WIR IN EVIGANE AN!!!’’ Die durchdringende Stimme des Steuermanns hallte über das Deck des Handelsschiffes, begleitet vom Kreischen der Möwen, die das Anlegen der Schiffe stets als Einladung betrachteten. Das Rauschen der Wellen, das Schlagen der Segel im Wind und das Knarren des Holzes vermischten sich zu einer Klangkulisse, die Jamall nur zu gut kannte. Er saß im Schatten seines Halbdrachen, dessen schuppiger Körper ihm eine willkommene Barriere gegen die sengende Hitze bot. Die Sommerinseln waren nichts für Jamall. Die feuchte, schwere Luft ließ seinen Nacken klebrig werden, und die Sonne brannte mit einer Unerbittlichkeit vom Himmel herab, die ihn an die Schmiedefeuer in Kartaffel erinnerte. Doch er war nicht mehr in Kartaffel. Seine Reise führte ihn weit fort von der kalten, schroffen Heimat, hinein in die geschäftigen Städte der Republik Heim. Sein Ziel war klar: Faldheim. Von dort aus wollte er weiter zum Turm des Weisen, wo der legendäre Ziaho Tah lebte – ein Unsterblicher, dem nachgesagt wurde, er besitze das gesamte Wissen der Welt. Und Wissen war genau das, was Jamall suchte. Er musste erfahren, wie er an das Schwert der fünf Monde gelangen konnte – ein Traum, der ihn seit seiner Kindheit verfolgte. Einst war es ein Wunsch aus bloßer Abenteuerlust und Ruhm gewesen, doch nach Roxys Tod hatte sich dieser Wunsch verändert. Es war nicht mehr nur Ehrgeiz, sondern eine drängende Mission. Ein Ziel, das jeden Preis wert war. ,,GRUU!’’ Das tiefe, vibrierende Geräusch ließ ihn aufblicken. Sein Halbdrachen erhob sich langsam, streckte die schuppigen Flügel, ehe er Jamall mit seinen leuchtenden Augen ansah. Jamall lächelte leicht und strich dem Wesen über den Hals. „Ich weiß, du willst auch endlich vom Schiff runter.“ Der Halbdrachen, den er ursprünglich nur als Transportmittel gesehen hatte, war ihm inzwischen ans Herz gewachsen. Eine eigentümliche Bindung hatte sich zwischen ihnen entwickelt, auch wenn er dem Geschöpf noch immer keinen Namen gegeben hatte. Vielleicht war es auch besser so. Plötzlich ruckte das Schiff heftig, als es am Hafen anlegte. Seile wurden geworfen, Holz knarzte unter der Last der Matrosen, die sich daran machten, das Schiff zu vertauen. Jamall zögerte nicht lange. Mit schnellen Bewegungen stand er auf, packte die Zügel des Drachen und machte sich auf den Weg zur Planke. Als er endlich wieder festen Boden unter den Füßen spürte, sog er tief die Luft ein. Der Hafen von Evigane war lebendig, voller Menschen, Tarat und Filina, Gerüchen und Geräuschen. Händler priesen ihre Waren an, Schiffe wurden be- und entladen, und die salzige Brise vermischte sich mit dem Duft exotischer Gewürze und frischer Früchte. Er ließ seinen Blick über die Stadt schweifen. Evigane – eine der schillernden Handelsmetropolen der Sommerinseln. Weiße Sandsteinbauten, gesäumt von Palmen, ragten zwischen den belebten Straßen hervor. In den engen Gassen wuselten Einheimische und Reisende gleichermaßen, und über allem lag die sanfte Musik von Lautenspielern, die an den Straßenecken ihre Künste darboten. Jamall wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Das hier ist also Evigane, huh?“ murmelte er vor sich hin und schob sich durch die Menge. Drei Tage würde er hier bleiben müssen, bevor das Schiff weiter nach Faldheim segelte. Drei Tage, die es zu nutzen galt. - ------------------------------------------------------------------------- ,,GRAO?’’ Der Halbdrache schnaubte unzufrieden und sträubte sich gegen das Ziehen an seinen Zügeln. Seine silbernen Schuppen glitzerten leicht im Sonnenlicht, als er den Kopf ruckartig zur Seite drehte, um der Führung zu entkommen. Jamall seufzte und tätschelte ihm beruhigend die Schnauze. „Es ist nur für zwei Tage, dann komme ich wieder, versprochen.“ Der Halbdrache gab nach, wenn auch nur widerwillig. Mit einem tiefen Grollen legte er sich schließlich auf den Boden und faltete die Flügel an seinen Körper. Jamall musterte ihn einen Moment, ehe er sich umdrehte und in Richtung Marktplatz aufbrach. Er hatte nichts Konkretes im Sinn, was er kaufen wollte. Dennoch war der Markt ein guter Ort – um interessante Leute zu treffen, und genau das war sein Ziel. Er brauchte jemanden. Nicht, weil er Gesellschaft suchte, sondern weil er Unterstützung brauchte. Starke Unterstützung. Während er durch die engen Gassen schlenderte, ließ er seinen Blick über die Gesichter der Menschen schweifen. Oder besser gesagt, über die Wesen, die hier lebten. In Evigane gab es nur wenige Menschen. Stattdessen dominierten die Tarat das Straßenbild – rattenähnliche Kreaturen, die sich flink zwischen den Marktständen hindurchwanden. Jamall hielt sich instinktiv von ihnen fern. Die Tarat waren bekannt für ihre zwielichtigen Machenschaften und ihre schnellen Finger. Dann waren da noch die Filina, ein Volk mit katzenhaften Zügen. Ihre geschmeidigen Bewegungen und ihr elegantes Auftreten ließen sie fast aristokratisch wirken, auch wenn viele von ihnen einfache Händler oder Söldner waren. Doch Jamall suchte keine Händler. Er brauchte jemanden, der stark war. Jemanden, der ihm nicht im Weg stand oder ihn zurückhielt. Und genau in diesem Moment fiel sein Blick auf eine Frau, die am Rand des Hafenbeckens saß. Etwas an ihr zog ihn an. Es war nicht ihr Aussehen – obwohl ihre scharfen, markanten Gesichtszüge und die leuchtenden Augen durchaus bemerkenswert waren. Nein, es war die Aura der Sicherheit, die sie ausstrahlte. Sie wirkte, als könnte nichts auf dieser Welt sie aus der Ruhe bringen. Sie war genau die Art von Person, die er suchte. Ohne zu zögern ließ er sich neben ihr nieder, stützte sich mit den Armen auf seinen Knien ab und drehte sich zu ihr. ,,Hey, ich bin Jamall. Können wir uns einen Moment unterhalten?’’ Die Frau wandte ihm langsam den Kopf zu und betrachtete ihn mit ausdrucksloser Miene. ,,Warum sollten wir?’’ Jamall grinste. Er hatte genau diese Reaktion erwartet. Er zog eine Flasche Rum aus seinem Beutel, hielt sie vor sich in die Luft und zuckte mit den Schultern. „Weil ich eine Partnerin zum Trinken brauche.“ Für einen Moment musterte sie ihn abschätzend. Dann nahm sie ihm ohne ein weiteres Wort die Flasche aus der Hand, setzte sie an ihre Lippen und trank einen tiefen Schluck. Jamall lehnte sich zurück und beobachtete sie. „Und, was machst du in Evigane?“ fragte er schließlich. Die Frau drehte die Flasche nachdenklich in ihren Händen, als würde sie nach den richtigen Worten suchen. „Ich habe hier jemanden gesucht. Nur um zu erfahren, dass er bereits vor einem halben Jahr getötet wurde.“ Ihre Stimme war ruhig, beinahe emotionslos – und doch konnte Jamall die verborgene Wut und Trauer in ihr hören. „Jetzt überlege ich, wie ich mich rächen kann.“ Jamall hob überrascht eine Augenbraue. Das war mehr Ehrlichkeit, als er erwartet hatte. Die Frau bemerkte seinen Blick und neigte leicht den Kopf. ,,Verurteilst du mich jetzt?’’ Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte er, eine Spur Unsicherheit in ihren Augen zu sehen. Doch dann war sie wieder verschwunden. Er nahm sich einen Moment Zeit, bevor er antwortete. „Nein, tue ich nicht. Bei mir ist es irgendwo ähnlich.“ Er zuckte wieder mit den Schultern und ließ seinen Blick über das geschäftige Treiben am Hafen schweifen. ,,Erzähl.’’ Sie forderte ihn dazu auf, als wäre es eine Selbstverständlichkeit. Er lehnte sich leicht nach vorne und sprach mit ruhiger Stimme: „Es gibt da eine Frau im Kaiserreich. Sie hat mir einen Menschen genommen, auf den ich mich langsam eingelassen hatte. Ich will nach Heim, um nach einer Möglichkeit zu suchen, sie zu töten.“ Die Frau betrachtete ihn für einen langen Moment – dann lächelte sie. Es war ein Lächeln, das etwas Spielerisches, aber auch etwas Gefährliches hatte. ,,Soll ich sie für dich töten?’’ Jamall öffnete kurz den Mund, schloss ihn dann aber wieder. Er überlegte kurz, bevor er langsam den Kopf schüttelte. „Das wird denke ich nicht möglich sein. Sie ist sehr stark, ein Monster… und zusätzlich irgendwie unsterblich.“ Die Frau trank noch einen Schluck, bevor sie ihn mit einem amüsierten Blick ansah. „Ich bin auch sehr stark. Ich bin eine Kaiserliche Kopfgeldjägerin, musst du wissen.“ Jamall erstarrte. „Eine… Kaiserliche Kopfgeldjägerin?“ Seine Stimme klang härter, als er es beabsichtigt hatte. Die Frau schmunzelte. „Warum so erstaunt? Du hast mich doch angesprochen.“ Sie lehnte sich lässig zurück, als wäre die ganze Situation für sie nicht mehr als ein unterhaltsames Gespräch. „Mein Name ist Bournadette Lacroix.“ - ------------------------------------------------------------------------- Jamall kannte sie. Bournadette Lacroix. Die Zweite der Kaiserlichen Kopfgeldjäger. Eine Frau, die ebenso gefürchtet wie respektiert wurde. Sie war eine Jägerin, von der man sagte, dass sie niemals ihre Beute entkommen ließ. Wenn sie sich ein Ziel setzte, dann war es nur eine Frage der Zeit, bis es fiel. Er war sich sicher, dass es im ganzen Kaiserreich kaum jemanden gab, den sie nicht töten konnte. Kaum jemanden. Die Ausnahmen konnte er an einer Hand abzählen: Kaiser Verion III, Yang… und Leyla. Leyla — der Name hallte in seinem Kopf wider, als wäre es das erste Mal, dass er ihn sich vorstellte. Sie war nicht unsterblich – nicht wirklich. Aber sie war unaufhaltsam. Keine gewöhnliche Waffe konnte sie töten, kein Dolch, kein Schwert, kein Gift. Denn wenn Leyla starb, starb an ihrer Stelle jemand, der ihr nahestand. Und genau deshalb brauchte Jamall eine Waffe, die diese Kraft umging. Das Schwert der Fünf Monde. Sein Blick wanderte zu Bournadette. Es war ein seltsamer Zufall, dass er gerade sie getroffen hatte. „Ich kenne dich“, sagte er schließlich. „Aber die Person, an der ich mich rächen will, ist mit gewöhnlichen Mitteln nicht zu töten.“ Er machte eine kurze Pause, bevor er die Worte aussprach, die alles verändern würden. „Es geht um deine Kollegin. Leyla.“ Bournadette setzte gerade an, um einen weiteren Schluck Rum zu trinken, doch bei seinem Satz verschluckte sie sich so heftig, dass sie husten musste. „Was…?“ Sie rang nach Luft und starrte ihn an. „Sag das noch mal.“ Jamall blieb ruhig. „Die Person, die ich töten will, ist Leyla.“ Für einen Moment war es, als hätte er ihre gesamte Welt zum Stillstand gebracht. Sie wirkte überrascht, doch dann, als würde ein dunkler Gedanke in ihrem Kopf Gestalt annehmen, zog sich ein breites, fast belustigtes Lächeln über ihr Gesicht. Dann lachte sie. Ein leises, aber spöttisches Lachen. „Leyla ist die Person, die ich töten will“, verkündete sie. Dann zog sie eine Augenbraue hoch. „Aber was redest du da? Warum sollte man sie nicht mit normalen Mitteln töten können?“ Diesmal war es Jamall, der sich verschluckte. Der Rum brannte in seiner Kehle, als er hustend den Kopf schüttelte. War das wirklich ein Zufall? „Also haben wir dasselbe Ziel…“ murmelte er, während er nachdenklich ins Meer blickte. Er kratzte sich am Kopf, als wollte er die Situation begreifen. „Nun, Leyla hat eine Fähigkeit. Wenn sie stirbt, stirbt stattdessen eine Person, die ihr nahe steht.“ Bournadette schwieg. Nicht, weil sie ungläubig wirkte, sondern weil sie nachdachte. Sie ließ seine Worte auf sich wirken, wog sie ab, analysierte sie. Dann sagte sie in einem Tonfall, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt: „Und was, wenn ich sie so oft töte, dass alle ihre Liebsten tot sind?“ Jamall zuckte nicht einmal mit der Wimper. „Dann könnte es sein, dass sie stirbt… oder dass eine zufällige Person an ihrer Stelle stirbt.“ Er seufzte. „Ich tippe auf Letzteres.“ Bournadette legte den Kopf schief, als würde sie überlegen, ob er die Wahrheit sagte oder ob er bloß ein Narr war, der zu viele Märchen gehört hatte. „Du hast vorhin gesagt, dass du in Heim nach einer Möglichkeit suchst, sie zu töten, richtig?“ Jamall nickte. „Ja. Es gibt eine Waffe, mit der ich sie endgültig auslöschen kann. Ich kann dir ihren Namen nicht verraten, aber ich weiß, dass sie existiert. Und ich weiß, dass ich sie finden werde. Vertrau mir.“ Bournadette musterte ihn lange. Dann schüttelte sie den Kopf und lachte erneut – diesmal fröhlicher, als hätte sie gerade die Pointe eines großartigen Witzes gehört. „So früh von Vertrauen zu sprechen“, murmelte sie, noch immer belustigt. Jamall zuckte mit den Schultern. „Ich könnte starke Hilfe gebrauchen. Und es scheint, du willst genau das Gleiche wie ich. Also, möchtest du mich begleiten?“ Kaum hatte er die Frage ausgesprochen, sprang Bournadette mit einer überraschenden Leichtigkeit auf die Beine. „Ja“, sagte sie sofort. Doch dann hob sie einen Finger und grinste herausfordernd. „Aber unter einer Bedingung.“ Jamall hob eine Augenbraue. „Welche?“ Bournadettes Lächeln wurde scharf, fast wie das einer Raubkatze, die sich endlich auf ihre Beute stürzen konnte. ,,Ich will dabei sein, wenn sie stirbt.’’
- Kapitel 105 - Kalt wie der Tod
Was wollte Selfmun Aragi von ihr? Wollte er sich nach dem Auftrag erkundigen? Immerhin war es sein Auftrag gewesen. Leyla hatte, schon seit sie das erste Mal von ihm erfahren hatte, den Verdacht, dass Aragi mehr war als nur ein loyaler Minister des Kaiserreichs. Seine Handlungen waren zu undurchsichtig, seine Interessen zu weitreichend. Wohlmöglich war er ein Verbündeter des Ordens der Goldenen Sonne? Vielleicht sogar ein Mitglied? Oder jemand, der mit Yaga in Verbindung stand? Sie schob die Theorien beiseite, während sie die breite Steintreppe hinaufstieg, die zum Ministerium führte. Das Gebäude lag im südlichen Teil der Kaiserstadt und war ein wahres Monument. Die Fassade bestand aus hellem, beinahe weißem Stein, kunstvoll verziert mit goldenen Gravuren. Die gewaltigen Kristallfenster reflektierten das Licht der untergehenden Sonne und tauchten die Straßen in ein weiches, gold-gelbes Leuchten. Leyla spürte einen leichten Schauer über ihren Rücken laufen. Das Gespräch mit Selfmun Aragi würde nicht angenehm werden. Aragi war jemand, vor dem sie auf der Hut sein musste. Sein Ruf als „Roter Teufel“ war nicht unbegründet – er war ein Meister der Manipulation, jemand, der seine Gegner in Gespräche verwickelte und sie erst viel zu spät merken ließ, dass sie bereits verloren hatten. Ein Blick zur Seite verriet ihr, dass das Ministerium trotz der späten Stunde noch voller Leben war. Männer und Frauen in prunkvollen Roben eilten durch die Gänge, mit Papieren beladen oder in hitzige Diskussionen vertieft. Die Verwaltung des Kaiserreichs ruhte nie, das wusste Leyla. Doch es war ihr egal, deshalb war sie nicht hier. Am Eingang erwartete sie bereits eine junge Frau, eine von Aragis Sekretärinnen, die sich mit einer makellosen Verbeugung vor ihr neigte. „Edle Miss Leyla, bitte folgt mir. Minister Aragi erwartet Euch bereits.“ Leyla nickte nur knapp und ließ sich durch die langen, von Fackeln erleuchteten Flure des Ministeriums führen. Während sie ging, wanderte ihr Blick über die kunstvoll gestalteten Wände. Fresken, die die Gründung des Kaiserreichs zeigten, prangten in prunkvoller Darstellung auf dem Marmor, während Statuen der alten Kaiser in den Nischen zwischen den Fluren standen. Es war ein Ort, der Macht ausstrahlte. Schließlich erreichten sie eine massive, mit goldenen Ornamenten verzierte Tür im obersten Stockwerk. Die Tür stand bereits einen Spalt offen. „Bitte wartet hier. Minister Aragi wird sich gleich zu Euch gesellen“, erklärte die junge Frau mit derselben höflichen, emotionslosen Stimme, mit der sie Leyla empfangen hatte. Leyla trat ein und ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Aragis Arbeitszimmer war luxuriös, aber nicht überladen. Eine dunkle Holzvertäfelung zog sich über die Wände, und in den Regalen standen kunstvoll gefertigte Figuren aus Granit, jede einzelne von atemberaubender Handwerkskunst. Die Möbel waren schlicht, aber elegant – schwere Bücherregale, ein mit Pergamenten bedeckter Schreibtisch und zwei bequeme Sessel vor dem Kamin, in dem ein schwaches Feuer flackerte. Sie setzte sich auf den Stuhl vor dem massiven Holztisch und lehnte sich zurück. Ihr Blick glitt über die Bücher und Dokumente, die in ordentlichen Stapeln auf dem Tisch lagen. Alles wirkte zu perfekt, zu präzise arrangiert. Als hätte Aragi gewollt, dass alles auf den ersten Blick eine Botschaft vermittelte: Hier saß jemand, der über Ordnung, Macht und Wissen verfügte. Leyla stützte ihr Kinn auf eine Hand und schnaubte leise. „Yang und Aragi an einem Tag. Ich bezweifle, dass es viele gibt, die dieses Glück hatten“ , dachte sie mit einer Mischung aus Ironie und Unmut. Für viele wäre es tatsächlich ein Privileg, am selben Tag sowohl mit der legendären Anführerin der Kopfgeldjäger, als auch mit dem mächtigen Kaiserlichen Minister des Reiches sprechen zu dürfen. Für Leyla war es jedoch vor allem anstrengend – eine lästige Pflicht, die sie lieber vermieden hätte. Doch bevor sie ihre Gedanken weiter vertiefen konnte, erklang eine kalte, durchdringende Stimme hinter ihr. ,,Schön, dass du wieder da bist.’’ Ein eisiger Schauer lief ihr über den Rücken. Die Tür war nicht zu hören gewesen, und doch stand er nun da – Selfmun Aragi, mit seinem ruhigen Lächeln und diesem unergründlichen Blick, der jedes Wort, das er sprach, gefährlich machte. - ------------------------------------------------------------------------- Selfmun Aragi bewegte sich mit der Ruhe eines Mannes, der die Zeit selbst in der Hand zu halten schien. Langsam und kontrolliert schritt er um den Tisch herum, bevor er sich in seinen Sessel sinken ließ. Der hohe, mit rotem Samt bezogene Stuhl wirkte beinahe wie ein Thron, und Aragi machte keinen Hehl daraus, dass er diesen Eindruck genoss. „Ich habe von deinem Auftrag in Welldyl gehört“, begann er schließlich, ein amüsiertes Lächeln auf den Lippen. „Beeindruckend. Nicht viele können von sich behaupten, dass sie im Alleingang eine halbe Stadt in Schutt und Asche gelegt haben.“ Sein Tonfall war leicht, fast beiläufig, doch Leyla erkannte die feine Nuance darin – ein Hauch von Spott, vielleicht auch von Respekt. Sie wusste nicht genau, wie sie auf ihn reagieren sollte. Sollte sie die gleiche Vertrautheit annehmen, die er ihr entgegenbrachte? Respekt zeigen? Oder ihn mit der gleichen Kälte behandeln, mit der er mit ihr sprach? Sie entschied sich für die sicherste Variante – Höflichkeit. Sie wollte ihn nicht zum Feind haben. „Minister, darf ich fragen, weshalb Ihr mich auf diesen Auftrag geschickt habt? Mein Ziel war bereits tot, als ich ankam.“ Aragi lehnte sich zurück, sein Lächeln wurde breiter. „Warum so förmlich, Leyla? Wir sind doch Freunde, oder nicht?“ Leyla hob eine Augenbraue. Sie erwiderte nichts, nickte nur knapp, während sie seine Züge genau beobachtete. „Aber um auf deine Frage zurückzukommen“, fuhr er fort, seine Finger spielten gedankenverloren mit einem goldenen Rubinring an seiner Hand. „Ich wusste nichts vom Orden der Goldenen Sonne. Ich wusste auch nicht, dass der Adlige bereits tot war. Ein unglücklicher Zufall, könnte man sagen. Aber wenn ich ehrlich bin…“ Er lehnte sich nach vorne, seine roten Augen funkelten. „Ich glaube nicht, dass ich mich entschuldigen muss. Schließlich hast du ja nicht gerade schlecht abgeschnitten, nicht wahr? Ich bin sicher, dass du aus dieser Erfahrung mehr mitgenommen hast als ich.“ Leyla spürte, dass er log. Nicht in allem, aber er hielt etwas zurück. Sie wusste nicht, wie tief seine Verstrickungen reichten, doch eines war sicher: Jedes seiner Worte war bewusst gewählt und diente dem Ziel, das er in diesem Gespräch verfolgte. Aragi setzte sich aufrecht hin, faltete seine Hände vor sich auf dem Tisch und musterte sie mit demselben unergründlichen Blick, den sie inzwischen nur zu gut kannte. „Ich habe gehört, dass du bald in den Krieg ziehst. Sag mir, freust du dich darauf?“ Leyla verengte ihre Augen. „Warum sollte ich mich auf einen Krieg freuen?“ Ein leises Lachen entkam Aragi, doch es war kein herzhaftes Lachen – es war eines, das von jemandem kam, der die Welt durch eine andere Linse sah. „Nun, weil der Krieg ein wunderbares Chaos mit sich bringt“, erklärte er, als würde er über das Wetter reden. „Und in einem Krieg… kann man Dinge tun, die sonst nicht möglich wären. Die Augen der Mächtigen sind auf die Fronten gerichtet, ihre Hände gebunden durch Schlachten und Politik. Wer also etwas verändern wollen würde, etwas, das gegen die bestehenden Strukturen ginge… der sollte genau diesen Moment nutzen.“ Leyla spürte, wie sich ihr Körper leicht anspannte. Er wusste etwas. Und nicht nur das – er sprach nicht nur von ihr, sondern auch von sich selbst. „Ach ja, wusstest du, dass dein elfischer Freund auf dem Weg nach Randurin ist?“ Leyla hielt abrupt inne. Ihr Herzschlag beschleunigte sich für einen Moment, doch sie zwang sich zur Ruhe. Liam? ,,Er plant, eine Rebellion zu starten’’, fuhr Aragi gelassen fort, während er ihre Reaktion aufmerksam musterte. „Falls du ihm begegnest… nun, das könnte eine unangenehme Situation werden, nicht wahr? Stell dir vor, du müsstest ihn aufhalten. Wie tragisch das wäre.“ Ein eisiges Zittern lief Leyla über den Rücken. Sie spürte, wie sich ihre Finger unbewusst zu einer Faust ballten. Warum tat Liam das? Warum reihte er sich in die Reihen der Rebellen ein? Sie hatte das Kaiserreich nie geliebt, sie hätte es sogar gern fallen sehen… aber etwas an dieser Nachricht beunruhigte sie. Aragi lehnte sich zurück, sichtlich amüsiert von ihrer Reaktion. Dann sprach er beiläufig weiter. „Übrigens, wenn du in Tripolis bist, solltest du die Kaifeng-Kampfschule besuchen.“ Leyla runzelte die Stirn. „Warum?“ „Oh, nur so eine Eingebung“, erwiderte Aragi mit einem wissenden Grinsen. „Vielleicht findest du dort etwas… Aufschlussreiches.’’ Sie presste die Lippen zusammen. Ob sie dorthin gehen würde oder nicht, entschied sie, wenn sie dort war. Im Moment hatte sie andere Sorgen. Eine Frage brannte ihr auf der Zunge, eine, die sie nicht länger zurückhalten konnte. ,,Wie stehst du zum Orden der Goldenen Sonne?’’ Aragi hielt inne, seine roten Augen blitzten auf. Dann stand er langsam auf und schritt zum Kamin, wo er einen Moment lang das flackernde Feuer betrachtete. „Sie interessieren mich nicht“, sagte er schließlich. „Sie waren nützlich… aber nicht mehr.“ Seine Stimme war so ruhig, dass Leyla einen Moment brauchte, um zu begreifen, was er gerade gesagt hatte. Er bedeutete ihr, zu ihm an den Kamin zu treten. Leyla trat an seine Seite, ihr Blick folgte seinen Händen, als er aus einem der Regale eine kunstvoll gearbeitete Steinfigur nahm. Es war eine Statue von Kaiser Verion III. „Weißt du“, begann Aragi langsam, während er die Statue betrachtete, „diese Figur war teuer. Sehr teuer. Sie strahlt Autorität aus, solange sie an ihrem Platz steht. Jeder, der diesen Raum betritt, sieht sie und weiß, dass sie bedeutend ist. Wenn das Zimmer gesäubert wird, achten alle darauf, sie nicht zu beschädigen. Sie ist ein Abbild des Kaisers, und allein deshalb wird sie mit Respekt behandelt.“ Er deutete mit einer Hand auf die anderen Figuren, die das Regal schmückten – Soldaten, Adlige, Bauern. „Diese hier? Sie bekommen nicht dieselbe Aufmerksamkeit. Sie gehen kaputt, wenn man sie zu grob bewegt, oder wenn jemand nicht aufpasst. Doch die Figur des Kaisers? Die behandelt man mit Vorsicht.“ Leyla beobachtete ihn misstrauisch. Was versuchte er ihr zu sagen? Dann, ohne Vorwarnung, ließ Aragi die Statue fallen. —KRACK— Die edel gearbeitete Figur des Kaisers zersplitterte in mehrere Stücke auf dem Boden. Aragi blickte gelassen auf das Trümmerfeld herab. „Aber am Ende des Tages… ist auch sie nur Stein. Eine Unachtsamkeit, ein Moment der Nachlässigkeit – und sie ist nichts weiter als Schutt.“ Er trat einen Schritt zurück, während die Flammen des Kamins tanzten und die Schatten an den Wänden verzerrten. „Und was einmal zerstört ist… bleibt zerstört.“ Leyla verstand. Er sprach nicht nur von der Statue. Und die Tatsache, dass er diese Worte so unverhohlen ihr, einer Kaiserlichen Kopfgeldjägerin, entgegenbrachte, zeigte ihr erneut, warum der rote Teufel so gefährlich war. - ------------------------------------------------------------------------- Was Selfmun Aragi da angedeutet hatte, war nichts Geringeres als Hochverrat. Leyla wusste, dass der Kaiser nahezu unantastbar war – sie hatte selbst nie viel für ihn übrig gehabt. Doch es war eine Sache, ihn im Stillen zu missachten, und eine ganz andere, offen Zweifel an seiner Herrschaft zu äußern. Erst recht in Gegenwart eines Kaiserlichen Kopfgeldjägers. Was, wenn Aragi sie testete? Was, wenn das alles eine Falle war? Sie traute ihm alles zu. Ihr Herz schlug schneller, aber sie zwang sich zur Ruhe. Sie würde nicht zulassen, dass er sie verunsicherte. Sie entschied sich für den Gegenangriff. Ohne ein Wort streckte Leyla ihre Hand aus, ihre Fingerspitzen berührten die kalten Scherben auf dem Boden. Ein leises Knistern durchzog die Luft, als sie ihre Magie freisetzte. Die Bruchstücke begannen zu zittern, hoben sich langsam in die Luft und setzten sich Stück für Stück wieder zusammen. Innerhalb weniger Sekunden stand die Figur von Kaiser Verion III. wieder unversehrt vor ihr, als wäre sie niemals gefallen. Sie hob sie auf, betrachtete sie kurz und reichte sie dann mit einem sanften, aber festen Lächeln an Aragi zurück. „Solange es Menschen gibt, die fähig sind, etwas wiederherzustellen, bevor es zu spät ist, muss man sich keine Sorgen machen“, sagte sie ruhig. Sie beobachtete ihn genau, versuchte in seinem Gesicht zu lesen. Doch er blieb gelassen, nahm die Statue entgegen und musterte sie interessiert. Dann passierte es. Ein eisiger Schauer lief Leyla über den Rücken. Ein plötzlicher Druck legte sich auf ihre Brust, so stark, dass ihr Atem für einen Moment stockte. —KRACK— Ohne Vorwarnung zerbarsten alle Figuren im Raum gleichzeitig. Ein Dutzend Statuen, darunter die, die sie eben erst wiederhergestellt hatte, wurden von einer unsichtbaren Kraft zu Staub zerschmettert. Der Laut hallte durch den Raum wie das Splittern von Glas, und im nächsten Moment war alles still. Leyla erstarrte. Ihr Blick huschte über die Trümmer, dann richtete sie ihn auf Aragi. Doch es war nicht er, den sie ansah. Hinter ihm war etwas. Die Luft hinter dem Minister flimmerte, als wäre dort eine unsichtbare Präsenz, eine Macht, die sich in den Raum ausdehnte, eiskalt und unfassbar tief. Es war, als würde etwas Uraltes, etwas Unheilvolles, eine andere Existenz auf sie herabblicken. Leyla kannte diese Aura. Sie hatte sie schon zweimal gespürt. Doch diesmal war sie stärker, deutlicher. Sie kroch ihr durch die Haut, bis in die Knochen, und sie spürte, dass nicht nur sie selbst von Furcht erfüllt war. Der Stein in ihr reagierte. Zum ersten Mal spürte sie, dass er Angst hatte. Sie sog scharf die Luft ein. Was… war das? Dann, so abrupt wie es gekommen war, verschwand es. Die Spannung wich aus der Luft, die Kälte löste sich auf. Als hätte nichts davon je existiert. Leyla blinzelte. Aragi stand noch immer da, völlig unbeeindruckt von dem, was gerade geschehen war. Sein Blick glitt langsam über den Raum, als würde er die Zerstörung mit kühler Neugierde betrachten. „Wie du siehst“, sagte er schließlich, sein Tonfall beinahe amüsiert, „kann es ein großes Problem werden, wenn man unüberlegt handelt. Eine einzige falsche Bewegung… und man reißt alles mit sich in den Abgrund.“ Leyla spürte, wie sich ihre Finger zu Fäusten ballten. Sie hatte schon vielen gefährlichen Menschen gegenübergestanden. Doch noch nie hatte sie sich so gefühlt wie jetzt. „Aber keine Sorge“, fuhr er fort, während sein Lächeln kein bisschen verblasste. „Die Statuen lassen sich ersetzen. Das ist nichts, worüber du dir Gedanken machen musst.“ Er machte eine abwinkende Geste, als wäre das alles nur ein kleiner Zwischenfall. Dann schritt er zur Tür, öffnete sie und rief hinaus: „Mardiva, begleite bitte die Edle Miss Leyla nach draußen.“ Leyla drehte sich langsam zu ihm um, ihre Gedanken noch immer bei dem, was sie eben gespürt hatte. Aragi lächelte sie an, wie ein Gastgeber, der sich von einem alten Freund verabschiedet. „Danke für das Gespräch, Leyla. Es war sehr aufschlussreich.“ Er trat näher, seine roten Augen funkelten amüsiert. „Lass uns bald wieder sprechen. Schließlich ist unsere Freundschaft eine sehr wertvolle… und wir beide sollten darauf achten, sie gut zu pflegen.“ - ------------------------------------------------------------------------- Auf dem Heimweg fühlte sich Leyla unruhig, aufgewühlt, als würde eine unsichtbare Last auf ihren Schultern liegen. Aragi war gefährlich, so viel war sicher. Doch es war nicht nur seine Intelligenz oder seine politische Macht, die sie beunruhigte – es war das, was hinter ihm lauerte. Eine Präsenz, die sie nicht begreifen konnte, eine Kälte, die selbst ihren Stein erzittern ließ. Er hatte unverhohlen auf den Tod des Kaisers angespielt, hatte mit seinen kryptischen Andeutungen einen düsteren Schatten auf die Zukunft geworfen. Und gleichzeitig hatte er ihr gedroht – subtil, aber unmissverständlich. Leyla spürte, wie sich ihre Fingernägel in ihre Handflächen bohrten. Sollte sie Yang davon erzählen? Ihr Instinkt sagte ihr, dass es die logischste Entscheidung wäre. Doch etwas in ihr sträubte sich dagegen. Die Macht, die hinter Aragi stand – was auch immer sie war – jagte ihr eine tiefere Angst ein, als sie es sich eingestehen wollte. „Ich sollte erst einmal nach seinen Regeln spielen“, murmelte sie leise und ballte die Fäuste. „Ich muss stärker werden. Ich muss mehr von den Runensteinen finden, bis niemand mich je wieder herumstoßen kann. Auch Leute wie Yang oder Aragi nicht.“ Es war eine bittere Erkenntnis. Egal, wie weit sie kam, egal, wie viele Kämpfe sie gewann, es gab immer eine noch größere Bedrohung. Immer eine noch höhere Macht, die sie in ihre Schranken wies. Immer eine Grenze, die sie nicht überschreiten konnte. War das ihre Bestimmung? Eine Spielfigur zu bleiben, egal wie stark sie wurde? Der Gedanke brachte Wut in ihr auf. Wut auf sich selbst, auf das System, auf die Welt. Nicht mit ihr. Sie beschleunigte ihren Schritt. Sie hatte keine Zeit zu verlieren. Wenn sie jemals wirklich frei sein wollte, dann durfte sie nicht stehen bleiben. Dann musste sie weiterkämpfen. Weiter wachsen. Weiter aufsteigen. Egal, welchen Preis es kostete.
- Kapitel 104 - Die Zeiger stehen auf Krieg
Leyla atmete tief ein, hielt den Atem für einen Moment an und ließ ihn dann langsam wieder entweichen, während ihr Blick über das düstere Hauptquartier der Kaiserlichen Kopfgeldjäger wanderte. Die gewaltige schwarze Villa, ein Monument aus Stein und Schatten, thronte über den umliegenden Straßen wie ein unheilvoller Wächter. In den Fenstern spiegelte sich das Licht der Sommersonne, doch selbst das konnte die Finsternis nicht vertreiben, die sich um dieses Gebäude rankte. Es war ein Ort, der von vielen gefürchtet und von wenigen verstanden wurde. Für Leyla war es allerdings etwas anderes. Es war ihr Zuhause. Die Reise in die Kaiserstadt war kurz gewesen, aber kaum hatte sie den Boden der Hauptstadt betreten, war ihr Schicksal bereits besiegelt. Ein Bote hatte ihr einen versiegelten Brief überreicht – eine Nachricht von Eroica, ihrer Dienerin. Nur eine einzige Zeile hatte darin gestanden: Yang will mit dir sprechen. Es geht um Welldyl. Welldyl. Der Name allein ließ ihr Herz schwerer schlagen. Sie hatte gewusst, dass ein solches Gespräch sie erwarten würde. Sie musste sich für die Zerstörung verantworten, die sie mit ihren eigenen Händen angerichtet hatte. Ein Drittel der Stadt lag in Trümmern, und unzählige Menschen hatten ihr Leben oder ihre Existenzgrundlage verloren. Doch nicht einmal jetzt, als sie auf der Schwelle dieses Gebäudes stand, empfand sie Reue. Nicht im klassischen Sinne. Sie wusste, dass ihre Macht Opfer forderte – und sie hatte sich damit abgefunden. Leylas Faust ballte sich, als sie die Macht in sich pulsieren spürte, warm und unaufhaltsam. Seit sie den Stein akzeptiert hatte, war sie nicht mehr dieselbe. Sie hatte ihre Kraft nicht nur angenommen, sondern ihr erlaubt, sie zu formen. Sie war ein Monster geworden – aber nicht irgendein Monster. Kein Wesen, das in den Schatten lauerte, um sich an Unschuldigen zu nähren. Nein, sie war ein Monster mit einem Ziel. Und wenn dieses Ziel Opfer verlangte, dann sollte es so sein. Denn am Ende zählte nicht, wie viele Menschen auf dem Weg starben. Am Ende zählte nur, dass sie es erreichte. Und doch… trotz all ihrer neuen Fähigkeiten wusste sie, dass sie hier nicht diejenige war, die über Stärke entschied. Nicht in diesem Moment. In dieser Villa befand sich eine Frau, die weit über ihr stand. Eine Frau, die eine lebende Legende war. Yang, die Anführerin der Kaiserlichen Kopfgeldjäger. Diejenige, die Armeen ausgelöscht, Städte vernichtet und die stärksten Krieger dieser Welt besiegt hatte. Leyla war stärker geworden, das wusste sie. Aber sie wusste auch, dass sie nicht auf Yangs Ebene stand. Vielleicht würde sie das auch niemals tun. Mit einem letzten tiefen Atemzug legte sie die Hand auf die schwere Tür und drückte sie auf. Der gewaltige Flügel schwang lautlos auf, als hätte das Gebäude ihre Ankunft bereits erwartet. Ein vertrauter Geruch schlug ihr entgegen – altes Holz, Metall, Rauch. Das Licht der gewaltigen Kronleuchter warf lange, verzerrte Schatten an die Wände. Leyla trat über die Schwelle, die Tür fiel hinter ihr krachend ins Schloss. -------------------------------------------------------------------------- Leyla blieb ruckartig stehen. Da war sie. Yang. Leyla spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog, während sie den starren Blick ihrer Anführerin erwiderte. Diese Frau, die so viel Macht ausstrahlte, dass sie beinahe greifbar war, stand entspannt vor ihr, als wäre dies ein gewöhnliches Gespräch. Doch das war es nicht. Heute ging es nicht um irgendeine Mission oder einen simplen Auftrag – heute musste sich Leyla für die Zerstörung von Welldyl verantworten. Yang lächelte kaum merklich, eine Geste, die weder Wärme noch Kälte ausstrahlte, sondern nur eine undurchdringliche Ruhe. Sie bedeutete Leyla mit einer kleinen Handbewegung, ihr zu folgen. Wortlos gehorchte Leyla und merkte erst nach einigen Schritten, dass es ungewöhnlich still war. Sonst wurde sie bei ihrer Rückkehr immer von Nea begrüßt, die mit ihrer üblichen Energie auf sie zugestürmt kam. Doch heute? Nichts. Die Flure waren leer, kein Geräusch störte die Stille, und es fühlte sich an, als würde das gesamte Hauptquartier den Atem anhalten. Sie folgte Yang die Treppen hinauf, bis sie ihr Quartier erreichten. Als sie eintraten, fiel Leylas Blick auf die beinahe unheimliche Kargheit des Raumes. Kein Schmuck, kein Zeichen von Komfort. Kein Bett. Nur ein einzelner Tisch in der Mitte, zwei Sessel auf gegenüberliegenden Seiten und ein Wandschrank, in dem Yang ein paar persönliche Gegenstände aufbewahrte. Leyla fragte sich, ob ihre Anführerin überhaupt schlief. Oder ob sie, wie es die Gerüchte besagten, weit über solche Bedürfnisse hinausgewachsen war. „Setz dich“, sagte Yang ruhig. Es war keine Bitte. Es war kein Befehl. Es war einfach eine Aussage. Leyla gehorchte und nahm auf dem harten Sessel Platz. Yang ging ohne Eile zu ihrem Wandschrank, holte eine dunkle Weinkaraffe und zwei Gläser hervor. Ohne zu zögern füllte sie beide bis zum Rand und stellte eines vor Leyla ab. Dann nahm sie einen langsamen Schluck, bevor sie mit ihren dunklen Augen auf Leyla herabblickte. Leyla folgte ihrem Beispiel und kostete den Wein. Er war reichhaltig, mit einer sanften Süße, die sich auf ihrer Zunge ausbreitete. „Berichte mir von deinem Auftrag in Welldyl“, sagte Yang schließlich. Ihre Stimme war ruhig, frei von jeglicher Emotion. Leyla atmete tief ein. Sie musste vorsichtig sein, was sie sagte. Dennoch entschied sie sich, bei der Wahrheit zu bleiben – zumindest bei einem Teil davon. „Als ich in Welldyl ankam, wurde ich direkt von Leonhardt, dem zweiten Anführer des Ordens der Goldenen Sonne, angegriffen. Er war aggressiv, als würde er mich aus tiefstem Herzen töten wollen. Ich wehrte mich, und dabei ist die Taverne eingestürzt.“ Sie beobachtete Yangs Reaktion genau. Doch in deren Augen lag weder Zorn noch Verurteilung. Nur ruhige, ungeteilte Aufmerksamkeit. „Wir haben gekämpft. Er war stärker, als ich es erwartet hatte, und er hatte sich mit einer schwarzen Flüssigkeit aus einer goldenen Phiole verstärkt. Ich weiß nicht genau, was es war, aber es machte ihn… anders. Mächtiger. Schneller. Um ihn zu besiegen, musste ich meine Magie einsetzen – und das hat Welldyl zu einem großen Teil zerstört. Es tut mir leid.“ Es war nur eine Formalität, das wusste sie. Sie empfand nun keine echte Reue mehr, sie hatte sie wie den Hafen begraben. Yang schüttelte langsam den Kopf. „Es war die richtige Entscheidung. Erzähl weiter.“ Leyla versteckte ihre Überraschung, aber in ihrem Inneren rumorte es. Keine Strafe? Kein Vorwurf? Sie hatte ein Drittel einer Stadt in Schutt und Asche gelegt. War das wirklich so bedeutungslos für Yang? Sie sammelte sich und sprach weiter: „Nachdem ich Leonhardt besiegt hatte, bin ich zum Anwesen meines Ziels gereist. Doch als ich dort ankam, war er bereits tot. Yaga war dort, aber wir konnten nicht viel miteinander sprechen.“ Sie ließ absichtlich die Visionen aus, Finns Worte, das Mädchen in den Erinnerungen und den Stein. Das gehörte niemandem außer ihr selbst. Yang nickte nachdenklich und füllte sich ein weiteres Glas ein. Das sanfte Plätschern des Weins war das einzige Geräusch in dem sonst stillen Raum. Dann lehnte sie sich leicht zurück. „Gut. Dann weiß ich Bescheid.“ Sie ließ ihre Finger leicht über den Rand des Glases gleiten. „Der Kaiser hat entschieden, den Orden der Goldenen Sonne als Landesverräter einstufen zu lassen. Sie werden in den kommenden Wochen gejagt und ausgerottet.“ Das überraschte Leyla nicht. Es war nur logisch, dass das Kaiserreich die Gelegenheit nutzte, um eine unkontrollierbare Fraktion aus dem Weg zu räumen. Doch was Yang als Nächstes sagte, ließ sie kurz erstarren. „Was den Hafen in Welldyl betrifft – wir werden es so darstellen, als hätten Terroristen von den Tabakinseln die Stadt angegriffen.“ Leyla runzelte die Stirn. Das ergab keinen Sinn. Wieso die Tabakinseln? Wieso eine Lüge? Sie öffnete den Mund, doch Yang kam ihr zuvor. „Der Kaiser plant schon lange, die reichen Tabakinseln in das Reich einzugliedern. Dank dir haben wir nun eine perfekte Rechtfertigung. Die Menschen brauchen einen Feind, Leyla. Und wenn es einen gibt, dann werden sie kämpfen wollen. Du wirst keine Konsequenzen für Welldyl tragen müssen.“ Leyla spürte eine kalte Welle durch ihren Körper rauschen. War sie also für einen Krieg verantwortlich? Nein. Der Kaiser hätte es so oder so getan. Ihre Magie war nur ein Mittel gewesen, um den Plan schneller umzusetzen. Sie war nicht die Ursache. „Danke—“ begann sie, doch Yang unterbrach sie mit einem knappen Handzeichen. „Als Gegenleistung wirst du die Streitkräfte unterstützen. Du wirst alleine, vor der offiziellen Kriegserklärung, nach Tripolis reisen. Dort hast du zwei Aufgaben: Erstens eliminierst du die Großmagi des Magieturms. Sie sind mächtig, doch ohne sie ist das größte Hindernis beseitigt. Zweitens zwingst du den Rat der Händler zur Kapitulation. Letzteres erst, sobald die ersten Seeschlachten geschlagen und die nördlichen Inseln erobert wurden.“ Leyla schluckte. Sich an einem Krieg zu beteiligen, war etwas, das gegen alles ging, woran sie glaubte. Doch sie konnte diesen Auftrag nicht ablehnen. Und tief in ihrem Inneren wusste sie, dass sie ohnehin nach Tripolis musste – nach Mylrie, um den nächsten Runenstein zu finden. „Verstanden“, sagte sie mit fester Stimme. „Wann soll ich aufbrechen?“ „In drei Tagen. Jemand wird dich abholen. Bereite dich vor.“ Yang machte eine abweisende Geste. Das Gespräch war beendet. Leyla nickte, stand auf und verließ das Zimmer. Sie konnte das Ziehen in ihrer Brust nicht ignorieren – eine Mischung aus Unruhe und einer dunklen Vorahnung. Sie ging zu ihrem Wohnbereich, ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen und atmete tief durch. Drei Tage. -------------------------------------------------------------------------- „Willkommen zurück, Leyla. Ich freue mich sehr, Euch zu sehen. Wie lief das Gespräch mit Yang?“ Eroicas sanfte Stimme erfüllte das behagliche Wohnzimmer, während der Duft von frischem Essen den Raum erfüllte. Auf dem massiven Holztisch dampfte eine großzügige Mahlzeit, deren Anblick Leyla erst jetzt bewusst wahrnahm. Die Öllampe an der Wand tauchte das Zimmer in ein warmes, goldenes Licht. Leyla ließ sich mit einem erschöpften Seufzen in einen der weichen Sessel fallen. Ihre Muskeln fühlten sich schwer an, als hätte die Reise nach Hause ihr mehr Kraft geraubt, als sie erwartet hatte. Doch es war nicht die Reise allein – es waren vor allem die Worte, die in ihrem Kopf widerhallten, die Entscheidungen, die sie getroffen hatte, und die Verantwortung, die ihr auferlegt worden war. Ohne ein weiteres Wort griff sie zu dem dampfenden Teller vor sich und begann zu essen. Die ersten Bissen waren heiß und würzig, und für einen kurzen Moment ließ sie sich einfach vom Geschmack ablenken. Doch die Realität würde sich nicht ewig verdrängen lassen. Nach einigen Momenten hob sie den Blick zu Eroica. „Ich werde keine Probleme wegen dem Vorfall in Welldyl bekommen“, sagte sie schließlich, ihre Stimme ruhig, aber mit einem Hauch von Müdigkeit. „Ich nehme an, du hast bereits davon gehört?“ Eroica setzte sich ihr gegenüber und nickte leicht. „Ja, die Nachricht hat sich unter den Kopfgeldjägern schnell verbreitet. Ich bin erleichtert, dass Ihr nicht belangt werdet.“ Sie musterte Leyla aufmerksam. „Und? Was plant Ihr als Nächstes?“ Leyla lehnte sich in ihrem Sessel zurück, ließ die Gabel auf dem Teller ruhen und fuhr sich durch das Haar. „Ich werde nach Tripolis reisen“, antwortete sie langsam. „Das Kaiserreich wird die Tabakinseln angreifen, und es ist meine Aufgabe, den Feldzug zu unterstützen.“ Eroica blinzelte kurz überrascht, bevor sie sich wieder gefasst zeigte. Sie war eine kluge Frau, sie wusste, dass Leyla sich nicht freiwillig an einem Krieg beteiligen würde. Doch sie stellte keine Fragen. Nicht jetzt. Leyla blickte nachdenklich zur Wanduhr, deren Zeiger sich in gleichmäßigem Rhythmus bewegten. —Tick— —Tick— —Tick— Das stetige Geräusch erfüllte den Raum, wie das unausweichliche Fortschreiten der Zeit, das sich nicht aufhalten ließ. Eroica erhob sich lautlos von ihrem Platz, ging um den Tisch herum und legte Leyla beruhigend eine Hand auf die Schulter. „Ihr müsst das nicht alleine durchstehen“, sagte sie sanft. „Wenn Ihr reden wollt, sagt einfach Bescheid.“ Leyla zögerte kurz, dann nickte sie. „Danke“, murmelte sie leise. Sie beendete ihr Mahl in Ruhe, nachdenkend. Als der Teller leer war, stellte sie ihn vorsichtig ab und richtete ihren Blick auf Eroica. „Hast du etwas über die Steine herausgefunden?“ fragte sie schließlich. Ein feines Lächeln huschte über Eroicas Lippen, ein Hauch von Stolz in ihrem Ausdruck. „Ja, tatsächlich“, sagte sie mit unterdrückter Begeisterung. „Ich habe Hinweise auf einen der Steine gefunden – genauer gesagt, auf denjenigen, der seinem Träger die Macht verleiht, Monster und Tiere zu beherrschen.“ Leylas Augen weiteten sich leicht. Das war eine wertvolle Information. Eine Fähigkeit wie diese könnte in einer Vielzahl von Situationen nützlich sein. Vielleicht war er nicht so mächtig wie ihr eigener Stein, aber dennoch eine enorme Hilfe. „Wo befindet er sich?“ fragte sie sofort. „Laut den Aufzeichnungen eines alten Forschers soll er sich in Jidar befinden“, erklärte Eroica. „Der Stadt der Sectododen.“ Leyla runzelte die Stirn. Der Name Jidar sagte ihr nichts. Eroica lachte leise. „Ich nehme an, Ihr habt noch nie von ihr gehört. Jidar liegt tief im Denja-Dschungel. Ich wünschte, ich könnte Euch genau sagen, wo, aber die Karten, die ich gefunden habe, sind widersprüchlich. Die Sectododen sind ein rätselhaftes und verschlossenes Volk, das nur wenig Kontakt zur Außenwelt hat.“ Leyla nickte nachdenklich. Der Denja-Dschungel… Es war nicht das Ziel, das sie momentan im Blick hatte, doch vielleicht würde es später eine Gelegenheit geben, dort hinzureisen. „Danke, das ist trotzdem eine große Hilfe“, sagte sie aufrichtig. Dann richtete sie sich etwas auf und fuhr fort: „Ich brauche noch weitere Informationen. Die nächsten Tage wirst du alles über die Tabakinseln, Tripolis und Mylrie für mich zusammentragen. Ich habe Hinweise darauf, dass sich dort ein weiterer Stein befindet.“ Eroica nickte. ,,Natürlich, wie Ihr wünscht, Leyla.’’ Leyla lehnte sich zurück, während ihre Gedanken sich neu ordneten. „Im Denja-Dschungel also“, murmelte sie leise. „Vielleicht könnte Bunj mitkommen…“ Eroica erhob sich und nahm den leeren Teller, bereit, ihn in die Küche zu bringen. Doch als sie durch die Tür hinaus trat, hielt sie inne und wandte sich noch einmal um. ,,Ach ja, Leyla?’’ Leyla hob eine Augenbraue. „Ja? Was gibt es noch, Eroica?“ Eroica wirkte für einen Moment nachdenklich, bevor sie mit ruhiger Stimme sprach. ,,Selfmun Aragi möchte Euch sehen. Er meinte es sei dringend.’’
- Kapitel 103 - Die Festungsstadt im Eis
Liam ritt auf Himmel, dem treuen Pferd, das einst Leyla gehört hatte, während die Festungsmauern Randurins langsam am Horizont auftauchten. Das eisige Blau des Wassers, das die Insel umgab, funkelte im schwachen Sonnenlicht, und die dunklen Steinmauern der Stadt ragten wie ein uneinnehmbares Bollwerk aus der Mitte der Bucht hervor. Randurin war keine gewöhnliche Stadt – sie war eine uneinnehmbare Festung, eine Bastion aus Stein und Magie, die über Jahrhunderte hinweg den Stürmen der Kriege getrotzt hatte. Der strategische Vorteil der Stadt war offensichtlich: Die Insel lag inmitten der kalten Nordgewässer des gleichnamigen Herzogtums, umschlossen von tückischen Strömungen, die das Durchqueren für Schiffe ohne erfahrene Lotsen zu einem tödlichen Unterfangen machten. Die hohen, unüberwindbaren Mauern, die aus massivem, magieverstärktem Stein bestanden, machten eine Belagerung nahezu aussichtslos. Selbst wenn ein Heer es irgendwie schaffen sollte, die Gewässer zu überqueren, würde es an den Mauern zerschellen wie eine Welle an einer Klippe. Natürlich gab es Krieger, die Mauern und Wasser nicht als Hindernis betrachteten – außergewöhnliche Kämpfer mit einzigartigen Fähigkeiten, die sich durch Magie oder übermenschliche Kraft in eine Ein-Mann-Armee verwandeln konnten. Doch selbst unter den Kaiserlichen Kopfgeldjägern gab es nur eine Person, die Randurin mit bloßer Stärke hätte einnehmen können: Yang. Alle anderen – selbst jene mit beeindruckenden Fähigkeiten – würden an der verborgenen Waffe der Stadt scheitern. Die Boz. Liam kannte die Wahrheit über Randurins größtes Geheimnis. Die Boz war kein gewöhnliches Artefakt – sie war eine Waffe, eine gewaltige, unterschätzte Macht, die in der Herzogsburg aufbewahrt wurde. Ein Gerät, das es demjenigen, der es kontrollierte, ermöglichte, die Körpertemperatur jedes Lebewesens innerhalb der Mauern nach Belieben zu beeinflussen. Eine grausame und absolute Verteidigungsmaßnahme. Eine Armee konnte noch so groß sein – wenn ihre Soldaten von innen heraus erfroren oder in der Hitze verbrannten, war der Kampf vorbei, bevor er begonnen hatte. Die meisten Bewohner der Stadt wussten nichts von der Boz. Sie war ein Geheimnis, gehütet von der herrschenden Familie und wenigen Eingeweihten. Doch Liam wusste davon. Prinzessin Nara hatte ihm davon erzählt, und er verstand sofort, dass die Waffe seine oberste Priorität sein musste. Ohne die Kontrolle über die Boz war seine Mission zum Scheitern verurteilt. Doch das war nicht das einzige Hindernis. Liam wusste, dass es drei entscheidende Punkte gab, die er sicherstellen musste, wenn er Randurin erobern wollte: Zuerst die Boz. Ohne sie war jeder Versuch, die Stadt zu kontrollieren, aussichtslos. Es spielte keine Rolle, wie geschickt er vorging – wenn der Herzog oder jemand anderes die Boz aktivieren konnte, war alles vorbei. Dann war da der Herzog selbst, Will de Randurin. Ein Mann, der trotz seines Titels keine große Unterstützung im Volk hatte. Er war ein glühender Anhänger des Kamerismus, der in Randurin auf Ablehnung stieß. Sein Tod, oder seine Gefangennahme, war entscheidend – nicht nur, weil er als Anführer der Stadtwache die Verteidigung koordinieren konnte, sondern auch, weil sein Fall die Bevölkerung spalten würde. Ohne ihn gab es niemanden mit ausreichend Einfluss, um den Widerstand effektiv zu organisieren. Und schließlich war da Jasmin. Das Schwert des Kamerismus. Sie konnte die Kräfte Kameras im Kampf nutzen und war eine wandelnde Katastrophe auf dem Schlachtfeld. Solange sie lebte, war kein Sieg sicher. Ihre Eliminierung war ebenso wichtig wie die Kontrolle über die Boz und die Beseitigung des Herzogs. Ein Frontalangriff war ausgeschlossen. Randurin war dafür gebaut, Belagerungen standzuhalten – ein Angriff von außen wäre Wahnsinn. Doch Liam wusste, dass es nicht nötig war, die Stadt mit Gewalt zu stürmen. Die Tore waren geöffnet. Händler, Reisende und Adelige kamen und gingen jeden Tag. Und Liam und seine Truppe würden sich genau diese Gelegenheit zunutze machen. Er ritt an die Spitze seiner Gruppe, hielt den Hengst an und drehte sich zu seinen Leuten um. Der Wind zerrte an seinem Mantel, während er in die entschlossenen Gesichter seiner elf Kameraden blickte. „Lasst uns noch einmal kurz anhalten und den Plan durchgehen“, rief er mit fester Stimme. Es gab keinen Raum für Fehler. Es gab keine zweite Chance. Wenn sie scheiterten, war es vorbei – doch wenn sie Erfolg hatten, würde Randurin fallen. -------------------------------------------------------------------------- Liam ließ seinen Blick über die Gruppe schweifen, während er in die Gesichter der elf Rebellen blickte, die mit ihm Randurin einnehmen würden. Jeder Einzelne von ihnen hatte seine eigene Geschichte, seine eigenen Gründe, warum er oder sie sich dieser Mission angeschlossen hatte. Doch in diesem Moment gab es keine Zweifel, keine Ängste – nur Entschlossenheit. „Wir teilen uns in drei Gruppen auf“, begann er mit fester Stimme. Sein Ton ließ keinen Widerspruch zu, seine Haltung strahlte absolute Kontrolle aus. „Jede Gruppe hat eine spezifische Aufgabe. Wir werden die Stadt getrennt betreten und uns erst nach der Eroberung wieder zusammenfinden.“ Er deutete auf zwei seiner Gefährten. „Die erste Gruppe wird sich um die Boz kümmern. Locart, Nidhogg – ihr werdet mit mir zusammenarbeiten, um die Waffe unter unsere Kontrolle zu bringen. Ohne sie haben wir keine Chance.“ Locart nickte knapp, seine Gesichtszüge blieben wie immer regungslos. Nidhogg hingegen sprang auf, seine Augen funkelten voller fanatischer Vorfreude. „Ich werde jeden niederbrennen, der sich mir in den Weg stellt!“ rief er voller Begeisterung. „Und danach ist der Engelstempel dran!“ Liam ignorierte den Kommentar. Es war keine Überraschung, dass Nidhogg bereits Pläne schmiedete, um seinen eigenen Hass auszuleben. Doch vorerst würde er sich an die Befehle halten – dessen war sich Liam sicher. Sein Blick wanderte weiter, fiel auf die vier Halbriesen und auf Claurian, die mächtigste Kämpferin in seiner Einheit. „Eure Aufgabe ist es, Jasmin zu eliminieren“, erklärte er knapp. „Sie ist der Schlüssel zur Verteidigung der Stadt. Solange sie lebt, wird Randurin nicht fallen.“ Er trat näher an die Halbriesen heran, seine Stimme wurde kühler. „Euer Auftrag ist absolut. Wenn es notwendig ist, werdet ihr euer Leben geben, damit Claurian den Sieg erringen kann.“ Die vier Halbriesen brachen in wilde, kehlige Jubelschreie aus, ihre Augen funkelten in unbändiger Kampfeslust. Liam wusste, dass sie sich nach einem ehrenvollen Tod im Kampf sehnten – und sollte es dazu kommen, dann würden sie diesen mit offenen Armen empfangen. Zum Schluss richtete er seinen Blick auf die letzten vier seiner Gruppe. „Ralf“, sprach er mit leiserem, aber nicht weniger bestimmtem Ton, „du hast die Verantwortung für die dritte Gruppe. Der Herzog und seine Frau müssen beseitigt werden. Ohne sie gibt es niemanden, der die Stadt zusammenhalten kann.“ Er trat an Ralf heran und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Setze Kroll und Gnosch so ein, wie du es für richtig hältst. Ich vertraue darauf, dass du diesen Auftrag ohne Fehler ausführst.“ Sein Blick wanderte zu Jakira, der Schattenläuferin, die im Schatten der Gruppe stand, mit verschränkten Armen und einem nachdenklichen Gesichtsausdruck. „Jakira, dein Auftrag ist entscheidend“, sagte er mit ernster Stimme. „Du bist der Schlüssel, um den Herzog auszuschalten. Doch setze dich keinem unnötigen Risiko aus. Gegen die gepanzerten Stadtwachen solltest du nur kämpfen, wenn es absolut notwendig ist.“ Erneut wandte er sich an Ralf. „Ich überlasse sie deiner Verantwortung. Stelle sicher, dass sie nicht verletzt wird.“ Ralf nickte, sein Gesicht zeigte keinerlei Zweifel. „Verstanden, Boss. Ich werde den Auftrag erledigen. Du kannst dich auf mich verlassen.“ Liam musterte ihn einen Moment lang, dann trat er einen Schritt zurück und schwang sich mit einer flüssigen Bewegung auf den Rücken Himmels. „Heute Nacht werden wir in Bodor übernachten“, erklärte er, während er in Richtung des kleinen Dorfes vor der Brücke deutete, die nach Randurin führte. „Morgen früh beginnt die Teilung. Bereitet euch vor – ab morgen gibt es kein Zurück mehr.“ Mit diesen Worten ritt er los, seine Männer folgten ihm schweigend. Das nächste Mal, wenn sie zusammenkamen, würde Randurin gefallen sein – oder sie alle wären tot. -------------------------------------------------------------------------- Liam ließ sich mit einem tiefen Seufzen auf das Bett sinken, die Matratze gab leicht unter seinem Gewicht nach. Seine Hände ruhten auf seinem Bauch und seine Finger trommelten unruhig auf den Stoff seiner Kleidung. Sein Bein wippte rastlos, als würde es die Unruhe in seinem Inneren nach außen tragen. Sein Kopf fühlte sich schwer an, vollgestopft mit Gedanken, die sich wie eine Spirale drehten, immer wieder dieselben Fragen stellend. Was, wenn sie scheiterten? Was, wenn die Stadt besser vorbereitet war, als sie dachten? Was, wenn es noch eine unbekannte Variable gab, die all ihre Pläne zunichtemachen konnte? Er schloss die Augen, versuchte, seine Gedanken zur Ruhe zu bringen – doch es gelang ihm nicht. —KLOPF— Das leise Geräusch ließ ihn aufblicken, riss ihn aus dem Strudel seiner Überlegungen. „Herein“, sagte er, seine Stimme klang rauer, als er es erwartet hatte. Vielleicht, weil er den ganzen Tag über nicht wirklich entspannt hatte. Die Tür öffnete sich leise, und zu seiner Überraschung war es nicht Ralf der hereinkam. Es war Jakira. Sie trug ein schlichtes schwarzes Nachtgewand, das bei jeder Bewegung sanft über ihre Haut strich, ihre schlanke Silhouette betonte. Ihr langes, dunkles Haar fiel locker über ihre Schultern, und in ihren dunklen Augen glitzerte ein Hauch von Wärme. „Du bist nervös, oder?“ fragte sie leise, während sie sich ihm näherte. Liam blinzelte, für einen Moment verwirrt von ihrer unerwarteten Anwesenheit. „Hat man mir das so stark angemerkt?“ fragte er mit einem schiefen Lächeln, das seine innere Unruhe zu überspielen versuchte. Jakira ließ sich ohne weiteres Zögern auf dem Bett neben ihm nieder, und legte eine Hand auf sein Knie. „Die anderen haben es nicht bemerkt“, sagte sie ruhig, ihre Finger zeichneten kleine Kreise auf den Stoff seiner Hose. „Aber ich schon. Ich beobachte dich genau, Liam.“ Seine Kehle fühlte sich plötzlich trocken an. Ihre Nähe war ungewohnt, doch nicht unangenehm. Er wusste nicht genau, worauf sie hinauswollte, also lenkte er das Gespräch in eine andere Richtung. „Und du? Bist du nicht nervös? Morgen ist ein wichtiger Tag.“ Sie lachte leise, doch es war kein fröhliches Lachen. Mehr ein leises Echo einer längst begrabenen Emotion. „Nein. Ich bin nicht nervös“, sagte sie und zuckte kaum merklich mit den Schultern. „Solange ich eine Aufgabe habe, solange ich gebraucht werde – bin ich glücklich.“ Liam runzelte die Stirn. Ihre Worte klangen seltsam, fast… leer. Er spürte, dass da etwas Tieferes dahintersteckte, doch er wusste auch, dass Jakira eine Mauer um sich errichtet hatte. Eine, die er nicht einfach durchbrechen konnte. Doch bevor er weiter darüber nachdenken konnte, bewegte sie sich plötzlich – geschmeidig, fast wie eine Raubkatze. Mit einer fließenden Bewegung schwang sie sich über ihn, setzte sich auf seinen Schoß, ihre Knie links und rechts von seinen Hüften. Liam erstarrte für einen Moment, sein Atem stockte, als sie sich ihm näherte. Er öffnete den Mund, wollte etwas sagen, doch Jakira legte ihm einen Finger auf die Lippen. „Nicht jetzt“, flüsterte sie. Ihre Stimme war sanft, aber bestimmt. Eine Mischung aus Verführung und Ernsthaftigkeit. Ihre Augen musterten ihn mit einer Intensität, die ihn für einen Moment vollkommen gefangen nahm. „Ich habe doch gesagt… wenn ich gebraucht werde, bin ich glücklich“, murmelte sie, während sie sich weiter zu ihm beugte, ihre Lippen nur noch einen Hauch von seinen entfernt. „Und du brauchst mich heute, Liam. Du brauchst Ruhe.“ Er wollte widersprechen, wollte sagen, dass das hier vielleicht keine gute Idee war. Doch dann spürte er, wie sie sanft ihre Lippen auf seine legte. Es war ein ruhiger, warmer Kuss – kein überstürztes, gieriges Verlangen, sondern eine bewusste Geste. Eine, die ihn aus seinem Strudel der Gedanken riss. Ihre Hände glitten über seine Schultern, ihre Bewegungen waren langsam, fast zärtlich. Und dann begann sie, sich von ihm zu lösen, zog den leichten Stoff ihres Nachtgewandes über ihre Schultern hinweg, ließ ihn sanft zu Boden gleiten. Liam konnte nicht anders, als die Narben auf ihrer Haut zu bemerken. Lange, dünne Linien, Erinnerungen an Kämpfe, an Wunden, die verheilt waren – aber deren Geschichte noch immer in ihr lebte. Er wollte etwas sagen, doch sie ließ ihm keine Gelegenheit dazu. Ihre Lippen fanden erneut seine, und in diesem Moment ließ er endlich los. Der Druck, die Angst, die Ungewissheit – all das verblasste. Für diesen einen Moment gab es keine Stadt, die er einnehmen musste. Kein Kaiserreich, das gegen ihn war. Keine tödlichen Feinde. Es gab nur Jakira. Und er entschied sich, diesen Moment zu genießen. Vielleicht war es der letzte dieser Art. -------------------------------------------------------------------------- Liam erwachte langsam, das fahle Morgenlicht drang durch die dünnen Vorhänge des Gasthauses und tauchte das Zimmer in ein sanftes, gedämpftes Leuchten. Einen Moment lang lag er still, genoss die Ruhe, die nur durch das sanfte Atmen neben ihm unterbrochen wurde. Dann spürte er die Wärme an seiner Seite, das Gewicht eines schlanken Körpers, der sich im Schlaf an ihn geschmiegt hatte. Jakira. Ein müdes, aber ehrliches Lächeln huschte über sein Gesicht. Die Nacht war… schön gewesen. Nicht nur wegen der Leidenschaft, sondern wegen der Ruhe, die sie ihm geschenkt hatte. Eine Ruhe, die er seit Langem nicht mehr gekannt hatte. Er hob eine Hand und strich ihr sanft über die Wange. Ihre Haut war warm unter seinen Fingerspitzen, weich, trotz der Narben, die sich über ihren Körper zogen – stumme Zeugen eines Lebens voller Kämpfe. Doch dann stieg eine andere Erinnerung in ihm auf. Ein anderes Gesicht. Leyla. Für einen Moment spannte sich sein Kiefer an, und sein Blick trübte sich. War es richtig, was er tat? War es richtig, sich auf Jakira einzulassen, während ein Teil von ihm noch immer an jemand anderes dachte? Doch er kannte die Antwort bereits. Leyla war fort. Sie ging ihren eigenen Weg, so wie er seinen ging. Sie war nicht mehr seine, und er hatte kein Recht, an ihr festzuhalten. Aber das bedeutete nicht, dass sie ihm nichts mehr bedeutete. Liam atmete tief durch, verdrängte die Gedanken. Leyla war ihm noch immer wichtig, aber nicht mehr auf dieselbe Weise. Nicht mehr als die Frau, die er einmal geliebt hatte, sondern als jemand, den er unterstützen wollte. Nicht nur sie, sondern all jene, die unter dem gegenwärtigen System litten. Für sie alle wollte er eine Welt erschaffen, in der sie frei sein konnten – eine Welt, in der sie nicht durch Macht, Blut oder Herkunft definiert wurden. Ein leises Murmeln riss ihn aus seinen Gedanken. „Guten Morgen, Liam…“ Jakira blinzelte schläfrig zu ihm auf, ihre Stimme rau vom Schlaf. Ein schwaches Lächeln umspielte ihre Lippen, doch in ihrem Blick lag dieselbe Frage, die er in ihren Augen immer sah. „Ich hoffe… ich war nützlich.“ Liam öffnete den Mund, wollte etwas sagen. Wollte ihr sagen, dass sie mehr war als das. Dass ihr Wert nicht von dem abhing, was sie tat, nicht davon, ob sie jemandem half, nicht davon, ob sie eine Aufgabe erfüllte. Sie war nicht nur ein Werkzeug, das benutzt werden konnte. Doch er wusste, dass sie es nicht hören wollte. Oder vielleicht, dass sie es nicht hören konnte. Dass sie es nicht glauben würde, selbst wenn er es sagte. Also tat er das Einzige, was sie von ihm akzeptieren würde. Er nickte. „Ja, das warst du. Du hast mir sehr geholfen.“ Jakira lächelte, als wäre das alles, was sie gebraucht hatte. Zufriedenheit blitzte für einen Moment in ihren Augen auf, ehe sie sich aufrichtete. Langsam, mit bedachten Bewegungen, begann sie, sich anzuziehen. Dabei ließ sie ihren Blick nicht von ihm, als wollte sie sich jeden Ausdruck in seinem Gesicht genau einprägen. „Dann bin ich glücklich“, sagte sie leise, und ihre Worte klangen zerbrechlich. Liam erwiderte ihr Lächeln, doch tief in seinem Inneren fasste er einen Entschluss. Eines Tages würde er ihr beweisen, dass sie mehr war als das. Mehr als ein Werkzeug, mehr als eine Klinge, die nur dann von Wert war, wenn sie genutzt wurde. Er würde ihr zeigen, dass sie nicht nur jemand war, die man für einen Zweck benutzte – sondern jemand, der allein durch ihre Existenz wertvoll war. -------------------------------------------------------------------------- Liam bewegte sich vorsichtig über die schmale Brücke, die sich wie ein unsicherer Pfad aus Eis über das dunkle Wasser spannte. Der frostige Wind schnitt ihm ins Gesicht, und bei jedem Schritt musste er darauf achten, nicht auszurutschen. Neben ihm ging Nidhogg, in einen groben, braunen Umhang gehüllt, der seine markanten Gesichtzüge verdeckte. Sein anderer Begleiter Locart, trotz der eisigen Temperaturen nur in dünne Kleidung gehüllt, wirkte unbeeindruckt von der Kälte – als wäre sie für ihn nichts weiter als ein flüchtiges Ärgernis. Jeder Muskel in Liams Körper war angespannt, während sie sich dem Stadttor näherten. Sie durften keine Aufmerksamkeit erregen. Ein leises Betreten war ihr Ziel, ein unauffälliges Eindringen in eine Stadt, deren Verteidigungsanlagen selbst für die mächtigsten Krieger eine Herausforderung waren. Doch selbst trotz seiner Vorsicht konnte er nicht verhindern, dass es geschah. [???] ,,Halt ihr drei. Kommt her!’’ Liams Herz setzte für einen Moment aus, als die raue Stimme einer Stadtwache durch die kalte Luft hallte. Sofort erstarrte er, doch er zwang sich dazu, sich langsam zu bewegen, ruhig zu wirken. Jetzt war nicht der Moment für unüberlegte Reaktionen. Sein Blick glitt zu Locart, der bereits einen Schritt nach vorne gemacht hatte. Der schmächtige Mann schien vollkommen gelassen, beinahe gelangweilt, als er etwas aus seiner Tasche zog. Ein kleines Stück Pergament – zu unscheinbar, um von Bedeutung zu sein, und doch hielt es die Wache davon ab, weiter nachzuhaken. Der Soldat überflog das Dokument, musterte Locart einen Moment lang, dann nickte er und trat zur Seite. „Ihr könnt passieren“, brummte er und wandte sich bereits dem nächsten Reisenden zu. Liam atmete leise aus und folgte den anderen durch das Tor. Erst als sie außer Hörweite waren, neigte er sich zu Locart und flüsterte: „Was war das?“ Locart warf ihm einen flüchtigen Blick zu, als wäre die Frage nicht der Rede wert. „Ein gefälschter Händlerbrief“, erwiderte er mit einem kleinen Schulterzucken. „Habe ihn gestern noch vorbereitet. Man weiß ja nie, wann man ihn braucht.“ Liam schüttelte unmerklich den Kopf. Er hatte das Gefühl, dass Locart ihm nicht die ganze Wahrheit sagte. Doch sie waren in der Stadt, und das war alles, was zählte. Sein Blick wanderte unwillkürlich nach oben, wo sich der große Tempel des Erzengels Cassiel über den Dächern Randurins erhob. Die goldenen Verzierungen glänzten im schwachen Winterlicht, und die hohen Türme, die bis in den Himmel ragten, verliehen dem Bauwerk eine unnahbare Erhabenheit. Doch während Liam den Tempel nur flüchtig betrachtete, war sein Begleiter von etwas anderem eingenommen. Er spürte die Veränderung in Nidhogg noch bevor er ihn ansah. Sein Blick war wie aus Stein gemeißelt, starr auf den Tempel gerichtet. In seinen schmalen Augen brannte ein loderndes Feuer – nicht der Funke einfacher Wut, sondern die Flamme eines unkontrollierbaren, uralten Hasses. Seine Hände zuckten unruhig unter dem Mantel, als müsste er sich daran hindern, jetzt und hier zuzuschlagen. Liam wusste, dass er etwas sagen musste, bevor Nidhogg eine Dummheit beging. „Nidhogg, du…“ begann er vorsichtig, doch sein Begleiter schnitt ihm mit rauer Stimme das Wort ab. „Ich weiß, ich weiß“, grollte Nidhogg, ohne den Blick vom Tempel zu lösen. „Erst unser Vorhaben, dann der Spaß.“ Liam musterte ihn einen Moment, dann nickte er langsam. Nidhogg war ein Fanatiker, ja, doch er war nicht dumm. Er wusste, dass sie sich keinen Fehltritt leisten konnten – noch nicht. Dennoch blieb Liam wachsam. Er wusste, dass der Hass in seinem Begleiter ein wildes Tier war, das nur schwer an der Leine zu halten war. Mit einem tiefen Atemzug lenkte Liam seine Aufmerksamkeit auf das wahre Ziel ihrer Mission: die Herzogsburg. Dort, in den tiefsten Gewölben, verborgen hinter dicken Mauern, lag das Artefakt, das den Ausgang dieser Mission entscheiden würde. Die Boz.
- Kapitel 102 - Ein Merid namens Nereus
Mylries Gesellschaft ist eine strikte Hierarchie, eine Pyramide aus Reichtum und Elend, errichtet auf dem Fundament von Blut, Arbeit und Ungleichheit. Seit Jahrhunderten hat sich die Unterwasserstadt nicht verändert – oder besser gesagt, sie hat sich nur in eine Richtung entwickelt: Die Kluft zwischen den Reichen und den Armen hat sich stetig vertieft, bis sie so gewaltig wurde wie der Ozean, der Mylrie umgibt. Fünf Klassen bestimmen das Leben in dieser Stadt, und wer in einer von ihnen geboren wird, hat kaum Hoffnung, jemals aufzusteigen. Jeder kennt seinen Platz, und nur die Verzweifelten oder die Wahnsinnigen wagen es, gegen das System zu kämpfen. An der Spitze der Gesellschaft thront das Königshaus der Neraner, ein Familie der Macht, des Prunks und der unangefochtenen Herrschaft. Seit Generationen lenkt die königliche Familie die Geschicke Mylries mit eiserner Faust, oft mehr um ihren eigenen Wohlstand zu sichern als das Wohl ihres Volkes. Bis vor einem Jahr saß König Nero auf dem Thron, ein Herrscher, der vor allem für seine maßlose Gier und Rücksichtslosigkeit bekannt war. Unter seiner Herrschaft florierte der Handel mit wertvollen Meeresressourcen – doch profitierten nur die Reichen. Während die Paläste der Oberschicht aus seltenem Korallenstein erbaut wurden und die Aristokraten sich mit Gold und Edelsteinen schmückten, verhungerten die Armen in den dunklen Gassen der unteren Viertel. Nach Neros plötzlichem Tod bestieg sein Sohn, König Nereus, den Thron. Jung, charismatisch und in den Augen vieler ein Hoffnungsträger, doch die Realität sieht anders aus. Ein Jahr ist vergangen, und nichts hat sich geändert. Der Adel lebt weiterhin in enormen Luxus, während der Rest der Stadt leidet. Manche munkeln, dass Nereus entweder zu schwach ist, um gegen die alten Strukturen vorzugehen, oder dass er überhaupt nicht vorhat, etwas zu ändern. Die Wahrheit kennt nur er allein. Unter dem Königshaus steht die mächtige Aristokratie – eine Elite aus alten Blutlinien und gnadenlosen Kaufmannsleuten, die ihre Reichtümer über Generationen hinweg gehortet haben. Sie sind die Eigentümer der wichtigsten Stadtteile, die Besitzer der wertvollsten Ressourcen, die Profiteure des Handels. Ihnen gehören die großen Baugilden, die die Schätze des Meeres heben – seltene Mineralien, magische Pflanzen, lebende Meeresbewohner – die für hohe Summen an Sammler verkauft werden. Jeder Tropfen Reichtum, der durch Mylrie fließt, geht durch ihre Hände. Sie befehligen Mylries Armee, schmieden Allianzen und eliminieren ihre Gegner, bevor diese auch nur eine Bedrohung darstellen könnten. Der Großteil der Aristokraten lebt in den prunkvollen Palästen von Saphirath, einem Stadtviertel, das auf massiven Korallenfelsen errichtet wurde und für die unteren Schichten nahezu unerreichbar ist. Dort, abgeschottet von der Realität der gewöhnlichen Bürger, genießen sie eine Welt aus berauschenden Festen und endloser Dekadenz. Während ihre Untertanen in Armut versinken, wird in Saphirath Wein von der Oberfläche serviert, der mehr wert ist als das Jahreseinkommen eines gewöhnlichen Meriden. Die Händler bilden die Brücke zwischen der Aristokratie und dem einfachen Volk. Sie sind die treibende Kraft, die das Rad der Wirtschaft in Bewegung hält – und doch stehen sie selbst stets mit einem Bein im Abgrund. Sie kontrollieren den Vertrieb der wertvollen Meeresressourcen und verdienen nicht schlecht daran, doch ihr Reichtum ist nichts im Vergleich zu dem der Aristokraten. Nur fünfzehn Prozent des Gewinns bleibt den Händlern, während der Rest in den Taschen der Reichen verschwindet. Einige Händler haben es geschafft, sich ein relativ komfortables Leben aufzubauen, mit anständigen Häusern und Zugang zu Bildung und Medizin. Doch ihr Stand ist nicht garantiert. Sie sind nicht mächtig genug, um Einfluss auszuüben, aber wohlhabend genug, um die Gier anderer zu wecken. Wenn ein Händler zu erfolgreich wird oder sich gegen die falschen Aristokraten auflehnt, kann er über Nacht verschwinden – und sein Geschäft gehört am nächsten Tag jemand anderem. Dennoch bleibt ihre Existenz für die Stadt überlebenswichtig, denn ohne sie würde der gesamte Handel zusammenbrechen. Unterhalb der Händler, aber noch nicht völlig im Abgrund der Armut, existiert eine dünne Schicht von Meriden, die sich als Mittelschicht bezeichnen darf. Sie stellen etwa ein Fünftel der Bevölkerung und leben in einem ständigen Balanceakt zwischen Sicherheit und Absturz. Viele von ihnen haben eine Vergangenheit im Militär oder Verbindungen zu einflussreichen Persönlichkeiten. Sie arbeiten als Handwerker, niederrangige Beamte, Offiziere oder Meeresmagier. Ihr Leben ist vergleichsweise stabil, aber jederzeit gefährdet – eine falsche Entscheidung, ein geschäftlicher Misserfolg oder der Verlust ihrer Stellung könnte sie direkt in die Tiefen der Armut reißen. Ihre Wohnviertel sind nicht luxuriös, aber auch nicht verfallen. Sie haben genug zu essen, Zugang zu Bildung und gelegentlich sogar zu günstiger Medizin. Doch die Angst vor dem sozialen Abstieg begleitet sie ständig. Die Mittelschicht weiß, dass sie lediglich Marionetten im Spiel der Mächtigen sind – nützlich, solange sie gebraucht werden, und entbehrlich, wenn nicht. Dann gibt es noch sie – die unzähligen, namenlosen Seelen, die über drei Viertel der Bevölkerung Mylries ausmachen. Die Gewöhnlichen. Die Meriden ohne Besitz, ohne Rechte, ohne Hoffnung. Sie leben in den tiefsten Vierteln der Stadt, in den Schatten, in dunklen, engen Gassen, die sich durch die düsteren Gebiete von Mylrie winden. Ihr Dasein ist ein einziger Kampf ums Überleben. Ohne Zugang zu Bildung oder medizinischer Versorgung, ohne Schutz durch Gesetze, sind sie die Unsichtbaren, die Vergessenen, die Wertlosen. Die meisten von ihnen schuften in den Baugilden, riskieren täglich ihr Leben, um die Reichtümer zu bergen, die sie niemals besitzen werden. Andere verdingen sich als Tagelöhner oder – schlimmer noch – enden als Opfer des rücksichtslosen Segrainahandels. Die Droge Segraina ist eine der größten Plagen Mylries, ein Gift, das die Verzweifelten für ein paar Stunden den Hunger und den Schmerz vergessen lässt – und sie dabei immer weiter in die Dunkelheit zieht. Kriminalität ist in ihren Vierteln kein Laster, sondern oft die einzige Möglichkeit, zu überleben. Schutzgelderpressungen, Bandenkriege, illegale Märkte – das ist der Alltag der Armen. Die Stadtwache wagt sich nur selten in diese Gebiete, und wenn doch, dann nicht, um zu helfen, sondern um sich ihren Anteil an den verbliebenen Profiten zu sichern. Die Gewöhnlichen haben keine Stimme, keine Zukunft. Sie sind die Opfer der Stadt. Heutzutage gärt es in den dunklen Vierteln. Es gibt Gerüchte über einen Aufstand, über Widerstand. Flüstern über eine kommende Rebellion, über eine brennende Wut, die sich immer weiter ausbreitet. Eine Wut, die eines Tages nicht mehr zu bändigen sein wird. Und wenn dieser Tag kommt, könnten Mylries Herren vielleicht endlich fallen. - ------------------------------------------------------------------------- [???] ,,Wie sind die neuen Gesetze bei der Bevölkerung angekommen, Bartesh?’’ König Nereus lehnte sich leicht in seinem Thron zurück, seine Finger ruhten nachdenklich auf den Armlehnen des kunstvoll geschnitzten Sitzes. Sein Blick lag ruhig, aber aufmerksam auf Bartesh, einem der einflussreichsten Aristokraten Mylries und zugleich seinem engsten Berater. Bartesh war ein Merid von schmaler Statur, mit geschmeidigen Bewegungen und einem beständigen Lächeln. In Nereus' Jugend hatte Bartesh ihn unterrichtet, ihm Wissen über Staatsführung und Politik vermittelt, und nun war er mehr als nur ein ehemaliger Lehrer – er war sein engster Vertrauter, derjenige, dessen Rat er stets suchte. Bartesh verneigte sich tief, wie es die Etikette verlangte, bevor er in seidenweichem Ton antwortete. „Mein König, die Gesetze wurden ohne Komplikationen eingeführt. Ihr habt es einmal mehr geschafft, den Wohlstand und die Stabilität Mylries zu sichern. Eure Weisheit ist unübertroffen.“ Seine Worte klangen fast schmeichelnd, doch darin lag eine Präzision, die zeigte, dass er wusste, wie er mit Herrschern sprach – mit geschickter Zunge, mit perfekt gewählten Worten. Nereus nickte leicht und lächelte zufrieden. Seit seiner Krönung vor einem Jahr hatte er sich stets bemüht, ein gerechter König zu sein, ein Herrscher, der nicht nur regierte, sondern vor allem seinem Volk half. Bartesh hatte ihn früh in die Geheimnisse der Politik eingeführt, hatte ihm die Probleme Mylries aufgezeigt – Armut, Krankheiten, die unkontrollierte Ausbreitung von Segraina. All das hatte den jungen König zutiefst erschüttert. Bartesh hatte ihm geraten, schnell zu handeln, neue Gesetze zu erlassen, die das Volk schützen würden. Und nun, da diese Gesetze umgesetzt waren, fühlte Nereus eine tiefe Zufriedenheit. Das Wissen, dass seine Entscheidungen das Leben seiner Bürger verbesserten, erfüllte ihn mit Stolz. Doch eine Sache ließ ihm keine Ruhe. „Bartesh“, fragte er nachdenklich und beugte sich vor, „bist du dir wirklich sicher, dass ich nicht persönlich auftreten sollte? Ich glaube, dass das Volk es zu schätzen wüsste, mich zu sehen. Ich möchte nicht nur der König sein, der aus der Ferne regiert.“ Barteshs Lächeln blieb unverändert, sein Kopf neigte sich leicht zur Seite, als würde er eine überflüssige Frage beantworten. „Ihr wisst doch, mein König, wenn Ihr Euch dem Volk zeigt, dann wird es sich vor Euch niederwerfen, Euch mit Fragen, Wünschen und Hoffnungen überhäufen. Ihr würdet sie mit Eurer bloßen Anwesenheit beflügeln, aber zugleich auch von ihrer eigentlichen Arbeit abhalten. Ihr helft Eurem Volk am meisten, indem Ihr von hier aus regiert, weise Entscheidungen trefft und ich sie für Euch durchsetze.“ Nereus ließ sich zurücksinken, ein leises Seufzen entwich ihm. Bartesh hatte wohl recht. So gern er es auch wollte, er war kein gewöhnlicher Mann, der sich einfach unter das Volk mischen konnte. Er war der König. Die Meriden würden anders handeln, wenn er in ihrer Mitte stünde – aus Ehrfurcht, vielleicht sogar aus Angst. Er wollte nicht als bloßes Symbol verehrt werden, sondern als echter Herrscher, als jemand, der das Leben in Mylrie wirklich verbessern konnte. „Du hast vermutlich recht“, sagte Nereus schließlich, seine Stimme war leiser als zuvor. „Danke, Bartesh. Ich schätze deinen Rat.“ Bartesh neigte erneut den Kopf. „Es ist mir eine Ehre, Euch zu dienen, mein König.“ Mit einer letzten, tiefen Verbeugung wandte sich Bartesh ab und verließ den Thronsaal. Seine Schritte hallten kaum hörbar auf dem kunstvoll gefliesten Boden wider, und als die schweren Türen hinter ihm ins Schloss fielen, wurde es still. Nereus war allein. Er erhob sich langsam und trat an die große Glasfassade des Palastes. Von hier aus hatte er einen unvergleichlichen Blick auf die Stadt, die sich weit unter ihm ausbreitete – Mylrie, die schimmernde Perle am Grund des Ozeans. Die magischen Lichter der Stadt warfen tanzende Reflexionen auf die gewaltigen Korallenmauern, und die geschwungenen Brücken und prächtigen Kuppelbauten verliehen dem Bild eine fast surreale Schönheit. Nereus fuhr sich langsam mit den Fingern durchs Haar. Er wollte dieser Stadt dienen. Er wollte, dass Mylrie nicht nur schön wirkte, sondern es auch war – für alle. Und dafür würde er weiter arbeiten, Tag für Tag. - ------------------------------------------------------------------------- Die Stadt Mylrie, die schillernde Metropole am Grund des Ozeans, ist in dreiundzwanzig Distrikte unterteilt – jeder mit seiner eigenen Bestimmung, seinem eigenen Rhythmus und den Meriden, die ihn prägen. Die Bezirke sind nicht einfach nur Stadtteile, sie sind Ausdruck einer Gesellschaft, die strenger kaum sein könnte. Eine Welt, in der sich alles nach einer starren Ordnung richtet, in der Privilegien und Elend ebenso beständig sind wie die Gezeiten. Von den funkelnden Palästen der Oberschicht bis zu den düsteren Gassen der Elendsviertel – Mylrie ist ein Ort der Kontraste, an dem Reichtum und Verfall direkt nebeneinander existieren. Über allem, wie ein funkelndes Juwel in den dunklen Wassern, thront der Königspalast. Errichtet aus schimmerndem Korallengestein, durchzogen von goldenen Adern und Edelsteinen, die im magischen Licht der Stadt glühen, ist er der unbestrittene Mittelpunkt Mylries. Seine Türme ragen hoch auf, selbst unter Wasser wirken sie wie eine unantastbare Festung, als hätte der Ozean selbst sie geschaffen, um einen unsterblichen Herrscher zu beherbergen. Hier residiert König Nereus, abgeschirmt von den Stimmen seines Volkes, umgeben von seinem Hofstaat und den mächtigsten Aristokraten der Stadt. Der Palast ist nicht nur ein Symbol der Macht – er ist eine Welt für sich, abgetrennt von dem Alltag der Stadtbewohner, eine Blase aus Glanz, in die die Schreie der Unterprivilegierten nicht zu hören sind. Unterhalb des Palastes erstrecken sich die Viertel der Aristokraten, aufgeteilt in mehrere Bezirke, von denen Saphirath der prächtigste ist. Hier ragen goldene Türme in die wogenden Strömungen, die Straßen sind mit glitzernden Perlen gesäumt, und Mylries wohlhabendsten Familien bewohnen riesige Anwesen, die mit Luftkammern ausgestattet sind – ein Luxus, den sich nur die oberen Eliten leisten können. In diesen luftgefüllten Hallen, umgeben von antiken Büchern, exotischen Gemälden und Schätzen aus der ,,Luftwelt’’ , fühlen sich die Aristokraten geborgen. Sie leben nicht nur über dem Volk – sie sind auch überzeugt, über ihm zu stehen. Masryl, der Militärdistrikt, liegt direkt unter Saphirath. Hier beginnt der eiserne Griff der Kontrolle, denn Masryl ist keine gewöhnliche Wohngegend – es ist eine Bastion der Macht. Ein Bollwerk, in dem Mylries gefürchtete Streitkräfte stationiert sind. Die Straßen werden von schwer bewaffneten Patrouillen durchzogen, während die sagenumwobenen Reitertruppen – Krieger auf den Rücken gezähmter Seemonster – das Wasser über den Aristokratenvierteln kontrollieren. In Masryl zählt nur eines: Die Loyalität zum Königshaus und dessen Schutz. Doch jeder in Mylrie weiß, dass Masryl nicht nur für Verteidigung steht – sondern auch für Unterdrückung. Für die Aristokraten ist der größte Luxus Mylries nicht das Gold, nicht die Edelsteine oder die exotischen Schätze aus der Luftwelt – es ist die Luft selbst. Die reichsten Familien der Stadt leben in gewaltigen Palästen, die vollständig mit Luft gefüllt sind. Sie schlafen in warmen, trockenen Betten, trinken teure Oberflächenweine und atmen Luft, während der Rest der Stadt im Wasser lebt. Diese Luftbarrieren sind mehr als nur ein Symbol des Reichtums – sie sind eine eindeutige Grenze zwischen den Schichten. Denn für einen Meriden, der sein Leben lang unter Wasser gelebt hat, ist das Betreten eines luftgefüllten Raumes keine Selbstverständlichkeit. Es erfordert eine Anpassung, einen kurzen Moment des Atemanhaltens, bis sich die Lungen umstellen. Für die Reichen ist dieser Übergang mühelos. Für die Armen ist es eine Erinnerung daran, dass sie draußen zu bleiben haben. In den untersten Bezirken, wo es weder Luftkammern noch Sicherheit gibt, lauert die schlimmste aller Krankheiten: Kiemenstopfung. Eine grausame Nebenwirkung von Segraina, die einem Meriden langsam aber sicher die Fähigkeit nimmt, unter Wasser zu atmen. Für die Reichen ist es eine Randnotiz, eine Tragödie, über die man in feinen Salons mit gespielter Betroffenheit spricht, während man Wein aus Kristallgläsern schlürft. Für die Armen ist es das schlimmste Todesurteil, das es gibt. Ohne Heilung, ohne Luftkammern und, für viele, ohne die Möglichkeit, an die Oberfläche zu fliehen, ersticken die Betroffenen langsam in ihrer eigenen Heimat. Und niemand tut etwas dagegen. - ------------------------------------------------------------------------- Nereus stieg die breiten, mit kunstvoll graviertem Perlmutt verzierten Stufen hinab, die tief in das Herz seines Palastes führten. Jeder Schritt entfernte ihn weiter von dem blendenden Glanz der oberen Ebenen, von den luftgefüllten Hallen, in denen sich die Aristokraten versammelten, von den kunstvoll geschnitzten Korallensäulen und schimmernden Kronleuchtern, die Mylries Macht und Wohlstand symbolisierten. Hier unten, in den versiegelten Kammern des alten Palastes, gab es keinen Prunk, nur kalten Stein und die raue, salzige Dunkelheit des tiefen Wassers. Während er tiefer hinabstieg, kreisten seine Gedanken um seinen jüngsten Gesetzesentwurf – ein Plan zur großflächigen Erneuerung der Straßen Mylries. Es war eine simple, aber bedeutende Reform. Außenstehende mochten die Notwendigkeit solcher Straßen in einer Unterwasserstadt in Frage stellen, doch Nereus wusste es besser. Straßen waren für die Meriden nicht nur eine Hilfe, sondern eine essenzielle Struktur, die das Stadtleben überhaupt erst ermöglichte. Zwar konnten sie schwimmen, doch nicht dauerhaft und nicht immer mühelos. Die Strömungen in den unteren Vierteln waren unberechenbar, und weite Strecken schwimmend zurückzulegen war anstrengend, besonders für jene, die bereits körperlich geschwächt waren. Straßen bedeuteten Stabilität, eine klare Ordnung inmitten vom wilden Chaos des Ozeans. Mit diesem Projekt wollte er Mylrie modernisieren, seine Bürger entlasten und zugleich den Handel in der Stadt weiter ankurbeln. Die Stufen endeten vor einer massiven Tür, die mit uralten Runen versehen war – ein Zeugnis aus einer Zeit, die älter war als die Stadt selbst. Die Muster schienen im Licht der leuchtenden Quallen, die an der Decke des Ganges schwebten, zu pulsieren. Dies war die Pforte zur Königskammer, einem Ort, den nur eine Handvoll Wesen je betreten hatten und aus dem noch weniger mit Wissen zurückgekehrt waren. Hier wurde der größte Schatz der Meriden bewahrt. Kein Gold, keine Edelsteine, keine Artefakte von der Oberfläche – sondern etwas viel Wichtigeres, viel Mächtigeres. Nereus legte seine Hand auf den kühlen, mit magischen Gravuren durchsetzten Türgriff. Die Runen reagierten auf seine Berührung, ein leises Vibrieren ging durch den Stein, und mit einem kaum hörbaren Knirschen öffnete sich die Tür. Der Raum dahinter war anders als die prachtvollen Hallen des Palastes. Keine Luftkuppeln, keine dekorativen Reliefs oder bemalten Decken – nur klares, unberührtes Wasser, das sich sanft in der uralten Kammer bewegte. Die Wände bestanden aus dunklem Basalt, ihr raues Gestein schien die Dunkelheit der Tiefsee in sich aufzusaugen. In der Mitte des Raumes schwebte er – der Stein. Ein leuchtendes, bläuliches Juwel, dessen sanftes Schimmern die Umgebung in einem mystischen Glanz tauchte. Sein Licht pulsierte langsam, fast wie der Herzschlag eines lebenden Wesens. Trotz der Dunkelheit war der Raum nicht bedrohlich – im Gegenteil, er strahlte eine fast greifbare Ruhe aus, eine Beständigkeit, die Nereus jedes Mal aufs Neue ehrfürchtig innehalten ließ. Doch der Stein war nicht unbewacht. Vier Antoken umkreisten ihn lautlos, ihre riesigen, muskulösen Körper von Stacheln und dicken Schuppenplatten bedeckt. Ihre Augen, tiefe schwarze Löcher mit einem schwachen, rötlichen Leuchten, ruhten regungslos auf ihm. Diese Kreaturen aus dem gefürchteten Shishen-Meer waren Mylries letzte Verteidigungslinie, der unbestechliche Schutz des größten Geheimnisses der Stadt. Sie waren Wächter, die nur einer einzigen Aufgabe dienten: Niemand durfte sich dem Stein nähern. Nereus beobachtete das ruhige Pulsieren des Steins, und ein Anflug von Stolz erfüllte ihn. „Der Stein ist sicher“, murmelte er leise, mehr zu sich selbst als zu jemand anderem. „Mylrie gedeiht, die Straßen werden erneuert, und die Zukunft strahlt.“ Es war eine beruhigende Vorstellung – das Wissen, dass seine Herrschaft nicht nur ein Moment in der Geschichte sein würde, sondern dass er echte Veränderungen bewirkte. Dass er der König sein würde, der Mylrie in eine neue Ära führte. Mit einem letzten prüfenden Blick auf den Stein und die wachsamen Antoken drehte er sich um. Langsam schloss er die Tür hinter sich, spürte das vertraute Klicken des Schlosses und atmete tief durch.
- Kapitel 101 - Ein Merid namens Sandyr
Ark IV - Blut des Krieges Erst kamen die Worte. [???] ,,Hau doch ab!’’ [???] ,,Niemand will dich hier haben!’’ [???] ,,Hör auf zu lispeln, so versteht man dich nicht.’’ [???] ,,Geh sterben Tormund!’’ Dann kamen die Schläge. Fäuste, die auf ihn niederprasselten wie Hagelkörner in einem Sturm. Tritte, die ihn gegen die harte Steinwand der Gasse warfen, seine Rippen malträtierten, ihn auf den Boden zwangen. Das Knacken von Knochen war dumpf, aber nicht so dumpf, dass er es nicht hörte – oder fühlte. Es war immer dasselbe. Immer wieder dasselbe. Tormund versuchte, sich zusammenzurollen, die Arme über seinen Kopf zu legen, doch er wusste, dass es nichts änderte. Selbst wenn er sich klein machte, selbst wenn er sich nicht wehrte – es würde nicht aufhören. Es hörte nie auf. Er war für einen Meriden unansehnlich. Seine vorstehenden Zähne, die ihn lispeln ließen, sein zu schmales Gesicht, die unnatürlich großen Augen – er war anders. Und in einer Welt, die keinerlei Abweichungen duldete, bedeutete das nur eines: Er war ein Ziel. Er war in eine Familie der Mittelschicht Mylries hineingeboren worden, ein seltenes Glück in der versinkenden Stadt. Seine Eltern waren keine Adeligen, keine einflussreichen Händler, aber sie waren liebevoll, fürsorglich, gaben ihm alles, was sie konnten. Sie sagten ihm immer, dass er wertvoll sei, dass er eines Tages Großes erreichen würde. Doch ihre Worte, ihre Wärme – all das wurde bedeutungslos, als sie starben. Die Krankheit, die sie geholt hatte, war nur eine von vielen, die durch die engen, feuchten Straßen der Stadt flossen. Eine Krankheit, die mit der richtigen Medizin heilbar gewesen wäre – doch für Leute wie sie gab es keine Medizin. Die Reichen hatten sie für sich beantsprucht, während die Armen nur hoffen konnten, dass sie nicht als Nächste an der Reihe waren. Mit sieben Jahren wurde Tormund in ein Waisenhaus gesteckt. Und dort begann die Hölle von Neuem. Es gab keinen Schutz. Die anderen Kinder waren gnadenlos, wild, hungrig nach einem schwächeren Ziel, an dem sie ihre eigene Frustration auslassen konnten. Die Betreuer waren nicht besser – bestenfalls gleichgültig, schlimmstenfalls ebenso grausam wie die Kinder. Tormund wehrte sich nicht. Nicht, weil er nicht konnte, sondern weil er wusste, dass es nichts bringen würde. Er war zu schwach, zu klein. Also lernte er stattdessen. Er verschlang jedes Buch, das er in die Finger bekam, flüchtete sich in die Welt der Geschichten, der Theorien, der Strategien. Wenn die Welt ihn nicht wollte, dann würde er die Welt verändern. Doch mit jedem neuen Tag wuchs etwas anderes in ihm heran: ein Hass, so tief, dass er irgendwann dunkler war, als das Ende des Rothen Grabens. Er hasste die Gesellschaft, die ihn verstoßen hatte. Hasste die Stadt, die ihn ertränken wollte. Hasste besonders das Königshaus, das in seinem prächtigen Palast hoch oben über den Slums thronte, unberührt von dem Elend, das sie erschaffen hatten. Sie hatten den Handel mit Meeresressourcen perfektioniert, die Ozeane geplündert, sich an dem, was Mylrie hervorbrachte, bereichert – doch für die Meriden in den tieferen Bezirken der Stadt blieb nichts. Nichts außer Leid. Und dann kam Segraina. Die neue Droge flutete die Stadt wie ein tödlicher Nebel, strömte in die schwächsten Winkel der Gesellschaft, verschlang ganze Familien. Billig, überall erhältlich – ein giftiger Segen, der das letzte bisschen Hoffnung auslöschte. Kinder wurden zu Waisen, Mütter zu Abhängigen, Väter zu leeren Hüllen. Gewalt breitete sich aus, schneller als das Wasser, das durch die Armenviertel der Stadt floss. Mylrie, die einst strahlende Stadt der Meriden, war nicht mehr als eine sterbende Ruine. Und Tormund hasste sie. Er hasste sie mit jeder Faser seines Seins. Er hasste die Reichen, die feiernd in ihren goldenen Hallen saßen, während unter ihnen Tausende an Hunger und Krankheiten zugrunde gingen. Er hasste die Armen, die nicht kämpften, sondern sich gegenseitig in den Abgrund stießen, weil es einfacher war, als sich gegen die wahren Feinde zu erheben. An diesem Tag, nachdem sie ihn wieder einmal blutig geprügelt hatten, lag er auf dem kalten Steinboden des Waisenhauses und starrte in die Dunkelheit. Sein Körper war ein einziges schmerzendes Chaos aus Prellungen, blauen Flecken und klaffenden Wunden – doch der wahre Schmerz saß tiefer. Er hätte weinen können. Hätte aufgeben können. Hätte sich in den Schlaf wiegen können, in der Hoffnung, dass der nächste Morgen ihn vielleicht von seinem Dasein befreite. Doch stattdessen kam ein anderer Gedanke. Ein Entschluss, so klar wie das Wasser, das einst die Stadt umflossen hatte, bevor es mit Schmutz und Blut vergiftet wurde. Die Stadt war nicht mehr zu retten. Also würde er sie zerstören. - ------------------------------------------------------------------------- Tormund floh mit siebzehn Jahren aus dem Waisenhaus und ließ Mylrie hinter sich. Die Stadt, die ihn geformt und gequält hatte, würde ihn erstmal nicht mehr sehen. Obwohl Meriden von Natur aus für das Leben unter Wasser geschaffen waren, besaßen sie ebenso die Fähigkeit, an Land zu überleben. Eine Gabe, die er sich nun zunutze machen würde. Mit kräftigen Schwimmzügen durchquerte er die dunklen Weiten des Ozeans, getrieben von dem unerschütterlichen Wunsch, alles hinter sich zu lassen. Er tauchte auf, spürte zum ersten Mal in seinem Leben die freie Luft auf seiner Haut und schwamm weiter, bis er die pulsierende Handelsstadt Tripolis erreichte – das schlagende Herz der Tabakinseln. Dort begann sein neues Leben. Sein altes Selbst ließ er am Meeresgrund zurück. Der schwache, verachtete Junge aus Mylrie existierte nicht mehr. Er nahm einen neuen Namen an – Sandyr. Ein Name, der keine Vergangenheit hatte, ein Name, der nichts mit der verlorenen Kindheit, den erlittenen Qualen oder den Tränen verband, die in der Dunkelheit vergossen worden waren. Sandyr war ein Kriegername. Ein Name für einen Mann, der sich von nun an nur auf eines konzentrierte: Stärke. Er trainierte unerbittlich. Tag und Nacht stählte er seinen Körper, seine Reflexe, seine Entschlossenheit. Bald entdeckte er, dass er eine natürliche Begabung für Wassermagie besaß – eine bittere Ironie, wenn man bedachte, dass er die Stadt unter den Wellen vernichten wollte. Doch er weigerte sich, das als Schwäche zu sehen. Stattdessen machte er sich seine Gabe zunutze. Er lernte, das Wasser zu beherrschen, es zu verdichten, zu lenken, es als tödliche Waffe einzusetzen. Gleichzeitig perfektionierte er den Umgang mit dem Schwert, ließ seine Bewegungen geschmeidig und präzise werden. Sein schlanker, aber drahtiger Körper eignete sich ideal für die schnelle, aggressive Kampftechnik, die er sich aneignete. Jeder Hieb, jeder Schnitt, jede kontrollierte Bewegung brachte ihn seinem einzigen Ziel näher: Mylries Untergang. Um zu überleben, nahm er Aufträge als Leibwächter an, begleitete Händler, die zwischen den Inseln reisten. Es war ein undankbarer, gefährlicher Job, doch er sicherte ihm ein Einkommen und erlaubte ihm, im Schatten zu bleiben. In Tripolis fragte niemand nach seiner Vergangenheit. Niemand kümmerte sich um seine Narben, seine seltsam gezogenen Züge oder den leichten Sprachfehler, den er noch immer hatte. Hier war er einer von vielen – und das war genau das, was er wollte. Ein Geist, der in der Menge verschwand, während er sich auf den einzigen Weg konzentrierte, der für ihn noch eine Bedeutung hatte. Doch mit jedem Tag Training, mit jeder erlernten Fähigkeit, mit jeder vergangenen Nacht, die er grübelnd über alten Texten verbrachte, wurde ihm bewusster, wie unmöglich sein Ziel war. Mylrie war keine gewöhnliche Stadt. Es war eine Festung in den Tiefen des Ozeans, geschützt durch die Macht des Wassers selbst. Eine Stadt mit einer Bevölkerung von über einer Million Meriden, mit sechzigtausend Soldaten, mit Barrieren und Magien, die seit Jahrhunderten unüberwindbar waren. Niemand konnte eine Stadt dieser Größe einfach zerstören. Sandyr wusste, dass er keine Söldner anheuern konnte – die meisten Wesen der Welt konnten nicht in der Tiefe überleben. Selbst die furchterregenden Kreaturen der Meere, die die Stärke hätten, Mylrie in Stücke zu reißen, wurden von den magischen Schutzschirmen der Stadt ferngehalten. Ein Angriff von außen war ausgeschlossen. Ein direkter Krieg war undenkbar. Also blieb ihm nur eines: Infiltration. Aber auch das war leichter gesagt als getan. Er hatte keine Verbindungen, keine Kontakte. Mylrie war ein verschlossenes System, und er war nur ein Fremder, ein Ausgestoßener, der keine Hand hatte, die ihm helfen würde. Doch das hielt ihn nicht auf. Er würde warten, trainieren, beobachten. Er würde jede Schwäche der Stadt studieren, jede vergessene Legende, jede historische Aufzeichnung, die auch nur einen Hinweis darauf gab, wie man Mylrie unter dem Schlamm des Meeresbodens begaben konnte. Er würde nicht ruhen, nicht aufgeben, nicht nachlassen. Denn eines war sicher. Egal wie lange es dauerte, egal was er dafür tun musste – Mylrie würde fallen. Und wenn dieser Tag kam, dann würde Sandyr derjenige sein, der die Stadt mit seinen eigenen Händen in die Tiefe riss.
- Kapitel 100 - Ich bin du.
Leyla war in Sonnensand angekommen. Die Reise hatte nicht einmal einen halben Tag gedauert, doch sie hatte kein Interesse daran, sich länger als nötig hier aufzuhalten. Der Auftrag musste schnell erledigt werden. Dann konnte sie zurück nach Hause, wo sie sich – ob sie wollte oder nicht – für das Chaos in Welldyl verantworten würde. Der Kampf gegen Leonhardt würde als Erklärung dienen. Hoffentlich. Vorsichtig betrat sie das Anwesen des Adligen, ein imposantes Gebäude aus hellgelbem Sandstein, das in der Nachmittagssonne beinahe golden schimmerte. Das Innere war, wie sie es erwartet hatte – überladen mit Prunk. Hohe Decken, schwere Teppiche, kunstvoll geschnitzte Möbel und an den Wänden Jagdtrophäen, deren leere Augenhöhlen sie zu beobachten schienen. Die typische Dekadenz eines Adeligen. Doch das alles war ihr egal. Sie wusste, wo ihr Ziel war. Sie ließ ihre Magie durch den Boden strömen, ließ die Vibrationen des Steins zu ihr sprechen. Einen einzigen Herzschlag nahm sie unter sich wahr – tief in den Katakomben unter dem Anwesen. "Er ist tatsächlich unbewacht." Ein zufriedenes Lächeln huschte über ihre Lippen. Vielleicht würde es wirklich einfacher werden, als gedacht. Leyla bewegte sich leise durch die engen Gänge. Sie öffnete keine Türen, ignorierte die verschlossenen Räume zu beiden Seiten. Was immer der Adlige besaß, was immer für Geheimnisse hinter diesen Türen verborgen lagen – es war nicht ihr Problem. Ihr Ziel lag tiefer. Langsam stieg sie die steinerne Treppe hinab. Der kühle, abgestandene Geruch des Untergrunds schlug ihr entgegen – eine Mischung aus altem Staub, feuchtem Stein und einem Hauch von etwas Metallischem. Blut. Sie betrat den Raum am Ende der Treppe. Der Anblick ließ sie innehalten. Auf dem Boden war ein großer Zirkel aus unbekannten Symbolen gezeichnet, präzise und akribisch angeordnet. In der Mitte – eine eingetrocknete Blutlache. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Sofort kehrten die Bilder aus Welldyl zurück – die Schreie, die Trümmer, die zertrümmerten Körper. Doch sie schüttelte die Gedanken ab. Jetzt war nicht die Zeit für Schuldgefühle. Dann sah sie ihn. Der Mann, dessen Herzschlag sie gespürt hatte, saß gelassen auf einem hölzernen Stuhl in der Ecke des Raumes. Seine Haltung war entspannt, fast einladend, und auf seinen Lippen lag ein ruhiges, amüsiertes Lächeln. Leylas Augen verengten sich. Sie kannte ihn. Doch es war nicht der Adlige, den sie töten sollte. Yaga. Ihr einstiger Lehrer. Der Mann, der sie ausgebildet hatte. Ein gefährlicher Mann – und ein Verbündeter von Leonhardt. Was machte er hier? „Hallo Leyla“, sagte Yaga mit tiefer, vertrauter Stimme. Sein Blick lag auf ihr, als wäre sie ein besonders interessantes Rätsel, das es zu entschlüsseln galt. „Dein Auftrag ist hinfällig. Der Adlige ist längst tot. Aber wenn du schon mal hier bist…“ Er neigte leicht den Kopf, sein Lächeln wurde breiter. „Gibst du mir ein paar Minuten?“ - ------------------------------------------------------------------------- „Was willst du von mir?“ Leyla verschränkte die Arme vor der Brust und musterte Yaga misstrauisch. „Falls du mich für euren Orden rekrutieren willst, spar dir die Mühe. Ich habe nicht die geringste Absicht beizutreten.“ Ihre Stimme war fest, nicht feindselig, aber unmissverständlich. Sie mochte Yaga nicht besonders, aber er war auch kein Feind – zumindest nicht direkt. Yaga lachte leise, als hätte er mit genau dieser Reaktion gerechnet. „Keine Sorge, das steht nicht auf meiner Agenda“, erwiderte er gelassen. „Ich will dir lediglich etwas zeigen.“ Leyla zog skeptisch die Augenbrauen hoch. „Etwas zeigen?“ Yaga nickte, sein Lächeln blieb unverändert. „Doch bevor wir dazu kommen, möchte ich dir erst einmal danken. Du hast mir einen großen Gefallen getan, Leonhardt aus dem Weg zu räumen. Der Kerl war eine Plage.“ Leyla runzelte die Stirn. Sie hatte geglaubt, Leonhardt und Yaga seien Verbündete. Wieso sprach Yaga dann so über ihn? „Stört es dich nicht, dass er tot ist?“ Ihre Stimme klang ehrlich verwundert. Yaga schüttelte amüsiert den Kopf. „Nein, überhaupt nicht. Er hat seine Aufgabe bereits erfüllt.“ Seelenruhig erhob er sich aus seinem Stuhl und trat auf sie zu. Sein Gang war bedächtig, kontrolliert, jede Bewegung fließend und präzise. Leyla nahm instinktiv eine abwehrende Haltung ein, bereit, zu reagieren, falls er eine Falle plante. Doch Yaga lachte nur. „Du brauchst keine Angst zu haben, Leyla. Ich bin nicht hier, um dir zu schaden. Ich bin hier, um dir zu helfen.“ Helfen? Womit wollte er ihr helfen? Noch bevor sie ihn fragen konnte, streckte er ihr eine Hand entgegen. Und dann geschah es. Ein eiskalter Strom durchfuhr Leylas Körper, ihre Muskeln verkrampften sich, und ein plötzlicher Schwindel überkam sie. Ihre Sicht verschwamm, und sie spürte, wie ihre Knie nachgaben. Noch bevor sie auf den Boden aufschlug, fing Yaga sie geschickt auf und legte sie vorsichtig ab, als wäre sie ein wertvoller Gegenstand, den man nicht beschädigen durfte. Seine Stimme klang fern, fast wie durch Wasser gedämpft. „Ich entschuldige mich im Voraus für das, was du jetzt sehen wirst. Ich weiß, dass du mich hassen wirst, aber es ist notwendig. Irgendwann wirst du verstehen, warum.“ Leyla versuchte zu protestieren, versuchte, sich zu bewegen, doch ihr Körper verweigerte ihr den Dienst. Und dann brach die Flut über sie herein. Erinnerungen, die nicht ihre eigenen waren, rissen sie mit sich. Bilder, Geräusche, Gefühle – chaotisch und ungefiltert, als würde sie von einer Welle fortgespült, ohne Kontrolle darüber, wohin sie trieb. Yagas Stimme verschwand, die Katakomben verschwanden, die Gegenwart wurde ausgelöscht. Es gab nur noch die Vergangenheit. - ------------------------------------------------------------------------- Die Erinnerungen kamen in kurzen, zerrissenen Fetzen, wie Bruchstücke eines zerborstenen Spiegels. Jeder einzelne Splitter schnitt tief in Leylas Bewusstsein, hinterließ eine Spur aus Schmerz und Verwirrung. ,,Was ist das hier?’’ Vor ihren Augen tauchte das Bild eines Mädchens auf – junge, kurz geschnittene, braune Haare, eine zierliche Gestalt. Sie war nicht älter als vierzehn. Leonhardt zerrte sie durch dunkle Gänge, hinab in die Katakomben. „Wer ist sie? Warum bringt er sie hierher?“ Die Szene wechselte. Das Mädchen kämpfte gegen Leonhardt. Kein Training – ein Überlebenskampf. Doch während sie blutete, während sie keuchte und sich immer wieder erhob, wurde ihm kein einziges Mal Einhalt geboten. Er prügelte auf sie ein, härter, gnadenloser. „Warum tut er das? Was soll das bezwecken?“ Ein nächstes Bild: Yaga, ruhig und gelassen, saß auf einem Stuhl, während das Mädchen neben ihm kauerte. Vor ihr lagen Schriftrollen und Bücher, alte Bände, vergilbt und schwer. Sie las sie, studierte sie. „Was sind das für Bücher? Was will er von ihr?“ Dann erschien eine Frau, ihre Silhouette so vertraut, dass es Leyla einen Stich versetzte. Sie sah aus wie Yang. Nein, sie war es nicht, doch die Ähnlichkeit war verblüffend. Die Frau sprach mit dem Mädchen, ihre Stimme sanft, aber eindringlich. Sie bot ihr etwas an. Schutz? Eine Wahl? „Ist sie auch eine Wacal…? Wie Yang?“ Plötzlich verdrehte sich die Szene. Das Mädchen lag in einem Bett, schutzlos, erstarrt. Neben ihr lag Leonhardt. Er bewegte sich, er griff nach ihr. Leyla wollte schreien, wollte sich abwenden, aber sie konnte es nicht. Die Welt hielt sie fest, zwang sie, jedes Detail in sich aufzunehmen. Ihre Kehle war trocken, ihre Brust zog sich zusammen. „Hör auf… bitte…!“ Aber nichts hörte auf. Es wiederholte sich, immer wieder, wie ein Hohn auf das, was menschlich sein sollte. Jedes Mal wurde das Mädchen schwächer. Jedes Mal zerbrach ein weiteres Stück von ihr. Leyla fühlte, wie sich ein Abgrund in ihrem Inneren auftat, ein schwarzer Schlund aus hilfloser Wut. Dann ein Szenenwechsel – das Mädchen wurde in einen Zirkel geführt. Den selben Zirkel, in dem Leyla lag. „Nein… Nein, das darf nicht passieren…“ Sie flehte, sie rang nach Luft, aber sie wusste, dass nichts von alledem von Bedeutung war. Die Vergangenheit war bereits geschrieben. Yaga trat vor. Sein Gesicht blieb ruhig, neutral, fast bedauernd. Und doch sprach sein Handeln eine andere Sprache. Er begann mit einem Ritual. Am Rand des Zirkels standen Gestalten in weißen Gewändern – Gesichter verborgen, Körper reglos. „Das ist also der Orden der Goldenen Sonne…?“ Das Mädchen schrie. Ihr Körper krümmte sich unter einer unsichtbaren Kraft, ihr Kopf schlug wieder und wieder auf den Boden. Leyla spürte, wie etwas in ihr zerbrach. Die Angst, die Verzweiflung dieses Mädchens, sie übertrugen sich auf sie, rissen sie mit sich. Sie wollte es nicht sehen, wollte es nicht fühlen. Doch sie musste. Das Zucken hörte auf. Doch es war noch nicht vorbei. Die schwarze Frau trat an das Mädchen heran, ihre Bewegungen anmutig, kontrolliert. In ihren Händen hielt sie einen Beutel. Sie öffnete ihn. Heraus fiel ein Kopf – der Kopf eines Mannes. ,,Nicht auch noch sie… Du armes, armes Mädchen…’’ Das Ritual setzte sich fort, wiederholte sich, wie ein höhnisches Echo. Schmerz, Zucken, Schreie. Immer wieder. Bis das Mädchen schließlich nicht mehr reagierte. Ihre Augen, einst voller Leben, waren leer. ,,Ist sie… tot?’’ Doch es gab keine Antwort. Leonhardt griff nach ihr, hob ihren reglosen Körper auf und warf sie achtlos auf das Bett in ein Zimmer. Ihre Augen, zuvor leblos, funkelten nun in dunklem Rot. „Was ist mit ihr passiert…?“ Dann brach die Vision ab. Die Gegenwart stürzte auf Leyla hinab, als hätte man ihr mit voller Wucht die Luft aus den Lungen geschlagen. Sie lag wieder auf dem kalten Steinboden der Katakomben, ihr Körper zitterte, unkontrollierbar. Tränen strömten über ihre Wangen, sammelten sich in einer kleinen, schimmernden Pfütze unter ihr. Sie konnte nicht atmen. Sie konnte nicht denken. Ihr Geist war zerrissen, ihr Herz eine offene Wunde. Verzweiflung, Wut, Trauer, Hass – sie alle kämpften in ihr, zogen sie in einen dunklen Strudel. Und dann, als ihr Körper der Last nicht mehr standhalten konnte, sank sie in die Bewusstlosigkeit. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla fand sich in einem Raum wieder, in dem die Dunkelheit so dicht war, dass sie greifbar schien. Eben noch war sie von Schmerz, Angst und Verzweiflung überwältigt worden, doch hier war nichts von alledem. Hier gab es nur Stille, die sich in jede Ecke drängte, Stille, die so tief war, dass sie selbst ihre eigenen Gedanken kaum hören konnte. Vor ihr flackerte ein sanftes, grünliches Leuchten, ein schwaches Licht inmitten der endlosen Schwärze. Es pulsierte in einem langsamen Rhythmus, als würde es atmen. Leyla starrte es an, ihre Augen versuchten, eine Form darin zu erkennen, doch es blieb formlos, eine bloße Essenz aus Energie. „Was ist das hier? Wer bist du?“ Ihre Stimme hallte seltsam in dem Raum wider, als würde sie von den Schatten selbst zurückgeworfen werden. Das hier fühlte sich nicht an wie ihre Träume vom Raben. Es war ähnlich – fremdartig, jenseitig –, aber es war nicht dasselbe. Es war näher, persönlicher. Es fühlte sich an, als wäre sie nicht einfach nur eine Zuschauerin in ihrem eigenen Kopf. ,,Ich musste etwas unternehmen, ansonsten wärst du unheilbar zerbrochen.’’ Die Stimme grollte. Sie klang nicht bedrohlich, sondern fast vertraut, als hätte sie sie ihr ganzes Leben lang in den stillen Momenten ihrer Existenz gehört. Leyla runzelte die Stirn. Die Stimme sprach mit einer absoluten Gewissheit, als wüsste sie alles über sie. Das war nicht einfach nur eine Einbildung. Nicht einfach nur ein Traum. „Wer bist du?“ wiederholte sie, schärfer diesmal. ,,Ich bin du. Oder besser gesagt, ich bin deine Macht und deine Verantwortung.“ Das ergab keinen Sinn. Ihre Macht? Ihre Verantwortung? Was bedeutete das? „Und was willst du von mir?“ fragte sie misstrauisch. ,,Du sollst mich endlich akzeptieren. Bedingungslos akzeptieren.’’ Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in ihr aus. Akzeptieren? Bedingungslos? Sie wusste genau, was das bedeutete. Es bedeutete, dass sie sich dem hingeben musste, was sie tief in sich vergraben hatte. Dass sie das zulassen musste, was sie gefürchtet hatte. Das, was sie sich selbst nicht erlaubte. „Das kann ich nicht“, sagte sie leise. „Dann wäre ich nicht mehr ich.“ ,,Du hast keine Wahl. Wenn du mich nicht akzeptierst, wirst du dich selbst verlieren.“ Leyla schluckte. Was sollte sie tun? Nachgeben und zu dem Monster werden, das sie fürchtete? Oder sich verweigern und dabei riskieren, dass sie langsam von innen heraus zerbrach? Es fühlte sich an, als gäbe es keinen richtigen Weg. Egal, welchen Pfad sie wählte, sie konnte nur verlieren. „Ich will kein Monster sein“, sagte sie, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern. ,,Das bist du doch schon längst. Und das ist gut so.’’ Leyla erstarrte. Wieso sollte das gut sein? Wieso sollte es gut sein, dass sie sich veränderte, dass sie immer mehr von dem verlor, was sie einmal gewesen war? „Ich bin kein Monster!“ widersprach sie heftig. „Ich bin immer noch ich!“ ,,Du bist immer noch du. Und du bist ein Monster. Aber eines, das eine Rolle zu spielen hat.“ Ihre Gedanken rasten. Eine Rolle? Welche Rolle? Wer hatte ihr diese Rolle gegeben? Und was war der Sinn dahinter? „Und was soll ich tun?“ fragte sie schließlich, unsicher, aber fest entschlossen, eine Antwort zu bekommen. ,,Finde die anderen Runensteine. Nimm sie in dich auf und werde stärker.’’ Das klang wie ein Befehl, nicht wie eine Bitte. Etwas in ihrer Brust zog sich zusammen. Warum sie? Warum musste gerade sie diese Steine in sich aufnehmen? Warum war es ihr Schicksal? „Und was soll ich dann mit ihnen tun?“ ,,Das darfst du noch nicht wissen. Alles, was du wissen musst, ist, dass du niemanden beschützen kannst, wenn du deine Kraft nicht akzeptierst.“ Diese Worte durchbrachen ihren Widerstand. Sie drangen tief in sie ein, ließen alles andere für einen Moment unwichtig erscheinen. Beschützen. Sie wollte beschützen. Ihre Freunde, ihre Verbündeten, die Schwachen – sich selbst. Wenn sie stärker wurde, wenn sie ihre Kraft besser kontrollieren konnte… konnte sie dann verhindern, dass noch mehr Menschen starben? Konnte sie dann verhindern, dass sie jemals wieder so hilflos ihre Magie entfesselte wie in Welldyl? „Wenn ich dich akzeptiere…“ begann sie langsam, „werde ich dann in der Lage sein, meine Kraft besser zu lenken?“ ,,Natürlich. Du wirst sie nicht länger fürchten müssen.“ Leyla stand einen Moment lang still. Sie konnte fühlen, wie etwas an ihr zerrte, sich streckte, sich nach ihr ausstreckte, als würde es darauf warten, dass sie ihre Hand danach ausstreckte. Es war Angst. Es war Unsicherheit. Aber es war auch Stärke. Dann, mit fester Stimme, sprach sie die Worte, die ihr Schicksal endgültig besiegelten. „Dann akzeptiere ich dich“, sagte sie. „Ich akzeptiere mich.“ Ende von Ark III
- Kapitel 99 - Der Funken, der das Feuer entfacht
Kronprinz Sebastian Algavia stand auf dem höchsten Burgturm der Festung Vallyka, einem Monument aus einer vergangenen Ära. Die gewaltigen Steinmauern unter seinen Füßen hatten Generationen von Herrschern überdauert, Kriege miterlebt, Bündnisse besiegelt und Reiche fallen sehen. Jeder einzelne Stein schien die Geschichte eines ganzen Zeitalters in sich zu tragen, und die raue, kalte Luft, die unaufhörlich über die Zinnen strich, war erfüllt vom Flüstern vergessener Helden und blutiger Schlachten. Er ließ seinen Blick über das Land schweifen, das sich vor ihm ausbreitete – sein Land. Durch seine Heirat mit Herzogin Joanna de Cale war er nicht nur zum Herzog von Vallyka aufgestiegen, sondern hatte sich auch eine mächtige Stellung im Prinzenspiel gesichert. Vallyka war mehr als ein Titel, mehr als eine Stadt oder eine strategisch gelegene Festung – es war sein Machtzentrum, das Fundament seines Aufstiegs, der Schlüssel zu seinem ehrgeizigen Ziel. Dem Ziel, Kaiser zu werden. Durch diese politische Verbindung hatte er sich mit einem einzigen, geschickten Schachzug auf den zweiten Platz katapultiert. Ein halbes Jahr noch – dann würde ein weiterer der Kronprinzen eliminiert werden. Doch wer es sein würde, stand noch nicht fest. Sein Vorteil war momentan komfortabel. Sein Name stand auf jeder Liste unter den Favoriten. Sein Einfluss wuchs mit jedem Tag, seine Macht war stabil. Doch er wusste, dass Stabilität allein nicht ausreichte. Macht musste ausgeweitet werden, oder sie begann zu verblassen. Das Prinzenspiel war kein Wettlauf, sondern ein Krieg – ein brutaler Wettstreit, in dem am Ende nur ein einziger Sieger hervorgehen konnte. Er stützte sich auf die kühle Steinbrüstung und betrachtete das Land, das ihn umgab. Der Tiefenwald, eine gewaltige, größtenteils unerforschte Wildnis, erstreckte sich nördlich der Stadt. Ein endloses Meer aus Bäumen, das sich über tausende Kilometer zog, bis es in die Eiswälder und das Herzogtum Randurin überging. Wenn er es richtig anstellte, würde er bald schon in der Lage sein, an die Spitze des Prinzenspiels zu ziehen. Doch was war der richtige Schritt? Kleinere Aufgaben wie das Erlegen von Bestien oder das Entdecken neuer Pfade würden ihm zwar Punkte im Prinzenspiel einbringen, doch sie waren unbedeutend im Vergleich zu dem, was er brauchte. Er wollte Hypos überholen. Hypos, der Fünftgeborene. Hypos, der Wahnsinnige. Ein Mann, den niemand unterschätzte. Klug, unberechenbar, skrupellos – ein Monster. Wenn Sebastian ihn schlagen wollte, musste er größer denken. Sebastian seufzte leise und verschränkte die Arme hinter seinem Rücken. Sein Verstand raste. Immer wieder kehrten die gleichen Fragen zurück, formten sich zu unterschiedlichsten Möglichkeiten, wurden dann wieder verworfen. Was konnte er tun? Wo lag die Gelegenheit, die ihm fehlte? Die Welt wirkte in diesem Moment träge, als würde sie sich dem natürlichen Lauf der Zeit verweigern. Als würde sie seinen Ehrgeiz, seine Dringlichkeit ignorieren. Doch er wusste, dass das nicht ewig so bleiben würde. Geduld war eine Tugend. Eine, die er noch nie besessen hatte. Er war kein Mann, der wartete. Er war ein Mann, der handelte. Einer, der seine Zukunft mit seinen eigenen Händen formte, anstatt darauf zu hoffen, dass sie ihm gewogen war. Und doch… in diesem Moment blieb ihm nichts anderes übrig. Die Gelegenheit würde kommen. Davon war er überzeugt. Und wenn sie kam – würde er bereit sein. Er warf einen letzten Blick auf den Tiefenwald, der in der beginnenden Dämmerung lag wie ein schlafendes Biest. Dann wandte er sich ab und stieg die Wendeltreppe hinab. - ------------------------------------------------------------------------- [???] „Boss, ich habe alle versammelt. Genau wie du es wolltest.“ Liam hob den Blick von dem Tisch, an dem er gerade noch zu Abend gesessen hatte, und sah zu Ralf, dem großgewachsenen Mann, dem er mehr zu verdanken hatte, als er jemals in Worte fassen konnte. Nicht nur ihm. Auch Theol. Ohne die beiden wäre er nie so weit gekommen. Nein, er hätte schon lange aufgegeben und sich im Alkohol verloren. Es war ihr unerschütterlicher Glaube an ihn gewesen, der ihn aus der Dunkelheit gezerrt hatte. Sie hatten ihn aus dem Abgrund gezogen, in dem er fast versunken wäre, hatten ihn vorwärts getrieben, als er selbst nicht mehr wusste, ob er weitergehen sollte. Dank ihnen stand er hier – mit einer Verantwortung, die schwer auf seinen Schultern lastete. „Sehr gut“, sagte Liam mit fester Stimme, die nicht erkennen ließ, dass seine Gedanken noch immer um das, was vor ihm lag, kreisten. „Ich komme gleich.“ Ralf nickte knapp, dann verließ er das Zelt und ließ Liam allein zurück. Allein mit dem Auftrag, den man ihm übertragen hatte. Allein mit Zweifeln, die er nicht zulassen durfte. Prinzessin Nara, Anführerin des Schwarzen Sterns, hatte ihm die Eroberung der Festungsstadt Randurin aufgetragen. Liam hätte nie gedacht, dass er eines Tages als Heerführer dienen würde. Wobei „Heer“ ein großzügiger Begriff war. Er hatte ein Dutzend Männer und Frauen unter seinem Kommando. Zwölf. Doch wenn ihr Plan funktionierte, würde das ausreichen. Sie würden nicht frontal angreifen – sie würden zuschlagen, bevor jemand wusste, dass sie überhaupt da waren. Sein Blick fiel auf den Sack Gold, der neben ihm auf dem groben Holztisch lag. Die glänzenden Münzen waren weder für ihn bestimmt, noch für den bevorstehenden Kampf. Sie hatten einen anderen Zweck. Aber das Gold konnte warten. Zuerst musste er zu seinen Leuten sprechen. Liam atmete tief durch, straffte die Schultern und trat aus dem Zelt hinaus. - ------------------------------------------------------------------------- Liam stand vor den zwölf Männern und Frauen, auf die er sein Leben setzen musste – zwölf Kämpfer, so unterschiedlich wie Tag und Nacht, vereint durch nichts als ein gemeinsames Ziel: die Eroberung einer Festungsstadt. In ihren Gesichtern lag eine Mischung aus Erwartung, Zweifel und Entschlossenheit. Manche sahen ihn mit unverhohlener Neugier an, andere mit stillem Misstrauen. Sie alle kannten das Risiko. Sie alle wussten, dass sie nur eine einzige Chance hatten. Sein Blick glitt über die Gruppe, während er in Gedanken jeden Einzelnen bewertete. Er kannte ihre Stärken. Er wusste, dass jeder von ihnen eine Schlüsselrolle in seinem Plan spielte. An vorderster Front standen der Vishap Theol und Ralf, zwei Männer, die wohl physisch die Schwächsten in der Gruppe waren – doch Liam vertraute ihnen beiden – und in dieser Welt war Vertrauen mehr wert als Gold. Dann waren da die Ogerbrüder, Kroll und Gnosch. Zwei riesenhafte Kämpfer, die er in Schneeburg rekrutiert hatte. Ihre Intelligenz, vor allem die von Gnosch, ließ zu wünschen übrig – aber ihr Instinkt für Kampf und Zerstörung machte das mehr als wett. Sie verstanden kein komplexes Taktikgeschwätz, aber wenn es darum ging, Dinge zu zerschlagen, waren sie unerreicht. Sie waren die geballte Faust des Trupps – und Liam würde sie genau so einsetzen. Ein weiterer Vishap war ebenfalls unter ihnen, Nidhogg, doch er war das genaue Gegenteil von Theol. Wo Theol Vorsicht einsetzte, war Nidhogg von brennendem Fanatismus getrieben. Ein Jünger des Erzdämonen Kaen, bereit, sich selbst in Flammen zu setzen, wenn es dem „großen Plan“ diente. Liam verabscheute Männer wie ihn – Männer, die nicht für sich selbst dachten, sondern sich von Ideen und imaginären Göttern treiben ließen. Doch er konnte es sich nicht leisten, ihn abzulehnen. Sein zerstörerisches Potenzial war eine Waffe – eine, die er klug einsetzen musste. Jakira, die Schattenläuferin, war eine andere Geschichte. Eine professionelle Assassine, deren Hände mehr Leben genommen hatten, als sie zählen konnte. Sie war tödlich, präzise und schweigsam. Nach dem Tod war letzten Auftraggebers hatte sie ziellos durch den Norden gewandert, bis Liam sie gefunden hatte. Jetzt würde sie ihm dienen – und ihre Klingen würden über das Schicksal wichtiger Männer entscheiden. Eine der neuesten Rekrutierungen war Locart, ein unscheinbarer Mann mit einem Hass auf das Kaiserreich, der beinahe greifbar war. Liam wusste nicht, woher dieser Hass kam, aber er war stark genug, um ihn anzutreiben. Ein Mann, der brannte, konnte Berge versetzen. Und Liam würde diesen Hass in die richtige Richtung lenken. Doch die gefährlichste Waffe in seinem Arsenal war eine andere: Claurian, eine Divs. Die M Say, das Volk zu dem die Divs gehörten, waren für ihre Fähigkeit bekannt, sich anzupassen und weiterzuentwickeln. Er hatte mit eigenen Augen gesehen, wie sie einen kaiserlichen Spähtrupp von sechzig Mann ausgelöscht hatte, ohne einen Kratzer davonzutragen. Liam verstand ihre Kräfte nicht annähernd, aber er wusste eines: Sie war unersetzlich, und wenn sie auf ihrer Seite kämpfte, war der Sieg greifbar. Die Gruppe wurde abgerundet durch vier Halbriesen. Liam hatte sich ihre Namen nicht gemerkt – nicht, weil sie unwichtig waren, sondern weil sie ihre Namen nicht brauchten. Sie waren Bollwerke, Mauern aus Fleisch und Knochen, die sich dem Feind entgegenstellen würden, wenn es so weit war. Sie kämpften nicht für Ruhm, nicht für Gold, sondern für den simplen Nervenkitzel des Krieges. Und genau diesen Nervenkitzel würde er ihnen geben. Liam räusperte sich und trat einen Schritt nach vorn. Die zwölf Augenpaare richteten sich auf ihn. Wartend. Beobachtend. Einschätzend. Sie alle wollten etwas hören. Worte, die sie überzeugten, Worte, die ihnen einen Grund gaben, diesem Mann zu folgen, der nichts weiter war als ein gefallener Krieger, der sich wieder aufgerappelt hatte. - ------------------------------------------------------------------------- Liam ließ seinen Blick über die versammelten Kämpfer gleiten, während er sich innerlich sammelte. Die zwölf Gestalten, die vor ihm standen, waren mehr als nur seine Verbündeten – sie waren der Funke, der die Welt, wie sie sie kannten, in Brand setzen würde. Die Eroberung von Randurin war nicht nur ein Angriff auf eine Festungsstadt. Es war eine Kriegserklärung. Eine Erklärung, dass das Kaiserreich nicht mehr unangefochten herrschen konnte. Er atmete tief durch, dann erhob er seine Stimme – fest, unerschütterlich. „Ihr alle kennt den Plan. Die Einnahme der Festungsstadt Randurin. Ein Akt, der uns endgültig zu Feinden des Kaiserreichs machen wird.“ Sein Blick wanderte von Gesicht zu Gesicht. Einige waren entschlossen, andere zögerten, ein Hauch von Unsicherheit schlich sich in ihre Mienen. Das war verständlich. Sie waren keine Armee, sondern eine kleine Gruppe von Außenseitern. Und doch standen sie hier, weil sie an eine gemeinsame Sache glaubten – oder weil sie nichts mehr zu verlieren hatten. „Ich weiß, wie das klingt“, fuhr Liam fort, seine Stimme ruhiger, eindringlicher. „Doch glaubt mir, solange wir uns an den Plan halten, wird niemand von uns etwas zu befürchten haben. Randurin ist eine Stadt, die sich verteidigen lässt. Sobald sie in unseren Händen ist, wird das Kaiserreich Schwierigkeiten haben, uns wieder herauszuzwingen.“ Er machte eine kurze Pause, ließ die Worte sacken. Er musste ihre Zweifel zerschlagen, ihre Überzeugung schärfen. „Jeder von euch ist aus einem Grund hier. Ich weiß es, weil ich es in euren Augen sehe. In euren Herzen brennt eine Flamme – eine, die nicht so einfach erlischt. Eine Flamme, die vom Kaiserreich selbst entzündet wurde.“ Er hörte ein leises Knirschen von irgendwo in der Gruppe. Jemand ballte die Fäuste. Gut. „Seit Jahrhunderten werden eure Völker unterdrückt, von den Mächtigen ausgebeutet, während die Adligen ihre Festmähler feiern und reicher werden. Während sie lachen, sterben wir an Hunger, an Krankheiten, an Kriegen, die wir nie gewollt haben. Wie lange wird es dauern, bis sie euch wieder in einen Krieg schicken? Bis die nächste Hungersnot eure Familien auslöscht?“ Er machte einen Schritt nach vorne, seine Stimme wurde drängender. „Wenn wir nichts tun, wird sich nichts ändern. Und wir alle wissen das.“ Er sah, wie einige von ihnen schluckten. Das war der Moment, in dem er sie gewinnen konnte – oder sie für immer verlor. „Im ganzen Kaiserreich brennen Millionen von Flammen. Versteckt in den Herzen derer, die leiden. Sie warten nur darauf, entfacht zu werden. Und wir – wir werden diejenigen sein, die den Funken schlagen. Die Eroberung Randurins ist nicht unser Ziel. Sie ist der Anfang. Wir werden den Brand entfachen, der sich über das gesamte Reich ausbreiten wird.“ Er sah, wie Nidhogg bei dem Wort „Brand“ zu grinsen begann, seine Augen vor Verlangen funkelten. Liam ignorierte es. „Wir werden die alte Ordnung zerschlagen. Und aus ihren Trümmern werden wir eine neue Gesellschaft errichten. Eine Gesellschaft der Gerechtigkeit. Eine Gesellschaft, in der niemand mehr hungert, in der nicht die Geburt über das Schicksal entscheidet.“ Seine Stimme hallte durch die kalte Nacht. Kein Zittern, kein Zweifel. Nur reine Überzeugung. Dann richtete er sich auf, sein Blick suchte Theol und Ralf. „Jeder von euch hat eine Rolle zu spielen. Jeder ist unverzichtbar. Wir alle sind Teil von etwas Größerem. Also frage ich euch – seid ihr bereit?“ Einen Herzschlag lang war alles still. Dann – ein donnerndes Jubeln. Liam sah, wie die Unsicherheit aus ihren Gesichtern verschwand, ersetzt durch Entschlossenheit. Sie hatten ihre Antwort gegeben. Und jetzt gab es kein Zurück mehr. Er lächelte leicht und bedeutete Theol mit einer knappen Geste, ihm ins Zelt zu folgen. Die eigentliche Arbeit hatte gerade erst begonnen. - ------------------------------------------------------------------------- Liam ließ sich mit einem leisen Seufzen auf den Holzstuhl sinken, der vor dem massiven Tisch stand. Das Zelt war schlicht eingerichtet – raues Holz, grob gezimmerte Regale, ein einzelnes Kerzenlicht, das sanft flackerte. Doch gerade diese Einfachheit gab ihm eine Ruhe, die er nach der aufreibenden Rede dringend brauchte. Gegenüber blieb Theol stehen, seine schlanke, reptilienhafte Gestalt wirkte in dem gedämpften Licht noch imposanter. Seine schwarzen Schuppen reflektierten das Kerzenlicht, während seine Augen, tief und durchdringend, voller Bewunderung funkelten. Er neigte leicht den Kopf, seine Stimme fest, als er sprach. „Boss, das war eine verdammt gute Rede.“ Liams Mundwinkel zuckten leicht. Theol war ein Mann, der nur sprach, wenn er es ernst meinte. „Ich muss zugeben, ich hatte befürchtet, dass wir dich in der Kaiserstadt verloren haben. Aber heute…“ Theol hielt kurz inne, als würde er nach den richtigen Worten suchen. „Heute hast du bewiesen, dass du immer noch derselbe Liam bist, dem ich damals gefolgt bin.“ Liam nickte langsam. Er schätzte Theols Loyalität – nicht nur, weil er ein verlässlicher Verbündeter war, sondern weil er ihm nicht blind folgte. Theol war intelligent, er stellte Dinge infrage, widersprach ihm, und doch war er immer da geblieben. Das allein bedeutete mehr, als Worte es ausdrücken konnten. Mit einer geschmeidigen Bewegung griff Liam nach dem schweren Ledersack, der auf dem Tisch lag. Das Klirren von Gold erfüllte den Raum, als er den Beutel anhob, ein metallisches Echo, das eine unausgesprochene Bedeutung trug. Er hielt ihn für einen Moment fest, dann schob er ihn über den Tisch zu Theol. „Das hier ist für dich.“ Liams Stimme war ruhig, aber voller Gewicht. „Du hast eine Aufgabe, die für mich unglaublich wichtig ist.“ Theol runzelte die Stirn, sein Blick wanderte zwischen Liam und dem Sack hin und her. Seine Pupillen verengten sich leicht – ein Zeichen seiner Verwirrung. „Und was genau ist meine Aufgabe?“ fragte er schließlich, seine Stimme misstrauisch. Liam lehnte sich in seinem Stuhl zurück, verschränkte die Arme und hielt Theol in seinem Blick gefangen. „Die Hälfte des Goldes bringst du nach Erzofen, zu der Familie Stahl.“ Seine Worte waren ruhig, aber in ihnen lag eine unausweichliche Endgültigkeit. „Fer, erinnerst du dich? Er ist nur Abenteurer geworden, um seine Familie zu versorgen. Er hat sein Leben im Kampf gegeben – es liegt an uns, dafür zu sorgen, dass seine Familie überlebt.“ Fer war für Liam mehr als nur ein Kamerad gewesen – er war ein Freund, ein Mann mit Ehre. Dass sein Tod nicht umsonst sein durfte, war nicht nur ein Wunsch, es war eine Pflicht. Theol sah Liam weiterhin an, und eine Frage lag noch immer unausgesprochen zwischen ihnen. ,,Und die andere Hälfte?’’ fragte er schließlich. Liams Miene wurde ernster, seine Finger trommelten langsam auf die Tischkante. Dann atmete er tief durch, bevor er sprach. „Damit baust du ein Waisenhaus nördlich von Inhantes.“ Theols Augen weiteten sich leicht. Er hatte vieles erwartet – aber nicht das. „Dort gibt es eine Ansammlung von Dörfern, voller Kinder, die keinen Schutz mehr haben.“ Liam sprach langsam, ließ jede Silbe in der Luft hängen, als würde er sie selbst erst prüfen müssen. „Ich will Roxys Traum wahr werden lassen. Auch wenn sie nicht mehr hier ist.“ Ein Moment der Stille folgte. Theol sagte nichts, doch Liam sah, wie sich seine Haltung veränderte. Theol kannte Roxy, kannte ihren Traum. „Das werde ich tun, Boss.“ Seine Stimme war dieses Mal leise, fast andächtig. Doch in seinen Augen brannte eine Entschlossenheit, die keine Fragen mehr offen ließ. „Ich werde dafür sorgen, dass Roxys Traum zur Realität wird.“ Liam nickte, ein Hauch von Erleichterung in seinem Gesicht. „Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann, Theol. Danke.“ - ------------------------------------------------------------------------- Als Kronprinz Sebastian die Neuigkeiten vom kaiserlichen Kurier entgegennahm, konnte er ein triumphierendes Lächeln nicht unterdrücken. Endlich! Der Bote hatte ihm eine versiegelte Botschaft vom Kaiserlichen Minister Selfmun Aragi überreicht – eine Nachricht, die von einer drohenden Revolte in Randurin sprach. Genau darauf hatte er gewartet. Nicht Tage, nicht Wochen, sondern Monate. Ein Funke, der das Feuer entzünden würde, das er brauchte. Ein Anlass, um zu handeln, um seine Macht zu beweisen. Etwas, das ihn voranbringen würde im Prinzenspiel. Ein perfekter Moment, um sich als der fähigste, der würdigste der Kronprinzen zu erweisen. Er konnte nicht zulassen, dass irgendjemand anderes sich diesen Ruhm holte. Ohne Zögern eilte er zu den Stallungen, seine Schritte fest und entschlossen. Der stechende Geruch von Stroh und Leder erfüllte die Luft, als er eintrat. Ohne auf Hilfe zu warten, griff er nach dem Sattel seines Pferdes und legte ihn über den muskulösen Rücken von Ahorn, seinem prächtigen goldenen Schlachtross. Das Tier wieherte leise, als ob es die aufkommende Spannung spürte, doch Sebastian zögerte nicht. Mit geübten Bewegungen sicherte er den Gurt und zog die Zügel straff. Er hatte keine Zeit zu verlieren. ,,Ihr verreist, Hoheit?’’ Die Stimme einer Wache ließ ihn kurz aufblicken. Der Mann stand am Eingang der Stallungen, seine Haltung respektvoll, doch in seinem Ton lag eine unüberhörbare Neugier. „Ja, das tue ich.“ Sebastians Stimme war ruhig, aber bestimmt. „Meine Frau übernimmt für die Dauer meiner Abwesenheit die Angelegenheiten in Vallyka.“ Die Wache neigte tief das Haupt, ohne weitere Fragen zu stellen. Sebastian ließ ihn stehen und schwang sich auf Ahorns Rücken. Dann trieb er sein Ross an. Er ritt los. Allein, ohne Eskorte, ohne ein Heer. Nur mit seinem Schwert und seiner Magie, seinem Verstand und seinem unerschütterlichen Glauben an seinen Sieg. Er würde diese Rebellen vernichten. Er würde den Ruhm allein für sich beanspruchen. Er konnte nicht verlieren.
- Kapitel 98 - Das Ausmaß der Zerstörung
Jamall saß auf dem Deck des Handelsschiffs, das ihn nach Okta bringen sollte. Der salzige Wind strich über seine Haut, brachte die Kühle des offenen Meeres mit sich, doch konnte er sie nicht genießen. Seine Gedanken waren weit weg, festgefroren in dem Chaos, das sich am Horizont abspielte. Der vierte Hafen von Welldyl, einst geschäftig und voller Leben, brach vor seinen Augen auseinander, als hätte eine höhere Macht beschlossen, ihn aus der Welt zu reißen. Tiefe Risse zogen sich durch den Boden, verschlangen Häuser und Straßen, während Trümmer wie Spielzeug von unsichtbaren Händen durch die Luft gewirbelt wurden. Die Erde bebte weiter, als würde sie vor Schmerz schreien, und schwarze Rauchschwaden zogen träge in den Himmel, kündeten von Zerstörung und Tod. Und mitten darin stand sie. Leyla. Regungslos, wie eine dunkle Königin, die über ihr verwüstetes Reich blickte. Sie wirkte nicht erschöpft, nicht erschüttert – es war, als wäre sie die einzige Konstante in dieser stürmischen, kollabierenden Welt. Der blonde Mann, ihr Gegner, war verschwunden. Ob er lebte oder tot war, spielte für Jamall keine Rolle mehr. Das Einzige, was er sah, war die Frau, die diese Katastrophe verursacht hatte. Er spürte, wie sein Magen sich zusammenzog. Nicht vor Wut. Nicht vor Angst. Vor Abscheu. „Was für ein Monster…“ murmelte er, mehr zu sich selbst als zu jemand anderem. Seine Stimme wurde vom Wind fortgetragen, kaum hörbar, doch das Gefühl hinter den Worten wog schwerer als jede seiner Gedanken. Lange Zeit hatte er nicht geglaubt, dass jemand wie sie existieren konnte. Eine Frau, die dem Tod entging, indem sie ihn auf andere übertrug. Eine Frau, deren bloße Existenz ein Fluch für jene war, die ihr nahe standen. Er hatte sie für eine gewöhnliche Kriegerin mit einer verfluchten Fähigkeit gehalten. Doch jetzt, da er es mit eigenen Augen sah, wusste er, dass es ganz anders war. Leyla war kein normaler Mensch. Sie war eine Bedrohung. Es gab nur wenige Wesen auf dieser Welt, die diesen Titel verdienten. Kreaturen, denen man sich als normaler Mensch, wie Jamall es einer war, nicht stellen durfte, egal wie entschlossen oder stark man war. Yang. Die unangefochtene Anführerin der Kaiserlichen Kopfgeldjäger. Eine Legende, die im Großen Krieg Armeen allein durch ihre Hand auslöschte. An der Seite des Kaisers war sie eine unumgängliche Macht, die jeden Gedanken an Rebellion durch ihre pure Existenz im Keim erstickte. Ziaho Tah, der Weise von Heim. Ein Mann, von dem gesagt wurde, er besäße das gesamte Wissen der Welt. Ein Gelehrter, der alle Magieformen beherrschte und mehr Geheimnisse über das Universum kannte als jede andere sterbliche Seele. Der Mann, den Jamall treffen wollte. Und dann war da Leyla. Auch wenn Leyla nicht annähernd an Yang oder Ziaho Tah heranreichte. Auch wenn Leyla aus der Sicht der beiden näher an seiner eigenen Stärke war, so war sie trotzdem für Jamall unerreichbar. Bis zu diesem Vorfall hatte er geglaubt, dass ein cleverer Plan oder eine kluge Strategie ausreichen würde, um sie zu bezwingen. Doch das hier – das, was sie getan hatte – war jenseits von allem, was er mit einem starken Willen bezwingen konnte. Sie war ein wandelndes Desaster, eine Naturgewalt in Menschengestalt. Und Jamall wusste, dass er sich einem Taifun nicht mit einem Dolch entgegenstellen konnte. Nein. Wenn er eine Chance gegen sie haben wollte, brauchte er die Waffe, die er sein ganzes Leben schon suchte. D as Schwert der fünf Monde. Ein Relikt, von dem nur wenige wussten. Eine Klinge, von der es hieß, sie könne selbst Götter töten. Es war keine bloße Waffe, sondern ein Urteil. Das einzige Instrument, mit dem er ein Monster wie sie auslöschen konnte. Seine Faust ballte sich, während sein Blick noch einmal über die brennenden Trümmer glitt. Er hatte keine Zeit zu verlieren. Mit einem letzten, entschlossenen Atemzug wandte er sich ab, brannte das Bild von Leyla in seinen Geist ein. Sie war eine Gefahr, die nicht länger existieren durfte. Und er würde derjenige sein, der sie auslöschte. Koste es, was es wolle. - ------------------------------------------------------------------------- Leylas Blick war auf den Abgrund gerichtet, auf das dunkle, trübe Hafenwasser, das sich mittlerweile nur noch träge in den klaffenden Spalt ergoss. Ihre Augen durchsuchten das Chaos, bis sie ihn fand – oder besser gesagt, das, was von ihm übrig war. Leonhardt. Sein lebloser Leib lag zwischen zerbrochenen Balken und Felsbrocken, sein einst imposanter Körper nun ein bloßes Wrack. Das Wasser hatte ihn verschlungen, ihn zerschmettert, ihn gebrochen. Ein Beben lief durch ihren Körper, doch es war nicht mehr die rohe Kraft des Runensteins, die in ihr tobte. Es war Schwäche. Die Erschöpfung, die bisher durch Adrenalin und Wut verborgen gewesen war, übermannte sie nun mit voller Wucht. Ihre Beine gaben nach, und sie sank mit ihren Knien auf den zerstörten Boden, der noch immer warm vom Blut der Toten war. Das Beben verstummte. Die wilde Aura, die sie eben noch umgeben hatte wie ein brennender Mantel, löste sich auf, verblasste zu einem fernen Echo. Und mit ihr verließ sie die Kraft, die sie auf den Beinen gehalten hatte. Dann traf sie der Schmerz. Ein allumfassender, zerreißender Schmerz, der sie beinahe zum Schreien brachte. Er schlug auf sie ein wie eine Welle aus Feuer und Eisen, ließ sie keuchen und erzittern. Ihr rechter Arm hing schlaff, vollkommen nutzlos an ihrer Seite, ihre Haut war übersät mit blutenden Wunden, Schwellungen und Schnitten. Jeder Atemzug war eine Qual. Ihr Körper fühlte sich an wie ein leeres Gefäß, ausgebrannt und kraftlos. Der vierte Hafen – ein Ort, der vor wenigen Stunden von Händlern, Fischern und Reisenden bevölkert war, ein Ort voller Leben und Geschichten – war nur noch eine Ruine. Die Straßen, die von Marktschreiern und Kindern gefüllt gewesen waren, lagen in Trümmern. Häuser, die Generationen überdauert hatten, waren nur noch Schutthaufen. Die Schiffe, die an den Docks gelegen hatten, waren zerborsten, zerfetzt wie Blätter im Sturm. Und dann waren da die Leichen. So viele Leichen. Das rote Blut vermischte sich mit dem Blau des Meeres, zog lange, unheilvolle Schleier über das Wasser. Der Geruch von Tod und Salzwasser lag schwer in der Luft, ein süßlich-metallischer Gestank, der sich in ihren Sinnen festsetzte. Sie wusste nicht, wie viele Menschen hier gestorben waren – Hunderte, vielleicht Tausende. Ihre Finger bebten, als sie sie betrachtete, als könnte sie das Blut darauf sehen, obwohl es nicht direkt an ihren Händen klebte. Ein Krieg tobte in ihr. Auf der einen Seite war da ihre menschliche Seite. Die Seite, die all das bereute. Die Seite, die um Vergebung flehen wollte, die am liebsten die Zeit zurückdrehen würde, um ihre Taten zu verhindern. Diese Seite von ihr wollte zusammenbrechen, wollte schreien, weinen, wollte das alles ungeschehen machen. Doch dann war da noch etwas anderes. Etwas, das in ihr lachte. Etwas, das sich stark fühlte, das keine Angst kannte. Eine Seite, die sich nicht darum scherte, wie viele Unschuldige unter den Trümmern begraben lagen. Eine Seite, die wusste, dass sie überlebt hatte – und dass dies das Einzige war, was zählte. Diese Seite liebte den Kampf. Sie genoss es, ihre Feinde unter sich zu begraben. Sie fühlte keine Schuld, keine Reue – nur Macht. „Nein“, flüsterte Leyla, ihre Stimme brüchig. Ihre linke Hand fuhr zu ihrem Gesicht, als könnte sie die Dunkelheit damit fortwischen, als könnte sie verhindern, dass diese fremde, bedrohliche Macht sie verschlingt. „Das bin nicht ich… Das ist der Stein…“ Aber war es wirklich nur der Stein? Filia. Der Name hallte in ihrem Kopf, brachte die Erinnerung an jenen einen Tag zurück, an das, was sie damals gefühlt hatte – oder vielmehr, was sie nicht gefühlt hatte. Filia war eine der wichtigsten Personen für Leyla gewesen. Sie hatte erwartet, dass ihr Tod sie in Stücke riss, dass der Schmerz sie zerbrach. Doch stattdessen war es anders gewesen. Trauer, ja. Aber keine Verzweiflung. Keine unerträgliche Qual. Als hätte etwas in ihr beschlossen, den Schmerz einfach auszulöschen. Leyla hatte keine Angst vor ihren Feinden. Nicht vor Männern wie Leonhardt, nicht vor Magiern, nicht vor Kaisern. Seit heute hatte sie diese Angst nicht länger. Aber sie fürchtete sich vor dem, was sie werden könnte. Sie fürchtete sich davor, eines Tages zurückzublicken und zu erkennen, dass sie nicht mehr Leyla war, sondern nur noch ein Schatten, eine leere Hülle, die nur noch ein einziges Ziel kannte: Macht. Sie versuchte aufzustehen. Ihr Körper versagte. Mit einem dumpfen Laut brach sie wieder zusammen, ihr Blut vermischte sich mit dem Staub unter ihr. Ein scharfer Schmerz zuckte durch ihren Brustkorb, als ob ihre Lungen selbst sie im Stich lassen wollten. Sie keuchte, ihr Atem kam in flachen, rauen Zügen. Sie wollte ihre Magie nutzen, wollte sich aufrichten, doch da war nichts. Keine Kraft. Keine Stimme, die auf ihr Flehen antwortete. Der Runenstein schwieg. „Was… soll ich nur tun…“ flüsterte sie. Die Worte entglitten ihr, kaum hörbar, fast so, als wollte sie sie nicht aussprechen. Und dann ertönte eine Stimme, ruhig, fast beiläufig. [???] ,,Das ist gar nicht gut Leyla, du siehst echt schlecht aus.’’ - ------------------------------------------------------------------------- Leyla kannte diese Stimme. Sie war nicht laut, nicht fordernd, sondern ruhig, fast gelassen – als hätte ihr Besitzer nicht die geringste Sorge um die Welt. Doch warum kam sie ihr so vertraut vor? Ihr Kopf war ein einziges Durcheinander, zu sehr von Schmerzen, Erschöpfung und den Bildern der Verwüstung gefüllt, um einen klaren Gedanken zu fassen. [???] „Ein Glück, dass wir uns hier begegnen. Ich bringe uns mal an einen ruhigeren Ort.“ Sie wollte protestieren, wollte fragen, wollte fordern, dass man ihr sagte, wer hier sprach – aber ihre Stimme versagte. Ihre Kehle fühlte sich rau und ausgedörrt an, und ihr Körper gehorchte ihr nicht mehr. Kein einziges Wort kam über ihre Lippen. Dann – völlige Stille. Die Trümmer, der salzige Gestank des Meeres, das Echo der einstürzenden Gebäude – alles war verschwunden. Es war, als wäre die Welt um sie herum mit einem einzigen Atemzug ausgelöscht worden. Als Leyla wieder klar sehen konnte, lag sie nicht mehr auf den kalten, blutverschmierten Steinen des Hafens, sondern auf glatten, stabilen Holzbrettern. Die Luft roch nach warmem Wachs und einem Hauch von frischer Seife – ein merkwürdiger Kontrast zu dem Chaos, in dem sie gerade noch gelegen hatte. Dann spürte sie, wie sich eine sanfte Hand auf ihren Rücken legte. Eine sanfte, fast beruhigende Wärme breitete sich in ihrem Körper aus. Zuerst spürte sie, wie die Wunden an ihren Armen verschwanden, dann, wie die Prellungen nachließen. Selbst ihr zerstörter rechter Arm, der nur noch ein nutzloses Stück Fleisch gewesen war, kehrte in seinen ursprünglichen Zustand zurück. Es war, als würden die Spuren des Kampfes einfach ausradiert werden. Doch ihr Herz schlug unruhig. Der Schmerz in ihrem Körper mochte verschwunden sein, aber der in ihrem Geist? Der blieb. Die Erinnerungen an die Schreie, an das unkontrollierte Beben der Erde, an die Toten, die in den Trümmern lagen – das alles ließ sich nicht so einfach heilen. Unter Anstrengung setzte sie sich auf und drehte sich um. Und dann stockte ihr der Atem. Vor ihr stand jemand, den sie fast vergessen hatte – jemand, der aus einem längst vergangenen Moment ihrer Reise zurückgekehrt war. Weiße Haare, ein sanftes, wissendes Lächeln, und Augen, die so viel mehr zu verstehen schienen, als sie je aussprechen würden. ,,Finn!’’ Ohne nachzudenken, ohne zu überlegen, fiel sie ihm um den Hals. Die pure Erleichterung, ein vertrautes Gesicht zu sehen, übermannte sie. Sie hatte ihn nur einmal getroffen, damals in Malyl, in einer Nacht, die längst verblasst war. Er hatte sich mit ihr unterhalten und war dann wieder verschwunden, ohne eine Spur zu hinterlassen. Nun stand er wieder hier. ,,Ich sehe schon, es ist viel passiert, seit wir uns das erste Mal gesehen haben.’’ Finns Stimme war beruhigend, tröstend. Leyla löste sich langsam aus der Umarmung und sah sich zum ersten Mal richtig um. Das Zimmer war schlicht, wahrscheinlich eine Taverne. Ein Bett, ein Tisch, einige Kerzen, deren sanftes Licht den Raum in warmen Glanz tauchte. Es war einfach – aber sicher. „Du bist stärker geworden“, bemerkte Finn und musterte sie mit leicht geneigtem Kopf. „Und das meine ich nicht nur im Hinblick auf deine Kräfte. Dein Selbstbewusstsein hat sich verändert.“ Leyla nickte langsam, während sie sich wieder fasste. „Ja… das stimmt wohl.“ Sie wusste nicht, warum sie so schüchtern klang. „Danke für die Heilung…“ Doch während ihre Erschöpfung langsam nachließ, schlich sich ein anderer Gedanke in ihren Kopf. Sie wusste eigentlich nichts über Finn. Wer war er wirklich? Damals in Malyl war er einfach da gewesen und plötzlich wieder verschwunden. Jetzt hatte er sie hierhergebracht, als wäre es nichts. Wie? „Finn… wer bist du eigentlich?“ Ihre Stimme war ruhig, aber in ihr lag ein neues Selbstbewusstsein. Finn lehnte sich zurück, sein Blick blieb freundlich – aber sie sah, dass er nachdachte. „Ich bin ich.“ Leyla hob eine Augenbraue. „Das ist nicht wirklich eine Antwort.“ Ein leichtes Lächeln spielte um Finns Lippen. „Es ist momentan die einzige, die ich dir geben kann.“ Leyla seufzte. Natürlich. „Aber ich kann dir versprechen, dass ich auf deiner Seite stehe.“ Finns Stimme war sanft, aber bestimmt. „Ich werde dir nicht schaden.“ Leyla spürte, dass er die Wahrheit sagte. Finn log nicht. Er verschwieg Dinge, aber sie anlügen? Das tat er nicht. „Und was möchtest du, dass ich jetzt tue?“ fragte sie. Sie hatte irgendwie das Gefühl, als würde er etwas von ihr erwarten. Finn schüttelte langsam den Kopf. „Das kann ich dir nicht sagen.“ Leylas Stirn legte sich in Falten. „Warum nicht?“ „Weil du deinen eigenen Weg gehen musst.“ Etwas an seinen Worten störte sie. Es war nicht das, was er sagte – es war, wie er es sagte. Als wüsste er bereits, welchen Weg sie nehmen würde. Als hätte er längst gesehen, was sie selbst noch nicht einmal erahnte. Ein Verdacht schlich sich in ihr Herz. ,,Und was wenn ich sterben sollte?’’ Sie fragte ihn nicht, weil sie Angst vor so einer Zukunft hatte. Sie war sich ziemlich sicher, dass sie nicht sterben würde. Nein – sie wollte sehen, wie er reagieren würde. - ------------------------------------------------------------------------- Finn setzte sich aufrecht hin, sein Blick fixierte Leyla mit einer Intensität, die ihr eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Es war, als würde er durch ihre Haut hindurchsehen, als könnte er direkt in ihre Seele blicken und jedes Geheimnis, jeden Zweifel, jede verborgene Angst offenlegen. „Wenn du sterben würdest…“ begann er langsam, seine Stimme war sanft, aber seine Worte trugen ein Gewicht, das Leyla nicht ignorieren konnte. „Dann würde unsere Welt ein bisschen dunkler werden.“ Da war sie wieder – diese tiefe, melancholische Sehnsucht, die sie schon damals in Malyl aus seiner Stimme herausgehört hatte. Eine Traurigkeit, die nicht einfach nur ein Gefühl war, sondern etwas, das tief in ihm verwurzelt war. Es schien, als hätte Finn bereits unzählige Verluste erlebt, als würde er bereits wissen, wie es sich anfühlte, wenn etwas Unersetzbares verloren ging. Leyla spürte, wie ihr Brustkorb sich eng zusammenzog. Wenn Finn tatsächlich wusste, was in der Zukunft lag, warum sprach er dann so? Sie konnte doch nicht sterben. Oder etwa doch? War ihre Theorie falsch? Gab es ein Limit, eine festgelegte Anzahl an „Kerzen“, die erlöschen konnten, bevor es wirklich ihr eigenes Leben kostete? Oder war es etwas anderes, etwas, das sie bisher übersehen hatte? Die Fragen schossen ihr durch den Kopf, wirbelten durcheinander wie ein Sturm – doch sie wagte es nicht, auch nur eine von ihnen auszusprechen. Finn schüttelte sanft den Kopf, als könnte er ihre Gedanken lesen. „Lass uns nicht über solch schreckliche Dinge sprechen.“ Seine Stimme nahm einen leichteren Ton an, als wollte er die düstere Stimmung vertreiben. „Ich habe dich hierhergebracht, um dir zu helfen.“ Leyla zwang sich, sich wieder zu konzentrieren. „Wo genau sind wir?“ fragte sie, während ihr Blick erneut durch den Raum wanderte. Die schlichte Einrichtung, das warme Kerzenlicht, der Geruch von frischem Holz – es war beruhigend, ein völliger Kontrast zu dem Chaos, das sie hinter sich gelassen hatte. Finn lächelte leicht. „In Welldyl. Dem unzerstörten Teil.“ Seine Worte ließen ihr Herz kurz stocken. Der unzerstörte Teil. Das bedeutete, dass der Rest... Ihr Magen zog sich abermals zusammen, als der Gedanke an die Ruinen des Hafens in ihr aufstieg. An die Menschen, die sie mit ihrer unkontrollierten Kraft unter sich begraben hatte. An all das Blut, das nun an ihren Händen klebte. Doch sie schob die Schuldgefühle beiseite – sie musste sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Finn musterte sie kurz, als wolle er prüfen, ob sie ihm noch zuhörte. Dann sagte er mit einem geheimnisvollen Unterton: „Ich weiß, dass du nach etwas Bestimmtem suchst. Ich darf es nicht direkt benennen, aber vielleicht… kann ich dir eine Geschichte erzählen.“ Leyla hob den Kopf. War das ein Hinweis? Sprach er über die Runensteine? Wie viel wusste er? Und woher? „Nun, weißt du, welche die größte Stadt auf den Tabakinseln ist?“ fragte Finn, als wäre es ein Rätsel. Leyla runzelte die Stirn. „Tripolis?“ Finn schüttelte den Kopf, sein Lächeln wurde etwas breiter. „Nein. Tripolis ist die bekannteste Stadt, aber nicht die größte. Die eigentliche Metropole liegt nicht an Land – sondern am Meeresgrund.“ Leylas Augen verengten sich misstrauisch. „Eine Stadt unter Wasser?“ Davon hatte sie noch nie etwas gehört. „Ja.“ Finn nickte. „Ihr Name ist Mylrie. Die Stadt der Meriden. Sie liegt tief unter dem Ozean, in einer Region, die von Meeresmonstern heimgesucht werden sollte, aber sie wird es nicht. Weißt du warum?“ Leyla verschränkte die Arme. „Lass mich raten: Sie haben eine gute Verteidigung?“ „Nicht ganz.“ Finns Stimme nahm einen bedeutungsschwangeren Ton an. „Ihr Schutz kommt nicht aus ihren Waffen, sondern aus dem, was tief im königlichen Palast verborgen liegt. Etwas, das sie sicher hält. Etwas, das dem, was du bereits besitzt, sehr ähnlich ist.“ Leyla spürte, wie ihr Herz einen Moment aussetzte. Ihre Finger verkrampften sich in ihrem Schoß, während ihr Geist rasend schnell arbeitete. War das wahr? Seit sie von den Runensteinen erfahren hatte, war sie in einer Sackgasse gewesen. Sie konnte niemanden fragen, wo sich die anderen befanden, und jetzt – jetzt hatte sie endlich eine Richtung. Ein Ziel. Sie öffnete den Mund, um weiterzufragen, doch Finn stand plötzlich auf. „Unsere Zeit ist vorbei.“ Seine Bewegung war so unerwartet, dass sie zusammenzuckte. „Warte!“ Leyla streckte die Hand nach ihm aus, als könnte sie ihn damit aufhalten. „Wann sehen wir uns wieder?“ Doch Finn antwortete nicht. Stattdessen schenkte er ihr nur dieses rätselhafte, wissende Lächeln – das Lächeln eines Mannes, der bereits wusste, was als Nächstes geschehen würde. Und dann, genau wie in Malyl, verschwand er. Leyla blieb alleine zurück, die Hand noch immer in der Luft, als würde sie nach etwas greifen, das längst außer Reichweite war. Für einen kurzen Moment hielt sie inne, bevor sie aufstand und zur Tür ging. Sie hatte noch einen Auftrag zu erledigen.
- Kapitel 97 - Hochmut kommt vor dem Fall
Leyla sank tiefer und tiefer, das eiskalte Wasser umschloss sie wie ein schwerer, endloser Mantel aus Dunkelheit. Ihre Gedanken waren träge, verworren, als würden sie durch eine dichte Nebelschicht treiben. Sie hörte das dumpfe Dröhnen des Wassers in ihren Ohren, fühlte das Pochen ihres Herzens, das immer langsamer wurde. Der Schmerz, der ihren Körper durchzog, war allgegenwärtig, doch selbst er verblasste unter der lähmenden Kälte. ,,Mir ist kalt…’’ ,,Ich will nicht sterben…’’ ,,Was soll ich tun…’’ Diese Gedanken flackerten auf, nur um sogleich wieder im Strudel ihrer Erschöpfung zu versinken. Die Hilflosigkeit, die sie überkam, war erdrückend. War sie wirklich so schwach? Selbst jetzt, als eine Kaiserliche Kopfgeldjägerin, war sie in eine Situation geraten, in der sie alleine nicht weiterkam. War all ihr Training, all ihre Entschlossenheit, die sie bis hierher gebracht hatte, am Ende bedeutungslos? Die Macht des Runensteins, sie machte ihr Angst. Die Zerstörung, die sie innerhalb von Sekunden entfacht hatte. Die Toten, die in den dreistelligen Bereich gingen. Die Tatsache, dass, sobald sie auch nur etwas zu viel Kraft einsetzte, sie die Kontrolle verlor. All das machte ihr furchtbare Angst. Doch noch etwas anderes bohrte sich in ihre Gedanken, ein Gefühl, das sich nicht so leicht ertränken ließ. Es war kein Schmerz, keine Angst – es war Wut. Wut über ihre eigene Ohnmacht. Wut darüber, dass sie sich immer wieder von anderen retten lassen musste. Wut, dass ihr eigener Körper ihr nicht gehorchte. Wut, dass andere für ihre Fehler bezahlen mussten. Und dann war da dieser tiefe, unbändige Drang nach Freiheit. Das Verlangen, sich nicht auf andere verlassen zu müssen. Selbstbestimmt zu sein. Die Kraft zu haben, ihren eigenen Weg zu gehen – ohne dass jemand sie zwingen, lenken oder unterwerfen konnte. Es war ein Gefühl, das sie schon die ganze Zeit begleitete, ein unstillbares Verlangen, das sie trotz all ihrer Rückschläge nie hatte ersticken können. Und mit jeder Sekunde, die sie weiter in die Tiefe gezogen wurde, schien dieser Wunsch in ihr zu wachsen. Ihr Rücken berührte den schlammigen Grund des Hafenbeckens. Der weiche, nachgebende Boden umschloss sie, zog an ihr, als wollte er sie in die Finsternis hinabreißen. Doch in diesem Moment geschah etwas. Ihr Drang nach Freiheit. Ihr Verlangen, unabhängig agieren zu können, sich nicht auf andere verlassen zu müssen, es war groß. Sie spürte es. Tief in ihrem Inneren, in den verborgensten Winkeln ihrer Seele, regte sich eine alte, gewaltige Kraft. Der Runenstein, der in ihr schlummerte, begann zu pulsieren – ein kaum wahrnehmbares Zittern, das mit jeder Sekunde mächtiger wurde. Es war, als würde ein einzelner Funke in der Dunkelheit entfacht. Zunächst klein, kaum mehr als eine schwache Glut, doch dann... dann loderte er auf. Das Feuer in ihr erwachte. Leylas Augen rissen auf. Ein Schrei entfloh ihrer Kehle, doch das Wasser verschluckte ihn. Die Kälte, die sich wie Nadeln in ihre Haut gebohrt hatte, wurde von etwas anderem verdrängt – von einer sengenden Hitze, die aus ihrem Inneren emporstieg, sich in ihren Gliedern ausbreitete, bis sie jede Faser ihres Körpers erfüllte. Es war keine sanfte, behutsame Energie. Es war urtümlich, wild, ein Strom roher, ungezähmter Macht. Und sie gehörte ihr. - ------------------------------------------------------------------------- Leonhardt ließ seinen Blick über das unruhige Wasser des Hafenbeckens gleiten. Die Sonne spiegelte sich in den kleinen Kräuselungen der Wellen, tauchte das Wasser in ein trügerisches Schimmern aus Gold und Silber. Doch von Leyla fehlte jede Spur. Keine Blasen stiegen auf, kein Schatten bewegte sich unter der Oberfläche – nur die endlose, schweigende Tiefe des Wassers. Er seufzte leise und ließ sich auf einem Trümmerhaufen nieder, sein Blick verlor sich im Horizont. Er hatte mit ihr spielen wollen. Sie quälen, brechen, zermahlen, bis nichts weiter als ein winselnder Schatten ihrer selbst übrig war. Doch nun war sie fort, im Meer verschwunden, und mit ihr seine Freude. Langsam rieb er sich die Schläfe. Der dumpfe Schmerz in seinem Kopf wurde stärker, ein pochender Nachhall der Droge, die immer noch in seinen Adern brannte. „Tiefenwasser“ , hatte Raya es genannt – ein dunkles, giftiges Elixier, das seine sonst nur mittelmäßige Donnermagie verstärkt und seine körperlichen Fähigkeiten auf ein unmenschliches Niveau angehoben hatte. Doch alles hatte seinen Preis. Bald würden die Nebenwirkungen einsetzen. Er wusste, was ihn erwartete – Stunden, vielleicht sogar Tage voller Schmerzen, in denen sich sein Körper wie unter Feuer anfühlen würde. Aber es war es wert gewesen. Leyla war nicht die naive, unerfahrene Kämpferin, die er damals mit diesem lächerlichen Elfen gesehen hatte. Sie war stärker geworden. Viel stärker. Gefährlicher. Und genau das machte sie so… faszinierend. Seine Zunge fuhr langsam über seine Lippen, und ein fiebriges Lächeln zog sich über sein Gesicht. „Ahh… ich hätte so gerne gehört, wie sie schreit…“ murmelte er, sein Blick glasig vor Gedanken, die sich nur um sie drehten. Noch ein paar Minuten würde er warten. Vielleicht war sie einfach ertrunken. Vielleicht würde ihr toter Körper bald auftreiben, und er könnte sich ein letztes Mal an ihrem Anblick erfreuen, bevor die Wellen sie forttrugen. Doch dann: —GRUMMEL— Ein Vibrieren zog sich durch den Boden, zuerst kaum spürbar, dann mit wachsender Intensität. Der Hafen erzitterte, als würde ein Riese seine Faust gegen die Erde hämmern. Die Mauern der ohnehin schon zerstörten Gebäude begannen zu beben, lose Steine fielen polternd zu Boden, und mit einem dröhnenden Ächzen stürzten die letzten, noch stehenden Wände ein. Leonhardt spürte es durch seinen gesamten Körper – eine rohe, ungezähmte Kraft, die sich von tief unten ihren Weg nach oben bahnte. Die Luft selbst schien schwerer zu werden, drückend und geladen mit Energie, die in jeder Faser spürbar war. Sein Lächeln verschwand. „Was zum…?“ Dann kam das Geräusch – ein donnerndes, urtümliches Grollen, als würde ein Gebirge auseinanderbrechen. Ein Brüllen, das nicht aus einer Kehle, sondern aus der Erde selbst stammen musste. Ein Schatten legte sich über Leonhardts Gesicht, als eine Erkenntnis ihn traf, kalt und schneidend wie eine Klinge an seiner Kehle. Er hatte sie unterschätzt. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla spürte, wie sie mit der Erde verschmolz. Der dichte, schwere Schlamm, der sie umschloss, fühlte sich nicht wie eine Last an, sondern wie ein Schutz – eine warme Umarmung aus purer Kraft, die sie nicht einsperrte, sondern befreite. Die Erde flüsterte ihr zu, ließ sie fühlen, dass sie Teil von ihr war, dass sie unzertrennlich miteinander verbunden waren. Es war als würde die Erde selbst zu ihr sprechen — ,,Du gehörst zu mir.’’ Sie war keine bloße Sterbliche mehr, keine Kopfgeldjägerin, keine einfache Frau mit einer Mission – sie war ein Wesen aus Stein und Erde, eine Kraft, durch die der Boden selbst pulsierte. Sie öffnete die Augen. Alles um sie herum war ruhig. Die Kälte, die sie zuvor noch durchzogen hatte, war verschwunden. Ihr Körper war entspannt, ihr Geist klar. Langsam richtete sie sich auf, ihre Bewegungen fließend und kontrolliert. Die Strömung, die sonst jeden Kämpfer unter Wasser hilflos gemacht hätte, berührte sie kaum. Solange ihre Füße den Boden spürten, gab es nichts, das sie aufhalten konnte. Dann spannte sie ihre Muskeln an, und mit einer einzigen Bewegung katapultierte sie sich aus den Tiefen des Hafenbeckens. Mit der Wucht eines entfesselten Sturms durchbrach sie die Oberfläche, das Wasser explodierte um sie herum in einem gewaltigen Schwall. Und dann sah sie es. Das Chaos, das sie entfesselt hatte, war unaufhaltsam. Die Erde bebte, als würde sie in sich selbst zusammenbrechen. Der vierte Hafen von Welldyl, einst ein geschäftiges Zentrum des Handels, war nicht mehr wiederzuerkennen. Schiffe, die einst majestätisch im Wasser gelegen hatten, wurden von gewaltigen Wellen erfasst, ihre Masten brachen mit ohrenbetäubendem Knirschen. Die Stege rissen wie morsches Holz auseinander, und das Pflaster des Hafens spaltete sich in klaffenden Rissen. Menschen rannten panisch umher, einige rutschten auf dem unkontrollierbaren Boden aus, andere wurden von einstürzenden Gebäuden verschüttet. Schreie hallten durch die Luft – doch Leyla nahm sie nicht war. Ihr Blick war auf eine einzige Person fixiert. Leonhardt. Dort stand er, eine Gestalt inmitten des Chaos. Seine Haltung war steif, sein Brustkorb hob und senkte sich schwer. Die Blitze, die zuvor um seine Hände getanzt hatten, waren verschwunden, doch seine Augen brannten noch immer in einem unnatürlichen, leuchtenden Weiß. Sein Ausdruck war eine eigenartige Mischung aus Überraschung, Faszination und etwas, das Leyla nicht ganz deuten konnte – Ehrfurcht? Angst? Vielleicht beides. Sie landete mit einem dumpfen Knall auf dem zerbrochenen Steinpflaster. Der Boden unter ihr erzitterte erneut, als hätte er Schwierigkeiten, ihr Gewicht zu tragen. Leonhardt zuckte kurz zusammen, doch anstatt zurückzuweichen, öffnete er den Mund, um etwas zu sagen. Seine Stimme, die sonst von Arroganz und Sadismus getränkt war, klang jetzt seltsam zögerlich. „H-Hör mal, lass uns—“ —KRRRR— Ein ohrenbetäubendes Grollen durchschnitt seine Worte. Der Boden bebte mit neuer Intensität, und ein breiter Riss zog sich mit rasender Geschwindigkeit direkt unter Leonhardts Füßen entlang. Er keuchte, riss die Arme hoch, als könnte er sich daran festhalten – doch es gab nichts, was ihn halten konnte. Der Boden brach auf. Und dann fiel er. - ------------------------------------------------------------------------- ,,Scheiße…’’ Das Wort kam kaum über Leonhardts Lippen, ein schwaches, gepresstes Flüstern, als würde selbst das Fluchen ihm die letzte Kraft rauben. Sein ganzer Körper fühlte sich an, als wäre er durch eine Mühle gedreht worden – eine, die jeden einzelnen seiner Knochen gebrochen und sein Fleisch in blutige Fetzen gerissen hatte. Jeder Atemzug war ein Stich aus glühenden Messerklingen, seine Lunge brannte, als hätte sie sich gegen ihn verschworen. Hoch über ihm fiel ein schmaler Lichtstreifen durch den Spalt, in dem er gefangen war. Das Sonnenlicht wirkte surreal, als wäre es nicht real, sondern nur eine Illusion, ein Spottbild der Welt, die er verloren hatte. Er lag hier unten, zusammen mit dem kalten, schmutzigen Schlamm, in einem Loch, das tiefer war als sein eigener, geistiger Abgrund. Und doch... war er nicht tot. Noch nicht. Jeder Versuch, sich zu bewegen, war eine Qual. Sein rechter Arm war unbrauchbar, die Knochen unter der Haut verschoben. Sein linkes Bein reagierte nicht. Blut tropfte aus zahllosen Wunden und vermischte sich mit dem feuchten Dreck, der ihn umgab. Doch Leonhardt war niemand, der aufgab. Nicht jetzt. Nicht so. Er presste die Zähne zusammen und schloss seine Finger um die Handfläche. Der Ring. Raya hatte ihm gesagt, dass er ihn nur im äußersten Notfall nutzen sollte. Es wäre sein letzter Ausweg, sein Sieg, wenn alles andere versagte. Ein hämisches Grinsen zog sich über sein zerschlagenes Gesicht. ,, Du hast mich fast gehabt, Leyla… fast.’’ Ein Schock durchfuhr ihn, als seine Hand nichts als feuchte Erde spürte. Seine Brust zog sich zusammen, und für einen Moment vergaß er sogar den Schmerz. Mit einem hektischen, verzweifelten Blick suchte er seine Umgebung ab, sein Herz raste schneller als die Wellen des aufkommenden Wassers. Und dann sah er ihn. Nur ein paar Meter entfernt lag der Ring, halb im Schlamm versunken, sein goldenes Funkeln ein letzter Hoffnungsschimmer. Sein Atem ging flach. Er konnte ihn erreichen. Es würde wehtun. Es würde ihn vielleicht töten. Doch wenn er diesen Ring hatte, war es nicht vorbei. Langsam, quälend langsam, begann er sich vorwärts zu schieben. Jede Bewegung fühlte sich an, als würden seine Nerven mit Dolchen durchbohrt werden. Seine Muskeln weigerten sich, doch er zwang sie. Zentimeter für Zentimeter zog er sich näher heran, das Blut aus seinen Wunden hinterließ eine dunkle Spur auf dem Stein. Noch ein Stück. Seine Fingerspitzen streckten sich aus – er konnte ihn fast spüren. Und dann kam das Geräusch. Ein tiefes, gewaltiges Grollen, das durch die engen Wände des Spalts vibrierte. Das Echo eines kommenden Unheils. Langsam hob Leonhardt den Kopf, sein Blick folgte dem lautlosen Schatten, der sich über ihm bewegte. Sein Herz setzte einen Schlag aus. Das Wasser. Es kam wie eine entfesselte Bestie, ein reißender Fluss, der alles verschlang, was ihm im Weg stand. ,,Scheiße…’’ Das war das Letzte, was er sagte, bevor die Flut ihn traf. Das Wasser stürzte auf ihn herab, mit einer Kraft, die jeden Widerstand nutzlos machte. Es schlug ihn gegen die Felswand, zog ihn mit sich, wirbelte ihn herum, als wäre er nichts weiter als ein Blatt im Sturm. Der Ring, sein letzter Ausweg, seine Hoffnung – wurde aus seinem Blick gerissen, fortgetragen von den Wellen, außer Reichweite, für immer verloren. Sein Körper krampfte. Kalte Dornen durchstachen seine Lungen, als er unwillkürlich nach Luft schnappte und nichts als Wasser fand. Sein Inneres brannte, seine Sicht verschwamm, das Licht wurde dunkler und dunkler. Und in diesen letzten Momenten hallten Worte durch seinen Kopf. Worte, die er nie gedacht hätte, dass sie von ihm kommen würden. Worte, die er so oft verachtet hatte, wenn andere sie flehentlich gehaucht hatten. ,,Ich… Ich will nicht sterben.’’
- Kapitel 96 - Das Monster namens Leonhardt
Leyla fluchte leise, während sie sich mühsam aus dem Schutthaufen befreite. Staub und Schutt klebten an ihrer Haut, und mit jedem Atemzug schmeckte sie den bitteren Nachgeschmack von Asche und Erde. Sie hatte sich nur losreißen wollen, sich nur verteidigen – doch nun sah sie das erschreckende Ausmaß der Zerstörung, die sie angerichtet hatte. Die Taverne war nicht das Einzige, was unter ihrer entfesselten Kraft zusammengebrochen war. Mehrere angrenzende Lagerhäuser waren dem Beben erlegen, ihre Wände zu kläglichen Haufen aus Trümmern zusammengestürzt. Holz, Stein und Metall lagen verstreut auf der gepflasterten Straße, die kaum noch als solche zu erkennen war. Rauchfäden stiegen in den Himmel auf, und der allgegenwärtige Geruch von verbranntem Holz und Blut brannte in ihrer Nase. Das entsetzliche Geräusch von Stöhnen und Schreien der Überlebenden durchschnitt die Luft – ein klagender Chor aus Schmerz, Angst und Verzweiflung. Leyla presste die Zähne zusammen, während sich ein kalter Knoten in ihrem Magen bildete. Wie viele? Wie viele Menschen hatte sie mit ihrer Magie in den Tod gerissen? Wie viele lagen nun unter den Trümmern begraben, ohne eine Chance auf Rettung? Sie wollte es nicht wissen – doch die Bilder drängten sich ihr unerbittlich auf. Ihre Hände zitterten, und für einen Moment hatte sie das Gefühl, als würde ihr die Luft zum Atmen genommen werden. Ein Geräusch ließ sie aufsehen. Aus den Trümmern einer nahegelegenen Mauer kletterte ein älterer Mann mit wirrem, grauem Haar. Sein Gesicht war schmutzverschmiert, seine Kleidung zerrissen, und als sich ihre Blicke trafen, wandten sich seine Augen voller Angst ab. Keine Worte, kein Fluchen, kein Zorn – nur ein einziges entsetztes Starren, bevor er sich hastig umdrehte und mit humpelnden Schritten floh. Leyla senkte den Blick. Sie konnte es ihm nicht verübeln. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, als sie sich den Trümmern wieder zuwandte. Wo war Leonhardt? Hatte er überlebt? Sie wusste, dass sie es herausfinden musste – doch ein Teil von ihr hoffte, dass er tot unter den Steinen begraben lag. Ohne weiter zu zögern, ließ sie ihre Magie durch den Boden fließen. Der Schutt begann zu vibrieren, Steine brachen auseinander, Holz zerfiel zu feinen Spänen. Der Schutt wich zurück, und schließlich konnte sie die darunter verborgenen Körper erkennen. Leyla spürte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte. „So viele Tote…“ flüsterte sie entsetzt, unfähig, die Worte wirklich zu begreifen. Die Bardame, die sie noch vor wenigen Minuten bedient hatte, lag mit zertrümmertem Schädel im Staub. Der Meridenbarde, dessen Stimme die Taverne gefüllt hatte, war nun nichts weiter als eine leblose Hülle, die in den Trümmern eingeklemmt war. Überall lagen Körper – zerquetscht, begraben, regungslos. Leyla schluckte schwer. Ihr Magen zog sich zusammen, und für einen Moment fürchtete sie, sich übergeben zu müssen. ,,Ich… ich habe das getan.’’ Ein Schatten bewegte sich am Rand ihres Blickfelds. Instinktiv wirbelte sie herum, ihre Magie reagierte noch bevor ihr Verstand es tat. Mit einer ruckartigen Bewegung riss sie eine massive Steinmauer aus dem Boden – gerade rechtzeitig, um das metallerne Kreischen von Leonhardts heranrasender Kriegsaxt zu hören, als sie gegen den Stein krachte. Leyla stolperte zurück, ihr Atem ging schwer. Leonhardt lebte. Leonhardt stand nur wenige Schritte von ihr entfernt, seine Axt in einer Haltung, die darauf schließen ließ, dass er erneut zuschlagen wollte. Sein Gesicht war von einem irren Grinsen verzerrt, als würde er jeden Moment in Gelächter ausbrechen. „Warum hast du mich angegriffen?!“ schrie Leyla ihm entgegen, ihre Stimme war eine Mischung aus Wut und Verzweiflung. „Wenn du das nicht getan hättest, wären all diese Menschen noch am Leben!“ Doch sie wusste, dass das nicht die Wahrheit war. ,,Es war meine Entscheidung.’’ Sie hatte ihre Kräfte entfesselt. Sie hatte sich entschieden, das Leben einer ihr wichtigen Person über das vieler Fremden zu stellen. Sie wusste, dass sie ihre Magie unter Druck nur schwer kontrollieren konnte – und trotzdem hatte sie nicht gezögert, sie einzusetzen. War es die richtige Entscheidung gewesen? Leyla schüttelte den Gedanken ab. ,,Nicht jetzt.’’ Leonhardt setzte sich erneut in Bewegung, seine Axt sauste mit tödlicher Präzision auf sie herab. Reflexartig formte Leyla ein Schwert aus Stein und hob es zum Blocken. Metall traf auf Stein, Funken stoben durch die Luft. Der wirkliche Kampf begann. Leyla bewegte sich schnell, wich aus, blockte mit Steinwänden oder nutzte den Boden, um seine Angriffe abzufangen. Sie war nicht so stark wie er, nicht einmal annähernd – aber sie war wendig. Jedes Mal, wenn Leonhardt zum Schlag ausholte, wich sie im letzten Moment aus, nutzte ihre Magie, um ihre Position zu wechseln. Steinsäulen schossen aus dem Boden, dienten ihr als Sprungplattformen oder Barrieren, um sich von ihm zu trennen. Doch war sie am gewinnen? Sie konnte es nicht sagen. Leonhardt war schnell, trotz seiner massiven Waffe. Jeder seiner Schläge hatte genug Kraft, um sie zu zerschmettern. ,,Leonhardt!!!’’ schrie sie ihm entgegen. Der Kampf würde mit seinem Tod enden. Oder mit ihrem eigenen. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla verteidigte sich wacker gegen Leonhardts wuchtige Angriffe. Seine rohe Kraft war furchteinflößend, doch sie war schneller, präziser, und mit ihrer Magie konnte sie seine Axt immer wieder abfangen. Doch so sehr sie sich abmühte, er drängte sie immer weiter zurück, ohne ihr auch nur einen Moment zum Gegenangriff zu lassen. Um sie herum hatten sich inzwischen einige Stadtwachen versammelt. Ihre Rüstungen funkelten in der Sonne, doch keiner von ihnen wagte es, sich in diesen Kampf einzumischen. Dies war keine Auseinandersetzung, die von normalen Kriegern entschieden wurde – es war ein brutaler, instinktiver Kampf zwischen zwei Kämpfern, die beide weit über dem, was als normal galt, lagen. Leylas Gedanken arbeiteten. ,,Ich kann Metall erschaffen… dann müsste ich es doch auch zerfallen lassen können, oder?’’ Ihre Augen verengten sich. ,, Wenn ich es schaffe, Leonhardts Axt zu berühren, könnte ich sie zerstören.’’ Doch das war leichter gesagt als getan. Seine Waffe bewegte sich mit tödlicher Präzision, jede Sekunde war sie an einer anderen Stelle. Wenn sie einen Fehler machte, würde das ihr Ende bedeuten. ,,Fuck… wenn ich doch nur meine ganze Magie einsetzen könnte“ , dachte sie verbittert, während sie weiter zurückwich. Doch sie konnte nicht. Sie durfte nicht. Nicht noch einmal. Die Zerstörung, die sie bereits angerichtet hatte, war schlimm genug. Wie viele Unschuldige waren bereits durch ihre entfesselten Kräfte gestorben? Wie viele weitere würden folgen, wenn sie erneut die ganze Macht des Steines einsetzte? Sie bemerkte zu spät, wohin sie getrieben wurde. Das dunkle Wasser des Hafenbeckens erstreckte sich hinter ihr, die feuchte Luft ließ ihre Haut leicht frösteln. Als sie realisierte, dass sie keinen Platz mehr hatte, um weiter auszuweichen, war es bereits zu spät. Ihr Fuß fand keinen Halt mehr. Instinktiv ließ sie ihre Magie in den Boden fließen. Der Stein unter ihr wuchs in die Tiefe, dehnte sich aus und fing ihren Fall gerade noch ab. Doch sie war jetzt ungeschützt. Leonhardt nutzte die Gelegenheit gnadenlos aus. Die Axt traf. Ein entsetzlicher Schmerz explodierte in ihrem rechten Arm. Knochen barsten, Muskeln rissen. Ein Schwall warmen Blutes spritzte über ihre Kleidung und tropfte auf den Steinboden. Ein dumpfes Pochen breitete sich in ihrem Körper aus, während ihre Waffe ihr aus der Hand glitt und mit einem krachenden Geräusch auf dem Boden zerbrach. Ihre Beine gaben nach. Ihre Magie flackerte für einen kurzen Moment – und erlosch. Leonhardt packte sie grob am Kinn und drückte sie gegen einen der Holzpfeiler des Docks. Seine Finger gruben sich in ihre Haut, sein Atem war warm und unangenehm nah. „Du kannst mir dankbar sein, Leyyyla…“ Sein Tonfall war träge, beinahe genüsslich, während er ihren Namen extra lang zog. In seinen Augen funkelte ein abartiges Vergnügen. „Ich mag es nicht, wenn die Mädchen, mit denen ich Spaß habe, verkrüppelt sind. Also habe ich deinen Arm drangelassen.“ Sein Gesicht rückte noch näher. Dann streckte er langsam seine Zunge aus und fuhr ihr mit einem feuchten, widerwärtigen Lecken über die Wange. Leylas ganzer Körper erstarrte. Ein Ekel, so tief und intensiv, dass er fast körperlich spürbar war, durchfuhr sie. Doch dieser Moment der Abscheu brachte ihr Bewusstsein zurück. Ein aufkeimender Zorn brannte in ihr auf. Mit aller Kraft trat sie ihm in den Magen. Leonhardt keuchte auf, sein Griff lockerte sich. Das reichte ihr. Sie riss ihren linken Arm hoch und legte ihre Finger auf den Griff seiner Axt. Sofort spürte sie es – ihre Magie reagierte. Mit einem leisen Knistern zerfiel das Metall zu feinem, dunklen Staub. Leonhardt stolperte zurück, völlig verdutzt, während die Reste seiner einst mächtigen Waffe nutzlos zu Boden rieselten. Leyla zögerte nicht. Sie schuf ein Metallschwert in ihrer linken Hand, ihre Magie floss ungehindert durch sie hindurch. Ohne nachzudenken, stieß sie zu. Die Klinge drang in Leonhardts Schulter ein. Nicht tief genug. „Verdammt“, fluchte sie. ,,Ich wollte seine Brust treffen…’’ Doch ihre linke Hand war nicht so stark wie ihre rechte. Der Stich war unpräzise, schwach – nicht tödlich. Sie stolperte zurück, ihr Atem ging schwer. Der Kampf war noch nicht vorbei. Leonhardt hingegen stand für einen Moment reglos da, sein Gesicht ein einziges starres Bild des Schocks. Dann jedoch schien er sich zu sammeln. Eine unnatürliche Ruhe legte sich über ihn, während er Leyla langsam ins Visier nahm. „Du hast es ja nicht anders gewollt!“ schrie er, seine Stimme überschlug sich beinahe vor Wut. Er griff in eine Tasche und zog ein kleines, goldenes Fläschchen hervor. Mit einem einzigen Zug leerte Leonhardt die schwarze Flüssigkeit in seinem Rachen. Sofort begann sein Körper zu zucken. Ein bizarres Zittern erfasste seine Glieder, als würde etwas Unsichtbares in ihm wüten. Blitze zuckten aus seinen Fingerspitzen. Unkontrolliert schlugen sie in den Boden um ihn herum ein, brannten sich durch das Holz der Docks, ließen die Luft mit statischer Elektrizität flirren. Sein Körper krümmte sich, seine Muskeln spannten sich bis zum Zerreißen. Seine Glieder verdrehten sich in einem grotesken Winkel. Leyla konnte nur entsetzt zusehen. Dann – mit einem einzigen tiefen Atemzug – kam er wieder zur Ruhe. Die Blitze verstummten. Sein Körper richtete sich auf. Und als er erneut zu Leyla blickte, war in seines Augen nichts als weiße Leere. - ------------------------------------------------------------------------- Leonhardt war ein Mann ohne Heimat, ein Getriebener, dessen Leben von Gewalt und Instinkt bestimmt worden war, lange bevor er dem Orden der Goldenen Sonne beitrat. Er war in den Schatten der engen, verfallenen Gassen von Okta aufgewachsen, der Hauptstadt des Militärverbunds Oktas, einem Ort, an dem Armut und Gesetzlosigkeit das Sagen hatten. Die Armenviertel waren eine Welt für sich – ein Netz aus Elend, in dem die Schwachen untergingen und die Starken von Grauen gezeichnet überlebten. Was genau Leonhardt in seiner Kindheit widerfuhr, blieb ein Geheimnis, doch eines war sicher: Die Dunkelheit dieser Straßen hatte ihn geprägt, hatte ihn zu dem gemacht, was er war. Schon als Junge kannte er nichts anderes als rohe Gewalt. Er lernte früh, dass Mitgefühl eine Schwäche war, die man sich nicht leisten konnte. Hunger trieb ihn dazu, zu stehlen. Bedrohungen trieben ihn dazu, zu kämpfen. Und schließlich lernte er, dass es einfacher war, sich zu nehmen, was man wollte – ohne Rücksicht auf andere. Als er alt genug war, um auf eigenen Beinen zu stehen, zog er ins Kaiserreich, ließ Okta hinter sich und streifte ziellos über den Kontinent. Ein Schatten, ein Nomade ohne Ziel, dessen einzige Bestimmung darin lag, seine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Er tötete, wenn es ihm passte. Er nahm sich, was er begehrte – seien es Reichtümer oder Frauen. Jeder, der ihm im Weg stand, wurde rücksichtslos beiseitegeworfen. Doch seine Freiheit war nicht grenzenlos. Es war Bunj, der dritte Kaiserliche Kopfgeldjäger, der ihm seine Fesseln anlegte. Ein riesiger Chimpkrieger, bekannt für seine unbändige Kraft. Leonhardt hatte viele Männer fallen sehen, hatte selbst zahlreiche Gegner getötet, doch gegen Bunj hatte er keine Chance. Die Jagd dauerte Tage, vielleicht Wochen, doch am Ende war es unvermeidlich – Leonhardt wurde gestellt. Seine Gefangennahme bedeutete eine Reise in die tiefste Hölle des Kaiserreichs: Loin de la Peur. Die berüchtigte Gefängnisinsel im kalten Norden, wo diejenigen eingesperrt wurden, für die es keine Rettung mehr gab. Dort, in den dunklen und eiskalten Zellen der Festung, schien seine Zukunft besiegelt zu sein. Die Jahre in Loin de la Peur waren ein endloser Albtraum. Die Kälte war grausam, die Dunkelheit erdrückend. Das Einzige, was er sah, waren kahle Mauern und Männer, die langsam in den Wahnsinn getrieben wurden. Doch Leonhardt war nicht wie die gewöhnlichen Gefangenen. Er wartete. Beobachtete. Lernte. Und dann kam der Sturm. Ein gewaltiger Orkan peitschte über das Gefängnis hinweg, ließ die Mauern erbeben und riss ein Loch in die eisernen Befestigungen. Es war ein Moment, der nur Sekunden dauerte – doch für Leonhardt war es die Chance, auf die er gewartet hatte. Er kämpfte sich durch die Fluten, metzelte sich den Weg durch andere Gefangene frei und entkam der Insel, von der es eigentlich kein Entkommen gab. Kurze Zeit nach seiner Flucht trat er dem Orden der Goldenen Sonne bei. Hier fand er eine neue Bestimmung, eine neue Richtung. Seine blinde, chaotische Gewalt wurde in Bahnen gelenkt, sein roher Zorn wurde gezielt genutzt. Und es war Yaga, der einflussreiche Oni, der sich für ihn einsetzte. Mit den richtigen Verbindungen, den richtigen Worten, wurde die Verfolgung eingestellt. Leonhardt wurde begnadigt. Ein neuer Name, eine neue Position – doch die Bestie in ihm war niemals verschwunden. - ------------------------------------------------------------------------- Ohne Vorwarnung verwandelte sich Leonhardt in einen dunklen Blitz, seine Silhouette verschwamm vor Leylas Augen, bevor sie überhaupt reagieren konnte. Im nächsten Moment spürte sie einen brutalen Schlag in ihrem Magen. Die Wucht des Aufpralls war so gewaltig, dass ihr ganzer Körper durch die Luft geschleudert wurde. Sekunden später durchbrach sie die dünne Wand eines der letzten verbliebenen Lagerhäuser. Holz barst krachend um sie herum, Trümmerstücke prasselten auf sie nieder, während sie hart auf dem Boden aufschlug. Ein brennender Schmerz durchzog ihren Körper, die Luft wurde ihr aus den Lungen gepresst. Doch Leonhardt gab ihr keine Atempause. Noch bevor sie sich aufrichten konnte, packte er sie mit unmenschlicher Kraft am Kragen und zog sie aus dem Schutthaufen. Ihr Blick verschwamm, und sie keuchte, als sie die eiskalte Nachtluft einatmete – doch es war nur ein Moment der Klarheit, bevor sie erneut durch die Luft geschleudert wurde. Diesmal spürte sie, wie der Boden unter ihr verschwand. Ein Schwindelgefühl erfasste sie, bevor sie ins eiskalte Wasser des Hafenbeckens stürzte. Das Meer umschloss sie wie ein eisiger Sarg. Das Salzwasser brannte in ihren Augen, drang in ihre Nase, füllte ihre Lungen mit brennender Qual. Sie ruderte instinktiv mit den Armen, trat mit den Beinen, doch der Schock lähmte sie, ließ ihre Bewegungen fahrig und schwach erscheinen. Die Kälte drang bis in ihr Mark, zog an ihr, als wollte das Wasser sie in die Tiefen des Hafens hinabziehen. „Verdammt… ich darf nicht sterben…“ schoss es ihr durch den Kopf, während die Panik durch ihre Adern raste. Sie würde nie wieder eine Kerze erlöschen lassen. Sie kämpfte gegen die Strömung an, ihr Körper schrie nach Luft. Ihre Brust zog sich schmerzhaft zusammen, der Drang zu atmen wurde unerträglich. Mit letzter Kraft durchbrach sie die Wasseroberfläche und sog gierig die salzige Nachtluft ein. Keuchend und hustend versuchte sie, ihre Sicht zu klären, das Brennen in ihrer Kehle zu ignorieren. Doch kaum hatte sie sich gesammelt, fiel ihr Blick auf Leonhardt. Er stand auf der Kaimauer über ihr, sein Blick war unmenschlich kalt. Die schwarzen Adern an seinem Hals pulsierten, seine Augen waren nicht länger weiß – sie waren tiefschwarz und durchzogen von wirbelndem Licht, als würde sich in ihnen ein unaufhaltsamer Sturm entfesseln. Dann hob er langsam seine linke Hand und richtete sie auf sie. Ein gleißender Blitz schoss aus seinen Fingerspitzen, raste auf sie zu, schneller als sie es hätte erahnen können. Die Welt explodierte in reinem Schmerz. Die Elektrizität grub sich in ihre Haut, ließ ihre Muskeln verkrampfen, ihre Glieder zuckten unkontrolliert. Die Hitze durchflutete sie wie eine sengende Klinge, zerschmetterte ihre Sinne, raubte ihr jede Kontrolle über ihren eigenen Körper. Der brennende Schmerz war allumfassend, und ein erstickter Schrei löste sich aus ihrer Kehle. Sie konnte sich nicht mehr bewegen. Sie versank im Hafenbecken unfähig, etwas zu tun. Ihre Muskeln gehorchten ihr nicht mehr. Ihr Körper fühlte sich an wie eine leblose Marionette, deren Fäden brutal zerschnitten worden waren. Das Wasser nahm sie wieder in seine kalten Arme, zog sie tiefer, tiefer… und diesmal war da nichts, was sie hätte tun können. Sie sank, ihre Gedanken verschwommen, und der Hafen verschlang sie.
- Kapitel 95 - Blaues Haar und der Durst nach Blut
Oktopus mit Fischeiern und Seetang, gewürzt mit einer Prise Salz und Karnall – einem seltenen, feurig duftenden Gewürz von den Tabakinseln. Der intensive, salzige Geschmack mischte sich mit der rauchigen Note des Karnalls und entfaltete ein Aroma, das Jamall an die offenen Küsten des Nordmeers erinnerte. Er aß mit langsamen Bissen, während er die raue Atmosphäre der Hafentaverne am Rande Welldyls um sich herum kaum beachtete. Die Stimmen der Seeleute, die sich über ihre vergangenen Reisen unterhielten, das dumpfe Klirren von Messingkrügen und die raue Melodie eines Meriden, der in der Ecke Seemannslieder sang – all das war für ihn nur Hintergrundrauschen. Sein Schiff würde in wenigen Stunden ablegen, und er genoss die letzte Mahlzeit an Land. Er kannte das Leben auf See nur allzu gut – wo die Speisen eintönig wurden und der bittere Geschmack von altem Wasser nie wirklich verschwand. Doch dieses Mal war es anders. Er würde nicht auf einem schnellen Kriegsschiff an den Küsten des Nordmeers reisen, sondern auf einem großen Handelsschiff, das für das offene Meer gebaut worden war. Eine andere Welt, eine neue Herausforderung. Aber das störte ihn nicht. Plötzlich durchschnitt ein lauter Ruf die lebhafte Geräuschkulisse. [???] ,,Ey, du! Sind wir uns nicht schon einmal begegnet? ’’ Jamall hörte den Schrei, doch er ignorierte ihn. Ein betrunkener Seemann oder ein Streithahn – beides nicht sein Problem. Ruhig nahm er einen weiteren Bissen, während sich seine dunklen Augen über den Rand seines Bechers hinweg bewegten. [???] ,,Ey, ich rede mit dir. Wie war nochmal dein Name? Leyla?’’ Das ließ ihn innehalten. Seine Finger, die gerade noch entspannt das Besteck gehalten hatten, verkrampften sich unwillkürlich. Er hob den Blick, ließ ihn durch die Taverne schweifen, bis er den Ursprung des Lärms fand. Eine junge Frau mit leuchtend blauen Haaren saß an einem Tisch in der hinteren Ecke, die Arme verschränkt, den Blick kalt auf den Mann gerichtet, der sich ihr genähert hatte. Er war groß, kräftig gebaut und ganz in Schwarz gekleidet. Über seinem Rücken hing eine massive Kriegsaxt, die an einem breiten Lederriemen befestigt war. Sein langes, blondes Haar fiel ihm lose über die Schultern, während ein herausforderndes Grinsen auf seinen Lippen lag. Jamall lehnte sich leicht vor, das Essen vor ihm vergessen. „Leyla…“ murmelte er. „Die Leyla, von der Liam gesprochen hat?“ Die Antwort der Blauhaarigen war nicht zu verstehen, doch ihre Körperhaltung sprach Bände. Sie war genervt – nicht eingeschüchtert, nicht überrascht, sondern einfach nur gereizt. Doch offenbar gefiel dem blonden Krieger ihr Ton nicht. Ohne zu zögern packte er sie am Haar und zog ihren Kopf ruckartig nach hinten. In diesem Moment veränderte sich die Luft. Eine unsichtbare Druckwelle breitete sich aus, ließ das Holz der Tische knarren und die Kronleuchter über ihnen bedrohlich wackeln. Dann, mit einem tiefen Grollen, begann der Boden unter ihnen zu beben. Es war kein gewöhnliches Zittern – es war, als würde die gesamte Taverne von einer gigantischen Faust gepackt und hin und her gerissen werden. Jamall sprang auf, doch da war es bereits zu spät. Mit einem markerschütternden Knacken barsten die hölzernen Stützbalken der Taverne. Splitter und Trümmer wirbelten durch die Luft, das Dach stürzte ein. Panische Schreie erfüllten den Raum, während Gäste versuchten, sich in Sicherheit zu bringen. Jamall riss seinen Mantel vor das Gesicht, um sich vor umherfliegenden Schutt zu schützen, und suchte instinktiv Deckung hinter einer umgestürzten Truhe. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla sprang von dem Schiff, das sie über die letzten Tage hinweg nach Welldyl gebracht hatte. Die Reise auf dem Goldenen Fluss war angenehm gewesen, ein ruhiger, fast meditativer Kontrast zu ihrem sonst doch rastlosen Leben. Besonders das Schlafen in den Hängematten hatte ihr gefallen – eng, aber gemütlich, und die sanften Schaukelbewegungen des Schiffes hatten sie zuverlässig in den Schlaf gewiegt. Die frische Luft des Flusses hatte ihre Sinne belebt, und sie fühlte sich überraschend ausgeruht, trotz der langen Tage an Bord. Das Schiff hatte im vierten Hafen von Welldyl angelegt, einem geschäftigen Umschlagplatz am östlichen Rand der Stadt. Hier verkehrten vor allem Handelsschiffe, die Waren von und zur Kaiserstadt brachten. Der Hafen war erfüllt vom rhythmischen Klappern der Holzplanken unter den eiligen Schritten der Matrosen, dem Knarren der Schiffsseile und den lauten Rufen der Hafenarbeiter, die Befehle brüllten oder Lasten transportierten. Der salzige Geruch des Meeres vermischte sich mit dem süßlichen Duft von exotischen Gewürzen, die in großen Säcken aus den Lagerhäusern geschleppt wurden. Er war unverkennbar – und aus irgendeinem Grund fühlte er sich für Leyla fast wie Heimat an. Ihr Blick wanderte über die geschäftige Hafenstadt. Am anderen Ende der Bucht, eingebettet in das Herz der Altstadt, ragte die Engelsbibliothek empor. Ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten, in denen die Elfen über diese Lande geherrscht hatten. Ihre schneeweißen Türme erhoben sich majestätisch in den Himmel, wie stille Zeugen einer Ära, die die Menschen kaum mehr verstanden. Doch hier, in den niedrigen, gedrängten Gassen des Hafens, war das Leben weniger erhaben – es war rau, lebendig und unberechenbar. Fischhändler priesen lautstark ihren Fang an, Seeleute diskutierten laut lachend über ihre letzten Abenteuer, während Bettler mit leeren Blicken in den Schatten der Lagerhäuser kauerten. Leylas Blick blieb an einer Taverne hängen, über deren Eingang ein gewaltiger Fisch prangte. In großen, verblassten Lettern stand der Name auf einem Schild: „Fischfang“ . Der Name war simpel, aber einladend, und als Leylas Magen laut knurrte, war die Entscheidung schnell getroffen. Sie trat durch die knarrende Tür ein. Drinnen war es warm und voller Leben. Der Raum war von dicken Holzbalken gestützt, und überall hingen Fischernetze und alte Seekarten, die von vergangenen Reisen zeugten. Das Feuer in der offenen Küche knisterte, während die Bardame geschäftig zwischen den Tischen umherwuselte. Gelächter und ausgelassene Gespräche erfüllten den Raum, die tiefe Stimme eines Meridenbarden erklang aus einer Ecke, wo er mit einer schlichten Laute die Geschichte eines verlorenen Seelebens besang. Eine stämmige Frau mit freundlichen, hellen Augen und hochgestecktem Haar trat an ihren Tisch. Ihr Lächeln war breit und einladend. „Was darf’s sein, meine Liebe?“ fragte sie mit einer Stimme, die an das sanfte Rauschen der Wellen erinnerte. Leyla überlegte kurz und bestellte schließlich Hummer in Muschelsoße, dazu ein starkes, dunkles Bier. Die Bardame nickte zufrieden. „Gute Wahl. Unsere Küche ist berüchtigt für ihre Muschelsoße. Ich bring’s gleich rüber.“ Dann verschwand sie in Richtung der dampfenden Kochstelle. Leyla lehnte sich zurück und ließ den Blick durch den Raum schweifen, während ihre Finger in einem ruhigen Rhythmus auf der Tischkante trommelten. Dies war ein Ort, an dem Geschichten entstanden – ein Knotenpunkt von Reisenden, Händlern und Glücksrittern. Für einen Moment ließ sie ihre Gedanken treiben und genoss das Gefühl, eine Fremde an einem belebten Ort zu sein. Als das Essen schließlich vor ihr stand, stieg ihr sofort der betörende Duft des Hummers in die Nase. Die Muschelsoße glänzte reich und würzig, das Fleisch sah saftig und perfekt gegart aus. Leyla nahm den ersten Bissen – und ihre Lippen kräuselten sich unbewusst zu einem zufriedenen Lächeln. Der Geschmack war voll und salzig, mit einer leichten Süße, die perfekt mit dem dunklen Bier harmonierte. Nach der langen Reise war dies genau das, was sie gebraucht hatte. - ------------------------------------------------------------------------- Nach einer Weile, als Leyla gerade aufstehen wollte, fiel ihr Blick auf einen Mann am anderen Ende der Taverne. Langes, glattes, blondes Haar fiel ihm über die Schultern, und seine gesamte Kleidung war in tiefem Schwarz gehalten. Auf seinem Rücken ruhte eine gewaltige Kriegsaxt, deren stumpfe Kante matt im Schein der Öllampen schimmerte. Ihr Herz zog sich unwillkürlich zusammen. Sie kannte diesen Mann. Es war lange her, über ein Jahr, seitdem sie ihm begegnet war – damals, auf ihrer Reise nach Malyl. Er hatte sie gemustert, sie mit einem ekelerregenden Blick durchbohrt, und dann war er verschwunden. Doch sie erinnerte sich nur zu gut an das lüsterne Lecken über seine Lippen, als wäre er ein Raubtier, das seine Beute ins Visier genommen hatte. Der Ekel, den sie damals empfunden hatte, stieg nun erneut in ihr auf, so intensiv, dass ihr Magen sich verkrampfte. Leonhardt, der zweite Anführer vom Orden der Goldenen Sonne. Er gehörte zur gleichen Gruppe wie ihr ehemaliger Lehrer Yaga. Leyla blieb sitzen, den Kopf leicht gesenkt, in der Hoffnung, dass er sie nicht bemerkte. Doch das Schicksal schien nicht auf ihrer Seite zu sein. Gerade, als er sich einen Tisch weiter hinsetzen wollte, drehte er sich beiläufig um, und ihre Blicke trafen sich. ,,Ey, du! Sind wir uns nicht schon einmal begegnet?’’ Seine Stimme durchschnitt das laute Treiben der Taverne. Leyla blickte genervt hoch, doch sie schwieg. Stattdessen ließ sie nur ein abfälliges „Tzzz“ erklingen, während sie sich demonstrativ zur Seite drehte. Sie hatte keine Lust, mit ihm zu reden – nicht mit einem Mann wie ihm. Leonhardt war allerdings nicht der Typ, der sich mit ihrer Ablehnung zufriedengab. Mit langsamen, selbstbewussten Schritten näherte er sich ihrem Tisch, eine bedrohliche Mischung aus Belustigung und Bosheit in seinen Augen. ,,Ey, ich rede mit dir. Wie war nochmal dein Name? Leyla?’’ Seine Stimme war nun schärfer, doch Leyla war das egal. Seine selbstgefällige Art ließ etwas in ihr kochen. Ihr Blick wurde hart. „Merkst du nicht, dass ich keine Lust habe, mit dir zu reden?“ Ihre Stimme war kalt, schneidend. „Los, lauf zu deinem Freund Yaga und verpiss dich.“ Männer wie er verstanden nur eine deutliche Sprache. Jeder Hauch von Unsicherheit war eine Einladung. Doch Leyla hatte nicht erwartet, dass er so schnell und so aggressiv reagieren würde. Plötzlich schnellte seine Hand vor, und bevor sie ausweichen konnte, packte er ihre Haare mit brutaler Kraft und riss ihren Kopf nach hinten. Ein stechender Schmerz zuckte durch ihre Kopfhaut, als er ihr Haar um seine Faust wickelte. —BZZZ— Ein brennender Blitz durchzuckte sie. Es war, als würde eine unsichtbare Kraft ihre Nerven in Flammen setzen, als würde sie von innen heraus verbrennen. Ihre Muskeln verkrampften sich, ihr Sichtfeld flimmerte. „Verdammt… wenn ich nicht schnell etwas tue, sterbe ich hier. Und dann… dann wird wieder eine Kerze erlöschen.“ Der Gedanke durchbohrte ihren Verstand wie eine Klinge. Sie konnte es nicht zulassen. Sie durfte nicht sterben. Ohne eine Sekunde weiter zu zögern, ohne die Konsequenzen zu beachten, entfesselte sie ihre Aura. Augenblicklich bebte der Boden unter ihr, als würde die Welt selbst auf ihre Wut reagieren. Ein tiefer, unheilvoller Riss zog sich durch die Holzdielen, das Fundament der Taverne erzitterte. Ein lautes, bedrohliches Knarren erklang, als die tragenden Balken der Decke begannen, sich zu verformen. Das Chaos brach los. Ein Schrei, dann ein weiterer. Gäste stürzten panisch in Richtung Ausgang, einige stolperten, rissen Tische und Stühle mit sich, während das Gebäude begann, einzustürzen. Leyla spürte, wie Leonhardt seine Hand von ihren Haaren riss, und in diesem Moment sackte das Dach über ihnen ein und begrub alle in der Taverne unter Tonnen an Schutt.











