Suchergebnisse
220 Ergebnisse gefunden mit einer leeren Suche
- Kapitel 96 - Das Monster namens Leonhardt
Leyla fluchte leise, während sie sich mühsam aus dem Schutthaufen befreite. Staub und Schutt klebten an ihrer Haut, und mit jedem Atemzug schmeckte sie den bitteren Nachgeschmack von Asche und Erde. Sie hatte sich nur losreißen wollen, sich nur verteidigen – doch nun sah sie das erschreckende Ausmaß der Zerstörung, die sie angerichtet hatte. Die Taverne war nicht das Einzige, was unter ihrer entfesselten Kraft zusammengebrochen war. Mehrere angrenzende Lagerhäuser waren dem Beben erlegen, ihre Wände zu kläglichen Haufen aus Trümmern zusammengestürzt. Holz, Stein und Metall lagen verstreut auf der gepflasterten Straße, die kaum noch als solche zu erkennen war. Rauchfäden stiegen in den Himmel auf, und der allgegenwärtige Geruch von verbranntem Holz und Blut brannte in ihrer Nase. Das entsetzliche Geräusch von Stöhnen und Schreien der Überlebenden durchschnitt die Luft – ein klagender Chor aus Schmerz, Angst und Verzweiflung. Leyla presste die Zähne zusammen, während sich ein kalter Knoten in ihrem Magen bildete. Wie viele? Wie viele Menschen hatte sie mit ihrer Magie in den Tod gerissen? Wie viele lagen nun unter den Trümmern begraben, ohne eine Chance auf Rettung? Sie wollte es nicht wissen – doch die Bilder drängten sich ihr unerbittlich auf. Ihre Hände zitterten, und für einen Moment hatte sie das Gefühl, als würde ihr die Luft zum Atmen genommen werden. Ein Geräusch ließ sie aufsehen. Aus den Trümmern einer nahegelegenen Mauer kletterte ein älterer Mann mit wirrem, grauem Haar. Sein Gesicht war schmutzverschmiert, seine Kleidung zerrissen, und als sich ihre Blicke trafen, wandten sich seine Augen voller Angst ab. Keine Worte, kein Fluchen, kein Zorn – nur ein einziges entsetztes Starren, bevor er sich hastig umdrehte und mit humpelnden Schritten floh. Leyla senkte den Blick. Sie konnte es ihm nicht verübeln. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, als sie sich den Trümmern wieder zuwandte. Wo war Leonhardt? Hatte er überlebt? Sie wusste, dass sie es herausfinden musste – doch ein Teil von ihr hoffte, dass er tot unter den Steinen begraben lag. Ohne weiter zu zögern, ließ sie ihre Magie durch den Boden fließen. Der Schutt begann zu vibrieren, Steine brachen auseinander, Holz zerfiel zu feinen Spänen. Der Schutt wich zurück, und schließlich konnte sie die darunter verborgenen Körper erkennen. Leyla spürte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte. „So viele Tote…“ flüsterte sie entsetzt, unfähig, die Worte wirklich zu begreifen. Die Bardame, die sie noch vor wenigen Minuten bedient hatte, lag mit zertrümmertem Schädel im Staub. Der Meridenbarde, dessen Stimme die Taverne gefüllt hatte, war nun nichts weiter als eine leblose Hülle, die in den Trümmern eingeklemmt war. Überall lagen Körper – zerquetscht, begraben, regungslos. Leyla schluckte schwer. Ihr Magen zog sich zusammen, und für einen Moment fürchtete sie, sich übergeben zu müssen. ,,Ich… ich habe das getan.’’ Ein Schatten bewegte sich am Rand ihres Blickfelds. Instinktiv wirbelte sie herum, ihre Magie reagierte noch bevor ihr Verstand es tat. Mit einer ruckartigen Bewegung riss sie eine massive Steinmauer aus dem Boden – gerade rechtzeitig, um das metallerne Kreischen von Leonhardts heranrasender Kriegsaxt zu hören, als sie gegen den Stein krachte. Leyla stolperte zurück, ihr Atem ging schwer. Leonhardt lebte. Leonhardt stand nur wenige Schritte von ihr entfernt, seine Axt in einer Haltung, die darauf schließen ließ, dass er erneut zuschlagen wollte. Sein Gesicht war von einem irren Grinsen verzerrt, als würde er jeden Moment in Gelächter ausbrechen. „Warum hast du mich angegriffen?!“ schrie Leyla ihm entgegen, ihre Stimme war eine Mischung aus Wut und Verzweiflung. „Wenn du das nicht getan hättest, wären all diese Menschen noch am Leben!“ Doch sie wusste, dass das nicht die Wahrheit war. ,,Es war meine Entscheidung.’’ Sie hatte ihre Kräfte entfesselt. Sie hatte sich entschieden, das Leben einer ihr wichtigen Person über das vieler Fremden zu stellen. Sie wusste, dass sie ihre Magie unter Druck nur schwer kontrollieren konnte – und trotzdem hatte sie nicht gezögert, sie einzusetzen. War es die richtige Entscheidung gewesen? Leyla schüttelte den Gedanken ab. ,,Nicht jetzt.’’ Leonhardt setzte sich erneut in Bewegung, seine Axt sauste mit tödlicher Präzision auf sie herab. Reflexartig formte Leyla ein Schwert aus Stein und hob es zum Blocken. Metall traf auf Stein, Funken stoben durch die Luft. Der wirkliche Kampf begann. Leyla bewegte sich schnell, wich aus, blockte mit Steinwänden oder nutzte den Boden, um seine Angriffe abzufangen. Sie war nicht so stark wie er, nicht einmal annähernd – aber sie war wendig. Jedes Mal, wenn Leonhardt zum Schlag ausholte, wich sie im letzten Moment aus, nutzte ihre Magie, um ihre Position zu wechseln. Steinsäulen schossen aus dem Boden, dienten ihr als Sprungplattformen oder Barrieren, um sich von ihm zu trennen. Doch war sie am gewinnen? Sie konnte es nicht sagen. Leonhardt war schnell, trotz seiner massiven Waffe. Jeder seiner Schläge hatte genug Kraft, um sie zu zerschmettern. ,,Leonhardt!!!’’ schrie sie ihm entgegen. Der Kampf würde mit seinem Tod enden. Oder mit ihrem eigenen. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla verteidigte sich wacker gegen Leonhardts wuchtige Angriffe. Seine rohe Kraft war furchteinflößend, doch sie war schneller, präziser, und mit ihrer Magie konnte sie seine Axt immer wieder abfangen. Doch so sehr sie sich abmühte, er drängte sie immer weiter zurück, ohne ihr auch nur einen Moment zum Gegenangriff zu lassen. Um sie herum hatten sich inzwischen einige Stadtwachen versammelt. Ihre Rüstungen funkelten in der Sonne, doch keiner von ihnen wagte es, sich in diesen Kampf einzumischen. Dies war keine Auseinandersetzung, die von normalen Kriegern entschieden wurde – es war ein brutaler, instinktiver Kampf zwischen zwei Kämpfern, die beide weit über dem, was als normal galt, lagen. Leylas Gedanken arbeiteten. ,,Ich kann Metall erschaffen… dann müsste ich es doch auch zerfallen lassen können, oder?’’ Ihre Augen verengten sich. ,, Wenn ich es schaffe, Leonhardts Axt zu berühren, könnte ich sie zerstören.’’ Doch das war leichter gesagt als getan. Seine Waffe bewegte sich mit tödlicher Präzision, jede Sekunde war sie an einer anderen Stelle. Wenn sie einen Fehler machte, würde das ihr Ende bedeuten. ,,Fuck… wenn ich doch nur meine ganze Magie einsetzen könnte“ , dachte sie verbittert, während sie weiter zurückwich. Doch sie konnte nicht. Sie durfte nicht. Nicht noch einmal. Die Zerstörung, die sie bereits angerichtet hatte, war schlimm genug. Wie viele Unschuldige waren bereits durch ihre entfesselten Kräfte gestorben? Wie viele weitere würden folgen, wenn sie erneut die ganze Macht des Steines einsetzte? Sie bemerkte zu spät, wohin sie getrieben wurde. Das dunkle Wasser des Hafenbeckens erstreckte sich hinter ihr, die feuchte Luft ließ ihre Haut leicht frösteln. Als sie realisierte, dass sie keinen Platz mehr hatte, um weiter auszuweichen, war es bereits zu spät. Ihr Fuß fand keinen Halt mehr. Instinktiv ließ sie ihre Magie in den Boden fließen. Der Stein unter ihr wuchs in die Tiefe, dehnte sich aus und fing ihren Fall gerade noch ab. Doch sie war jetzt ungeschützt. Leonhardt nutzte die Gelegenheit gnadenlos aus. Die Axt traf. Ein entsetzlicher Schmerz explodierte in ihrem rechten Arm. Knochen barsten, Muskeln rissen. Ein Schwall warmen Blutes spritzte über ihre Kleidung und tropfte auf den Steinboden. Ein dumpfes Pochen breitete sich in ihrem Körper aus, während ihre Waffe ihr aus der Hand glitt und mit einem krachenden Geräusch auf dem Boden zerbrach. Ihre Beine gaben nach. Ihre Magie flackerte für einen kurzen Moment – und erlosch. Leonhardt packte sie grob am Kinn und drückte sie gegen einen der Holzpfeiler des Docks. Seine Finger gruben sich in ihre Haut, sein Atem war warm und unangenehm nah. „Du kannst mir dankbar sein, Leyyyla…“ Sein Tonfall war träge, beinahe genüsslich, während er ihren Namen extra lang zog. In seinen Augen funkelte ein abartiges Vergnügen. „Ich mag es nicht, wenn die Mädchen, mit denen ich Spaß habe, verkrüppelt sind. Also habe ich deinen Arm drangelassen.“ Sein Gesicht rückte noch näher. Dann streckte er langsam seine Zunge aus und fuhr ihr mit einem feuchten, widerwärtigen Lecken über die Wange. Leylas ganzer Körper erstarrte. Ein Ekel, so tief und intensiv, dass er fast körperlich spürbar war, durchfuhr sie. Doch dieser Moment der Abscheu brachte ihr Bewusstsein zurück. Ein aufkeimender Zorn brannte in ihr auf. Mit aller Kraft trat sie ihm in den Magen. Leonhardt keuchte auf, sein Griff lockerte sich. Das reichte ihr. Sie riss ihren linken Arm hoch und legte ihre Finger auf den Griff seiner Axt. Sofort spürte sie es – ihre Magie reagierte. Mit einem leisen Knistern zerfiel das Metall zu feinem, dunklen Staub. Leonhardt stolperte zurück, völlig verdutzt, während die Reste seiner einst mächtigen Waffe nutzlos zu Boden rieselten. Leyla zögerte nicht. Sie schuf ein Metallschwert in ihrer linken Hand, ihre Magie floss ungehindert durch sie hindurch. Ohne nachzudenken, stieß sie zu. Die Klinge drang in Leonhardts Schulter ein. Nicht tief genug. „Verdammt“, fluchte sie. ,,Ich wollte seine Brust treffen…’’ Doch ihre linke Hand war nicht so stark wie ihre rechte. Der Stich war unpräzise, schwach – nicht tödlich. Sie stolperte zurück, ihr Atem ging schwer. Der Kampf war noch nicht vorbei. Leonhardt hingegen stand für einen Moment reglos da, sein Gesicht ein einziges starres Bild des Schocks. Dann jedoch schien er sich zu sammeln. Eine unnatürliche Ruhe legte sich über ihn, während er Leyla langsam ins Visier nahm. „Du hast es ja nicht anders gewollt!“ schrie er, seine Stimme überschlug sich beinahe vor Wut. Er griff in eine Tasche und zog ein kleines, goldenes Fläschchen hervor. Mit einem einzigen Zug leerte Leonhardt die schwarze Flüssigkeit in seinem Rachen. Sofort begann sein Körper zu zucken. Ein bizarres Zittern erfasste seine Glieder, als würde etwas Unsichtbares in ihm wüten. Blitze zuckten aus seinen Fingerspitzen. Unkontrolliert schlugen sie in den Boden um ihn herum ein, brannten sich durch das Holz der Docks, ließen die Luft mit statischer Elektrizität flirren. Sein Körper krümmte sich, seine Muskeln spannten sich bis zum Zerreißen. Seine Glieder verdrehten sich in einem grotesken Winkel. Leyla konnte nur entsetzt zusehen. Dann – mit einem einzigen tiefen Atemzug – kam er wieder zur Ruhe. Die Blitze verstummten. Sein Körper richtete sich auf. Und als er erneut zu Leyla blickte, war in seines Augen nichts als weiße Leere. - ------------------------------------------------------------------------- Leonhardt war ein Mann ohne Heimat, ein Getriebener, dessen Leben von Gewalt und Instinkt bestimmt worden war, lange bevor er dem Orden der Goldenen Sonne beitrat. Er war in den Schatten der engen, verfallenen Gassen von Okta aufgewachsen, der Hauptstadt des Militärverbunds Oktas, einem Ort, an dem Armut und Gesetzlosigkeit das Sagen hatten. Die Armenviertel waren eine Welt für sich – ein Netz aus Elend, in dem die Schwachen untergingen und die Starken von Grauen gezeichnet überlebten. Was genau Leonhardt in seiner Kindheit widerfuhr, blieb ein Geheimnis, doch eines war sicher: Die Dunkelheit dieser Straßen hatte ihn geprägt, hatte ihn zu dem gemacht, was er war. Schon als Junge kannte er nichts anderes als rohe Gewalt. Er lernte früh, dass Mitgefühl eine Schwäche war, die man sich nicht leisten konnte. Hunger trieb ihn dazu, zu stehlen. Bedrohungen trieben ihn dazu, zu kämpfen. Und schließlich lernte er, dass es einfacher war, sich zu nehmen, was man wollte – ohne Rücksicht auf andere. Als er alt genug war, um auf eigenen Beinen zu stehen, zog er ins Kaiserreich, ließ Okta hinter sich und streifte ziellos über den Kontinent. Ein Schatten, ein Nomade ohne Ziel, dessen einzige Bestimmung darin lag, seine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Er tötete, wenn es ihm passte. Er nahm sich, was er begehrte – seien es Reichtümer oder Frauen. Jeder, der ihm im Weg stand, wurde rücksichtslos beiseitegeworfen. Doch seine Freiheit war nicht grenzenlos. Es war Bunj, der dritte Kaiserliche Kopfgeldjäger, der ihm seine Fesseln anlegte. Ein riesiger Chimpkrieger, bekannt für seine unbändige Kraft. Leonhardt hatte viele Männer fallen sehen, hatte selbst zahlreiche Gegner getötet, doch gegen Bunj hatte er keine Chance. Die Jagd dauerte Tage, vielleicht Wochen, doch am Ende war es unvermeidlich – Leonhardt wurde gestellt. Seine Gefangennahme bedeutete eine Reise in die tiefste Hölle des Kaiserreichs: Loin de la Peur. Die berüchtigte Gefängnisinsel im kalten Norden, wo diejenigen eingesperrt wurden, für die es keine Rettung mehr gab. Dort, in den dunklen und eiskalten Zellen der Festung, schien seine Zukunft besiegelt zu sein. Die Jahre in Loin de la Peur waren ein endloser Albtraum. Die Kälte war grausam, die Dunkelheit erdrückend. Das Einzige, was er sah, waren kahle Mauern und Männer, die langsam in den Wahnsinn getrieben wurden. Doch Leonhardt war nicht wie die gewöhnlichen Gefangenen. Er wartete. Beobachtete. Lernte. Und dann kam der Sturm. Ein gewaltiger Orkan peitschte über das Gefängnis hinweg, ließ die Mauern erbeben und riss ein Loch in die eisernen Befestigungen. Es war ein Moment, der nur Sekunden dauerte – doch für Leonhardt war es die Chance, auf die er gewartet hatte. Er kämpfte sich durch die Fluten, metzelte sich den Weg durch andere Gefangene frei und entkam der Insel, von der es eigentlich kein Entkommen gab. Kurze Zeit nach seiner Flucht trat er dem Orden der Goldenen Sonne bei. Hier fand er eine neue Bestimmung, eine neue Richtung. Seine blinde, chaotische Gewalt wurde in Bahnen gelenkt, sein roher Zorn wurde gezielt genutzt. Und es war Yaga, der einflussreiche Oni, der sich für ihn einsetzte. Mit den richtigen Verbindungen, den richtigen Worten, wurde die Verfolgung eingestellt. Leonhardt wurde begnadigt. Ein neuer Name, eine neue Position – doch die Bestie in ihm war niemals verschwunden. - ------------------------------------------------------------------------- Ohne Vorwarnung verwandelte sich Leonhardt in einen dunklen Blitz, seine Silhouette verschwamm vor Leylas Augen, bevor sie überhaupt reagieren konnte. Im nächsten Moment spürte sie einen brutalen Schlag in ihrem Magen. Die Wucht des Aufpralls war so gewaltig, dass ihr ganzer Körper durch die Luft geschleudert wurde. Sekunden später durchbrach sie die dünne Wand eines der letzten verbliebenen Lagerhäuser. Holz barst krachend um sie herum, Trümmerstücke prasselten auf sie nieder, während sie hart auf dem Boden aufschlug. Ein brennender Schmerz durchzog ihren Körper, die Luft wurde ihr aus den Lungen gepresst. Doch Leonhardt gab ihr keine Atempause. Noch bevor sie sich aufrichten konnte, packte er sie mit unmenschlicher Kraft am Kragen und zog sie aus dem Schutthaufen. Ihr Blick verschwamm, und sie keuchte, als sie die eiskalte Nachtluft einatmete – doch es war nur ein Moment der Klarheit, bevor sie erneut durch die Luft geschleudert wurde. Diesmal spürte sie, wie der Boden unter ihr verschwand. Ein Schwindelgefühl erfasste sie, bevor sie ins eiskalte Wasser des Hafenbeckens stürzte. Das Meer umschloss sie wie ein eisiger Sarg. Das Salzwasser brannte in ihren Augen, drang in ihre Nase, füllte ihre Lungen mit brennender Qual. Sie ruderte instinktiv mit den Armen, trat mit den Beinen, doch der Schock lähmte sie, ließ ihre Bewegungen fahrig und schwach erscheinen. Die Kälte drang bis in ihr Mark, zog an ihr, als wollte das Wasser sie in die Tiefen des Hafens hinabziehen. „Verdammt… ich darf nicht sterben…“ schoss es ihr durch den Kopf, während die Panik durch ihre Adern raste. Sie würde nie wieder eine Kerze erlöschen lassen. Sie kämpfte gegen die Strömung an, ihr Körper schrie nach Luft. Ihre Brust zog sich schmerzhaft zusammen, der Drang zu atmen wurde unerträglich. Mit letzter Kraft durchbrach sie die Wasseroberfläche und sog gierig die salzige Nachtluft ein. Keuchend und hustend versuchte sie, ihre Sicht zu klären, das Brennen in ihrer Kehle zu ignorieren. Doch kaum hatte sie sich gesammelt, fiel ihr Blick auf Leonhardt. Er stand auf der Kaimauer über ihr, sein Blick war unmenschlich kalt. Die schwarzen Adern an seinem Hals pulsierten, seine Augen waren nicht länger weiß – sie waren tiefschwarz und durchzogen von wirbelndem Licht, als würde sich in ihnen ein unaufhaltsamer Sturm entfesseln. Dann hob er langsam seine linke Hand und richtete sie auf sie. Ein gleißender Blitz schoss aus seinen Fingerspitzen, raste auf sie zu, schneller als sie es hätte erahnen können. Die Welt explodierte in reinem Schmerz. Die Elektrizität grub sich in ihre Haut, ließ ihre Muskeln verkrampfen, ihre Glieder zuckten unkontrolliert. Die Hitze durchflutete sie wie eine sengende Klinge, zerschmetterte ihre Sinne, raubte ihr jede Kontrolle über ihren eigenen Körper. Der brennende Schmerz war allumfassend, und ein erstickter Schrei löste sich aus ihrer Kehle. Sie konnte sich nicht mehr bewegen. Sie versank im Hafenbecken unfähig, etwas zu tun. Ihre Muskeln gehorchten ihr nicht mehr. Ihr Körper fühlte sich an wie eine leblose Marionette, deren Fäden brutal zerschnitten worden waren. Das Wasser nahm sie wieder in seine kalten Arme, zog sie tiefer, tiefer… und diesmal war da nichts, was sie hätte tun können. Sie sank, ihre Gedanken verschwommen, und der Hafen verschlang sie.
- Kapitel 95 - Blaues Haar und der Durst nach Blut
Oktopus mit Fischeiern und Seetang, gewürzt mit einer Prise Salz und Karnall – einem seltenen, feurig duftenden Gewürz von den Tabakinseln. Der intensive, salzige Geschmack mischte sich mit der rauchigen Note des Karnalls und entfaltete ein Aroma, das Jamall an die offenen Küsten des Nordmeers erinnerte. Er aß mit langsamen Bissen, während er die raue Atmosphäre der Hafentaverne am Rande Welldyls um sich herum kaum beachtete. Die Stimmen der Seeleute, die sich über ihre vergangenen Reisen unterhielten, das dumpfe Klirren von Messingkrügen und die raue Melodie eines Meriden, der in der Ecke Seemannslieder sang – all das war für ihn nur Hintergrundrauschen. Sein Schiff würde in wenigen Stunden ablegen, und er genoss die letzte Mahlzeit an Land. Er kannte das Leben auf See nur allzu gut – wo die Speisen eintönig wurden und der bittere Geschmack von altem Wasser nie wirklich verschwand. Doch dieses Mal war es anders. Er würde nicht auf einem schnellen Kriegsschiff an den Küsten des Nordmeers reisen, sondern auf einem großen Handelsschiff, das für das offene Meer gebaut worden war. Eine andere Welt, eine neue Herausforderung. Aber das störte ihn nicht. Plötzlich durchschnitt ein lauter Ruf die lebhafte Geräuschkulisse. [???] ,,Ey, du! Sind wir uns nicht schon einmal begegnet? ’’ Jamall hörte den Schrei, doch er ignorierte ihn. Ein betrunkener Seemann oder ein Streithahn – beides nicht sein Problem. Ruhig nahm er einen weiteren Bissen, während sich seine dunklen Augen über den Rand seines Bechers hinweg bewegten. [???] ,,Ey, ich rede mit dir. Wie war nochmal dein Name? Leyla?’’ Das ließ ihn innehalten. Seine Finger, die gerade noch entspannt das Besteck gehalten hatten, verkrampften sich unwillkürlich. Er hob den Blick, ließ ihn durch die Taverne schweifen, bis er den Ursprung des Lärms fand. Eine junge Frau mit leuchtend blauen Haaren saß an einem Tisch in der hinteren Ecke, die Arme verschränkt, den Blick kalt auf den Mann gerichtet, der sich ihr genähert hatte. Er war groß, kräftig gebaut und ganz in Schwarz gekleidet. Über seinem Rücken hing eine massive Kriegsaxt, die an einem breiten Lederriemen befestigt war. Sein langes, blondes Haar fiel ihm lose über die Schultern, während ein herausforderndes Grinsen auf seinen Lippen lag. Jamall lehnte sich leicht vor, das Essen vor ihm vergessen. „Leyla…“ murmelte er. „Die Leyla, von der Liam gesprochen hat?“ Die Antwort der Blauhaarigen war nicht zu verstehen, doch ihre Körperhaltung sprach Bände. Sie war genervt – nicht eingeschüchtert, nicht überrascht, sondern einfach nur gereizt. Doch offenbar gefiel dem blonden Krieger ihr Ton nicht. Ohne zu zögern packte er sie am Haar und zog ihren Kopf ruckartig nach hinten. In diesem Moment veränderte sich die Luft. Eine unsichtbare Druckwelle breitete sich aus, ließ das Holz der Tische knarren und die Kronleuchter über ihnen bedrohlich wackeln. Dann, mit einem tiefen Grollen, begann der Boden unter ihnen zu beben. Es war kein gewöhnliches Zittern – es war, als würde die gesamte Taverne von einer gigantischen Faust gepackt und hin und her gerissen werden. Jamall sprang auf, doch da war es bereits zu spät. Mit einem markerschütternden Knacken barsten die hölzernen Stützbalken der Taverne. Splitter und Trümmer wirbelten durch die Luft, das Dach stürzte ein. Panische Schreie erfüllten den Raum, während Gäste versuchten, sich in Sicherheit zu bringen. Jamall riss seinen Mantel vor das Gesicht, um sich vor umherfliegenden Schutt zu schützen, und suchte instinktiv Deckung hinter einer umgestürzten Truhe. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla sprang von dem Schiff, das sie über die letzten Tage hinweg nach Welldyl gebracht hatte. Die Reise auf dem Goldenen Fluss war angenehm gewesen, ein ruhiger, fast meditativer Kontrast zu ihrem sonst doch rastlosen Leben. Besonders das Schlafen in den Hängematten hatte ihr gefallen – eng, aber gemütlich, und die sanften Schaukelbewegungen des Schiffes hatten sie zuverlässig in den Schlaf gewiegt. Die frische Luft des Flusses hatte ihre Sinne belebt, und sie fühlte sich überraschend ausgeruht, trotz der langen Tage an Bord. Das Schiff hatte im vierten Hafen von Welldyl angelegt, einem geschäftigen Umschlagplatz am östlichen Rand der Stadt. Hier verkehrten vor allem Handelsschiffe, die Waren von und zur Kaiserstadt brachten. Der Hafen war erfüllt vom rhythmischen Klappern der Holzplanken unter den eiligen Schritten der Matrosen, dem Knarren der Schiffsseile und den lauten Rufen der Hafenarbeiter, die Befehle brüllten oder Lasten transportierten. Der salzige Geruch des Meeres vermischte sich mit dem süßlichen Duft von exotischen Gewürzen, die in großen Säcken aus den Lagerhäusern geschleppt wurden. Er war unverkennbar – und aus irgendeinem Grund fühlte er sich für Leyla fast wie Heimat an. Ihr Blick wanderte über die geschäftige Hafenstadt. Am anderen Ende der Bucht, eingebettet in das Herz der Altstadt, ragte die Engelsbibliothek empor. Ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten, in denen die Elfen über diese Lande geherrscht hatten. Ihre schneeweißen Türme erhoben sich majestätisch in den Himmel, wie stille Zeugen einer Ära, die die Menschen kaum mehr verstanden. Doch hier, in den niedrigen, gedrängten Gassen des Hafens, war das Leben weniger erhaben – es war rau, lebendig und unberechenbar. Fischhändler priesen lautstark ihren Fang an, Seeleute diskutierten laut lachend über ihre letzten Abenteuer, während Bettler mit leeren Blicken in den Schatten der Lagerhäuser kauerten. Leylas Blick blieb an einer Taverne hängen, über deren Eingang ein gewaltiger Fisch prangte. In großen, verblassten Lettern stand der Name auf einem Schild: „Fischfang“ . Der Name war simpel, aber einladend, und als Leylas Magen laut knurrte, war die Entscheidung schnell getroffen. Sie trat durch die knarrende Tür ein. Drinnen war es warm und voller Leben. Der Raum war von dicken Holzbalken gestützt, und überall hingen Fischernetze und alte Seekarten, die von vergangenen Reisen zeugten. Das Feuer in der offenen Küche knisterte, während die Bardame geschäftig zwischen den Tischen umherwuselte. Gelächter und ausgelassene Gespräche erfüllten den Raum, die tiefe Stimme eines Meridenbarden erklang aus einer Ecke, wo er mit einer schlichten Laute die Geschichte eines verlorenen Seelebens besang. Eine stämmige Frau mit freundlichen, hellen Augen und hochgestecktem Haar trat an ihren Tisch. Ihr Lächeln war breit und einladend. „Was darf’s sein, meine Liebe?“ fragte sie mit einer Stimme, die an das sanfte Rauschen der Wellen erinnerte. Leyla überlegte kurz und bestellte schließlich Hummer in Muschelsoße, dazu ein starkes, dunkles Bier. Die Bardame nickte zufrieden. „Gute Wahl. Unsere Küche ist berüchtigt für ihre Muschelsoße. Ich bring’s gleich rüber.“ Dann verschwand sie in Richtung der dampfenden Kochstelle. Leyla lehnte sich zurück und ließ den Blick durch den Raum schweifen, während ihre Finger in einem ruhigen Rhythmus auf der Tischkante trommelten. Dies war ein Ort, an dem Geschichten entstanden – ein Knotenpunkt von Reisenden, Händlern und Glücksrittern. Für einen Moment ließ sie ihre Gedanken treiben und genoss das Gefühl, eine Fremde an einem belebten Ort zu sein. Als das Essen schließlich vor ihr stand, stieg ihr sofort der betörende Duft des Hummers in die Nase. Die Muschelsoße glänzte reich und würzig, das Fleisch sah saftig und perfekt gegart aus. Leyla nahm den ersten Bissen – und ihre Lippen kräuselten sich unbewusst zu einem zufriedenen Lächeln. Der Geschmack war voll und salzig, mit einer leichten Süße, die perfekt mit dem dunklen Bier harmonierte. Nach der langen Reise war dies genau das, was sie gebraucht hatte. - ------------------------------------------------------------------------- Nach einer Weile, als Leyla gerade aufstehen wollte, fiel ihr Blick auf einen Mann am anderen Ende der Taverne. Langes, glattes, blondes Haar fiel ihm über die Schultern, und seine gesamte Kleidung war in tiefem Schwarz gehalten. Auf seinem Rücken ruhte eine gewaltige Kriegsaxt, deren stumpfe Kante matt im Schein der Öllampen schimmerte. Ihr Herz zog sich unwillkürlich zusammen. Sie kannte diesen Mann. Es war lange her, über ein Jahr, seitdem sie ihm begegnet war – damals, auf ihrer Reise nach Malyl. Er hatte sie gemustert, sie mit einem ekelerregenden Blick durchbohrt, und dann war er verschwunden. Doch sie erinnerte sich nur zu gut an das lüsterne Lecken über seine Lippen, als wäre er ein Raubtier, das seine Beute ins Visier genommen hatte. Der Ekel, den sie damals empfunden hatte, stieg nun erneut in ihr auf, so intensiv, dass ihr Magen sich verkrampfte. Leonhardt, der zweite Anführer vom Orden der Goldenen Sonne. Er gehörte zur gleichen Gruppe wie ihr ehemaliger Lehrer Yaga. Leyla blieb sitzen, den Kopf leicht gesenkt, in der Hoffnung, dass er sie nicht bemerkte. Doch das Schicksal schien nicht auf ihrer Seite zu sein. Gerade, als er sich einen Tisch weiter hinsetzen wollte, drehte er sich beiläufig um, und ihre Blicke trafen sich. ,,Ey, du! Sind wir uns nicht schon einmal begegnet?’’ Seine Stimme durchschnitt das laute Treiben der Taverne. Leyla blickte genervt hoch, doch sie schwieg. Stattdessen ließ sie nur ein abfälliges „Tzzz“ erklingen, während sie sich demonstrativ zur Seite drehte. Sie hatte keine Lust, mit ihm zu reden – nicht mit einem Mann wie ihm. Leonhardt war allerdings nicht der Typ, der sich mit ihrer Ablehnung zufriedengab. Mit langsamen, selbstbewussten Schritten näherte er sich ihrem Tisch, eine bedrohliche Mischung aus Belustigung und Bosheit in seinen Augen. ,,Ey, ich rede mit dir. Wie war nochmal dein Name? Leyla?’’ Seine Stimme war nun schärfer, doch Leyla war das egal. Seine selbstgefällige Art ließ etwas in ihr kochen. Ihr Blick wurde hart. „Merkst du nicht, dass ich keine Lust habe, mit dir zu reden?“ Ihre Stimme war kalt, schneidend. „Los, lauf zu deinem Freund Yaga und verpiss dich.“ Männer wie er verstanden nur eine deutliche Sprache. Jeder Hauch von Unsicherheit war eine Einladung. Doch Leyla hatte nicht erwartet, dass er so schnell und so aggressiv reagieren würde. Plötzlich schnellte seine Hand vor, und bevor sie ausweichen konnte, packte er ihre Haare mit brutaler Kraft und riss ihren Kopf nach hinten. Ein stechender Schmerz zuckte durch ihre Kopfhaut, als er ihr Haar um seine Faust wickelte. —BZZZ— Ein brennender Blitz durchzuckte sie. Es war, als würde eine unsichtbare Kraft ihre Nerven in Flammen setzen, als würde sie von innen heraus verbrennen. Ihre Muskeln verkrampften sich, ihr Sichtfeld flimmerte. „Verdammt… wenn ich nicht schnell etwas tue, sterbe ich hier. Und dann… dann wird wieder eine Kerze erlöschen.“ Der Gedanke durchbohrte ihren Verstand wie eine Klinge. Sie konnte es nicht zulassen. Sie durfte nicht sterben. Ohne eine Sekunde weiter zu zögern, ohne die Konsequenzen zu beachten, entfesselte sie ihre Aura. Augenblicklich bebte der Boden unter ihr, als würde die Welt selbst auf ihre Wut reagieren. Ein tiefer, unheilvoller Riss zog sich durch die Holzdielen, das Fundament der Taverne erzitterte. Ein lautes, bedrohliches Knarren erklang, als die tragenden Balken der Decke begannen, sich zu verformen. Das Chaos brach los. Ein Schrei, dann ein weiterer. Gäste stürzten panisch in Richtung Ausgang, einige stolperten, rissen Tische und Stühle mit sich, während das Gebäude begann, einzustürzen. Leyla spürte, wie Leonhardt seine Hand von ihren Haaren riss, und in diesem Moment sackte das Dach über ihnen ein und begrub alle in der Taverne unter Tonnen an Schutt.
- Kapitel 94 - Den Ursprung verbrennen
Als Leyla wieder zuhause ankam, war der Himmel bereits in ein zartes Morgenrot getaucht. Die ersten Vögel begrüßten den Tag mit ihrem Gesang, und die kühle Luft brachte eine Frische mit sich, die den bevorstehenden Sonnenaufgang ankündigte. Doch Leyla war zu erschöpft, um die Schönheit des Morgens zu genießen. Ihre Schritte waren schwer, als sie durch die stillen Gänge des Anwesens schlurfte. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde er sie noch tiefer in die Müdigkeit ziehen. Als sie die Tür zu ihrem Zimmer öffnete, erwartete sie bereits eine vertraute Gestalt. Eroica saß auf einem Stuhl, die Hände gefaltet auf dem Schoß, ihr Blick ruhig, aber wachsam. Sie hatte offensichtlich die ganze Nacht gewartet. „Und, wie lief es mit dem Kronprinzen, Leyla?“ fragte sie mit einer sanften, aber besorgten Stimme. Leyla ließ sich mit einem erschöpften Seufzen auf einen Stuhl sinken und massierte ihre Schläfen. „Anstrengend“, murmelte sie. „Er hat mich mit seiner Zeitmagie getestet. Ich musste mir über fünfzig Mal denselben Gesang anhören.“ Eroica stand auf und trat näher. Behutsam begann sie, Leylas Jacke abzunehmen und ihre Kleidung zusammenzulegen, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. „Soll ich Euch ein Bad einlassen oder etwas zu Essen kochen?“ fragte sie leise, ohne eine Spur von Erschöpfung in ihrer Stimme. Leyla schüttelte matt den Kopf. „Nein, danke dir. Ich brauche einfach nur Schlaf.“ Eroica nickte verstehend, sammelte Leylas Sachen ein und verschwand leise in ihrem eigenen Zimmer. Ihre Gegenwart war immer ruhig und unaufdringlich, genau das, was Leyla in diesem Moment brauchte. Neas ständige Energie wäre jetzt einfach zu viel gewesen – zu laut, zu hektisch. Leyla schleppte sich ins Schlafzimmer und ließ sich auf das Bett fallen. Die Matratze gab unter ihrem Gewicht nach, und mit jeder Faser ihres Körpers spürte sie, wie die Erschöpfung von ihr Besitz ergriff. Das Training mit Nea, die Gespräche, Hypos’ lächelndes Gesicht, das unaufhörliche Zurücksetzen der Zeit – all das verschwand in der Dunkelheit ihres Geistes. Innerhalb von Sekunden war sie eingeschlafen. - ------------------------------------------------------------------------- Ein lauter Ruf riss Leyla aus ihrem tiefen Schlaf. „Leyley, du schläfst ja immer noch!“ rief Nea empört, während sie sich mit einem Satz auf Leylas Bett warf. Die Matratze gab unter ihrem Gewicht nach, doch Nea störte das nicht im Geringsten – mit kindlicher Begeisterung begann sie auf der Matratze auf und ab zu hüpfen, als wäre es ein Trampolin. Leyla stöhnte leise, zog sich die Decke über den Kopf und versuchte, den Lärm zu ignorieren. Doch gegen Nea anzukämpfen war sinnlos. „Ist ja schon gut…“ murmelte Leyla schläfrig und rieb sich die Augen, während sie sich langsam aufrichtete. Nea, die nun auf Leylas Bauch kniete, beugte sich grinsend nach vorne. „Die neuen allgemeinen Aufträge sind reingekommen!“ verkündete sie aufgeregt. „Wenn du dir einen aussuchen willst, solltest du dich beeilen!“ Leylas Müdigkeit war mit einem Schlag verflogen. Ihr erster Gedanke galt dem Auftrag, den Selfmun Aragi erwähnt hatte. War er unter den neuen Aufträgen? Ohne weiter nachzudenken, schwang sie die Beine aus dem Bett und begann, sich anzuziehen. Nea kullerte über die Bettdecke und beobachtete sie mit einem schelmischen Lächeln. „Wie war’s mit Hypos gestern?“ fragte sie neugierig. Leyla seufzte und zog ihre Stiefel an. „Anstrengend“, gab sie knapp zurück. „Ich weiß nicht, ob es mir wirklich weitergeholfen hat, aber zumindest hat er mir etwas verraten.“ „Ja, der ist echt komisch.“ Nea kicherte, während sie Leyla plötzlich auf den Rücken sprang. Ihre Arme legten sich um Leylas Schultern, ihre Beine schlangen sich fest um ihre Taille. „Komm schon, Leyley, trag mich zum Gemeinschaftsraum!“ „Na schön, aber du bist echt verwöhnt“, murrte Leyla, doch insgeheim schätzte sie Neas Unbeschwertheit. Sie war das komplette Gegenteil von der Schwere, die auf Leylas Schultern lastete. Nea lachte und schmiegte sich spielerisch an ihren Nacken. „Ich bin klein genug, das ist also kein Problem!“ Leyla trug sie die Gänge entlang, bis sie den Gemeinschaftsraum erreichten. Vor der Auftragswand stand bereits Colart, der gewaltige Minotaur, der unter den Mitgliedern für seine gemächliche Art und seine unendlich lange Sprechweise bekannt war. Leyla setzte Nea vorsichtig ab und trat näher. „Möööchteeest duuu deeen eeersteeen Aaauuuftraaag aaauuussuuucheeen?“ fragte Colart mit seiner trägen, schleppenden Stimme. Es war das vierte Mal, dass Leyla ihn überhaupt sprechen hörte, und jedes Mal dauerte es eine gefühlte Ewigkeit. „Ja, gerne, danke, Colart“, antwortete sie und betrachtete die Zettel an der Wand. Drei Aufträge waren verfügbar: ,,Rebellengruppe im Herzogtum Randurin unterwandern’’ ,,Roland Verestria, Baron von Sonnensand, töten oder gefangen nehmen’’ ,,Geleitschutz für Kronprinz Tavil bei Verhandlungen mit den Sommerinseln’’ Leylas Blick blieb an dem zweiten Zettel hängen. Sonnensand lag östlich von Welldyl, direkt an der Grenze zur Endlosen Wüste und dem Herzogtum Kries. Das war der Auftrag, den Aragi für sie vorgesehen hatte. Sie vertraute ihm nicht – nicht einmal ansatzweise. Jeder, der diesem Mann vertraute, schaufelte sein eigenes Grab. Doch sie konnte sich nicht leisten, feige zu wirken. Sie war eine Kaiserliche Kopfgeldjägerin, und ihre Aufträge bestimmten ihre Stellung. Ein Ablehnen könnte Schwäche bedeuten – oder Aragi dazu verleiten, sie noch weiter zu testen. Ohne ein weiteres Zögern griff sie nach dem Zettel und steckte ihn in ihre Tasche. Nea warf ihr einen schiefen Blick zu. „Den Adligenmord also?“ fragte sie mit einem amüsierten Grinsen. „Du scheinst ein Hobby gefunden zu haben!“ Leyla blickte sie ernst an. „Nein“, entgegnete sie bestimmt. „Ich bin jetzt eine Kaiserliche Kopfgeldjägerin. Ich muss diese Aufträge erfüllen, um mich zu beweisen.“ Während Nea und Colart die letzten beiden Aufträge unter sich aufteilten, machte Leyla sich auf den Weg zurück zu ihrem Zimmer. Diesmal würde sie sich vorbereiten. Sie durfte keine Fehler machen. „Eroica?“ rief sie durch ihren Wohnbereich. „Ja, Leyla?“ kam die ruhige Stimme der Filina aus ihrem Zimmer. Kurz darauf erschien sie im Türrahmen, das Buch der Runensteine in der Hand. Leyla sah sie entschlossen an. „Ich brauche Informationen über Roland Verestria und die Baronie Sonnensand. Ich werde dorthin reisen – mein nächster Auftrag führt mich zu ihm.“ Eroica nickte sofort. „Sehr wohl, ich werde Euch so schnell wie möglich alles zukommen lassen.“ Dann trat sie vor und reichte Leyla das Buch. Ihre grünen Augen beobachteten sie aufmerksam, als Leyla es wortlos entgegennahm. Ohne einen Moment zu zögern, ging Leyla zu einer der vielen Kerzen in ihrem Zimmer. Sie betrachtete den schwarzen Einband, strich mit den Fingern darüber, als würde sie sich verabschieden. Dieses Wissen war zu gefährlich. Sie hielt das Buch in die Flamme. Das Feuer brauchte einen Moment, als würde es zögern, sich an dieses alte Wissen heranzuwagen. Doch dann fraßen sich die Flammen hungrig durch das trockene Pergament. Die Lettern auf dem Umschlag verschwanden in Asche, die Seiten rollten sich zusammen, wurden schwarz und zerfielen schließlich zu Staub. Eroica sagte nichts. Sie stand einfach nur da und beobachtete, wie das Wissen eines Unbekannten ausgelöscht wurde. Als das Feuer das letzte Stück Papier verzehrt hatte, blieben nur noch verkohlte Fetzen in der Schale der Kerze zurück. Leyla atmete tief durch. - ------------------------------------------------------------------------- Einige Tage waren vergangen, und nun war der Moment gekommen. Leyla stand am Hafen der Kaiserstadt, bereit zum Aufbruch. Der Wind über dem Goldenen Fluss trug einen frischen Duft heran, während die ersten Sonnenstrahlen das ruhige Wasser in ein schimmerndes Gold tauchten. Sie hatte sich gründlich vorbereitet – auf eine Reise, die in den Berichten schlicht wirkte, aber gefährlich werden konnte, wenn sie nicht aufpasste. Ihr Ziel war ein Mann, den sie nicht kannte, dessen Leben in ihren Händen lag. Wenn es möglich war, wollte sie ihn lebendig zurückbringen, doch sie wusste, dass sie sich darauf nicht verlassen konnte. Die Informationen zeichneten das Bild eines wenig bedrohlichen Mannes. Baron Roland Verestria lebte in einem bescheidenen Anwesen aus Sandstein, besaß keine offiziell registrierten Leibwachen und galt nicht als Kämpfer. Doch Leyla wusste, dass solche Berichte trügen konnten. Menschen, die sich schwach gaben, waren nicht selten gefährlich. Ihr Plan war einfach: Sie würde eines der Handelsschiffe nehmen, das vom Hafen der Kaiserstadt den Goldenen Fluss hinabfuhr und sie nach Welldyl brachte. Von dort aus war es nur eine Tagesreise nach Sonnensand. Neben ihr stand Eroica, die ihren Dienst als Dienerin über die letzten Tage hinaus wirklich besonders gut gemacht hatte. Ohne ihre Hilfe hätte Leyla sich nicht so ausgiebig vorbereiten können. Die Filina hatte unermüdlich recherchiert, Berichte durchforstet und mit ihrer bedachten Art dafür gesorgt, dass Leyla keine einzige überflüssige Sekunde verlor. Leyla legte eine Hand auf ihre Schulter und drückte sie leicht. „Ich danke dir, Eroica. Ohne dich wäre das hier um einiges schwieriger gewesen.“ Ihre Stimme war ruhig, doch in ihrem Blick lag aufrichtige Wertschätzung. Eroica lächelte sanft, doch ihre grünen Augen spiegelten eine unterschwellige Sorge wider. „Sehr gerne, Leyla. Ich wünsche Euch eine sichere Reise.“ Einen Moment lang zögerte sie, dann fragte sie: „Habt Ihr noch eine Aufgabe für mich, bis Ihr zurückkehrt?“ Leyla nickte langsam, ihr Blick blieb auf den Fluss gerichtet. „Ja. Ich will, dass du weiterhin so viel wie möglich über unser Thema herausfindest.“ Mehr musste sie nicht sagen – Eroica wusste genau, worum es ging. Eroica nickte verstehend und trat einen Schritt zurück, während Leyla sich der Reling zuwandte. Das Schiff war bereit zum Ablegen, die Matrosen zogen die dicken Taue ein, und das Holz knarrte leise unter der Bewegung. Die Segel blähten sich im Wind, und langsam begann sich das Schiff vom Pier zu lösen. Leyla sah noch einmal zurück. Die majestätischen weißen Mauern der Kaiserstadt ragten über den Hafen empor. Sie ballte die rechte Hand zur Faust, ihre Finger pressten sich gegen ihre Handfläche. Mit jedem Kilometer, den sie sich entfernte, wuchs ihre Entschlossenheit. Es war ihr erster Auftrag, den sie alleine durchführen musste. Es gab kein Zurück. „Ich werde es schaffen“, flüsterte sie, während die Silhouette der Kaiserstadt langsam im Horizont verblasste.
- Kapitel 93 - Kronprinz Hypos
Hypos Algavia wurde als fünfter Enkel von Kaiser Tavil IV. geboren, und schon kurz nach seiner Geburt bemerkten einige im Kaiserpalast, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Während andere Neugeborene schrien, wenn sie Hunger hatten, schien Hypos kaum Laute von sich zu geben. Er verweigerte die Muttermilch, schlief kaum und lag oft einfach nur da, seine gelben Augen aufmerksam auf die Umgebung gerichtet. Es war kein neugieriger, kindlicher Blick – es war ein Blick, der zu wissen schien, zu verstehen, weit über sein Alter hinaus. Die ersten wirklich beunruhigenden Anzeichen zeigten sich, als eine Magd in seinem Zimmer ausrutschte und sich beim Sturz den Arm brach. Der kleine Hypos lachte – nicht ein fröhliches, unschuldiges Kinderlachen, sondern ein leises, kaltes Glucksen, das selbst die erfahrensten Diener erschaudern ließ. Seine Familie erkannte früh, dass er anders war, und versuchte, dies vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Hypos durfte den Kaiserpalast nicht verlassen, und sein Kontakt zu seinen Geschwistern wurde stark eingeschränkt. Er wuchs isoliert auf, abgeschottet von der Welt außerhalb der Palastmauern. Doch wenn man dachte, dass dies ihn brechen oder schwächen würde, lag man falsch. Schon in jungen Jahren zeigte sich, dass er über ein außergewöhnliches Talent für Magie und Strategie verfügte. Mit nur vier Jahren begann er seine Ausbildung an der Kaiserlichen Magieakademie und schloss sie mit dreizehn mit Bestnoten ab. Doch anstatt Ruhm für diese Leistung zu beanspruchen, nahm er das Zeugnis einfach entgegen, ohne eine Spur von Stolz oder Freude zu zeigen. Kurz darauf wurde er mit der Adligen Francisca de Nariol verlobt, doch von wirklichem Interesse an ihr war keine Spur. Es war eine politische Verbindung, eine Pflicht, nicht mehr und nicht weniger. Selbst auf den Festen, bei denen sie gemeinsam erschienen, sprach Hypos kaum ein Wort mit ihr. Als er mit sechzehn Jahren schließlich die Erlaubnis erhielt, den Kaiserpalast zu verlassen, begann eine Reise, über die kaum verlässliche Informationen existieren. Niemand wusste genau, wo er sich aufhielt oder mit wem er sprach, doch als er Jahre später in die Kaiserstadt zurückkehrte, hatte er ein Netzwerk aufgebaut, das sich über das gesamte Reich erstreckte. Seine Rückkehr war begleitet von einem seltsamen Verhalten. Hypos tat Dinge, die niemand verstand. Er betrat eine Taverne und zwang die Gäste, so lange zu trinken, bis einige von ihnen an der Menge des Alkohols starben. Ein anderes Mal kaufte er jedes Haustier eines Viertels auf und setzte sie in den Bergen aus. Die kaiserliche Familie versuchte, diese Vorfälle herunterzuspielen, doch sie schürten nur weiter die Gerüchte um den unberechenbaren Prinzen. Als das Prinzenspiel begann – der Wettstreit zwischen den Kronprinzen um den Thron – setzte sich Hypos sofort an die Spitze. Während seine Geschwister sich mit Militärstrategien und Politik beschäftigten, schrieb er ein Buch. Eine historische Satire, die den Adel verspottete, aber dennoch von Gelehrten gefeiert wurde. Dann verhandelte er mit dem Lupidenkönigreich Arkan und sicherte einen Handelsvertrag, der zuvor als unmöglich galt. Er unterrichtete Magie an öffentlichen Akademien, ließ sich mit den Anführern der Unterwelt ein und schaffte es, die Opfer des organisierten Verbrechens drastisch zu reduzieren. Doch niemand wusste, wie er das tat. Einige sagten, er habe mit den Verbrechern zusammengearbeitet, andere behaupteten, er habe sie selbst eliminiert. Mit jedem Erfolg wuchs sein Ruf, und mit ihm auch die Geschichten über ihn. Manche flüsterten, dass er jede Nacht das Blut von Drachen trinke. Andere behaupteten, er könne mit Vögeln sprechen. Wieder andere erzählten, dass er Menschen in seinem Keller folterte, um ihre Seelen zu brechen. Man nannte ihn „den wahnsinnigen Prinzen“. Und Hypos? Hypos lächelte – und ließ die Gerüchte gewähren. - ------------------------------------------------------------------------- Es war spät am Abend, als Leyla endlich den Kaiserpalast erreichte. Der Tag war lang gewesen, Nea hatte sie über Stunden hinweg belagert und zum Training gedrängt. Nun war sie erschöpft, doch sie konnte es sich nicht leisten, sich auszuruhen. Sie musste Hypos treffen. Die weißen Marmorstufen führten sie immer weiter nach oben, hin zu dem Teil des Palastes, in dem der Kronprinz lebte. Anders als die anderen Mitglieder der kaiserlichen Familie hatte er keine Wachen vor seiner Tür, die Besucher abschreckten. Wer wollte, konnte kommen. Doch kaum jemand wagte es. Die Gerüchte über Hypos hielten die meisten fern. Geschichten von Wahnsinn, von dunklen Ritualen und grausamen Spielen. Es hieß, dass jeder, der ihm zu nahe kam, verändert zurückkehrte – wenn überhaupt. Leyla ließ sich davon nicht abschrecken. Sie hatte es bis in den höchsten Turm geschafft, wo ihr einer der Leibdiener des Kronprinzen mitgeteilt hatte, dass Hypos sich auf dem höchsten Punkt seines Nebenpalastes aufhielt. Was für ein Mensch Hypos wohl war? Als sie die Tür zum Balkon erreichte, blies ihr der Wind ins Gesicht. Eine raue, kühle Brise, die die Stille der Nacht durchbrach. Doch sie hörte noch etwas anderes – eine Stimme, die im Wind ein Lied sang. ,,In feur'ger Nacht, auf Schwingen wild, rief ich den Drachen, mein schreckliches Bild. Mit Zähnen aus Schatten, mit Augen wie Glut, ertrank ich die Welt in flammender Wut. Sein Atem gehorcht mir, sein Wille ist mein, ich flüst're Wahnsinn in schuppiges Sein. Die Adligen brennen, die Himmel vergeh'n, nur ich soll im Lichte der Asche besteh'n.’’ Leyla schluckte. Die Worte des Liedes waren gefährlich, an der Grenze zum Hochverrat. Nein, eigentlich waren sie Hochverrat. Sie trat hinaus auf den Balkon und erblickte Hypos. Er stand mit dem Rücken zu ihr, den Blick auf die Kaiserstadt gerichtet. Der goldene Umhang, den er über seiner schwarzen Weste trug, flatterte leicht im Wind. Seine kurzen, wasserstoffblonden Haare schimmerten im Licht des Mondes, und als er sich umdrehte, funkelten ihr seine gelben Augen entgegen. Doch es war nicht seine Kleidung, nicht sein Hut – ein schwarzer Strohhut mit goldenen Verzierungen –, das sie am meisten irritierte. Es war sein breites Grinsen. „Leyla!“ rief er fröhlich, als wäre sie eine alte Freundin, die er lange nicht gesehen hatte. „Ich freue mich, dass du deinen Weg zu mir gefunden hast!“ Seine Stimme war hell und freundlich, doch in seinen Augen lag etwas Bedrohliches, etwas, das Leyla nicht greifen konnte. Sie straffte sich. „Eure Hoheit, ich würde gerne wissen, warum Ihr meine Dienerin aufgesucht habt.“ Kaum hatte sie gesprochen, veränderte sich die Welt um sie herum. Der Wind verstummte abrupt, als hätte jemand die Luft angehalten. Die Blätter, die eben noch in der Brise tanzten, froren in der Luft ein. Selbst die Haare des Kronprinzen standen still, als wäre die Zeit selbst ins Stocken geraten. Dann grinste Hypos noch breiter. „Ach komm, das kannst du besser!“ rief er belustigt. Und plötzlich wurde Leyla von einem gleißenden weißen Blitz verschluckt. - ------------------------------------------------------------------------- Als das blendende Licht nachließ, stand Leyla wieder auf der Treppe vor der Tür zum Balkon. Alles war genauso wie zuvor. Der Wind wehte, das Mondlicht spiegelte sich auf den weißen Marmorstufen, und von draußen erklang erneut die Stimme des Kronprinzen, der sein düsteres Lied sang. ,,In feur'ger Nacht, auf Schwingen wild, rief ich den Drachen, mein schreckliches Bild. Mit Zähnen aus Schatten, mit Augen wie Glut, ertrank ich die Welt in flammender Wut. Sein Atem gehorcht mir, sein Wille ist mein, ich flüst're Wahnsinn in schuppiges Sein. Die Adligen brennen, die Himmel vergeh'n, nur ich soll im Lichte der Asche besteh'n.’’ Leyla blieb für einen Moment regungslos stehen. Ihr Verstand hatte die Realität nicht sofort erfassen können. Was war passiert? Dann dämmerte ihr die Antwort. Zeitmagie. Hypos hatte die Zeit zurückgedreht. Sie hatte sich höflich verhalten, sich respektvoll vorgestellt – und dennoch hatte er die Unterhaltung einfach zurückgesetzt. Warum? Was hatte sie falsch gemacht? Sie atmete tief durch. Wenn er dieses Spiel spielen wollte, würde sie es mitspielen. Doch sie würde sich nicht von ihm zum Narren halten lassen. Erneut öffnete sie die Tür und trat auf den Balkon. Hypos stand bereits da, als hätte er auf sie gewartet. Sein Lächeln hatte sich in ein noch wahnsinnigeres Grinsen verwandelt. Mit einer theatralischen Geste zog er seinen Strohhut und verbeugte sich tief. ,,Guten Tag, Miss Leyla. Ich freue mich untertänigst, Euch zu sehen!’’ Seine Stimme war übertrieben freundlich, doch Leyla hörte die Belustigung dahinter. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und funkelte ihn an. „Was sollte das eben?“ Ihre Stimme klang gereizt. Sie hatte höflich sein wollen, etwas, dass sie in ihrer Position nicht musste, doch das hier hatte nichts mit Etikette zu tun – Hypos machte sich über sie lustig. Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, geschah es wieder. Die Welt um sie herum erstarrte. Der Wind hörte abrupt auf, zu wehen. Das Rascheln ihrer Haare verstummte, die Luft wurde schwer wie Eis. Ihre Glieder gehorchten ihr nicht mehr. Selbst ihr Atem stockte, als wäre die Zeit selbst in ihr zum Stillstand gekommen. Hypos lachte leise. Dann klatschte er zweimal in die Hände, und die Welt wurde erneut in grelles Licht getaucht. ,,Versuch es doch noch einmal!’’ rief er amüsiert. Und wieder begann alles von vorne. - ------------------------------------------------------------------------- Zehn Mal, zwanzig Mal. Immer wieder betrat sie den Balkon, hörte das Lied des Prinzen, stellte ihre Frage – und immer wieder wurde die Zeit zurückgesetzt. Es war ein endloser Kreislauf, ein absurdes Spiel, das nur Hypos’ willkürlichen Regeln folgte. Doch sie dachte nicht daran aufzugeben. „Irgendwann muss ihm doch das Mana ausgehen“, murmelte sie frustriert, während sie erneut die Treppe hinaufstieg. Beim zweiundvierzigsten Mal bemerkte sie eine winzige Veränderung. Der Sonnenuntergang war endgültig verschwunden, die Nacht hatte begonnen. „Ich verstehe“, flüsterte sie. „Er dreht nur für uns beide die Zeit zurück, nicht für die Welt.“ Beim siebenundfünfzigsten Mal hatte sie genug. Statt einfach auf den Balkon zu treten, legte sie eine Hand auf die steinernen Stufen des Turms und ließ ihre Erdmagie in den Boden fließen. Sie konnte spüren, wie die Struktur des Turms auf ihre Magie reagierte, wie die Steine sich nach ihrem Willen formten. Dann betrat sie den Balkon und betrachtete Hypos. Er saß lässig auf dem Geländer, sein Strohhut tief ins Gesicht gezogen, ein unverschämtes Grinsen auf den Lippen – nur, dass er sich diesmal nicht rühren konnte. Die Pfeiler des Balkons hatten sich wie Fesseln um ihn gelegt, hielten ihn fest, als wäre er selbst Teil der Architektur geworden. „Könnt Ihr endlich damit aufhören?“ rief sie ihm entgegen, ihre Stimme voller genervter Wut. Hypos blinzelte kurz, dann zwinkerte er ihr vergnügt zu. „Na gut, wenn es dir lieber ist.“ Mit einer beiläufigen Bewegung machte er eine Geste, und augenblicklich verschwanden die Fesseln aus Stein. Etwas irritiert ließ Leyla das Gestein in seine ursprüngliche Form zurückfließen und verschränkte die Arme. „Also, warum habt Ihr meiner Dienerin aufgelauert?“ fragte sie kühl. Hypos lachte leise und rückte seinen Strohhut zurecht. „Aufgelauert? Ich bin doch keine Bestie.“ Seine Stimme triefte vor gespielter Empörung. „Ich habe ihr lediglich geholfen.“ Er schwang sich mit einer flinken Bewegung nach vorne, sprang vom Geländer und landete geschmeidig neben ihr. Sein Blick wanderte über die leuchtende Stadt unter ihnen, während eine leichte Brise sein blasses Haar umspielte. „Ist die Kaiserstadt nicht wunderschön?“ fragte er mit einer vagen Melancholie in der Stimme. Leyla starrte ihn an. Sie hatte aufgegeben, Sinn oder Vernunft in diesem Mann zu suchen. „Es geht“, sagte sie knapp. „Von oben sieht sie ganz erträglich aus.“ Hypos’ Lächeln wurde breiter. „Nicht wahr, Leyla?“ Seine Stimme trug eine eigenartige, fast spöttische Wärme. „Nun gut, du wolltest wissen, warum ich dir das Buch habe zukommen lassen, nicht wahr?“ Leyla nickte langsam. „Ja“, sagte sie, mit einem Hauch von Müdigkeit in der Stimme. Sie war erschöpft von seinem Spiel. Hypos’ Miene wurde plötzlich ausdruckslos. „Nun, ein Freund hat mich darum gebeten“, sagte er leichthin, als wäre es eine Nebensächlichkeit. Sein Blick verlor sich in der Ferne, als wäre er in Gedanken woanders. „Er will anscheinend, dass du die Steinchen findest.“ Leylas Magen zog sich zusammen. „Warum? Wer ist dieser Freund?“ fragte sie mit neuer Dringlichkeit. Hypos drehte sich zu ihr um und zuckte mit den Schultern. Dann zog sich sein Mund erneut zu einem breiten, fast wahnsinnigen Grinsen. „Nun, wer weiß?“ Leyla seufzte. Sie hatte zumindest einen Teil der Informationen bekommen, die sie haben wollte. Der Kronprinz war wahnsinnig, exzentrisch – aber er schien keine direkte Gefahr für sie zu sein. Zumindest nicht in diesem Moment. „Danke. Ich verabschiede mich dann mal“, sagte sie und wandte sich ab, um die Treppe hinabzusteigen. Als sie den ersten Schritt machte, hörte sie wieder das Lied. Seine Stimme war leise, aber deutlich zu hören, als würde er sie noch immer begleiten. ,,In feur'ger Nacht, auf Schwingen wild, rief ich den Drachen, mein schreckliches Bild. Mit Zähnen aus Schatten, mit Augen wie Glut, ertrank ich die Welt in flammender Wut. Sein Atem gehorcht mir, sein Wille ist mein, ich flüst're Wahnsinn in schuppiges Sein. Die Adligen brennen, die Himmel vergeh'n, nur ich soll im Lichte der Asche besteh'n.’’
- Kapitel 92 - Dienerin und Freundin
Leyla durchbrach die Wasseroberfläche mit einer letzten kraftvollen Bewegung und glitt geschmeidig zum Beckenrand. Das kühle Nass perlte von ihrer Haut, als sie sich mit einer fließenden Bewegung aus dem Wasser zog. Sie strich sich das nasse Haar aus dem Gesicht, ihr Blick ruhte neugierig auf Eroica, die in der Tür stand – außer Atem, mit einer Unruhe in den Augen, die sie sonst nie zeigte. „Leyla, ich habe etwas gefunden!“ rief sie, ihre Stimme zitterte leicht, obwohl sie bemüht war, gefasst zu bleiben. Leyla zog eine Augenbraue hoch. Sie hatte Eroica bisher nur ruhig und besonnen erlebt, immer kontrolliert, immer mit Bedacht handelnd. Doch jetzt stand sie da, offensichtlich aufgewühlt, fast schon panisch. Das konnte nur bedeuten, dass sie etwas wirklich Wichtiges entdeckt hatte. „Was hast du gefunden?“ fragte Leyla, während sie nach einem Handtuch griff und sich rasch abtrocknete. „Kommt mit, ich zeige es Euch“, erwiderte Eroica mit einer Dringlichkeit in der Stimme, die keinen Widerspruch duldete. Leyla beeilte sich, sich anzuziehen, und folgte ihr ins Wohnzimmer. Auf dem Tisch lag ein schmales, schwarzes Buch. Sie setzte sich und betrachtete es mit wachsendem Interesse. Der Stoff des Einbands war spröde, an den Kanten ausgefranst, als wäre es durch viele Hände gegangen, die es mit Ehrfurcht – oder Angst – berührt hatten. „Was ist das für ein Buch?“ fragte Leyla und ließ ihre Fingerspitzen über das raue Material gleiten. Eroica schien sich zu winden, als würde sie sich davor scheuen, die Antwort auszusprechen. „Das ist ein Buch über… Lest besser selbst.“ Leyla hob den Blick und musterte sie. Das sonst so glatte, gepflegte Fell der Filina war leicht gesträubt, ein untrügliches Zeichen für Nervosität. Etwas an diesem Buch beunruhigte sie offensichtlich zutiefst. „Ist alles okay? Du wirkst aufgelöst, Eroica“, bemerkte Leyla mit leiser Besorgnis. Eroica wich ihrem Blick aus, als würde sie mit sich ringen, doch dann straffte sie die Schultern und setzte sich ihr gegenüber. „Nun, das Buch wurde mir von Kronprinz Hypos gegeben.“ Hypos. Leyla spürte, wie sich ein kalter Stich der Vorsicht in ihren Gedanken festsetzte. Sie hatte ihn noch nie persönlich getroffen, doch sein Name allein reichte aus, um bei jedem, der ihn hörte, eine Mischung aus Faszination und Furcht auszulösen. Ein Mann voller Mysterien, jemand, dessen Genie in Wahnsinn gewoben war. Warum sollte gerade er ihr dieses Buch zukommen lassen? Doch diese Fragen mussten warten. Erst einmal musste sie wissen, was in diesem Buch stand. Mit beinahe ehrfürchtiger Vorsicht schlug sie die erste Seite auf. -------------------------------------------------------------------------- Leyla ließ das Buch mit einem dumpfen Geräusch auf den Tisch fallen. Ihre Finger ruhten noch auf dem Einband, als könnte sie sich damit einen Anker in der plötzlichen Flut aus Gedanken verschaffen. Ihr Verstand war ein einziges Chaos, ein wirrer Strudel aus Fragen und Theorien, die sich überlagerten, widersprachen und keinen klaren Weg erkennen ließen. Sollte sie das Buch vernichten, jetzt, da sie seinen Inhalt kannte? War es zu gefährlich, es zu behalten? Gab es Kopien? Vielleicht in den Händen von Hypos? Sie kannte den Kronprinzen nicht, aber allein die Tatsache, dass er ihr dieses Buch zugespielt hatte, ließ in ihr ein ungutes Gefühl aufsteigen. Das Buch war schwer zu lesen gewesen, voller alter Begriffe und unvollständiger Informationen. Doch eines war ihr klar: Der Rabe. Dieses Wesen – oder war es eine Art Gott? – trug denselben Namen wie das Buch, das ihr jene rätselhaften Träume beschert hatte. Ein Zufall war ausgeschlossen. Es gab eine Verbindung zwischen ihnen. Wenn das stimmte, dann war der Rabe, der in den alten Schriften erwähnt wurde, dasselbe Wesen, das sie in ihren Träumen gesehen hatte. Ein Wesen von unfassbarer Macht. Dann waren da die zwölf Runensteine. Das Buch hatte nur von dreien gesprochen: dem Runenstein des Siechtums und der Verfluchung, dem Runenstein von Himmelszorn und Donnerpein sowie dem Runenstein von Fluthauch und Wogenspiel. Über die übrigen neun gab es keine Informationen. Doch eine Frage brannte in ihr stärker als alle anderen. War der Stein, den sie in der Höhle unter dem Engelstempel gefunden hatte, auch einer dieser zwölf? Es ergab Sinn. Zu gut wusste sie, was passiert war, als er sich ihrer Kontrolle entzogen hatte. Sie hatte es am eigenen Leib erfahren. Leyla atmete tief ein, ihre Gedanken kreisten noch immer, doch sie zwang sich, Ruhe zu bewahren. „Die zwölf Runensteine, hmm?“ murmelte sie leise und strich nachdenklich mit den Fingern über den Buchrücken. Gegenüber saß Eroica, ihre Ohren zuckten leicht, ihr Fell war noch immer gesträubt – ein eindeutiges Zeichen für Angst. Doch es war nicht die Art von Angst, die einen lähmte. Es war die Angst vor Wissen, das man nie hätte erfahren dürfen. „Leyla, wollt Ihr mir nicht erzählen, was es mit all dem auf sich hat?“ fragte Eroica vorsichtig. Leyla hob den Blick. Eroica hatte das Buch direkt zu ihr gebracht, ohne zu zögern. Sie hatte sich darauf verlassen, dass Leyla wusste, was zu tun war. Sollte sie ihr vertrauen? Das Wissen über den Stein, über den Raben, über sie – es war gefährlich. Je mehr jemand wusste, desto größer würde das Risiko werden. Doch wenn sie es allein trug, könnte das irgendwann zu ihrer Schwäche werden, könnte sie irgendwann ohne Verbündete dastehen. Eroica — sie war nicht nur ihre Dienerin. Sie war… mehr als das. Leyla legte ihre Hand auf das Buch und begegnete Eroicas Blick. „Ich werde es dir erklären.“ -------------------------------------------------------------------------- Leyla beobachtete Eroica genau, während ihre Dienerin mit gespitzen Ohren und aufmerksamen Augen bereit war, jedes ihrer Worte aufzunehmen. Doch bevor sie ihr die Wahrheit offenbarte, musste sie sicher sein. „Bevor ich dir erzähle, was ich weiß, musst du mir etwas versprechen“, begann Leyla mit fester Stimme. „Du darfst niemals mit jemandem darüber reden.“ Eroica zögerte keine Sekunde und nickte. Ein Versprechen war etwas, das man brechen konnte – das wusste Leyla. Doch würde sie es brechen? Was, wenn jemand sie dazu zwang? Die Gedanken rasten durch ihren Kopf, aber sie entschied sich gegen das Grübeln. Ihr Vertrauen in Eroica war größer als jeder Zweifel. Doch dann tat ihre Dienerin etwas Unerwartetes. Sie stand auf und begann, ihre Robe abzustreifen. Leyla runzelte verwirrt die Stirn. „Hey, warte. Warum ziehst du dich aus?“ fragte sie, völlig überrumpelt von der plötzlichen Entwicklung. Doch Eroica beachtete die Frage nicht und legte stattdessen ihre Hand auf ihre linke Brust, direkt über dem Herzen. Ihre Stimme war fest, als sie sprach: „Ich, Eroica Nyva, gelobe hiermit, dass ich niemals die Geheimnisse meiner Herrin weitergeben werde. Ich gelobe, dass ich ihr treu dienen werde. Ich gelobe, dass der Tod mich holen soll, wenn ich diesen Schwur breche.“ Mit dem letzten Wort erschien auf ihrer Brust ein blauer, leuchtender Zirkel, durchzogen von fremdartigen Symbolen, die Leyla nicht lesen konnte. Das Muster pulsierte kurz, als würde es sich in das Fell der Filina einbrennen, doch Eroica zeigte keine Regung, keine Spur von Schmerz oder Unsicherheit. Als das Licht schließlich erlosch, zog sie sich wieder an und setzte sich zurück an den Tisch. „Das war ein Lebensschwur“, erklärte sie mit ruhiger Stimme. „Ich habe ihn in Drakia von einem Erzmagier gelernt. Wenn ich den Schwur breche, sterbe ich augenblicklich.“ Leyla sah sie sprachlos an. Sie hatte erwartet, dass Eroica ihr die Treue schwören würde, das schon, aber nicht in einem solchen Ausmaß. Die Hingabe, mit der sie sich diesem Versprechen unterworfen hatte, ließ Leyla einen Kloß im Hals spüren. Wie hatte sie nur daran zweifeln können, dass sie ihr vertrauen konnte? Eine unbeschreibliche Wärme durchströmte sie, und sie spürte, wie ein wenig von der Last, die sie so lange mit sich getragen hatte, von ihren Schultern genommen wurde. „Eroica, du…“ Leyla brach ab, unfähig, ihre Gedanken in Worte zu fassen. Schließlich atmete sie tief durch und sagte nur: „Ich danke dir. Dann hör mir gut zu.“ Und so begann Leyla, ihre Geschichte zu erzählen. Sie sprach von ihrer Reise mit Liam, von ihrem Kampf gegen Maegnar, von dem unheimlichen Raum mit den Kerzen. Sie erzählte von den Grauen Federn , von der furchtbaren Konfrontation mit Bournadette und von dem Moment, in dem Fer an ihrer Stelle gestorben war. Leyla konnte sehen, wie Eroica zusammenzuckte, als sie diesen Teil erzählte, doch sie sagte nichts. Ihre grünen Augen blieben fest auf Leyla gerichtet, als wollte sie jedes Detail in sich aufsaugen. Doch als Leyla schließlich von dem Stein sprach, veränderte sich Eroicas Gesichtsausdruck drastisch. Sie holte scharf Luft, und ihre Krallen gruben sich in das Holz des Tisches. Doch noch immer schwieg sie. Noch immer hörte sie zu. Leyla fuhr fort, sprach über ihre Zeit bei Kronprinz Eugenius, ihren Kampf um einen Platz als Kopfgeldjägerin und ihre Vermutung, dass Roxy durch die Begegnung mit Bläsk an ihrer Stelle gestorben war. Sie ließ nur eine Sache aus: Das Buch „ Rabe “ und die Träume. Es war, als würde etwas in ihr verhindern, dass sie davon berichtete. Als sie endlich wieder in der Gegenwart ankamen, lag eine gespannte Stille zwischen ihnen. Eroicas Augen glänzten feucht, und Leyla spürte eine Mischung aus Erleichterung und Furcht. Dann stand Eroica auf. „Verzeiht mir, aber darf ich Euch umarmen?“ fragte sie mit leiser Stimme. Leyla blinzelte verwundert. „Ähm… ja, klar…?“ Eroica trat vor und legte ihre Arme um sie. Ihre Umarmung war fest, tröstend – als wolle sie die Last teilen, die Leyla so lange allein getragen hatte. Leyla spürte, wie ihr eigener Körper nachgab, wie sie in der Geste eine Wärme fand, die sie nicht erwartet hatte. „Ihr musstet so viel durchmachen…“ flüsterte Eroica. „Ihr tut mir so leid.“ Leyla schluckte schwer. Sie war es nicht mehr gewohnt, bemitleidet – oder getröstet zu werden. Doch sie ließ es zu. Zum ersten Mal seit Filias Tod. Als Eroica sich löste, ging sie ohne ein weiteres Wort in die Küche und kehrte mit einer Kanne Tee und einem Teller Kekse zurück. Sie stellte beides auf den Tisch und setzte sich wieder. Leyla betrachtete sie mit einem nachdenklichen Blick, bevor sie schließlich die Frage aussprach, die ihr auf der Seele brannte. „Hast du keine Angst?“ fragte sie. „Es wäre gut möglich, dass nun auch eine Kerze von dir auf dem Tisch steht.“ Eroica nahm sich eine Tasse Tee, um ihre zitternden Hände zu beruhigen, bevor sie antwortete. „Natürlich habe ich Angst“, gab sie offen zu. „Aber ich habe mich bereits entschieden, Euch zu unterstützen.“ Leyla runzelte leicht die Stirn. „Warum glaubst du so sehr an mich?“ Eroica lächelte – ein ehrliches, warmes Lächeln. „Weil ich Euch, seit ich hier lebe, beobachtet habe“, sagte sie leise. „Ihr seid ein guter Mensch. Ihr seid mächtig, aber deswegen erhebt Ihr Euch nicht über andere. Ihr lernt, um des Wissens willen. Vermutlich erkenne ich mich ein bisschen in Euch wieder.“ Leyla senkte den Blick, und sie spürte die Tränen in ihren Augen. Sie hatte ihr Geheimnis so lange allein getragen, hatte geglaubt, dass niemand es verstehen würde, niemand es verstehen konnte . Doch jetzt war da jemand, der sie nicht nur verstand, sondern sich freiwillig an ihre Seite stellte. Sie hatte eine Verbündete gefunden. —Nein— Sie hatte eine Freundin gefunden. -------------------------------------------------------------------------- Eroica betrachtete Leyla aufmerksam, während sie eine Weile schweigend in Gedanken versunken blieb. Schließlich durchbrach die Filina die Stille. „Was gedenkt Ihr nun zu tun?“ fragte sie leise, ihre grünen Augen voller Neugier, aber auch mit einem Hauch von Besorgnis. Leyla lehnte sich in ihrem Sessel zurück, fuhr sich mit einer Hand durch das noch feuchte Haar und seufzte nachdenklich. Die Last der Erkenntnisse aus dem Buch lag schwer auf ihren Schultern, doch sie wusste, dass sie eine Entscheidung treffen musste. „Als Erstes werde ich dieses Buch verbrennen“, erklärte sie schließlich mit fester Stimme. „Ich will nicht, dass jemand es in die Hände bekommt.“ Eroica nickte langsam, doch noch bevor sie etwas sagen konnte, schob Leyla das Buch über den Tisch zu ihr. „Aber vorher will ich, dass du es auch vollständig liest“, fügte sie hinzu. Eroica nahm das Buch vorsichtig entgegen, ihre Krallen strichen über das alte Leder des Einbands. Sie war sich bewusst, dass Leyla ihr damit eine große Verantwortung übergab. „Verstanden“, sagte sie ruhig. Leyla verschränkte die Arme und fuhr fort: „Danach werde ich mich mit Kronprinz Hypos treffen. Ich möchte wissen, was er für ein Mensch ist.“ Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in ihrer Brust aus. Sie hasste den Gedanken, mit einem der Kronprinzen sprechen zu müssen, doch es war notwendig. Hypos hatte ihr dieses Buch gegeben – warum? Welche Absichten verfolgte er? Eroicas Ohren zuckten leicht. „Und was ist mit den Runensteinen?“ fragte sie zögernd. Leyla senkte den Blick auf ihre linke Hand, wo das filigrane Tattoo in ihre Haut eingebrannt war. Ihre Finger strichen unbewusst über das Zeichen. „Ich habe das Gefühl, als würde ich sie kontrollieren können“, murmelte sie. „Als wäre ich dazu bestimmt, sie zu kontrollieren.“ Eroica musterte sie aufmerksam, bevor sie mit leiser Besorgnis sagte: „Seid Ihr Euch sicher, dass das für alle Steine gilt? Ihr wart eine Erdmagierin – vielleicht war es nur Glück, dass Ihr den richtigen gefunden habt.“ Leyla schüttelte den Kopf. „Nein, es war kein Glück. Der Stein ist mit mir verschmolzen, und ich kann seine Kraft spüren. Er fühlt sich… vertraut an.“ Eine kurze Stille entstand zwischen den beiden, bis Eroica sich räusperte. „Darf ich Euch noch eine Frage stellen?“ fragte sie vorsichtig. Leyla lächelte leicht. „Natürlich. Dafür musst du nicht erst fragen.“ Eroica senkte den Blick, als ob sie ihre nächsten Worte sorgfältig wählte. „Was wollt Ihr mit den Steinen machen?“ fragte sie schließlich. „Wenn alles in dem Buch wahr ist, dann würde Euch das unfassbar mächtig machen. So mächtig wie der Erzdämon Bläsk. Vielleicht sogar so mächtig wie Yang.“ Leyla öffnete den Mund, doch für einen Moment wusste sie keine Antwort. Was wollte sie mit dieser Macht tun? Bis jetzt hatte sie nur darüber nachgedacht, dass sie die Steine finden und kontrollieren wollte, aber nicht, wofür sie sie einsetzen wollte. Sie dachte an die Welt, an all das Leid, das sie gesehen hatte. Wenn sie so mächtig wäre – könnte sie all das verhindern? Schließlich antwortete sie leise: „Das weiß ich noch nicht. Aber ich weiß, dass ich die Macht nicht ausnutzen möchte, um mich zu bereichern oder zu herrschen. Ich möchte, dass es möglichst vielen gut geht.“ Eroica lächelte sanft. „Ich wusste, dass Ihr das sagen würdet“, sagte sie mit Wärme in der Stimme. Die beiden sprachen noch lange weiter, verloren sich in ihren Gedanken und Theorien. Der Abend kam und ging in die Nacht über. Diese schritt voran, und erst als die Müdigkeit ihre Sinne trübte, verabschiedeten sie sich. Am nächsten Morgen stand Leyla früh auf. Heute würde sie sich mit Kronprinz Hypos treffen.
- Kapitel 91 - Wissen, das nicht existieren darf
Die ersten Sonnenstrahlen hatten kaum den Horizont berührt, als Eroica bereits durch die imposanten Tore der Kaiserlichen Bibliothek, welche im Norden der Stadt lag, schritt. Die Luft war noch frisch, und ein feiner Hauch von Tintenstaub und altem Pergament lag über den gewaltigen Hallen dieses Ortes, der mehr als nur eine Sammlung von Wissen war – Diese Bibliothek war das Gedächtnis des Kaiserreichs. Sie hatte bereits über zwanzig Bücher für Leyla gesammelt, jedes einzelne handelte von magischen Steinen. Doch keines davon schien das zu beinhalten, wonach Leyla suchte. Natürlich juckte es Eroica in den Krallen, mit anderen Gelehrten zusammen zu forschen, oder Leyla für mehr Informationen zu befragen. Wenn sie nur wüsste, worauf genau sich Leylas Suche konzentrierte, könnte sie effizienter vorgehen, gezielter suchen. Doch sie wusste, dass ihre Herrin ihre Gründe hatte – und Eroica respektierte dies, auch wenn die unbeantworteten Fragen sie beinahe um den Verstand brachten. [???] ,,Guten Morgen, Miss Nyva!’’ Die vertraute Stimme ließ sie aufblicken. ,,Guten Morgen Rhovar!’’ Vor ihr stand Rhovar Trellis, der Hofchronist und Verwalter der Kaiserlichen Bibliothek. Der alte Drachar, mit seinen schuppigen Armen, hatte bereits an die zweihundert Jahre erlebt. Er hatte Kaiser kommen und gehen sehen, Intrigen überstanden und Adelshäuser fallen sehen – doch sein Platz in der Bibliothek war unerschütterlich geblieben. „Ihr wollt heute wieder die Bibliothek durchsuchen?“ fragte Rhovar, während er mit einer routinierten Bewegung seine Brille zurechtrückte. Seine giftgrünen Augen, die wie alte Smaragde glänzten, musterten sie interessiert. „Habt Ihr das Buch, das Ihr sucht, noch immer nicht finden können?“ „Nein, bisher noch nicht“, antwortete Eroica mit einem sanften Lächeln. „Aber ich bleibe zuversichtlich.“ Rhovar nickte verständnisvoll. „Nun, wie jeden Tag: Wenn Ihr Hilfe benötigt, fragt mich gerne.“ Rhovar war immer freundlich – besonders ihr gegenüber. Es gab etwas an seiner Hilfsbereitschaft, das mehr war als bloße Höflichkeit. Eine stille Art von Respekt, die sich über die letzten Wochen aufgebaut hatte. Eine Verbundenheit, die sie nicht als selbstverständlich betrachten durfte. „Danke, Rhovar“, sagte sie höflich, doch mit einer gewissen Bestimmtheit in der Stimme. „Allerdings werde ich weiterhin alleine suchen. Nicht nur das Lesen eines Buches, auch das Finden eines Werkes, dessen Titel man nicht kennt, ist eine eigene Kunst – eine, die ich genießen möchte.“ Rhovar lächelte. Seine Augen funkelten hinter der Brille, als hätte ihn ihre Antwort besonders erfreut. „Nun, dann tretet ein!“ verkündete er mit einer theatralischen Geste. Mit einem leisen Knarren öffnete sich eine verborgene Wand, und Eroica trat in die riesige, mit endlosen Regalen gefüllte Halle. Tausende Bücher, aufeinandergestapelt, die Erinnerungen der Welt, warteten darauf, dass jemand ihre Geheimnisse enthüllte. Und diesmal würde sie finden, wonach sie suchte. -------------------------------------------------------------------------- Eroicas Schritte hallten gedämpft auf dem kühlen Marmorboden wider, während sie durch die schier endlosen Gänge der Kaiserlichen Bibliothek schritt. Die massiven Regale ragten bis zur Decke und reckten sich wie uralte Wächter in die Höhe, jeder einzelne gefüllt mit Abertausenden von Büchern, die Wissen aus längst vergangenen Zeiten in sich trugen. Ein ehrfurchtgebietender Ort – und einer, der ihr bei jedem Besuch das Gefühl gab, in einer anderen Welt zu sein. Wie viele Bücher mochten hier wohl existieren? Diese Frage kam ihr immer wieder in den Sinn, obwohl sie wusste, dass eine exakte Zahl zu ermitteln, vermutlich, unmöglich war. Doch sie ließ sich dennoch auf eine gedankliche Rechnung ein. Die Bibliothek war momentan in vierundzwanzig Hallen unterteilt, jede mit achtundvierzig Bereichen. In jedem Bereich standen etwa zweihundert Regale, und jedes Regal beherbergte an die viertausend Bücher. Ihre Lippen bewegten sich lautlos, während sie die Zahlen zusammenfügte. Dann murmelte sie leise, beeindruckt: „Über neunhundert Millionen Bücher…“ Sie schüttelte den Kopf. Selbst wenn sie ihre ganze Existenz dem Lesen widmete, würde sie nur einen winzigen Bruchteil dessen erfassen können, was in diesen Wänden schlummerte. Aber das war genau das, was sie an der Bibliothek so liebte. Sie war ein unendliches Mysterium – voller Geheimnisse, die darauf warteten, entdeckt zu werden. Doch heute galt ihre Suche einem ganz bestimmten Bereich. Seit kurzem gab es einen neuen Abschnitt in der Bibliothek: die verschlossenen Werke der Geschlossenen Abtei. Ein Ort, an dem Bücher aufbewahrt worden waren, die als zu gefährlich, zu wertvoll oder zu ketzerisch galten, um der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu sein. Diese Abtei war Teil der angesehenen Magieakademie Engelssee gewesen, bis Selfmun Aragi persönlich angeordnet hatte, die gesamte Sammlung zu beschlagnahmen. Jetzt gehörten die Werke dem Kaiser – und durch Leylas Stellung als Kopfgeldjägerin hatte Eroica Zugang zu ihnen. Die Luft wurde kühler, als sie in den Gang einbog, der zu den neuen Archiven führte. Der Geruch von altem Pergament und Ledereinbänden füllte ihre Lungen, ein Aroma, das sie mit Sicherheit, Wissen und der Verheißung neuer Entdeckungen verband. Hier lag die Essenz der Vergangenheit – die Spuren längst verstorbener Gelehrter, gefangen zwischen den Seiten, wartend darauf, wieder gelesen zu werden. Eroica strich mit ihren Fingerspitzen über die Rücken der Bücher, während sie tiefer in die Halle trat. Ihr Herz schlug schneller, als sie begann, sich durch die Regale zu wühlen. Irgendwo hier musste es sein – das eine Buch, das Leyla suchte. Sie wusste nicht genau, was ihre Herrin von ihr erwartete, aber sie war fest entschlossen, es zu finden. Denn sie wusste: Leyla fragte nicht ohne Grund nach solchen Werken. Und wenn Leyla etwas wissen wollte, dann bedeutete es, dass es wichtig war. -------------------------------------------------------------------------- Jedes Buch der ehemaligen Geschlossenen Abtei war ein Schatz, den Eroica am liebsten sofort durchblättern wollte. Doch sie musste sich beherrschen. Die Versuchung war riesig, aber sie hatte ein Ziel, und sie durfte sich nicht in den Seiten dieser wertvollen Werke verlieren. Trotzdem fühlte es sich an, als suche sie nicht nur nach einer Nadel im Heuhaufen, sondern nach einer Nadel in einem ganzen Meer aus Heu. Ihre Augen glitten über die Buchrücken, ihre Fingerspitzen strichen sanft über die Lederrücken der alten Werke. ,,Speisen und Getränke im Reich der Elfen’’ von Erales. ,,Warum Feuermagie’’ von Kranor Hisres. ,,Die Wahrheit über Sǐwáng ’’ von Ifrit dem Großen. ,,Das Schwert der fünf Monde’’ von Benima Laters. Eroicas Herz zog sich bei jedem dieser Titel zusammen. Jedes dieser Bücher hätte das Potenzial, weitreichende Veränderungen auszulösen. Wissen, für das Sterbliche bereit waren, zu töten – Wissen, das nicht für die Allgemeinheit gedacht war. Und doch musste sie sie alle stehen lassen. Ein leiser Seufzer entwich ihr. Sie hatte nicht die Zeit, sich mit anderen Themen zu befassen. Ihre Aufgabe war es, das eine Buch zu finden, das Leyla weiterhelfen würde. Nicht, sich in den Schätzen der Bibliothek zu verlieren – so verlockend es auch war. Sie setzte ihre Suche fort, ließ ihren Blick weiter über die Reihen der Bücher gleiten. Manche waren in Sprachen verfasst, die sie nicht lesen konnte. Andere trugen keine Titel, nur rätselhafte Symbole oder schlichte Einbände, die ihre Geheimnisse verborgen hielten. Sie war so tief in ihrer Suche vertieft, dass sie die Präsenz eines anderen erst bemerkte, als eine Stimme durch die Stille der Bibliothek drang. [???] ,,Du bist doch das Dienstmädchen dieser Leyla?’’ Eroica zuckte zusammen. Die Stimme war ruhig, aber durchdringend – eine Stimme, die keinen Widerspruch duldete. Sofort drehte sie sich um, ihre Haltung instinktiv angespannt. Wer konnte es wagen, sich so an sie zu wenden? Ihr Blick fiel auf einen Mann, den sie sofort erkannte. Kronprinz Hypos. Ohne zu zögern verbeugte sie sich tief. „Eure Hoheit, Kronprinz Hypos! Ihr habt natürlich recht, ich bin Eroica Nyva.“ Hypos betrachtete sie mit einem amüsierten Lächeln. Seine Erscheinung war so makellos wie sein Ruf zwiespältig. Der fünfte Sohn von Kaiser Verion III. war derjenige, der im Prinzenspiel vorne lag. Sein Talent für Magie war legendär, seine Schönheit nahezu unnatürlich. Doch es gab ebenso viele, die ihn fürchteten, wie solche, die ihn anhimmelten. „Ein Wahnsinniger“, „Ein Sadist“, „Ein Monster“ – die Gerüchte über ihn waren so zahlreich wie die Bücher, die sie umgaben. Eroica wusste nicht, was davon wahr war, aber sie wusste, dass dieser Mann gefährlich war. Sie straffte ihre Haltung, unterdrückte die Unruhe, die sich in ihrem Inneren ausbreitete. „Wie kann ich Euch behilflich sein, Eure Hoheit?“ Ihre Stimme war ruhig, fest. Hypos lachte leise – ein Geräusch, das weder freundlich noch fröhlich klang. „Mir? Behilflich sein?“ Seine Augen funkelten, als würde er sich köstlich amüsieren. „Nein, nein. Ich brauche keine Hilfe. Aber ich weiß, dass deine blauhaarige Meisterin sie braucht.“ Ein eiskalter Schauer lief Eroica über den Rücken und ihr Fell begann sich zu sträuben. Sie wusste nicht, was er meinte, aber sie wusste, dass sie ihm nicht trauen konnte. Ihre Krallen fuhren sich unwillkürlich aus, doch sie ließ sich nichts anmerken. „Ich weiß nicht, was Ihr meint, Eure Hoheit“, sagte sie mit höflicher Zurückhaltung. Sie wollte nicht unhöflich sein – aber sie würde auch nicht zulassen, dass er sich in Leylas Angelegenheiten einmischte. Hypos ignorierte sie völlig. Gelassen ging er zu einem der Regale, als hätte er alle Zeit der Welt. Mit einer geschmeidigen Bewegung zog er ein dünnes, unscheinbares Buch heraus. Dann warf er es ihr zu. Eroica fing es instinktiv, hielt es aber einfach nur fest in ihren Händen, ohne es aufzuschlagen. Ihr Blick blieb auf dem Prinzen. „Ein guter Freund hat mich darum gebeten, dieses Buch für Leyla herauszusuchen.“ Sein Lächeln verriet nichts, außer einem Hauch von Belustigung. „Mir ist das eigentlich völlig egal.“ Und dann, ohne ein weiteres Wort, drehte er sich um und sprang über das Geländer. Eroicas Augen weiteten sich. Sie befanden sich im sechsten Stock. Sie rannte vor, lehnte sich über das Geländer – und sah ihn unten, völlig unversehrt, in Richtung Ausgang schlendern, als wäre nichts geschehen. Ihr Griff um das Buch wurde fester. Sie wusste nicht, was sie gerade in den Händen hielt, aber eines war sicher: Hypos wusste es. Und das bedeutete, dass es von größter Bedeutung war. -------------------------------------------------------------------------- Eroica ließ sich in einer der zahllosen Leseecken der Bibliothek nieder. Ein mit rotem Samt bezogenes Sofa stand vor einem Tisch aus edlem Dschungelholz, dessen Maserung in kunstvollen Linien verlief. Die Atmosphäre war ruhig, gedämpft – das einzige Geräusch kam von den fernen Schritten des Kronprinzen, der durch die gewaltigen Hallen in Richtung Ausgang ging. Behutsam legte sie das Buch vor sich auf den Tisch. Der schwarze Einband war abgenutzt, das Leder rissig und an den Kanten leicht ausgefranst. Es war alt, sehr alt. „Zwölf Steine“, stand in schlichten grauen Lettern auf der Vorderseite. Die Schrift war unscheinbar, beinahe lieblos, als hätte der Autor keine Mühe dafür verwendet, sein Werk schmuckvoll zu gestalten. Eroica ließ ihre Finger über den Einband gleiten. Das Material fühlte sich seltsam an – nicht wie gewöhnliches Leder, eher wie ein Stoff, der längst nicht mehr hergestellt wurde. Eine leise Beklemmung machte sich in ihr breit, ein Gefühl, als halte sie etwas in den Händen, das gar nicht existieren dürfte. Nachdenklich runzelte sie die Stirn. „Komisch…“ murmelte sie und drehte das Buch in den Händen. „Kein Autoren? Kein Herausgeber? Kein Veröffentlichungsjahr?“ Die meisten alten Werke enthielten zumindest einen Namen, selbst wenn der Verfasser sich anonym halten wollte. Doch hier gab es nichts. Nur den Titel, der fast zu nichtssagend war, um von Bedeutung zu sein – und doch ließ er ihr keine Ruhe. Ein feines Kribbeln breitete sich in ihrem Bauch aus, eine Mischung aus Neugier und Unbehagen. Langsam öffnete sie die erste Seite. -------------------------------------------------------------------------- Hiermit beginne ich, auf diesen Blättern die Kunde meiner langen Forschung zu hinterlegen. Doch wisset: Dies ist kein vollendetes Werk – dessen bin ich mir wohl gewahr. Die hier versammelten Worte sind bruchstückhaft, unvollständig und möglicherweise von finsterer Natur. Nicht aus Ruhmsucht schreibe ich, noch um jenen, die unwürdig sind, den Pfad zu weisen. Dies sei eine Mahnung. Eine Mahnung an jene Narren, die wähnen, den Suchenden gleich, nach ihnen zu greifen. Es geht um die zwölf Steine. Die Runensteine des Raben. Der Rabe selbst erschuf sie in grauer Vorzeit, da er große Teile seiner Macht in ihnen band. Sie sind nicht bloß Relikte, nicht bloß Überbleibsel versunkener Zeitalter. Sie sind Schlüssel – und jede Tür, die sie zu öffnen vermögen, birgt das Verderben. Ihr Vermögen reicht aus, unsere geordnete Welt in den Abgrund zu reißen. Der König der Berge, die Vampirdynastie des Vlad, das Reich der Elfen – keinem von ihnen darf dieses Wissen je zuteilwerden. Es würde das Gefüge der Welt, wie es ist, in Trümmer legen. Kannst du die Bürde dieses Wissens nicht tragen, so verbleiben dir nur zwei Pfade: Verbirg dieses Buch. Oder tilge es. -------------------------------------------------------------------------- Ein jeglicher der zwölf Runensteine trägt in sich eine eigene, urgewaltige Kraft. Nicht sind sie bloß Relikte vergessener Zeitalter – nein, sie sind Werkzeuge des Chaos, Gefäße einer Macht, die jegliches Verstehen sterblicher Wesen übersteigt. Wer es wagt, ihre Kraft zu rufen, ohne sie zu meistern, ruft Unheil herab von unermesslichem Maße. Ein einziger Fehltritt, eine unbedachte Tat – und ganze Reiche mögen in Staub und Asche versinken. Es liegt auf unseren Schultern, zu wahren, dass diese Steine nicht in unrechtmäßige Hände fallen. Nicht zu den Gierigen, die nach Macht lechzen. Nicht zu den Toren, die nicht wissen, welch Verderben sie heraufbeschwören. Nun denn, lasset mich berichten von jenem ersten der Runensteine, von dessen Wesen ich Kunde erhielt: Der Runenstein des Siechtums und der Verfluchung. Ein abscheuliches Artefakt, dessen unheilige Kraft das Leben ganzer Völker dahingerafft hat. Wer ihn sein Eigen nennt, dem wird die Gabe verliehen, Krankheit und Fluch nach Belieben auf jegliches Wesen zu legen. Sei es die faulende Schwäche des Leibes oder ein jenseitiger Bann, der nie gelöst werden kann – es liegt allein im Willen seines Trägers. Wie Magal einst sprach: "Der Untergang jeglicher Zivilisation ist der Fluch unserer Zeit. Die Pest des Todes reißt jeden hinweg, und mit ihm die Zukunft." Ich bin überzeugt, dass das Erlöschen der Treifen einzig auf diesen Stein zurückzuführen ist. Meine Forschungen führten mich zur Kunde, dass ein Sohn jenes Volkes einst in den Besitz des Steins gelangte. Doch seine Kraft war nicht die seine – zu schwach war er, um sie zu meistern. Und so geschah das Unvermeidliche: In einem einzigen, unbedachten Augenblick sandte er einen Fluch aus über alles, was ihn umgab. Ein Volk, das einstmals in Macht und Stolz erstrahlte, ward binnen weniger Tage dem Nichts anheimgegeben. -------------------------------------------------------------------------- Eroica klappte das Buch mit einem leisen Geräusch zu, doch in ihrem Kopf hallten die Worte noch nach. Zwölf Steine, zwölf unermessliche Kräfte – und eine Warnung, die schwerer wog als jedes Wissen, das sie je zuvor erlangt hatte. War das wirklich das, wonach Leyla suchte? Oder war es etwas, das besser in Vergessenheit hätte bleiben sollen? Sie presste die Lippen aufeinander und schüttelte den Gedanken ab. Es war nicht ihre Aufgabe, darüber zu entscheiden. Ihre Pflicht war es, das Buch zu Leyla zu bringen – nicht, seine Bedeutung zu bewerten oder sich in Mutmaßungen zu verlieren. Und doch spürte sie eine unterschwellige Unruhe in sich, ein ungutes Gefühl, das sich in ihrem Magen zusammenzog. Behutsam schob sie das Buch in ihre Tasche, achtete darauf, es nicht zu beschädigen. Seine Seiten waren alt, und es fühlte sich an, als hielte sie ein Stück der Vergangenheit selbst in den Händen. Wissen, das vielleicht nie hätte erlangt werden sollen. Sie erhob sich rasch und bewegte sich zielstrebig in Richtung des Ausgangs. Jede Sekunde, die sie hier verbrachte, war eine Sekunde zu viel. Das Buch musste zu Leyla. Und sie musste von Hypos berichten. Der Kronprinz hatte gewusst, wonach sie suchte. Er hatte sie gefunden, sie angesprochen – er hatte ihr das Buch ohne zu zögern überlassen. Das war kein Zufall. Eroica beschleunigte ihre Schritte. Die Luft der Bibliothek war immer kühl, doch als sie sich den massiven Türen näherte, wurde sie von der Wärme des Tages empfangen. Ein gleißendes Licht brach durch die Spalten des Eingangs, und für einen Moment musste sie die Augen zusammenkneifen. ,,Haben Sie gefunden was Sie gesucht haben, Miss Nyva?’’ Rhovar Trellis’ Stimme drang sanft an ihr Ohr, doch sie erkannte die unausgesprochene Neugier darin. Der Drachar war ein aufmerksamer Beobachter, jemand, der mehr sah, als er preisgab. Eroica hielt kurz inne, zwang sich zu einem neutralen Gesichtsausdruck. „Ich bin mir nicht sicher“, antwortete sie knapp, ihren Blick auf die Treppe, die von der Bibliothek wegführte, gerichtet. Rhovar neigte den Kopf, schien für einen Moment abzuwägen, ob er weiter nachfragen sollte. Doch dann nickte er nur leicht und ließ sie ziehen. Erleichtert atmete sie aus. Kaum war sie die Treppen der Bibliothek hinabgestiegen, setzte sie sich in Bewegung – erst langsam, dann schneller. Die Straßen der Kaiserstadt rauschten an ihr vorbei, doch sie nahm sie kaum wahr. Ihre Gedanken waren nur noch auf eines gerichtet: Leyla musste von diesem Buch erfahren. Und sie musste wissen, dass Hypos es ihr überlassen hatte.
- Kapitel 90 - Zwischen Asche und Rauch
Jamall kippte das kühle Bier in einem Zug hinunter, während er in der Taverne „Grünwalder Trunk“ saß – der einzigen Schenke in diesem kleinen Dorf, das für ihn nicht mehr als eine kurze Rast bedeutete. Der dichte Geruch von gebratenem Fleisch hing in der Luft, vermischte sich mit dem Rauch der Kerzen und dem beständigen Gemurmel der Gäste, das immer wieder von einem lauten Lachen oder dem Klirren von Krügen unterbrochen wurde. Doch Jamall schenkte der Atmosphäre kaum Beachtung. Er war weit im Süden, weiter als jemals zuvor, doch das spielte keine Rolle. Bald würde er Welldyl erreichen, und von dort aus würde seine Reise nach Heim führen. Sein Blick glitt kurz zu den Soldaten am Nachbartisch. Ihre Stimmen waren gedämpft, doch ihre Mienen ernst, als diskutierten sie über etwas von Bedeutung. Jamall hätte lauschen können, hätte sich in ihr Gespräch einmischen können, doch seine Gedanken waren woanders. Sie kreisten um eine einzige Person – Leyla, die zehnte Kopfgeldjägerin. Die Frau, die sich selbst aus dem Tod riss und stattdessen andere sterben ließ. Es war eine Macht, die nicht existieren sollte, etwas Unnatürliches, Unreines. Und er wusste, dass es nur eine Möglichkeit gab, sie wirklich zu töten. Das Schwert der fünf Monde. Ein Artefakt, das nicht nur den Körper zerstören konnte, sondern auch die Seele – ein Schwert, das verhindern würde, dass Leyla jemals wieder zurückkehrte. Doch es war nicht in seinen Händen, und schlimmer noch: Er wusste nicht einmal, wo es sich befand. Was er jedoch wusste, war, wen er fragen konnte. Dann riss ihn plötzlich Lärm aus seinen Gedanken. Geschrei von draußen drang in die Taverne, Stimmen voller Panik oder Wut – es war schwer zu sagen. Jamall kniff die Augen zusammen, stellte den leeren Krug mit einem dumpfen Laut auf den Tisch und erhob sich. Ohne sich umzudrehen, verließ er die Schenke, schob die Tür auf und trat hinaus in die kühle Nacht. Die Luft war frisch, der Geruch von feuchtem Gras lag in der Brise, doch das störte ihn nicht. Viel wichtiger war das Wesen, das an einen Baum gelehnt schlief. Ein grauer Halbdrache. Sechs Meter lang, mit kräftigen Beinen, die ihn schneller machten als jedes Pferd. Seine Flügel waren beeindruckend, doch nutzlos – er konnte nicht fliegen. Doch für Jamall war das perfekt. Er brauchte keine Kreatur, die davonflog. Er brauchte ein Tier, das lief, das ausdauernd war, das ihm diente. Er hatte ihm keinen Namen gegeben. Wozu auch? Ein Werkzeug erhielt keinen Namen. Jamall trat näher und stupste die Kreatur grob an. Der Halbdrache blinzelte, öffnete langsam die Augen und sah ihn an. Dann, als würde ihn eine plötzliche Freude erfassen, stieß er ein leises, tiefes Schnaufen aus und drückte seine Nase leicht gegen Jamalls Seite – eine Geste der Zuneigung, eine Spur von Vertrauen. Doch Jamall reagierte nicht. Keine Streicheleinheit, kein freundliches Wort. Nur ein kühler Blick, bevor er auf den Rücken des Halbdrachen kletterte. Ohne einen Befehl setzte sich die Kreatur in Bewegung, als wüsste sie, was von ihr erwartet wurde. Die mächtigen Beine gruben sich in den Boden, die Luft zog an Jamall vorbei, und in der dunklen Nacht ließ er das Dorf hinter sich, während seine Gedanken weiter um das Schwert der fünf Monde kreisten. -------------------------------------------------------------------------- „Bist du dir sicher, dass das hier das richtige Haus ist?“ fragte Theol mit einem nervösen Zucken seiner schmalen Vishap-Augen. Seine Stimme war angespannt, seine Klauen bewegten sich unruhig, als wüssten sie nicht, ob sie gleich angreifen oder sich vor einer möglichen Bedrohung zurückziehen sollten. Liam schenkte ihm nur einen kurzen Seitenblick, bevor er sich wieder auf das verfallene Gebäude konzentrierte. Er hatte sich mit dem Ort befasst, sich mit den Berichten über seinen Bewohner auseinandergesetzt. Und er wusste, dass er hier richtig war. Dies war die letzte Station auf einer langen Suche. Er hatte von Prinzessin Nara einen klaren Auftrag erhalten: Er sollte eine eigene Sondereinheit zusammenstellen. Das Ziel dieser Einheit? Die Eroberung von Randurin, der Handelsstadt im Norden des Kaiserreichs. Der Schwarze Stern brauchte eine Basis, einen Ort, von dem aus sie dem Kaiserreich und der bestehenden Ordnung den Krieg erklären konnten. Es gab nur zwei Städte, die dafür in Frage kamen – Kartaffel und Randurin, die beiden Festungsstädte im kalten, verschneiten Teil des Kaiserreichs. Kartaffel schien auf den ersten Blick die bessere Wahl zu sein. Doch seine Nähe zu den wohlhabenden Mittellanden machte es zu einem Ort, der ständig stark überwacht wurde. Die traditionelle Ablehnung der Kaiserstadt und ihrer Politik könnte man als Vorteil sehen, doch sie machte Kartaffel auch zu einem Ort, an dem die kaiserlichen Truppen eine starke Präsenz hatten. Randurin hingegen war durch die großen, fast undurchdringlichen Wälder gut geschützt. Es würde lange dauern, bis Truppen von der Hauptstadt aus in Bewegung gesetzt werden konnten. Das machte Randurin zur perfekten Wahl – zumindest in Liams Augen. „Ich habe von dem Vishap gehört, der hier lebt“, warf Ralf ein und senkte unbewusst seine Stimme. Es war keine Furcht – zumindest würde er das niemals zugeben – aber es lag eine gesunde Vorsicht in seinen Worten. „Boss, du weißt, dass ich dir folge, wohin auch immer du gehst. Aber bist du sicher, dass du ihn rekrutieren willst?“ Liam verstand ihre Bedenken. Der Vishap, den er suchte, war unter dem Namen „Die Flamme des Kaen“ bekannt – ein fanatischer Anhänger des Erzdämonen Kaen, der unerschütterlich an dessen Existenz glaubte. Ein Wahnsinniger für die einen, ein Prophet für die anderen. Liam selbst glaubte nicht an Erzdämonen. Für ihn waren sie nichts weiter als Erzählungen, mit denen man Kinder erschreckte. Aber ein Mann, der für eine Sache lebte – oder gar sterben würde –, war eine mächtige Waffe, wenn man wusste, wie man sie führen musste. „Theol, Ralf?“ Liam drehte sich langsam zu seinen Begleitern um. „Ja, Boss?“ kam Ralfs prompte Antwort, während Theol lediglich schnaubte: „Was ist?“ „Wartet bei der Taverne. Ich kläre das mit ihm.“ Theol verzog das Gesicht, doch er sagte nichts. Ralf zögerte einen Moment, als wollte er widersprechen, doch schließlich zuckte er mit den Schultern. „Wie du willst, Boss.“ Gemeinsam machten sich die beiden auf den Rückweg, ihre Schritte hallten gedämpft auf dem feuchten Boden der winterlichen Stadt. Liam wartete, bis sie außer Sichtweite waren, dann trat er einen Schritt nach vorne und klopfte mit fester Faust gegen das Holz der Tür. Die Antwort ließ auf sich warten. Lange genug, dass ein weniger geduldiger Mann sich vielleicht schon gefragt hätte, ob sich überhaupt jemand im Inneren befand. Doch Liam rührte sich nicht. Er wusste, dass er beobachtet wurde. Dann, mit einem knarrenden Geräusch, öffnete sich die Tür. Ein massiger Vishap stand im Eingangsbereich, rote Schuppen glitzerten im spärlichen Licht des Mondes, und seine Augen glühten wie zwei brennende Kohlen in der Dunkelheit. Die Hitze, die von seinem Körper ausging, war beinahe greifbar, ließ die kalte Nachtluft flimmern. Liam begegnete seinem Blick, ruhig, unbewegt, sein Stand fest. „Bist du Nidhogg?“ -------------------------------------------------------------------------- ,,Warum fragst du, wenn du die Antwort schon kennst. Komm rein.’’ Nidhoggs Stimme war tief und rau, ein dunkles Grollen. Liam trat über die Schwelle und spürte sofort die drückende Hitze, die den Raum erfüllte – als hätte er einen aktiven Vulkan betreten. Der Vishap war ein lebender Ofen. Liam wusste, dass Vishap zwar von den Drachen abstammten, allerdings hatten sie eigentlich eine ähnliche Körpertemperatur wie Elfen oder Menschen. Seine Augen wanderten durch den Raum. Das Innere des Hauses war genauso heruntergekommen, wie es von außen gewirkt hatte. Die Wände waren mit dunklen Brandflecken übersät, als hätte das Feuer hier mehr als nur einmal gewütet. Der Boden war von feinem Aschepulver bedeckt, und der scharfe Geruch von Rauch und verbranntem Holz hing schwer in der Luft. Das hier war kein Haus. Es war eine Ruine, in der das Feuer nie wirklich erloschen war und stattdessen drinnen lebte. „Und, was willst du von mir, Messerohr?“ Nidhoggs Stimme triefte vor Spott, während seine glühenden Augen Liam abschätzend musterten. Liam schnaubte leise. Die rassistische Bemerkung ignorierte er – er hatte in seinem Leben schon schlimmere Beleidigungen gehört. Stattdessen setzte er sich auf einen der wenigen Stühle, die noch nicht von der Hitze verzogen oder verkohlt waren. ,,Ich bin gekommen um dich anzuwerben, wir wollen…’’ Er kam nicht weiter. Nidhogg bewegte sich schneller, als Liam es ihm zugetraut hatte. Mit einem einzigen Schritt stand er vor Liam, packte ihn am Kragen und zog ihn so nah heran, dass ihre Gesichter nur noch eine Handbreit voneinander entfernt waren. Sein Atem war glühend heiß, seine Schuppen strahlten eine Hitze aus, die Liams Haut fast versengen ließ. Die Luft um ihn herum flimmerte, als würde er jeden Moment Feuer fangen. „Und warum, bei Kaen, glaubst du, dass ich von einem wie dir angeworben werden wollen würde?“ Nidhoggs Stimme war ein giftiges Zischen, gefährlich leise und mit einer unterschwelligen Wut, die Liam selbst durch den brennenden Schmerz auf seiner Haut spürte. Liam hielt dem Blick stand. Sein ganzer Körper schrie ihn an, aus dieser Hitze zu fliehen, aber er blieb ruhig. „Weil sich unsere Ziele überschneiden.“ Seine Stimme war fest, kontrolliert – selbst jetzt, wo der Vishap ihn beinahe verbrannte. Für einen Moment schien die Luft still zu stehen. Dann ließ Nidhogg ihn abrupt los. Liam fiel hart auf den Boden, das Holz unter ihm knarzte unter seinem Gewicht. Doch anstatt sich den Nacken zu reiben oder seine Wunden zu begutachten, richtete er sich einfach wieder auf, klopfte den Staub von seiner Kleidung und sah Nidhogg weiterhin ruhig an. Nidhogg trat einen Schritt zurück, die Arme vor der Brust verschränkt. „Inwieweit überschneiden sie sich?“ fragte er misstrauisch. Liam wusste, dass dies der entscheidende Moment war. „Ich will Randurin erobern“, erklärte er knapp. „Dafür brauche ich starke Leute.“ „Warum sollte ich eine Stadt erobern wollen?“ Nidhogg klang gelangweilt, doch seine Augen waren scharf. Liam wusste: Er glaubte nicht an blinde, ungezielte Gewalt – er wollte ein klares Motiv. Liam ließ sich Zeit, ehe er antwortete. Dann sagte er mit bedachter Stimme: „Wegen dem, was sich im Innern der Stadt befindet. Der Tempel des Erzengels Cassiel.“ Die Veränderung war sofort spürbar. Die Temperatur im Raum schien plötzlich noch weiter zu steigen. Nidhoggs Augen weiteten sich etwas, und für einen Moment schien es, als würden kleine Flammen über seine Arme tanzen. Liam wusste genug über den Vishap, um zu verstehen, was gerade in ihm vorging. Cassiel. Das Wort allein war genug, um Nidhoggs Erinnerungen an die Oberfläche zu zwingen – das Dorf, die brennenden Häuser, die Schreie seiner Familie, die blutverschmierten Engelssymbole, die überall hinterlassen worden waren. Er hasste die Erzengel, und Cassiel, dessen Anhänger für den Angriff verantwortlich gewesen waren, war für ihn der Inbegriff von all dem, was falsch an dieser Welt war. Langsam ließ sich Nidhogg auf seinem Bett nieder. Er sagte nichts, doch Liam wusste, dass er gewonnen hatte. „Das heißt also…“ begann Nidhogg nach einer langen Pause, während er Liam eindringlich musterte. „Wenn ich euch helfe, die Stadt zu erobern… dann gehört der Tempel mir?“ Seine Stimme klang beinahe sanft – ein sanftes Versprechen von Feuer, Rauch und Asche. Liam nickte ohne Zögern. „Ja. Du kannst ihn niederbrennen, wenn du das willst. Ich hasse die Engelskultisten.“ ,,Genauso wie dich’’ , dachte er, doch das behielt er für sich. Ein dunkles Lächeln zog sich über Nidhoggs Lippen. Langsam stand er auf, bis er wieder über Liam aufragte. Ein letzter Funke Misstrauen lag in seinen Augen, doch die Gier nach Rache überwog. „Gut“, sagte er schließlich. Seine Stimme klang endgültig. „Einverstanden.“ -------------------------------------------------------------------------- Die Sonne hing bereits tief am Horizont, als Jamall den Halbdrachen zum Halten brachte. Der Himmel war in warme Gold- und Orangetöne getaucht, während die letzten Strahlen des Tages sanft über die weiten Ebenen der Mittellande glitten. In der Ferne zeichneten sich bereits die dunklen Silhouetten des Grünwaldes ab – sein nächstes Ziel. Er schwang sich mit einer geschmeidigen Bewegung vom breiten Rücken der Kreatur und landete mit einem gedämpften Aufprall im trockenen Gras. Mit einer routinierten Geste griff er in seinen Beutel und zog eine große Fleischkeule heraus, die er dem Halbdrachen zuwarf. Die Kreatur reagierte blitzschnell. Mit einem dumpfen Knacken schnappte der Halbdrache die Keule aus der Luft und verschlang sie mit einem einzigen Bissen. Dann ließ er sich auf den Boden sinken, seine massigen Glieder entspannten sich, während sich seine Flügel leicht bewegten – ein Zeichen von Ruhe. Jamall beobachtete, wie sich die Muskeln unter den schuppenbedeckten Flanken langsam hoben und senkten. Ein seltsames Tier, dachte er. Er verstand nicht, warum der Halbdrache ihm gegenüber so loyal war. Jamall hatte ihn vor einigen Wochen gefangen, ihn gezähmt, ihn als Reittier benutzt. Und trotzdem suchte das Wesen immer wieder seine Nähe. Als hätte es vergessen, dass er sein Gefängniswärter war. Er lehnte sich an den warmen Körper des Halbdrachen. „Du hast dich heute echt ins Zeug gelegt“, murmelte er und strich mit den Fingern über eine der rauen, vernarbten Schuppen an dessen Flanke. Natürlich erwartete er keine Antwort, doch der Halbdrache reagierte trotzdem – er hob den Kopf leicht und stieß Jamall sanft mit der Nase an. Jamall verzog den Mund zu einem leichten Lächeln. Ob es Zuneigung war oder einfach nur Gewohnheit – es spielte keine Rolle. Er hob den Blick und ließ seine Augen über die weite Landschaft schweifen. Dort, wo der Himmel auf die Erde traf, lagen die Wipfel des Grünwaldes, dunkel und geheimnisvoll. Dahinter erstreckte sich das Südmoor, und von dort aus war es nur noch eine kurze Reise bis Welldyl. Noch ein oder zwei Monate. Dann war er da. Seine Gedanken drifteten zurück in den Norden – zurück nach Kartaffel. Jamall wusste nicht, ob er seine Heimat vermisste. Die eisigen Winde, die schneebedeckten Gipfel, die raue Schönheit der Stadt, die ihn geformt hatte – all das war ein Teil von ihm, doch er hatte es hinter sich gelassen. Und doch… „Na ja, ich kehre ja sowieso wieder zurück, sobald ich Leyla getötet habe“, murmelte er, während er sich tiefer in die Wärme des Halbdrachen schmiegte. Der Gedanke an seine Mission gab ihm Halt. Es war sein Ziel, sein Grund, weiterzumachen. Langsam schloss er die Augen, während das Zirpen der Grillen und das leise Rauschen des Windes ihn in einen leichten Schlaf trugen.
- Kapitel 89 - Die Blume verwelkt
Taliba erwachte mit einem stechenden Schmerz im Unterleib. Ihr Körper fühlte sich schwer an, eine unsichtbare Last drückte ihn zu Boden. Seit Wochen hielt dieser Zustand an – eine endlose Abfolge von Qualen, die sich wie ein Schatten über sie gelegt hatten. Sie existierte nur noch, funktionierte, ohne einen Funken von Hoffnung oder Widerstand. Die Morgensonne schien durch das kleine Fenster des Zimmers, doch sie fühlte keine Wärme. Das Licht brannte in ihren müden Augen, aber es war nicht das Licht des Lebens – es war bloß eine Erinnerung daran, dass ein weiterer Tag begonnen hatte, den sie durchstehen musste. Langsam setzte sie sich auf, ihre Bewegungen kraftlos und müde. Der Tagesablauf war immer derselbe, ein Uhrwerk aus Disziplin und Erniedrigung. Morgens aufstehen – Leonhardt war längst fort. Vormittags lernen – Yagas kalte, durchdringende Augen ließen sie nicht aus dem Blick. Mittags putzen – eine weitere Demütigung, die Leonhardt ihr auferlegt hatte. Nachmittags kämpfen – oder eher, geschlagen werden. Abends essen – eine kleine Gnade, die sie allein Raya verdankte. Nachts… Nachts legte sich Leonhardt zu ihr. „Wenn ich doch nur sterben könnte…“ hauchte sie leise in die Leere des Zimmers. Doch selbst der Tod war ihr verweigert. Sie zwang sich aufzustehen, zog mit müden Bewegungen ihre Kleider an und verließ das Zimmer. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde sie durch knietiefen Schlamm waten. Ihr Blick war leer, ihre Augenringe tief. Als sie den Lernraum betrat, saß Yaga bereits auf einem der Stühle. Die Art, wie er sie ansah – mit diesem falschen Lächeln, das niemals seine Augen erreichte – ließ Taliba frösteln. „Ah, da bist du ja, Taliba!“ begrüßte er sie mit einem Tonfall, der freundlich klingen sollte, aber in Wahrheit nichts weiter als kalte Manipulation war. Sie sagte nichts, setzte sich wortlos ihm gegenüber. Ihre Augen wanderten zu dem Stapel Pergamente auf dem Tisch – Texte, die sie in den letzten Wochen studiert hatte. Doch als sie danach greifen wollte, hielt Yaga sie zurück. Seine Hand legte sich auf ihr Knie, ein kaum merklicher, aber gezielter Druck. „Nein“, sagte er mit einem seltsamen Glitzern in den Augen. „Die brauchst du nicht mehr zu lesen.“ Er griff unter seinen Umhang und zog eine einzelne, alte Schriftrolle hervor. Das Pergament war brüchig, seine Ränder leicht verbrannt. Taliba spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog, als sie es entgegennahm. Ihre Finger zitterten, während sie es langsam aufrollte. „Lies diese hier“, befahl Yaga ruhig, aber in seiner Stimme lag eine unausweichliche Erwartung. Taliba schluckte. Irgendetwas an dieser Schriftrolle war anders. Sie wusste nicht, was es war – aber sie spürte, dass die Worte, die sie gleich lesen würde, alles verändern würden. - ------------------------------------------------------------------------- Vor langer, langer Zeit wurde ein kleiner Junge geboren, dessen feuerrotes Haar so auffällig war wie die Gabe, die tief in ihm schlummerte – eine Gabe, die er selbst noch nicht verstand. Doch in einer Welt, in der Stärke alles bedeutete, galt er als schwach, zu schwach, um jemals irgendetwas zu erreichen. Er war nicht nur einer unter vielen, er war der Schwächste. Die anderen verspotteten ihn, sahen ihn mit Verachtung an. Mit jedem Tag wuchs seine Einsamkeit, und mit ihr die Bitterkeit in seinem Herzen. Er war der Junge, über den man lachte, den man triezte, den man misshandelte, weil man es konnte. Und weil niemand ihn schützte. Eines Tages eskalierte die Situation. Ein junger Mann, bekannt für seine meisterhaften Feuerzauber, machte den Jungen zum Ziel seiner Grausamkeit. „Schwächling! Feigling! Verschwinde! Stirb!“ Seine Worte waren wie brennende Pfeile, die sich tief ins Herz des Jungen bohrten. Die Schläge folgten, hart und unerbittlich, ein endloser Sturm der Demütigung. Der Junge weinte, sein kleiner Körper bebte unter den Hieben. Dann sah das Messer, halb verborgen im Staub. Sein Blick blieb daran haften. Es war klein, kaum mehr als ein Küchenmesser, aber in diesem Moment bedeutete es alles. Ohne nachzudenken, ohne wirklich zu verstehen, was er tat, griff er danach – und stach zu. Einmal. Zweimal. Wieder und wieder. Die Schreie des jungen Mannes erstickten, sein Körper erschlaffte. Blut tränkte den Boden. Stille. Dann spürte der Junge es. Eine Macht, die durch ihn hindurchfloss, wie ein Feuer, das ihn von innen heraus entfachte. Er keuchte, blinzelte, und plötzlich wusste er es. Die Kraft des Mannes war nicht einfach mit ihm gestorben – sie war in ihn übergegangen. Sein Herz raste, sein Atem stockte. Er hatte eine Theorie. Eine Theorie, die er testen musste. Er drehte sich um. Sah sein Dorf. Spürte die Leben darin. Und mit einer Handbewegung setzte er es in Flammen. Die Nacht wurde zum Tag, als das Feuer alles verschlang. Die Schreie der Dorfbewohner vermischten sich mit dem Knistern des brennenden Holzes, doch der Junge stand einfach nur da. Er fühlte es – jede Seele, die in den Flammen erlosch, jedes Leben, das endete, wurde ein Teil von ihm. Seine Theorie war richtig. Mit jedem Mord wurde er stärker. Von diesem Tag an zog er durch die Länder, wanderte von Stadt zu Stadt, von Reich zu Reich. Er tötete ohne Gnade, und mit jedem Leben, das er nahm, wuchs seine Macht. Körperliche Stärke, magische Fähigkeiten – selbst die Lebensenergie seiner Opfer floss in ihn über. Er alterte nicht. Er blieb ewig ein junger Mann. Jahrzehnte vergingen, dann Jahrhunderte. Bald war er nicht mehr nur ein Wanderer. Bald war er eine Legende. Eine Plage für die Herrscher dieser Welt. Niemand war sicher vor ihm. Kein König, kein Magier, kein Krieger. Und eines Tages, nach zweihundert Jahren des Blutvergießens, wandte er sich den Erzengeln zu. Sein letzter Kampf ließ die Erde erzittern, ließ die Himmel brennen. Selbst die Erzengel bluteten. Doch am Ende, nach einer Schlacht, die ihresgleichen suchte, fiel er. Verwundet. Geschwächt. Sterbend. Aber nicht gebrochen. Mit seinem letzten Atemzug erhob er seine Stimme, und die Erde selbst schien zu lauschen. „Hört, Herrscher der Welt“, sprach er, und sein Blick war fester als je zuvor. „Wenn eure Kraft verfallen ist, wenn eure Namen vergessen wurden – werde ich zurückkehren. Ich werde wiederkommen. Und ich werde jeden einzelnen von euch niederstrecken. Auf dass es keine Herrscher mehr gibt.“ Dann schloss er die Augen. Und die Welt hielt den Atem an. - ------------------------------------------------------------------------- Als Taliba fertig war, blickte sie zu Yaga auf. Er saß da, die Arme vor der Brust verschränkt, seine Miene undurchdringlich. Seine gelben Augen schienen durch sie hindurchzusehen, als würde er auf etwas Bestimmtes warten. Doch er sagte nichts. Die Stille dehnte sich, schwer wie eine drohende Gewitterwolke, und für Taliba wurde sie mit jeder Sekunde unerträglicher. ,,I-Ich bin fertig…’’ flüsterte sie schließlich, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch. Yaga hob eine Augenbraue und begann, mit seinen Fingern auf dem Tisch zu trommeln. Das rhythmische Klopfen schnitt sich in Talibas Gehör, ließ ihre ohnehin strapazierten Nerven noch mehr spannen. „Das kann ich sehen.“ Seine Stimme war trocken, unbeteiligt, als würde er eine belanglose Feststellung treffen. Die Stille kehrte zurück. Taliba spürte, wie ihre Finger zitterten. Sie wollte sich nicht bewegen, nicht atmen, nicht existieren. Doch Yaga ließ ihr keine Wahl. „Lies es nochmal.“ Ihr Herz zog sich zusammen. Wieso? Wieso noch einmal? Doch sie wagte es nicht, zu widersprechen. Also senkte sie erneut den Blick auf die vergilbten Pergamente und begann, sie Wort für Wort zu lesen. Wieder. Und wieder. Jedes Mal, wenn sie dachte, sie sei endlich fertig, befahl Yaga ihr, von vorn zu beginnen. Es war, als würde er sie zwingen, die Worte in ihre Haut zu ritzen, sie tief in ihren Verstand einzubrennen, bis sie nichts anderes mehr war als diese Schrift. Die Zeit wurde bedeutungslos. Der Raum um sie herum verschwamm. Ihre Gedanken zerflossen. Als schließlich die Mittagssonne hoch am Himmel stand, erhob sich Yaga ohne Vorwarnung. „Komm mit.“ Seine Stimme war knapp, ein Befehl, der keinen Widerspruch duldete. Ohne sich umzudrehen, schritt er aus dem Raum. Taliba folgte ihm, ihre Glieder schwer wie Blei. Ihr Körper wollte nicht mehr, doch ihr Verstand wusste, dass Zögern Strafe bedeuten würde. Normalerweise hätte sie jetzt das Schlafzimmer putzen müssen, doch Yaga führte sie stattdessen tiefer in die Katakomben des Wüstendorfes. Je weiter sie hinabstiegen, desto kühler wurde die Luft, und das Licht der Fackeln warf flackernde, unheilvolle Schatten an die Wände. Schließlich erreichten sie einen runden Raum. Zehn Fackeln brannten im Kreis, ihr Licht spiegelte sich auf dem steinernen Boden wider, wo seltsame Symbole in den Stein geritzt waren. Am Rand des Raumes saßen Leonhardt und Raya auf einfachen Holzstühlen, ihre Gesichter ausdruckslos. Und dann waren da noch die anderen – regungslose Gestalten in weißen Roben, die stumm an den Wänden standen, als wären sie nur Schatten ohne Leben. Talibas Magen zog sich zusammen. Wer waren diese Leute? „Stell dich in die Mitte.“ Leonhardts Stimme war scharf wie eine Klinge. Taliba erstarrte. Ihre Füße wollten sich nicht bewegen, ihr Körper wehrte sich, doch dann suchte ihr Blick Raya – und die junge Frau nickte kaum merklich. War dies also der Moment? Der Grund für all ihre Qualen? Mit wackligen Beinen trat sie in die Mitte des Kreises. Ihr Herz hämmerte in ihrer Brust, jeder Atemzug fiel ihr schwer. Yaga begann zu sprechen. Nicht in der Sprache, die sie kannte, sondern in einer fremden, dunklen Zunge. Die Worte klangen roh, uralt, als gehörten sie nicht in diese Welt. Der Raum schien mit jeder Silbe enger zu werden, als würde sich die Luft verdichten. Und dann begannen die Schmerzen. Ein brennender, alles verzehrender Schmerz riss durch ihren Körper. Es war, als würde kochendes Wasser über sie gegossen, als würden tausend Nadeln in ihre Haut getrieben. Ihre Knochen fühlten sich an, als würden sie sich verformen, ihre Eingeweide brannten, als würde etwas sie von innen heraus zerreißen. Taliba schrie. Ein Laut, der durch den Raum gellte, voller Qual, voller Hoffnungslosigkeit. Sie krümmte sich, fiel auf die Knie, doch die Schmerzen ließen nicht nach. Ihr Kopf schlug gegen den harten Boden, doch niemand schritt ein. Niemand zeigte Erbarmen. Die Robenträger standen still wie Statuen. Raya beobachtete sie mit kalten Augen. Und Leonhardt? Er lachte. Wie lange das andauerte, wusste sie nicht. Minuten? Stunden? Irgendwann ließ der Schmerz nach, so plötzlich, dass sie nur noch keuchend auf dem Boden lag, unfähig, sich zu bewegen. „Wieso funktioniert es nicht?!“ Leonhardts wütender Schrei zerschnitt die Stille. Mit einer groben Bewegung schlug er auf die Armlehne seines Stuhls, seine Miene verzerrt vor Zorn. Yaga schien weniger wütend, eher nachdenklich. Er strich sich über das Kinn, ging langsam im Kreis, als würde er nach der Antwort suchen. „Sie ist noch nicht völlig gebrochen.“ Seine Stimme war fast enttäuscht. „Da ist noch ein Rest Lebenswille in ihr.“ Leonhardt sprang auf, seine Augen glühten vor finsterem Vergnügen. „Dagegen kann ich was tun.“ Doch dann, zum ersten Mal an diesem Tag, erhob Raya ihre Stimme. „Nein.“ Leonhardt blieb abrupt stehen. Sein Blick zuckte zu ihr, doch sie hielt seinem Zorn stand. „Du hattest Wochen Zeit, sie zu brechen. Und du bist gescheitert.“ Ihre Worte waren ruhig, sachlich – und absolut gnadenlos. Dann stand sie auf und ging zu einer Kiste in der Ecke des Raumes. Ohne Eile öffnete sie sie, griff hinein und zog einen Beutel hervor. Sie kehrte zu Taliba zurück und beugte sich über sie. „H-Hab i-ich es… geschafft?“ Talibas Stimme war kaum mehr als ein raues Flüstern. Raya packte ihr Haar, zog ihren Kopf grob nach oben und sah ihr in die Augen. „Du hast doch nach deinen Eltern gesucht, nicht wahr?“ Sie öffnete den Beutel – und Talibas Blick traf die leblosen Augen ihres Vaters. Ihr Atem stockte. Ihr Verstand weigerte sich, zu begreifen, was sie da sah. Sein Gesicht war blass, eingefallen, die Augen weit offen in einem toten, leeren Blick. Ihr Magen zog sich krampfhaft zusammen, ihr Körper wurde eiskalt. Sie konnte nichts tun. Nichts fühlen. Nichts denken. „Deine Mutter scheint auf dem Sklavenmarkt verkauft worden zu sein… aber deinen Vater hast du ja jetzt zurück.“ Die Welt verschwamm. Ihr Inneres zerbrach. Alles, was sie noch gehalten hatte, war nun fort. Langsam, wortlos, sank Taliba zu Boden, ihr Körper sackte in sich selbst zusammen. Ihre Augen schlossen sich, als wollte sie sich von der Realität abkapseln. Es war vorbei. Sie hatte verloren. Sie hatte alles verloren. „Versuch es jetzt noch einmal.“ Rayas Stimme klang nun wie aus weiter Ferne. Und dann begannen die Schmerzen von neuem. - ------------------------------------------------------------------------- Nach einer weiteren Stunde unvorstellbarer Qualen verstummten die letzten Schmerzensschreie, und eine bedrückende Stille legte sich über den Raum. Taliba lag regungslos auf dem kalten Steinboden, ihr Körper zuckte nur noch schwach, als würde ein letzter Funken Leben versuchen, sich festzuklammern. Doch in ihren weit aufgerissenen Augen lag nichts mehr – kein Schmerz, keine Angst, keine Wut. Nichts. Es war, als wäre ihre Seele aus ihrem Körper geflohen und hätte nur eine leere Hülle zurückgelassen. Yaga trat langsam näher, sein Gesicht von einem triumphierenden Glanz durchzogen, während seine gelben Augen Talibas leblose Gestalt musterten. Er hockte sich neben sie, legte zwei Finger an ihre Kehle, spürte den schwachen Puls unter ihrer Haut und grinste zufrieden. „Es hat geklappt.“ Seine Stimme war von leiser, vibrierender Befriedigung erfüllt. „Damit sollte er wieder in unsere Welt zurückgekehrt sein.“ Raya klatschte in die Hände, ihre Augen funkelten voller Stolz. „Sehr schön, sehr schön“, murmelte sie zufrieden, während ihr Blick durch den Raum wanderte. „Nach all den gescheiterten Versuchen… Endlich ist es uns gelungen.“ Leonhardt, der in einer dunklen Ecke des Raumes stand, beobachtete die Szene mit verschränkten Armen und einem ausdruckslosen Gesicht. Doch in ihm brodelte eine unerträgliche Frustration. Es war vorbei. Er hatte sein Spielzeug verloren. Die letzten Wochen hatten ihm eine perverse Freude bereitet – das Mädchen zu brechen, ihren Körper und Geist zu zerstören, hatte ihn auf eine Art und Weise befriedigt, die er nicht in Worte fassen konnte. Doch nun? Nun war sie nichts mehr. Raya wandte sich ihm zu. „Bring sie auf das Zimmer.“ Leonhardt biss die Zähne zusammen. Wie er es hasste, wenn sie ihm Befehle erteilte. Doch er wusste, dass Widerstand zwecklos war. Raya stand über ihm in der Rangfolge. Also beugte er sich, wie er es immer tat. Ohne ein Wort hob er Talibas schlaffen Körper vom Boden. Sie fühlte sich schwer an – nicht wegen ihres Gewichts, sondern wegen der absoluten Regungslosigkeit. Sie war nicht mehr das verzweifelte, widerstrebende Mädchen, das sich mit letzter Kraft gegen ihn gewehrt hatte. Sie war nur noch eine leere Hülle. Ein lebloser Gegenstand, den er durch die Katakomben trug, bis er das eigens für sie vorbereitete Zimmer erreichte. Er warf sie auf das Bett, sie war nicht mehr wert als eine zerbrochene Puppe, und betrachtete sie genauer. Ihre Augen. Sie waren nicht mehr braun, nicht mehr leer und leblos. Ein düsteres, unnatürliches Rot glühte nun in ihnen, als würde ein Feuer tief in ihrer Seele brennen – ein Feuer, das selbst Leonhardt Unbehagen bereitete. Er verharrte kurz, als wäre er sich nicht sicher, ob das Ding vor ihm noch Taliba war. Dann schnaubte er abfällig, drehte sich auf dem Absatz um und verließ den Raum, ohne ein weiteres Wort. Yaga wartete bereits draußen auf ihn. Leonhardt verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihn abschätzig an. „Bist du zufrieden, Yaga?“ Seine Stimme triefte vor abgrundtiefer Verachtung. Der Oni lächelte gelassen, fast amüsiert. „Ja, das bin ich.“ Er drehte sich halb zur Tür, hinter der Taliba nun lag. „Im besten Fall ist er wieder da. Im schlimmsten Fall hat sie seine Kräfte bekommen, ohne seinen Geist zu empfangen.“ Leonhardt verzog den Mund zu einem hässlichen Grinsen. „Also weißt du es selbst nicht genau?“ Yaga hob eine Augenbraue, sein Blick blieb ruhig. „Das ist unwichtig.“ Leonhardt knirschte mit den Zähnen. Er hasste Yaga. Er hasste ihn mehr als alles andere. Nicht jetzt. Nicht hier. Nicht solange, bis sie ihr Ziel erreicht hatten. Aber eines Tages… eines Tages würde er ihn töten. Er musste nur warten. Und dann würde er es genießen.
- Kapitel 88 - Wir sind Beobachter.
Als Leyla zu träumen begann, fand sie sich an einem langen Tisch wieder. Der Raum, in dem sie saß, war hell erleuchtet, doch es gab weder Fenster noch sichtbare Lichtquellen. Das Licht schien von den Wänden selbst auszugehen, als wäre der Raum lebendig, atmend, beobachtend. Eine seltsame, fast unwirkliche Stille lag in der Luft, als würde jede noch so kleine Bewegung ein Echo hinterlassen, das nicht verklingen würde. Leyla spürte sofort, dass sie keine Kontrolle über ihren Körper hatte. Ihre Hände ruhten auf dem Tisch, und obwohl sie versuchte, ihre Finger zu bewegen, blieben sie reglos. Es war, als sei sie nur eine Beobachterin in ihrem eigenen Traum, gefangen in einer Szene, die nicht von ihr gelenkt wurde. Ein unbehagliches Gefühl kroch ihren Rücken hinauf, doch gleichzeitig war da auch eine seltsame Vertrautheit, als hätte dieser Ort sie erwartet. Langsam, wie von einer fremden Kraft gelenkt, hob sich ihre rechte Hand. Ihre Finger streckten sich über den Tisch, tasteten nach etwas Unsichtbarem, das erst in dem Moment erschien, als ihre Haut es berührte. Ein Buch. Doch nicht irgendein Buch. „Rabe“ – in goldenen Lettern prangte der Titel auf dem tiefschwarzen Einband. Leylas Herz schlug schneller. Sie erkannte es sofort. Es war das Buch, das sie in der Gefangenschaft von Eugenius gelesen hatte. Die Erinnerung an jene dunklen Wochen war noch immer in ihr verankert, und eine vertraute Sicherheit breitete sich in ihr aus, als ihre Finger über den rauen Einband strichen. Der Geruch von altem Papier, ein Hauch von Tinte – es war genau dasselbe Buch. Doch wie war es hierher gelangt? Ohne dass sie es beabsichtigte, begannen ihre Hände, die ersten Seiten aufzuschlagen. Ihr Blick fiel auf den Anfang der zweiten Seite, und in diesem Moment spürte sie, wie eine unsichtbare Kraft sie ergriff. Ein Ruck, stärker als alles, was sie je gefühlt hatte. Die Welt um sie herum verzerrte sich, als würde sie von einem gewaltigen Sog verschlungen werden. Sie versuchte zu verstehen, was geschah, doch es war zwecklos. Ihre Umgebung löste sich auf, als würde der Traum selbst zerrissen werden, und für einen kurzen Moment glaubte sie, eine dunkle Silhouette am Rand ihres Blickfeldes zu erkennen. Doch bevor sie darüber nachdenken konnte, verlor sie sich in der Schwärze. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla schwebte körperlos in der Leere, ein Zustand, der ihr vertraut war. Genauso wie beim ersten Mal empfand sie dieses Gefühl nicht als bedrohlich oder beunruhigend – im Gegenteil. Eine merkwürdige Ruhe durchströmte sie, als wäre sie an einem Ort, an dem sie verstanden und angenommen wurde, ohne Furcht, ohne Widerstand. Allmählich wich die Dunkelheit, und ein gleißendes Licht trat an ihre Stelle. Der Wechsel war fließend, sanft, und als die Welt um sie herum schließlich Gestalt annahm, erkannte Leyla, dass sie auf der Spitze eines einsamen Berges stand. Der Himmel spannte sich weit über ihr auf, in tiefem Blau, grenzenlos, und die Welt unter ihr war ein Flickenteppich aus Wäldern, Seen und Bergen, die in einer dunstigen Ferne verschwammen. Doch sie konnte sich weiterhin nicht bewegen. Ihr Blick war auf drei Gestalten gerichtet, die vor ihr standen, und egal, wie sehr sie versuchte, ihre Augen auf etwas anderes zu richten, sie konnte sie nicht von ihnen abwenden. Die drei Wesen hatten eine unheimliche, übernatürliche Präsenz. Ihre Körper waren von schwarzen Federn bedeckt. Lange, dunkle Roben hingen schwer über ihren Schultern. Es war, als hätten Rabenvögel menschliche Gestalt angenommen, eine Mischung aus Fremdartigkeit und Macht, die Leyla frösteln ließ. Der Größte der drei trat vor und sprach. Seine Stimme klang tief und rauschend, als käme sie aus dem Ursprung selbst, uralt und voller unergründlicher Bedeutung. „Sag ███████, sag ████████. Wie wollen wir diese Welt behandeln?“ Leyla wollte die Worte verstehen, doch die Namen waren unbegreiflich. Ihre Gedanken stolperten über sie hinweg, als würden sie von einer unsichtbaren Kraft aus ihrem Bewusstsein gelöscht. Es war, als existierten die Namen nicht, als dürften sie nicht existieren. Oder als dürfte Leyla sie nicht erfahren. Der Kleinste der drei antwortete als Erster. Seine Stimme war heller, doch nicht weniger durchdringend. „███████, ich denke, wir sollten die Stärksten suchen. Wir sollten sie zu gerechten Herrschern ausbilden, auf dass sie die Welt beschützen.“ Leyla versuchte, das Gesagte zu verarbeiten, doch wieder glitten die Namen von ihrem Verstand ab wie Wasser von Stein. Was war das hier? Warum konnte sie diese Worte nicht erfassen? Der Mittlere, dessen Haltung die eines Nachdenklichen war, sprach nun ebenfalls, und seine Stimme war weich – doch unter dieser Ruhe lag eine unerschütterliche Entschlossenheit. „███████, ich denke, wir sollten selbst herrschen. Wir sollten das Böse unterdrücken, um die Welt zu schützen.“ Leyla fühlte, wie sich ihre Gedanken im Kreis drehten, ihr Bewusstsein sich an der Bedeutung dieser Szene festkrallte, ohne sie vollständig greifen zu können. Wer waren diese Wesen? Warum konnte sie ihre Namen nicht hören? Warum schien es, als würde eine Macht verhindern, dass sie dieses Wissen erlangte? - ------------------------------------------------------------------------- Der Große drehte sich langsam zu den beiden anderen um. In seinen tiefen, undurchdringlichen Augen spiegelte sich eine Weisheit, die weit jenseits der Zeit existierte. Sein Blick war der eines uralten Wesens, das zahllose Ären überdauert hatte. Als er sprach, hallte seine Stimme über die Bergspitze, durchdringend und endgültig, als wäre jedes seiner Worte in Stein gemeißelt. „███████, ████████, ihr liegt beide falsch“ , sagte er, und seine Worte waren so durchdringend wie der Donner. „Wenn wir, denen diese Verantwortung gegeben wurde, so handeln, sind wir nicht besser als ████.“ Leyla spürte wieder diese unsichtbare Barriere, die sie von der Wahrheit trennte. Ein Name, den sie nicht verstehen konnte. Ein Wort, das aus ihrem Geist gelöscht wurde, bevor es ausgesprochen war. Doch diesmal wollte sie nicht nachdenken, wollte nicht hinterfragen. Sie konzentrierte sich auf das, was vor ihr geschah – auf das, was sie verstehen durfte. Der Kleine der drei reagierte sofort. Seine Stimme fest, durchdrungen von der Überzeugung eines Gläubigen, der sein Dogma verteidigte. „Aber ███████, wir müssen die Sterblichen anleiten! Sie sind schwach, sie brauchen unsere Führung!“ Der Mittlere, dessen Stimme sanft war, erhob sich mit einer ebenso starken Gegenmeinung. Seine Worte waren weich, doch auch seine Überzeugung war unerschütterlich. „Nein, ███████, wir müssen die Sterblichen beherrschen! Nur so können wir sicherstellen, dass sie nicht ins Chaos stürzen!“ Plötzlich blitzten die Augen des Großen in tiefem Schwarz auf, ein Ausdruck reiner Autorität, der jeden Widerstand im Keim erstickte. Eine Macht, so alt wie die Sterne, pulsierte durch die Luft und zwang die beiden anderen in Schweigen. Leyla spürte die Energie, die von ihm ausging, und ein merkwürdiges Gefühl breitete sich in ihr aus – als hätte sie diese Präsenz schon einmal gespürt, als wäre sie ihr seltsam vertraut. Der Große hob eine Hand, eine Geste, die nicht nur zur Ruhe, sondern zur absoluten Akzeptanz aufrief. „Nein, ███████, ████████“ , sprach er erneut, diesmal ruhiger, aber nicht minder bestimmt. „Wir müssen die Sterblichen beobachten. Wir müssen sie immer im Auge behalten. Doch wir dürfen uns niemals einmischen. Wir sind nicht hier, um unsere Macht auszunutzen. Nicht hier, um Schutzlose zu unterwerfen. Nicht hier, um Herrscher auszubilden oder selbst zu herrschen. Merkt euch dies: Wir sind Beobachter. Wir dürfen keinen Kontakt zu ihnen aufnehmen. Wir dürfen uns nicht zeigen. Wir müssen wachsam sein. Wir müssen vorsichtig sein. Denn wir, wir sind die ███.“ Die Worte hallten nach, hallten in Leylas Geist wider, das Echo eines göttlichen Dekrets. Die beiden anderen Gestalten senkten ihre Köpfe, knieten vor dem Großen nieder, und ihre Stimmen verschmolzen zu einer einzigen, als sie antworteten: „Ja, wir verstehen, ███████.“ Leyla spürte, wie ihre Neugier sich zu einem brennenden Verlangen steigerte. Sie wollte mehr wissen. Wollte diese Wesen befragen, verstehen, wer sie waren, welche Rolle sie spielten. Was waren sie? Warum waren sie hier? Doch gerade als sie merkte, dass sie ihren Mund wieder spürte und ihn öffnen wollte, um eine Frage zu stellen – begann alles zu verschwimmen. Die drei Figuren zerflossen, ihr Licht verblasste, die Worte wurden unverständlich, als würde eine unsichtbare Hand sie aus der Realität streichen. Die Vision entglitt ihr, der Traum fiel in sich zusammen, und Leyla fühlte sich wie ein Blatt, das vom Wind erfasst und sanft aus einer anderen Welt zurückgetragen wurde. Und dann war da nur noch Dunkelheit.
- Kapitel 87 - Der Rote Teufel
Der Nachmittag war längst angebrochen, doch die Sonne zeigte keinerlei Erbarmen. Ihr sengendes Licht brannte auf die breiten Straßen der Kaiserstadt herab und ließ die Steine unter Leylas Füßen glühen. Die Hitze hing schwer in der Luft, fast greifbar, wie eine unsichtbare Decke, die sich über die Festbesucher legte. Zum Glück boten zahlreiche Stände erfrischende Getränke und leichte Speisen an, die ein wenig Abkühlung verschafften. Leyla hatte keine Schwierigkeiten, sich auf den Beinen zu halten – die Vielfalt der angebotenen Leckereien sorgte dafür, dass ihr Magen stets zufrieden war. Dennoch spürte sie allmählich eine wachsende Erschöpfung. So viele Eindrücke, so viele Farben, Gerüche und Stimmen – die Stadt wirkte heute noch größer als sonst. „Die Stadt ist viel zu groß. Wie soll ich da alles sehen?“ Ein tiefer Seufzer entwich Leylas Lippen, während sie den Blick über die endlosen Reihen von Ständen und Menschenmengen schweifen ließ. Ihr ursprünglicher Plan, das gesamte Sonnenfest zu erkunden, erschien ihr mittlerweile vollkommen unrealistisch. Selbst wenn sie den ganzen Tag durch die Straßen eilte, würde sie nur einen Bruchteil von dem sehen, was die Kaiserstadt an diesem besonderen Tag zu bieten hatte. „Wenn du willst, kann ich die Händler für dich einfangen und zu dir bringen, Leyley.“ Neas Stimme klang spielerisch, doch Leyla kannte sie gut genug, um nicht sicher zu sein, ob sie das Angebot nicht tatsächlich ernst meinte. Ein kurzer Blick in Neas lila funkelnde Augen verriet ihr: Nichts – ihr Grinsen war so breit wie immer. „Danke, Nea, aber das brauchst du nicht machen.“ Leyla lachte, schüttelte den Kopf und beschloss sicherheitshalber, das Thema nicht weiter zu vertiefen. Eroica, die bisher still neben ihr gegangen war, trat höflich einen Schritt nach vorne und verbeugte sich leicht – eine Angewohnheit, die sie selbst in der entspanntesten Umgebung beibehielt. „Leyla? Dürfte ich vielleicht eigenständig noch etwas die Läden erkunden?“ Ihre Stimme war ruhig, fast sanft, und ihre grünen Augen funkelten erwartungsvoll. Leyla erwiderte das Lächeln. „Na klar. Brauchst du Geld dafür?“ Die Filina schüttelte bestimmt den Kopf. „Danke, nein. Ich habe genug gespartes Gehalt.“ Leyla nickte, und mit einem letzten dankbaren Blick verschwand Eroica in der Menge. Sie beobachtete sie noch einen Moment lang, ehe sie sich wieder umdrehte und nach etwas suchte, das diesen Tag perfekt machen würde. Sie wollte noch eine besondere Erinnerung mitnehmen, etwas, das dieses Sonnenfest für sie unvergesslich machte. „Darr vorrne.“ Bunj knurrte tief, und als Leyla seinem ausgestreckten Arm folgte, entdeckte sie den Grund dafür. Vor ihnen lag ein kleiner, von Zuschauern umringter Platz. Die Atmosphäre dort war anders als im restlichen Getümmel – angespannter. Tische waren aufgestellt, und die versammelten Zuschauer hielten gebannt den Atem an. „Oh, ein Armdrück-Wettbewerb! Lass uns teilnehmen, Leyley!“ Neas Augen funkelten aufgeregt, und bevor Leyla überhaupt protestieren konnte, hatte ihre Freundin sie bereits am Arm gepackt und zog sie mit sich. Der Rausch von Stimmen und Bewegung verschmolz, als sie sich durch die Menge schlängelten. Sie hatten Glück – die Anmeldung für die letzte Runde war noch offen. Auf einem Tisch waren die Preise ausgestellt: kunstvoll geflochtene Armbänder, exotische Gewürze aus fernen Ländern, und eine kleine Truhe, die verheißungsvoll klapperte, als sie bewegt wurde. Nichts davon reizte Leyla besonders, doch als sie die aufgeregte Erwartung in den Gesichtern der Zuschauer sah, spürte sie ein vertrautes Kribbeln in den Fingern. Die Herausforderung lockte sie. Ohne weiter zu zögern, schrieben sich Leyla, Bunj und Nea für den Wettkampf ein. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla blickte auf den bulligen Halbriesen vor ihr, dessen breiter Oberkörper fast den gesamten Stuhl füllten. Seine schwarzen Haare waren kurz geschnitten, sein Gesicht von groben Zügen gezeichnet, die ihm ein bedrohliches Aussehen verliehen. Doch es war nicht seine Statur, die Leyla störte – es war dieses gehässige Grinsen, das ihn begleite, seit sie sich an den Tisch gesetzt hatte. Seine Augen musterten sie abfällig, als wäre sie nichts weiter als ein naives Kind, das sich in eine Welt verirrt hatte, die nicht für sie gemacht war. „Die lassen ja jetzt schon kleine Mädchen bei den Kopfgeldjägern mitmachen, wa?“ Er lachte dreckig und nickte in Richtung Nea, die einige Tische weiter saß und sich auf ihren eigenen Kampf vorbereitete. Glücklicherweise hatte Nea den Kommentar nicht gehört – sonst hätte der Halbriese wahrscheinlich jetzt schon um sein Leben gebettelt. Für Leyla hingegen war seine abfällige Bemerkung nur eine weitere Motivation. Ohne mit der Wimper zu zucken, legte sie ihren Ellbogen auf den Tisch. Ihre Finger schlossen sich um seine riesige Pranke, während sie ihn mit ruhiger Entschlossenheit ansah. „Dann zeig mal, ob du es schaffst, gegen ein kleines Mädchen zu gewinnen“, sagte sie mit einer kühlen, aber deutlich herausfordernden, Stimme. Der Halbriese grunzte, offenbar belustigt über ihre Selbstsicherheit, doch sein Lächeln verschwand, als eine sanfte Aura aus blau und braun Leylas Arm umhüllte. Sie hatte nicht vorgehabt, ihre Magie gleich zu Beginn einzusetzen, aber nach dieser Provokation entschied sie sich anders. Die Regeln des Turniers erlaubten es, die eigene Kraft mit Magie zu verstärken – und das würde sie nun tun. Sie spürte, wie sich die Energie in ihren Muskeln sammelte, pulsierend, bereit, entfesselt zu werden. —KNACK— Ein markerschütternder Schrei durchschnitt den Platz. Der Halbriese bäumte sich auf, sein Arm zuckte, während er hastig nach Luft schnappte. Sein Ellbogen stand in einem unnatürlichen Winkel ab, und Leyla erkannte sofort, dass sie ihre Kraft unterschätzt hatte. Sie hatte seine Hand zur Seite gerissen, wie geplant, doch dabei war der Knochen zersplittert. „Ahh, fuck, du kleine…“ brach es aus ihm heraus, doch er stoppte sich selbst, als er Leylas Blick sah – eiskalt, ungerührt. Mit einem schmerzverzerrten Gesicht und unter leisen Flüchen taumelte er rückwärts, stolperte zurück in die Menge und verschwand. Die Menge starrte für einen Moment überrascht auf den Tisch, bevor sie mit lautem Jubel ausbrach. Es war ein eindeutiger Sieg gewesen. Leyla richtete sich ruhig auf, streckte die Finger und ließ die letzten Funken ihrer Magie erlischen. Die nächsten Runden verliefen ähnlich reibungslos. Sie besiegte ihre Gegner ohne größere Schwierigkeiten und erreichte mühelos die Runde der letzten Acht. Auf der anderen Seite des Platzes konnte sie sehen, dass auch Nea und Bunj sich problemlos für das Viertelfinale qualifiziert hatten. Eine zufriedene Welle der Vorfreude durchflutete sie, als sie auf die Turnierauslosung wartete. „Vielleicht kann ich gegen einen von ihnen antreten“, murmelte sie und lehnte sich entspannt zurück. Ihre Augen glitten über die Tafel – doch zu ihrer Enttäuschung waren Bunj und Nea auf der anderen Seite des Turnierbaums gelandet. Ihr Gegner im Viertelfinale war ein gewaltiger Oger. Beeindruckend in Größe, aber wenn es um reine Kraft ging, nicht unbedingt eine größere Herausforderung als ihre bisherigen Kontrahenten. „Noch ein Gegner, dann kann ich gegen Bunj oder Nea antreten“, dachte sie im Anschluss an den Sieg laut und ließ ihren Blick zu den beiden schweifen. Bunj war vermutlich der stärkere von beiden, doch bei Nea konnte man sich nie ganz sicher sein. Sie hatte eine Art, ihre Gegner zu überraschen, die selbst Leyla manchmal verwirrte. Doch dann setzte sie sich an ihren Tisch für das nächste Duell – und ihr Atem stockte. Vor ihr saß ein Mann, den sie sofort erkannte. Sein markantes Gesicht, die feinen, fast unmenschlich glatten Züge, die stechenden, roten Augen – sie hatte ihn nicht vergessen. Selfmun Aragi – „Der rote Teufel“ . Er trug einen prunkvollen Mantel, aber keine Insignien seines Amtes. Heute war er kein Minister – er war ein Teilnehmer dieses Turniers. Und er saß mit einer Gelassenheit da, als wäre dies für ihn nicht mehr als ein Zeitvertreib. Sein Blick traf ihren, und ein feines Lächeln spielte um seine Lippen. „Nun, das wird interessant“, sagte er leise, fast schon amüsiert. Leyla spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Das hier war kein gewöhnlicher Gegner. - ------------------------------------------------------------------------- Leylas Finger schlossen sich um Aragis Hand, und sofort spürte sie, wie ihre Handfläche feucht wurde. Ein dünner Schweißfilm bildete sich auf ihrer Haut – nicht aus Angst, sondern aus einer tiefsitzenden Anspannung, die sie kaum kontrollieren konnte. Es war nicht nur der bevorstehende Kampf, sondern die einnehmende Präsenz des Mannes vor ihr, die ihr Unbehagen bereitete. Aragi ließ seinen Blick langsam über sie gleiten, und in seinen dunklen Augen funkelte etwas, das sie nicht einordnen konnte – eine Mischung aus Spott und... Neugier? Sein Lächeln war kaum mehr als ein angedeutetes Heben der Mundwinkel, doch es reichte aus, um sie in ihrer Haltung zu verunsichern. „Nervös?“ fragte er schließlich mit einem leisen, fast beiläufigen Ton, doch die Frage hatte ein Gewicht, das sich unangenehm auf ihre Schultern legte. Es war, als würde er sie vollkommen durchschauen, als könnte er jeden einzelnen Gedanken in ihrem Kopf lesen. Leyla ließ sich nicht beirren und konzentrierte sich stattdessen darauf, ihre Kraft zu entfalten. Die blau-braune Aura flackerte um ihren Arm, erst zaghaft, dann stärker, bis sie sich mit pulsierender Energie füllte. Ihre Muskeln spannten sich an, die Magie floss durch ihre Adern – sie war bereit. Aragi hob eine Augenbraue, als er ihre Aura wahrnahm, und pfiff leise durch die Zähne. „Oho, das ist eine beeindruckende Magie“, bemerkte er mit einem Tonfall, der fast wie Anerkennung klang, aber dennoch etwas Herablassendes in sich trug. Doch bevor Leyla ihre Kraft voll entfalten konnte, spürte sie plötzlich eine Kälte, die durch ihren Körper kroch, als hätte jemand Eiswasser über sie gegossen. Es war keine normale Kälte – es war, als würde eine unsichtbare Hand sich um ihr Herz legen, es zusammendrücken, ihren Atem zum Stocken bringen. Ihr Instinkt schrie auf, ihre Aura flackerte, zitterte und erlosch dann abrupt, als hätte sie sich der übermächtigen Präsenz Aragis unterworfen. Leyla wollte reagieren, sich losreißen, irgendetwas tun – doch ehe sie begriff, was geschah, hatte Aragi ihre Hand mit erschreckender Leichtigkeit auf den Tisch gedrückt. Der Kampf war vorbei, bevor er überhaupt begonnen hatte. Sie hatte verloren. Selfmun Aragi erhob sich langsam, sein Blick blieb noch einen Moment auf ihr haften, ehe er mit ruhiger Stimme sprach. „Sobald das Turnier vorbei ist, treffen wir uns in der Taverne ,,Sternenkrone’’ . Ich will mich mit dir unterhalten.“ Seine Worte waren keine Einladung – es war ein Befehl, gesprochen mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre es eine unumstößliche Tatsache. Leyla schluckte, ihr Magen zog sich zusammen. Sie nickte knapp, unfähig, sich zu einer Antwort zu zwingen. Was war das gewesen? Diese kalte, erdrückende Macht, die sie gelähmt hatte, bevor sie überhaupt reagieren konnte? Zum ersten Mal verstand sie Yagas Warnung vor Aragi – jetzt wusste sie, warum selbst jemand wie Yaga ihn gefürchtet hatte. Mit leicht zittrigen Fingern trat sie zur Seite, um den Finalkampf zu verfolgen. Sie erwartete, dass Aragi sich ebenso mühelos gegen Bunj durchsetzen würde, doch es geschah etwas völlig Anderes – der Kampf dauerte nicht einmal eine Sekunde. Bunj hatte gewonnen. Leyla blinzelte überrascht. Hatte Aragi absichtlich verloren? Sein Gesicht verriet nichts, keine Spur von Enttäuschung, kein Zorn über die Niederlage. Sie wollte sich die Szene genauer einprägen, doch sie hatte keine Gelegenheit dazu. Bevor sie Bunj gratulieren konnte, trat Aragi erneut an sie heran. „Komm mit.“ Seine Stimme war ruhig, aber bestimmt. Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte er sich um und schritt in Richtung der Taverne. Leyla wusste, dass sie ihm folgen sollte – folgen musste. Etwas in ihr schrie auf, widersetzte sich dem Gedanken, Befehle von jemandem anzunehmen, der nicht der Kaiser oder ihre Anführerin war. Doch Aragi sprach mit einer Autorität, die keinen Widerspruch zuließ, als wäre es selbstverständlich, dass sie gehorchte. Und als sie den ersten Schritt hinter ihm tat, spürte sie es wieder – dieses Gefühl, dass all das Selbstvertrauen, das sie sich in diesem Jahr aufgebaut hatte, in seiner bloßen Anwesenheit wie eine schwache Kerze flackerte, kurz davor, endgültig zu verlöschen. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla saß an dem grob gezimmerten Holztisch, ein fast unberührter Krug Bier vor ihr. Ihr gegenüber saß Selfmun Aragi, mit jener kühlen, undurchdringlichen Ausstrahlung, die ihn so gefährlich machte. Seine schlanken Finger ruhten lässig um ein Glas Rotwein, das er mit bedächtiger Ruhe in seiner Hand drehte, als würde er jede Bewegung nutzen, um sie zu analysieren. Sein Blick haftete auf ihr, wachsam, berechnend – ein Jäger, der beobachtete, wie sich ein weiteres Opfer in seinem Netz verfing. Die Luft in der Taverne war schwer, fast drückend, als würde der Raum selbst die Spannung zwischen ihnen spüren. Leyla fühlte, wie sich ein unangenehmer Knoten in ihrem Magen bildete. Was wollte er von ihr? Langsam strich Aragi mit seinen Fingern über das raue Holz des Tisches, eine unauffällige, aber beinahe hypnotische Geste. Er ließ sich Zeit, die Stille auszukosten, bevor er schließlich das Wort ergriff. „Ich möchte gleich zur Sache kommen“, begann er ruhig, aber bestimmt. Keine unnötigen Höflichkeiten – er hatte sie nicht ohne Grund herbestellt. Seine Augen, kalt und durchdringend, schienen ihr Innerstes zu erforschen. „Es geht um deine Fähigkeit.“ Leylas Herz setzte einen Schlag aus. Für einen Moment glaubte sie, er wisse von den Kerzen, von dem Stein, von ihrer Wahrheit. Ein bedrohlicher Schwindel erfasste sie, als sie ihre Gedanken hastig ordnete. Doch dann sprach er weiter, und sie atmete innerlich auf. „Du hast in außergewöhnlich kurzer Zeit eine enorme Kraft angesammelt. Da stellt sich natürlich die Frage – wie?“ Er wusste es nicht. Er ahnte etwas, doch ihm fehlten die entscheidenden Puzzleteile. Trotzdem zwang sie sich zur Ruhe und zu einer kontrollierten Antwort. ,,Ich habe einfach gut trainiert, Yaga meinte…’’ „Erwähne nicht den Namen des Onis“, unterbrach Aragi sie scharf. Sein Ton blieb ruhig, doch die plötzliche Kälte in seinen Worten ließ Leyla augenblicklich verstummen. Sie fühlte, wie ihre Muskeln sich anspannten, ein natürlicher Reflex in Gegenwart einer Gefahr. Doch Aragi ließ die Spannung nicht lange stehen. Fast nahtlos setzte er fort, als wäre Yaga nie erwähnt worden. „Es geht mir nicht darum, wie du diese Kraft erlangt hast. Ich frage mich vielmehr – wie wirst du sie einsetzen?“ Leyla blinzelte. Das war eine Frage, mit der sie nicht gerechnet hatte. Ihr erster Impuls war, die Standardantwort zu geben – sie diente dem Kaiserreich als Kopfgeldjägerin, sie erfüllte ihre Aufträge, sie folgte den Regeln. Doch die Art, wie Aragi die Frage stellte, ließ sie innehalten. Was war die richtige Antwort? „Ich diene dem Kaiser als Kopfgeldjägerin“, antwortete sie schließlich und hielt seinem Blick stand. „Abgesehen davon möchte ich möglichst vielen Leuten helfen.“ Aragi ließ die Worte einen Moment lang im Raum schweben, sein Gesichtsausdruck verriet keine Regung. Doch Leyla spürte eine leise Unruhe in sich aufkeimen. Plötzlich fragte sie sich, warum sie überhaupt das Gefühl hatte, eine Antwort geben zu müssen. ,,Ich stehe doch eigentlich über ihm.’’ Der Gedanke war klar, rational. Sie war eine Kaiserliche Kopfgeldjägerin – nur der Kaiser selbst und Yang konnten ihr Befehle erteilen. Selfmun Aragi war Kaiserlicher Minister, aber er hatte keine Autorität über sie. Also warum fühlte es sich nicht so an? Und dann begriff sie. Hier ging es nicht um Ränge oder Titel. Wahre Macht kam nicht von einer Position, sondern von der Autorität, die eine Person ausstrahlte. Es ging um Einfluss, um Stärke, um Präsenz. Das Kaiserreich hatte eine strikte Hierarchie – und doch gab es Wesen, die sich außerhalb dieses Systems bewegten. Selfmun Aragi war eine dieser Ausnahmen. „Ich verstehe“, murmelte Aragi leise, als hätte er ihre Gedanken erraten. Dann lehnte er sich leicht nach vorne, sein Blick wurde schärfer. „Und was, wenn dir ein Verbrechen befohlen wird? Zum Beispiel… die Ermordung eines Kindes?“ Leylas Atem stockte. Die Worte trafen sie wie ein Faustschlag. Unwillkürlich zuckte ihr Kopf zurück. Sofort schossen die Erinnerungen an den Sohn des Grafen in ihr Bewusstsein – die Nacht, in der sie ihn getötet hatte, ohne zu zögern. Sie hatte sich immer eingeredet, dass es notwendig gewesen war. Dass sie keine Wahl gehabt hatte. Doch jetzt, in diesem Moment, unter Aragis unerbittlichem Blick, fühlte sich ihre Rechtfertigung hohl an. Doch bevor sie eine Antwort formulieren konnte, hob Aragi beiläufig die Hand. ,,Die Frage war nicht angemessen, vergiss sie.’’ Aragi schien nicht so, als würde er die Frage bereuen. Vielmehr hatte Leyla das Gefühl, dass er seine Antwort erhalten hatte. Er ließ ihr nicht einmal die Möglichkeit, sich zu verteidigen. Sie war von ihm bereits entblößt, durchschaut – als wäre sie ein offenes Buch, dessen Seiten er einfach umblättern konnte, wann immer er wollte. Dann wechselte schlicht er das Thema, als würde das Gespräch jetzt erst beginnen. „Der eigentliche Grund, warum ich dich hierher gebeten habe, ist, dass ich einen Auftrag für dich habe“, erklärte er mit gleichgültiger Sachlichkeit. „Der Auftrag wird in ein paar Tagen als offizieller, freier Auftrag bei euch ankommen.“ Leyla spürte, wie sich ihr Magen verkrampfte. Ein Auftrag von Selfmun Aragi? „Was für ein Auftrag?“ fragte sie, ihre Stimme war nur ein Hauch. Aragi nahm einen letzten Schluck aus seinem Weinglas, dann setzte er es ruhig ab. „Ein Adliger in Welldyl macht Probleme. Du sollst das Problem beseitigen. Er hat eine… Vorliebe für hübsche, junge Frauen. Da solltest du ohne Probleme an ihn rankommen.“ Ein unangenehmes Frösteln lief Leyla über den Rücken. War das ein Test? Eine Falle? Oder einfach nur ein gewöhnlicher Auftrag? Sie konnte es nicht sagen. Aragi erhob sich, sein Mantel raschelte leicht, als er sich zur Tür wandte. „Ich zähle auf dich, Naturgewalt Leyla.“ Dann verließ er die Taverne, ohne ein weiteres Wort, ohne eine letzte Geste. Leyla blieb zurück, ihre Gedanken rasten. Sie wollte nach Welldyl. Die Handelsstadt war neben der Wüstenstadt Karintes und der Festungsstadt Kartaffel einer der Orte im Kaiserreich, die sie unbedingt sehen wollte. Doch sie konnte nicht abschätzen, ob Aragi die Wahrheit gesagt hatte. War dieser Adlige wirklich eine Bedrohung? Oder wollte Aragi nur sehen, ob sie bereit war, nach seiner Pfeife zu tanzen? Mit einem dumpfen Gefühl in der Brust leerte sie ihren Krug und stand auf. Draußen war die Stadt bereits zur Ruhe gekommen. Die Straßen, die noch vor wenigen Stunden voller Leben gewesen waren, lagen nun verlassen im kühlen Schein der Laternen. Die Kaiserstadt war still, doch in Leylas Kopf loderte das Feuer der Ungewissheit. - ------------------------------------------------------------------------- Erschöpft trat Leyla in ihr Wohnzimmer, ihre Schultern hingen tief, und jeder Schritt fühlte sich an, als würde er sie weiter in den Boden drücken. Das Gespräch mit Selfmun Aragi hatte sie regelrecht ausgelaugt. Die Art, wie er sie psychisch zermürbt hatte – seine ruhigen Worte, die schneidende Kälte in seiner Stimme, das Gefühl, dass er mit jeder Frage ein weiteres Stück ihrer Gedanken auseinanderpflückte – all das hinterließ einen nagenden Stich in ihrer Brust. Sie fühlte sich, als hätte er etwas in ihr zerbrochen, etwas, das sie nicht benennen konnte, und diese Ungewissheit machte ihr mehr zu schaffen, als sie zugeben wollte. Die Stille im Zimmer war ungewöhnlich. Normalerweise war Nea immer irgendwo, ihr Lachen oder ihre endlose Energie füllten die Räume mit Leben. Doch jetzt… nichts. Nur das sanfte Ticken der alten Wanduhr, die Eroica aufgehangen hatte, das ihr Bewusstsein daran erinnerte, dass die Zeit unaufhörlich weiterlief – egal, was in ihr vorging. ,,Leyla, wie geht es Euch? Ich habe gehört, dass Ihr mit dem Kaiserlichen Minister geredet habt?’’ Die Stimme riss sie aus ihren Gedanken, und sie drehte sich um. Eroica stand im Türrahmen ihres Schlafzimmers, das weiche Licht der Öllampe hinter ihr ließ ihr hellblaues Fell leicht schimmern. Sie trug bereits ihr Nachthemd, das weiche, luftige Material fiel locker über ihre Schultern, und ihre Ohren zuckten aufmerksam. Leyla entspannte sich ein wenig und ließ den Blick durch den Raum gleiten. „Das stimmt…“ Ihre Stimme war leiser, als sie es erwartet hatte. Sie war sich nicht einmal sicher, warum sie nach Nea suchte, doch ein Teil von ihr vermisste die vertraute Präsenz. Eroica schien zu erahnen, was ihr durch den Kopf ging. Sie trat ein wenig näher, ihr Blick sanft, aber bestimmt. „Ich habe die Edle Miss Nea in ihr Zimmer geschickt. Ich dachte, Ihr würdet heute lieber einen ruhigen Abend haben.“ Leyla blinzelte überrascht. Dann atmete sie tief durch, ließ die Anspannung in einem langen Seufzen aus ihren Lungen entweichen. Ein ruhiger Abend – das klang tatsächlich wie das Beste, was ihr im Moment passieren konnte. ,,Danke Eroica.’’ Die Worte kamen ehrlich über ihre Lippen, ein Zeichen der Dankbarkeit dafür, dass Eroica sie verstand, ohne dass sie etwas sagen musste. Ohne sich weiter mit Gedanken aufzuhalten, ging sie zu ihrem Tisch, nahm ihren Beutel ab und begann, die Einkäufe auszubreiten. Exotischer Tee aus Juspa, ein Garnisches Kurzschwert, ein Buch über die Vogelarten des Verltria-Gebirges und eine schwarze Haarspange in Form einer Feder. Jedes einzelne Stück war ein Teil des Tages, ein Andenken an das Sonnenfest, doch jetzt wirkten sie fremd, beinahe bedeutungslos. Sie ließ ihre Finger sanft über die Haarspange gleiten, doch selbst der kühle, glatte Stein konnte das Unwohlsein nicht aus ihrer Brust vertreiben. ,,Gute Nacht Eroica’’, sagte sie schließlich, als sie sich langsam in Richtung ihres Zimmers bewegte. Eroica beobachtete sie noch einen Moment, dann neigte sie leicht den Kopf, eine Geste von Respekt und Fürsorge. ,,Gute Nacht, Leyla.’’ Die Tür fiel leise hinter ihr ins Schloss, und Leyla lehnte sich für einen Moment dagegen. Die Erschöpfung, die sie den ganzen Abend über bekämpft hatte, überfiel sie nun mit voller Wucht. Sie ließ ihre Stiefel achtlos auf den Boden gleiten, streifte ihre Kleidung ab und warf sich mit einem tiefen Atemzug auf das Bett. Die Matratze gab nach, schloss sie in ihre weiche Umarmung, und sie spürte, wie ihr Körper all die Anspannung des Tages abgab. Sie wollte sich noch die Decke überziehen, doch ehe sie sich versah, fiel sie in einen tiefen Schlaf.
- Kapitel 86 - Das Sonnenfest
Das Schwert in Leylas Hand nahm langsam Form an. Zuerst war es nur eine vage Silhouette aus purer Energie, doch nach und nach verdichtete sich das Material, bis es schließlich vollendet in ihrer Hand lag. Sie betrachtete es mit glänzenden Augen. Die Klinge schimmerte im Licht der Morgensonne, während der Griff aus feinem Holz mit Rebwolle umschlossen war, einer Faser, die aus den Blättern des Rebbaumes gewonnen wurde. Es fühlte sich richtig an – nicht zu schwer, nicht zu leicht, genau im Gleichgewicht. Ein breites Lächeln zog sich über Leylas Gesicht, als sie das Schwert testweise durch die Luft schwang. Die Klinge schnitt mühelos durch die Luft, und sie spürte die geschmeidige Bewegung ihrer eigenen Magie darin. Mit einer fließenden Bewegung ließ sie das Schwert sich wieder auflösen, sah zu, wie es sich in feine Lichtpartikel verwandelte, bevor es verschwand. ,,Geschafft!’’ rief sie begeistert. Ihr Jubel hallte über den Trainingsplatz des Hauptquartiers, getragen von der warmen Brise des nahenden Sommers. Zum ersten Mal hatte sie es vollbracht, ein vollständiges Schwert zu erschaffen – ohne Metallgriff, ohne Schmerzen. Wochenlang hatte sie sich darauf konzentriert, die Manipulation pflanzlicher Materialien zu meistern. Zuvor hatte sie nur kleine Dolche erschaffen, deren Metallgriffe unangenehm in ihrer Hand lagen. Die Energie, die beim Aufprall entstand, konnte sie zwar mit ihrer Aura abmildern, aber jede Berührung hatte dennoch ein unangenehmes Stechen in ihren Nerven hinterlassen. Doch nun hatte sie es endlich geschafft – ein Schwert mit einem Griff aus Holz, leicht, stabil und perfekt für ihre Hände gemacht. Der Himmel war klar, die Straßen der Kaiserstadt erfüllt von Leben. Der Sommer stand bevor, und mit ihm das alljährliche Sonnenfest. Händler aus der ganzen westlichen Welt strömten in die Stadt, die Straßen wurden geschmückt mit bunten Bannern, und die Menschen lachten und feierten. Es war eines der wichtigsten Feste des Jahres, das den Beginn des vierten Monats markierte – das kleinere der beiden großen Feste im Sommer, aber dennoch von großer Bedeutung. Die westliche Welt war ein Schmelztiegel verschiedenster Kulturen und Völker. Das Kaiserreich, das den nördlichen, und größten, Kontinent beherrschte, war das Zentrum dieser Welt. Dann waren die großen Inselgruppen – die Tabakinseln im Südwesten, berühmt für ihre exotischen Gewürze und ihre Seefahrer, und die Sommerinseln im Südosten, wo Händler aus allen Himmelsrichtungen zusammenkamen. Weiter im Osten lag der Kontinent Garnime, eine Welt aus trockenen Steppen und endlosen Wüsten, wo unter anderem die Dracharen und die Lupiden über eigene Königreiche herrschten. Und noch weiter südlich befand sich Verltria, ein von dichten Wäldern überzogener Kontinent, aufgeteilt auf fünf Staaten, die ständig miteinander konkurrierten. Leyla konnte es kaum erwarten, sich ins Getümmel des Festes zu stürzen. Doch mit wem sollte sie gehen? Nea war voller Energie und würde das Fest mit Leichtigkeit in ein Abenteuer verwandeln. Mit ihr würde es gewiss nicht langweilig werden. Andererseits könnte Eroica eine interessante Begleitung sein – sie würde ihr sicherlich die Geschichten hinter den fremden Waren und Kulturen erzählen können und das Fest mit ihrem Wissen bereichern. Vielleicht sollte Leyla einfach beide mitnehmen? Während sie noch überlegte, hörte sie eine vertraute Stimme hinter sich. - ------------------------------------------------------------------------- ,,Hey, kleinerr Wellensittich’’, knurrte eine tiefe, raue Stimme hinter ihr, gefolgt von einem tiefen Lachen. Leyla fuhr herum, und sobald ihr Blick auf die große Gestalt fiel, zog sich ein breites Lächeln über ihr Gesicht. „Bunj! Du bist wieder da!“ Ohne zu zögern stürzte sie auf den riesigen Chimpkrieger zu und schlang die Arme um ihn. Sein weiches, dichtes Fell kitzelte an ihrem Gesicht, und kaum hatte sie ihn berührt, musste sie niesen. Bunj brummte amüsiert, tätschelte Leyla mit seiner massiven Pranke auf den Rücken – gerade sanft genug, dass sie nicht ins Straucheln geriet. „Derr Auftrrag lief gut“, erklärte er mit einem zufriedenen Grunzen, während er seine Schultern lockerte, als hätte er noch die Strapazen der Reise in den Muskeln. „Und?“ fragte Leyla neugierig, trat einen Schritt zurück und musterte ihn mit strahlenden Augen. „Hast du was besonderes erlebt?“ Bunj grinste breit, zeigte dabei seine imposanten Reißzähne, und griff in die Tasche seines Gürtels. „Schau mal, ich habe dirr etwas mitgebrracht.“ Leyla beobachtete gespannt, wie er eine kleine Glasflasche hervorholte und sie ihr entgegenstreckte. Vorsichtig nahm sie das Fläschchen in die Hand und betrachtete den Inhalt. Drei kleine, tiefrote Samen schimmerten im Licht, wirbelten träge umher, als sie die Flasche kippte. „Was sind das für Samen?“ Ihre Stimme war voller Neugier, während sie die Flasche näher ans Licht hielt. Bunj lehnte sich entspannt an einen der Holzpfosten und grinste. „Das sind Heimblüten. Die gibt es nurr in Heim.“ Leyla blinzelte. Heim – das musste die Republik Heim sein, ein Staat tief im Süden Verltrias. Sie hatte darüber gelesen, in einem der alten Bücher von Eugenius, aber ihr Wissen über das Land war vage. ,,Und was genau sind Heimblüten?’’ Bunj brummte nachdenklich, zuckte dann mit den breiten Schultern. „Keine Ahnung. Aberr sie sehen schön aus, oderr?“ Leyla schmunzelte und schüttelte den Kopf. „Typisch Bunj.“ Vielleicht – nein, wahrscheinlich – wusste Eroica, was es mit diesen Blumen auf sich hatte. Sie würde sie später fragen. Bunj dehnte sich ausgiebig, dann ließ er seinen Blick durch den Garten schweifen. „Ich gehe mich mit Yang trreffen.“ Zum Abschied tätschelte er Leylas Kopf, seine riesige Pranke drückte ihr Haar platt. „Pass auf dich auf, kleinerr Wellensittich.“ Er machte bereits Anstalten, mit einem weiten Sprung über den Zaun des Anwesens zu verschwinden, als Leyla impulsiv nach seinem Handgelenk griff. „Bunj?“ Ihr Blick war offen, ehrlich. „Lass uns zusammen das Sonnenfest besuchen.“ Der Chimpkrieger hielt inne, neigte den Kopf, dann zeigte sich erneut das vertraute Grinsen. „Können wirr gerrne machen.“ Mit wenigen kraftvollen Sprüngen verschwand er in den Straßen der Kaiserstadt, ließ Leyla mit den Heimblüten in der Hand und einem Funken Vorfreude im Herzen zurück. Mit einem zufriedenen Lächeln machte sie sich auf den Weg zu ihren Zimmern. Bald würde sie mehr über die Samen herausfinden – und das Sonnenfest würde zweifellos ein unvergessliches Erlebnis werden. - ------------------------------------------------------------------------- „Leyla, ich habe Euch Euer Frühstück zubereitet“, sagte Eroica mit einer leichten Verbeugung. Obwohl Leyla sie mehrfach darum gebeten hatte, auf solche Gesten zu verzichten, hielt Eroica hartnäckig daran fest. Ihre Bewegungen waren elegant, fast zeremoniell – als würde sie damit mehr als nur Respekt ausdrücken, sondern auch eine Art persönlicher Wertschätzung. Leyla hatte Eroica ursprünglich nur als Dienerin eingestellt, um über sie Zugang zu wertvollem Wissen zu erhalten. Doch es hatte nicht lange gedauert, bis sie merkte, dass Eroica weit mehr war als eine bloße Dienerin. Sie übernahm Aufgaben, die weit über das hinausgingen, was Leyla von ihr erwartete. Nicht nur hielt sie Leylas Zimmer makellos, sorgte für Ordnung in ihrer wachsenden Bibliothek und bereitete sorgfältig jede Mahlzeit zu – sie tat dies alles mit einer unerschütterlichen Hingabe, als wäre es ihr persönliches Anliegen, und nicht nur ihre Aufgabe, Leylas Leben angenehmer zu machen. „Danke, Eroica“, erwiderte Leyla sanft, während sie sich in ihren Sessel sinken ließ. Der wohlige Duft des Frühstücks erfüllte den Raum – eine dampfende Kräutersuppe, warmes, frisches Brot und eine Tasse Trinkschokolade. Schon beim ersten Bissen entspannte sich Leyla merklich, während ihr Blick über die Bücherregale glitt. Die Regale waren mittlerweile bis zum Rand gefüllt, sorgfältig nach Themen geordnet, sodass sie jedes Werk im Handumdrehen fand. Eroica hatte sich als wahre Bereicherung erwiesen, nicht nur durch ihr Wissen, sondern durch die Art, wie sie dafür sorgte, dass Leyla jederzeit neuen Stoff zum Lernen hatte. Wann immer sie die Kaiserliche Bibliothek besuchte, brachte sie neue Werke mit, Bücher, die Leyla sonst vielleicht nie entdeckt hätte. Nach einigen Minuten des stillen Genusses nahm Leyla das kleine Fläschchen mit den drei roten Samen aus ihrer Tasche und betrachtete es nachdenklich. „Du, Eroica“, begann sie schließlich, während sie das Fläschchen auf den Tisch stellte. „Weißt du, was Heimblüten sind?“ Eroica setzte sich mit einer fast akademischen Ernsthaftigkeit gegenüber von ihr und musterte die Samen aufmerksam. Nach einem kurzen Moment der Überlegung nickte sie. „Hmm, das sind Blumen, deren Duft bei Nacht einen besseren Schlaf fördert“, erklärte sie schließlich. Ihre grünen Augen wanderten neugierig zu Leyla. „Wo habt Ihr die her? Die sind ziemlich selten – und wenn ich mich nicht irre, auch ziemlich teuer.“ „Bunj hat sie mir mitgebracht“, antwortete Leyla und beobachtete, wie sich ein Funkeln in Eroicas Augen zeigte. Leyla kannte diesen Blick mittlerweile – immer wenn es etwas Neues zu entdecken gab, schien Eroica für einen Moment jegliche Förmlichkeit zu vergessen — fast wie ein kleines Kind, das zum ersten Mal die Welt entdeckte. „Möchtest du dich um die Anpflanzung kümmern?“ Leylas Mundwinkel zuckten, als sie sah, wie sich Eroicas Ohren leicht aufstellten – ein sicheres Zeichen ihrer Begeisterung. „Wenn sie groß genug sind, darfst du dir eine davon in dein Zimmer stellen.“ Eroicas Gesicht strahlte vor Freude. „Das würde ich gerne, danke, Leyla!“ rief sie aus, sprang von ihrem Platz auf und verschwand mit dem Fläschchen in ihr Zimmer. Leyla lehnte sich zurück, während ein amüsiertes Lächeln über ihr Gesicht huschte. Obwohl Diener der Kaiserlichen Kopfgeldjäger normalerweise in einem Gemeinschaftsraum untergebracht wurden, hatte sie darauf bestanden, dass Eroica ein eigenes Zimmer bekam. Es hatte ihr nicht gefallen, dass jemand, der so viel für sie tat, keinen Rückzugsort hatte. Nun hatte sie aus ihrem ehemaligen Arbeitszimmer einen Raum für Eroica gemacht – und offenbar war es die richtige Entscheidung gewesen. Nach wenigen Minuten kehrte Eroica zurück und nahm mit sichtlicher Zufriedenheit wieder Platz. „Wenn ich mich bei Euch mit etwas bedanken kann, lasst es mich wissen“, sagte sie mit einem warmen Lächeln. Leyla schwieg einen Moment, legte nachdenklich den Kopf schief. Was konnte sie von Eroica verlangen, abgesehen von den üblichen Aufgaben? Dann kam ihr eine Idee – eine, die ziemlich riskant war, aber wenn sie jemandem vertrauen konnte, dann Eroica. „Kannst du, wenn du das nächste Mal in der Kaiserlichen Bibliothek bist, nach Büchern über mächtige Magiesteine suchen?“ fragte sie vorsichtig. Ihre Stimme blieb ruhig, doch ihr Blick war aufmerksam, um jede noch so kleine Regung in Eroicas Gesicht zu erkennen. Eroica blinzelte, dann zuckten ihre Ohren – ein Zeichen ihrer Neugier –, doch ihre Miene blieb entspannt. „Klar, das mache ich gerne! “ sagte sie, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. - ------------------------------------------------------------------------- Der Tag des Sonnenfestes war endlich gekommen, und Leyla lief voller Aufregung durch die geschmückten Straßen der Kaiserstadt. Bunte Banner wehten zwischen den hohen Gebäuden, bestickte Flaggen flatterten im Wind – Symbole der verschiedensten Regionen und Handelsgilden, die aus aller Welt angereist waren. Die sonst schon belebten Straßen waren nun von unzähligen Ständen gesäumt, an denen Händler ihre Waren lautstark anpriesen. Die Luft war erfüllt von fremden Gewürzen, süßen Leckereien und dem warmen, rauchigen Duft von gegrilltem Fleisch. Überall waren lachende Leute zu sehen, Kinder rannten spielend umher, und Musikanten spielten fröhliche Melodien. Die Atmosphäre war elektrisierend, fast magisch, und Leyla spürte, wie ihre Neugier mit jedem Schritt wuchs. Neben ihr ging Eroica mit ihrer gewohnten ruhigen Präsenz, die sich von Leylas sprudelnder Energie unterschied. Leyla hatte sie bewusst mitgenommen – nicht nur, um mehr Zeit mit ihr außerhalb des Alltags zu verbringen, sondern auch, weil Eroicas umfassendes Wissen über fremde Kulturen und Waren ein unschätzbarer Vorteil war. Hinter ihnen folgten Nea und Bunj, wobei besonders die Anwesenheit des riesigen Chimpkriegers die Menschen zum Staunen brachte. Es war selten, gleich drei Kaiserliche Kopfgeldjäger auf einmal in der Stadt zu sehen, und die Festbesucher wichen respektvoll zur Seite, sobald sie vorbeigingen. Nea, die auf den ersten Blick wie ein unschuldiges, verspieltes Mädchen wirkte, war in Wahrheit die Gefährlichste von ihnen. Ihr Name allein reichte aus, um Furcht zu verbreiten, denn sie war dafür bekannt, mit spielerischer Leichtigkeit Feind, oder auch nur die, die sie nervten, aus dem Weg zu räumen. Bunj hingegen war eine ganz andere Erscheinung – seine gewaltige Statur und die Gelassenheit, mit der er sich bewegte, verliehen ihm eine unheimliche Aura. Für die meisten war er der gnadenlose Meister der Arena, der mit bloßen Händen jeden Gegner niederstrecken konnte. Nur wenige wussten um die sanfte Seite des Chimpkriegers. Leylas Gedanken schweiften ab, während sie durch die Menge schritt. Wie sahen die Menschen sie? Plötzlich durchbrach ein lauter Ruf ihre Überlegungen. [???] ,,Hilfe, Dieb!’’ Die schrille Stimme gehörte einer älteren Frau, die in einem schattigen Bereich nahe eines großen Baumes ihren Stand aufgebaut hatte. Leyla suchte mit den Augen nach einem Verdächtigen, konnte aber niemanden ausmachen. Gerade als sie sich in Bewegung setzen wollte, sauste Bunj mit einer blitzschnellen Bewegung an ihr vorbei. Mit einem mächtigen Satz sprang er auf die Dächer der angrenzenden Gebäude und ließ seine wachsamen Augen über die Menge gleiten. Leyla beobachtete ihn – er bewegte sich mit einer Geschwindigkeit und Eleganz, die sie nach wie vor faszinierte. Noch bevor sie überlegen konnte, ob er Hilfe brauchte, sprang er erneut los und landete mit einem dumpfen Aufprall mitten in der Menschenmenge. ,, Bunj ist immer so stürmisch, wie hat der so viel Energie? ’’ fragte Nea, während sie sich gegen Leyla lehnte. ,,Musst du gerade sagen ’’, antwortete Leyla lachend. Sie kannte keine Person, die so voller Energie und Lebensfreude war, wie Nea. Nur wenige Minuten später kehrte er zurück, einen kleinen Straßenjungen unter seinem muskulösen Arm haltend. Der Junge strampelte kurz, doch sobald Bunj ihn auf den Boden setzte und mit einem tiefen Knurren fixierte, wurde er still. „Gib es zurrück“, brummte Bunj mit einer ruhigen, aber drohenden Stimme. Der Junge zitterte am ganzen Körper, sein Blick huschte panisch zwischen Bunj und der alten Frau hin und her. Mit zögernden Fingern zog er einen kleinen Ring aus seiner Tasche und hielt ihn der Händlerin entgegen. Sie nahm ihn mit einem müden Lächeln an sich und schüttelte leicht den Kopf. „Junge macht Fehler… aber muss lernen“, murmelte sie mit brüchiger Stimme. Ihre Aussprache war ungewohnt, als wäre die Kaisersprache nicht ihre Muttersprache. Ihre runzeligen Finger strichen liebevoll über den schlichten, aber kunstvoll verzierten Ring. Bunj ließ den Jungen los, schob ihn mit einer ruckartigen Bewegung zurück in die Menge, woraufhin der Kleine hastig das Weite suchte. Leyla, Eroica und Nea traten näher an den Stand, während die alte Frau zu ihnen aufsah. Ihr Blick ruhte auf Bunj, und trotz ihrer gebückten Haltung sprach ein ehrfürchtiges Staunen aus ihren Augen. „Ich danke… Krieger der Chimp“, sagte sie langsam, als würde sie sich jedes Wort genau überlegen müssen. „Ihr… helfe alte Frau. Ich… gebe Euch was… als Dank.“ Sie deutete mit einer zittrigen Hand auf ihre Waren – kleine, kunstvolle Schnitzereien aus dunklem Holz, bunte Kristalle, feine Ketten mit Anhängern, die mit fremden Mustern verziert waren. Bunj blickte sie ruhig an, dann ließ er seine großen Finger über die Auslage wandern. Er schien nicht auf Wert oder Schönheit zu achten, sondern nach etwas zu suchen, das ihm gefiel – etwas, das Bedeutung hatte. Schließlich blieb seine Hand an einer kleinen, hölzernen Figur hängen. Sie stellte einen Chimp dar, der in einer stolzen Haltung einen Speer hielt. „Derr ist schön“, brummte Bunj, nahm die Figur vorsichtig in die Hand und musterte sie. Die alte Frau nickte eifrig. „Ja, ja! Ist Chimpkrieger aus alter Zeit. Große Ehre für Volk.“ Ein Ausdruck von Respekt huschte über Bunjs Gesicht. Er zog eine goldene Münze aus seiner Tasche und legte sie wortlos auf den Tisch. Die alte Frau schüttelte hastig den Kopf, hob die Hände, als wollte sie das Geld zurückweisen. „Nein, nein… Geschenk! Ihr geholfen. Kein Geld.“ Bunj brummte, doch Leyla konnte sehen, dass er sich geschmeichelt fühlte. Schließlich nickte er leicht, steckte die Münze wieder ein und drehte die Figur in seiner Hand. Leyla beobachtete die Szene mit einem warmen Lächeln. Bunj war meistens eine unaufhaltsame Waffe – doch in Momenten wie diesen sah man, dass er auch eine andere Seite besaß.
- Kapitel 85 - Schatten und Stein
Leyla saß auf einer Steinsäule, die sie mit ihrer Erdmagie auf einem Hügel erschaffen hatte, einige hundert Meter von der Burg des Grafen entfernt. Die Säule ragte wie ein einsamer Wächter in die Nacht, hoch über der Landschaft, die im fahlen Mondlicht des Skullaer gespenstisch schimmerte. Die Luft war still, fast unnatürlich ruhig, als würde die Welt den Atem anhalten. Hinter ihr saß Nea, überraschend ruhig, ihre sonst so lebhafte Energie gedämpft. Leyla bemerkte es mit einem leichten Schmunzeln. Vielleicht war Nea so, wenn sie auf einem Auftrag war. Konzentriert, in sich gekehrt – bereit für das, was kommen würde. Es war selten, sie so ernst zu sehen, und das zeigte, wie wichtig dieser Moment war. Die Nacht war noch jung, und in den Fenstern der Burg brannte noch Licht. Leyla ließ ihren Blick über die dunklen Türme gleiten, während sie innerlich ihre erneut Strategie durchging. Paul hatte sie gewarnt: Sie würden auf zwei fähige Gegner treffen. Der erste war ein Oger namens Glorb. Seine rohe Stärke war vermutlich enorm, doch Leyla hatte einen entscheidenden Vorteil gegen einen solchen Gegner – Oger besaßen keine Magie. Ohne die Fähigkeit, die Elemente zu beherrschen, waren sie berechenbar. Er würde ihr keine großen Probleme bereiten. Doch Jakira, die Schattenläuferin, war eine andere Geschichte. Sie war die wirkliche Gefahr. Unberechenbar. Unsichtbar, solange sie es wollte. Ihr Kampfstil war auf Heimlichkeit und Präzision ausgelegt, was bedeutete, dass sie Leyla normalerweise zuerst finden würde – und nicht umgekehrt. Doch Leyla hatte vorgesorgt. Sie würde ihre Erdmagie in die Mauern der Burg leiten, durch die Böden und Decken fließen lassen, um jede noch so kleine Erschütterung zu spüren. Wenn Jakira sich bewegen wollte, würde sie das Beben unter ihren Füßen spüren. Und wenn es nötig war, konnte Leyla die ganze Burg einstürzen lassen – aber das war nur ein letzter Ausweg, den sie möglichst vermeiden wollte. Plötzlich erloschen die Lichter in der großen Halle der Burg. Das letzte, schwache Flackern wurde von der Dunkelheit verschluckt. Leyla atmete tief ein. Dann sprang sie mit einem Satz von der Steinsäule herab. Ihre Füße berührten den Boden kaum hörbar, und sie spürte, wie die Erde sich unter ihr regte, als würde sie Leyla willkommen heißen. „Ich warte hier, Leyley. Du schaffst das“, flüsterte Nea und streckte ihr den Daumen entgegen. Ihre Stimme war leise, aber fest. Keine Spur von Zweifel. Leyla erwiderte das Lächeln, nur für einen Moment, ein stilles Versprechen zwischen ihnen. Dann verschwand sie in den Schatten der Bäume. Jeder Schritt war präzise, ihr Atem kontrolliert. Die Burg ragte vor ihr auf wie ein dunkler Koloss, ihre Silhouette verschwamm mit der Nacht. -------------------------------------------------------------------------- Vorsichtig legte Leyla ihre Hand gegen die kalte, raue Mauer der Burg, bedacht darauf, kein Geräusch zu verursachen. Die Nacht war still – kein Rascheln der Blätter, kein Heulen des Windes. Die Luft lag schwer über der Landschaft. Ein leises Zischen durchbrach die Stille, als sich der Stein unter ihrer Berührung öffnete, ihrem Befehl gehorchend. Es hatte sich ausgezahlt, diesen Teil der Erdmagie zu verfeinern. Nicht nur das Erschaffen neuer Materialien war von Bedeutung, sondern auch die Manipulation bereits existierender Strukturen – eine Fähigkeit, die sich nun als unschätzbar wertvoll erwies. Lautlos schlüpfte sie durch den selbst geschaffenen Eingang in den Burghof. Der Platz lag verlassen im fahlen Mondlicht, und kein Anzeichen von Wachen war zu erkennen. Die Burg wirkte still, beinahe leblos, als hätten sie ihre Bewohner längst aufgegeben. Doch Leyla ließ sich von dieser Illusion nicht täuschen. Sie wusste, dass die Ruhe nur eine trügerische Fassade war. Ihr Ziel lag im Bergfried, wo der Graf und seine Familie schliefen. Wieder öffnete sie sanft die Mauer, ein schmaler Spalt tat sich vor ihr auf, gerade groß genug, um hindurchzusehen. Die Eingangshalle lag im Halbdunkel, nur das matte Leuchten einiger Wandfackeln flackerte über den Steinboden. Zwei Soldaten schliefen an den Seiten des Eingangs, ihre Körper schwer vom Wein oder der Nachtwache. Ihre tiefen Atemzüge erfüllten den Raum mit einem dumpfen, gleichmäßigen Rhythmus. Der Graf hatte nichts zu befürchten – zumindest glaubte er das. Die Mittellande waren friedlich, und selbst die wenigen Räuberbanden, die das Herzogtum heimsuchten, ließen die Adligen meist in Ruhe. Die Familie van Marsten war in keine offenen Fehden verwickelt, und davon, dass der Kaiser selbst seinen Tod wünschte, ahnte der Graf nichts. Für Leyla war das ein Glücksfall – es bedeutete, dass sein Schutz nicht allzu stark war. Lautlos glitt sie an den schlafenden Wachen vorbei und schob sich die Treppe hinauf, den Körper tief geduckt, jede Bewegung präzise. In Malyl hatte sie von einem Händler die Baupläne der Burg erhalten, und sie wusste genau, wo sie hinmusste. Jeder Schritt war sorgfältig platziert, jeder Atemzug kontrolliert. Sie erreichte den oberen Flur, an dessen Ende sich die Wohnräume der Familie befanden. Behutsam legte sie eine Hand an die Tür, um sie lautlos zu öffnen, als ein plötzliche Bewegung an ihren Füßen wahrnahm. Glorb. Leyla erkannte ihn an seinem Gewicht, an der Art, wie der Stein unter seinen Tritten bebte. Der Oger patrouillierte am Eingang des Bergfrieds. Alles lief nach Plan. Sie hatte ihn dort erwartet. Doch dann – eine zweite Erschütterung. Viel näher. Diesmal waren die Bewegungen nicht aus dem Gang oder von unten. Es kam von über ihr. Leylas Herz schlug schneller, und sie spürte, wie sich ihr Körper anspannte. Ihr Blick schnellte nach oben, suchte die dunklen Balken der hohen Decke ab. Und dann verstand sie. Jakira war hier. Viel näher, als sie es erwartet hatte. Unsichtbar in den Schatten, lautlos wie der Atem des Todes. Und sie war bereit zuzuschlagen. -------------------------------------------------------------------------- Sofort errichtete Leyla einen schützenden Steinkokon um sich, spürte das raue Material unter ihren Fingerspitzen, während sie den Zauber formte. Gerade noch rechtzeitig – mit einem klirrenden Aufprall prallte ein Dolch gegen die feste Steinwand. Der dumpfe Schall breitete sich durch die Halle aus, ein Echo, das ihre Anspannung nur verstärkte. Ihr Herz setzte einen Schlag aus. ,,Shit!’’ Sie hatte mit einer Konfrontation gerechnet – aber nicht so früh. Ihr Plan hatte vorgesehen, erst weiter in den Flur zu gelangen, bevor es zum Kampf kam. Doch jetzt war sie mitten im Gefecht, und die Situation entglitt ihr schneller, als sie es geplant hatte. „Wer ist da?“ Die grobe Stimme einer der Wachen drang zu ihr nach oben. Leyla spürte ihre Bewegungen, hörte, wie sie sich näherten. Gleichzeitig ließ das dumpfe Grollen von schweren Schritten den Boden unter ihr vibrieren. Glorb. Sein massiges Gewicht ließ keinen Zweifel daran, dass er bald hier sein würde. Sie musste eine Lösung finden – schnell. Sie zwang sich zur Ruhe. ,,Denk nach. Denk nach.’’ Sie wollte die Burg nicht einstürzen lassen, nicht mit allen Bewohnern darin. Aber wenn es keine andere Möglichkeit gab, dann würde sie nicht zögern. Mittlerweile hatten die Wachen die obere Etage erreicht. Sie hatte vielleicht noch eine Minute, bevor Glorb dazustieß. Leyla atmete tief ein, schloss für einen Sekundenbruchteil die Augen, dann öffnete sie sie wieder – fokussiert . Sie formte zwei kleine, messerscharfe Steinpfeile, ließ sie in der Luft rotieren und bereitete sich vor. Dann ließ sie den Kokon zerfallen. Vor ihr standen die beiden Soldaten, ihre Schwerter gezückt, ihre Augen wachsam. Ohne einen Moment zu verlieren, schoss sie die Steinpfeile auf sie zu, während sie gleichzeitig ihre Magie nach oben lenkte. Aus dem Boden stießen mehrere dünne Steinspitzen in Richtung der dunklen Balken unter der Decke – dorthin, wo sich Jakira versteckt haben könnte. —AARGH— —UFF— Mit einem dumpfen Aufprall fielen die beiden Wachen zu Boden, ihre Waffen klirrten auf dem Stein. Leyla hörte ihr Stöhnen, ihr erschrockenes Keuchen – aber ihre Augen waren bereits nach oben gerichtet. Die Steinspitzen schlugen unter der Decke ein, sprengten Splitter aus dem Holz, doch ohne das Ziel zu treffen, auf das sie gehofft hatte. Wo war nur Jakira? Leylas Magen zog sich zusammen. Sie hasste es, wenn sie den Überblick verlor. Ihr Blick huschte durch die Dunkelheit, suchte nach Bewegungen, nach Schatten, die nicht dorthin gehörten. Schweiß trat auf ihre Stirn, während sich ein beklemmendes Gefühl in ihrer Brust ausbreitete. Sie war nun in einer denkbar schlechten Position. Und das Schlimmste? Sie hatte keine Ahnung, wo die Schattenläuferin war. -------------------------------------------------------------------------- „WER BIST DU DENN?“ donnerte Glorb, seine Stimme dröhnte durch die Halle wie ein Donnerschlag. Er betrachtete sie aus großen, bernsteinfarbenen Augen, die in der Dunkelheit fast golden schienen. Ein belustigtes Grinsen umspielte seine Lippen, in seiner Hand ein riesiger Kriegshammer. Er ragte an die drei Meter in die Luft, und Leyla musste schlucken. Sie stand wie angewurzelt da, überwältigt von seiner massiven Präsenz. Doch die Starre hielt nur für einen kurzen Moment an. Sie erschuf eine Steinwand hinter sich, die sie zwar in ihrer Bewegungsfreiheit einschränkte, aber gleichzeitig ihre Rückseite schützte. Jetzt konnte sie sich voll und ganz auf Glorb konzentrieren. Der Oger stürmte auf sie zu, deutlich schneller, als man es bei seiner Größe erwarten würde. Er holte mit dem Hammer weit aus und ließ ihn mit voller Wucht auf Leyla herunterfahren. Sie wich zur Seite aus, ihre Bewegungen waren flink und präzise, und rammte ihm einen geschaffenen Metalldolch in die Seite. Der Dolch blieb in seinem Fleisch stecken, doch Glorb schien das kaum zu interessieren. Er brüllte vor Wut, aber er wurde dadurch nicht langsamer. Leyla warf sich zu Boden und rollte zur Seite, um einem weiteren Hammerschwung auszuweichen. Sie legte ihre Hand auf den Boden und konzentrierte sich. Mit einem lauten Krachen brach der Boden unter Glorb ein, und der Oger stürzte in die Tiefe. Ein großes Loch klaffte nun im Boden, und von unten konnte sie das Stöhnen des Ogers hören. Doch sie hatte keine Zeit, sich zu erholen. Ein Schatten schoss von der Seite auf sie zu, schneller, als sie hätte reagieren können. Ein Messer bohrte sich in ihre Brust, durchstach ihre Rüstung ohne Probleme. Leyla atmete erleichtert auf – in letzter Sekunde hatte sie sich zur Seite geworfen und damit dem sicher tödlichen Angriff ausgewichen. Sie spürte das warme Blut ihre Seite herunterlaufen, aber sie biss die Zähne zusammen und blickte hoch zu ihrer Angreiferin. Jakira. Die Schattenläuferin hatte kurze, schwarze Haare, und ihre graue Haut schien von Schatten umwabert zu sein. Es war eine Art von Haut, die Leyla noch nie gesehen hatte – fast so, als wäre Jakira ein Teil der Dunkelheit selbst. Leyla nahm war, wie eine Gruppe von sechs Leuten dabei war, durch einen Hintereingang die Burg zu verlassen. Die van Marstens. Sie musste schnell handeln. Für ein langsames, vorsichtiges Vorgehen war es zu spät – diese Chance war vorbei. Eine blau-braune Aura flackerte um sie auf, und der ganze Boden begann zu beben. Steine brachen aus der Decke, und die Wände der Burg erzittern. Sie ließ eine Steinwand zwischen sich und Jakira in die Höhe schießen, rappelte sich auf und nahm die Verfolgung der van Marstens auf. Jeder Schritt schmerzte, aber sie wusste, dass sie keine andere Wahl hatte. Der Auftrag musste erledigt werden – egal, was es kostete. -------------------------------------------------------------------------- Leyla rannte durch den dunklen Gang, ihre Schritte hallten laut auf dem kalten Steinboden wider. Sie konzentrierte sich auf die Fußschritte der Adligen, die vor ihr flohen. Es waren acht Personen – drei von ihnen Kinder. Ihre Atemzüge waren schwer, und das Stechen in ihrer Seite wurde mit jedem Schritt schlimmer. Doch sie konnte nicht aufhören, nicht jetzt. Hinter sich ließ sie den Boden einstürzen und die Wände einbrechen. Alles, was nötig war, um Jakira abzuschütteln. Die Schattenläuferin war immer noch irgendwo hinter ihr, und Leyla wusste, dass sie keine Sekunde verschwenden durfte. Sie ließ die Wand vor sich aufbrechen und sprang hinunter in den Hinterhof des Burgfrieds. Sie rollte sich auf dem Boden ab, ihre Bewegungen waren trotz der Schmerzen geschmeidig, und sie rappelte sich sofort wieder auf. Ihre Lunge brannte, und ihr Herz schlug so wild, als würde es jeden Moment aus ihrer Brust springen. Da entdeckte sie ihre Ziele. Der Graf lief zusammen mit einem anderen Mann und einem Jungen in die eine Richtung. Seine Frau und die Töchter flohen in die entgegengesetzte Richtung. Leylas Augen verengten sich. „Sehr gut“, murmelte sie. Ihr Auftrag beinhaltete das Töten des Grafen Regis van Marsten sowie seiner beiden Söhne. Leyla gefiel der Gedanke, einen jungen Mann und einen dreizehnjährigen Jungen zu beseitigen, nicht. Doch moralische Bedenken hatten in ihrer Position als Kaiserliche Kopfgeldjägerin keinen Platz. Sie hatte einen Auftrag, und sie würde ihn erledigen. Sie erschuf einen Steinspeer von der Größe eines Pferdes neben sich und ließ ihn über den Hof rasen. Die Luft zitterte unter der Wucht des Speers, und für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. —BUMM— In einer gewaltigen Staubexplosion schlug der Steinspeer dort ein, wo eben noch die drei Adligen gelaufen waren. Gleichzeitig stürzte hinter Leyla der gesamte Burgfried ein. Tonnen von Stein und Holz begruben alles, was sich noch in dem Gebäude befunden hatte, unter sich. Dann kehrte eine Totenstille ein. Der Staub legte sich langsam, und Leyla ging vorsichtig zu dem Krater, den die Explosion hinterlassen hatte. Bei dem Anblick der zerfetzten Körper wurde ihr schlecht. Sie biss die Zähne zusammen und überprüfte schnell, ob alle drei Ziele ausgelöscht waren. Als sie sich sicher war, drehte sie sich um. Sie ließ eine Steinsäule aus dem Boden wachsen und katapultierte sich über die Burgmauer. Die Nacht umhüllte sie, als sie auf der anderen Seite landete und in der Dunkelheit verschwand. -------------------------------------------------------------------------- „Und, wie war’s?“ rief Nea Leyla zu, als sie wieder im Wald ankam. Nea winkte ihr fröhlich zu, ein breites Grinsen im Gesicht, als wäre sie stolz auf ihre Freundin. Doch Leylas Gesicht war ernst, und ihre Schritte waren schwerfällig, als sie sich erschöpft neben Nea niederließ. Ihr Atem ging immer noch schwer, ihre Hände zitterten leicht. „Nicht so wie geplant, aber der Auftrag ist abgeschlossen“, antwortete Leyla knapp. Ihre Stimme war ruhig, aber sie konnte die Enttäuschung in ihren Worten nicht verbergen. Leyla war unzufrieden. Ihr Plan, leise in den Burgfried einzudringen; Gescheitert. Nicht nur das – auch ihr Entschluss, außer den drei Zielen niemanden zu töten; Gescheitert. Die ganze Burg lag in Schutt und Asche, und das Bild der zerfetzten Körper ließ sie nicht los. Und dann war da noch ein ganz anderer Gedanke, der sie beschäftigte. Sie hatte ein Kind getötet. Klar, es war ihr Auftrag gewesen, aber das machte das Gefühl nicht besser. Auch die Tatsache, dass sie darauf vorbereitet gewesen war, war nur ein kleiner Trost. Der Anblick des Jungen, der nicht älter als dreizehn gewesen war, hatte sich in ihre Gedächtnis eingebrannt. „Das ist super, Leyley!“ rief Nea begeistert und klopfte ihr auf die Schulter. Sie lehnte sich an Leyla, als wollte sie sie trösten. „Du hast es geschafft!“ Leyla versuchte, die Gedanken zu verdrängen. Es war ihr erster Auftrag gewesen, und es war nun nicht mehr zu ändern. Statt in der Vergangenheit zu schwelgen, war ihr Ziel, die Zukunft zu beeinflussen. Sie würde nächstes Mal noch mehr planen, noch mehr Eventualitäten mit einberechnen. Sie würde besser werden – sie musste besser werden. „Autsch“, fluchte sie plötzlich. Nun, wo das Adrenalin abgeklungen war, setzte der Schmerz ihrer Verletzung ein. Sie spürte, wie ein stechender Schmerz durch ihre Seite zog, und sie legte eine Hand auf die Wunde. „Ist alles okay? Bist du verletzt?“ fragte Nea besorgt. Ohne auf eine Antwort zu warten, setzte sie sich vor Leyla hin und begann, ihre Rüstung nach Anzeichen einer Verletzung abzusuchen. Ihre Augen waren wachsam, und ihre Hände zitterten leicht vor Sorge. „Zieh die Rüstung aus“, befahl Nea, ihre Stimme war jetzt ernst und bestimmt. Leyla tat, wie ihr geheißen, und legte die Rüstung ab. Auch ihr Shirt streifte sie ab, und Nea starrte auf die Wunde, die Leylas Seite wie ein Riss durchzog. Die Haut rund um die Verletzung schimmerte lila, und dunkle Adern zogen sich über ihren Oberkörper. „Du bist vergiftet worden“, flüsterte Nea, ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. Leylas Augen weiteten sich vor Schock, und sie spürte, wie die Angst in ihr aufstieg. „Wir müssen etwas unternehmen – und zwar schnell.“ -------------------------------------------------------------------------- Leylas Gedanken rasten. Ihr Herz schlug heftig gegen ihre Rippen, während sie das dunkle Netz der feinen, schwarzen Adern betrachtete, das sich langsam über ihre Haut zog. Gift. Natürlich hatte Jakiras Klinge vergiftet sein müssen. Sie war eine Assassine, und Gift war eine ihrer gefährlichsten Waffen. Doch Leyla hatte keine Ahnung, wie sie es loswerden konnte. Die Panik stieg in ihr auf wie eine Flutwelle, unaufhaltsam und bedrohlich. Ihr Blick schnellte zu Nea. „Was machen wir jetzt?“ fragte sie ängstlich, ihre Stimme bebte. Nea hielt ihrem Blick stand, doch anstatt besorgt zu wirken, schenkte sie ihr ein sanftes, fast spielerisches Lächeln. „Ich kann das Gift mit Magie neutralisieren und dich heilen“, sagte sie beruhigend, als wäre es das Normalste der Welt. Leyla wollte etwas erwidern, doch bevor sie es konnte, spürte sie bereits Neas warme Hand auf ihrer Wunde. Ein helles, weißes Licht begann zu pulsieren, breitete sich aus, drang durch ihre Haut. Eine wohltuende Hitze erfasste ihren Körper, und Leyla spürte, wie der stechende Schmerz langsam nachließ. Das Gift wich, die dunklen Linien verblassten, bis nichts mehr von ihnen übrig war. Mit einem erschöpften Atemzug ließ sie die Schultern sacken. Der Druck in ihrer Brust löste sich, als wäre eine unsichtbare Klammer gesprengt worden. Als Nea die Hand zurückzog, raffte Leyla sich auf und begann, ihre Kleidung wieder in Ordnung zu bringen. Sie wollte nach Hause. Das war jetzt alles, was sie wollte. Zurück in die Kaiserstadt. Ein heißes Bad nehmen. Den Schmutz, den Schmerz, die Erfahrungen dieser Nacht einfach von sich abwaschen. Doch als sie aufstehen wollte, hielt Nea sie sanft, aber bestimmt zurück. Ihre lilafarbenen Augen wirkten plötzlich ernst, ihr fröhlicher Ausdruck war für einen Moment verschwunden. „Du musst vorsichtiger sein, Leyla“, sagte sie mit ungewohnter Strenge. Ihre Stimme war ruhig, doch die Worte trafen Leyla wie ein kalter Windstoß. „Gift ist nicht wie eine einfache Wunde. Wenn du alleine unterwegs bist, ist es eine der schlimmsten Gefahren, die dir begegnen können. Wenn dein Gegner Gift benutzt, darfst du keine Kompromisse eingehen.“ Leyla schluckte, dann nickte sie langsam. Nea hatte recht. Zwar glaubte Leyla nicht, dass sie wirklich sterben würde – nicht dauerhaft zumindest. Doch jedes Mal, wenn sie fiel, erlosch eine Kerze. Drei Mal war es bereits geschehen. Drei Mal war sie in diesen dunklen Raum zurückgekehrt, nur um eine weitere brennende Flamme verblassen zu sehen. Und jedes Mal bedeutete es, dass jemand starb. Jemand, der ihr wichtig war. Diese Erkenntnis war noch schlimmer als jeder Schmerz. Die Fehler betrafen nicht nur sie. Andere mussten für sie bezahlen. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen – doch bevor sie konnte, sprang Nea ruckartig auf die Beine und zog Leyla mit sich. „Gut, wenn du das verstanden hast, können wir ja aufbrechen, Leyley!“ rief sie fröhlich und begann, einen kleinen Freudentanz aufzuführen. Es war, als wäre nichts geschehen, als hätte sie den Ernst des Moments völlig hinter sich gelassen. Leyla blinzelte überrascht, dann konnte sie nicht anders, als zu leise zu lachen. Nea war einfach so. Ihre Energie war ansteckend, ihre Unbeschwertheit eine sanfte Erinnerung daran, dass nicht alles so düster sein musste. Und für den Moment ließ sich Leyla von ihr mitziehen.











