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- Kapitel 84 - Der goldene Schatten
Liam betrat die Taverne ,,Schneeweißer Hirsch’’. Die schwere Holztür knarrte leise hinter ihm, als er eintrat. Sofort umfing ihn die warme, dichte Atmosphäre des Raumes – das Klirren von Bierkrügen, das gedämpfte Lachen der Gäste, der würzige Geruch von gebratenem Fleisch und gewürztem Wein. Das Summen unzähliger Gespräche verschmolz zu einem Hintergrundgeräusch, das den Raum erfüllte, als wäre er lebendig. Sein Blick glitt über die Menge. Zwischen all den Menschen, den Söldnern, Kaufleuten und Reisenden, suchte er nach den richtigen Gesichtern. Dann entdeckte er sie – Theol und Ralf, die an einem Tisch saßen. Doch sie waren nicht allein. Eine dritte Gestalt hatte sich zu ihnen gesellt. Etwas an der Körperhaltung seiner Begleiter verriet eine unterschwellige Anspannung. Sie warteten auf etwas. Nein – auf jemanden. Auf ihn. Theol hob ruckartig den Kopf, sein Blick traf Liam. Fast augenblicklich sprang er auf. „Liam, da bist du ja!“ Seine Stimme klang erleichtert, aber ein Hauch von Vorwurf lag darin. „Was hast du so lange getrieben?“ Das flackernde Kerzenlicht auf dem Tisch spiegelte sich in seinen dunklen Augen, und für einen Moment erkannte Liam darin etwas – Besorgnis. Langsam trat er näher, ein leichtes Lächeln auf den Lippen. „Tut mir leid, ich habe etwas länger gebraucht.“ Seine Stimme war ruhig, doch sie trug eine Bedeutung, die über die bloßen Worte hinausging. Ihre Blicke trafen sich. Einen Augenblick lang war nichts als Stille zwischen ihnen. Dann nickte Theol kaum merklich. Es war eine wortlose Verständigung – er hatte verstanden. Liam wusste, dass er ihnen eine Erklärung schuldete. Er hatte in den letzten Wochen genug Anlass zur Sorge gegeben. „Gut, dass du endlich da bist“, rief Ralf ihm zu und klopfte mit der flachen Hand auf den leeren Stuhl neben sich. „Setz dich, wir haben viel zu besprechen.“ Liam nahm die Einladung an, zog den Stuhl zurück und ließ sich nieder. Seine Augen fielen auf die dritte Person. Ein langer, schwarzer Mantel umhüllte sie, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, sodass ihre Züge im Schatten verborgen lagen. Doch Liam wusste sofort, wer es war. Er brauchte keinen Blick unter die Kapuze zu werfen. Die Art, wie sie saß. Die Art, wie sie sich kaum bewegte, aber dennoch eine unausgesprochene Präsenz ausstrahlte. Es gab keinen Zweifel. Er kannte sie. - ------------------------------------------------------------------------- Liam war gerade zwanzig Jahre alt geworden, als er sich auf einem seiner Söldneraufträge befand. Der Auftrag war simpel – den Händler sicher zur Kaiserstadt eskortieren. Kein Kampf, kein Risiko, nur Wache halten, bis die Reise vorüber war. Er ritt auf Ruven, seinem Pferd, an der Seite der Kutsche, die über den staubigen Pfad rumpelte, während die Sonne tief über den Baumwipfeln hing. Er gähnte, ließ die Zügel locker und warf Ruven einen genervten Blick zu. „Seit Tagen nichts als Wald und Straße. Hätte nie gedacht, dass der Auftrag wirklich so langweilig wird.“ Liam seufzte und richtete seinen Blick wieder auf den Weg. Sie waren nur noch zwei Tagesreisen von der Kaiserstadt entfernt, und bislang war nichts Auffälliges passiert. Vielleicht war das einer dieser Aufträge, die wirklich so einfach verliefen, wie angenommen. Dann – eine Bewegung im Schatten der Bäume. Sein Instinkt schrie auf, aber bevor er reagieren konnte, schoss eine dunkle Gestalt aus dem Unterholz hervor und bewegte sich in einem atemberaubenden Tempo direkt auf die Kutsche zu. „Verdammt!“ rief Liam, riss sein Schwert aus der Scheide und sprang vom Pferd. Die Angreiferin war gehüllt in einen schwarzen Umhang und ein Dolch blitzte in ihrer Hand auf, als sie sich der Kutsche näherte. Liam setzte sofort zur Verfolgung an. Der Abstand zwischen ihnen schwand, er kam näher, sein Herz hämmerte in seiner Brust. Gerade als er sie erreichte und mit seinem Schwert nach ihr schlagen wollte, geschah etwas, das ihm den Atem raubte – sie war weg. Er blieb abrupt stehen, sein Blick huschte über die Umgebung. Sie war nicht verschwunden – sie war woanders. Dann fiel sein Blick auf die geöffnete Tür der Kutsche. Ein kaltes Gefühl breitete sich in seiner Brust aus. Als er die Kutsche erreichte, sah er ihn. Den Händler. Sein Körper lag regungslos am Boden, Blut sickerte aus seiner aufgeschlitzten Kehle, eine klaffende Wunde, die ihn innerhalb von Sekunden das Leben gekostet hatte. Und dann sah er sie. Ihre Kapuze war heruntergerutscht, ihre schwarz-goldenen Haare fielen wirr über ihre Schultern. Liam stockte der Atem. Er kannte dieses Gesicht. - ------------------------------------------------------------------------- Die Frau vor ihm hatte blasse Haut, die im fahlen Licht beinahe geisterhaft wirkte, und gelb leuchtende Augen, die ihn im Halbdunkeln mit einem unheimlichen Funkeln fixierten. Doch es waren nicht ihre Augen, die Liam den Atem raubten – es waren ihre Haare. Goldene Strähnen, typisch für die Algavia-Familie, doch verwuschelt und durchzogen von einem schwarzen Scheitel, als würde sie bewusst versuchen, ihre kaiserliche Herkunft zu verbergen. Sein Magen zog sich zusammen. „Eure Hoheit, Prinzessin Nara…“ Seine Stimme zitterte vor Überraschung und Anspannung, während sein Blick über die blutverschmierte Klinge in ihrer Hand glitt. „W-was macht Ihr denn hier?“ Die Worte klangen lächerlich in seinen Ohren. Sie hatte gerade einen Mann getötet – einen Händler, dessen Tod zweifellos große Wellen schlagen würde. Und doch war das Einzige, was er herausbrachte, eine Frage, die er kaum selbst begreifen konnte. Sein Verstand versuchte fieberhaft die Realität zu verarbeiten. Er erinnerte sich an das, was über die Kaiserfamilie gesagt wurde. Über ihre einzigartige Magie. „Verstehe…“ Der Gedanke traf ihn wie ein Schlag. Sie hatte die Zeit angehalten. Nur die Mitglieder der Kaiserfamilie Algavia beherrschten Zeitmagie, eine Macht, die für alle anderen unerreichbar war. Hätte sie es gewollt, hätte er sie niemals zu Gesicht bekommen. Doch sie stand hier vor ihm, als wollte sie, dass er sie erkannte. Ihre Augen musterten ihn scharf, berechnend, als würde sie abwägen, ob es sich lohnte, ihn am Leben zu lassen. Die Sekunden dehnten sich quälend lang, bis sie schließlich sprach, ihre Stimme ruhig, aber fordernd. „Was hältst du von dem Kaiserreich?“ Sie machte einen Schritt auf ihn zu, langsam, elegant, und ehe er reagieren konnte, spürte er die Spitze des Dolches an seinem Hals. Sein Atem stockte, und der metallische Geruch von Blut – das Blut des Händlers – kroch ihm in die Nase. „Und wage es nicht, mich anzulügen“, fügte sie in einem gefährlichen Flüstern hinzu. „Ich spüre es, wenn du nicht die Wahrheit sagst.“ Liam schwieg einen Moment, seine Gedanken rasten. Sollte er ehrlich sein? Die Wahrheit aussprechen bedeutete, sich möglicherweise dem Hochverrat schuldig zu machen. Er holte tief Luft und versuchte, vorsichtig zu antworten. „Nun, das Kaiserreich hat eine Menge positiver Dinge–!“ Ein plötzlicher Schmerz durchzuckte ihn, als die Klinge leicht seine Haut durchschnitt. Ein warmer Tropfen Blut rann an seinem Hals hinab. „Ich meinte doch, du sollst die Wahrheit sagen.“ Naras Stimme war so scharf wie die Klinge, die sie gegen ihn hielt. Liam schluckte schwer. Sein Körper schrie danach, sich zu wehren, aber er zwang sich zur Ruhe. Sie wollte Ehrlichkeit? Dann würde sie sie bekommen. „Um ehrlich zu sein… ich mag es nicht“, begann er, seine Stimme nun etwas fester. „Für alle nicht-menschlichen Bewohner ist das Leben hart. Es gibt viel Diskriminierung. Die Adligen kümmern sich nur um ihren eigenen Reichtum und nicht um das Wohl des Volkes. Das System ist… korrupt.“ Für einen Moment herrschte absolute Stille. Dann zog Nara den Dolch zurück, und ein seltsames Lächeln erschien auf ihren Lippen. „Gut.“ Ihre Stimme klang zufrieden, beinahe belustigt. „Du wirst bald von uns hören. Pass bis dahin gut auf dein Leben auf.“ Bevor er auch nur eine weitere Frage stellen konnte, bevor er begreifen konnte, was das bedeutete, verblasste ihr Bild vor seinen Augen – und dann war sie verschwunden, als hätte die Zeit selbst sie verschluckt. Liam blieb zurück, allein. Allein in der Kutsche, mit dem Blutgeruch in der Nase und einem wild pochenden Herzen. Die Kälte des Dolches schien noch immer gegen seinen Hals zu drücken, auch wenn Nara längst fort war. - ------------------------------------------------------------------------- Liam saß in der Taverne ,,Drachentreff’’ . Die Luft war erfüllt vom rauchigen Duft gegrillten Fleisches, vermischt mit dem süßlichen Aroma von Gewürzwein. Leises Gemurmel erfüllte den Raum, unterbrochen vom gelegentlichen Lachen der Gäste oder dem Klirren von Krügen, wenn jemand auf einen gelungenen Handel oder eine alte Geschichte anstieß. Er war allein und saß in einer schattigen Ecke. Roxy, Leyla und Fer hatte er bewusst zurückgelassen – dieses Treffen war etwas, das er allein angehen wollte. Doch nun, da er hier saß, spürte er, wie sich eine ungewohnte Nervosität in seinem Magen breit machte. Er lehnte sich vor, seine Finger trommelten unbewusst auf die raue Holzplatte des Tisches, während seine Augen die Menge durchstreiften. Wen auch immer er hier treffen sollte, er hatte sich noch nicht blicken lassen. Gerade als er sich wieder zurücklehnen wollte, stellte der Wirt plötzlich einen Teller mit dampfendem Essen vor ihm ab. Liam runzelte die Stirn. „Ich habe kein Essen bestellt.“ Der Wirt lächelte nur verschmitzt und winkte ab. „Das geht aufs Haus.“ Liam betrachtete ihn einen Moment lang skeptisch, dann ließ er seinen Blick auf den Teller sinken. Er war reichlich gefüllt – gebratenes Fleisch, frisch geschnittenes Gemüse, dazu ein weiches Brot. Es sah einladend aus, doch sein Instinkt sagte ihm, dass hier mehr dahintersteckte. Als er den Teller leicht anhob, fiel ihm eine kleine, an der Unterseite befestigte Notiz auf. Mit einem vorsichtigen Blick über die Schulter vergewisserte er sich, dass niemand ihn beobachtete, bevor er sie vorsichtig löste. ,,Hallo süßer Elf, Ich schreibe dir, um dich zu unserer Gruppe ,,Schwarzer Stern’’ einzuladen. Wenn du annimmst, lege den Zettel gefaltet auf den leeren Teller.’’ Liam atmete tief ein. Er kannte den Namen. Der Schwarze Stern war keine gewöhnliche Gruppe– sie waren ein Schatten, der durch das Kaiserreich glitt, ein Flüstern in dunklen Gassen, ein Name, den man besser nicht aussprach. Er hatte auf seinen Aufträgen bereits von ihnen gehört. Sie waren nicht bloß Rebellen – sie waren Mörder. Ihre Existenz wurde von den Herrschenden unterdrückt, doch unter der Oberfläche wussten jene, die in den dunkleren Kreisen verkehrten, genau, wozu sie fähig waren. Mehrere Stunden saß Liam da, den Becher in der Hand, ohne wirklich daraus zu trinken. Sein Blick ruhte auf der Notiz, während er das Angebot immer wieder durchdachte. Dies war keine einfache Einladung zu einer harmlosen Verschwörung – es war ein Punkt ohne Rückkehr. Falls er zustimmte, gab es kein Zurück. Was Leyla wohl darüber denken würde? Die Minuten verstrichen, sein Herz schlug schneller. Schließlich atmete er tief durch, faltete den Zettel mit ruhiger Hand und legte ihn auf den leeren Teller. Ohne noch einmal zurückzusehen, stand er auf und verließ die Taverne. - ------------------------------------------------------------------------- „Theol, Ralf. Bitte wartet draußen.“ Liams Begleiter tauschten einen kurzen Blick. In ihren Augen spiegelten sich Unsicherheit und Neugier, aber auch ein Anflug von Sorge. Dennoch widersprachen sie nicht. Ohne ein Wort erhoben sie sich, warfen Liam noch einen letzten prüfenden Blick zu und verließen dann den Raum. Nun war Liam allein an dem Tisch, mit der Person, die ihm gegenüber saß. Sein Blick ruhte auf ihr, wachsam, abwartend. „Dass Ihr euch in einer Taverne in Kartaffel zeigen würdet, hätte ich nicht erwartet“, sagte er schließlich mit bedachter Stimme. Sie war ruhig, aber es lag eine unterschwellige Spannung darin, ein vorsichtiges Abtasten. Die Frau vor ihm legte den Kopf leicht schräg, ein amüsiertes Funkeln blitzte in ihren gelben Augen auf, die im schummrigen Licht der Taverne fast übernatürlich wirkten. Unter dem dunklen Umhang, den sie trug, war ein golden durchzogener Scheitel zu erkennen – eine unverkennbare Signatur ihrer Herkunft. Dass sie sich mitten in der Stadt zeigte, noch dazu in einer einfachen Taverne, war ein Risiko, das sich kaum jemand in ihrer Position leisten konnte. Und doch saß sie hier, völlig gelassen, als hätte sie die Kontrolle über jeden Atemzug, der in diesem Raum getan wurde. „Nun, für ein besonderes Mitglied habe ich immer Zeit“, sagte sie schließlich, ihre Stimme klang beiläufig, fast spielerisch. Sie lehnte sich entspannt zurück, doch in ihren Augen lag etwas Prüfendes. „Hast du dich mittlerweile entschieden, ob du eine größere Rolle übernehmen willst?“ Liam atmete tief durch. Er hatte gewusst, dass diese Frage kommen würde. Er hatte lange über seine Antwort nachgedacht, jede Möglichkeit abgewogen. Doch nun, nachdem er von Leylas Fähigkeit erfahren hatte, gab es kein Zurück mehr. Langsam nickte er. „Ich bin dazu bereit“, sagte er schließlich. Seine Stimme klang fest, doch in seinem Inneren spürte er die Spannung, die sich in seinen Muskeln aufbaute, die sich mit der Bedeutung seiner Worte verband. „Unter einer Bedingung.“ Die Augenbrauen seines Gegenübers hoben sich leicht. Ihr Lächeln vertiefte sich kaum merklich. „Ich höre.“ Liam hielt ihrem Blick stand. „Die neue zehnte Kopfgeldjägerin“, begann er und wählte seine Worte mit Bedacht. „Sie soll nicht zum Ziel unserer Angriffe werden.“ Ein Moment der Stille trat ein, eine Stille, die sich mit jeder verstrichenen Sekunde erdrückender anfühlte. Die Frau rührte sich nicht. Ihre Augen fixierten ihn mit einer Intensität, die ihn beinahe dazu brachte, sich zu bewegen – ein unwillkürlicher Reflex, um die erdrückende Erwartung zu durchbrechen. Dann, ganz langsam, nickte sie. „Gut“, sagte sie mit einem leichten Hauch von Belustigung in der Stimme. „Sie war sowieso kein Primärziel.“
- Kapitel 83 - Die Hoffnung stirbt im Sand
Tränen rannen über Talibas kleines Gesicht, während sie in der dunklen Ecke des Raumes kauerte. Ihre dünnen Arme umschlangen ihre Knie, ihr Körper zitterte, nicht nur vor Kälte, sondern auch vor Angst. Anfangs hatte sie geglaubt, gerettet worden zu sein. Leonhardt hatte sie vor dem Tod bewahrt, hatte ihr Schutz versprochen. Doch nun, nach knapp zwei Wochen in seiner Obhut, war aus der anfänglichen Erleichterung bittere Enttäuschung geworden. Und Angst. Die ersten Tage hatte er sich freundlich gezeigt. Er hatte ihr Essen gebracht, sanft mit ihr gesprochen und ihr geschworen, dass er sie beschützen würde. Seine Stimme hatte beruhigend geklungen, seine Hand auf ihrer Schulter warm und sicher. Doch dann war er gekommen – ein Oni mit heller Haut und kalten Augen. Yaga. Seine Blicke hatten sie durchbohrt, als wäre sie nichts weiter als ein Gegenstand, den er begutachtete. Seine Finger, kalt und unbarmherzig, hatten über ihre Arme, ihr Gesicht, ihren Rücken gestrichen, als würde er nach etwas suchen, das sie nicht verstand. Danach hatte er mit Leonhardt gesprochen – leise, außerhalb ihrer Hörweite. Taliba hatte nicht gehört, was sie gesagt hatten. Aber sie hatte gespürt, dass es nichts Gutes war. Danach hatte sich alles verändert. Leonhardt war nicht mehr freundlich. Seine Stimme war nicht mehr sanft. Er redete nicht mehr mit ihr – er befahl. Und er erwartete Gehorsam. „Steh auf“, knurrte er, wenn sie nach stundenlangem Training zusammenbrach. „Nochmal“, sagte er, wenn ihr Schwert zu langsam war. „Hör auf zu heulen, Taliba. In der Welt da draußen wird niemand Rücksicht auf dich nehmen.“ Sie verstand es nicht. Warum zwang er sie zu kämpfen? Warum wollte er, dass sie sich verteidigen konnte? Warum sah er sie nicht mehr als das verängstigte Kind, das sie war? Sie wollte keine Kriegerin werden. Sie wollte nur nach Hause. Sie schlief auf dem kalten, harten Boden, während die Nächte sie mit ihrer klirrenden Kälte umfingen. Sie bekam nur alle drei Tage eine Mahlzeit – ein Stück Brot, ein paar harte Bohnen, ein Becher Wasser. Und wenn sie es wagte, sich zu beschweren, wenn sie vor Erschöpfung zusammenbrach, wenn ihre Arme nicht mehr in der Lage waren, das Schwert zu halten, dann folgte die Strafe. Ein Schlag. Oder zwei. Oder mehr. Taliba zog die Beine enger an ihre Brust und vergrub das Gesicht in den Armen. Ihr Körper bebte, ihre Schultern zuckten mit jedem unterdrückten Schluchzen. Sie wollte nicht mehr. Sie wollte fort von hier, weit weg. Aber wohin? Niemand würde sie retten. Die Hoffnung schwand mit jedem Tag, löste sich auf wie der Sand, der durch ihre Finger rann. - ------------------------------------------------------------------------- Taliba konnte die Schritte hören, die durch den Gang vor ihrem Zimmer hallten. Es war nicht wirklich ein Zimmer, eher eine winzige Kammer, deren einziger Trost in einem schmalen Tisch bestand, auf dem ein Glas mit trockenen Bohnen stand. Diese Bohnen waren eine Belohnung gewesen, weil sie nach dem letzten Training nicht geweint hatte. Das Traurige daran war nicht, dass so etwas als Geschenk galt, sondern dass Taliba sie tatsächlich brauchte. Sie war ausgehungert, ihr Magen schmerzte mit jedem Atemzug, doch trotzdem hatte sie die Bohnen nicht angerührt. Etwas in ihr sträubte sich dagegen, als würde sie damit zugeben, dass sie sich an diesen Ort gewöhnt hatte – als wäre es eine Kapitulation. Ihr Herz pochte bis in ihren Hals, als die Schritte näher kamen. Schweiß sammelte sich in ihren Handflächen. Doch diese Schritte waren anders als die, die sie fürchtete. Sie waren leicht, fast vorsichtig. Es waren nicht die schweren, bedrohlichen Tritte von Leonhardt, die den Boden erbeben ließen. Auch nicht die gleichmäßigen, kühlen Schritte von Yaga, die stets wie eine unheilvolle Ankündigung wirkten. Diese Schritte waren… sanfter. —KLOPF— Taliba zuckte zusammen. Ihre Kehle war wie zugeschnürt, doch irgendwie schaffte sie es zu flüstern: „Herein…“ Die Tür öffnete sich langsam, und eine junge Frau trat ein. Sie hatte schwarze Haut, tief wie die Nacht, und lange, glänzende Haare, die bis zu ihrer Taille reichten. Sie trug ein fließendes weißes Kleid unter einer goldbestickten Robe, und ihr Schmuck – goldene Armbänder, filigrane Ohrringe, eine zierliche Halskette – funkelte im schwachen Licht der Kammer. Doch nichts an ihr beeindruckte Taliba so sehr wie ihre Augen. Sie waren goldfarben. Nicht bloß gelb oder bernsteinfarben – reines, lebendiges Gold, das wie zwei Sonnen in ihrem Gesicht leuchtete. „Hallo, Taliba“, sagte die Fremde mit einer sanften, freundlichen Stimme. „Mein Name ist Raya. Es freut mich sehr, dich kennenzulernen.“ „Hallo…“ Taliba flüsterte kaum hörbar. Sie fühlte sich seltsam klein vor dieser Frau. Sie schien in etwa so alt wie Taliba selbst zu sein, doch es lag eine Ruhe, eine Selbstsicherheit in ihrer Haltung, die fast kaiserlich wirkte. „Ich entschuldige mich für das Verhalten von Leonhardt und Yaga“, fuhr Raya fort, während sie sich langsam näherte. Ihre Stimme war warm, beruhigend. Sanft, aber nicht unsicher. Taliba blinzelte verwirrt. Entschuldigen? Wieso sollte sich jemand entschuldigen? War diese Frau wirklich Teil dieser Gruppe? Und wenn sie es war – wusste sie dann, was Taliba hier durchmachte? „Du weißt wahrscheinlich nicht, wer wir sind“, sagte Raya, als hätte sie ihre Gedanken gelesen. „Deswegen möchte ich dir das erklären.“ Sie setzte sich auf den Rand des kleinen Tisches, auf dem die Bohnen standen, und faltete die Hände im Schoß. „Wir sind der Orden der Goldenen Sonne. Unser Ziel ist es, das Gleichgewicht in der Welt zu erhalten. Und du, meine liebe Taliba, bist der Schlüssel, um unser Ziel zu erreichen.“ Taliba starrte sie an. Ein Schlüssel? Sie? „Du siehst verunsichert aus“, bemerkte Raya mit einem sanften Lächeln. „Aber ich verspreche dir, dass es bald Sinn ergeben wird. Bis dahin bitte ich dich, durchzuhalten.“ Durchhalten? Taliba spürte, wie sich ihr Magen verkrampfte. Wusste Raya überhaupt, wovon sie sprach? Wusste sie, was „durchhalten“ für Taliba bedeutete? Kannte sie die erbarmungslosen Nächte auf dem kalten Steinboden? Die zehrenden Hungerqualen? Die pochenden Schmerzen nach einem Training, das keine Rücksicht auf ihren schwachen Körper nahm? Sie wollte etwas sagen, wollte ihr widersprechen – doch die Worte blieben in ihrer Kehle stecken. Raya schien es zu spüren. Ihr Blick wurde weicher. „Wenn ich etwas für dich tun kann, dann sag es mir einfach.“ Taliba schluckte schwer. Es fühlte sich an wie ein Test, wie eine Falle. Aber wenn es keine war… „Ich… ich würde gerne in einem Bett schlafen… und mehr zu essen bekommen“, stammelte sie schließlich. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Nervös blickte sie Raya an, die wie eine Heilige auf sie wirkte. Raya nickte verständnisvoll. Kein spöttisches Lächeln, keine abwertenden Worte. Nur ein einfaches, ruhiges Nicken. „Gut, das ist kein Problem. Komm mit mir.“ Sie streckte Taliba die Hand entgegen. Taliba sah sie an. Sah ihre schlanken Finger, die leuchtenden Augen. Ihr Instinkt sagte ihr, vorsichtig zu sein – aber ihr Körper gehorchte einem anderen Willen. Zögernd hob sie die Hand und legte sie in Rayas. Die Berührung war warm. Raya half ihr auf, und zusammen verließen sie die Kammer. Die Gänge, durch die sie gingen, waren kühl und trocken. Das Licht der Öllampen flackerte auf den groben Sandsteinwänden. Leonhardt hatte Taliba hierhergebracht – in ein Dorf am Rande der Wüste. Die Tage waren heiß, die Nächte eisig. Die Luft roch nach trockenem Holz, nach Staub und Stein. Endlich blieben sie vor einer Tür stehen. Raya öffnete sie, und Taliba trat ein. Der Raum war groß. An einer Wand stand ein großes Bett mit weißen Laken. Ein schwarzer Teppich bedeckte den Boden, und auf einer niedrigen Kommode standen eine Wasserschale und ein Teller mit frischem Brot. „Hier wirst du ab heute schlafen“, sagte Raya mit einem Lächeln. „Leonhardt wird dir einmal täglich Essen geben.“ Taliba konnte kaum glauben, was sie hörte. Ihr Blick huschte von Raya zum Bett, zum Brot. Ihre Finger bebten, als sie eine Hand auf die Matratze legte. „D-Danke…“ Raya nickte nur. Dann verließ sie das Zimmer, ohne ein weiteres Wort. Taliba blieb zurück. Allein. Aber zum ersten Mal seit ihrer Ankunft fühlte sie sich nicht verloren. - ------------------------------------------------------------------------- Taliba fiel zu Boden, ihre Knie aufgerissen und blutig vom endlosen Training. Der Schmerz pulsierte durch ihre Glieder, aber heute hatte sie es geschafft, länger durchzuhalten als sonst. Das Gespräch mit Raya am Morgen hatte ihr eine innere Kraft gegeben, einen Funken Hoffnung, der sie antrieb. Raya hatte sie gebeten, durchzuhalten – und Taliba wollte sie nicht enttäuschen. „Steh auf!“ befahl Leonhardt mit einer Stimme, die hart und ohne einen Hauch von Mitgefühl klang. Seine Augen waren kalt, ausdruckslos, als er auf sie herabblickte. Taliba biss die Zähne zusammen und drückte sich mühsam hoch. Ihre Beine zitterten unter ihrem eigenen Gewicht, doch sie griff nach dem Schwert und hob es erneut. Der Schweiß rann ihr über die Stirn, ihre Hände bebten, doch sie rannte nach vorne, um Leonhardt anzugreifen. Mittlerweile war sie besser geworden – nicht annähernd stark genug, um ihn ernsthaft zu bedrohen, aber gut genug, um nicht sofort wieder zu Boden geschlagen zu werden. Dennoch war das Training weiterhin gnadenlos. Jeder Schlag forderte ihre Kraft, jeder Schritt raubte ihr mehr Atem. Ihr Körper schrie nach Ruhe, doch ihr Wille zwang sie weiterzumachen. Nach Stunden, die sich wie eine halbe Ewigkeit anfühlten, endete das Training. Taliba schwankte auf den Beinen, die Muskeln brannten, ihre Sicht war getrübt vor Erschöpfung. Alles, was sie wollte, war einfach nur in ihr Bett zu fallen. Doch als sie sich auf den Weg zu ihrem Zimmer machen wollte, hielt Leonhardt sie mit einer knappen Handbewegung zurück. „Dein Essen steht auf dem Tisch“, sagte er kühl und deutete auf eine Schüssel mit Suppe und einem halben Laib Brot, die in der Ecke des Raumes auf einem kleinen Holztisch standen. Taliba blinzelte überrascht. Essen. Richtige Nahrung. Sie konnte ihr Glück kaum fassen. Ihr Magen krampfte sich bei dem bloßen Anblick zusammen, als wolle er ihr klarmachen, wie lange er schon leer war. Sie setzte sich schnell hin und begann zu essen. Sie schlang die Suppe hinunter, das lauwarme Brot schmeckte trocken, aber für sie war es ein Festmahl. Sie aß hastig, kaum atmend, als wäre es das Letzte, das sie je bekommen würde. Leonhardt stand am Rand des Raumes und beobachtete sie schweigend. Seine Arme waren vor der Brust verschränkt, sein Blick undurchdringlich. Taliba spürte, dass er sie ansah, aber sie ignorierte ihn. Sie war zu hungrig, um sich Gedanken darüber zu machen, was er dachte. Als sie fertig war, stand sie langsam auf und wischte sich den Mund ab. „Danke für das Essen“, sagte sie leise, unsicher, ob sie überhaupt eine Antwort erwarten konnte. Dann drehte sie sich um, bereit, zu ihrem Zimmer zu gehen. Doch als sie den Raum verließ, spürte sie plötzlich Leonhardts Präsenz hinter sich. Er folgte ihr. Talibas Herz begann schneller zu schlagen. Warum folgte er ihr? Er hatte ihr nie zuvor nach dem Training nachgestellt. Sie öffnete die Tür zu ihrem Zimmer und wollte eintreten, doch im letzten Moment legte sich eine starke Hand gegen das Holz und hielt die Tür auf. „Was? Hast du gedacht, das wäre dein Zimmer?“ fragte Leonhardt mit einem hämischen Grinsen. Taliba stockte der Atem. Sie drehte sich langsam um, ihr Blick traf seinen. Etwas in seinem Gesicht ließ ihre Kehle trocken werden. Dann schubste er sie grob auf das Bett. „Das ist mein Zimmer. Du schläfst ab heute hier.“ Talibas Atem stockte, als Leonhardt die Tür schloss und sich auszog. Sie war unfähig sich zu bewegen oder zu schreien. Seine Hände griffen nach ihr, begannen, sie auszuziehen, und Taliba spürte, wie ihr Körper vor Angst und Schrecken erstarre. In ihrem Kopf wiederholte sich nur ein einziger Gedanke, ein verzweifelter Wunsch, der immer lauter wurde: ,,Ich wünschte, Nadeem hätte mich getötet…’’
- Kapitel 82 - Eroica Nyva
Es war ein warmer Sommerabend in Givera. Die tropische Luft hing schwer und feucht über dem kleinen Dorf, und das Kreischen der Möwen drang durch die offenen Fenster der Hütte. Neben dem Haus lag ein Hund, dösend in der warmen Brise. Doch plötzlich zuckte er zusammen, als ein durchdringendes Kreischen und Weinen aus dem Inneren erklang. Mit eingezogenem Schwanz flüchtete er hinter eine Hecke, als hätte er selbst Schuld an dem Lärm. In der Hütte flossen Tränen – doch nicht nur aus Schmerz, sondern auch aus Freude. „Du hast es geschafft, Ziva“, sagte Villu mit bebender Stimme, voller Freude und Erleichterung. „Ich bin so stolz auf dich, Liebling. Es ist eine Tochter geworden.“ Ziva lag erschöpft im Bett, ihr Atem ging flach, ihr Fell war feucht von Schweiß und Tränen. Mit zitternder Stimme fragte sie: „Ist sie gesund, Villu? Fehlt ihr nichts?“ Ihre Arme versuchten sich zu heben, doch die Erschöpfung hielt sie zurück. „Nein, Liebling, ihr geht es gut“, beruhigte Villu sie sanft. „Möchtest du sie halten?“ Vorsichtig überreichte er das winzige Fellbündel – ihre Tochter – an Ziva. Sobald sie das Baby in ihre Arme nahm, rollten neue Tränen über ihre Wangen. „Oh, meine Tochter“, schluchzte sie, während sie das kleine Gesicht betrachtete. Die grün leuchtenden Augen der Kleinen öffneten sich und schienen sich für einen Moment an ihrer Mutter festzuhalten, bevor sie im Zimmer umherwanderten, als wollten sie die Welt schon jetzt erkunden. Villu beugte sich hinab und küsste seine Frau zärtlich auf die Stirn. „Sie ist genauso wunderschön wie du, mein Schatz.“ Ein plötzlicher Windstoß riss durch die Hütte. Draußen raschelten die Blätter, und ein tiefes Grollen kam aus der Ferne. Dann krachte ein Holzbalken aus dem Dach. Villus Herz setzte einen Schlag aus. „ZIVAAA!“ schrie er verzweifelt und streckte die Arme nach ihr aus. Doch er war zu langsam. Der Balken fiel – und prallte ab. Eine Kuppel aus schimmerndem Wasser hatte sich um Ziva und das Baby gebildet. Die Wasseroberfläche glitzerten im schwachen Licht der Laterne, während der schwere Balken mit einem dumpfen Schlag zu Boden fiel. Ziva und Villu starrten ungläubig auf ihre Tochter. Das winzige Wesen in Zivas Armen hatte ihre Händchen ausgestreckt – genau in die Richtung ihrer Mutter. Magie. Sie hatte Magie gewirkt. Nur Minuten nach ihrer Geburt. Villu sah Ziva an, die das Baby noch fester an sich drückte, als könnte sie es schützen – sogar vor der Magie, die aus ihm hervorgebrochen war. Eine Stille legte sich über den Raum, nur das sanfte Atmen des Neugeborenen war zu hören. Schließlich streckte Villu langsam die Hand aus und tätschelte sanft den Kopf seiner Tochter. Seine Stimme war leise, ehrfürchtig. „Du, Liebling?“ „Ja, mein Schatz?“ Ziva lösen ihren Blick nicht von dem Kind. „Was hältst du davon, wenn wir sie nach der großen Magierin Eroica nennen?“ -------------------------------------------------------------------------- Als Eroica ein Jahr alt war, beschafften Ziva und Villu ihr einen Lehrmeister. Ein Jahr lang hatten sie gespart, auf vieles verzichtet, um ihrer Tochter die bestmögliche Ausbildung zu ermöglichen. Eroicas Talent in der Wassermagie war außergewöhnlich. Bereits jetzt, mit einem Jahr, war sie auf einem Niveau, das viele erwachsene Filina ihr Leben lang nicht erreichen würden. Ihr Lehrer war ein erfahrener Wassermagier namens Ben. Er begleitete sie durch Kindheit und Jugend, half ihr, ihre Kräfte zu verfeinern, und zeigte ihr, dass Magie nicht nur für die eigene Stärke, sondern auch für das Wohl anderer eingesetzt werden sollte. Mit der Zeit wurde er mehr als nur ein Lehrer – er wurde ein Vertrauter, fast ein zweiter Vater oder ein großer Bruder. An einem warmen Sommertag, Eroica war gerade sieben Jahre alt geworden, trainierten sie an einem der goldenen Strände der Sommerinseln. Die Sonne stand hoch am Himmel, und das Meer glitzerte wie tausende Diamanten. Eroica ließ sich erschöpft in den Sand sinken, ihre kleinen Hände zitterten vor Erschöpfung. Stundenlang hatte sie mit Ben trainiert, und nun spürte sie, dass ihre Kräfte schwanden. „Du hast dich wirklich sehr verbessert!“ rief Ben ihr zu. Sein blaues Haar wehte im Wind, während er langsam auf sie zuging und sich neben sie setzte. Er schwieg einen Moment, ließ seinen Blick über das Meer gleiten. Dann fragte er: „Was denkst du, wenn du auf das Wasser schaust?“ Eroica folgte seinem Blick. Das Meer war weit, endlos, ein Ozean aus schimmerndem Blau. Ein Handelsschiff der Carne segelte in der Ferne, das schwarze Hasenwappen deutlich sichtbar auf den weißen Segeln. Plötzlich durchbrach ein Wal die Oberfläche, stieß eine Fontäne in den Himmel und tauchte lautlos in die Tiefe zurück. „Es ist alles so groß“, flüsterte Eroica, ihre Stimme voller Sehnsucht. „Es gibt so viel, was ich nicht kenne, was ich nicht weiß. Ich will die Welt sehen und verstehen.“ Sie drehte sich zu Ben, ihre grünen Augen leuchteten vor Neugier. „Die wenigen Bücher, die wir zu Hause haben, habe ich hundert Mal gelesen. Es muss doch noch so viel mehr zu entdecken geben, oder, Meister?“ Ben lächelte, strich ihr sanft über den Kopf. „Da hast du Recht, Eroica. Es gibt noch unendlich viel zu lernen.“ „Aber nicht hier, nicht in Givera“, murmelte sie, während sie mit den Zehen den nassen Sand aufwirbelte, als könnte sie ihre Frustration darin versenken. Ben sah sie an, seine Lippen zu einem verschmitzten Lächeln verzogen. „Warum reist du dann nicht an ferne Orte?“ Eroica seufzte. „Das erlauben mir Mama und Papa doch sowieso nicht.“ „Noch nicht“, sagte Ben und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Aber wenn du zwölf bist und die Wassermagie auf der Stufe eines Lehrmeisters beherrschst, werde ich ein Wort für dich einlegen.“ Ihre Augen weiteten sich. „Versprochen?“ Ben nickte. „Versprochen.“ Eroica sprang auf, ihre Müdigkeit war wie weggeblasen. „Dann lass uns jetzt weiter trainieren!“ rief sie, streckte die Hände aus, als wäre sie bereit, das Meer selbst zu beherrschen. -------------------------------------------------------------------------- Der zwölfte Geburtstag kam, und schweren Herzens ließen Ziva und Villu ihre Tochter auf Drängen von Ben nach Tripolis reisen. Der Abschied war einer von Tränen und innigen Umarmungen, doch auch von Stolz geprägt. Eroica war bereit, ihren eigenen Weg zu gehen – auch wenn es ihren Eltern das Herz brach. Tripolis, die Hauptstadt der Tabakinseln, lag im Westen der Sommerinseln. Der lose Handelsbund erstreckte sich über hunderte Inseln, und Tripolis war das größte Handelszentrum des Südkaisermeers. Die Stadt war reich und prachtvoll, gelegen am Fuße des Kilassahara, des höchsten Berges der Welt. Hier erhob sich auch der Magieturm – eine der renommiertesten Magieakademien der westlichen Welt. Der Turm war ein gewaltiges Bauwerk, das mehrere hundert Meter in den Himmel ragte. An seiner Seite standen sieben kleinere Türme, die sich wie riesige Arme an ihn schmiegten. Eroica stand davor, ihr Herz schlug wild in ihrer Brust. Ihr Fell sträubte sich vor Nervosität, und ihr Körper bebte. Sie trat vorsichtig ein. Eine große Treppe führte nach unten, dorthin, wo die eigentliche Akademie lag. Doch man hatte ihr gesagt, dass sie sich zuerst woanders melden sollte. Ihr Blick fiel auf den Empfangstisch, hinter dem eine Frau mit strengem Blick über ein riesiges Buch gebeugt saß. „E-Entschuldigung“, stammelte Eroica leise. „Mir wurde gesagt, dass ich mich hier melden soll? Mein Name ist Eroica Nyva.“ Die Frau hob eine Augenbraue, blätterte durch das Buch, nickte schließlich. „Stimmt, du hast Recht. Großmagus Akarell erwartet dich. Bitte begib dich zum Wasserturm.“ Sie deutete auf einen der Eingänge zu den Nebentürmen. Eroica schluckte, dann setzte sie sich langsam in Bewegung. Als sie den Wasserturm erreichte, blieb sie überrascht stehen. Vor ihr gab es keine Treppe – sondern eine riesige, schimmernde Fontäne, die in die Höhe schoss. Das Wasser tanzte im Licht, als würde es von einer unsichtbaren Kraft gelenkt. „Soll ich da etwa drauftreten?“ murmelte sie unsicher. Einen Moment lang zögerte sie, doch dann nahm sie all ihren Mut zusammen und setzte vorsichtig einen Fuß auf die Wasseroberfläche. Sofort spürte sie, wie eine sanfte, aber kraftvolle Strömung sie nach oben drückte. Innerhalb weniger Sekunden wurde sie in die Spitze des Turmes getragen. Sie landete unsanft auf dem Boden und stieß einen überraschten Laut aus. Vor ihr saß ein alter Drachar an einem Tisch, vertieft in ein Buch. Als er sie bemerkte, klappte er es gemächlich zu und musterte sie mit warmen, wissenden Augen. „Du musst Eroica sein“, sagte er freundlich. „Ich habe schon eine Menge von dir gehört. Mein Name ist Akarell, und ich werde dich unterrichten.“ -------------------------------------------------------------------------- Vierzehn Jahre vergingen – vierzehn Jahre, in denen Eroica die Wassermagie vollständig meisterte. Wenn sie nicht gerade ihre Fähigkeiten verfeinerte, verbrachte sie ihre Zeit in den Bibliotheken der Akademie. Sie verschlang jedes Buch, das sie in die Hände bekam, und wenn sie fertig war, las sie sie erneut. Ihr Wissensdurst war unersättlich, und ihre Macht wuchs mit jedem Tag. Mit sechsundzwanzig machte sie schließlich ihren Abschluss. Sie hatte ihren Meister Akarell bei weitem übertroffen, ihre Fähigkeiten waren bereits legendär. Bei der Abschlusszeremonie stand sie vor ihm, ihr Herz schlug schnell, aber ihr Blick war entschlossen. Akarell reichte ihr die Hand. „Glückwunsch, Eroica“, sagte er, seine Stimme voller Stolz. „Du warst die beste Schülerin, die ich in meinem langen Leben hatte. Möchtest du nicht als Lehrerin an der Akademie bleiben? Vielleicht sogar eines Tages meinen Posten als Magus des Wasserturms übernehmen?“ Eroica nahm seine Hand, verbeugte sich tief. „Dankeschön für das Angebot, Meister“, antwortete sie mit einem Lächeln. „Aber das kann ich nicht annehmen. Ich möchte die Welt sehen, noch viel mehr lernen. Es gibt so viel, was ich noch nicht weiß.“ Akarells Lächeln wurde wehmütig, aber er nickte verständnisvoll. „Natürlich. Ich wusste, dass du so antworten würdest. Ich wünsche dir alles Gute für deine Zukunft, Eroica. Möge das Wasser dich immer sicher führen.“ Nach der Abschlussfeier zog es Eroica zu den Häfen von Tripolis. Sie heuerte auf einem Handelsschiff an, denn Wassermagier waren auf dem offenen Meer sehr gefragt – vor allem solche von Eroicas Kaliber. Die nächsten Jahre verbrachte sie damit, die Welt zu bereisen und neue Horizonte zu entdecken. Sie besuchte die reichen Handelsstädte des Kaiserreichsl, wie Welldyl oder Karintes, lernte die Kultur dieses mächtigen Großreichs kennen. Viele Abende verbrachte sie in Tavernen, wo sie Geschichten von fernen Ländern hörte, mit Reisenden sprach und neue Freunde fand. Besonders Anjen hatte es ihr angetan – eine Stadt, die am Ende des großen Krieges viele Flüchtlinge aufgenommen hatte, egal ob sie einst für Menschen oder Elfen gekämpft hatten. Die Vielfalt und Offenheit des Ortes faszinierten sie. Weiter im Osten bestaunte sie Arazul, die Hauptstadt des Dracharenkönigreichs Drakia, gelegen im Herzen des Kontinents Garnime. Die Stadt war ein Meisterwerk der Magie – Schiffe wurden per Zauber beladen, Häuser waren mit magischen Annehmlichkeiten wie selbsterhitzenden Bädern ausgestattet, und selbst einfache Arbeiten wie das Waschen von Kleidung wurden von Magiern erleichtert. Eroica war beeindruckt von der Effizienz und der kunstvollen Magie, die in jeden Stein dieser Stadt eingewoben war. Doch der wahre Höhepunkt ihrer Reise war Astaris, die Hauptstadt des gleichnamigen Elfenkönigreichs auf dem Kontinent Verltria. Die Stadt lag in einer malerischen Bucht, flankiert von hohen Bergen, die wie Wächter über das glitzernde Meer ragten. Während der Hafen sich auf Meereshöhe befand, erhoben sich die Wohnbezirke auf kunstvollen Stützen und Brücken hoch über dem Wasser. Es war eine Stadt von atemberaubender Schönheit, voller Geheimnisse und uralter Weisheiten. Wochenlang streifte Eroica durch die verwinkelten Straßen, tauchte tief in die Bibliotheken der Elfen ein und sprach mit Gelehrten, deren Wissen Jahrhunderte umfasste. Doch irgendwann war ihr Hunger nach Abenteuern gestillt. Sie sehnte sich nach einem festen Ort, an dem sie ihr Wissen vertiefen und mit anderen teilen konnte. Also kehrte sie nach Welldyl zurück, um sich als Bibliothekarin in den großen Archiven des Kaiserreichs zu bewerben. Monatelang suchte sie nach der richtigen Stelle, bis sie schließlich in Malyl, der Hauptstadt der fruchtbaren Mittellande, fündig wurde. Die dortige Bibliothek war berühmt für ihre riesige Sammlung seltener und vergessener Bücher. Als sie die endlosen Regalreihen zum ersten Mal sah, wusste sie: Hier konnte sie bleiben. Nach all den Jahren hatte sie endlich einen Ort gefunden, an dem sie ihre Leidenschaft für Bücher und Wissen voll ausleben konnte. -------------------------------------------------------------------------- In der Bibliothek von Malyl wurden täglich neue Bücher dem Inventar hinzugefügt. Für Eroica war das ein wahr gewordener Traum. Egal, wie viel sie las, wenn sie am nächsten Morgen erwachte, gab es immer neue Schätze zu entdecken. Die Regale schienen endlos, ein Labyrinth aus Geschichten, Wissen und Geheimnissen. Jedes Buch barg eine neue Welt, und mit jedem Tag tauchte sie tiefer in die endlosen Ozeane der Schrift ein. Wenn Besucher die Bibliothek betraten, auf der Suche nach Wissen, war Eroica stets zur Stelle. Es gab kaum ein Buch, das sie nicht gelesen hatte, und neue Werke verschlang sie meist noch am selben Tag, an dem sie eintrafen. Sie kannte jedes Regal, jedes Schriftstück, jede Geschichte, die sich zwischen den Seiten der unzähligen Bände verbarg. Obwohl sie erst Anfang Dreißig war, galt sie bereits als eine der weisesten Personen des Kaiserreichs – doch niemals hätte sie sich selbst so bezeichnet. Für sie war Wissen keine Eigenschaft zum Prahlen, sondern eine Berufung, ein ständiges Streben nach Wahrheit. Sie war glücklich. Sie war zufrieden. Doch tief in ihr schlummerte ein Traum, der nie ganz verschwand – eine Sehnsucht, die sich nicht in Bücher hüllen ließ. Die Kaiserliche Bibliothek. Sie wollte in die Kaiserliche Bibliothek und die Werke lesen, die es nur dort gab. Bücher über Geheimnisse der Welt, wie sich die Gelehrten, die sie nie betraten, sie nie erträumen könnten. Dort, so hieß es, lag das wahre Wissen der Welt verborgen. Werke, die niemand sonst besaß, Bücher über uralte Mysterien, von denen nicht einmal die größten Gelehrten wussten. Geheimnisse, die so tief in den Schatten der Geschichte ruhten, dass nur eine handverlesene Auswahl von Personen je einen Blick auf ihre Seiten werfen durfte. Die Mitglieder der Kaiserfamilie Algavia hatten Zugang zu diesem Heiligtum des Wissens – und eine erlesene Gruppe, ,,Die Auserwählten Gelehrten’’ , deren Anzahl so gering war, dass ihr Name fast bedeutungslos war. Eroica hatte diesen Traum lange begraben. Sie wusste, dass sie ihn niemals erreichen konnte. Bis zu diesem Tag. Es war ein warmer Sommertag, und Eroica hatte, wie gewohnt, ihre neuen Bücher schon zur Mittagszeit beendet. Sie wollte gerade frühstücken – sie aß immer erst, nachdem sie die tägliche Flut an neuen Werken abgearbeitet hatte –, als die schwere Tür der Bibliothek sich öffnete. Eine Frau trat ein. Sie hatte kurze, blaue Haare, die im Sonnenlicht, das durch das gläserne Kuppeldach fiel, schimmerten, und trug eine schwarze, dünne Rüstung. Ihre Schritte waren ruhig, selbstbewusst. Eroica wusste sofort, wer sie war. Leyla. Die zehnte Kaiserliche Kopfgeldjägerin. Eine Legende, so jung und doch schon in aller Munde. Man erzählte sich, dass sie den vorherigen Zehnten, Varragil, eigenhändig getötet hatte, um seinen Platz einzunehmen. Eine Frau, die in den höchsten Kreisen der Gelehrten bekannt war – und eine, die sich nicht zufällig in der Bibliothek von Malyl aufhielt. Eroica spürte sofort, dass dies eine Gelegenheit war. Eine, die sie nicht verpassen durfte. Sie trat nach vorne, verbeugte sich leicht und lächelte höflich. ,,Guten Tag, Edle Miss Leyla. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?’’ Nach einem kurzen Gespräch hatte Leyla hatte klar gemacht, dass sie Bücher über die Erzdämonen lesen wollte. Eroica nickte und machte sich sogleich an die Arbeit. Sie stellte eine Auswahl von über vierzig Werken zusammen – zu viele, vielleicht, doch sie wollte sichergehen, dass Leyla nichts Wichtiges übersah. Die Kopfgeldjägerin begann zu lesen. Sie arbeitete schnell, konzentriert, las ein Buch nach dem anderen mit einer fast rastlosen Effizienz. Als sie mit den ersten vier Bänden fertig war, hob sie den Blick und sah Eroica direkt an. Ein Gespräch begann. Als das Gespräch seinen Höhepunkt erreichte, sprach Leyla jene Worte, die Eroicas Herz für einen Moment stillstehen ließen: ,,Was hältst du davon, wenn du mir als Dienerin in die Kaiserstadt folgst?’’
- Kapitel 81 - Der Erzdämon Bläsk
Der Schönheit der Erzdämonen - Falm Marcess Kapitel III, Absatz XIV Wahrlich, die holdeste Gestalt im Reiche der Schöpfung tragen die Erzdämonen. Ein einz'ger Blick auf ihr göttlich Antlitz genüget, das Innerste zu erleuchten, das Seelenglück zu künden, der heißesten Sehnsucht Linderung zu schenken. Ihre Augen, gleissend wie funkelnde Edelgesteine, leuchten in der Düsternis gleich himmlischem Feuer. Die Hörner, wie des Sieges mächt'ge Äste ragend, thronen auf ihrem Haupte als Zeichen erhabener Hoheit. Die Zähne, gleich scharfgeschliff'nen Dolchen aus der Schmiede der Götter, glänzen im Munde, bereit, Recht und Unheil zu künden. Ihre Flügel, weiten Segeln gleich, fangen die himmlischen Stürme, auf dass sie die Winde durchmessen, als trügen sie selbst den Lauf der Monde. Und ihre Klauen – scharf, unbändig, stark – vermögen Felsen zu zerreißen, als sei's bloßer Sand. O Glücklichster, der ihr Angesicht erblicket, denn wahrlich, solch Schönheit ward dem Irdischen nicht eigen. Aus ihnen fließet Macht, aus ihnen strömet Segen, und wo ihr Antlitz sich zeiget, da wandelt die Erde sich in reines, hehres Licht. Wahrlich, aus ihren Händen ist diese Welt geformet, und in ihrer Schönheit offenbart sich des Daseins höchster Sinn. -------------------------------------------------------------------------- Die Erzwesen - Tahl Dagrar Kapitel II, Absatz I Nun lasset uns sprechen von den Erzdämonen. Zehn an der Zahl waren sie, und in jenen Tagen wandelten sie unter den Sterblichen, die Erde zu ihrem Reiche machend. Ihre Macht war unergründlich, ihre Herrschaft unumstößlich, ihr Wille Gesetz. Ein jeder von ihnen gebot über ein Element, ein Fundament der Welt. In ihrer Präsenz beugte sich die Natur, bebte das Erdreich, zürnten die Winde, erhob sich das Meer. Den Sterblichen aber waren sie ein Rätsel, ein Wunder wie ein Schrecken zugleich. An einem Tage spendeten sie Gnade, teilten ihre Kraft, ließen Wunder geschehen, deren Pracht kein Mensch je begriff. Am nächsten waren sie der Schatten selbst, ein Albtraum aus Feuer und Asche, der Träume zerfraß und ganze Existenzen in das Nichts schleuderte. Doch so musste es sein. Denn nie ward es den Sterblichen gegeben, Ordnung zu wahren. Sie taten es nicht und sie tun es nicht. Immer und immer wieder haben sie versagt. Kriege. Versklavung. Völkermord. Diese Dinge sind nicht Zufall, nicht Laune des Schicksals. Sie sind das unvermeidliche Werk der Herrenlosen. Ohne Herrscher sind die Sterblichen nicht mehr als wilde Tiere, die einander zerfleischen, nur um ihre Gier und ihr Vergnügen zu stillen. -------------------------------------------------------------------------- Die mächtigsten der Vergangenheit - Claude di Lorenzo Kapitel XXIV, Absatz V Der Erzdämon von Donner und Blitz. Der Herrscher der Stürme. Der Blitzeschleuderer. Viele Namen kennt man für ihn, doch sie alle erzählen dieselbe Geschichte – die von Bläsk. Er ist impulsiv, unbeirrbar. Hat er sich etwas in den Kopf gesetzt, dann geschieht es. Erkennt er jemanden als Feind, dann jagt er ihn bis zum bitteren Ende. Ein Funke genügt, ein Zucken seiner Hand, und der Himmel selbst reißt auf, um seinen Zorn zu entfesseln. Blitze schleudert er über hunderte Kilometer hinweg, jeder von ihnen ein Bote des Todes. Seine Schlafstätte sind die Gewitterwolken, sein Schnarchen übertönt selbst das Dröhnen des Donners. Doch Bläsk ist mehr als bloßer Sturm und Chaos. Sein Herz schlägt für die Donnermagie. Wer sich ihr mit Ehrfurcht und Ernsthaftigkeit nähert, dem kann er nicht anders, als seine Hand zu reichen. Sein Stolz verlangt es. Denn Wissen ist ein Vermächtnis – und Bläsk teilt es nur mit jenen, die es wert sind. Ob gefürchtet oder verehrt – seiner Macht kann niemand entkommen. -------------------------------------------------------------------------- Die Legende von Bläsk und Bolt - Rhovar Trellis Kapitel II, Absatz III Der junge Mensch hatte einen Entschluss gefasst. Er würde den Erzdämon Bläsk finden. Nicht aus Ruhmsucht, nicht aus Leichtsinn – sondern aus tiefstem Verlangen, die Donnermagie zu meistern. Er wollte mehr sein als nur ein Sterblicher. Er wollte Bläsks Schüler sein. Und so begann sein Weg. Er zog durch Stürme und peitschenden Regen, erklomm Berge, auf denen der Wind selbst wie ein Dämon schrie. Sein Ziel war der gewaltige Berg Barnash’sh, die Heimat des Sturmgottes. Doch Bläsk wies ihn ab. Immer und immer wieder. Der Himmel riss auf, Donner krachte, der Wind stieß ihn zurück – doch der junge Mensch kehrte jedes Mal zurück. Tag für Tag, Woche für Woche, Jahre für Jahre, ließ er sich nicht vertreiben. Bis zu jenem Tag. Mitten im Zentrum eines wütenden Taifuns, umgeben von tosenden Blitzen, sprach Bläsk endlich zu ihm. Der Himmel flammte auf, das Donnergrollen war eine Stimme. „So sei es.“ Und so begann die Ausbildung von Bolt. -------------------------------------------------------------------------- Die Legende von Bläsk und Bolt - Rhovar Trellis Kapitel IX, Absatz I Bolt stand kurz vor dem Ende seiner Ausbildung. Er hatte gelernt, den Himmel zu spalten, den Donner zu rufen, die Blitze nach seinem Willen tanzen zu lassen. Stolz erfüllte ihn – ein Stolz, der seine Errungenschaften würdigte. Doch in diesem Stolz wuchs etwas anderes. Etwas Dunkles. Er wollte mehr. Mehr Macht. Mehr Einfluss. Mehr Zeit. Bläsk hätte ihm die Kraft der Dämonen schenken können. Doch er tat es nicht. Er sah in Bolt keinen Dämon, sondern einen Sterblichen – und Sterblichen war es nicht bestimmt, in die Ränge der Erzwesen aufzusteigen. Also suchte Bolt einen anderen Weg. Er reiste in die Wüstenlande, wo das Wissen verborgen lag, das kein Sterblicher besitzen sollte. Gemeinsam mit einem Magier, dessen Name aus den Geschichtsbüchern getilgt wurde, ersann er einen Plan. Verbotene Magie. Alte, ungezügelte Kräfte, die kein Wesen, nicht einmal die Erzdämonen, ohne Furcht aussprach. Sein Ziel war klar. Er wollte das natürliche Gleichgewicht brechen. Das, was Sterbliche und Erzwesen trennte, sollte nicht mehr existieren. Er würde das Schicksal selbst herausfordern. Er kehrte zurück nach Barnash’sh. Doch diesmal nicht als Schüler, sondern als Feind. Er würde Bläsk nicht bitten – er würde nehmen. Der Moment war gekommen. Bläsk beachtete ihn nicht, ahnte nichts von dem Verrat, der in der Luft lag. Die Runen waren gezogen, der Zauber begann. Die Macht des Erzdämons sollte die seine werden. Doch Bolt machte einen Fehler. Ein einziges, winziges Ungleichgewicht in der Formel – und anstatt die Kraft zu empfangen, trennte er sie langsam von dem Erzdämonen. Bläsk spürte die Entweihung seines eigenen Seins. Und als er verstand, was Bolt tat, packte ihn eine Wut, wie sie der Himmel seit Jahrtausenden nicht erlebt hatte. Der Donner schwoll an, die Blitze kreuzten den Himmel in rasendem Zorn. Und dann – in einem einzigen, vernichtenden Schlag – tilgte Bläsk Bolt aus der Existenz. Als die Wolken sich legten, als der Sturm erlosch, schwor Bläsk sich eines: Nie wieder sollte ein Sterblicher die Macht der Erzwesen erreichen. -------------------------------------------------------------------------- Müde klappte Leyla das Buch von Rhovar Trellis zu und musste laut gähnen. Die Stunden des Lesens hatten sie erschöpft. Vor ihr lagen die vier bereits gelesenen Bücher, jedes davon eine Herausforderung für sich. „Der Schönheit der Erzdämonen“ war ein Werk des Elfen Falm Marcess. Laut Eroica stammte es aus dem Jahre 1356 vor dem großen Krieg – ein über zweitausend Jahre altes Buch, und genauso hatte es sich angefühlt, es zu lesen. Es schien ein Loblied auf die Erzdämonen zu sein, voller blumiger Beschreibungen und mystischer Andeutungen, die Leyla verwirrten. Dann war da „Die Erzwesen“ von Tahl Dagrar. Wer genau der Autor war, konnte sie nicht herausfinden, aber das Buch war leichter zu lesen als das vorherige Werk. Trotzdem merkte man ihm das Alter an, und die Informationen waren oft vage und schwer zu entschlüsseln. Die anderen beiden Bücher hatten sie jedoch mehr fasziniert. ,,Die mächtigsten der Vergangenheit’’ war das Werk eines Adligen, der vor zweihundert Jahren gelebt hatte. Es erzählte nicht nur von den Erzdämonen, sondern auch von vielen anderen Kreaturen. Besonders die Beschreibungen der Urtitanen hielt sie für äußerst interessant. Liam hatte ihr einst versucht klarzumachen, dass solche Wesen nicht existierten – dass sie bloß Märchen waren. Doch nachdem sie Bläsk in Person getroffen hatte, hatte sie beschlossen, an sie zu glauben, auch wenn sie nur bei Bläsk Sicherheit hatte. Das Buch, das ihr am meisten geholfen hatte, war jedoch „Die Legende von Bläsk und Bolt“ . Es erzählte die Geschichte eines Menschen, der von Bläsk lernte und ihn schließlich hinterging. Leyla hatte das Gefühl, dass dieses Buch sie näher an die Wahrheit bringen würde – an die Wahrheit über Bläsk und vielleicht sogar über ihre eigene Rolle in all dem. Sie blickte zu dem gut vierzig Büchern umfassenden Stapel, der sich noch neben ihr auftürmte. Eroica war ihr eine große Hilfe gewesen. Die Filina schien ausnahmslos jedes Buch der Bibliothek zu kennen, jedes Regal, jede Schriftrolle. Ihr Wissen war beeindruckend. „Edle Miss Leyla, haben Sie einen Wunsch?“ fragte Eroica sanft. Sie kniete neben dem Bücherstapel und beobachtete Leyla mit aufmerksamen Augen. Ihre Ohren zuckten leicht, als wartete sie gespannt auf eine Antwort. „Nein, ich danke dir. Für den Moment reicht das“, antwortete Leyla und streckte sich müde. Sie hatte erstmal genug von Büchern. „Ich sollte mir einige von ihnen ins Hauptquartier schicken lassen“ , dachte sie. Doch dann blickte sie zu Eroica, und ihr kam eine Idee. ,,Du, Eroica?’’ „Ja, Edle Miss Leyla?“ antwortete die Filina sofort. Ihre Haltung war voller Ehrerbietung, und ihre Augen leuchteten vor Neugier. ,,Was hältst du davon, wenn du mir als Dienerin in die Kaiserstadt folgst?’’ -------------------------------------------------------------------------- Eroica starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an. „I-In die Kaiserstadt?“ stammelte sie, ihre Stimme zitterte leicht vor Überraschung. „Wie darf ich das verstehen?“ Natürlich war sie überrascht. Nicht viele wussten, dass die zehn Kaiserlichen Kopfgeldjäger das Recht hatten, sich einen persönlichen Diener zu nehmen. Theoretisch hätte Leyla die Filina zwingen können, mit ihr zu kommen, aber das wollte sie nicht. Sie hatte nicht vor, jemanden gegen seinen Willen in ihr Leben zu ziehen. Dann wäre sie nicht besser als Kronprinz Eugenius. „In meiner Position steht es mir zu, einen persönlichen Diener zu haben“, erklärte Leyla ruhig. „Du würdest ein eigenes Zimmer bekommen und in der Kaiserstadt leben. Es wäre eine große Chance für dich.“ Eroica schien zu zittern, ihre Ohren zuckten nervös. „Ich bin geehrt von Eurem Angebot, Edle Miss Leyla“, sagte sie vorsichtig. „Aber ich bin mir nicht sicher, ob das der richtige Schritt für mich wäre.“ Ihre Stimme war leise, fast ängstlich, als fürchte sie, eine Ablehnung könnte ihr das Leben kosten. Leyla seufzte enttäuscht. „Nun, das ist schade.“ „Versteht mich nicht falsch, Edle Miss Leyla“, beeilte sich Eroica zu sagen. Sie hob beschwichtigend ihre Hände, und ihre Ohren klappten nach unten. „Es wäre eine große Ehre, wirklich. Allerdings ist mir das Lesen und Studieren von Büchern zu wichtig, als dass ich das alles hinter mir lassen könnte.“ Leyla begann zu lächeln. Sie hatte geahnt, dass Eroicas Liebe zu Büchern der Schlüssel sein würde. „Und was, wenn ich dir sagen würde, dass du weiter so viel lesen kannst, wie du möchtest? Wenn ich dir sagen würde, dass du Zugriff auf die Kaiserliche Bibliothek erhalten würdest?“ Eroicas Augen weiteten sich, und ihre Ohren stellten sich sofort auf. „A-Aber in der Kaiserlichen Bibliothek sind doch einzigartige Bücher“, flüsterte sie, als könnte sie es kaum glauben. „Das stimmt“, bestätigte Leyla. „Und die würdest du zu lesen bekommen. Alles Wissen, das dort lagert, stünde dir offen.“ Eroica schien einen Moment lang sprachlos. Dann fragte sie vorsichtig: „Und was muss ich dafür tun?“ Leyla trat näher und streckte ihr die Hand entgegen. „Nun, ich würde dir keine gewöhnlichen Aufgaben geben. Stattdessen sollst du mich mit deinem Wissen unterstützen. Wissen ist eine der stärksten und wichtigsten Waffen dieser Welt. Du sollst so viel lesen, wie du möchtest – und mich damit unterstützen.“ Eroica zögerte nur einen kurzen Moment, dann griff sie nach Leylas Hand. „Ich nehme Euer Angebot an, Edle Miss Leyla“, sagte sie mit fester Stimme, obwohl ihre Augen noch immer vor Aufregung glänzten. Leyla grinste zufrieden. „Sehr gut. Dann hätte ich einen ersten Befehl an dich.“ „Und welcher Befehl wäre das, Edle Miss Leyla?“ fragte Eroica erwartungsvoll. ,,Nenn mich einfach Leyla.’’ -------------------------------------------------------------------------- „Wieso hast du so lange gebraucht? Ich dachte, du hättest mich vergessen.“ Nea saß schmollend auf ihrem Bett, die Arme trotzig verschränkt. Leyla war bis spät in die Nacht in der Bibliothek gewesen, vertieft in Bücher, gemeinsam mit Eroica. „Tut mir leid, tut mir leid“, entschuldigte sich Leyla und hob abwehrend die Hände. „Ich habe aber eine Menge herausgefunden.“ „Immerhin. Dann hast du mich ja nicht umsonst fast vor Langeweile sterben lassen.“ Leyla grinste. „Ich habe außerdem eine Dienerin gefunden.“ Stolz schwang in ihrer Stimme mit. In einem Moment saß Nea noch, im nächsten war sie aufgesprungen, rannte zu Leyla und schlang die Arme um sie. Ihre lila Augen funkelten aufgeregt. „Das ist ja super! Wann kann ich sie kennenlernen? Wie heißt sie? Was isst sie gerne?“ Alle Spuren von Neas schlechter Laune waren wie weggeblasen. Wobei – wahrscheinlich hatte sie von Anfang an nur so getan, als wäre sie beleidigt gewesen. „Du wirst sie noch früh genug kennenlernen“, antwortete Leyla amüsiert. „Aber zuerst will ich nach Berje und meinen Auftrag erledigen.“ Während sie sprach, begann sie sich aus ihren Kleidern zu schälen und ließ sich in ihr eigenes Bett sinken. Mit einem zufriedenen Seufzen streckte sie sich, bevor sie sich tief in die Decken kuschelte. „Na gut. Dann erledige ihn schnell und stell mir danach deine Dienerin vor.“ Nea ließ sich neben Leyla ins Bett fallen, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. „Wieso schläfst du nicht in deinem eigenen Bett?“ fragte Leyla, ein wenig genervt. Doch keine Antwort kam. Entweder war Nea tatsächlich schon eingeschlafen – oder sie tat nur so. Leyla seufzte. Sie griff nach der Decke, zog Nea darunter und schlang sanft die Arme um sie. Während sie die Augen schloss, kreisten ihre Gedanken weiter. „Ich habe so viel herausgefunden, und trotzdem habe ich noch unzählige offene Fragen“, dachte sie frustriert. „Es fühlt sich an, als käme mit jeder geklärten Frage eine Handvoll neuer dazu.“ Sie wusste, dass sie noch so unvorstellbar viel lernen musste. Doch so war das wohl, wenn man die Geheimnisse der Welt verstehen wollte. Jede Antwort führte zu neuen Rätseln, und jedes Rätsel war ein Schritt näher an der Wahrheit.
- Kapitel 80 - Zwischen Scherben und Seiten
Nachdem Leyla im Sturm verschwunden war und sich das Wetter beruhigt hatte, war Nea in Richtung Malyl aufgebrochen. Nicht, weil sie Leyla dort vermutete, sondern weil sie von dort aus die Stadtwachen nutzen wollte, um nach ihr zu suchen. Die Pferde hatte sie zurückgelassen – schließlich war sie fliegend schneller. Während sie durch die Lüfte glitt, ließ Nea ihren Blick über die grüne Landschaft unter ihr schweifen. Die Häuser zogen wie winzige Punkte an ihr vorbei, während sie unermüdlich nach Leyla Ausschau hielt. Die Verzweiflung, die sie vor einigen Stunden noch fast überwältigt hatte, war nun wieder tief in ihrem Herzen verschlossen. Als am Horizont die Stadt Malyl auftauchte, ließ Nea sich langsam zu Boden gleiten. Den Rest des Weges würde sie zu Fuß zurücklegen. Sie landete sanft am Stadtrand und machte sich sofort auf den Weg zum Herzogspalast. Sie würde Paul de Coteaus Hilfe verlangen – er hatte die Ressourcen, die sie brauchte, um Leyla zu finden. Doch als sie sich dem Schloss näherte, fiel ihr Blick auf einen der prunkvollen Räume im vierten Stock. Durch die große Glasscheibe konnte sie den Herzog erkennen – und direkt neben ihm stand Leyla. Nea zögerte keine Sekunde. Ohne nachzudenken, schoss sie auf das Fenster zu. —KLIRR— Mit einem lauten Klirren durchbrach Nea die Glasscheibe und landete mitten auf dem großen Tisch im Raum. Glasscherben flogen durch die Luft und verteilten sich über den gesamten Boden. Der Raum war erfüllt von dem scharfen Geräusch zersplitternden Glases und dem Echo ihres Aufpralls. -------------------------------------------------------------------------- Überrascht blickte Leyla in das Gesicht ihrer Freundin. Sie war sprachlos, ebenso wie Paul, der mit aufgerissenen Augen auf das verwüstete Zimmer starrte. Glasscherben lagen überall verstreut, und der rote Teppich war mit Splittern übersät. „Hey Leyley, es geht dir gut!“ rief Nea freudig und fiel Leyla um den Hals. Ihre Stimme war voller Erleichterung. „Hat der Herzog dich eingesperrt? Soll ich ihn für dich töten?“ Leyla musste lachen und tätschelte Nea den Kopf. „Nein, er hat mich nicht eingesperrt“, sagte sie scherzhaft. „Aber du kannst ihn trotzdem ruhig beseitigen.“ Nea schien den Sarkasmus nicht verstanden zu haben, denn sie wandte sich direkt Paul zu. Sie hob ihre rechte Hand, und weißes Licht begann in ihrer Handfläche zu glühen. Paul stolperte rückwärts gegen die Wand und hob seine Arme zur Abwehr. „W-Warte!“ stammelte er, seine Gelassenheit war wie weggeblasen. Doch bevor Nea etwas unternehmen konnte, zog Leyla sie zu sich. „Das war doch nur ein Spaß, Nea“, lachte sie und warf Paul einen entschuldigenden Blick zu. Insgeheim hatte sie den Anblick des ängstlichen Paul genossen, aber das behielt sie für sich. „Achso, na gut“, antwortete Nea und grinste Leyla wieder an. „Was machst du dann bei dem da?“ Sie zeigte mit dem Finger auf Paul, seinen Rang als Herzog völlig ignorierend. „Ich habe ihm einige Fragen gestellt“, erklärte Leyla und blickte erneut zu dem Gemälde von Bläsk. „Wusstest du, dass Bläsk derjenige war, der mich angegriffen hat?“ Nea nickte, und ein für sie untypischer ernster Ausdruck trat auf ihr Gesicht. „Ja, ich hab’s geahnt“, sagte sie leise. „Wie wäre es, wenn ihr beide darüber woanders redet?“ mischte sich Paul ein, der seinen Schock langsam überwunden hatte. Er hatte seine gewohnte Gelassenheit zurückgewonnen, aber seine Stimme klang immer noch ein wenig angespannt. „Ich denke, ihr habt genug von meinem Teppich ruiniert.“ Leyla rollte mit den Augen, aber sie stimmte zu. „Ja, das wäre wahrscheinlich gut. Kommst du, Nea? Ich will dir eine Taverne zeigen.“ „Klar!“ verkündete Nea, ihre Stimmung war wieder ausgelassen. Sie wollte gerade aus dem Fenster springen, als Paul sie am Arm packte. „Nimm bitte den normalen Ausgang“, sagte er mit einem gequälten Lächeln. Nea warf ihm einen drohenden Blick zu, doch bevor sie etwas tun konnte, nahm Leyla ihre Hand und zog sie mit sich. Paul würdigte sie dabei keines weiteren Blickes, aber sie hörte noch, wie er ihnen hinterherrief: „Ich hab dir doch gesagt, dass du zu mir kommen würdest. Besuche mich doch gerne wieder!“ Leyla verzog die Lippen. Sie hasste es, dass er Recht gehabt hatte. Und das Wissen, dass sie ihn in Zukunft wahrscheinlich wieder aufsuchen würde, nervte sie. -------------------------------------------------------------------------- Nea und Leyla saßen in einer abgelegenen Ecke des „Elfenlieds“ . Die vertraute Atmosphäre des Ortes weckte in Leyla ein Gefühl von Nostalgie, aber auch von Verlust. Die Wände waren noch immer mit den gleichen alten Wappen geschmückt, und das gedämpfte Licht der Fackeln warf sanfte Schatten auf die Holzbalken. Leyla aß einen Kartoffelauflauf und trank dazu ein Glas Bier, während Nea sich auf ein Glas Wein konzentrierte. Sie aß nichts, trank dafür aber umso mehr. „Bist du nicht eigentlich zu jung, um Alkohol zu trinken?“ fragte Leyla und hob skeptisch eine Augenbraue. Klar, Nea war stark und eine Kaiserliche Kopfgeldjägerin, aber das war in Leylas Augen kein Grund, in ihrem Alter schon Alkohol zu trinken. „Hä, ne, wieso?“ fragte Nea erstaunt und blinzelte mit großen Augen. „Ich bin doch deutlich älter als du. Warum sollte ich keinen Alkohol trinken dürfen?“ „Wie, du bist älter als ich?“ Leyla musste prusten und spuckte einen Schluck Bier über ihr Essen. „Wie alt bist du denn?“ Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass die niedliche, energiegeladene Nea älter als sie war. „Sag ich nicht“, antwortete Nea und streckte ihre Zunge heraus, als würde sie beleidigt sein. Ihr Grinsen verriet jedoch, dass sie die Situation genoss. Leyla seufzte und wusste, dass sie keine Antwort von Nea bekommen würde. Also wandte sie sich einem anderen Thema zu. „Bläsk hat mich eine Jüngerin genannt. Weißt du, was er damit gemeint haben könnte?“ Nea überlegte und legte ihren Kopf schief, als würde sie tief in ihren Gedanken graben. „Nöö, keine Ahnung“ sagte sie schließlich und leerte ihr Weinglas in einem Zug. Ohne zu zögern, schenkte sie sich direkt das nächste ein. „Aber sag mal, Leyla“, begann Nea und stützte ihren Kopf auf eine Hand. „Wie konntest du eigentlich ohne Verletzungen überleben?“ Leyla zögerte. Sollte sie Nea von den Kerzen erzählen? Es wäre gut, eine Vertraute zu haben, aber sie wusste nicht, wie Nea reagieren würde. Leyla vertraute ihr, das war keine Frage. Doch die Kerzen waren kein Geheimnis, das sie einfach so teilen wollte – oder sollte. „Das…“ begann sie zögerlich. „Das weiß ich nicht…“ „Na gut, wenn es dir einfällt, sag Bescheid“, erklärte Nea grinsend und widmete sich ihrem nächsten Weinglas. Ihre lockere Art war sowohl beruhigend als auch ein wenig frustrierend. Leyla stocherte in dem Rest ihres Essens herum. Was sollte sie als Nächstes tun? Da fiel ihr der ursprüngliche Grund ein, warum sie damals überhaupt nach Malyl gekommen war. Der Grund, aus dem sie einst die Abenteurergilde ,,Graue Federn’’ gegründet hatte. Die Bibliothek! -------------------------------------------------------------------------- „Nur mit Genehmigung“, murrte einer der beiden Wachen, die den Eingang zur Bibliothek versperrten. Leyla grinste. Ohne zu zögern zog sie das Amulett der Kopfgeldjäger unter ihrem Mantel hervor. Der Wachmann riss überrascht die Augen auf, während sein Kollege sich rasch zur Seite bewegte. „Verzeiht, Edle Kopfgeldjägerin“, sagte er hastig und verneigte sich leicht. „Tretet bitte ein.“ Zufrieden schritt Leyla an ihnen vorbei, das triumphierende Gefühl in ihrer Brust kaum unterdrückend. Noch vor einem halben Jahr war sie hier abgewiesen worden – bedeutungslos, eine einfache Abenteurerin, ohne jegliches Ansehen. Doch jetzt konnte sie Türen öffnen, die ihr früher verschlossen geblieben waren. Der sanfte Duft von altem Pergament und Tinte schlug ihr entgegen, als sie durch die massiven Türen trat. Ein Meer aus Bücherregalen erstreckte sich vor ihr, bis weit unter das hohe, von Kronleuchtern erhellte Gewölbe. Mehr als zwanzig Meter ragten die Regale in die Höhe, gesäumt von schmalen Wendeltreppen und schwebenden Plattformen, die von den Bibliothekaren genutzt wurden. „Wow“, flüsterte Leyla ehrfürchtig. Sie drehte sich langsam um die eigene Achse, während ihr Blick durch die gewaltigen Regalreihen wanderte. So viele Bücher… „Wie soll ich denn da das richtige finden?“ Sie konnte ja kaum alle lesen. [???] ,,Guten Tag, Edle Miss Leyla. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?’’ Leyla fuhr herum und entdeckte die Sprecherin: eine Frau mit geschmeidigen Bewegungen, grünen Augen und Katzenohren, die aufmerksam zuckten. Ihr Fell war von einem wunderschönen Hellblau und sah so weich aus, dass Leyla sie fast reflexartig geknuddelt hätte. Ihr Gesicht hatte runde, katzenhafte Züge, und lange Schnurrhaare bebten leicht, als sie sprach. Eine Filina. Das Katzenvolk von den fernen Sommerinseln war im Kaiserreich eine Seltenheit. „Du kennst mich?“ fragte Leyla überrascht. Die Filina lächelte, und ihre Schnurrhaare sprangen bei der Bewegung leicht auf und ab. „Natürlich. Ihr seid eine besondere Person.“ Leyla hob skeptisch eine Augenbraue. „Ich möchte mich vorstellen“, fuhr die Filina fort und verneigte sich mit katzenhafter Eleganz. „Mein Name ist Eroica, und ich bin die Bibliothekarin.“ „Verstehe.“ Leyla entspannte sich. „Dann nehme ich deine Hilfe gerne in Anspruch, Eroica.“ Sie trat einen Schritt näher, verschränkte die Arme und fuhr mit ernster Miene fort: „Ich suche Bücher über die Erzdämonen.“
- Kapitel 79 - Der Herzog und die Jüngerin
Nudeln mit Garnelen, dazu eine cremige Käsesauce und eine Prise frischer Kräuter. Leyla starrte auf ihr Frühstück und seufzte leise. „War ja klar, dass Paul mir so etwas servieren lässt“ , dachte sie missmutig, während sie mit der Gabel in den dampfenden Nudeln herumstocherte. Doch nach dem ersten Bissen musste sie sich eingestehen, dass es tatsächlich köstlich war. Unwillkürlich huschte ein Schmunzeln über ihre Lippen. So gutes Essen aß sie sonst nur in der Kaiserstadt. Das Zimmer, das Paul für sie hatte einrichten lassen, war ebenso luxuriös wie das Frühstück. Ein weiches Himmelbett, edle Möbel und kunstvolle Wandteppiche – der ganze Raum strahlte eine erzwungene Opulenz aus, die ihr ein wenig unangenehm war. Dennoch hatte sie gut geschlafen, bis tief in den Nachmittag hinein. Nach dem Aufstehen hatte sie sich ein langes Bad gegönnt, das ihre Erschöpfung zumindest in Teilen linderte. Nun saß sie in dem weitläufigen Speisesaal des Herzogspalastes und genoss den letzten Bissen ihres Mahls. Paul hatte ihr ausrichten lassen, dass er sie nach dem Essen in seinem Arbeitszimmer empfangen würde. Leyla ließ ihren Blick durch den Saal schweifen. Der Palast von Malyl stand dem Hauptquartier der Kaiserlichen Kopfgeldjäger in nichts nach – beeindruckend und voller Prunk. Überall waren kunstvolle Statuen, vergoldete Wandgemälde und teure Teppiche, die so rein wirkten, als wären sie noch nie betreten worden. „Ein bisschen übertrieben“, murmelte sie, bevor sie sich innerlich ermahnte. Es war Paul. So war er nun einmal. Bevor sie sich zu ihm begab, ging sie ihre Fragen noch einmal durch: Was ist mit Roxy und Liam passiert? Wo sind sie? Was weiß Paul über Regis van Marsten? Was gibt es an wichtigen Informationen über Berje? Und wer, verdammt noch mal, war dieser Donnerkrieger? Leyla lehnte sich zurück, rieb sich zufrieden über den Bauch und streckte sich ausgiebig. „Ahh, das tat gut“, seufzte sie, bevor sie sich aus dem Stuhl erhob. Es wurde Zeit, sich den Antworten zu stellen. Mit entschlossenen Schritten machte sie sich auf den Weg zu Pauls Arbeitszimmer. -------------------------------------------------------------------------- „Hat das Essen dir gemundet?“, fragte Paul, als Leyla in sein Arbeitszimmer trat. Er saß hinter einem schweren Schreibtisch, umgeben von Büchern und Dokumenten. Die Tür stand offen, und Leyla hatte nicht angeklopft – sie war einfach eingetreten. Ihr war klar, dass es manche Adlige gab, denen sie trotz ihrer Position Respekt entgegenbringen sollte, und wenn es nur war um daraus einen Vorteil zu ziehen. Paul de Coteau war kein solcher Adliger. „Ja, es war lecker“, antwortete Leyla knapp, während sie sich im Raum umsah. Die Wände waren mit teuren Gemälden geschmückt, und das Licht der Nachmittagssonne fiel durch hohe Fenster. „Ich habe ein paar Fragen an dich.“ Paul schmunzelte, klappte das Buch in seiner Hand zu und stand auf. Seine Bewegungen waren elegant, fast schon theatralisch. „Wenn mich die zehnte Kaiserliche Kopfgeldjägerin darum bittet, kann ich wohl nicht anders, als sie zu beantworten.“ Leyla warf ihm einen überraschten Blick zu. „Wie? Hast du erwartet, ich würde ablehnen?“ fragte er mit einem schelmischen Grinsen. Das hatte Leyla nicht erwartet. Sie hätte erwartet, dass er eine Gegenleistung fordern würde. „Wobei, eigentlich war er früher auch schon so…“ dachte sie. „Dann würde ich gerne wissen, wo…“ begann Leyla, doch Paul unterbrach sie, bevor sie den Satz beenden konnte. „Lass uns doch etwas durch das Anwesen gehen, während wir uns unterhalten“, schlug er vor und ging bereits an ihr vorbei, ohne auf eine Antwort zu warten. Er schritt fröhlich vor ihr her, als wäre dies ein ganz normaler Spaziergang. Leyla folgte ihm, etwas ungeduldig, und versuchte erneut, ihre Fragen zu stellen. „Weißt du, was mit Liam und Roxy ist?“ Paul hob die Augenbrauen, als würde er über die Namen nachdenken. „Roxy war doch die Rothaarige, oder? Zu der weiß ich nichts.“ Er blieb vor einer großen, gläsernen Fassade stehen und blickte Leyla an. „Was deinen Elfen angeht… Der ist mit einigen Söldnern zur Kaiserstadt aufgebrochen. Wahrscheinlich, um dich zu retten.“ Leylas Herz machte einen Sprung. Liam war losgezogen, um sie zu retten? Einerseits freute sie sich darüber, andererseits wäre es ein Himmelfahrtskommando gewesen. Liam hätte sie niemals befreien können – das wusste sie nur zu gut. ,,„Und wo ist er jetzt?“ fragte sie vorsichtig, zögernd. Paul zuckte mit den Schultern. „Nun, wer weiß? Vielleicht in der Kaiserstadt? Vielleicht aber auch wo ganz anders.“ In seiner Stimme lag eine gewisse Freude, die Leyla nicht übersah, aber sie beschloss, sie zu ignorieren. Zumindest wusste sie jetzt, dass Liam lebte. Das war ein gutes Zeichen, auch wenn sie sich in den letzten Monaten etwas entfremdet gefühlt hatte. „Gut, dann meine nächste Frage“, sagte Leyla und holte tief Luft. „Was kannst du mir über Regis van Marsten verraten?“ -------------------------------------------------------------------------- „Du möchtest was über meinen Vasallen wissen? Wie kommt das?“ fragte Paul verschmitzt. Leyla konnte ihm ansehen, dass er den Grund wahrscheinlich kannte – oder zumindest erahnte. „Das kann ich nicht sagen“, entgegnete sie knapp. Es war ihr nicht verboten, über ihre neue Arbeit zu sprechen, aber sie wollte möglichst wenige Personen hineinziehen – und vor allem Paul auf Distanz halten. „Nun, dann kann ich dir leider auch nichts über den Grafen sagen. Tut mir leid“, sagte Paul mit einem theatralischen Schulterzucken. Leyla ballte die Faust. Seine selbstgefällige Art brachte sie auf die Palme. „Ich habe den Auftrag erhalten, ihn zu töten. Reicht dir das?“ fragte sie zähneknirschend. Paul klatschte in die Hände, als hätte er gerade eine großartige Neuigkeit gehört. „Natürlich tut es das, Leyla.“ Er richtete seinen Blick auf das alte Schloss in der Ferne, das mittlerweile die Magierakademie, das Hauptquartier der Abenteurergilde und die große Bibliothek beherbergte. „Wir sind doch Freunde, da kannst du ruhig offener sein.“ Leyla warf ihm einen bösen Blick zu, doch Paul fuhr ungerührt fort. „Wie dem auch sei. Graf van Marsten ist ein selbstsüchtiger, arroganter Mann. Er tut, was ihm gefällt, und nimmt sich alles, was er begehrt.“ So hatte sich Leyla ihn bereits vorgestellt. Mit den Informationen, die Yang ihr gegeben hatte – und durch die Gefangenschaft, in der sie fast an ihn verkauft worden war –, entsprach dies genau dem Bild, das sie in ihrem Kopf von ihm gezeichnet hatte. „Er hat zwei starke Leibwachen“, fuhr Paul fort. „Einer von ihnen ist ein Oger namens Glorb, die andere ist eine Schattenläuferin namens Jakira.“ „Schattenläuferin?“ wiederholte Leyla. Den Namen hatte sie noch nie gehört. „Die Schattenläufer sind ein fast ausgestorbenes Volk“, erklärte ihr Paul. „Sie können sich lautlos bewegen, im völligen Dunkel sehen, und manche von ihnen können sogar mit Schatten verschmelzen. Nachdem einst ein Schattenläufer den Sohn des Kaisers getötet hatte, wurden sie fast komplett ausgelöscht. Sie werden zwar nicht mehr aktiv verfolgt, trotzdem sind ihre Zahlen so gering, dass man sie so gut wie nie antrifft.“ Leyla wunderte sich, warum sie davon nichts in den Büchern gelesen hatte, die ihr in der Gefangenschaft des Kronprinzen zur Verfügung standen. „Wenn du mir einen Hinweis für meinen Auftrag geben würdest, welcher wäre das?“ fragte sie Paul. „Hmm“, überlegte er kurz. „Du solltest von deiner reinen Stärke her ohne Probleme mit ihnen fertig werden. Allerdings könnte Jakira ein Problem für dich werden.“ Leyla nickte kurz. „Danke, dann weiß ich genug, denke ich.“ Sie hatte schon eine Idee, wie sie mit der Assassine fertig werden könnte. Doch dann stellte sie noch eine letzte Frage, von der sie sich keine Antwort erhoffte, aber es kostete sie schließlich nichts, sie zu stellen. „Ich habe einen Donnerkrieger getroffen, der mit Blitzen geworfen hat. Er hatte Hörner und gelbe Flügel.“ Paul schien einen Moment nachzudenken. Dann erhellte sich sein Gesicht. „Oh, ich glaube, ich weiß, von wem du sprichst. Komm mal mit.“ -------------------------------------------------------------------------- Paul führte Leyla zu einem Raum, der noch prunkvoller wirkte als alle anderen, die sie bisher im Schloss gesehen hatte. Es schien der Empfangsraum des Herzogs zu sein. Ein roter, kunstvoll verzierter Teppich bedeckte den gesamten Boden, und um einen massiven Tisch herum standen Stühle, die mit rotem Samt bezogen waren. Doch das bemerkenswerteste an dem Raum war das große Gemälde an der Wand. Leylas Blick blieb förmlich daran haften. Das Ölgemälde zeigte einen dramatischen Kampf zwischen einem roten Drachen und einem gehörnten Mann mit gelben Flügeln. „Das gibt’s doch nicht…“ murmelte Leyla überrascht, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Ist das derjenige, von dem du gesprochen hast?“ fragte Paul neugierig, während er ihre Reaktion beobachtete. „J-Ja, das ist er“, stammelte Leyla. „Warum gibt es ein Gemälde von ihm?“ Paul schien plötzlich ganz aufgeregt. „Das ist Bläsk, der Erzdämon von Donner und Blitz.“ Ein Erzdämon? Die sollte es doch eigentlich nicht mehr geben – zumindest hatte sie das immer geglaubt. „Und dem bist du begegnet? Sicher?“ fragte Paul ungläubig, als könne er es selbst kaum fassen. In seinem Gesicht blitze etwas auf, das Leyla schwer deuten konnte. Sie nickte langsam und setzte sich auf einen der Stühle. Sie brauchte einen Moment, um Luft zu holen und das alles zu verarbeiten. „Er hat mich fast getötet…“ murmelte sie schließlich. „Er war so unfassbar mächtig…“ Ihre Gedanken rasten. Warum hatte ein Erzdämon sie angegriffen? Er hatte sie eine „Jüngerin“ genannt. Wessen Jüngerin? Hatte er sie verwechselt? Sie musste unbedingt mehr über ihn herausfinden. Wenn er sie noch einmal ohne Vorwarnung angreifen würde, musste sie vorbereitet sein. Sie wollte gerade Paul weiter wegen Bläsk ausfragen, als... –KLIRR– ...plötzlich das große Glasfenster zersprang.
- Kapitel 78 - Ein Weg, der nicht enden will
Leyla befand sich in einem dunklen Raum. Sie konnte sich nicht bewegen und aus ihrem Mund kamen keine Geräusche. Vor ihr befand sich nur ein Tisch, auf dem vier Kerzen standen. Eine rote, eine grüne, eine braune und eine weiße. ,,Wieder dieser Traum? Wieso kommt dieser Traum immer wieder? Wird wieder eine Kerze erlöschen? Was bedeutet das? Warum sind es diesmal vier Kerzen? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum?’’ Erneut versank Leyla in dem Strudel der Fragen. Eine der Kerzen, die rote, erlosch. Leyla riss ihren Mund auf, wollte ihre Fragen in den Raum schreien, doch es war ihr nicht möglich. -------------------------------------------------------------------------- Ein scharfer, verbrannter Geruch stieg Leyla in die Nase und zog sie aus ihrer Bewusstlosigkeit. Langsam öffnete sie ihre Augen, ihr Blick schweifte über den klaren Sternenhimmel, der sich über ihr ausbreitete. Die Nacht war still, nur das leise Rascheln der Blätter im Wind war zu hören. Leyla schluckte trocken und begann, ihren Körper abzutasten. Ihre Schulter war heil, ihre Beine unversehrt. Nur ihr Kopf schmerzte etwas. Sie murmelte verwirrt: „Was zum…“ Plötzlich flackerten Erinnerungen an den Raum mit den Kerzen in ihrem Gedächtnis auf. „Was bedeuten diese Kerzen?“ fragte sie leise, während sie versuchte, die Bilder zu ordnen. Sie ging die Situationen durch, in denen sie diesen Raum betreten hatte. Das erste Mal war im Kampf mit Maegnar gewesen. Damals hatte sie den Raum fast vergessen, doch nach dem zweiten Mal, im Kampf mit Bournadette, waren die Erinnerungen langsam zurückgekehrt. Und nun war es das dritte Mal gewesen. Ein gelb leuchtender Krieger mit Flügeln hatte sie hoch in den Sturm geschleudert und mit einem Blitz getötet. Sie war gestorben, da war sie sich sicher. Aber warum hatte sie wieder überlebt? Es war, als ob etwas – oder jemand – sie am Leben hielt. Sie konnte sich nicht erklären, warum das so war. Warum wurde sie am Leben gehalten? Und wer, oder was, war dafür verantwortlich? „Und was bedeuten diese Kerzen?“ flüsterte sie, während eine dunkle Vorahnung in ihr aufstieg. Als die braune Kerze erloschen war, war Fer gestorben. „Was, wenn die Kerzen für Personen stehen? Für Personen, die mir nahe stehen?“ Leyla musste würgen, als ihr klar wurde, wer dann die rote Kerze gewesen sein musste. „Wenn die braune für Fer und die rote für Roxy standen, für wen stand die gelbe Kerze?“ fragte sie sich verzweifelt. Beim besten Willen fiel ihr niemand ein, der die erste Kerze hätte repräsentieren können. Übersah sie etwas? Oder war ihre Theorie doch falsch? „Was riecht hier eigentlich so verbrannt?“ fragte sie sich laut und sah sich um. Sie lag am Rand eines kleinen Waldstücks, angelehnt an einen verkohlten Baumstamm. Der Baum war von einem Blitz gespalten worden und anscheinend niedergebrannt. Die Luft war erfüllt vom Geruch des verkohlten Holzes. Wo genau war sie? Das hier waren immer noch die Mittellande, so viel erkannte sie. Doch wo? Und wo war Nea? -------------------------------------------------------------------------- Erschöpft rappelte sich Leyla auf. Ihre Kleidung war wiederhergestellt worden, ähnlich wie ihr zerstörter Körper. Alles an Ausrüstung, abgesehen von dem Medallion der Kaiserlichen Kopfgeldjäger, war jedoch verschwunden. Sie blickte sich abermals um, versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Sie musste herausfinden, wo genau sie war. Nea würde auf sich selbst aufpassen können, auch wenn Leyla sie lieber bei sich gehabt hätte. Ihr Auftrag konnte auch erstmal warten. Die meisten der Fragen, die sich ihr stellten, schob sie vorerst beiseite. Jetzt war es wichtiger, ihre Situation unter Kontrolle zu bringen. Ein Stück vom Wald entfernt entdeckte sie eine Sandstraße. Leyla entschied, der Straße in Richtung Süden zu folgen. Sie hatte keine Ahnung, wohin sie führen würde, aber sie musste irgendwo anfangen. Und so betrat Leyla die Straße und lief langsam los. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als sie ein Dorf inmitten von gelben Getreidefeldern erreichte. Es war nicht irgendein Dorf – es war das Dorf Himmel. Leyla blieb stehen und blickte auf die bekannten Häuser. Sie war hier einige Tage mit Roxy, Liam und Fer geblieben, nachdem sie gegen den Stahlbären gekämpft hatte. „Lange ist es her, huh?“ murmelte sie vor sich hin, während Erinnerungen an vergangene Zeiten in ihr aufstiegen. Sie spürte das Bedürfnis, sich auszuruhen, Energie zu tanken, zu schlafen. Doch sie ignorierte das zehrende Gefühl und machte sich auf den Weg zu den Ställen. Es war kein Moment, um zu ruhen. [???] „Guten Tag, junge Frau, kann ich dir helfen?“ Leyla hörte eine freundliche Stimme. Sie drehte sich um und sah den Pferdehändler, der sie von oben bis unten musterte. Dann weiteten sich seine Augen vor Überraschung. „Das gibt's doch nicht! Du bist doch die, die letztes Jahr das schwarze Pferd gekauft hat!“ Leyla musste schmunzeln. Sie hatte nicht erwartet, wiedererkannt zu werden. Gleichzeitig spürte sie ein Stechen in ihrem Herzen. Sie vermisste ihren treuen Begleiter. Ihren Himmel. „Das stimmt“, antwortete sie mit einer leichten Handbewegung. „Ich würde gerne ein Pferd haben. Eines, das möglichst schnell ist.“ Während sie sprach, zog sie das goldene Medaillon hervor, das Zeichen der Kaiserlichen Kopfgeldjäger. Der Verkäufer riss entsetzt die Augen auf und verbeugte sich tief. „Verzeiht mir, Edle Dame. Ich habe nicht gewusst, dass Ihr mittlerweile bei den Kopfgeldjägern seid.“ Viele Leute hatten große Angst vor der Eliteeinheit des Kaisers. Sie durften nahezu alles tun, ohne Konsequenzen zu erfahren. „Es ist alles gut, du hast nichts falsch gemacht“, beruhigte Leyla den Händler. Am liebsten hätte sie ihm gesagt, dass er sich nicht verbeugen sollte. Doch sie wusste, dass sie in ihrer neuen Position eine gewisse Autorität wahren musste. „nun, welches ist dein schnellstes Pferd?“ -------------------------------------------------------------------------- Am Horizont konnte Leyla die vertraute Stadtmauer Malyls erkennen. Sie war ohne eine Pause von Himmel aus losgeritten, und langsam spürte sie, wie die Erschöpfung sie einzuholen begann. Auch ihr Pferd war mittlerweile erschöpft, sein Atem ging schwer, und seine Schritte wurden langsamer. „Bald sind wir da, dann kannst du dich ausruhen“, sprach sie sanft und strich beruhigend über sein Fell. Ihre Stimme war fest, aber sie spürte, wie ihre Kraft nachließ. Als sie schließlich die Stadt erreichte, gab sie als Erstes ihr Pferd bei den Ställen ab. Der Stallbursche nickte respektvoll, als er das goldene Medaillon der Kaiserlichen Kopfgeldjäger sah. Dann machte sie sich auf den Weg zum „Elfenlied“ , dem Stammplatz ihrer alten Gilde „Graue Federn“ . Sie hoffte, dort etwas über Liam und Roxy herauszufinden. Sie wollte daran glauben, dass ihre Theorie falsch war. Dass Roxy nicht tot war und es eine andere Erklärung gab. Doch je näher sie dem „Elfenlied“ kam, desto stärker nagte der Zweifel an ihr. Doch gerade als sie in die Straße einbog, die sie zu ihrem Ziel führte, hörte sie eine vertraute Stimme hinter sich. [???] ,,Hallo Leyla, eine Überraschung, dich hier zu sehen.’’ Leyla musste sich nicht umdrehen, um die Stimme des Mannes zu erkennen – Paul de Coteau. Sie zwang sich, freundlich zu wirken, obwohl sie am liebsten einfach nur ins Bett gefallen wäre. „Ich bin müde, Paul“, erklärte sie erschöpft. „Ich will einfach nur schlafen.“ Sie ging weiter in Richtung „Elfenlied“ , ohne sich umzudrehen. „Dann begleite mich doch zu meinem Anwesen“, antwortete Paul, ihre Ablehnung wie gewohnt ignorierend. „Ich lass dir ein Zimmer einrichten, das einer Kaiserlichen Kopfgeldjägerin angemessen ist.“ Leyla seufzte leise. Wie immer drängte er sich ihr auf, ohne Rücksicht auf ihre Bedürfnisse. Doch sie wusste, dass Paul de Coteau, der Herzog der Mittellande, ihr Zugang zu Informationen verschaffen konnte, die sie sonst nicht so leicht bekäme. „Von mir aus“, murrte sie und folgte ihm widerwillig in Richtung seines Anwesens.
- Kapitel 77 - Ein Fluch der Leben fordert
Der Elf hielt einen kurzen Moment inne. Seine Nervosität ließ seine Finger leicht zittern, und er ballte die Hände zu Fäusten, um sie zu beruhigen. „Komm schon, reiß dich zusammen“, murmelte er sich selbst ermutigend zu. Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, aber sie verriet die Anspannung, die ihn durchzog. Er atmete tief ein, spürte, wie die eiskalte Stadtluft seine Lungen füllte, und klopfte dann entschlossen an die Tür des kleinen Hauses. —KLOPF— —KLOPF— Das Geräusch durchbrach die Stille, und für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. Dann öffnete sich die Tür, und der Mann, den der Elf zuvor gesehen hatte, stand vor ihm. Seine Augen waren schmal, sein Blick misstrauisch. „Was gibt’s?“ fragte er barsch, die Tür nur einen Spalt breit geöffnet. Seine Stimme klang abweisend, und sein Gesichtsausdruck verriet deutlich, dass er keine Lust auf unerwarteten Besuch hatte. ,,Mein Name ist Liam“, sagte er mit fester Stimme, „und ich würde gerne mit Roxy reden.“ Er verspürte den Drang, sich einfach vorbeizuschieben, ins Haus zu stürmen, aber er wusste, dass das alles nur schlimmer machen würde. Also blieb er stehen, die Hände leicht erhoben, um seine friedlichen Absichten zu zeigen. Der Mann runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. „Liam? Roxy? Die Namen sagen mir nichts“, antwortete er knapp und machte Anstalten, die Tür wieder zu schließen. Blitzschnell stellte Liam seinen Fuß in den Türspalt. „Bitte“, sagte er, und seine Stimme wurde dringlicher, „nur einen kurzen Moment. Ich habe Roxy in deinem Wohnzimmer gesehen. Wir kennen uns.“ Der Mann seufzte laut, als wäre dies die lästigste Unterhaltung, die er je geführt hatte. Sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse, doch schließlich öffnete er die Tür wieder, wenn auch widerwillig. „Na gut“, brummte er, „komm rein. Aber ich sag dir von vornherein, dass du enttäuscht sein wirst.“ Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und ging ins Haus, wobei er mit einer ungeduldigen Handbewegung andeutete, dass Liam ihm folgen sollte. - ------------------------------------------------------------------------- Jamall ging langsam zu seinem Sessel und ließ sich schwer in ihn fallen. Sein Blick ruhte auf dem Elfen, der sich ihm als Liam vorgestellt hatte. Dieser Typ bedeutete Ärger, das spürte Jamall sofort. Er lehnte sich zurück, die Beine breit, und musterte den Fremden mit einem skeptischen Blick. „Willst du ein Bier?“ fragte er höflich, aber mit einem Unterton, der deutlich machte, dass er keine wirkliche Einladung aussprach. Der Elf schüttelte nur den Kopf, seine Augen waren starr auf die rothaarige Frau gerichtet, die schweigend in der Ecke saß. „R-Roxy, dir geht es gut…“ stammelte Liam und machte einen Schritt auf sie zu. Seine Stimme zitterte, und seine Hände ballten sich zu Fäusten, als versuchte er, sich selbst zu beruhigen. Die Frau hob den Kopf und sah ihn verwirrt an. „Roxy? Wer soll das sein? Sie müssen mich verwechseln“, sagte sie ruhig, aber mit einem Hauch von Unsicherheit in der Stimme. Liams Augen weiteten sich, und Entsetzen breitete sich in seinem Gesicht aus. „W-Was soll das, R-Roxy…“, stotterte er, als könne er nicht fassen, was er da hörte. Jamall seufzte laut und lehnte sich vor, die Ellbogen auf den Knien abgestützt. „Sie hat ihr Gedächtnis verloren“, erklärte er mit einer perfiden Mischung aus Gleichgültigkeit und leichter Genugtuung. „Schon seit ich sie vor ein paar Wochen bei mir aufgenommen habe.“ Er wollte, dass der Elf endlich begriff, dass er hier nichts zu suchen hatte. Liam starrte Jamall fassungslos an. Langsam ließ er die Schultern sinken, als ob die Last der Erkenntnis gerade begann, ihn zu erdrücken. „Verzeiht mein Stören“, murmelte er leise und drehte sich um, um zu gehen. Jamall stand auf und begleitete ihn zur Tür. „Mach dir nichts draus“, sagte er mit einem Achselzucken. „Es gibt genug andere Frauen da draußen.“ Da fuhr Liam herum, seine Hand schnappte nach Jamalls Kragen und zog ihn nah heran. „Sag das noch einmal…“ drohte er voller Wut. Jamall ließ sich nicht einschüchtern. Er schaute Liam direkt in die Augen, sein Blick war kalt und fest. „Das würde ich an deiner Stelle lassen“, sagte er ruhig, aber mit einem gefährlichen Unterton. „Du hast keine Chance gegen mich.“ Für einen Moment schien der Elf zu überlegen, ob er es darauf ankommen lassen sollte. Seine Finger krallten sich in Jamalls Hemd, doch dann ließ er los. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und verschwand in den dunklen Straßen Kartaffels. - ------------------------------------------------------------------------- Jamall ließ sich erneut in seinen Sessel fallen. Sein Blick wanderte zu der rothaarigen Frau, die wieder schweigend in ihrer Ecke saß. „Scheint jemand aus deiner Vergangenheit zu sein“, sagte er mit einer Stimme, die neutral klang, aber eine leichte Spannung verriet. „Willst du lieber bei ihm sein?“ Die Frau schüttelte den Kopf, fast zu schnell, als wäre die Antwort schon lange in ihr verankert. „Nein“, sagte sie fest, „ich will bei dir bleiben, Jamall.“ Natürlich wollte sie das. Jamall nickte langsam, als würde er eine Entscheidung bestätigen, die er schon vorher getroffen hatte. „Ich werde morgen auf eine lange Reise aufbrechen“, erklärte er, seine Stimme ruhig, aber bestimmt. „Du wirst dann mitkommen müssen.“ „Das macht mir nichts“, antwortete sie ohne zu zögern. „Ich komme gerne mit…“ Sie hielt inne, als würde sie nach den richtigen Worten suchen. Dann fügte sie leise hinzu: „Ich will, dass du mir einen Namen gibst.“ Jamall zögerte einen Moment, seine Augen ruhten auf ihr, als würde er versuchen, etwas in ihrem Gesicht zu lesen. „Wie wäre es mit Lillia?“ schlug er schließlich vor, die Silben langsam aussprechend, als teste er, wie sie klangen. Er beobachtete ihre Reaktion, oder vielmehr das Fehlen einer Reaktion. Stattdessen sah er, wie sich ihre Augen nach oben drehten und ihr Körper schlaff nach vorne fiel, direkt auf den Tisch. Jamall sprang auf, sein Sessel kippte nach hinten, als er zu ihr rannte. „Hey, was ist mit dir?“ rief er, seine Stimme schärfer als gewöhnlich. Er kniete neben ihr nieder, seine Hände griffen nach ihren Schultern, um sie aufzurichten. Auch wenn Jamall es nicht zugeben wollte. Auch wenn er es nicht wahrhaben wollte. Er hatte die Frau ins Herz geschlossen. Zum ersten Mal in seinem langen, einsamen Leben hatte er jemanden gefunden, der ihm etwas bedeutete. Und jetzt, in diesem Moment, spürte er, wie etwas in ihm zerbrach. Er zog sie in eine aufrechte Position und prüfte ihren Puls. Seine Finger drückten gegen ihre Haut, aber er spürte nichts. Kein Herzschlag, kein Leben. „Tot…“ stellte Jamall fest, seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Er fühlte, wie ihn seine Kraft verließ, als ob alle Energie aus seinem Körper wich. Langsam sank er neben ihr auf den Boden, die Augen geschlossen, als versuchte er, die Realität auszusperren. Doch dann, fast wie von selbst, stand er wieder auf. Seine Hand griff nach dem Schwert, das an der Wand lehnte, und er ging zur Tür. Seine Bewegungen waren ruhig, aber entschlossen. Er würde den Elf finden. Er war sich sicher, dass Liam etwas damit zu tun hatte. - ------------------------------------------------------------------------- Liam saß in einer dunklen Ecke der Taverne, ein halbleerer Krug Bier vor sich. Eigentlich hatte er sich mit Theol, Ralf und einigen Mitgliedern der Gruppe „Schwarzer Stern“ treffen wollen, aber jetzt brauchte er Zeit für sich. Zeit, um nachzudenken. Um zu vergessen. „Leyla ist eine Kopfgeldjägerin, huh?“ grübelte er vor sich hin, seine Gedanken bereits trüb vom Alkohol. „Roxy hat ihre Erinnerungen verloren, und Fer ist tot…“ Die Zeit, die er einst als die beste seines Lebens bezeichnet hatte, war längst Vergangenheit. Er war als letzter übrig geblieben. Und was nun? Was sollte er jetzt tun? Plötzlich flog die Tür der Taverne mit einem lauten Krachen auf. Liam schenkte dem keine Beachtung. Er war zu sehr in seinen Gedanken versunken, um sich um den Lärm zu kümmern. ,,Was soll das Jamall? Du kannst hier nicht einfach randalieren!’’ rief der Wirt wütend, seine Stimme überschlug sich fast vor Empörung. „Liam, da bist du, du Scheißkerl!“ brüllte eine tiefe, zornige Stimme. Liam hob langsam den Kopf und blickte in die Richtung des Mannes, der da stand. Es war der Alte, bei dem Roxy gewesen war. „Du heißt also Jamall?“ fragte Liam mit einer Stimme, die müde und gleichzeitig gereizt klang. „Was willst du? Mir nochmal unter die Nase reiben, dass Roxy bei dir ist?“ „Du wagst es noch, über sie zu sprechen?“ fauchte Jamall, sein Gesicht war vor Wut verzerrt. Mit einer schnellen Bewegung zückte er sein Schwert und stürzte auf Liam zu. Liam rollte sich zur Seite, gerade noch rechtzeitig, um dem Angriff zu entgehen. Er zog seine eigene Klinge, die Hand fest um den Griff geschlossen. Die beiden Männer standen sich nun gegenüber, ihre Blicke gefüllt mit Misstrauen und Zorn. Was wollte dieser Mann von ihm? Was hatte er getan, um Jamall so wütend zu machen? Liam stürzte vorwärts, sein Schlag zielte auf Jamalls Bein. Er wollte ihn nicht töten, nur außer Gefecht setzen. Doch Jamall parierte den Angriff mühelos und versetzte Liam einen harten Tritt in die Magengrube. Liam flog rückwärts, knallte gegen ein Weinfass, das durch den Aufprall zerbrach. Roter Wein goss sich über ihn, als er versuchte, sich aufzurappeln. Doch bevor er sich wieder aufrichten konnte, packte Jamall ihn und schleuderte ihn gegen die Wand. „Du hast Roxy getötet, gib’s zu!“ brüllte Jamall, seine Augen funkelten vor Zorn. Er rammte sein Schwert direkt neben Liams Kopf in die Holzwand. „Du warst sauer, weil sie sich nicht mehr an dich erinnern konnte!“ Liam starrte ihn an, verwirrt und erschrocken. „Roxy ist tot?“ fragte er beklommen, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. Sein Schwert fiel klirrend aus seiner Hand auf den Boden. ,,Und ich soll sie getötet haben?’’ „Ja“, fauchte Jamall, „wie soll sie sonst auf einmal gestorben sein?“ „Warte…“ Liams Stimme wurde noch leiser, als eine böse Vorahnung in ihm aufstieg. „Wie genau ist sie gestorben?“ „Sie ist einfach tot zusammengesackt“, antwortete Jamall, seine Stimme zitterte jetzt leicht. „Von einem auf den anderen Moment war sie einfach tot…“ Er zog die klinge aus der Wand, und Liam konnte sehen, wie auch seine Hände zitterten. „Ich glaube, ich weiß, warum sie tot ist…“ wisperte Liam, während ihn ein eiskaltes Entsetzen durchfuhr. - ------------------------------------------------------------------------- Nachdem sie sich beruhigt hatten, bezahlte Jamall den Wirt für die Schäden in der Taverne. Die beiden Männer setzten sich an einen abgelegenen Tisch, jeder von ihnen tief in ihre eigenen Gedanken versunken. Dann begann Liam zu erzählen. Jamall hörte Liam schweigend zu, während dieser von der Gilde „Graue Federn“ erzählte, die er mit Roxy, einer jungen Frau namens Leyla und einem Zwerg namens Fer gegründet hatte. Liam schien viele Details auszulassen, aber Jamall drängte nicht. Es war ihm egal, solange er die Wahrheit über Roxys Tod erfahren würde. „...und bei dem letzten Auftrag gab es einen Moment, in dem es so wirkte, als wäre Leyla getötet worden“, erzählte Liam, seine Stimme war ruhig, aber mit einem Unterton von Unsicherheit. „Sie war definitiv tot, aber einen kurzen Moment später stand sie wieder auf, unversehrt.“ Er nahm einen Schluck Bier, als bräuchte er eine Pause, bevor er fortfuhr. „Statt ihr war Fer, der eigentlich unversehrt war, tot. Er ist genauso zusammengebrochen, wie Roxy laut dir.“ Jamall musste schlucken. Langsam begann er zu verstehen, was Liam ihm sagen wollte. „Also meinst du, dass, wenn Leyla stirbt, stattdessen jemand, der ihr nahe steht, stirbt?“ fragte er skeptisch. Der Gedanke war absurd. Eine solche Magie konnte es nicht geben, da war Jamall sich sicher. „Das ist die einzige Erklärung, die ich habe“, antwortete Liam und leerte seinen Krug. Als der Wirt ihm nachschenken wollte, lehnte er mit einer Handbewegung ab. Seine Miene war ernst. „Wer ist diese Leyla denn eigentlich? “ fragte Jamall nachdenklich. Liam hatte kaum etwas über sie erzählt. Generell schien er viele Details über seine Freunde auszulassen. Liam schaute Jamall gequält an, als würde er einen inneren Kampf führen. Nach einem kurzen Moment begann er zu antworten. „Ich habe Leyla verletzt in einem Waldstück gefunden“, sagte er langsam, als würde er jedes Wort abwägen. „Wir haben uns angefreundet und sind zusammen durch die Mittellande gezogen. Zwar hat sie sich stetig verbessert, aber vor der Sache mit Fer war sie nicht besonders stark.“ Er hielt inne, und Jamall konnte den Schmerz in seinen Augen erkennen. „Dann wurden wir getrennt“, fuhr Liam fort, seine Stimme wurde leiser, „und Leyla wurde von Bournadette Lacroix entführt. Sie wurde in die Kaiserstadt gebracht.“ Liams Stimme versagte, und er schloss kurz die Augen, als würde er versuchen, die Erinnerungen zu verdrängen. „Ich wollte sie retten“, flüsterte er, „doch in der Kaiserstadt habe ich mit angesehen, wie sie zur Kaiserlichen Kopfgeldjägerin geworden ist. Sie ist in so kurzer Zeit so viel stärker geworden…“ Jamall verengte seine Augen. Er hatte keinen Respekt vor den Kaiserlichen Kopfgeldjägern, aber er wusste, dass sie über unerklärliche Fähigkeiten verfügten. „Liam“, sagte er schließlich, seine Stimme war ungewöhnlich sanft, „es tut mir Leid, wie ich mit dir geredet habe.“ Liam winkte ab. „Nein, du hattest jedes Recht dazu“, antwortete er müde. „Ich glaube, ich habe dieses Gespräch gebraucht.“ Jamall zog den Schlüssel zu seinem Haus aus der Tasche und warf ihn Liam zu. „Hier“, sagte er, „du kannst mein Haus haben. Ich werde Kartaffel sowieso verlassen.“ Ohne ein weiteres Wort stand er auf und verließ die Taverne. - ------------------------------------------------------------------------- Auch Liam stand nun auf, sein Körper fühlte sich schwer an, als würde ihn die Last seiner Gedanken nach unten ziehen. Er ging langsam zum Ausgang der Taverne, die kalte Nachtluft schlug ihm entgegen, als er die Tür öffnete. Er hatte vor, jetzt zu Theol und Ralf zu gehen, sich zu entschuldigen und dann nach vorne zu blicken. Er hatte begriffen, dass er sich mies verhalten hatte – nicht nur in den letzten Tagen und Wochen, sondern schon lange davor. Er hatte Leyla unterschätzt. Nein, das stimmte nicht ganz. Er hatte sie bewusst klein halten wollen, aus Angst, aus Unsicherheit, aus was auch immer. Jetzt erkannte er, wie falsch das gewesen war. „Ich bin schon ein Idiot…“ murmelte er vor sich hin, während er die verschneite Straße entlangschritt. Seine Schuhe hinterließen Abdrücke im Schnee, die schnell wieder von den fallenden Flocken bedeckt wurden. Leylas vermutliche Fähigkeit machte ihm Angst. Es war gut möglich, dass er irgendwann selbst ihr Opfer werden würde. Doch das nahm er in Kauf. Es war ein Risiko, das er bereit war zu tragen, denn er hatte eine Entscheidung getroffen. Er blieb stehen und blickte in den verschneiten Himmel, als würde er dort nach Antworten suchen. „Ich werde verhindern, dass deine Fähigkeit nochmal aktiviert wird“, erklärte er mit fester Stimme, die in der stillen Nacht deutlich zu hören war. „Ich werde diese Welt zu einem Ort machen, an dem du nicht noch einmal sterben wirst.“ -------------------------------------------------------------------------- Jamall blieb stehen und ließ seinen Blick über die Festungsstadt Kartaffel schweifen, die so lange sein Zuhause gewesen war. Die vertrauten Türme und Mauern ragten in den dunklen Himmel, als würden sie ihn zum Bleiben auffordern. Doch er wusste, dass er gehen musste. Nach Süden, weit über die Grenzen des Kaiserreichs hinaus, wo ein besonderer Mann auf ihn wartete. Er hatte seinen Weg für Roxy – oder war es Lillia gewesen? – verlassen. Doch jetzt, da er mit klarem Blick zurückdachte, spürte er eine Entschlossenheit, die ihn fast überwältigte. Es war, als hätte er seinen Weg verlassen müssen, um das Ende erreichen zu können. „Ich bin schon ein Idiot…“ murmelte er leise, während er seine Kapuze tiefer ins Gesicht zog. Die Kälte der Nacht kroch unter seinen Mantel, aber sie war ihm vertraut. Er war härtere Nächte gewöhnt. Doch was ihn wirklich frösteln ließ, war die Fähigkeit der Kopfgeldjägerin. Dieser Fluch, der Leben forderte, nur weil ein anderer gestorben war. Es war widernatürlich, ungerecht – ein Makel auf der Welt, den er nicht hinnehmen konnte. Er blieb stehen und blickte in den verschneiten Himmel, als würde er dort nach Antworten suchen. „Ich werde verhindern, dass diese Fähigkeit nochmal aktiviert wird“, erklärte er mit fester Stimme, die in der stillen Nacht deutlich zu hören war. „Ich werde das Schwert der fünf Monde erreichen und dann werde ich sie töten.’’
- Kapitel 76 - Eine Blume aus der Endlosen Wüste
Das Herzogtum Kries, im Südosten des Kontinents gelegen, war ein Ort, an dem die Zukunft der Menschen oft schon bei ihrer Geburt entschieden war. Hier schien das Leben selbst in der unbarmherzigen Umarmung der Wüste eingeschlossen zu sein. Die Endlose Wüste, die fast das gesamte Herzogtum bedeckte, ließ nur wenig Raum zum Überleben. Nur an den verstreuten Oasen lagen kleine Menschensiedlungen, wie zerbrechliche Inseln in einem Meer aus Sand und Hitze. Diese Oasen waren die Lebensadern der Region, doch sie konnten nur wenige ernähren. Die Menschen lebten in ständiger Unsicherheit. Die Kaiserstadt schenkte der Region kaum Beachtung, und so war das Leben ein Kampf, von Tag zu Tag, von Regenzeit zu Regenzeit. Für die meisten war ein Leben in Armut unausweichlich. Die Kindersterblichkeit war hoch, und selbst wer die ersten Jahre überlebte, hatte wenig Aussicht auf eine bessere Zukunft. Junge Erwachsene, erfüllt von Träumen und Hoffnung, versuchten immer wieder, der Wüste zu entkommen. Ihr Ziel waren die blühenden Handelsstädte im Westen, wo das Leben leichter schien. Doch nur wenige überstanden die beschwerliche Reise. Deshalb blieben die meisten in den kleinen Dörfern, in denen sie geboren worden waren, gefangen in einem Kreislauf aus Entbehrung und Resignation. Eines dieser Dörfer war Kanorn. Kanorn lag im Süden des Herzogtums, geschützt im Zentrum dreier Oasen. Das Klima war milder als in anderen Teilen der Wüste, und in der Nähe wuchs eine reiche Ansammlung von Krautkakteen – eine der wenigen Nahrungsquellen, die die Wüste bot. Das Leben war eintönig, aber es war erträglich. Die Menschen lebten von dem Wasser der Oasen, dem Fleisch der Kakteen und der wenigen Tiere, die in dieser lebensfeindlichen Region existieren konnten. Kanorn war ein Ort, an dem die Bewohner sich an die harten Bedingungen der Natur angepasst hatten, wo sie einander halfen, um gemeinsam zu überleben. Hier war das Leben ein Balanceakt, der auf jeder Seite von der Wüste bedroht wurde. - ------------------------------------------------------------------------- Es war ein heißer Tag in Kanorn, und die Sonne brannte erbarmungslos auf das Dorf hinunter. Die Bewohner lagen in ihren Häusern oder im Schatten der Palmen, um der Hitze zu entfliehen. Die Luft flimmerte über dem staubigen Sandboden, und selbst die Palmen schienen unter der Last der Hitze zu seufzen. [???] ,,Großvater, hast du’s schon gehört? Heute soll ein Händler aus Welldyl durch das Dorf kommen!’’ Der alte Mann öffnete langsam seine Augen und richtete seinen müden Blick auf seine aufgeregten Enkeltochter. Er lag gegen eine Palme gelehnt, sein Gesicht von den Jahren gezeichnet, und hatte bis eben seinen Mittagsschlaf gehalten. Sein Atem war schwer, als ob selbst das Atmen anstrengend wäre. „Lass mich schlafen, Taliba“, murrte er mit rauer Stimme und machte eine wegwischende Geste mit der Hand, als wollte er das Mädchen vertreiben. Seine Bewegungen waren träge, aber bestimmt. „Aber Großvater, wir werden endlich wieder neue Waren erhalten“, drängte Taliba, ihre Stimme vor Vorfreude bebend. „Neue Kleidung, Früchte und Ausrüstung!“ Sie kniete sich neben ihn und begann, an seinem Bein zu rütteln, als könnte sie ihn so aus seiner Lethargie reißen. Der Mann stieß sie unsanft weg und drehte sich zur Seite, sein Gesicht verfinsterte sich. „Du bist doch nur so aufgeregt, weil du hoffst, dass er dich mitnimmt“, sagte er mit einem Unterton von Verachtung und Sorge. „Das stimmt nicht!“ protestierte sie heftig, ihre Wangen erröteten sich vor Empörung. „Ich will nur von seinen Geschichten hören. Ich will wissen, wie es in den großen Städten ist!“ Jetzt rappelte sich ihr Großvater auf, seine Augen funkelten voller Zorn und… Traurigkeit. „Du wirst dieses Dorf nicht verlassen!“ rief er mit einer Stimme, die vor Emotionen bebte. „Beide deine Eltern sind dem gleichen Traum hinterhergejagt.“ Die Faust traf Taliba mitten ins Gesicht, und sie fiel unsanft zu Boden. Tränen stiegen ihr in die Augen, und sie presste die Hand gegen ihre Wange. „Jetzt geh mir aus den Augen!“ brüllte er. „Bleib im Haus, du wirst nicht mit dem Händler reden, haben wir uns verstanden?“ Taliba schluckte ihre Tränen hinunter, stand auf und ging mit gesenktem Kopf ins Haus. „Das ist so unfair…“ schluchzte sie, als sie sich auf ihr Bettlager warf. Ihre Hände gruben sich in die groben Decken. Doch dann hörte sie, wie es draußen lauter wurde. Stimmen mischten sich mit dem Klirren von Waren und dem Lachen der Dorfbewohner. Der Händler war da. - ------------------------------------------------------------------------- Leise schlich Taliba aus dem Haus. Ihr Herz pochte so laut, dass sie fürchtete, es könnte sie verraten. Vorsichtig warf sie einen Blick zu ihrem Großvater, der einige Meter weiter unter der Palme lag, sein Atem ruhig und gleichmäßig. Sie zögerte einen Moment, dann rief sie mit gedämpfter Stimme: „Großvater?“ Ihre Worte waren laut genug, dass er sie hören konnte, wenn er wach war, aber leise genug, um ihn nicht zu wecken, falls er bereits eingeschlafen war. Sie wartete angespannt auf eine Reaktion, doch als keine kam, atmete sie erleichtert auf und lief in Richtung der Stimmen, die aus dem Zentrum des Dorfes drangen. Einige Leute hatten sich um einen großgewachsenen Mann versammelt, der im Schatten einer alten Palme saß. Er war fast vollständig in Tücher gehüllt, nur sein Mund, der zu einem freundlichen Lächeln verzogen war, und seine kräftigen, verstaubten Hände waren sichtbar. Hinter ihm stand ein Karren, der von zwei Wüstenhörnern gezogen wurde. Wüstenhörner waren eine besondere Art von Pferden, die in der glühenden Hitze der Wüste überleben konnten. Ihr magisches Horn kühlte ihren Körper stark ab und stillte teilweise ihren Wasserbedarf. Sie waren bei Händlern und Reisenden in der Wüste sehr beliebt. Auf dem Karren stapelten sich die Waren des Mannes: Kisten mit exotischen Früchten, bunten Kleidern und anderen Schätzen, die die Neugier der Dorfbewohner weckten. Taliba schlich sich von hinten an den Karren heran, bemüht, kein Geräusch zu machen, das die Aufmerksamkeit auf sie lenken könnte. Schnell und unauffällig kletterte sie auf den Wagen und schlüpfte unter einen Berg aus Decken. Dort blieb sie regungslos liegen, ihr Atem flach, doch ihr Herzschlag ging schnell. Nach einigen Stunden, in denen die Dorfbewohner ihren Wissensdurst gestillt und ihre Vorräte aufgefüllt hatten, setzte sich der Wagen ratternd in Bewegung. Taliba musste sich zurückhalten, um nicht in Jubel auszubrechen. Seit ihre Eltern ihr von den grünen Landen im Westen, den großen Städten und dem köstlichen Essen erzählt hatten, hatte sie davon geträumt, diesem trostlosen Leben zu entfliehen. Vor einigen Jahren waren ihre Eltern aufgebrochen, in Richtung Welldyl, und hatten Taliba bei ihrem Großvater zurückgelassen. „Wartet nur, Papa, Mama“, flüsterte sie unter den Decken, ihre Stimme kaum hörbar trotz der Aufregung. „Ich werde zu euch kommen!“ - ------------------------------------------------------------------------- Alles in Talibas Kopf drehte sich. Die Hitze der Nachmittagssonne, das fehlende Trinken und das Gewicht der Decken, das auf sie drückte, wurden ihr langsam zu viel. Ihr Mund war trocken, und ihr Kopf fühlte sich mit jedem Herzschlag schwerer an. Was sollte sie jetzt tun? Sie hatte geplant, bis Welldyl versteckt zu bleiben, aber langsam hielt sie es nicht mehr aus. Vorsichtig krabbelte sie unter den Decken hervor und blickte in das fast vollständig bedeckte Gesicht des Händlers. Seine Augen musterten sie mit einer Mischung aus Überraschung und Neugier. „Wer bist du? Und was machst du in meinem Wagen?“ fragte er. Seine Stimme war rau, aber Taliba konnte auch einen Hauch von Freundlichkeit und Sorge darin erkennen. „Ähm…“ stammelte Taliba. Was sollte sie jetzt sagen? Ihre Gedanken rasten, während sie versuchte, eine plausible Erklärung zu finden. „Sag bloß, du bist aus Versehen in den Wagen geklettert?“ fragte der Händler und schüttelte den Kopf. „Soll ich nochmal umdrehen und sie zurückbringen?“ sprach er, offensichtlich mehr zu sich selbst als zu Taliba, und kratzte sich nachdenklich am Kopf. „Ich will mit nach Welldyl kommen!“ platzte es aus Taliba heraus. Dann fügte sie leiser hinzu, fast flehend: „Kann ich bitte mit nach Welldyl kommen?“ Der Händler hielt einen kurzen Moment inne, als würde er ihre Worte abwägen. Doch dann brach er in Gelächter aus. „Nach Welldyl? Du? Wie alt bist du, zehn?“ fragte er grinsend und zog sich die Tücher vom Kopf. Ein vernarbtes Gesicht kam zum Vorschein, und seine Augen leuchteten ihr neugierig entgegen. „Ich bin vierzehn!“ rief Taliba empört. „Meine Eltern sind in Welldyl, ich will zu ihnen…“ Der Mann schüttelte den Kopf, immer noch ungläubig. „Und da kletterst du einfach in den Wagen eines Fremden? Was, wenn ich ein schlechter Mensch wäre? Was, wenn ich nicht genug Essen dabei hätte?“ Das hatte Taliba nicht bedacht. Sie senkte den Blick und murmelte: „Naja, aber du hast so freundlich gelächelt…“ „Jetzt hör mal zu“, sagte der Händler ernst. „Nicht jeder, der freundlich wirkt, ist es auch.“ Er ließ seinen Blick über Taliba wandern, als würde er ihre Entschlossenheit prüfen. Schließlich seufzte er. „Na gut, von mir aus. Ich nehme dich mit nach Welldyl.“ „Da…“ begann Taliba, doch der Händler sprach weiter. „Aber pass auf: Auf dem Weg werden wir in einigen Dörfern Halt machen. Da musst du dich versteckt halten, verstanden?“ Taliba nickte eifrig, ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie würde bald ihre Eltern wiedersehen! „Noch etwas“, sagte der Mann und schenkte ihr ein knappes Lächeln. „Wie ist dein Name?“ „Taliba“, antwortete sie. „Und wie heißt du?“ ,,Freut mich Taliba. Ich bin Nadeem.’’ - ------------------------------------------------------------------------- „Du kannst wieder herauskommen, Taliba“, sagte Nadeem mit weicher Stimme. Als Taliba sich unter den Decken hervorarbeitete, hielt er ihr einen Schlauch mit Wasser und eine grüne, ihr unbekannte Frucht hin. Seine Augen waren noch immer freundlich, aber auch ein wenig besorgt. „Danke“, murmelte sie und trank gierig aus dem Schlauch. Das kühle Wasser erfrischte ihren trockenen Hals, und sie spürte, wie ihre Kraft langsam zurückkehrte. Die beiden waren mittlerweile mehrere Monate unterwegs – eine viel längere Zeit, als Taliba gedacht hatte. Sie war von ein bis zwei Tagen ausgegangen. Die Wüste war einer trockenen Steppe gewichen, und sie hatten am Morgen den Sangfluss überquert, der vom Norden in das Meer floss, und im Süden mündete. Die Landschaft hatte sich verändert, und Taliba spürte, dass sie ihrem Ziel immer näher kam. „Heute Nacht kommen wir dann in Welldyl an“, sagte Nadeem und tätschelte ihren Kopf, bevor er sich auf den Kutschersitz setzte. „Weißt du, wo du dann deine Eltern finden kannst?“ „Ne, das nicht“, antwortete Taliba mit vollem Mund, während sie genüsslich an der grünen Frucht kaute. „Aber ich bin mir sicher, das wird schon. Ich werde einfach alle Häuser absuchen.“ Nadeem seufzte und schüttelte den Kopf. „Hör mal, Taliba. Du kannst nicht einfach jedes Haus durchsuchen, das ist verboten.“ Er sah sie ernst an, als wollte er sichergehen, dass sie ihn verstand. „Welldyl ist auch viel zu groß dafür.“ „Wirklich?“ fragte Taliba skeptisch. In Kanorn konnte man einfach in die Häuser reinschauen. Warum sollte das in Welldyl nicht auch so sein? „Ja, wirklich“, bestätigte Nadeem mit Nachdruck. „Ich lass mir schon was einfallen!“ verkündete Taliba dennoch zuversichtlich. Die Wüste zu durchqueren war der erste Schritt gewesen – was würde da eine Stadt schon noch ausmachen? - ------------------------------------------------------------------------- Nach einigen Stunden kamen die beiden bei einem weiteren Fluss an. Die Sonne stand tief am Himmel und tauchte das Wasser in ein goldenes Licht. „Von hier aus reiten wir nach Süden, entlang des goldenen Flusses“, erklärte Nadeem, während er erschöpft auf den Kutschersitz zurückfiel. „Und dann sind wir schon in Welldyl.“ Taliba beobachtete begeistert die Schiffe, die auf dem breiten Fluss entlangfuhren. Sie konnte kaum das andere Ufer erkennen, so weit war es entfernt. Die Welt schien hier so viel größer und lebendiger zu sein als in ihrem kleinen Dorf. Einige weitere Stunden vergingen, mittlerweile war es dunkel geworden, und langsam begann sich vor ihr eine riesige Stadt abzuzeichnen. Die Häuser ragten in den Himmel, deutlich höher als alles, was sie je gesehen hatte, und Menschenmassen strömten über die Straßen. Der Lärm, die Gerüche und die Farben überwältigten sie. „So groß…“ flüsterte Taliba, ihre Augen weit aufgerissen vor Staunen. Der Wagen hielt an, und Nadeem sprang herunter. „Warte kurz, ich komme gleich wieder“, sagte er, bevor er zu einem Mann ging, der Pfeife rauchend gegen eine Wand gelehnt stand. Taliba rückte etwas näher, um das Gespräch belauschen zu können. Ihre Neugier siegte über die Müdigkeit, die sie bat, sich auszuruhen. „Gute Neuigkeiten, Igor“, hörte sie Nadeem sagen. Seine Stimme hatte einen ganz anderen Klang, als sie von ihm gewohnt war – kalt und geschäftsmäßig. „Ich hab dir was Besonderes mitgebracht.“ „Wenns wieder ne Halskette oder son Dreck ist, will ichs nicht haben“, knurrte Igor. Seine Stimme war grob und rau, und Taliba spürte, wie ein kalter Schauer über ihren Rücken lief. „Ich hab dir ein Mädchen mitgebracht, gerade einmal vierzehn“, entgegnete Nadeem. Talibas Atem stockte. Was redete Nadeem da? Ihr Herz begann zu rasen, und sie spürte, wie sich Angst in ihr ausbreitete. „Ein Mädchen? Das is mal n gutes Geschenk. Kann ich sie sehen?“ fragte Igor mit einem hämischen Grinsen. ,,Natürlich, komm mit.’’ Die Schritte der beiden kamen dem Wagen immer näher. Taliba zitterte am ganzen Körper und traf eine Entscheidung. Sie sprang vom Wagen herunter und rannte los, ohne sich umzusehen. „Hey, bleib hier!“ rief Nadeem ihr hinterher. Doch bevor sie weit kam, packte eine starke Hand sie an der Schulter und riss sie brutal zurück. Igors andere Hand presste sich auf ihren Mund, und ein ekliger Geschmack von Tabak und Urin drang in ihren Mund. Taliba würgte und versuchte, sich zu befreien, aber ihre Kräfte reichten nicht aus. Sie wurde in eine enge Seitengasse geschleift und zu Boden gestoßen. Als sie aufblickte, sah sie Nadeem über sich stehen. Er lächelte sie an, allerdings wirkte er nicht wie gewohnt freundlich. Sein Lächeln war kalt und grausam. „Ich hab doch gesagt, nicht jeder, der freundlich wirkt, ist auch ein guter Mensch.“ - ------------------------------------------------------------------------- Taliba zitterte am ganzen Körper, während Igor sich langsam über sie beugte. Sie versuchte, sich wegzudrehen, doch er packte sie fest am Kinn und zwang ihr einen Kuss auf. Der aufgezwungene Kuss war ekelhaft, und Taliba spürte, wie Tränen in ihre Augen stiegen. Seine andere Hand glitt unter ihr Hemd und wanderte langsam ihren Bauch hinauf. Sie fühlte sich hilflos, wie in einem Albtraum, aus dem sie nicht erwachen konnte. Warum geschah ihr das? War das die Strafe dafür, dass sie nicht auf ihren Großvater gehört hatte? Sie schloss ihre Augen und gab es auf, sich zu wehren. In diesem Moment spritzte eine warme Flüssigkeit in ihr Gesicht, und das schmerzerfüllte Schreien von Igor riss sie aus ihrer Resignation. Sie öffnete die Augen und sah einen schlanken, hochgewachsenen Mann mit langen blonden Haaren neben sich stehen. Er trug schwarze Kleidung, und in seiner Hand hielt er eine lange Axt, deren Blatt rot triefte. Igor lag vor ihr auf dem Boden, und Blut breitete sich unter ihm aus. Taliba wollte flüchten, doch dann erblickte sie die abgetrennten Hände des Mannes, der sie gerade noch angefasst hatte. Sie schrie erschrocken auf, als Nadeem sie plötzlich hochriss. Er drückte ein Messer gegen ihren Hals, seine Hand zitterte stark. Der Mann mit der Axt hatte sich ihnen zugewandt und ging langsam auf sie zu. Seine Bewegungen waren ruhig und bedrohlich zugleich. „I-Ich warne dich…“ rief Nadeem mit zitternder Stimme. „Wenn du näher kommst, b-bringe ich sie um!“ Der Mann antwortete nicht. Stattdessen griff seine linke Hand unter seinen Mantel und schleuderte mit einer schnellen Bewegung einen Dolch auf Taliba und Nadeem. Der Dolch flog haarscharf an Taliba vorbei und bohrte sich in Nadeems Hals. Nadeems Messer fiel klirrend zu Boden, und er sackte ohne ein weiteres Wort zusammen. Taliba starrte verzweifelt auf die Leichen. „B-Bitte nicht…“ schluchzte sie, während Tränen Igors Blut von ihrem Gesicht wuschen. „Hab keine Angst, Mädchen“, sagte der Mann mit harter Stimme. „Mein Name ist Leonhardt, und ich habe nicht vor, dir wehzutun.“ Seine Worte waren kühl und ohne jede Spur von Freundlichkeit, aber für Taliba klangen sie ehrlich. Von der Erschöpfung übermannt, sackte Taliba zu Boden, doch Leonhardt fing sie mühelos auf. „Ich bringe dich erstmal in die Gaststätte“, sagte er ruhig. „Dort kannst du in Ruhe schlafen.“
- Kapitel 75 - Wenn Winde zu Stürmen werden
Der Dreispitzenpass schlängelte sich wie ein dünnes Band durch die gewaltigen Berge. Leyla konnte ihr Staunen kaum unterdrücken. Jeder Blick auf die schroffen Felsen, die schneebedeckten Gipfel und die tiefen Täler, ließ sie aufs Neue begeistert aufatmen. Die Larifen waren in ihren Augen noch beeindruckender als der Teil der Hamalien, den sie einst bereist hatte. Die malerische Schönheit der Berge erfüllte sie mit einem Gefühl von Ehrfurcht und Abenteuer. „Ein Sturm zieht auf“, bemerkte Nea, die im Schneidersitz auf Zenit saß und den klaren Himmel musterte. „Aber wir sollten bis dahin die Mittellande erreicht haben.“ „Meinst du?“ fragte Leyla skeptisch. „Bisher sind doch kaum Wolken zu sehen.“ „Da kannst du mir vertrauen, ich kenn mich damit aus!“ antwortete Nea selbstbewusst und streckte ihr zur Bestätigung ihren erhobenen Daumen entgegen. Leyla ließ ihren Blick über den Himmel schweifen. Der Himmel war grau-blau, nur vereinzelt von weißen Wolken durchzogen, die wie zarte Schleier am Firmament hingen. Es war ein warmer Tag, und die wenigen Vögel, die in diesen Höhen lebten, sangen ihre melodischen Lieder. Die Ruhe der Natur war fast schon beruhigend, dennoch vertraute sie Neas Worten. „Wie kämpfst du eigentlich?“ fragte Leyla plötzlich, während sie ihre Freundin musterte. Es war seltsam, dass sie sich noch nie darüber unterhalten hatten, obwohl sie schon so vertraut waren. „Indem ich stärker bin, natürlich!“ verkündete Nea mit einem breiten Grinsen. Sie musste Leylas Augenrollen bemerkt haben, denn sie fügte hinzu: „Gegen die meisten kämpfe ich mit purer Kraft. Gegen die wenigen, die respektable Gegner sind, benutze ich entweder Feuer-, Wasser- oder Windmagie.“ „Du beherrscht drei Elemente?“ fragte Leyla, ihre Stimme voller Begeisterung. Liam hatte ihr einmal erklärt, dass nur die wenigsten Magier mehr als ein Element beherrschten. Selbst er, der Feuer-, Licht- und Wassermagie nutzen konnte, war nur auf dem Gebiet der Feuermagie wirklich geübt. „Ne, beherrschen tu ich alle sechs Grundelemente“, antwortete Nea beiläufig, als wäre dies das Normalste auf der Welt. Leyla konnte kaum glauben, was sie da hörte. „Nun, wahrscheinlich ist es auch genau das in ihren Augen“ , dachte sie. „Das heißt Feuer-, Wasser- oder Windmagie sind deine stärkeren?“ fragte Leyla nach, immer noch fasziniert. „Am stärksten ist meine Lichtmagie“, erklärte Nea stolz. „Meine Erdmagie und Schattenmagie sind dafür nicht ganz so stark.“ Ihre Augen glitzerten, als sie davon sprach, und Leyla konnte spüren, wie viel Freude es ihr bereitete, ihre Fähigkeiten zu teilen. Leyla war beeindruckt, doch gleichzeitig spürte sie einen leisen Stich der Traurigkeit. Würde sie jemals ein anderes Element beherrschen? Die Frage ließ sie nicht los, während sie weiter durch die Berge ritten und sich unterhielten. -------------------------------------------------------------------------- Die ersten Regentropfen prasselten auf den Boden, und ein kühler Wind fegte über die Hügellandschaft hinweg. Der Himmel, der noch vor kurzem klar gewesen war, hatte sich nun in ein dunkles, bedrohliches Grau verwandelt. Leyla und Nea hatten ihre Pferde an einem Baum angebunden und ein Lager aufgeschlagen. Obwohl es noch Nachmittag war, hatten sie sich entschieden, hier am Rande der Berge Schutz vor dem aufziehenden Sturm zu suchen. „Siehst du, Leyley, ich hatte Recht!“ jubelte Nea, während sie neben dem geschützten Vorsprung, unter dem Leyla saß, im Regen tanzte. Ihr Lachen war so unbeschwert, als wäre der Sturm nicht mehr als ein laues Lüftchen. „Jaja, du hattest ja Recht“, antwortete Leyla und musste unwillkürlich lachen. Sie konnte nicht anders, als Nea für ihre unerschütterliche Fröhlichkeit zu bewundern, selbst inmitten eines aufziehenden Unwetters. Das gelegentliche Donnern in der Ferne kündigte den nahenden Sturm an. Leyla ließ ihren Blick über die grünen Mittellande schweifen. Obwohl sie diesen Teil der Region noch nie bereist hatte, fühlte sich der Ort irgendwie vertraut an – fast wie ein Stück Heimat. Wo mochten Roxy und Liam jetzt sein? Ihre Gedanken wurden von einem grellen Blitz unterbrochen, der wie eine zarte Linie durch den dunklen Himmel zog. „Du, Nea?“ fragte Leyla leise, während sie sich zu ihrer Freundin umdrehte. „Ja, Leyley?“ antwortete Nea und setzte sich neben sie. Ihre nassen Haare lehnten an Leylas Schulter, ihre Nähe war mittlerweile ruhig, vertraut. „Wenn wir mit dem Auftrag durch sind, würde ich gerne noch etwas in den Mittellanden erledigen“, begann Leyla zögernd. Sie war unsicher, wie sie die Frage formulieren sollte, die ihr seit Stunden im Kopf herumgeisterte. „Willst du mich begleiten?“ Es war den Kopfgeldjägern gestattet, vor, während und nach den Aufträgen in den jeweiligen Gebieten zu bleiben, solange sie auf Abruf bereitstanden. Doch ob Nea dazu Lust hatte? „Blöde Frage, na klar!“ antwortete Nea grinsend und piekste Leyla spielerisch in die Wange. „Worum genau geht…“ Plötzlich verstummte sie mitten im Satz. Ihr Körper spannte sich an, und ihre Augen wurden schmal. „Was ist los?“ fragte Leyla überrascht. „Da kommt etwas“, flüsterte Nea, ihre Stimme war jetzt hart und ernst. „Ich kann die Mordlust spüren.“ Leyla sprang auf und spähte unter dem Vorsprung hervor. Sie blickte sich um, doch sie konnte nichts entdecken. Gerade wollte sie sich zu Nea umdrehen und fragen, ob sie sicher war, als… —KAWAMM— Ein ohrenbetäubender Knall ließ Leyla zusammenzucken. Gleichzeitig wurde sie von gleißendem Licht geblendet. Sie konnte nichts sehen, doch sie spürte eine gewaltige Druckwelle, die sie durch die Luft schleuderte. Schmerz breitete sich in ihrem ganzen Körper aus, und die Luft wurde ihr aus den Lungen gerissen. Dann traf sie ein Tritt in den Rücken. Sie spürte, wie ihre Knochen brachen, während sie hoch in den Himmel geschleudert wurde. -------------------------------------------------------------------------- „Was zur Hölle?“ fluchte Leyla, während ihre Augen sich langsam von dem grellen Licht erholten. Ihr linker Arm hing schlaff herab, und sie spürte ihre Beine nicht mehr. Panik stieg in ihr auf, als sie verzweifelt versuchte, ihren Fall mit ihrer Magie abzubremsen. Doch nichts geschah. „Wieso klappt das nicht?“ dachte sie verzweifelt. Als ihr Sehvermögen langsam zurückkehrte, erkannte sie das Problem sofort. Sie fiel nicht – sie flog, unkontrolliert, immer höher in Richtung der Wolken. „Also kann ich keine Erdmagie so hoch in der Luft wirken? Scheiße…“, murmelte sie, während die Realisierung auf sie einschlug. Ihre Verzweiflung wuchs. Ohne ihre Magie war sie praktisch schutzlos. Ihr Schwert war anscheinend im Sturm aus der Scheide gerissen worden. Ihre Schulter war gebrochen, ebenso wie mehrere Rippen. Jeder Atemzug schmerzte, und ihre Gedanken rasten. „Ich spüre meine Beine nicht mehr…“, flüsterte sie. Sie blickte nach unten, und ihr Herz setzte einen Schlag aus. Ihre Beine waren weg. Von ihrem Bauch abwärts war alles verschwunden. Ihr Unterkörper war verkohlt und rauchte, als wären ihre Beine einfach weggebrannt. —AHHHHH— Ein Schrei entrang sich ihrer Kehle, ihre Augen weit aufgerissen vor Entsetzen. Der Schock und der Schmerz überwältigten sie, und sie spürte, wie ihr Bewusstsein langsam schwand. Da ertönte eine Stimme, so laut und durchdringend, dass es ihr Trommelfell fast zerfetzte. ,,Endlich ist die Stunde gekommen, da wir uns begegnen, o Jüngerin. Verzeihet, aber euer Leben findet hier sein Ende.’’ Leylas Sicht verschwamm immer mehr, und die Dunkelheit kroch an den Rändern ihres Blickfelds heran. Doch inmitten des Chaos erkannte sie eine Gestalt in der Luft – einen großen Mann mit gewaltigen gelben Flügeln, gekleidet in eine goldene Rüstung, die im grellen Licht des Sturms glänzte. Und dann sah sie es: zwei große Hörner auf seinem Kopf. -------------------------------------------------------------------------- Verzweifelt blickte Nea in den Himmel, wo Leylas Körper immer kleiner wurde, bis er fast in den Wolken verschwand. Hinter ihr jagte eine Gestalt wie ein Blitz durch die Luft, so schnell, dass Nea kaum folgen konnte. Sie wusste, wer das war. Sie wusste auch, dass sie gegen ihn keine Chance hatte. Warum war er hier? Das sollte eigentlich unmöglich sein. Tränen stiegen in ihre Augen, und die Mauer, die sie immer um den Abgrund in ihrer Seele gebaut hatte, begann zu bröckeln. Sie spürte, wie ihre Hände zitterten und ihr Atem schneller wurde. Sollte sie hinterherfliegen? Nein, in diesem Sturm wäre sie nicht in der Lage, vernünftig zu fliegen – geschweige denn zu kämpfen. Ihre Lippen begannen zu beben, und ihre Brust hob und senkte sich immer schneller. Nea fiel auf die Knie, und die Tränen strömten unaufhaltsam über ihre Wangen. Sie hatte lange nicht mehr geweint. Doch hier war sie, und sie weinte um die Frau, die als erste seit Jahrhunderten ihre Freundin geworden war. Die erste, die ihr Herz in einer halben Ewigkeit wirklich berührt hatte. „Ich… ich werde dich finden“, schluchzte sie, ihre Augen starr auf den Himmel gerichtet. Dann schrie sie aus vollem Herzen: „LEYLA, ICH WERDE DICH FINDEN!“ Ihre Stimme hallte über die Hügel, doch sie wurde vom Donner des Sturms verschluckt. Leiser, fast wie ein Gebet, fügte sie hinzu: „Also bitte… bitte stirb nicht…“
- Kapitel 74 - Flammen im Schatten der Dreispitzen
Ein Klopfen ließ Leyla aus ihrem Schlaf aufschrecken. Noch etwas benommen rieb sie sich die Augen und blinzelte in das warme, gelbe Licht der Morgensonne, das durch die Vorhänge ihres Schlafzimmers drang. Der Raum war friedlich, doch das weitere Klopfen an der Tür riss sie zurück in die Realität. Neben ihrem Bett stand ihr Reisebeutel, ordentlich gepackt und bereit für das Abenteuer, das vor ihr lag. Sie hatte sorgfältig ihre Kunstutensilien ausgewählt – Zeichenblock, Stifte und Farben –, denn sie wollte die Zeit außerhalb der Kaiserstadt nutzen, um die Landschaften festzuhalten. Neben den künstlerischen Utensilien hatte sie auch eine detaillierte Karte der Region, ein paar Bücher zur Unterhaltung und Wechselkleidung eingepackt. Ein Trinkschlauch, ein Taschendrache und ein Schlafsack durften natürlich nicht fehlen; schließlich war sie eine Abenteurerin, auch wenn Nea ihr versichert hatte, dass sie jeden Abend in den Gasthäusern des Kaiserreichs übernachten könnten. Doch Leyla sehnte sich nach der Natur, nach den Sternen über ihrem Kopf und dem Rascheln der Blätter im Wind. Ihre weitere Ausrüstung bestand aus einer leichten, schwarzen Rüstung und einem neuen Schwert, einem Geschenk von Nea. Bisher konnte Leyla bereits kleinere Gegenstände wie Dolche, Scheren oder sogar Löffel mit ihrer Magie erschaffen. Doch ihr Ziel war es, eines Tages sowohl ihre Rüstung als auch ihr Schwert aus dem Nichts mithilfe ihrer Magie zu manifestieren. Wenn sie diese Technik beherrschen würde, wäre sie nie wieder unbewaffnet oder ungeschützt. Doch bis dahin war es noch ein weiter Weg. „Herein!“, rief Leyla, ihre Stimme noch etwas verschlafen. Die Tür öffnete sich leise, und Nyphe, Neas persönliche Dienerin, trat ein. Sie war eine junge Frau mit freundlichen Augen und einem zurückhaltenden Lächeln, das Respekt ausstrahlte. „Die edle Miss Nea hat mich gebeten, Euch Frühstück zu bringen“, sagte Nyphe mit einer leichten Verbeugung. Sie schob einen kleinen Rollwagen ins Zimmer, auf dem eine Auswahl an Speisen und Getränken angerichtet war. „Das ist lieb von dir“, antwortete Leyla und setzte sich aufrecht im Bett auf. Der Duft von frischem Brot und Kaffee erfüllte den Raum, und ihr Magen knurrte leise. Sie hatte am Vorabend nichts gegessen und war mit einem leeren Magen aufgewacht. „Was gibt es denn?“ „Als Getränke haben wir Wasser, Milch, Kaffee, Tee oder Fruchtsaft“, erklärte Nyphe mit einer sanften Stimme. „Und als Speisen gibt es Brot mit verschiedenen Aufstrichen, frische Früchte, gekochte Eier und Kuchen.“ Leyla spürte, wie ihr das Wasser im Mund zusammenlief. Sie konnte sich nicht entscheiden, also lächelte sie Nyphe an und sagte: „Ich hätte gerne Wasser und ein bisschen von allem, bitte.“ Nyphe nickte und begann, das Frühstück auf dem Nachttisch zu arrangieren. Mit einer letzten Verbeugung verließ sie das Zimmer, den Wagen leise hinter sich herziehend. Leyla sah ihr nach, dankbar für die Fürsorge, und wandte sich dann dem reichhaltigen Frühstück zu. -------------------------------------------------------------------------- Die Pferde waren ein atemberaubender Anblick. Ihr Fell leuchtete in einem hellen Feuerrot, als wäre es von der Sonne selbst gefärbt, und ihre Mähnen schienen aus lebendigen Flammen zu bestehen. Ihre Augen funkelten wie glühende Kohlen, und Leyla musste unwillkürlich schlucken, als sie sie betrachtete. Solche Pferde hatte sie noch nie gesehen – sie waren majestätisch und furchteinflößend zugleich. „Willst du dir eins aussuchen, Leyley?“, rief Nea mit einem schelmischen Grinsen. Sie hing lässig von einem Ast herab, ihre lila-schwarzen Augen funkelten vor Begeisterung, und ihr langes, schwarzes Haar wehte im Wind. Niemand, der sie zum ersten Mal sah, hätte in ihr eine Kaiserliche Kopfgeldjägerin vermutet. Sie wirkte wie ein junges Mädchen, zart und unbeschwert, als gehöre sie nicht in diese Welt aus Klinge und Blut. Doch Leyla wusste es besser. Nea war stark, frei von Skrupel und gnadenlos, wenn es darum ging, ihre Ziele zu erreichen. Sie hatte keine Angst, und sie hatte kein Erbarmen mit denen, die ihr im Weg standen. Trotzdem bewunderte Leyla sie. Nea war immer fröhlich, immer voller Energie, und sie hatte die Fähigkeit, selbst in den dunkelsten Momenten ein Lächeln auf Leylas Gesicht zu zaubern. Leyla trat näher an die Pferde heran und strich vorsichtig über das Fell des kleineren Tieres. Es fühlte sich weich an, fast wie normales Pferdefell, trotz des feurigen Aussehens. Das eine Pferd war größer und muskulöser, während das andere schlanker und agiler wirkte. Sie blickte den Tieren in die Augen, erfasste ihre Energie und entschied sich schließlich. „Ich will das hier!“ verkündete sie und griff nach den Zügeln des kleineren Pferdes. „Wie soll ich dich nennen?“ flüsterte sie ihm zu, während sie ihm sanft über den Kopf strich. Sie wollte einen Namen, der seinem Aussehen gerecht wurde – einen, der das Funkeln in seinen Augen, das feurige Fell und die flammende Mähne würdigte. Nach einem Moment des Nachdenkens lächelte sie. „Brand. Du heißt Brand.“ Während Leyla ihr Gepäck am Sattel von Brand befestigte, drehte sie sich zu Nea um. „Wollen wir aufbrechen?“ rief sie. „Au ja, ich freue mich schon sooo seeehr auf die Reise!“ jubelte Nea und ließ sich vom Baum fallen. In der Luft drehte sie sich elegant und landete geschmeidig auf dem Boden. Sie verbeugte sich übertrieben vor einem imaginären Publikum und rannte dann freudig auf Leyla zu. Leyla musste schmunzeln. Es war das erste Mal seit einem halben Jahr, dass sie wieder durch die Natur reisen würde, und mit Nea an ihrer Seite würde es sicherlich ein Abenteuer voller Spaß und Überraschungen werden. Doch für einen kurzen Moment spürte sie einen Stich im Herzen, als Erinnerungen an ihre alte Abenteurergruppe hochkamen – an Liam, Roxy, Fer und Himmel. Sie schüttelte den Kopf und vertrieb die Gedanken. Sobald sie ihren Auftrag erledigt hatte, würde sie nach ihnen suchen. Doch jetzt war es Zeit, sich auf die Reise zu freuen. -------------------------------------------------------------------------- Als die beiden das Westtor der Kaiserstadt verließen, sah Leyla lange Schlangen von Menschen, Oni und Elfen, die geduldig vor einem Wachposten warteten. Sie hatte schon davon gehört, dass es schwierig war, in die Hauptstadt des Kaiserreichs zu gelangen, und so wunderte sie sich nicht weiter darüber. Die strengen Kontrollen waren ein Zeichen der Macht und Sicherheit, die das Kaiserreich ausstrahlte – auch wenn sie für viele Reisende eine Herausforderung darstellten. Die beiden Pferde, Brand und Neas feuriger Begleiter Zenit, waren unglaublich schnell, deutlich schneller als gewöhnliche Pferde. Leyla schätzte, dass sie bereits am Abend die Larifen erreichen würden, das östliche der beiden großen Gebirge des Kontinents. Auf Himmel hätte sie für dieselbe Strecke mindestens fünf Tage gebraucht, zu Fuß sogar mehrere Wochen. Und obwohl sie auf Brand schneller war, vermisste sie es auf Himmel zu reiten. Die mächtigen Berge zeichneten sich bereits am Horizont ab, während sich die goldenen Felder des Herzlandes wie ein endloses Meer vor ihnen ausbreiteten. „Also, Leyley, was ist dein Plan?“ fragte Nea, während sie lässig auf dem Sattel ihres Pferdes stand. Sie war die ganze Zeit schon so geritten, hatte zwischendurch Handstände gemacht und sogar ein paar Tanzbewegungen ausprobiert. Ihre Energie schien unerschöpflich, und ihre Freude an der Reise war ansteckend. Nea war zwar als Begleiterin dabei, doch ihre Rolle war mehr die einer Mentorin, die Leyla die Feinheiten ihrer Arbeit beibringen sollte. „Hmm“, überlegte Leyla laut. „Ich denke, ich werde erst einmal nach Eisenberje reisen. Zuerst werde ich mir die Grafschaft genauer ansehen und die Stärke der Wachen einschätzen.“ Eisenberje war ein kleines Dorf südlich der Stadt Schneeburg, im Norden der Mittellande gelegen. Es befand sich in der Grafschaft Berje, nur wenige Kilometer von der Burg des Grafen entfernt. „Sobald ich seine Verteidigungen kenne, werde ich in seine Burg eindringen und sowohl ihn als auch seine beiden Söhne töten“, fuhr Leyla fort. „Falls es Sklaven oder andere Gefangene gibt, werde ich sie befreien.“ Erwartungsvoll blickte sie zu Nea, die sich nachdenklich das Kinn rieb und dann nickte. „Klar, so kannst du das natürlich auch machen.“ Leyla hob eine Augenbraue. „Wie würdest du es denn angehen?“ Neas Gesicht hellte sich auf, als hätte sie nur darauf gewartet, dass Leyla sie nach ihrem Plan fragen würde. „Ich würde natürlich direkt zur Burg gehen und ihn dort umbringen“, erklärte sie mit einem breiten Grinsen. „Geht schneller und ist weniger aufwendig.“ Sie schlug ein paar Mal in die Luft, als würde sie einen unsichtbaren Gegner niederschlagen. Leyla musste schmunzeln. Genau das hatte sie von Nea erwartet. Der Ansatz war einfacher, ja, aber das Risiko, dass Unbeteiligte in Mitleidenschaft gezogen werden könnten, war groß. Leyla wollte nur diejenigen töten, die es verdient hatten, und nicht eine Person mehr. Vielleicht war das der Unterschied zwischen ihr und den anderen neun Kopfgeldjägern. -------------------------------------------------------------------------- Am Abend erreichten sie den Dreispitzenpass und schlugen ihr Nachtlager auf. Der Dreispitzenpass war einer der sieben legendären Gebirgspässe, die einst von einem mächtigen Magier in die Berge geschlagen worden waren. Sein Name stammte von den drei gewaltigen Bergriesen, die ihn umgaben: Karyl, Weißspitz und Dharai. Jeder dieser Berge gehörte zu den zwanzig höchsten des gesamten Kaiserreichs, und ihre schneebedeckten Gipfel ragten majestätisch in den dunkel werdenden Himmel. Ihr Lager befand sich an einem klaren Fluss, der aus dem Gebirge herabfloss und sich in einen stillen See ergoss. Das Wasser plätscherte leise, und das Knistern des Lagerfeuers erfüllte die Luft. Die Flammen warfen tanzende Schatten über den Boden, und der Duft von gebratenen Pilzen und Kräutern hing in der kühlen Abendluft. Leyla saß am Feuer und löffelte genüsslich ihre Pilzsuppe, die sie in einem Dorf in der Nähe gekauft hatte. Das gelegentliche Schnauben oder Scharren der Pferde beruhigte sie und erfüllte ihr Herz mit Wärme. „Warum hast du darauf bestanden, im Freien zu schlafen, Leyley?“ fragte Nea, die bereits in ihrem Schlafsack lag und sich eng an Leyla kuschelte. Ihre Augen waren auf das Feuer gerichtet, und ihr Gesicht wirkte im flackernden Licht sanft und nachdenklich. Leyla stellte ihre Suppenschale ab und drehte sich zu ihrer Freundin. „Ich liebe es, nachts im Freien zu sein“, antwortete sie mit einem Lächeln. „Wenn ich den Sternenhimmel über mir sehe, fühle ich mich frei und unabhängig.“ Sie zögerte einen Moment und überlegte, ob sie Nea von Roxy und Liam erzählen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Diese Reise war ihre Chance, sich zu beweisen, und sie wollte sich erstmal darauf konzentrieren. „Achso“, sagte Nea und gähnte herzhaft. „Macht mir ehrlich gesagt nichts aus.“ Sie schloss die Augen und kuschelte sich tiefer in ihren Schlafsack. „Lass uns schnell schlafen gehen, dann können wir früher wieder aufbrechen.“ Leyla lachte leise und trank den Rest ihrer Suppe aus. Dann schlüpfte sie in ihren eigenen Schlafsack und schloss zufrieden die Augen. Die Stille der Nacht umhüllte sie, und der Geruch von Holzrauch und frischer Bergluft beruhigte ihre Gedanken. „Ob es hier wohl Monster gibt?“, murmelte sie mehr zu sich selbst als zu Nea. Doch ihre Freundin schien sie gehört zu haben. „Bestimmt“, antwortete Nea mit verschlafener Stimme. „Aber die nähern sich uns nicht. Monster spüren, wenn sie einem stärkeren Monster gegenüberstehen.“ „Monster? Wir sind doch keine Monster“, kicherte Leyla leise. Doch Nea antwortete nicht mehr, und Leyla nahm an, dass sie bereits eingeschlafen war. „Bald“ , dachte sie, während sie in den funkelnden Sternenhimmel blickte, „bald kann ich nach Roxy, Liam und Himmel suchen. Bald finde ich heraus, wie es ihnen geht.“
- Kapitel 73 - Kaiserliche Kopfgeldjägerin Leyla
Ark III - Legenden, die sich erheben [???] ,,Was darf ich Ihnen anbieten, edle Miss Leyla?’’ Der Restaurantbesitzer, ein älterer Mann mit Glatze und gepflegtem Schnauzer, stand in einer tiefen Verbeugung vor Leyla. Seine Bewegungen waren geschmeidig, ehrfürchtig, während er sie mit einer warmen Stimme ansprach. Seit sie zur Kaiserlichen Kopfgeldjägerin ernannt worden war, waren mehrere Wochen vergangen. Bisher hatte sie noch keinen Auftrag erhalten, und so genoss sie ihr neues Leben in relativer Freiheit. Heute hatte sie sich entschieden, in das vornehmste Restaurant der Kaiserstadt zu gehen – „Speisen der Drachen“ – und dort ihren Abend in Ruhe zu verbringen. Früher hätte sie einen Bogen um solche Orte gemacht, doch ihr neuer Status verlangte, dass sie sich an die Gepflogenheiten der gehobenen Gesellschaft anpasste. „Danke, ich hätte gerne das Halbdrachen-Filet mit Ei in der Maoma-Sauce.“ Sie bemühte sich, weder zu förmlich noch abweisend zu klingen. Es war ihr wichtig, nicht den Eindruck zu erwecken, als würde sie auf die einfachen Bürger herabblicken. Während sie auf ihre Bestellung wartete, fragte sie sich, warum ihr Fleisch zu essen, früher so schwer gefallen war. Irgendwo in ihr schlummerte eine Gewohnheit, die sie sich nicht erklären konnte, doch sie hatte beschlossen, sich von alten Traditionen zu lösen und neue Wege zu gehen. Das Essen kam zügig, und Leyla bedankte sich höflich. Schon beim ersten Bissen breitete sich ein warmes Gefühl der Zufriedenheit in ihr aus. Das Halbdrachen-Filet war zart, die Maoma-Sauce perfekt abgeschmeckt. Für einen Moment schloss sie die Augen und ließ die Aromen auf sich wirken. „Was Liam und Roxy wohl gerade machen?“ dachte sie, während sie den nächsten Bissen nahm. Sie vermisste ihre Freunde, die gemeinsamen Abenteuer, die Gespräche. Vor allem machte sie sich Sorgen um Himmel, ihr treues Pferd. Doch sie war sicher, dass er in guten Händen war. Sollte sie einen Auftrag in den Mittellanden erhalten, würde sie keine Sekunde zögern, nach ihnen zu suchen. Nachdem sie ihre Mahlzeit beendet hatte, stand sie auf und trat hinaus in die Gasse, in der das Lokal lag. Der Nachthimmel war klar und voller Sterne, ein Bild, das sie mit Frieden erfüllte. Langsam, in ihren Umhang gehüllt, machte sie sich auf den Weg zu ihrem neuen Zuhause – dem Hauptquartier der Kaiserlichen Kopfgeldjäger. - ------------------------------------------------------------------------- Erschöpft trat Leyla in die Eingangshalle des Anwesens. Ihr Tag in der Kaiserstadt war lang gewesen. Sie hatte sich bemüht, die verwinkelten Straßen, die unzähligen Plätze und die beeindruckenden Gebäude einzuprägen, doch jetzt war sie müde. Jeder Schritt ihrer schweren Stiefel erschien in der Stille der Halle unangenehm laut. Plötzlich spürte sie eine kalte Klinge an ihrem Hals. Das Metall schnitt leicht in ihre Haut, und ein stechender Schmerz schoss durch sie. Reflexartig spannte sich ihr Körper an. Gerade wollte sie sich wehren, als eine vertraute Stimme ihr in die Ohren drang. [???] ,,Da bist du ja, Leyla. Weißt du eigentlich, was du angerichtet hast?’’ Sie erstarrte. Obwohl sie diese Stimme seit Monaten nicht mehr gehört hatte, wusste sie genau, wer hinter ihr stand. „Was meinst du, Bournadette?“ fragte Leyla mit einer Schärfe, die sie selbst überraschte. Sie blieb ruhig, auch wenn ihr Herz wie wild hämmerte. Schließlich wusste sie: Unter Kaiserlichen Kopfgeldjägern war es verboten, sich gegenseitig zu töten. Bournadette Lacroix, die Nummer zwei der Kopfgeldjäger, hatte ihr schon einmal ihre absolute Überlegenheit bewiesen. In ihrer Vergangenheit war Leyla ihr unterlegen gewesen, und auch jetzt war sie sich sicher, dass sie keine Chance gegen Bournadette hätte. „Tu nicht so scheinheilig“, zischte Bournadette. Ihre Stimme war betont kalt, doch Leyla hörte die unterschwellige Wut. „Du hast den Kronprinzen verraten und ihn zu einem Leben im Exil verdammt. Mir wurde sogar explizit verboten, Kontakt zu ihm aufzunehmen.“ Ein schwaches Grinsen huschte über Leylas Gesicht, als sie an den ehemaligen Kronprinzen Eugenius dachte. Sein Versuch, sie zur Ehe zu zwingen, um seiner Verbannung zu entgehen, war gescheitert, und sein Verlust im sogenannten Prinzenspiel hätte ihn ins Exil getrieben. Stattdessen hatte Leyla in einem Duell mit dem zehnten Kopfgeldjäger ihre eigene Freiheit erkämpft und sich einen Platz in dieser Eliteeinheit gesichert. „Anscheinend weiß sie noch nichts von seinem Tod“ , dachte Leyla. Sie hatte erwartet, dass die Nachricht von Eugenius’ Ende die anderen Kopfgeldjäger erreicht hätte, doch offenbar war Bournadette nicht informiert. „Und warum ist das jetzt meine Schuld?“ fragte Leyla, ihre Stimme kontrolliert. Doch sie spürte die Unsicherheit in sich wachsen, als die Klinge tiefer in ihre Haut drang. Würde Bournadette es wirklich wagen, sie zu töten? Wusste sie nicht, dass das ihren eigenen Tod bedeuten würde? „Du hättest deine Rolle spielen sollen“, fauchte Bournadette. Ihre Stimme zitterte leicht, und Leyla erkannte plötzlich ein Gefühl, das sie ihr nie zugetraut hatte – Trauer. „Dann wäre Eugenius noch im Rennen um den Thron gewesen.“ Leyla öffnete ihren Mund, um zu antworten, doch eine zweite Stimme durchschnitt in die angespannte Stille. „Hey Leyley, hey Detti. Ihr streitet euch doch nicht etwa?“ - ------------------------------------------------------------------------- Vor den beiden stand Nea, die Achte der Kopfgeldjäger – und Leylas Freundin. Ihr hatte Leyla zu verdanken, dass sie sich an dem Prinzen hatte rächen können. „Misch dich nicht ein, Nea“, rief Bournadette, ihre Stimme laut und voller Ärger. „Das geht nur mich und Leyla etwas an.“ Nea grinste nur und ging langsam auf die beiden zu. „Und ob mich das was angeht. Wenn du Leyla hier ernsthaft verletzt, dann wird Yaya böse.“ Die Erwähnung von Yang, der Anführerin der Kopfgeldjäger und zugleich der stärksten Person im Kaiserreich, schien Bournadette zur Besinnung zu bringen. Sie ließ Leyla los und steckte ihren Dolch mit einem knappen Klickgeräusch wieder ein. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, drehte sie sich um und stieg die Treppe hinauf zu ihrem Wohnbereich. „Schlaf gut, Detti!“ rief Nea ihr hinterher. Dann, ohne jede Vorwarnung, sprang sie auf Leyla zu und zog sie in eine enge Umarmung. „Danke, Nea“, sagte Leyla leise, während sie die jüngere Frau in die Arme schloss. „Ach was“, entgegnete Nea lächelnd. „Sie hätte dir schon nichts getan. Aber jetzt zu wichtigeren Dingen: Lass uns rausgehen und etwas unternehmen!“ Energisch löste sich Nea aus der Umarmung und begann, an Leylas Arm zu zerren. Leyla musste lächeln. Neas aufdringliche, aber gleichzeitig liebenswerte Art hatte die Fähigkeit, sie immer wieder aufzumuntern. „Lass uns das morgen machen, okay? Jetzt will ich nur noch ins Bett.“ Ein lautes Gähnen unterstrich ihre Worte, und sie zog ihren Arm sanft aus Neas Griff. Für einen kurzen Moment wirkte Nea enttäuscht, doch dann hellte sich ihr Gesicht auf. „Dann komm ich mit! Wir können uns in deinem Bett unterhalten“, verkündete sie freudig und hüpfte auf der Stelle auf und ab. Seufzend nickte Leyla. Sie wusste, dass es ohnehin sinnlos wäre, zu versuchen, Nea abzuwimmeln. „Ach ja“, begann sie, während sie in Richtung ihres Zimmers gingen, „wo ist eigentlich Bunj? Sonst ist er immer im Wohnzimmer und begrüßt mich.“ Bunj, die Nummer Drei der Kopfgeldjäger, war derjenige gewesen, der Leyla in die Einheit geholt hatte. Für sie war er wie eine Vaterfigur, jemand, auf den sie sich verlassen konnte, und der immer ein offenes Ohr für sie hatte. „Ach so, Bunj ist auf einen Auftrag geschickt worden“, erklärte Nea beiläufig. „Der wird erst mal außerhalb sein.“ Leyla ließ enttäuscht die Schultern sinken. Die Aufträge der Kopfgeldjäger konnten Monate dauern, und sie hatte eigentlich geplant, endlich mit Bunj zu trainieren. Doch in den letzten Wochen war immer etwas dazwischengekommen, und jetzt war er erst einmal weg. „Aber keine Angst, Leyley, ich bin ja noch bei dir. Dir wird nicht langweilig, das verspreche ich!“ Stolz klopfte sich Nea auf die Brust und strahlte Leyla an. Leyla schüttelte leicht den Kopf und schmunzelte schwach. „Ja… langweilig wird mir mit dir sicher nicht.“ - ------------------------------------------------------------------------- —PLATSCH— Leyla tauchte in das angenehm kühle Wasser ihres Schwimmbeckens ein. Ihr eigenes Bad war ein Luxus, den sie jeden Morgen auskostete. Vor allem nach Abenden wie dem vergangenen; Nea hatte bis tief in die Nacht mit ihr geredet und war schließlich neben ihr eingeschlafen. Mit langsamen, gleichmäßigen Bewegungen zog Leyla ihre Bahnen. Das Wasser umhüllte sie wie ein stiller, beruhigender Mantel und bot eine Ruhe, die sie nur selten fand. Gedanken an ihre Freunde und die Welt außerhalb der Kaiserstadt zogen durch ihren Kopf. Sie wollte reisen, das Kaiserreich entdecken, doch solange sie keinen Auftrag hatte, war sie an diesen Ort gebunden. Nachdem sie aus dem Becken gestiegen war, ließ sie sich Zeit beim abtrocknen und anziehen. Die hellen Sonnenstrahlen fielen durch die hohen Fenster und verliehen dem Morgen eine sanfte, friedliche Atmosphäre. Leyla trat nach draußen in den Garten des Anwesens. Die Sonne schien warm auf ihre Haut, und der leichte Duft von frisch geschnittenem Gras lag in der Luft. Während sie gemächlich durch die gepflegten Wege spazierte, führte ihr Weg sie zum Trainingsplatz der Kopfgeldjäger. Sie schloss die Augen und ließ ihr Mana durch ihren Körper fließen. Eine sanfte Vibration durchzog sie, als sie spürte, wie sie mit dem Boden und der Erde unter ihren Füßen verschmolz. Anfangs hatte sie nur einfachen Stein mit ihrer Magie manipulieren können, doch mit der Zeit waren Metalle hinzugekommen – eine Fähigkeit, die sie in langen Trainingsstunden mit Yaga gemeistert hatte. Bunj hatte ihr erklärt, dass Erdmagie auch als Naturmagie bekannt war. Sie ermöglichte nicht nur die Kontrolle über festes Gestein, sondern auch die Interaktion mit Pflanzen und Tieren. Doch letztere waren für Leyla noch eine Herausforderung. Das Leben anderer Lebewesen zu berühren, erfordert ein Feingefühl, das sie erst zu entwickeln begann. Dennoch war es ein Ziel, das sie nicht aus den Augen verlieren wollte. Die Zeit verstrich, während sie konzentriert trainierte. Der Boden unter ihr verformte sich in kleinen, kontrollierten Bewegungen, als würde die Erde selbst auf sie hören. Leyla spürte die Stärke, die in ihr wuchs, aber auch die Geduld, die diese Magie verlangte. Nachdem sie vorerst genug geübt hatte, machte sie sich auf den Weg zurück ins Anwesen, wo das Frühstück bereits auf sie wartete. Doch bevor sie den Eingang erreichte, bemerkte sie eine Gestalt in der Ferne. Eine schwarze Frau in weißen Kleidern näherte sich mit anmutigen, entschlossenen Schritten – Yang. - ------------------------------------------------------------------------- „Dich habe ich gesucht“, sagte Yang, ihre Stimme freundlich und doch distanziert. Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie neben einem kleinen Gartenteich stehen blieb. Mit einer dezenten Geste bedeutete sie Leyla, sich zu ihr zu gesellen. Leyla, die bei ihren ersten Begegnungen mit Yang kaum ein Wort herausgebracht hatte, fühlte sich inzwischen deutlich sicherer in ihrer Gegenwart. Der anfängliche, erdrückende Respekt vor Yangs Macht war einer ruhigeren Haltung gewichen. „Was kann ich für dich tun?“, fragte sie und verneigte sich leicht. Yang ließ ihren Blick über das flache Wasser gleiten, das von einer sanften Brise bewegt wurde. Der Duft der umliegenden Blumen hing in der Luft, und die friedliche Szenerie brachte Leyla eine unerwartete Ruhe. „Ich habe einen Auftrag für dich“, verkündete Yang schließlich und richtete ihren Blick direkt auf Leyla. Ihre Augen, ein tiefes Dunkelbraun, waren faszinierend – es hieß, dass sie im Kampf golden leuchteten. Yangs weißes Kleid, elegant und hochwertig, passte mehr zu einer noblen Dame als zu einer Kriegerin. Doch Leyla wusste, dass es keine Rolle spielte, was Yang trug. Sie konnte jede Kleidung tragen, ohne dadurch im Kampf eingeschränkt zu sein, und sie sah in allem zudem makellos aus. Die Aussicht auf ihren ersten Auftrag ließ Leylas Herz schneller schlagen. Endlich konnte sie die Kaiserstadt verlassen und sich beweisen. „Was ist das denn für ein Auftrag?“, fragte sie vorsichtig, bemüht, ihre Neugier zu verbergen. Yang musterte Leyla einen Moment, bevor sie antwortete. „Ein adliger Graf, Regis von Marsten, betreibt seit Jahren illegalen Sklavenhandel. Kürzlich hat er die Tochter eines anderen Adligen an Sklavenhändler in Garnime verkauft. Damit ist er zu weit gegangen. Deine Aufgabe ist es, ihn und seine beiden Söhne zu töten.“ Leyla atmete erleichtert aus. Obwohl sie als Kopfgeldjägerin jeden Auftrag hätte ausführen müssen, war dies eine Mission, die sie ohne moralische Bedenken übernehmen konnte. „Regis von Marsten…“, dachte sie nach. Plötzlich schossen Erinnerungen an ihre eigene Gefangenschaft in den Kerker der Sklavenhändler in ihren Kopf. Damals hatte man ihr gesagt, sie sei an diesen Adligen verkauft worden. Wäre Liam nicht rechtzeitig gekommen, hätte sie vermutlich dasselbe Schicksal wie das adlige Mädchen ereilt. Sie erschauderte bei dem Gedanken. Bevor sie weiter in ihren Gedanken versinken konnte, wurde die friedliche Atmosphäre durch eine aufgeregte Stimme zerrissen. ,,Yaya!!!’’ Nea, die schwarzhaarige, energiegeladene Kopfgeldjägerin, stürmte auf Yang und Leyla zu. Sie wollte Yang um den Hals fallen, wurde jedoch plötzlich auf den Boden geschmettert. Leyla hatte keinen Angriff bemerkt – keine Regung, kein Anzeichen von Magie. Dennoch lag Nea auf dem Boden. Sie rappelte sich jedoch direkt wieder auf und klopfte sich Erde von ihrem Kleid. „Das war gemein, Yaya“, schmollte sie, wobei ihre Augen verrieten, dass sie es nicht ernst meinte. „Ich habe dir schon oft gesagt, dass du mich nicht berühren sollst. Und nenn mich bei meinem richtigen Namen“, erwiderte Yang kalt. Doch für einen kurzen Moment schimmerte ein Hauch von Freude in ihrem Gesicht. „Also, was macht ihr beiden hier ohne mich?“, fragte Nea und lehnte sich spielerisch gegen Leyla. „Ich habe meinen ersten Auftrag erhalten!“ verkündete Leyla stolz. Neas Augen weiteten sich vor Begeisterung, und sie fiel Leyla um den Hals. „Das ist ja großartig! Worum geht’s denn?“ Bevor Leyla antworten konnte, ergriff Yang das Wort. „Sie wird einen Adligen in den Mittellanden töten. Und du wirst sie begleiten – zur Kontrolle und Anleitung. Du greifst nur ein, wenn es wirklich nötig ist.“ Leyla konnte ihren Ohren kaum trauen. Nicht nur, dass sie endlich ihren ersten Auftrag erhielt – Nea würde sie begleiten. Ein Gefühl der Vorfreude durchströmte sie. Die Aussicht, Nea an ihrer Seite zu haben, machte die bevorstehende Mission noch aufregender. Sie konnte es kaum erwarten, sich zu beweisen.











