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  • Kapitel 64 - Masken die fallen

    Die Tage zogen still an Leyla vorbei, jede Stunde schwerer als die letzte. Von Bunj hatte sie nichts mehr gehört. Die anfängliche Aufregung, die Hoffnung, dass sich etwas verändern könnte, war wie Sand durch ihre Finger geronnen. An ihre Stelle war eine vertraute Dunkelheit getreten – Enttäuschung, Unsicherheit und eine tiefe, lähmende Resignation. Das schwarze Hochzeitskleid wurde schließlich geliefert. Filia hatte es für sie entgegengenommen, ein Kleid, um das Leyla nur halbherzig gebeten hatte. Niemand außer ihr wusste von ihrer Begegnung mit Bunj, und Leyla war froh darüber. Filia hätte sicher gelacht, hätte sie davon erzählt, wie viel Vertrauen sie dem Chimp geschenkt hatte. Jetzt stand Leyla vor einem hohen Spiegel und betrachtete ihr Spiegelbild. Der Stoff des Kleides umschmeichelte ihre Silhouette, die Details waren kunstvoll und elegant. Es war ein Kleid, das jede Braut erfreuen würde – nur nicht sie. Wäre der Anlass ein anderer gewesen, hätte sie sich vermutlich anders gefühlt. Doch es war nun einmal kein anderer Anlass. Heute fühlte sie sich leer, wie eine Puppe, aus der alles Leben gesogen worden war. ,,Morgen werde ich dann zu einer Algavia…’’ Die Worte entglitten ihren Lippen, kaum hörbar, und dennoch hallten sie in ihrem Kopf wider wie eine unausweichliche Wahrheit. Für die meisten Menschen wäre dies ein Anlass zur Freude. Es wäre eine Ehre, in die Familie Algavia einzuheiraten, Teil des Kaiserreichs, Teil der Kaiserfamilie zu werden. Aber sie war nicht wie die meisten anderen.  ,,Wie gefällt Ihnen Ihr Kleid, Miss Leyla?’’ Charles’ Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Er stand in respektvoller Distanz neben ihr, sein Gesicht wie immer unleserlich. Seine ruhige, emotionslose Haltung wirkte wie ein Spiegel der höfischen Kälte, die sie in dem Kaiserpalast umgab. Leyla war in dieses große, fremde Zimmer gerufen worden, ein Ort, den sie vorher nie gesehen hatte. Die Wände waren hoch, geschmückt mit schweren Vorhängen, und der Boden glänzte wie poliertes Glas. Es war pompös, nichts, das Leyla positiv beeindruckte. ,,Es ist schön’’, sagte Leyla, ihre Stimme ruhig, ihr Gesicht von einem höflichen Lächeln erhellt. Sie war mittlerweile gut darin geworden, ihre wahren Gefühle zu verstecken. In der Kaiserstadt war das Überleben oft eine Frage davon, wie gut man seine Maske tragen konnte. Ihr Blick glitt zu Filia, die leise im Hintergrund stand. Es war Filia, die ihr geholfen hatte, das Kleid richtig anzuziehen, die passenden Schuhe auszusuchen. Seit jenem Gespräch über die Heirat hatten sie nicht mehr über diese gesprochen. Es war, als hätten sie sich stumm darauf geeinigt, dieses Thema zu meiden, um die wenigen freien Momente, die ihnen noch blieben, nicht zu vergiften. Doch dieser fragile Frieden wurde jäh unterbrochen. Die Tür flog mit einem ohrenbetäubenden Knall auf, und eine dröhnende Stimme durchbrach die Stille. Leyla zuckte zusammen, ihre Hände verkrampften sich am Rock des Kleides. Sie brauchte einen Moment, um zu erkennen, wer da schrie. Es war Kronprinz Eugenius. Sein Gesicht war vor Wut gerötet, seine Augen blitzten gefährlich. ,,WAS HAT DAS ZU BEDEUTEN?!’’ donnerte er, seine Worte schienen den Raum zu erzittern. Sein Blick wanderte zwischen Leyla, Charles und Filia, als würde er bei jedem von ihnen die Antwort suchen, die seine Wut besänftigen könnte. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla blickte erschrocken zu Kronprinz Eugenius. Wie immer trug er sein blaues Gewand, das im Kontrast zu seinem vor Zorn geröteten Gesicht stand. Seine langen, blonden Haare hingen wild über seine Schultern, und in seiner Hand hielt er einen schwarzen, zerknitterten Briefumschlag. Seine Fingerknöchel erschienen fast weiß, so fest umklammerte er ihn. Die Wut, die von ihm ausging, war fast greifbar, und Leyla spürte, wie sich eine unangenehme Nervosität in ihrem Inneren ausbreitete. ,,Eure Hoheit, wovon sprecht Ihr?" Charles’ Stimme durchbrach die Spannung im Raum, ruhig und höflich wie immer. Der Leibdiener schien von der aufgebrachten Erscheinung des Kronprinzen völlig unbeeindruckt. Filia hingegen war angespannt. Sie stand mit gesenktem Kopf in einer höflichen Verbeugung, doch Leyla bemerkte, wie ihre Hände nervös den Stoff ihres Kleides kneteten. Eugenius ignorierte Charles’ Frage völlig. Er atmete tief ein, als würde er versuchen, seine Fassung zurückzugewinnen, bevor er mit entschlossenen Schritten auf Leyla zuging. Seine Augen funkelten gefährlich, und ohne Vorwarnung packte er sie unsanft an der Schulter. Leyla spürte den Druck seiner Fingernägel auf ihrer nackten Haut, doch sie riss sich zusammen, hielt seinem Blick stand und bemühte sich, ihre Stimme ruhig zu halten. ,,Habe ich etwas falsch gemacht, Eure Hoheit?’’ fragte sie, während sie ihre Höflichkeit wie eine zähe Maske über ihre wahren Gefühle legte. Die Galle stieg ihr bei diesen Worten hoch, doch sie wusste, dass sie keine andere Wahl hatte, als dieses Spiel zu spielen. Das höfische Theater war unumgänglich. ,,Ob etwas passiert ist?’’ Eugenius’ Stimme war nun leiser, aber keineswegs weniger durchdringend. ,,Ich habe einen Brief von meinem Vater erhalten. Du sollst heute Abend gegen Varragil in einem Kampf um einen Platz bei den Kaiserlichen Kopfgeldjägern antreten.00 Wie kommst du dazu, so eine Dummheit zu begehen?’’ DIe Worte des Prinzen waren eigentlich als Peitschenhiebe gedacht, doch Leylas Herz schlug schneller, als sie seine Worte hörte. Bunj hatte also sein Versprechen gehalten. Er hatte das Duell arrangiert, und der Kaiser wusste offenbar davon. Doch bevor sie etwas sagen konnte, donnerte Eugenius weiter, ohne ihr eine Chance zur Antwort zu geben. ,,Ich erlaube es dir nicht’’,  zischte er, während seine Nägel sich noch tiefer in ihre Schulter bohrten. ,,Du bist immer noch mein Besitz. Du wirst mich heiraten und nicht in einem aussichtslosen Kampf sterben.’’ Seine Worte waren kalt und besitzergreifend, und Leyla spürte, wie ihre Wut unter der Oberfläche zu kochen begann. ,,Mit Verlaub Eure Hoheit’’, wagte Filia leise, aber bestimmt zu sprechen. Leyla hielt den Atem an, als sie sah, wie ihre Freundin einen Schritt nach vorn trat. Ihre Stimme war sanft, aber fest. ,,Es liegt nicht in Eurer Hand, ob sie das Duell bestreitet.’’  Leyla spürte, wie ihr Puls zu rasen begann. Filia riskierte alles für sie, indem sie sich offen gegen den Kronprinzen stellte. Eugenius drehte sich zu ihr um, und der Ausdruck in seinen Augen ließ keine Zweifel an seinem Zorn. Doch anstatt Filia anzusprechen, wandte er sich an Charles. ,,Dann heiraten wir jetzt.’’ Seine Stimme war leise, aber bedrohlich. ,,Charles, hole sofort den Hohepriester.’’ Dies war keine Bitte, sondern ein Befehl. Doch Leyla hatte genug. In den letzten Tagen hatte sie ihr Selbstvertrauen aufgebaut, und in diesem Moment kam ihr eine riskante Idee. Sie wusste nicht viel über die Machtstrukturen und Gepflogenheiten des Kaiserreichs, aber eines schien ihr klar: Die Kaiserlichen Kopfgeldjäger unterstanden direkt dem Kaiser, nicht den Kronprinzen. Vielleicht konnte sie diese Tatsache ausnutzen. Ihre Faust ballte sich. Ihre Stimme war ruhig, aber in ihr brannte ein Funken Entschlossenheit, den Eugenius nicht überhören konnte. Sie blickte ihm direkt in die Augen, ohne zu blinzeln, und sprach. - ------------------------------------------------------------------------- ,,Und was, wenn ich mich weigere? Wenn ich darauf bestehe wie geplant morgen zu heiraten?’’ Leylas Stimme war bemerkenswert sanft, doch in ihrem Inneren tobte ein Sturm aus Angst und Wut. Sie wusste, dass ihre Worte den Kronprinzen provozieren würden, doch es war ihr egal. Sie wollte nicht länger zurückweichen. Für einen kurzen Augenblick war der Raum vollkommen still. Eugenius starrte sie an, fassungslos über ihre Dreistigkeit, und die Muskeln in seinem Kiefer spannten sich an. Dann brach der Sturm los. Sein Gesicht verzerrte sich vor Zorn, und er holte mit der Hand aus. ,,Was erlaubst du dir, Weib? Es ist eine Ehre, meine Frau zu werden! Deine Wünsche haben hier keinen Platz!’’ Der Schlag, den er in ihre Richtung führte, war ungelenk, fast schon erbärmlich. Leyla wich mühelos zur Seite aus, ihre Bewegungen waren fließend und präzise. Selbst ein Laie hätte erkennen können, dass der Kronprinz keinerlei Kampffertigkeiten besaß. Im Gegensatz zu ihm hatte Leyla bereits Kämpfe auf Leben und Tod überstanden, und sie wusste, wie sie sich verteidigen konnte. Für einen Moment keimte in ihr die Hoffnung, dass Eugenius seinen Fehler erkennen und sich beruhigen würde. Doch stattdessen wandte er sich an Charles. Seine Stimme war noch immer kalt und befehlend, doch sein Tonfall erinnerte mehr an ein verzogenes Kleinkind als an einen erwachsenen Kronprinzen. ,,Schlag sie!’’ befahl er. ,,Zu Befehl, Eure Hoheit.’’ Charles’ Antwort war prompt, ohne Zögern. Er zog gemächlich seine Handschuhe aus und begann, langsam auf Leyla zuzugehen. Seine Bewegungen waren ruhig, beinahe routiniert, als wäre dies für ihn nichts Außergewöhnliches. ,,Wollt Ihr jetzt Eure zukünftige Frau schlagen, Hoheit?’’ Filias Stimme zitterte vor Empörung und Verzweiflung. Sie hatte den Prinzen angebrüllt, etwas, das für eine Dienerin unverzeihlich war. Doch in ihrem Blick lag eine Entschlossenheit, die Leyla innehalten ließ. Filia war tatsächlich bereit, alles für sie zu riskieren. Eugenius schenkte Filia keine Beachtung. Er verließ den Raum, und die Tür krachte mit einem lauten Knall hinter ihm zu. Die Spannung, die er zurückließ, war fast greifbar. Charles war inzwischen nah genug, dass Leyla die eisige Professionalität in seinen Augen erkennen konnte. ,,Ich möchte mich entschuldigen, aber ein Befehl ist ein Befehl.’’ Seine Stimme klang nüchtern, ohne einen Funken echter Reue. Es war klar, dass er keinerlei Interesse daran hatte, den Befehl zu hinterfragen. Leyla stand still, ihre Gedanken rasten.  ,,Was soll ich tun? Ich bin auf jeden Fall stärker, auch ohne Magie, aber was wären die Konsequenzen?’’  Die Unsicherheit nagte an ihr. Sollte sie sich einfach von Charles schlagen lassen? Oder sollte sie sich wehren und die unvorhersehbaren Konsequenzen riskieren? In ihrem Kopf malte sie sich aus, was Eugenius tun könnte, wenn sie sich seinem Leibdiener widersetzte oder ihn gar verletzte. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten, und für einen Moment spürte sie den aufkommenden Drang, zu kämpfen. Doch die Angst vor den möglichen Folgen ließ sie zögern. Was immer sie tat, es würde sie in eine Richtung führen, aus der es vielleicht kein Zurück mehr gab. ,,Andererseits bin ich bereits auf einem Weg, von dem es kein zurück mehr gibt…’’ - ------------------------------------------------------------------------- Zu Leylas Glück musste sie keine Entscheidung treffen, denn die Tür öffnete sich erneut. Hinein trat Yaga, der wie immer ein freundliches Lächeln auf den Lippen trug. Seine entspannte Haltung wirkte fehl am Platz in der angespannten Atmosphäre des Raumes. ,,Ich würde gerne mit meiner Schülerin sprechen. Alleine, Charles.’’ Charles hielt inne, sein Blick fiel auf Yaga, und Leyla konnte förmlich spüren, wie ein innerer Kampf in ihm tobte. Die Loyalität gegenüber Eugenius stand gegen die Autorität des Oni, der offensichtlich keiner gewöhnlichen Hierarchie unterlag.  Sekundenlang herrschte eine drückende Stille, bevor Charles schließlich seinen Arm senkte. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, verbeugte er sich knapp und verließ den Raum. Auch Filia folgte ihm, ihre Schritte allerdings zögerlich, als würde sie am liebsten bleiben. Leyla wollte Filia zurückhalten, doch sie wusste, dass dies zu viel verlangt gewesen wäre. Mit einem leisen Seufzen wandte sie sich an Yaga, dessen Blick zwar wie immer ruhig, aber diesmal auch durchdringend war. ,,Wer ist Yaga eigentlich?’’ fragte sie sich insgeheim. Der Oni schien keiner üblichen Autorität zu unterstehen, weder den Kaiserlichen Kopfgeldjägern noch dem Kronprinz. Doch diesen Gedanken schob sie beiseite. Es gab Wichtigeres zu klären. ,,Ich habe gehört, dass du heute Abend für einen Platz bei den Kaiserlichen Kopfgeldjägern kämpfst?’’ Yagas Ton war neugierig, doch Leyla erkannte auch eine Spur von Besorgnis. ,,Wie ist es dazu gekommen?’’  Leyla zögerte kurz, dann sprach sie. ,,Bunj hat mir erklärt, dass das ein Weg wäre, der Hochzeit zu entgehen.’’ Ihre Stimme war fest und sie erwartete, dass Yaga ihren Entschluss gutheißen würde. Die Reaktion des Oni überraschte sie. Seine Augenbraue hob sich leicht, und sein Lächeln verschwand, als sich seine Miene verdüsterte. Zum ersten Mal spürte Leyla Enttäuschung in seinem Blick, die sie nicht ganz deuten konnte. ,,Ich verstehe… Dann hoffe ich für dich, dass du Erfolg hast. Auch für deine Freundin.’’ Leyla blinzelte verwirrt. Filia? ,,Wieso auch für Filia?’’ fragte sie vorsichtig, unsicher, worauf er anspielte. ,,Nun’’, begann Yaga ruhig, ,,du kannst dir sicher sein, dass Eugenius ihr eine Menge schlimmer Dinge antun wird. Egal, ob du gewinnst oder verlierst, er wird dadurch aus dem Kaiserreich verbannt werden. Als Kaiserliche Kopfgeldjägerin hast du jedoch das Recht, eine Person in deinen Dienst zu stellen – egal, ob sie bereits für jemanden arbeitet.’’ Leyla hielt für einen Moment den Atem an. Die Bedeutung seiner Worte hallte in ihrem Kopf wider. Wenn sie gewann, wäre das nicht nur ein Ausweg für sie selbst, sondern auch für Filia. Ein Funken neuer Entschlossenheit flammte in ihr auf. ,,Ich denke ich kann das schaffen’’, begann sie, der Funke Hoffnung wuchs in ihrer Stimme. ,,Bunj meinte…’’ Doch Yaga unterbrach sie mit einer scharfen Geste.  ,,Hör nicht zu viel darauf, was der Affe sagt’’, entgegnete er. Sein Ton war kühl, fast abweisend. ,,Er hat wahrscheinlich einfach Spaß daran, dich kämpfen zu sehen.’’ Leyla schwieg. Sie wollte ihm widersprechen, aber sie hielt sich zurück. Sie war sich sicher, dass Bunj ehrlich gewesen war. Seine Hilfe war keine Laune gewesen, sondern ein echter Versuch, ihr zu helfen. Doch sie wusste, dass es wenig Sinn hatte, Yaga zu überzeugen. ,,Ich werde es schaffen, Yaga.’’ Ihre Stimme war fest und entschlossen, doch der Ausdruck in seinem Gesicht änderte sich nicht. Die Enttäuschung blieb, und Leyla konnte nur raten, womit sie begründet war. Hatte sie einen Fehler gemacht, den sie noch nicht erkennen konnte? Der Oni zuckte schließlich mit den Schultern und wandte sich zur Tür. ,,Viel Glück Leyla. Du wirst es brauchen.’’ Mit diesen Worten verließ er den Raum, und die Tür fiel mit einem dumpfen Knall ins Schloss. Leyla war allein, doch fest entschlossen sich und Filia zu befreien.

  • Kapitel 36 - Ein neuer Anfang im Morgenlicht

    Leylas Finger glitten sacht über Liams Haut, ihre Berührung so vorsichtig, als wolle sie den Moment nicht stören. Er schlief noch, und sie hatte beschlossen, geduldig zu warten, bis er von selbst erwachte. Während sie ihn betrachtete, spürte sie, wie eine leise Freude in ihr aufstieg, ein zartes, prickelndes Gefühl, das in ihrem Inneren wuchs, wenn sie an den vergangenen Abend dachte. Die ersten Strahlen der Morgensonne krochen über den Fensterrahmen und tauchten das Zimmer in warmes, goldenes Licht. Der klare Himmel versprach einen friedlichen Tag, während das fröhliche Zwitschern der Vögel von draußen hereindrang. Im Zimmer herrschte eine wohltuende Stille, unterbrochen nur vom sanften Rhythmus von Liams Atem und dem leisen Rascheln der Bettdecke, wenn er sich leicht bewegte. „Liams Haut ist so glatt“ , dachte sie und ließ ihre Finger sacht über seine Muskeln gleiten. „Vielleicht liegt das daran, dass er ein Elf ist.“ Seine Wärme strahlte durch den dünnen Stoff der Decke hindurch, beruhigend und vertraut. Leyla schloss für einen Moment die Augen, ließ sich von der Nähe zu ihm einhüllen. Sie wollte diesen Moment festhalten, ihn für immer bewahren – die Ruhe, die Sanftheit, die Vertrautheit. Plötzlich überkam sie ein Drang, der sich nicht ignorieren ließ. Sie wollte diesen Augenblick einfangen, nicht nur in ihren Erinnerungen, sondern auch auf Papier. Vorsichtig, darauf bedacht, ihn nicht zu wecken, stand sie auf und griff nach ihrem Rucksack, der noch in der Ecke des Zimmers lag. Sie zog ihren Zeichenblock hervor und kehrte zu ihrem Platz am Bett zurück. Liams blondes Haar war zerzaust, einige Strähnen fielen ihm über die Stirn. Sein Gesicht war friedlich, entspannt, als ob nichts die Ruhe seines Schlafs stören könnte. Die Decke bedeckte den größten Teil seines Körpers, nur ein Arm lag locker darüber, und sein weißer Stoffmantel schien wie ein sanfter Rahmen für seinen ruhenden Körper. Mit jeder Bewegung des Stifts fühlte Leyla, wie sie tiefer in diesen Moment eintauchte. Sie konzentrierte sich auf die feinen Details seines Gesichts, die weichen Linien, die leicht gesenkten Augenlider, den Hauch eines Lächelns, der seine Lippen umspielte. Es war, als ob sie mit jedem Strich nicht nur sein Abbild einfing, sondern auch die Wärme und den Frieden, die sie in diesem Augenblick empfand. Als sie das Bild betrachtete, spürte sie eine tiefe Zufriedenheit. Es war nicht nur eine Zeichnung – es war ein Stück von ihm, ein Stück von ihnen. Sie legte den Zeichenblock vorsichtig beiseite und glitt leise zurück ins Bett. Die vertraute Wärme seines Körpers empfing sie sofort, wie ein Versprechen, dass alles gut war. —GÄHN— Liams leises Gähnen durchbrach die Stille. Seine Augen öffneten sich langsam, noch schwer vor Schlaf, doch als er sie sah, hellte sich sein Gesicht auf. Ein verschlafenes Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus, und er legte einen Arm um sie, zog sie näher zu sich. „Guten Morgen, Leyla. Wie hast du geschlafen?“ Seine Stimme war noch rau, ein sanftes Echo der Nacht. -------------------------------------------------------------------------- „Ich habe sehr gut geschlafen, und du?“ Liam lächelte, zog sie näher an sich und drückte ihr einen sanften Kuss auf die Stirn. „So gut wie lange nicht mehr, daran könnte ich mich gewöhnen.“ Leyla lächelte leicht, doch in ihrem Inneren schwelten widersprüchliche Gedanken. Sie liebte diese ruhigen, intimen Momente, doch sie wusste, dass gerade ihre Seltenheit sie so besonders machten. Manche Augenblicke sollten selten bleiben, dachte sie. Das machte sie kostbarer. „Du, Leyla“, begann Liam nach einer Weile, während seine Finger sanft über ihren Rücken strichen. „Ich weiß, dass gestern etwas passiert ist. Du musst mir nichts erzählen, wenn du noch nicht willst, aber ich sehe, dass es dich bedrückt. Ich bin hier, wenn du bereit bist.“ Leyla atmete tief durch, als wollte sie den Knoten in ihrer Brust lösen. Sie wusste, dass sie mit Liam reden musste. „Ich… ich will dir alles erzählen.“ Ihre Stimme war leise, aber entschlossen. Sie begann von allem zu berichten: vom General, dem Oni-Mädchen, der Begegnung mit Arne, ihrer Suche nach Anja und dem Moment, in dem sie gezwungen war, einen Menschen zu töten. Ihre Worte waren ruhig, doch ihre Hände zitterten leicht, als sie von dem Mord sprach. Liam hörte aufmerksam zu, ohne sie ein einziges Mal zu unterbrechen. Seine Berührung blieb fest und beruhigend, wie ein Anker, der sie durch ihre Geschichte trug. Als sie fertig war, hob Liam ihre Hand an seine Lippen und küsste sie sanft. „Es ist schwer, Leyla. Ich weiß, wie schwer das erste Mal ist.“ Seine Stimme war weich, aber bestimmt. „Es ist leicht, sich auf das zu konzentrieren, was verloren ging. Aber schau dir an, was du gerettet hast. Du hast Unschuldige beschützt. Wie viele Frauen hätten sonst Anjas Schicksal teilen müssen? Du hast gehandelt, um die Welt ein Stück besser zu machen. Es wird mit der Zeit leichter. Es wird dich nie kaltlassen – und das sollte es auch nicht. Aber du wirst lernen, damit umzugehen.“ Leyla sah ihn an, Zweifel in ihren Augen. „Dir ging es genauso? Ich kann mir das bei dir gar nicht vorstellen.“ Liam nickte langsam, sein Blick nachdenklich. „Ja, genau so. Ich war erst dreizehn. Es war Sommer, und mein Bruder und ich waren in einem Dorf namens Sommersand. Wir spielten am Strand, als ein Mann auftauchte. Er behauptete, unsere Eltern hätten ihn geschickt, um uns abzuholen. Aber irgendetwas stimmte nicht. Als wir uns weigerten, mit ihm zu gehen, zog er ein Messer.“ Leyla lauschte gebannt, ihre Augen fixierten ihn, während er weiter sprach. Es war das erste Mal, dass er von seiner Kindheit erzählte. „Der Mann packte meinen Bruder, als wäre er sein Eigentum. Ich… ich wusste nicht, was ich tun sollte. Aber ich griff nach dem Dolch und… ich stach zu.“ Seine Stimme wurde leiser, als er sich erinnerte. „Danach fühlte ich mich Wochen lang schlecht. Ich hatte Albträume, dachte, ich hätte etwas Unverzeihliches getan. Aber dann… dann wurde mir klar, dass es keine andere Wahl gab. Manchmal ist es nicht einfach eine Frage von richtig oder falsch. Es geht ums Überleben – deines, das deiner Lieben oder das derjenigen, die sich nicht selbst schützen können.“ Leyla schwieg, seine Worte hallten in ihr wider. Sie griff nach seiner Hand, hielt sie fest und ließ sich von seiner Ruhe einhüllen. „Wie hast du das nur durchgestanden?“ fragte sie schließlich leise. „Indem ich nie vergessen habe, warum ich es getan habe“, sagte Liam sanft. „Und indem ich mich daran erinnerte, dass jeder, der kämpfen muss, einen Teil von sich dabei verliert. Aber das heißt nicht, dass du dich aufgeben musst. Du bist stärker, Leyla. Viel stärker, als du glaubst.“ -------------------------------------------------------------------------- Leyla spürte, wie die Schwere, die seit gestern auf ihrem Herzen lastete, langsam nachließ. Liams Worte hatten etwas in ihr entfacht – ein Gefühl von Zuversicht und Klarheit. Sie wusste, dass es besser werden würde, und dass sie das Richtige getan hatte. „Ich kann nicht jedes Opfer, das ich bringen muss, so betrauern. Eine ganze Welt liegt vor mir, und ich muss mich darauf konzentrieren, was noch kommen wird, statt mich im Gestern zu verlieren“ , dachte sie, während ihre Finger sanft durch Liams Haare strichen. ,,Danke, es hat mir wirklich geholfen, dass du mir zugehört hast.’’ Liam grinste und schnippte ihr leicht gegen die Stirn. „Du Dummkopf, ich bin immer für dich da, das weißt du doch. Egal, ob ich dich aus einem Kerker retten muss, oder dir zuhöre, wenn es dir nicht gut geht.“ Seine Worte ließen ein Lächeln auf Leylas Gesicht erscheinen. Er hatte recht – sie konnte immer auf ihn zählen. Doch sie wollte nicht die Einzige sein, die umsorgt wurde. Sie wollte für ihn genauso da sein, wie er es für sie war – stark, verlässlich, ein Fels, auf den er bauen konnte. Irgendwann würde sie sich revanchieren. „Lass uns mal darüber reden, welchen Auftrag wir als Nächstes annehmen. Ich hab gehört, dass du und Roxy einige kleinere Aufträge erledigt habt, während wir getrennt waren. Das habt ihr gut gemacht.“ Liam kratzte sich am Hals, bevor er weitersprach: „Ich habe einen großen Auftrag in Sicht, einen Auftrag, der uns direkt in den vierten Rang befördern wird. Aber bis dahin haben wir noch etwas Zeit, um zu trainieren und uns vorzubereiten.“ „Ein großer Auftrag? Was denn für einer?“ Leyla sah ihn neugierig an. „Das ist ein Geheimnis!“ Liam grinste schelmisch, bevor er sich langsam aufsetzte. „Wollen wir frühstücken gehen? Ich hab einen riesigen Hunger.“ Leyla stöhnte enttäuscht, als sie keine Antwort auf ihre Frage bekam, und ließ sich widerwillig vom Bett gleiten, als hätte die gemütliche Wärme sie fest umschlungen. Der Gedanke an Frühstück war das Einzige, was sie in Bewegung brachte. Ihr Magen meldete sich bereits mit einem lautstarken Grummeln, und so stand sie auf, zog sich an und strich noch einmal ihre Haare glatt. Von draußen hörte man das allmähliche Erwachen der Stadt. Schritte hallten über das Kopfsteinpflaster, das Klappern von Wagen und das leise Murmeln von Stimmen drang durch das Fenster. Es war, als würde die Welt selbst aus einem tiefen Schlaf erwachen, bereit, den neuen Tag mit all seinen Herausforderungen willkommen zu heißen.

  • Kapitel 34 - Die Leere, die folgt

    Der Lupid wartete bereits ungeduldig am Stadttor, nervös auf den Füßen wippend. Seine Augen suchten unaufhörlich die Umgebung ab, während seine Hände immer wieder die Zügel seines Esels umfassten. Leyla und Roxy hatten sich beeilt, ihn nicht warten zu lassen. Kaum hatten sie den Treffpunkt erreicht, sah er zu ihnen hinüber, die Erleichterung in seinem Blick war deutlich. „Da seid ihr ja… Ich hatte schon Angst, dass ihr es euch anders überlegt habt“, sagte er mit einer zittrigen Stimme. Der Lupid wirkte, als würde er mit jeder vergehenden Minute panischer werden. Sein Fell war leicht gesträubt, und seine unruhigen Bewegungen machten seine Anspannung deutlich. Leyla trat einen Schritt auf ihn zu und legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter. „Ich hab dir doch versprochen, dass wir dir helfen“, sagte sie sanft. „Wie weit ist es bis zu dem Wald?“ „Es ist nicht weit, nur einige Stunden von hier“, antwortete er und schenkte ihr ein erschöpftes, aber dankbares Lächeln. Kurz darauf schwang er sich auf seinen kleinen Esel, der geduldig neben ihm gestanden hatte. „Wir müssen noch kurz bei den Ställen vorbeischauen. Ich will Himmel mitnehmen“, fügte Leyla hinzu und blickte in Richtung der Stallungen. Es war zwar möglich, die Strecke zu Fuß zu gehen, aber der Gedanke, ihren treuen Gefährten wiederzusehen, ließ sie kaum warten. Nachdem Leyla und Roxy ihre Pferde abgeholt hatten, machten sie sich auf den Weg. Das vertraute Gefühl von Himmels seidigem Fell unter ihren Fingern löste eine Welle der Erleichterung in ihr aus. Sie hatte ihn vermisst – viel mehr, als sie sich selbst eingestanden hatte. Auch Himmel schien die Wiedervereinigung zu genießen, denn er trabte fröhlich neben dem Esel her. Der Weg führte sie durch weite Felder und sanfte Hügel, die in bedrückender Stille dalagen. Selbst der Wind, der leise durch die Bäume streifte, wirkte zögerlich und zurückhaltend. „Wie ist eigentlich dein Name?“, fragte Leyla schließlich, ihre Hände fuhren sachte über Himmels schwarzes Fell. „Ich heiße Arne“, antwortete der Lupid, während er mit einer Hand über den Nacken seines Esels strich. „Arne also“, wiederholte Leyla und blickte ihn aufmerksam an. „Es muss schwer für einen Lupid im Kaiserreich sein, oder?“ Die Frage kam sanft, doch der Hauch von Ungerechtigkeit, den sie selbst empfand, schwang in ihrer Stimme mit. Es war ein Teil dieser Welt, den sie nie akzeptieren konnte – dass Wesen wie Arne nur wegen ihrer Andersartigkeit verachtet wurden. Arne zögerte, bevor er leise antwortete: „Nun ja, wir haben es schon schwerer. Wir kriegen kaum Arbeit, und, wie du vorhin gesehen hast, behandeln uns die Wachen und Soldaten oft schlecht. Aber Anja und ich… wir kommen ganz gut durch.“ Leyla spürte, wie sich ihr Herz bei seinen Worten zusammenzog. „Anja ist dann wohl seine Frau“ , dachte sie, während sie ihren Blick nachdenklich auf die Straße richtete. „Und? Seid ihr beide glücklich miteinander?“, fragte Roxy unvermittelt und durchbrach die Stille, die nur vom sanften Hufgetrappel begleitet wurde. „Ja, sehr sogar“, sagte Arne, doch seine Stimme zitterte. „Wir kennen uns erst seit einem Jahr, aber ich weiß, dass ich ohne sie nicht mehr leben könnte. Wir wollten eine Familie gründen…“ Seine letzten Worte waren kaum mehr als ein Flüstern, und die Angst, die in seinen Augen aufblitzte, sprach Bände. Die Sonne warf goldenes Licht durch die dichten Baumkronen, und die Schatten der Äste tanzten auf dem Waldboden. Das leise Rascheln von Laub unter den Hufen und das Zwitschern der Vögel begleiteten sie auf ihrem Weg. Doch trotz der natürlichen Schönheit, die sich in Leylas Augen widerspiegelte, des Waldes lag eine spürbare Spannung in der Luft – als ob der Wald selbst ihre Sorge teilte. Leyla lenkte ihren Blick wieder zu Arne und sprach mit fester Stimme: „Keine Sorge, Arne. Roxy und ich werden alles tun, um deine Frau zurückzubringen. Das verspreche ich dir – und ich halte meine Versprechen.“ Arne nickte langsam, als ob er Leylas Worte in sich aufnahm. Sein Blick war voller Hoffnung, während sie tiefer in den Wald ritten, das Versprechen der Rettung wie ein Licht in der bedrückenden Dunkelheit. -------------------------------------------------------------------------- „Hier habe ich den Hut meiner Frau gefunden“, sagte Arne, seine Stimme zitterte vor Angst und Verzweiflung. Mit bebenden Händen zog er den Hut aus seinem Beutel. Leylas Blick wanderte zu den Blutspritzern auf dem Boden, die wie stille Zeugen des Geschehens wirkten. Sie kniete sich hin, um die Umgebung genauer zu betrachten, in der Hoffnung, eine Spur zu finden. „Wenn Liam doch nur hier wäre“ , dachte sie mit einem Anflug von Traurigkeit. Er hatte die Fähigkeit, Dinge zu erkennen, die ihr verborgen blieben. Der Gedanke an seine Abwesenheit ließ eine Welle der Hilflosigkeit über sie rollen, doch sie schüttelte sie entschlossen ab. Sie musste tun, was in ihrer Macht stand. Leyla seufzte leise. „Ich kann nicht sehen, wohin die Blutspuren führen“, gestand sie mit einem Anflug von Frustration. Roxy verschränkte die Arme und musterte die Umgebung. „Wir müssen wohl oder übel die Gegend Stück für Stück absuchen“, stellte sie fest und richtete ihren Blick auf Arne. „Kannst du auf Himmel und Rost aufpassen, während wir suchen?“ Arne nickte und nahm die Zügel entgegen, seine Bewegungen waren steif vor Anspannung. Leyla trat noch einmal zu Himmel, streichelte ihm den Kopf und flüsterte leise: „Ich bin bald wieder da. Pass bitte gut auf Arne und Rost für mich auf, okay?“ Himmel hob den Kopf, schnaubte sanft und stieß Leylas Hand leicht mit seiner Schnauze an. Es war, als wollte er ihr versichern, dass er verstanden hatte. Die kurze Verbindung zu ihrem treuen Gefährten beruhigte sie, bevor sie sich zusammen mit Roxy auf den Weg machte. Zuerst suchten sie die Wege ab, die von der Lichtung wegführten, doch die Suche brachte keine Ergebnisse. Frustriert und unermüdlich begannen sie, die schwer zugänglichen Bereiche des Waldes zu durchforsten. Das Dickicht schien jede Spur zu verschlucken, und die Minuten zogen sich qualvoll in die Länge. „Das gibt’s doch nicht…“, murmelte Leyla, ihre Stimme von Unruhe durchzogen. Mit jeder weiteren verstrichenen Minute zog sich ihr Magen noch fester zusammen. Die Unsicherheit und die stumme, bohrende Angst, was mit Anja geschehen sein könnte, nagten an ihr. Roxy schob eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht und seufzte schwer. Ihre Augen wirkten müde, doch ihre Stimme blieb ruhig. „Es bleibt eigentlich nur noch das Tal im Süden.“ Leyla nickte stumm, und die beiden setzten ihren Weg fort. Das kleine Tal lag düster und unheilvoll vor ihnen, umrahmt von hohen Felsen und Baumkronen, die kaum Licht durchließen. Es schien ein Ort zu sein, an dem die Welt ihre Schatten verbarg. Sie erreichten einen Vorsprung, von dem aus es steil nach unten ging. Leyla trat an den Rand des Vorsprungs und warf einen Blick hinunter. Das Tal wirkte wie ein undurchdringliches Geheimnis, doch etwas weiter unten, zwischen den Schatten und Felsen, entdeckte sie etwas, das ihr den Atem raubte. Ihr Herz setzte für einen Moment aus, und ein eisiger Schauer lief ihr über den Rücken. Sie spürte, wie ihre Finger sich fest um den Griff ihres Schwertes schlossen. „Roxy“, brachte sie mit gedämpfter Stimme hervor und deutete nach unten. „Da unten… siehst du das auch?“ -------------------------------------------------------------------------- Drei Männer saßen um ein prasselndes Lagerfeuer. In ihren Händen hielten sie Fleischkeulen, während sie lachten und redeten. Die Szenerie wirkte beinahe banal, hätte da nicht einige Meter weiter die grausame Realität gelegen. Neben einem kleinen See lag eine Lupidenfrau am Boden. Ihr zerrissenes Kleid war blutgetränkt, ihre Beine offensichtlich gebrochen. Leyla musste nicht dabei gewesen sein, um zu wissen, welche Grausamkeiten dieser Frau angetan worden waren. Ihr Atem stockte, als sie die reglose Gestalt erblickte. Die Welt schien für einen Moment stillzustehen, und Leyla spürte, wie ihre Knie schwach wurden. Sie musste sich an einem Baum abstützen, um nicht umzufallen. Der Anblick trieb ihr die Luft aus den Lungen, und eine kalte Welle der Hilflosigkeit überkam sie. Roxy legte ihr eine Hand auf die Schulter. Leyla drehte sich langsam zu ihr um und blickte in das vor Wut verzerrte Gesicht ihrer Freundin. Roxys Augen funkelten vor Zorn, ihre Hände zitterten leicht, und ihre Kiefermuskeln waren so angespannt, dass es aussah, als müsse sie sich zurückhalten, um nicht sofort loszustürmen. „Lass uns die Wichser erledigen“, zischte Roxy. Ihre Stimme war nicht mehr als ein Flüstern, doch der Hass darin war greifbar. Leyla sah Roxy an und spürte ein Unbehagen. Diese unkontrollierte Wut war ihr fremd. Normalerweise war Roxy diejenige, die Ruhe bewahrte, die besonnen blieb. Jetzt schien sie von einer ungezügelten Rage überwältigt, die Leyla fast mehr Angst einjagte als die Männer vor ihnen. „Ich stimme dir zu“, sagte Leyla mit ruhiger Stimme. „Aber du musst dich beruhigen, Roxy.“ Zunächst schien es, als würden Leylas Worte nicht zu ihr durchdringen, doch als sie ihre Freundin in eine Umarmung zog, begann Roxys Zorn allmählich nachzulassen. Leyla hielt sie fest, spürte die angespannte Wärme ihres Körpers und flüsterte beruhigend: „Wir schaffen das, aber nicht so. Wir müssen überlegt handeln.“ Langsam entspannte sich Roxys Haltung. Ihr Atem wurde ruhiger, und schließlich erwiderte sie die Umarmung, als suche sie Halt. „Danke, Leyla…“, murmelte sie leise. „Ist schon okay. Wir ziehen das durch, aber bedacht. Wir werden sie zur Rechenschaft ziehen und Anja retten, das verspreche ich dir.“ Leyla lächelte leicht, um ihrer Freundin Mut zu machen. Roxy nickte dankbar, ihr Gesicht wieder gefasster, bevor sie vorausging. Lautlos schlichen die beiden um das Tal herum, suchten nach einer besseren Position. Der steile Abhang war rutschig, und jeder Schritt auf den Felsen ließ die Spannung steigen. Das leise Knacken von Zweigen unter ihren Füßen hallte wie ein Mahnmal in der stillen Umgebung. Als sie unten ankamen, versteckten sie sich hinter einem großen Strauch. Leyla spähte vorsichtig durch das dichte Blattwerk. Die Stimmen der Männer drangen zu ihnen, lallend und laut. „Meinst du, ich kann gleich noch mal eine Runde mit der Hündin Spaß haben?“, fragte einer der Männer mit einem ekelerregenden Unterton in der Stimme. „Du kriegst auch wirklich nicht genug, oder? Das wievielte Mal ist das jetzt?“, antwortete ein anderer und lachte dreckig. „Du holst dir noch Flöhe, du Idiot.“ Das widerliche Gelächter kroch Leyla wie Gift unter die Haut. Sie spürte, wie sich ihr Magen zusammenkrampfte und ihr Herz schneller schlug. Der Abscheu, der in ihr brodelte, war kaum zu bändigen. Diese Männer hatten kein Recht, noch einen Atemzug zu tun, geschweige denn, die Frau noch einmal anzurühren. Das Unheil, das die Männer angerichtet hatten, würde heute enden. Leyla und Roxy würden sicherstellen, dass Gerechtigkeit geschah. -------------------------------------------------------------------------- Das Lagerfeuer flackerte unruhig, als ob es die drohende Gefahr spüren würde. Die Dunkelheit des Waldes umschloss das Lager wie eine schwere Decke, und die Stille wurde nur gelegentlich durch das entfernte Rascheln von Blättern durchbrochen. Die Männer lachten und tranken, ahnungslos, dass ihr Ende bereits in der Luft lag. „Ich greife sie von links an. Wenn sie sich auf mich fokussieren, greifst du sie von rechts an“, flüsterte Roxy mit einem Blick, der vor Entschlossenheit brannte. Leyla nickte stumm. Es war ihr erster richtiger Kampf gegen Menschen. Zwar hatte sie mit Maegnar bereits gegen einen „menschlichen“ Gegner gekämpft, doch bei ihm hatte es sich mehr wie ein Kampf gegen ein Monster angefühlt. Diesmal war es anders. Sie würde gegen Menschen kämpfen – und sie möglicherweise töten. Der Gedanke daran zog ihren Magen zusammen, und ein kaltes Gewicht legte sich auf ihre Brust. Doch sie wusste, dass sie keine Wahl hatte. Ihre Nervosität wuchs mit jedem Atemzug, aber die Zeit für Zweifel war vorbei. Roxy war bereits aufgesprungen. Ihre Augen brannten vor Zorn, doch ihre Schritte waren fest und entschlossen, als sie auf die Männer zustürmte. Jeder Muskel ihres Körpers war angespannt, bereit, ihre Wut in einen tödlichen Schlag zu verwandeln. „Ihr Bastarde! Wie könnt ihr einer Frau so etwas antun und dann noch darüber lachen?!“ Roxys Stimme schnitt wie ein Messer durch die Nacht. Die Männer drehten sich überrascht zu ihr um. Einer von ihnen grinste breit. „Wer bist du denn? Was willst du von uns?“ Seine Worte tropften vor Arroganz, und sein Blick wanderte über Roxy. „Aber ich hab nichts gegen Abwechslung. Du kommst wie gerufen!“ Leyla nutzte den Moment der Ablenkung und schlich lautlos um die drei Männer herum. Ihr Herz pochte heftig in ihrer Brust, doch ihre Schritte blieben leise und bedacht. Roxy zog ihr Schwert und stürmte auf einen der Männer zu. Der ließ die Fleischkeule in seiner Hand fallen und griff hastig nach der Axt an seinem Gürtel. Auch die anderen beiden zogen ihre Waffen, bereit, sich zu verteidigen. Leyla, die sich unbemerkt hinter den hintersten Mann geschlichen hatte, zog nun ebenfalls ihr Schwert. Sie machte einen Satz nach vorn, und mit einem gezielten Stoß bohrte sich die Klinge in seinen Rücken, genau dort, wo sein Herz saß. Sie spürte den Widerstand, als ihr Schwert das Fleisch durchdrang, und warmes Blut spritzte auf ihre Hände. Ein Teil von ihr wollte zurückschrecken, doch sie hielt den Griff fest und drückte die Klinge tiefer. Der Mann stieß ein gurgelndes Geräusch aus, und Blut lief ihm aus dem Mund, während er versuchte, etwas zu sagen. Doch es war zu spät – er tat seinen letzten Atemzug und brach leblos zusammen. Roxy kämpfte bereits gegen den Mann, der ihr am nächsten war. Mit einer schnellen, fließenden Bewegung ließ sie ihr Schwert durch die Luft sausen. Die Klinge schnitt sauber durch seinen Hals, und mit einem dumpfen Geräusch fiel sein Kopf zu Boden, während sein Körper leblos zusammensackte. Nur noch einer war übrig – der Mann, der so widerlich über Anja gesprochen hatte. Panik spiegelte sich in seinen Augen, als er realisierte, dass er allein war. Seine Axt fiel klirrend zu Boden, und er warf sich auf die Knie, während er rückwärts krabbelte. „Bitte, tut mir nichts! Es war doch alles nicht so ernst gemeint. Sie… sie hat uns verführt! Ja, genau, sie wollte das alles!“ Leyla war fassungslos. Nicht nur hatte er einer hilflosen Frau solche Grausamkeiten angetan, jetzt wagte er auch noch, ihr die Schuld zu geben. Ekel, Hass und Abscheu überkamen sie, und sie konnte ihren Blick nicht von ihm abwenden. Roxy trat einen Schritt nach vorne, ihr Schwert fest in der Hand. Ihre Stimme war kalt und schneidend. „Hätte es auch nur einen Funken Reue in dir gegeben, hätte ich dich vielleicht den Wachen überlassen. Aber deine Seele ist so verdorben wie dein Herz…“ Der Mann schrie vor Panik und versuchte, sich weiter zurückzuziehen, doch es gab kein Entkommen. Mit einem einzigen, tödlichen Stoß durchbohrte Roxy sein Herz. Sein letzter Blick war eine Mischung aus Verzweiflung und Entsetzen, bevor er reglos zu Boden sank. Als der letzte der Männer fiel, fühlte Leyla, wie eine eisige Leere in ihr aufstieg. Sie hatte getötet. Auch wenn es notwendig gewesen war, lastete die Schwere dieser Taten wie ein Stein auf ihrer Seele. Ihr Herz hämmerte in ihrer Brust, und ihr Atem ging schwer, während die Realität auf sie einprasselte. Sie spürte, wie ihre Hände zitterten, doch sie zwang sich, ruhig zu bleiben. Roxy sah sie an, ihre Augen noch immer erfüllt von einer Mischung aus Zorn und Traurigkeit. „Wir müssen nach ihr sehen“, sagte sie leise, fast flüsternd. Leyla nickte stumm, ihr Blick glitt zu den reglosen Gestalten am Boden. -------------------------------------------------------------------------- Leyla stand wie betäubt da, ihre Augen auf die reglosen Körper vor ihr gerichtet. Die Welt um sie herum schien sich aufzulösen, während ein einziger Gedanke durch ihren Kopf hämmerte: „Ich habe einen Menschen getötet. ICH HABE EINEN MENSCHEN GETÖTET!“ Die Worte hallten wider, wieder und wieder, wie ein endloser, unerbittlicher Widerhall. Ihre Brust fühlte sich eng an, und mit jedem Atemzug schien die Luft schwerer zu werden. Die Frage, ob es keinen anderen Weg gegeben hätte, fraß sich wie ein giftiger Dorn in ihren Geist. Hätte sie die Männer aufhalten können, ohne zu töten? Der Zweifel nagte an ihr, bohrte sich tief in ihre Seele. Ihr Inneres schien in tausend Stücke zu zerspringen. Ihre Knie gaben nach, und sie sackte kraftlos zu Boden. Tränen strömten aus ihren Augen, während ihr Körper vor Schluchzen bebte. Ihre Brust hob und senkte sich in rasendem Tempo, und ihr Herz schien jeden Moment zerspringen zu wollen. Der Boden unter ihr schien zu schwanken, ihr Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen, bis sie sich schließlich übergab. Die Welt um sie herum verlor jede Bedeutung. Sie war allein mit dem bodenlosen Abgrund ihrer Gedanken, gefangen in einem Chaos aus Schuld und Selbsthass. Die Realität war wie ein ferner, unerreichbarer Traum. „Was habe ich getan? Was habe ich getan? WAS HABE ICH GETAN?“ Die Worte wirbelten durch ihren Kopf wie ein tosender Sturm. Sie konnte sie nicht stoppen, nicht einmal für einen Augenblick. Ein schrilles Pfeifen begann in ihren Ohren, erst leise, dann immer lauter, bis es fast unerträglich wurde. Es war, als würde ein unsichtbarer Dolch sich durch ihren Kopf bohren. Plötzlich hörte sie Roxys Stimme, ein leises Flüstern, das durch die Dunkelheit ihres Geistes drang. „Leyla?“ Die Stimme war wie ein Seil, das sie zurück ins Hier und Jetzt ziehen wollte, doch die Worte, die folgten, stießen sie erneut in den Abgrund. „Sie atmet nicht mehr…“ Die Bedeutung dieser Worte schnitt durch die Lähmung, die sie umgab, wie ein Messer. Leylas Atem stockte, und ein Gefühl von Panik verschlang sie. Ihre Umgebung verschwamm, und ihr Körper fühlte sich plötzlich schwer und fremd an. Alles wurde dunkel, während sie das Bewusstsein verlor.

  • Kapitel 63 - Töten für die Freiheit

    Leyla ließ ihren Blick über die Kaiserstadt schweifen und genoss die unerwartete Schönheit, die sich ihr bot. Sie hatte sich diesen Ort als grausam und verkommen vorgestellt, voller Intrigen und Dunkelheit. Und wahrscheinlich war er das auch.  Doch von hier oben, vom Dach des Palastes aus, wirkte die Stadt wie ein Meer aus kleinen Lichtern, friedlich und still. Die Lichter der Häuser erinnerten sie an unzählige Glühwürmchen, die sich in ihrem Sichtfeld verteilt hatten. Zum ersten Mal, seit sie in die Kaiserstadt gebracht worden war, fühlte sie sich nicht eingesperrt. Neben ihr saß Bunj. Er hatte sie die ganze Zeit über angesehen, und sie merkte, wie schwer ihr es fiel, seine Mimik zu deuten. Schließlich wandte sie sich ihm zu, denn das Schweigen zwischen ihnen schien schwerer zu werden. ,,Warum bist du hier?’’ Ihre Stimme war leise, fast vorsichtig, als hätte sie Angst, eine Grenze zu überschreiten. Bunj zeigte sein breites, unheimliches Grinsen. Seine Zähne blitzten im schwachen Licht der Stadt, während er antwortete. ,,Darrf ich eine Frreundin von mirr nicht besuchen?’’ Sein Ton war zugleich verspielt und ernst, schwer zu entschlüsseln. Freundin? Leyla blinzelte verwirrt. Sie? Eine Freundin? Hatte sie die Begegnung auf dem Trainingsplatz damals so falsch eingeschätzt? Das Wort fühlte sich seltsam an, fremd. ,,Du bezeichnest mich als Freundin?’’ Ihre Stimme stockte leicht, nicht vor Angst, sondern vor Überraschung. ,,Wieso tust du das?’’ ,,Weil ich dich mag’’, knurrte er schlicht. Ein Knurren, das gleichzeitig rau und ehrlich klang. ,,Du wirrkst wie eine Menschin, derr ich vertrrauen kann.’’ Bunjs Worte überraschten Leyla, doch sie spürte, dass sie aufrichtig waren. Seine bedrohlich klingende Stimme schien einfach seine natürliche Art zu sprechen zu sein, und nicht, wie sie anfangs geglaubt hatte, ein Ausdruck von Aggression. Leyla überlegte kurz, bevor sie ihre nächste Frage stellte. ,,Kann ich dir dann auch vertrauen?’’ Ihre Worte waren vorsichtig, fast tastend, doch in ihr keimte ein unerwartetes Gefühl von Sicherheit. An diesem Ort, in der sie bisher nur Filia vertraut hatte, war es seltsam befreiend, jemanden wie Bunj vor sich zu haben. Er wirkte aufrichtig, ungeschönt, jemand, der keine Masken trug, um sich zu verbergen. ,,Natürrlich kannst du das, Kleinerr Wellensittich.’’ Seine Stimme hatte zum ersten Mal einen weichen Unterton, der sie mehr überraschte als seine Worte. ,,Warum nennst du mich so? Kleiner Wellensittich?’’ fragte Leyla nach einer kurzen Pause. Das Wort klang seltsam in ihren Ohren, und doch weckte es eine seltsame Neugier in ihr. Bunj überlegte kurz, bevor er antwortete, und seine Augen blitzten im fahlen Licht. ,,Wellensittiche sind Vögel aus meinerr Heimat, dem Denjarr-Dschungel. Sie sind seit Ewigkeiten eng mit uns Chimp befrreundet.’’  Er hielt inne, sein Blick schweifte kurz ab, bevor er sie erneut ansah. ,,Fürr mich bist du wie ein kleinerr Wellensittich. Störrt dich derr Name?’’ Leyla schüttelte den Kopf und lächelte leicht. ,,Nein, überhaupt nicht. Er hatte mich nur gewundert.’’ Ohne es bewusst zu merken, lehnte sie sich gegen das weiche Fell des Chimp. Zum ersten Mal in dieser Stadt fühlte sie sich sicher – sicher und frei, wie die Glühwürmchen in der Nacht.  Bunj, der ihre innere Anspannung bemerkte, kratzte sich am Kinn. Vielleicht eine unbewusste Geste? Leyla fand, dass sie zu ihm passte. ,,Beschäftigt dich etwas, kleinerr Wellensittich?’’ - ------------------------------------------------------------------------- ,,Kronprinz Eugenius hat mir befohlen, ihn zu heiraten.’’ Leyla sprach die Worte leise, fast zögerlich. Sie wusste nicht genau, wie Bunj zu den Algavia stand. Schließlich war er Mitglied in der Eliteeinheit des Kaisers, und sie nahm an, dass er zumindest eine neutrale Haltung ihnen gegenüber hatte. Dennoch spürte sie den Drang, es ihm zu erzählen. Sie erhoffte sich von ihm einen guten Rat. Bunj musterte sie aufmerksam, sein Blick weiterhin schwer zu lesen. Schließlich fragte er: ,,Und du möchtest das nicht?’’ Dabei begann er sich beiläufig an seinem Knie zu kratzen. Leyla schüttelte den Kopf, ein bitteres Lächeln auf den Lippen. ,,Nein. Ich möchte nicht heiraten, vor allem niemanden, der es mir befiehlt. Aber ich kann mich ja auch nicht wirklich wehren, wie soll ich mich schon wehren…’’ Ihre Stimme zitterte leicht, während sie die Worte aussprach. ,,Wenn ich abhaue, lässt er mich wieder einfangen. Wenn ich mich weigere, lande ich bestenfalls im Gefängnis und im schlimmsten Fall… war’s das für mich.’’ Sie hielt kurz inne, bevor sie mit einem Seufzen fortfuhr: ,,Weißt du Bunj, es gibt schon jemanden, den ich liebe, auch wenn ich keine Ahnung habe, wo er sich befindet oder wie es ihm geht. Und selbst bei ihm wäre mir momentan eine Heirat viel zu früh. Ich will keine Kindergebärmaschine für jemanden sein…’’ Bunj blieb gelassen, seine Miene zeigte keine Regung. ,,Dann heirrate ihn doch einfach nicht.’’ Leyla blinzelte ungläubig, und starrte ihn an. Hatte er ihr überhaupt zugehört? Seine Antwort klang so einfach, so beiläufig, als ob es keinerlei Konsequenzen hätte. ,,Wie gesagt, ich habe keine andere Wahl…’’ Ihre Stimme wurde lauter, und ein Hauch von Verzweiflung schwang in ihren Worten mit. ,,Man hat immerr eine anderre Wahl, man muss nurr den Mut haben sie zu trreffen.’’ Leyla schüttelte den Kopf, ihre Hände zitterten leicht. ,,Was für eine Wahl wäre das denn? Selbstmord?’’ Ihre Stimme brach, und sie spürte, wie Tränen in ihre Augen schossen. ,,Darüber habe ich nachgedacht. Und ich habe realisiert, dass das wahrscheinlich noch schlimmer wäre. Wenn ich eine Möglichkeit sehen würde, dann würde ich sie ergreifen.’’ Die Tränen liefen ihr nun frei über die Wangen, während sie ihre Hände in den Stoff ihres weißen Nachthemdes krallte. Bunj schien jedoch weiterhin ruhig zu bleiben, unerschütterlich, als wäre ihm alles egal. Schließlich sprach er weiter, diesmal mit einem leicht amüsierten Unterton, der Leyla zugleich irritierte und neugierig machte: ,,Als Kaiserrlicherr Kopfgeldjägerr darrf man nicht verrheirratet sein’’ Leyla hob den Kopf, ihre Tränen schimmernd im Mondlicht, und sah ihn an. Während er sprach, begann Bunj, sie mit seiner großen Hand zu tätscheln. Die Berührung war grob, wie es für ihn typisch schien, aber irgendwie auch beruhigend. Leyla konnte sich ein leises, müdes Lächeln nicht verkneifen. - ------------------------------------------------------------------------- ,,Aber ich bin keine Kaiserliche Kopfgeldjägerin… Das bringt mir also nichts.’’ Leyla sprach die Worte mit einem leichten Seufzen aus, doch ein Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht. In ihrem Kopf formte sich ein Gedanke:  ,,Vielleicht ist das einfach seine Art, mich aufmuntern zu wollen. Das ist mir immer noch lieber, als wenn er mir nicht zuhören würde.’’ Bunj blickte sie an, seine Augen ruhten auf ihrem Gesicht. ,,Jarr, das bist du nicht.’’ Die Worte hatten ein Gewicht, das Leyla nicht erwartet hatte, schließlich hatte sie diese Worte auch ausgesprochen, und sie fühlte, wie eine kleine Welle der Enttäuschung über sie schwappte. Doch bevor sie etwas erwidern konnte, sprach er weiter: ,,Das bist du nicht’’, fuhr er fort, ,,aberr du kannst es werrden.’’ Seine Stimme war ruhig, fast beiläufig, aber die Worte trafen sie wie ein Blitz. ,,Wie soll ich denn eine werden?’’ fragte Leyla mit einem Hauch von Skepsis in ihrer Stimme. Sie wusste wenig über die Eliteeinheit des Kaisers, aber eines war klar: Sie waren außergewöhnlich stark, viel stärker, als sie selbst – oder etwa nicht? Bunj grinste breit und schlug ein paar Mal spielerisch in die Luft, bevor er sie mit seinem Finger anstupste. ,,Du musst einfach einen von uns im Kampf töten, ist ganz einfach.’’ Leyla schüttelte ungläubig den Kopf. ,,Ich will niemanden töten, den ich nicht kenne. Außerdem bin ich nicht stark genug dafür.’’ Ihre Stimme klang bestimmt, doch in ihrem Inneren regte sich ein leiser Zweifel. Was, wenn Bunj recht hatte? ,,Doch bist du.’’ Die Worte waren voller Überzeugung, und er hielt kurz inne, bevor er weitersprach. ,,Ich habe deine Magie beobachtet, und unserre Nummerr Zehn besiegst du im Schlaf.’’  Sein Kommentar ließ Leyla innehalten. Sie konnte es nicht wirklich glauben. War sie wirklich in der Lage, einen der zehn Kopfgeldjäger zu besiegen? Der Gedanke fühlte sich surreal an. ,,Wer ist die Nummer Zehn?’’ fragte sie schließlich, ihre Neugier siegend. Was jedoch stärker als die Neugier war, war ihr Hoffnung. ,,Die Numerr Zehn ist ein Magierr. Ein Elf mit dem Namen Varragil. Genauso wie du beherrscht err Errdmagie.’’ Ein Elf, der wie sie Erdmagie beherrschte? Leyla fühlte, wie ihre Unsicherheit erneut wuchs. ,,Dann habe ich ja keine Chance. Er hat bestimmt viel mehr Kampferfahrung und kann seine Magie besser kontrollieren.’’ Bunj nickte leicht, als würde er ihre Worte anerkennen, doch blieb er bei seiner Einschätzung. ,,Das stimmt beides. Aberr du gewinnst trrotzdem. Deine Magie ist um Längen stärrkerr als seine. Was err an Errfahrrung und Kontrrolle hat, hast du an Krraft.’’ Sein aufmunterndes Nicken und der Ton seiner Worte ließen Leyla kurz innehalten. In ihrem Inneren wuchs die Hoffnung weiter. Sollte sie ihm glauben? Auf der anderen Seite, was hatte sie zu verlieren? Mit einem tiefen Atemzug dachte sie: ,,Was soll’s. Er sagt, dass er mich beobachtet hat. Er würde sowas bestimmt nicht halbherzig sagen.’’ - ------------------------------------------------------------------------- ,,Also gut, ich versuche es!’’ Leyla sprach die Worte mit einer Entschlossenheit aus, die sie selbst überraschte. Minutenlang hatte sie in der Stille der Nacht nachgedacht, die Zweifel mit ihrem Wunsch nach Freiheit abgewogen. Schließlich hatte die Hoffnung gesiegt. ,,Was muss ich tun, um gegen ihn zu kämpfen?’’ fragte sie, ihre Stimme fest, auch wenn ihre Hände leicht zitterten ,,Garr nichts. Ich rregel das fürr dich’’, antwortete Bunj mit seinem üblichen Grinsen, das seine Reißzähne entblößte. Er streckte ihr seinen Daumen entgegen, eine Geste der Zuversicht. ,,In ein paarr Tagen, wirrd dich jemand abholen und dann errhälst du deine Chance.’’ Plötzlich trat er vor und nahm sie in den Arm. Seine Hand strich sanft über ihren Rücken, ein für Leyla überraschend fürsorglicher Moment. ,,Du wirrst es schaffen, kleinerr Wellensittich’’, murmelte er, seine Stimme ruhig und voller Vertrauen. Es fühlte sich für Leyla an wie ein Versprechen. Ein Versprechen, dass für sie das gleiche Gewicht hatte, wie das Versprechen an Filia.  Mit einer Hand hob Bunj sie hoch und kletterte mit ihr zurück in ihr Zimmer. Sanft setzte er sie auf ihrem Bett ab. ,,Wirr sehen uns wiederr, verrsprrochen’’, sagte er, während er sich zum Fenster wandte, bereit, wieder in die Nacht hinauszuklettern. Doch bevor er gehen konnte, spürte er, wie Leyla nach seinem Fell griff. Überrascht hielt er inne und schaute sie fragend an. Noch bevor er etwas sagen konnte, schlang sie ihre Arme um ihn und drückte ihn fest an sich. ,,Danke Bunj. Du hast mir die Hoffnung gegeben, dass ich vielleicht wirklich aus dieser Situation rauskomme.’’ Ihre Worte waren leise, aber voller Dankbarkeit. Sein typisches Grinsen kehrte zurück, als er die Umarmung erwiderte. Dann, ohne ein weiteres Wort, machte er einen Satz hinauf zum Fenster, warf ihr einen letzten Blick zu und winkte zum Abschied. Sekunden später war er verschwunden, und die Stille der Nacht kehrte zurück. Leyla kicherte leise, während sie sich in die weiche Wärme ihres Bettes sinken ließ. Der Gedanke, dass sie tatsächlich eine Chance hatte, dem Prinzen zu entkommen, erfüllte sie mit einer vermissten Leichtigkeit. Trotz des anstrengenden Tages schlief sie zufrieden ein.

  • Kapitel 33 - Der Wert von Gold

    Draußen war die Nacht hereingebrochen, und ein feiner Nebel legte sich wie ein Schleier über die stillen Straßen. Die Laternen warfen schwaches, gelbliches Licht auf das Kopfsteinpflaster, während ein eisiger Wind durch die Gassen zog. Das entfernte Klappern eines Pferdewagens hallte leise wider, ansonsten lag die Stadt in einer geheimnisvollen, fast unheimlichen Stille. Die Dunkelheit schien erdrückend, nur gelegentlich durchbrochen von flackerndem Licht, das aus den Fenstern der Häuser fiel. Die Gaststätte „Elfenlied“ hingegen bot einen wohltuenden Kontrast zur kalten Nacht. Der warme, behagliche Duft von Kräutern und gebackenem Brot erfüllte den Raum. Kerzenlicht spiegelte sich in den polierten Holztischen, und das beruhigende Knistern des Kaminfeuers ließ die Wände beinahe lebendig wirken. Die dicken Steinwände der Schenke hielten die Kälte fern, und das Lachen der Gäste trug zu einer Atmosphäre der Geborgenheit bei. Es war der perfekte Ort, um den Strapazen des Tages zu entkommen. An einem der Tische saß Leyla mit Roxy. Sie hatten es sich mit dampfendem Kartoffeleintopf gemütlich gemacht, während Leyla erzählte. Sie sprach von Finn und der merkwürdigen Blume, die er ihr gegeben hatte, vom General, der beinahe gestorben wäre, und von der mysteriösen Assassine. Als Leyla ihre Erzählung beendet hatte, sah Roxy sie besorgt an. „Zum Glück geht es dir gut! Dieser Finn wirkt wirklich seltsam. Ich wünschte, ich könnte dir sagen, wofür die Blume steht, aber das weiß ich leider auch nicht.“ Leyla nickte nachdenklich, während sie den warmen Eintopf aß. Die Wärme des Essens und das vertraute Gespräch mit Roxy ließen sie für einen Moment die Kälte und die Ereignisse des Abends vergessen. Sie war so dankbar, wieder mit Roxy sprechen zu können. Es tat einfach gut, jemanden an ihrer Seite zu haben. „Was den General angeht“, begann Roxy mit ernstem Ton, „ich bin froh, dass du das Ganze irgendwie aus der Welt schaffen konntest. Aber Leyla, du musst wirklich vorsichtiger sein. Es ist keine gute Idee, sich mit den Mächtigen des Kaiserreichs anzulegen. Bitte denk nächstes Mal nach, bevor du dir jemanden wie ihn zu deinem Feind machst, ja?“ Leyla verzog das Gesicht und starrte in ihre Schüssel. Sie wusste, dass Roxy recht hatte, auch wenn sie es ungern zugab. Wenn Paul nicht gekommen wäre, hätte die Begegnung mit dem General vielleicht tödlich geendet. Nach einer kurzen Pause fragte Roxy mit eindringlichem Blick: „Bist du dir ganz sicher, dass die Assassine nichts gegen dich im Sinn hatte?“ Leyla nickte entschlossen. „Ja, ganz sicher. Sie hat mich nicht einmal wirklich angesehen. Nachdem sie den General getroffen hatte, ist sie einfach verschwunden.“ Roxy wirkte nachdenklich, ihre Augen suchten etwas Unsichtbares in der Ferne. Es war, als ob sie mehr wusste, doch sie zögerte, etwas zu sagen. „Dann sollten wir uns aus der Sache heraushalten“, meinte sie schließlich. „Das könnte gefährlich werden, vor allem, wenn die Assassine…“ Sie brach ab und biss sich auf die Lippe, als ob sie nicht sicher war, ob sie weitersprechen sollte. Leyla lehnte sich vor, ihre Neugier geweckt. „Was ist mit ihr?“, fragte sie eifrig. Doch Roxy schüttelte nur stumm den Kopf. „Es ist nichts, das wichtig ist. Lass uns lieber auf uns selbst konzentrieren. Solange Fer und Liam noch in Himmel sind, sollten wir ein paar Aufträge erledigen.“ Leyla war enttäuscht. „Schade, ich hätte wirklich gern gewusst, wer diese Frau war“, murmelte sie leise und stocherte in ihrem Eintopf herum. Die beiden aßen den Rest ihres Essens schweigend auf. Die Wärme der Gaststätte und die beruhigende Atmosphäre ließen den Tag langsam verblassen, und nachdem sie ihre Schüsseln geleert hatten, verabschiedeten sie sich und gingen in ihre Zimmer. Leyla fühlte sich, trotz der unerwarteten Ereignisse des Abends, sicherer als zuvor. Es würde ein neuer Tag kommen, und mit ihm neue Antworten – vielleicht sogar auf die Fragen, die sie nicht zu stellen wagte. -------------------------------------------------------------------------- Die ersten Strahlen der Morgensonne fielen sanft auf Leylas Gesicht. Sie rieb sich müde die verschlafenen Augen und schwang langsam die Beine aus dem Bett. Von draußen drangen aufgeregte Stimmen zu ihr hinauf, durchsetzt vom metallischen Klirren von Rüstungen. Neugierig trat sie zum Fenster ihres Zimmers und schaute hinaus auf die Straßen von Malyl. Dort marschierten die Soldaten der Kaiserlichen Armee in geordneten Reihen in Richtung Stadttor. Ihre Bewegungen waren synchron, das Dröhnen ihrer Schritte hallte durch die stillen Straßen. „Ziehen sie ab? Hat der Angriff gestern vielleicht etwas damit zu tun?“, murmelte Leyla leise zu sich selbst. Fasziniert beobachtete sie die Soldaten, bis die letzten von ihnen die Stadt verlassen hatten. Eine Welle der Erleichterung durchströmte sie. Seit ihrer Ankunft hatte sich die Stadt wie ein Pulverfass angefühlt, bereit, bei der geringsten Provokation zu explodieren. Ihre Anwesenheit hatte die Bewohner offensichtlich unterdrückt, als wären die Soldaten jederzeit bereit, zuzuschlagen. Mit ihrem Abzug schien sich eine Art stiller Atemzug durch Malyl zu bewegen. Die Gassen wirkten offener, freier. Die Menschen begannen wieder laut miteinander zu sprechen, und das Leben kehrte langsam in die Stadt zurück. Dennoch lag ein Hauch von Anspannung in der Luft, eine unsichtbare Erinnerung an die Angst, die noch nicht ganz verflogen war. Leyla streifte ihr schwarzes Gewand über und fuhr sich mit den Händen durch die Haare, als wollte sie die letzten Reste der Müdigkeit aus ihrem Körper vertreiben. Dann ging sie in den Aufenthaltsraum der Gaststätte hinunter. Von Roxy war keine Spur zu sehen, vermutlich schlief sie noch. „Kann ich bitte etwas Brot mit Käse zum Frühstück haben?“, rief sie dem Wirt zu und setzte sich an einen der Tische. Nach dem schnellen Frühstück verließ sie das „Elfenlied“. Die klare Morgenluft empfing sie, und Leyla beschloss, die Gelegenheit zu nutzen, um ein wenig Sport zu treiben. „Früher habe ich morgens oft Sport gemacht… glaube ich“, murmelte sie vor sich hin und begann, nach einem geeigneten Ort zu suchen. Ihre Gedanken kehrten unweigerlich zu den Geschehnissen des Vorabends zurück. Die mysteriöse Frau, die den General angegriffen hatte, ließ sie nicht los, und der Gedanke an Finn – seine rätselhafte Art, die Blume, die er ihr gegeben hatte – löste ein seltsames Ziehen in ihrer Brust aus. War es Neugier? Faszination? Oder etwas, das sie noch nicht benennen konnte? Sie war sich nicht sicher, aber eines wusste sie mit Gewissheit: Sie wollte ihn wiedersehen. In Gedanken versunken bemerkte sie kaum, dass ihre Füße sie von allein in Richtung des Parks trugen. Erst als sie das vertraute Rascheln von Laub unter ihren Stiefeln hörte, schaute sie sich um und erkannte, wo sie war. Der Park war in herbstliche Farben getaucht. Die Bäume wechselten ihr Laub von tiefem Grün zu leuchtendem Rot und Gold, und der Boden war von einer vereinzelten Schicht raschelnder Blätter bedeckt. Die Luft war klar und kühl, und jeder Atemzug füllte ihre Lungen mit der Frische des Morgens. Tau glitzerte auf den Blättern wie kleine Edelsteine, die von der Morgensonne beleuchtet wurden, und das leise Zwitschern der Vögel verlieh der Szenerie eine beruhigende Lebendigkeit. Doch an der Stelle, an der der General gelegen hatte, prangte noch immer ein dunkelroter Fleck auf dem Boden – ein stiller Zeuge des Geschehens. Leyla ging langsam zum Springbrunnen und begann, sich zu dehnen. Die Bewegungen halfen, ihre Muskeln zu lockern, und nach einer Weile fühlte sie sich wach und gestärkt. Sie griff in ihre Tasche und zog die Blume hervor, die Finn ihr gegeben hatte. Die zarten Blütenblätter schimmerten in einem feinen silbrigen Glanz, der in der klaren Morgenluft noch lebendiger wirkte. Die Pflanze schien gleichzeitig zerbrechlich und widerstandsfähig zu sein – wie ein Relikt aus einer anderen Welt. Leyla ließ die Blume in ihrer Hand rotieren und betrachtete sie aufmerksam. Was bedeutete sie? Welche Botschaft steckte dahinter? -------------------------------------------------------------------------- ,,Das ist doch keine normale Blume.’’ Leyla rief sich Finns Worte ins Gedächtnis. Er hatte von Magiesicht gesprochen, doch sie hatte keine Ahnung, was das sein sollte oder wie sie sie anwenden könnte. Was sollte sie jetzt mit der Blume machen? Nach einigem Zögern steckte sie sie wieder weg. Vielleicht konnte Liam ihr mehr über diese seltsame Fähigkeit erzählen. ,,Ich vermisse ihn…’’,   dachte sie, während ihr Blick einem kleinen Vogel folgte, der von Baum zu Baum hüpfte. Der Gedanke an Liam ließ ihr Herz schwer werden. Wie lange war es her, dass sie ihn gesehen hatte? Zwei Wochen? Vielleicht länger? Ein Hauch von Sehnsucht legte sich wie eine Wolke über ihre Gedanken. Der Vogel flog durch die Wipfel der Bäume, als wäre er auf der Suche nach Nahrung. Nach einigen Minuten schien er seine Suche aufzugeben und verschwand hinter den Dächern der Häuser. Leyla seufzte leise und erhob sich. Es war Zeit, zur Gaststätte zurückzukehren. Mittlerweile müsste Roxy schon wach sein. Auf ihrem Rückweg entschied sie sich, eine andere Route zu nehmen. Ihre Schritte führten sie durch ein ärmeres Viertel der Stadt. Die Gassen waren schmal, die Häuser verfallen, ihre Wände rissig und bröckelnd. Zersprungene Fensterscheiben und beschädigte Türen zeugten von der Armut, die hier herrschte. Die Luft war erfüllt von einem schwachen, muffigen Geruch, und das Geräusch von knirschendem Schutt unter ihren Stiefeln hallte unheimlich in der Stille wider. Ein leichtes Ziehen an ihrem Mantel ließ Leyla innehalten. Sie drehte sich um und sah ein kleines Mädchen, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt. Auf ihrem Kopf wuchsen zwei kleine Hörner – sie war ein Oni. Fer hatte ihr von diesem Volk erzählt. Die Oni, einst ein stolzes Volk, das in den Mittellanden lebte, waren von den Menschen gefürchtet und von den Anhängern des Dämonenkults nahezu ausgelöscht worden. Die wenigen, die überlebt hatten, führten seitdem ein Leben im Verborgenen oder in bitterer Armut. „Nur weil sie angeblich den Dämonen ähnlich waren…“ , dachte Leyla und spürte einen Stich des Mitleids. Das Schicksal der Oni machte sie traurig und wütend zugleich. „Hey, was gibt’s, Kleine?“ fragte sie mit einem warmen Lächeln und beugte sich zu ihr hinunter. Das Mädchen trat von einem Fuß auf den anderen und schien sich nicht sicher zu sein, ob sie sprechen sollte. Schließlich hob sie den Kopf und fragte leise: „Ähm, hast du vielleicht etwas zu essen für mich? Oder ein bisschen Geld?“ Die Stimme des Mädchens klang schwach und brüchig, und Leyla spürte, wie Mitgefühl sie überrollte. „Hast du keine Eltern? Kümmert sich niemand um dich?“, fragte sie behutsam. „Meine Eltern sind schon lange tot“, antwortete das Mädchen mit gesenktem Blick. „Ich hab nur meinen kleinen Bruder.“ Leyla zögerte einen Moment, bevor sie in ihre Tasche griff. Das leise Klirren einer Goldmünze in ihrer Hand durchbrach die Stille der Gasse. Sie hielt sie dem Mädchen hin. „Hier, nimm das. Gibt es noch etwas, womit ich dir helfen kann?“, fragte sie sanft. Das Gesicht des Mädchens hellte sich schlagartig auf, und ihre großen Augen leuchteten vor Dankbarkeit. „Ähm, danke… nein, ich glaube, ich brauche nichts“, sagte sie zögerlich. Leyla hatte das Gefühl, dass das nicht ganz stimmte, wollte aber nicht weiter nachfragen. Stattdessen legte sie ihr eine Hand auf die Schulter und sagte: „Gut. Aber wenn dir doch noch etwas einfällt oder du Hilfe brauchst, kannst du gerne zu mir kommen. Ich wohne zurzeit in der Gaststätte ‚,Elfenlied‘‘ . Weißt du, wo das ist?“ Das Mädchen nickte schüchtern und murmelte ein leises „Ja“, bevor sie in einer schmalen Seitengasse verschwand. Leyla blieb noch einen Moment stehen und sah in die Richtung, in die das Mädchen gegangen war. Eine leise Beklommenheit machte sich in ihr breit, doch sie konnte nichts weiter tun. Schließlich drehte sie sich um und setzte ihren Weg fort, während der kalte Wind durch die verlassenen Gassen wehte. -------------------------------------------------------------------------- ,,Bitte, irgendwer. Irgendjemand muss meine Frau retten!’’ Eine verzweifelte Stimme drang an Leylas Ohren, und sie spürte, wie sich ihre Schritte beschleunigten. Sie ging zügig die Straße entlang, den Rufen folgend. Wenn jemand Hilfe brauchte, wollte sie nicht zögern. Schließlich erreichte sie die Seitengasse, aus der die Stimme kam. Die Straße führte zu einer düsteren Kaserne der Stadtwachen. Das Gebäude thronte bedrohlich über der Umgebung, als ob es die Stadt von oben herab beobachten würde. Die metallischen Klänge von Rüstungen und Schwertern hallten durch die Luft, vermischt mit der stickigen Schwere der Gasse. Die Wände der Kaserne waren von Moos und Schimmel bedeckt, als hätte die Zeit selbst beschlossen, diesen trostlosen Ort zu verurteilen. Vor dem schweren Eingangstor der Kaserne kauerte ein Mann. Leyla musterte ihn genauer und erkannte, dass er schwarzes Fell hatte und sein Gesicht dem eines Wolfes ähnelte – ein Lupid. Er flehte zu einer der Wachen hinauf, seine verzweifelte Stimme bebte vor Angst. „Verschwinde und such dir jemanden, der auf Märchen steht. Wir haben Wichtigeres zu tun, als uns um verirrte Straßenköter zu kümmern“, schnauzte die Wache, bevor sie mit einem lauten Knall die Tür vor seiner Nase zuschlug. Ein brennender Zorn kochte in Leyla auf. Ihr Herz pochte schneller, und sie ballte die Hände zu Fäusten. Warum mussten so viele in dieser Welt Nicht-Menschen mit solcher Grausamkeit behandeln? Es schien, als würden sie ihren Wert nur auf ihren Ursprung reduzieren. Vorsichtig trat Leyla auf den schluchzenden Mann zu, der immer noch auf dem Boden kauerte. „Ich habe deine Rufe gehört“, sagte sie sanft. „Deine Frau muss gerettet werden?“ Der Lupid hob den Kopf und blickte sie mit vor Tränen geschwollenen Augen an. Für einen Moment wirkte er ungläubig, als hätte er nicht erwartet, dass ihm überhaupt jemand zuhören würde. Sein Körper zitterte, und seine Worte waren kaum mehr als ein Flüstern. „J-ja… sie war gestern im Wald, um Kräuter zu sammeln, und ist nicht zurückgekommen. Als ich nach ihr suchte, fand ich nur ihren Hut… mit Blutspritzern darauf.“ Leyla schluckte schwer. Sie konnte die Verzweiflung in seiner Stimme spüren, die Angst, die jeden seiner Worte durchdrang. Doch ihr Entschluss stand schon vor seiner Antwort fest. Sie musste helfen – nicht nur, weil sie eine Abenteurerin war, sondern weil sie es tief in ihrem Herzen fühlte. „Ich bin Abenteurerin“, erklärte sie mit ruhiger Entschlossenheit. „Meine Partnerin und ich werden gerne nach deiner Frau suchen und sie retten.“ Der Lupid schüttelte hastig den Kopf. „Ich… ich habe kein Gold, um euch zu bezahlen. Ich…“ „Es geht nicht ums Gold“, unterbrach ihn Leyla sanft. „Ich helfe, weil es richtig ist. Manchmal gibt es Dinge, die wichtiger sind als Bezahlung.“ Sie schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln und streckte ihm die Hand hin. Der Mann starrte sie für einen Moment an, bevor er zögernd ihre Hand ergriff. Seine zitternden Finger und sein tiefes Seufzen verrieten, wie erschöpft er war. Doch Leylas Worte schienen ihm neue Kraft zu geben, und er zog sich mühsam auf die Beine. „Komm mit“, sagte sie und machte eine einladende Geste. „Wir gehen zu meiner Partnerin, und dann klären wir den Rest.“ Gemeinsam machten sie sich auf den Weg in Richtung des „Elfenlieds“ . Der Lupid hinkte leicht, doch sein Blick wirkte entschlossener. Leyla hoffte, dass sie die Frau rechtzeitig finden würden – sie würde alles tun, um dieses Versprechen zu halten.

  • Kapitel 32 - Blut auf kaltem Stein

    Am Abend zuvor: Leyla lag in ihrem Bett und starrte gedankenverloren die Decke an. Die Begegnung mit General van Trey ließ sie nicht los. Immer wieder spielten sich die Ereignisse vor ihrem inneren Auge ab, und ihre Gedanken wirbelten durcheinander. Sie hatte nicht das Gefühl, dass es falsch gewesen war, sich schützend vor das Kind zu stellen. Auch, dass sie sich dem General nicht unterwerfen wollte, hielt sie weiterhin für richtig. Doch etwas daran nagte an ihr, ein Gefühl des Unbehagens, das sie nicht abschütteln konnte. „Ich muss aufhören, mich Adligen gegenüber so zu benehmen“, murmelte sie leise, als ob die Worte im Raum weniger schwer wiegen würden. „Wenn Paul nicht gekommen wäre, wäre ich jetzt vielleicht tot.“ Sie biss sich auf die Unterlippe und schloss die Augen. Der Gedanke, dass sie den General auch hätte herausfordern können, ohne ihn direkt zu beleidigen, ließ sie nicht los. Ihre Wut hatte sie überwältigt, und sie wusste, dass sie in diesem Moment zu viel riskiert hatte. Es hätte anders laufen können – es hätte schlimmer laufen können. Ihr fiel ein Gespräch mit Fer ein, das sie vor einiger Zeit geführt hatte. Er hatte ihr erklärt, wie wichtig es war, höflich mit Adligen zu sprechen, die richtige Anrede zu verwenden und die Etikette zu beachten. Sie erinnerte sich genau daran, wie er seine Worte mit seiner typischen Mischung aus Ernst und Spott gewürzt hatte. Leyla seufzte leise. Sie wusste, wie man sich richtig verhielt, doch in der Hitze des Moments hatte sie all das vor Wut vergessen. „So etwas darf mir nicht noch einmal passieren“, flüsterte sie entschlossen. „Ich gefährde mich und meine Freunde damit.“ Ihre Gedanken wurden langsamer, die scharfen Kanten ihrer Erinnerungen schienen sich zu glätten, wie Blätter, die im Herbstwind sanft zur Erde gleiten. Sie wollte wach bleiben, die Nacht nutzen, um einen klaren Kopf zu bekommen, doch die Müdigkeit überkam sie. Ihre Augenlider wurden schwer, und ihre Atmung wurde tiefer. „Ich hoffe, ich muss diesen General nie wiedersehen“, murmelte sie, bevor sie in einen unruhigen Schlaf glitt, ihre Träume erfüllt von flackernden Bildern und unausgesprochenen Ängsten. -------------------------------------------------------------------------- Leyla blickte in die Richtung, in die Finn kurz vor seinem Verschwinden geschaut hatte. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihr aus, und sie beschloss gerade, den Park zu verlassen, als plötzlich eine Bewegung ihre Aufmerksamkeit fesselte. Ein Mann betrat den Park — Thibedeau van Trey! Ihr Herz setzte einen Schlag aus, als sie den General erkannte. Sein Blick fiel sofort auf sie, und ohne zu zögern ging er schnurstracks auf sie zu. Leyla spürte, wie ihr Puls schneller wurde, doch bevor er etwas sagen konnte, kam sie ihm zuvor. Sie verbeugte sich tief, so wie Fer es ihr einst gezeigt hatte, und streckte ihm die Hand entgegen. „General van Trey, ich möchte mich zutiefst für mein gestriges Verhalten entschuldigen. Es war respektlos von mir, Euch so anzusprechen“, sagte sie mit einer Stimme, die sie versuchte, ruhig klingen zu lassen. Ihre Hände waren feucht vor Nervosität, und ihre Kehle fühlte sich wie zugeschnürt an. Jedes Wort schmeckte bitter auf ihrer Zunge, doch sie wusste, dass sie keine andere Wahl hatte. Sie durfte ihm keinen Grund geben, sie in diesem dunklen Park zu konfrontieren – oder zu töten. Sie zitterte leicht, während sie auf eine Antwort wartete, doch der General schien sie nicht einmal richtig anzusehen. Stattdessen ging er langsam an ihr vorbei und setzte sich auf die niedrige Mauer hinter ihr. Vorsichtig hob sie den Kopf und blickte zu ihm. Er saß da, sein Blick auf den Mond gerichtet, und schien nachzudenken. Schließlich drehte er sich zu ihr, seine kalten, roten Augen trafen ihre. „Ich nehme die Entschuldigung an“, sagte er ruhig. Seine Stimme war beherrscht, doch Leyla spürte die unterschwellige Härte darin. „Herzog de Coteau hat mich darüber aufgeklärt, dass du die Bräuche des Reiches nicht kennst. Das entschuldigt dein Verhalten ein wenig.“ Sein Ton ließ keinen Zweifel daran, dass er sie dennoch verachtete. Doch bevor sie etwas erwidern konnte, sprach er weiter: „Genug davon. Ich habe eben gehört, wie du dich unterhalten hast, aber hier sehe ich niemanden außer dir.“ Leyla schluckte schwer. Sein misstrauischer Blick durchbohrte sie, und sie fühlte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Sollte sie ihm von Finn erzählen? Etwas an Finn hatte sie neugierig gemacht – vielleicht sogar fasziniert. Er war freundlich gewesen, und sein rätselhaftes Verschwinden schien nicht ohne Grund geschehen zu sein. Der General hingegen war jemand, der ohne zu zögern ein Kind getötet hätte. Leyla spürte, wie sich ihre Gedanken überschlugen. Doch bevor sie sich entscheiden konnte, wurde sie von einer unerwarteten Wendung erlöst. Gerade als der General den Blick wieder auf sie richtete, betrat eine weitere Person den Park. Leyla drehte sich um, und als sie sah, wer es war, stockte ihr der Atem. -------------------------------------------------------------------------- Eine düstere Gestalt trat leise auf den Platz. Die Frau war ganz in Schwarz gekleidet, ihre Bewegungen so unscheinbar, dass Leyla sie beinahe übersehen hätte, wären da nicht die Dolche in ihren Händen gewesen, die im schwachen Licht des Mondes blitzten. Ihre Augen waren starr auf den General gerichtet, und ihre Haltung ließ keinen Zweifel daran, dass sie eine Bedrohung darstellte. Leylas Gedanken überschlugen sich. Wer war diese Frau? Alles an ihr – die Kleidung, die Haltung, die lautlose Bewegung – erinnerte Leyla an eine Assassine. Auch der General hatte die Frau bemerkt. Ohne eine Sekunde zu zögern, erhob er sich langsam, seine Haltung angespannt, sein Blick wachsam. Das Flammenschwert erschien in seiner Hand, das magische Feuer leuchtete gefährlich in der Dunkelheit, als er sich vorsichtig in ihre Richtung bewegte. Plötzlich sprang die Assassine mit der Geschwindigkeit eines Raubtiers vorwärts. Bevor der General angreifen konnte, schoss ein schwarzer Wurfstern lautlos aus ihrer Hand und flog direkt auf ihn zu. Der General wich instinktiv zur Seite, doch im nächsten Moment spannte sich sein Körper wie unter dem Einfluss unsichtbarer Fesseln. Seine Muskeln zuckten, und ein keuchender Laut entfuhr ihm, bevor er wie ein gefällter Baum krachend zu Boden ging. Leyla starrte die Szene vor ihr mit aufgerissenen Augen an. Ihr Atem stockte, während ihre Gedanken sich überschlagen hatten. Was hatte die Frau getan? Der General lag reglos auf dem Boden, und für einen Moment war das einzige Geräusch sein flacher, schwerer Atem. Ihr Blick wanderte unruhig zwischen dem am Boden liegenden General und der Assassine hin und her. Die Frage, ob sie als Nächstes angegriffen werden würde, durchfuhr sie wie ein Schock. Ihre Hand glitt zu ihrem Schwert, und ihre Finger schlossen sich um den Griff. Ihr Atem wurde flacher, während sie die Frau nicht aus den Augen ließ. Doch anstatt sie zu attackieren, sprang die Frau plötzlich rückwärts, ihre Bewegungen geschmeidig wie die einer Katze. Ohne ein weiteres Geräusch verschwand sie in der Dunkelheit zwischen den Häusern. Ihr Rückzug war so lautlos, dass es Leyla für einen Moment so vorkam, als sei sie nie dort gewesen. Als die Assassine verschwunden war, kehrte eine fast greifbare Ruhe zurück. Sie war durchdringender als zuvor, und Leyla spürte, wie sich die Haare auf ihren Armen aufstellten. Das Geräusch was dies hervor rief, war das keuchende Atmen des Generals, das sich schwer und unregelmäßig anhörte. Der Wind raschelte in den Bäumen, stärker als zuvor, und die Dunkelheit schien dichter zu werden, als wolle sie die Spuren des Kampfes verschlucken. Leyla stand wie versteinert, unfähig, sich zu rühren. Ihre Gedanken waren ein Wirbel aus Angst, Erleichterung und Verwirrung. Was war gerade passiert? Wer war diese Frau, und warum hatte sie den General angegriffen? Die Kälte der Nacht drang durch ihre Kleidung, doch sie bemerkte es kaum. Die Welt um sie herum schien sich verändert zu haben, und nichts schien mehr so sicher wie noch vor wenigen Minuten. -------------------------------------------------------------------------- Langsam begann Leyla, sich wieder zu bewegen. Ihr Blick fiel auf den General, der immer noch reglos am Boden lag. Blut lief aus seinem Mund und sammelte sich in einer dunklen, roten Pfütze auf dem kalten Stein. „Soll ich ihn einfach liegen lassen?“ , dachte sie, während sie ihn anstarrte. „Er hätte es bestimmt verdient…“ Doch obwohl jeder Teil ihres Körpers ihn verachtete, drängte etwas Tiefes in ihrem Inneren sie dazu, sich zu ihm niederzuknien. Ihre Hände zitterten, als sie die Blutung untersuchte. Eine offene Schnittwunde am Hals zog sich über seine Haut, und sie biss sich auf die Lippe, während sie nach einer Lösung suchte. Vorsichtig zerriss sie einen Teil seiner Kleidung und presste das Stück Stoff auf die Wunde, um den Blutfluss zu stoppen. „Ich bin so dumm“, murmelte sie leise zu sich selbst, während sie arbeitete. Sie hasste ihn, verabscheute ihn, und doch konnte sie es nicht zulassen, dass er hier verblutete. Sie wusste, dass sie seinen Tod nicht betrauern würde – vielleicht würde sie sich sogar erleichtert fühlen. Doch eines war sicher: Sie würde niemals einen Menschen, den sie retten konnte, sterben lassen. Das war eine Grenze, die sie nicht überschreiten würde. Was sollte sie jetzt tun? Leyla überlegte verzweifelt. Selbst wenn sie ihn irgendwie aus dem Park schaffen könnte, was dann? Sie hatte keine Ahnung, ob es in der Stadt Krankenhäuser gab, und Liam, der ihn hätte heilen können, war noch immer in Himmel, um sich von seinen eigenen Verletzungen zu erholen. Ihr Blick wurde von einem schwachen, rötlichen Leuchten angezogen, das aus einer der Innentaschen der Uniform des Generals strahlte. Mit einer Mischung aus Neugier und Hoffnung zog sie ein kleines Fläschchen hervor. Darin befand sich eine dicke, tiefrote Flüssigkeit, die im Licht des Mondes leicht funkelte. „Ist das ein Heiltrank?“, murmelte Leyla. Sie erinnerte sich daran, wie Liam ihr einmal von ihnen erzählt hatte. Sie sollten sehr selten und wertvoll sein, wenn sie sich richtig erinnerte. Zögernd löste sie den Korken und setzte das Fläschchen an den Mund des Generals. Nach und nach ließ sie den Inhalt hineinlaufen. Seine Kehle zuckte leicht, während die Flüssigkeit hinunterlief. Leyla hielt den Atem an, als er plötzlich keuchend die Augen aufriss. Sein Blick war zunächst leer, doch dann fixierten seine Pupillen sie mit einer scharfen Wachsamkeit. „Ähm… ich hab Ihnen den Heiltrank gegeben und…“, begann sie unsicher, doch er unterbrach sie. „Wo ist sie?“, fragte er knapp, seine Stimme heiser. „Die Frau? Sie ist verschwunden“, antwortete Leyla schnell. Der General fluchte leise, während er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht langsam aufrichtete. Seine Finger glitten zu seinem Hals, wo die klaffende Wunde gewesen war. Ein kurzes, zufriedenes Nicken folgte, als er bemerkte, dass sie vollständig geheilt war. „Danke für deine Hilfe. Ich muss los und mich um einige Dinge kümmern“, sagte er und musterte Leyla für einen Moment nachdenklich. Seine nächsten Worte überraschten sie: „Ich bin froh, dass ich dich nicht getötet habe.“ Leyla starrte ihn an, sprachlos. Schließlich platzte es aus ihr heraus: „Wer war die Assassine?“ Sein Gesicht verdunkelte sich. „Das ist eine gute Frage. Aber keine Frage, die eine Zivilistin etwas angeht.“ Seine Stimme wurde schärfer. „Geh nach Hause und vergiss das Ganze am besten!“ Leyla ballte die Hände zu Fäusten. „Als ob ich das könnte“ , dachte sie bitter, wagte es jedoch nicht, ihm zu widersprechen. Sie wollte nur weg, zurück zu Roxy, um ihr von dem Abend zu erzählen. Der General drehte sich ohne ein weiteres Wort um, und gemeinsam verließen sie den Park in angespanntem Schweigen. An der ersten Kreuzung trennten sich ihre Wege, und Leyla atmete erst wieder durch, als sie sicher war, dass er außer Sichtweite war.

  • Kapitel 31 - Eine Engelsstimme im Mondlicht

    Fröhlich pfeifend schlenderte Leyla die belebten Straßen von Malyl entlang, ihren neuen schwarzen Bogen sicher auf den Rücken geschnallt. Roxy war zur Abenteurergilde gegangen, um den Auftrag als abgeschlossen zu melden, doch Leyla verspürte eine wachsende Neugier, die sie dazu trieb, die Stadt endlich richtig kennenzulernen. Heute schien der perfekte Tag, um Malyls verborgene Ecken zu entdecken. Bis jetzt war sie in Malyl immer nur von einem Ort zum nächsten geeilt, ohne sich die Zeit zu nehmen, die Stadt in Ruhe zu erkunden. Heute jedoch wollte sie etwas von dem Ort sehen, den sie bisher nur oberflächlich wahrgenommen hatte. Am Stadtrand entdeckte sie einige interessante Läden: „Millswitch Edelsteinvertrieb“ und die „Carne-Apotheke“ fielen ihr sofort ins Auge. Ihre kunstvollen Schilder und liebevoll gestalteten Schaufenster weckten Leylas Interesse, doch sie entschied sich, die Läden ein anderes Mal zu besuchen. Der Tag war zu schön, um in Geschäften zu verbringen. Die Straßen der Stadt erhitzten sich unter der warmen Nachmittagssonne, doch sobald Leyla in eine schattige Gasse einbog, spürte sie die winterliche Kühle, die sich bereits ankündigte. Ein leichter Schauer lief ihr über den Rücken. „Bald wird es Winter“, murmelte sie vor sich hin. „Ich bin gespannt, wie viel es hier wohl schneien wird.“ Fer hatte ihr erzählt, dass die Winter in den Mittellanden oft kalt und rau waren. Der eisige Wind aus dem Norden wurde durch die beiden Gebirge wie durch einen natürlichen Kanal direkt in die Ebene gelenkt, was die Temperaturen in dieser Region besonders frostig machte. Während sie in Gedanken versunken weiterging, drang plötzlich eine sanfte Melodie an ihr Ohr. Die klare, tiefe Stimme eines Mannes sang ein altes, melancholisches Lied: ,,O Petra, himmlisch leuchtend, du Stern im dunklen Raum, Du webst das Band des Lebens, mit ewigem Vertrauen. Dein Geist durchdringt die Welten, lässt niemals Hoffnung los, In deinem Namen siegt das Sein, im Kosmos’ endlos Schoß.’’ Leyla blieb stehen. Die Melancholie des Gesangs fesselte sie, und für einen Moment ließ sie alles andere hinter sich. „Was für ein schöner Gesang“ , dachte sie und ging neugierig in die Richtung, aus der die Stimme kam. Ihr Weg führte sie in einen kleinen Park, der wie eine versteckte Oase der Stille mitten in der lebhaften Stadt lag. Die Blumen, die in satten Farben blühten, wiegten sich sanft im leichten Wind, und der Duft von frischer Erde und Blüten erfüllte die Luft. In der Mitte des Parks stand ein kunstvoll gestalteter Springbrunnen, der glitzernde Wasserstrahlen in die Luft sprühte. Die Tropfen funkelten wie winzige Diamanten im Licht der untergehenden Sonne. Die Atmosphäre war ruhig und friedlich, unterbrochen nur vom leisen Plätschern des Wassers und der klaren, melodischen Stimme des Mannes, der weiter das alte, fast vergessene Lied sang. Leyla ließ den Blick durch den Park schweifen und fühlte, wie sich inmitten dieser Szenerie eine unerwartete Ruhe in ihrem Inneren ausbreitete. Es war, als hätte sie einen Ort gefunden, der sie dazu einlud, einfach stehen zu bleiben und zu lauschen. -------------------------------------------------------------------------- Während der Mann mit geschlossenen Augen sang, konnte Leyla ihren Blick nicht von ihm abwenden. Die Melodie und seine Stimme hatten eine beruhigende Wirkung auf sie, als würden sie all ihre Sorgen für einen Moment vertreiben. Sie verstand die Worte des Liedes nicht vollständig, doch irgendetwas darin ließ sie spüren, dass alles gut werden würde. Als der letzte Ton verklang, begann Leyla zu klatschen. „Das war ein wunderschönes Lied. Wer ist denn diese Petra, von der du gesungen hast?“ Der Mann öffnete die Augen, und für einen Moment schien er überrascht. Seine Lippen formten ein leises „Oh“, doch dann begann er zu lächeln, ein warmes und sanftes Lächeln, das wie das Nachklingen der Melodie wirkte. „Das Lied handelt von der Erzengelin des Bestandes, Petra. Man sagt, sie schützt das Glück, das wir alle in uns tragen, und bewahrt die schönsten Momente davor, zerstört zu werden. Zumindest erzählt man sich das.“ Seine Stimme klang selbst wie Musik – sanft und fließend, mit einer Tiefe, die Leyla unwillkürlich entspannte. Es war, als ob jedes seiner Worte von unsichtbaren Saiten begleitet wurde, die leise in der Luft schwebten. „Darf ich deinen Namen wissen?“ Der Mann verbeugte sich leicht, und Leyla betrachtete ihn nun genauer. Er trug einen kurzen schwarzen Mantel und einen passenden Anzug, unter dem ein weißes Rüschenhemd hervorblitzte. Seine schneeweißen Haare bildeten einen scharfen Kontrast zu seinen himmelblauen Augen, die in der Dunkelheit des Parks fast leuchteten. Auf seinem schwarzen Hut trug er einen Kranz aus weißen Rosen, ein seltsam deplatziertes Detail, das gleichzeitig perfekt zu seiner düsteren Eleganz passte. Um seinen Hals hing ein Talisman, der Leyla an einen Traumfänger erinnerte, und an seinem Gürtel blitzte ein schwarzer Dolch, dessen Griff mit filigranen Symbolen verziert war. Als ihr Blick darauf fiel, verspürte sie ein seltsames Kribbeln, das sie nicht einordnen konnte. Der Mann musterte sie mit einem nachsichtigen Lächeln. „Hat es dir die Sprache verschlagen? Nun, dann stelle ich mich am besten zuerst vor.“ Er zögerte einen Moment, als ob er überlegen müsste, welchen Namen er nennen sollte. „Mein Name ist Finn.“ Leyla spürte, wie ihr Herz einen Moment schneller schlug, und sie merkte, dass ihre Kehle trocken wurde. Etwas an seiner Aura war überwältigend – es war, als ob seine Präsenz den ganzen Park ausfüllte. Finns femininer Charme, gepaart mit seiner mystischen Ausstrahlung, ließ sie für einen Moment die Fassung verlieren. Er sah sie geduldig an, ein amüsiertes Lächeln auf den Lippen, während er auf ihre Antwort wartete. „Ähm“, begann Leyla schließlich, ihre Stimme klang ein wenig unsicher. „Ich bin Leyla. Freut mich, dich kennenzulernen.“ Finns Lächeln vertiefte sich, und er sprach ihren Namen aus, als würde er ihn kosten: „Leyla… ein schöner Name.“ Seine Augen fixierten sie, und es schien, als ob seine Worte eine tiefere Bedeutung trugen. „Hast du jemals darüber nachgedacht, wie viel Macht in einem einzigen Namen steckt? Leyla… Warum setzen wir uns nicht ein wenig und unterhalten uns? Ich habe gerade nichts zu tun. Möchtest du mir unter diesem schönen Mond Gesellschaft leisten?“ Leyla spürte einen Hauch von Misstrauen. „Er ist seltsam“ , dachte sie, „aber er scheint nichts Böses zu wollen.“ Schließlich nickte sie zögernd und setzte sich neben ihn auf eine der Steinbänke. Der Mond warf sein silbriges Licht über den Park, und sie fühlte, wie die Atmosphäre zwischen ihnen sich mit einem Hauch von Spannung füllte. -------------------------------------------------------------------------- Die Nacht lag still über dem Park, nur der Skullaer-Mond erhellte die Dunkelheit. Sein Licht fiel wie silbrige Scherben durch die Bäume und ließ die Schatten tanzen. Der Wind war schwach, doch er trug eine Kälte mit sich, die unmissverständlich die nahende Winterzeit ankündigte. „Hast du dich schon einmal gefragt, warum nur der Skullaer als Mond übrig geblieben ist?“, fragte Finn leise, seine Stimme sanft wie das Flüstern des Windes. Leyla und Finn saßen nebeneinander und blickten in den klaren Nachthimmel. Der Skullaer leuchtete hell und majestätisch in der Mitte des Himmels, während die Sterne um ihn herum wie funkelnde Tänzer schwebten. „Ein Freund hat mir einmal erzählt, dass es früher fünf Monde gab, aber ich weiß nicht, warum jetzt nur noch einer übrig ist“, antwortete Leyla nachdenklich. Finns Augen glitten über die Sterne, bevor er sprach. „Der Grund ist, dass der Skullaer beständig ist. Er steht immer in der Mitte des Nachthimmels und bewegt sich nicht. Dank ihm sind die wenigsten Nächte im Kaiserreich wirklich dunkel. Die anderen Monde waren ständig in Bewegung, sie rasten förmlich über den Himmel. Irgendwann verloren sie ihre Kraft und stürzten in das tiefe Schwarz, das unsere Welt umgibt.“ Leyla runzelte leicht die Stirn. „Das Schwarz, das unsere Welt umgibt?“ „Genau. Unsere Welt ist von der ewigen Nacht umgeben. Am Tag leuchtet uns die Sonne den Weg, doch wenn sie schläft, übernehmen der Skullaer und die Sterne diese Aufgabe. Sie sind jedoch nicht hell genug, um das gesamte Dunkel zu vertreiben, und so wird das ewige Schwarz sichtbar.“ Ein Funken Sehnsucht blitzte in seinen Augen auf, doch es war keine Sehnsucht nach einem fernen Ort, sondern nach etwas Undefinierbarem, einer anderen Existenz. „Wenn wir sterben, vermischen sich unsere Seelen mit der ewigen Nacht. Wenn du eine gute Person warst, wirst du zu einem der Sterne. Wenn nicht, verschwindest du und nährst den Hunger der Dunkelheit“, erklärte Finn, während er seinen Blick nicht vom Himmel abwandte. Leyla spürte ein seltsames Kribbeln bei dieser Vorstellung. „Das klingt… schön und beunruhigend zugleich“, murmelte sie. Früher hätte sie bei solchen Worten vielleicht gelacht, sie als alberne Fantasie abgetan. Doch in dieser Welt der Magie und Mythen erschien nichts unmöglich. Die Tatsache, dass der Mond immer zentral am Himmel stand, hatte sie längst aufgehört zu hinterfragen. In einer Welt wie dieser schienen die Gesetze der Physik, wie sie sie einst kannte, kaum noch Relevanz zu haben. „Wenn das wirklich so ist“, sagte sie mit plötzlicher Entschlossenheit, „dann möchte ich so leben, dass ich zu einem Stern werde.“ Finns nachdenklicher Blick glitt zu ihr, und im fahlen Mondlicht schien seine Haut beinahe wie polierter Marmor. „Die meisten würden das wünschen“, sagte er leise, „aber bei dir habe ich das Gefühl, dass du es wirklich ernst meinst.“ Er griff in die Innentasche seines Mantels und zog eine Blume hervor, deren weiße Blüten wie gefrorenes Licht funkelten. Behutsam hielt er sie Leyla hin. „Danke, aber ich bin nicht so der Mensch für Blumen“, versuchte Leyla höflich abzulehnen, ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Finn hielt inne, überrascht von ihrer Reaktion, bevor er in ein herzliches, fast kindliches Lachen ausbrach. „Das… das ist doch keine normale Blume!“ Er musste lachen, während er sprach. „Kannst du… kannst du etwa keine Magiesicht anwenden?“ Leylas Gesicht lief knallrot an, und sie senkte beschämt den Blick. „N-nein, kann ich nicht…“, stammelte sie. Finn wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel, immer noch lachend. „Dann bringe ich es dir wohl am besten bei…“ Seine Stimme wurde plötzlich leiser, und sein Blick wanderte in Richtung der Straße, als würde er etwas suchen. „Nächstes Mal, wenn wir uns sehen…“, sagte er, während ein dunkler Nebel um ihn herum aufzog, dick und undurchdringlich. Der Nebel verschluckte das silberne Licht des Mondes, als hätte die Nacht selbst beschlossen, sich dichter um Finn zu legen. Es war, als ob die Welt in diesem Moment den Atem anhielt. Die Sterne funkelten weiter am Himmel, doch ihr Licht schien schwächer, beinahe gedämpft. Alles wurde still – keine Bewegung, kein Laut, nur die kalte Nachtluft und die Blume, die Leyla nun in ihren Händen hielt. Ihre Berührung war weich, aber sie trug eine Kraft in sich, die sie nicht begreifen konnte.

  • Kapitel 30 - Baltimors Artefakte

    „Sie haben gute Arbeit geleistet. Wenn man die Hilfe für die Anwohner der Mittellande mit einberechnet, reicht das auf jeden Fall für einen Aufstieg in den zweiten Rang.“ Leyla spürte, wie sich ein Triumph in ihrer Brust ausbreitete, als die Worte „zweiter Rang“ fielen. Es war nicht nur die Belohnung, die für sie zählte. Es war das Gefühl, ihrem Ziel ein Stück näher zu kommen – mehr über ihre Vergangenheit und ihre Bestimmung zu erfahren. Die alte Frau hinter dem Tresen räusperte sich und fügte hinzu: „Zusätzlich erhalten Sie ein Honorar von achtzehn Goldmünzen.“ Mit einem ruhigen Griff schob sie einen kleinen, aber prall gefüllten Beutel zu Roxy. „Achtzehn Goldmünzen? So viel?“ Leyla musste sich zusammenreißen, um nicht überrascht zu blinzeln. In der Kaiserstadt hätte diese Summe gereicht, um eine ganze Familie für Jahre zu ernähren. Der Gedanke, wie viel Wert in diesem unscheinbaren Beutel steckte, ließ sie kurz innehalten. „Danke für die Münzen“, sagte Roxy höflich, verbeugte sich leicht und wandte sich dann an Leyla. „Komm, lass uns das Brett mit den freien Aufträgen anschauen. Vielleicht finden wir ja etwas, das zu uns passt.“ Leyla nickte und folgte ihr zu einem schwarzen Holzbrett, an dem verschiedene Zettel hingen. Die freien Aufträge waren bei Abenteurern beliebt, da sie mehr Freiheit boten als die regulären Gildenaufträge. Statt strenger Regeln musste man jedoch die Belohnung komplett selbst aushandeln, was oft zu riskanten oder schlecht bezahlten Aufgaben führte. Mit aufgeregtem Blick ließ Leyla ihre Augen über die Zettel gleiten. Jeder Auftrag versprach ein neues Abenteuer – und brachte zugleich ein neues Risiko. Manche Aufträge wirkten fast banal, andere dagegen äußerst gefährlich. ,,Schaf entlaufen: Suche mutige Gilde die Peter wieder einfängt.’’ Leyla verdrehte leicht die Augen. ,,Räuber haben unser Dorf überfallen. Große Belohnung für die, die uns den Kopf des Anführers bringen.’’ Sie schüttelte unwillkürlich den Kopf. ,,Im Auftrag des kaiserlichen Militärs: Suche und Ergreifen von Ginny Finver. Sofort an General Thibedeau van Trey auszuliefern!’’ Ihre Miene verdüsterte sich bei diesem Eintrag. ,,Erkunden eines neu entdeckten Minotauren-Labyrinth: Alle gefundenen Schätze dürfen behalten werden.’’ ,,Eindämmen der Kanaparen Population: Pro getötetem Kanapar gibt es eine Kupfermünze Belohnung.’’ Leyla runzelte die Stirn, während sie die Zettel betrachtete. „Ein Schaf zu suchen klingt nicht gerade spannend, und Mordaufträge nehme ich sicher nicht an. Sag, was du willst, Roxy, aber ich werde niemals für das Militär arbeiten.“ Roxy lächelte leicht. „Ich sehe das genauso. Und ehrlich gesagt, ein Minotauren-Labyrinth wäre für uns momentan wohl zu schwer.“ Leyla runzelte die Stirn und dachte laut nach: „Minotauren-Labyrinth… Es gibt mehrere Minotauren? Ich dachte immer, es gibt nur den einen Minotaurus.“ „Nein“, erklärte Roxy geduldig. „Es gibt ganze Minotaurenstämme, die in den alten Labyrinthen leben. Viele von ihnen sind friedlich, aber wegen ihres schlechten Rufs werden sie oft gemieden oder verfolgt.“ „Und was ist mit dem Töten der Kanaparen?“, schlug Roxy sie nach einigen Momenten des Überlegens vor. Leyla schüttelte unwillkürlich den Kopf. „Was sind denn Kanaparen überhaupt?“ „Das sind kleine Nagetiere mit weißem Fell“, erklärte Roxy. „Im Herbst fressen sie oft die Felder leer, deshalb müssen sie eingedämmt werden.“ Leyla schauderte bei dem Gedanken. „Kanaparen… wie könnte ich diese Tiere töten, nur weil sie tun, was sie tun müssen, um zu überleben? Nein, das ist nichts für mich.“ Während sie sprach, fiel ihr Blick auf einen Zettel, der ihr zuvor entgangen war. Der Auftrag schien etwas Besonderes zu sein, etwas, das ihre Neugier weckte. Sie griff nach dem Papier, das sanft im Wind schwankte, und las die Worte, die darauf standen. -------------------------------------------------------------------------- ,,Magischer Schmied sucht ein bis zwei fähige Personen zum Testen einer neuen Waffensammlung. Belohnung: Eine der Waffen.’’ Leyla las den Zettel laut vor, ihre Neugier geweckt. Sie wandte sich an Roxy. „Hey Roxy, was genau ist ein magischer Schmied? Schmiedet der mit einem magischen Schmiedehammer?“ Roxy hielt kurz inne, bevor sie laut losprustete. „Ein magischer Hammer? Nein, wo hast du das denn her?“ Sie lachte noch ein wenig, bevor sie erklärte: „Ein magischer Schmied stellt Waffen und Rüstungen her, die besondere Fähigkeiten haben. Zum Beispiel ein Schwert, das die Lebenskraft getöteter Gegner absorbiert, oder eine Rüstung, die dich immun gegen Feuer macht.“ Leylas Augen leuchteten vor Begeisterung. „Das klingt unglaublich spannend. Warum nehmen wir nicht diesen Auftrag an?“ Roxy nickte zustimmend. „Klar, warum nicht. Vielleicht finden wir eine besondere Waffe für dich.“ Leyla dachte kurz an ihr aktuelles Schwert. Sie mochte es, es war zuverlässig und vertraut. Doch die Vorstellung, eine magische Waffe zu besitzen – vielleicht ein flammendes Schwert – ließ ihre Fantasie mit ihr durchgehen. Sie stellte sich vor, wie die Flammen die Luft durchschnitten, während sie mühelos ihre Gegner besiegte. Roxy nahm den Zettel vom Brett und brachte ihn zur Angestellten der Gilde. „Wir würden diesen Auftrag gerne annehmen“, sagte sie entschlossen. Die Frau hinter dem Tresen prüfte den Auftrag kurz, stempelte ihn ab und reichte ihn Roxy zurück. „Ihr habt drei Tage Zeit. Meldet euch bei der Adresse, die auf der Rückseite steht.“ Mit einem zufriedenen Lächeln verließen Leyla und Roxy die Gilde. Die Nacht senkte sich sanft über die Stadt, und der Mond warf sein silbriges Licht auf den gepflasterten Weg vor ihnen. Der kühle Abendwind trug die letzten warmen Strahlen des Tages fort, während sie schweigend nebeneinander hergingen. Bald fanden sie eine Taverne mit dem Namen „Elfenlied“. Leyla blieb kurz stehen, als sie den Namen las. Irgendetwas an diesem Ort fühlte sich vertraut an, als wäre er ein Teil einer längst vergessenen Erinnerung. Doch sie konnte nicht sagen, warum. Die Taverne war gemütlich und in warmes, goldenes Licht getaucht. Kerzen auf den Holztischen und an den Wänden warfen flackernde Schatten, während der Duft von gebratenem Fleisch und süßem Met die Luft erfüllte. Stimmen und Lachen der Gäste verschmolzen zu einem angenehmen Summen, das eine Atmosphäre der Geborgenheit schuf. Es war, als hätten sie einen sicheren Hafen im Sturm gefunden. Nachdem sie sich ein Zimmer gemietet und das Abendessen genossen hatten, kehrten sie zurück in ihre Unterkunft. Leyla legte sich auf das Bett, und die Müdigkeit des Tages fiel schwer auf sie. Ihre Gedanken drehten sich um den Auftrag und die geheimnisvollen Waffen, die sie bald testen würden. Langsam schloss sie die Augen, und ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, bevor sie in einen tiefen, erholsamen Schlaf glitt. -------------------------------------------------------------------------- „Baltimors Artefakte“ prangte in großen, geschwungenen Buchstaben über dem Eingang zur magischen Schmiede. Leylas Herz schlug schneller, und ihre Aufregung wuchs mit jedem Schritt, den sie auf den Eingang zueilte. Es war das erste Mal, dass sie eine magische Schmiede betrat, und ihre Neugier war kaum zu bändigen. Zögernd hob sie die Hand und läutete die Glocke, die neben der Tür hing. —BING— Das Läuten hallte in der Stille wider. Kurz darauf waren schwere, kräftige Schritte von der anderen Seite der Tür zu hören. Mit einem Knarren schwang die Tür schließlich auf. Vor Leyla stand ein gewaltiger Mann, der sie förmlich überragte. Er musste mindestens zweieinhalb Meter groß sein. Sein schwarzer Schnauzbart wirkte wie ein akkurat gezogener Strich auf seinem groben, wettergegerbten Gesicht, und seine kahlgeschorene Kopfhaut schimmerte leicht im Licht des Feuers hinter ihm. Seine massiven Hände glichen den Pranken eines Bären – sie waren so groß, dass Leyla sich fragte, wie er damit präzise Arbeiten erledigen konnte. „Wie groß…“, entfuhr es ihr, bevor sie sich zurückhalten konnte. Sie spürte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte. „Entschuldigung, das war unhöflich“, fügte sie hastig hinzu, und ihre Wangen färbten sich leicht rot. Der Mann warf den Kopf zurück und lachte dröhnend. „Das ist bei uns Halbriesen so üblich“, sagte er mit einer Stimme, die tief wie ein Donnerschlag war. „Ihr müsst von den Grauen Federn sein?“ „Halbriesen?“ Leyla konnte nicht anders, als sich die Frage insgeheim zu stellen. „Ich muss Roxy später unbedingt fragen, was ein Halbriese ist.“ „Genau“, antwortete Roxy mit einem freundlichen Lächeln. „Ich bin Roxy, und das hier ist Leyla. Wir sollen magische Waffen ausprobieren, oder?“ „So ist es“, brummte der Halbriese und nickte zufrieden. Mit einem kurzen Winken bedeutete er ihnen, ihm zu folgen. Der Raum, in den er sie führte, war in zwei deutliche Bereiche unterteilt. Auf der einen Seite befand sich die Schmiede selbst, mit einem großen, glühenden Ofen, einem Amboss und einer beeindruckenden Auswahl an Werkzeugen, die ordentlich an den Wänden hingen. Der Duft von erhitztem Metall und Kohle erfüllte die Luft. Die andere Seite des Raums war ungleich geheimnisvoller: Ein mit Runen überzogener Steintisch stand im Zentrum, daneben lagerten mehrere sorgfältig gearbeitete Waffen. „Die Waffen auf dem Stapel dort sind die, die ihr in meinem Garten testen sollt“, erklärte der Halbriese mit einem Nicken in Richtung des Steintisches. „Nehmt sie ruhig mit raus und sagt mir später, ob sie sich für Abenteurer eignen.“ Leyla betrachtete die Waffen fasziniert. Jede einzelne schien eine eigene Geschichte zu erzählen. Ihre Finger zuckten, als wollte sie eine der Klingen sofort ergreifen. Sie malte sich aus, wie es wäre, eine magische Waffe zu führen – vielleicht ein Schwert, dessen Klinge in Flammen stand. Sie stellte sich vor, wie sie mit solcher Kraft an ihrer Seite mühelos jede Herausforderung meistern könnte. Ein leises Schmunzeln schlich sich auf ihr Gesicht. „Vielleicht könnte ich mich dann endlich mit Liam messen“, dachte sie, während sie die Artefakte mit leuchtenden Augen betrachtete. Die Aussicht auf dieses Abenteuer ließ ihre Begeisterung weiter wachsen. -------------------------------------------------------------------------- —WUSCH— Die von Roxy geworfene Axt zischte mit atemberaubender Geschwindigkeit durch den Garten. Gelbe Funken sprühten in alle Richtungen, als die Axt in die Übungspuppe einschlug. —BOOM— Eine gewaltige Schockwelle breitete sich aus, riss Leyla fast von den Beinen und ließ die Blätter der umliegenden Büsche erzittern. „Das ist doch eher eine Handgranate als eine Axt… Die eignet sich vielleicht für den Krieg, aber sicher nicht für normale Abenteurer“ , dachte sie, während sie sich wieder aufrichtete und den Staub abklopfte. Leyla bückte sich, um den pechschwarzen Bogen aufzuheben, der vor ihr lag. Seine Oberfläche schimmerte matt im Licht, und in das Holz eingebrannte Runen flackerten für einen kurzen Moment auf, als ihre Finger ihn umfassten. Der Bogen fühlte sich überraschend leicht und gleichzeitig kraftvoll an. Sie hatte früher schon einige Male mit einem Bogen geschossen und wusste, wie sie ihn halten musste. Sie zog die Sehne zurück, das Holz knarrte leise unter der Spannung. Mit geschlossener Konzentration schloss sie ihr linkes Auge und ließ los. Der Pfeil schoss auf eine weitere Übungspuppe zu. Leyla runzelte die Stirn und fluchte leise vor sich hin, überzeugt davon, dass sie daneben geschossen hatte. Doch in der letzten Sekunde änderte der Pfeil plötzlich die Richtung und traf exakt ins Zentrum des Ziels. Ihr Atem stockte. „Hast du das gesehen, Roxy?“ Leyla wandte sich zu ihrer Gefährtin um, ihre Stimme voller Staunen. „Ja, beeindruckend! Dieser Bogen scheint wirklich etwas Besonderes zu sein. Damit sind wir durch. Sollen wir Baltimor Bescheid geben?“ Leyla nickte, und die beiden sammelten die getesteten Waffen ein, bevor sie zurück zur Schmiede gingen. Als Leyla und Roxy die Schmiede erneut betraten, schlug ihnen sofort die Hitze des Feuers entgegen. Der Ofen im Hintergrund glühte, und der Geruch von geschmolzenem Metall und Kohle hing schwer in der Luft. Baltimor stand ruhig hinter seinem massiven Arbeitstisch, das Flackern der Flammen spiegelte sich in seinen Augen. Die Atmosphäre war ruhig, beinahe meditativ, doch Leyla spürte die wachsende Spannung – jetzt würden sie endlich ihre Belohnung erhalten. Baltimor hörte sich aufmerksam ihren Bericht an. Leyla und Roxy erzählten ihm von ihren Eindrücken: Das Flammenschwert, das sie zuerst getestet hatten, war viel zu heiß, um es vernünftig zu halten. Ein Paar Stiefel, die sich selbst reinigten, war auf einem Acker nützlich, aber nicht für Abenteurer geeignet. Das magieabsorbierende Schild beeindruckte sie zwar, war jedoch so schwer, dass es unpraktisch war. Die explodierende Axt war spektakulär, ging jedoch nach nur einem Einsatz kaputt. Der schwarze Bogen jedoch hatte sich als überraschend vielseitig und präzise erwiesen. Baltimor nickte, sichtlich zufrieden mit ihrer Rückmeldung. „Danke, ihr wart mir eine große Hilfe. Nun zu eurer Belohnung: Welche der Waffen wollt ihr haben?“ Leyla zögerte keine Sekunde. Der Bogen hatte sie vom ersten Moment an fasziniert, noch bevor sie ihn richtig benutzt hatte. Es fühlte sich an, als wäre er für sie bestimmt, eine Waffe, die perfekt zu ihr passte. „Den schwarzen Bogen!“, sagte sie entschlossen, ihre Stimme fest und sicher. Baltimor lächelte und reichte ihr den Bogen. „Ein ausgezeichnete Wahl. Möge er dir treue Dienste leisten.“ Leyla nahm den Bogen entgegen und fühlte, wie ein warmes, kraftvolles Gefühl sie durchströmte. Mit dieser Waffe fühlte sie sich bereit für alles, was noch kommen würde.

  • Kapitel 29 - Karminrotes Haar

    Die Blätter der Bäume tanzten im stürmischen Herbstwind, ihre Farben hatten bereits begonnen, sich zu verändern. Bald würden sie von den Ästen fallen und den Boden mit einem bunten Teppich bedecken. Doch noch hielten die letzten warmen Tage des Sommers die Mittellande in einem angenehmen, goldenen Licht gefangen. Leylas Haare wurden von den Böen durcheinandergewirbelt, während sie die Schönheit der Landschaft um sich herum bewunderte. Sie saß auf Himmels Rücken, der sich in einem schnellen, gleichmäßigen Rhythmus über die weite Graslandschaft bewegte. Es fühlte sich an, als würde er fliegen, so leichtfüßig und kraftvoll trugen seine Hufe sie über den Boden. Sie waren auf dem Rückweg nach Malyl. Während Liam und Fer in Himmel geblieben waren, um auf Liams Genesung zu warten, ritten Roxy und Leyla voraus, um rechtzeitig die Belohnung für ihren Auftrag zu sichern. ,,Ich wollte Liam eigentlich nicht zurücklassen…’’ Leylas Stimme war leise, fast ein Flüstern, doch ihre Worte waren von einem Hauch von Bedauern durchzogen. Jeder Schritt, den Himmel machte, verstärkte den Stich in ihrem Herzen. Sie hatte nicht gewollt, dass Liam zurückblieb, aber sie wusste, dass es keine andere Wahl gegeben hatte. Die Frist für ihre Belohnung würde in zwei Tagen enden, und sie konnten es sich nicht leisten, sie zu verpassen. ,,Was meinst du, Himmel? Sollen wir dir einen neuen Sattel kaufen, der besser sitzt?’’ Himmel wieherte, als würde er zustimmend antworten, und Leyla musste lächeln. Jedes Mal, wenn er wieherte, fühlte sie, wie sich ihr Herz mit Stolz und Zuneigung füllte. Er war mehr als nur ein Begleiter – er war ein Teil von ihr, ein treuer Gefährte, der sie durch jede Gefahr tragen würde. Am Horizont erschienen die ersten Umrisse von Malyl, ein vertrauter Anblick, der ihnen zeigte, dass ihre Reise bald ein Ende finden würde. Nur drei Tage hatten sie gebraucht, um von Himmel nach Malyl zu gelangen – eine beeindruckende Zeit, besonders im Vergleich zu den zwei Wochen, die sie auf dem Hinweg benötigt hatten. Roxy ritt an Leylas Seite und grinste, bevor sie ihr spielerisch auf den Arm schlug. „Mach dir keine Sorgen, wir kriegen das auch ohne den Idioten hin.“ Leyla lachte leise und erwiderte Roxys Lächeln. Es tat gut, sie an ihrer Seite zu haben, vor allem in diesen Momenten, in denen die Zweifel sie übermannten. ,,Du Roxy, glaubst du, wir steigen einen Rang durch den Auftrag auf?’’ Roxy überlegte kurz, bevor sie antwortete. „Ich denke schon. Der Stahlbär ist eigentlich kein Monster für eine Gilde des Anfänger-Rangs. Das war definitiv eine Aufgabe für Fortgeschrittene. Und dazu kommt noch, dass wir unterwegs so vielen Leuten geholfen haben!“ „Selbst wenn wir dadurch keinen Rang aufsteigen würden, hätte ich den Menschen geholfen“, sagte Leyla leise. „Das Lächeln und der Dank der Leute war schon Belohnung genug.“ Während sie sprach, dachte sie an einen Jungen, dessen Katze in einen Baum geklettert und dort steckengeblieben war. Liam hatte sie gerettet und dem Jungen zurückgegeben. Das strahlende Lächeln des Kindes war für Leyla mehr wert gewesen als jede Goldmünze. Es war ein Moment, den sie nie vergessen würde. „Das Lächeln der Menschen macht es immer wert, zu helfen“, fügte sie hinzu und blickte in den Sonnenuntergang. „Egal, ob wir dafür eine Belohnung bekommen oder nicht.“ Roxy nickte, ein warmes, verständnisvolles Lächeln auf den Lippen, während sie zusammen weiter ritten. Die Abendsonne tauchte die Welt in ein goldenes Licht, und Leyla spürte, wie ein Hauch von Frieden in ihr aufstieg. -------------------------------------------------------------------------- Leyla strich sanft über Himmels Kopf, ihre Finger fuhren durch sein weiches, glänzendes Fell. Ihre Augen suchten seine, und sie sprach leise, fast liebevoll: „Wir können dich nicht mit in die Stadt nehmen. Warte hier, bei den Ställen, auf mich. Ich komme schon bald wieder und hol dich ab.“ Sie drückte ihre Stirn sanft gegen Himmels Nase, als wollte sie ihm auf diese Weise versichern, dass sie es ernst meinte. Sein warmes, gleichmäßiges Atmen beruhigte sie, doch ein leiser Schmerz lag in ihrem Herzen. Selbst ein kurzer Abschied von ihm fiel ihr schwer. Doch Regeln waren Regeln, und sie mussten sich daran halten. Schweren Herzens wandte sie sich ab und ging zu Roxy, die bereits am äußeren Stadttor auf sie wartete. „Lass uns zur Abenteurergilde gehen. Ich will das Ganze so schnell wie möglich hinter mich bringen“, sagte Leyla, ihre Stimme klang entschlossen. Sie konnte es kaum erwarten, die Belohnung entgegenzunehmen. „Geht mir genauso“, antwortete Roxy mit einem leichten Grinsen, „und danach schauen wir uns einen der freien Aufträge an.“ Die freien Aufträge waren für alle Ränge zugänglich, und sie hatten beschlossen, sich etwas mit einem höheren Anforderungsgrad zu suchen. Es war die schnellste Möglichkeit, auf den vierten Rang aufzusteigen. Die Straßen von Malyl waren genauso lebhaft wie bei ihrem letzten Besuch. Händler riefen lautstark ihre Waren an, während Kinder lachend durch die Gassen rannten. Der Duft von frisch gebackenem Brot vermischte sich mit dem metallischen Geruch der Schmieden. Doch etwas störte die sonst so lebendige und friedliche Atmosphäre: die starren Blicke der Soldaten. „Ist das die kaiserliche Armee?“, fragte Leyla, während ihr Blick die grauen Rüstungen der Soldaten fixierte. „Ja. Von denen solltest du dich fernhalten, die bringen nur Ärger“, antwortete Roxy mit ernster Miene. Leyla beobachtete die Soldaten aus den Augenwinkeln. Warum waren die Truppen des Kaiserreichs in Malyl so stark präsent? Die Stadt lag zentral, in der friedlichsten Region der Mittellande, wie Liam immer betont hatte. Doch sie wusste, dass die kaiserliche Armee bekannt dafür war, ihre Präsenz auszuweiten, um das Volk zu kontrollieren. Dennoch konnte sie sich keinen Grund vorstellen, warum sie ausgerechnet Malyl gewählt hatten. Als sie die innere Stadtmauer erreichten, sah Leyla eine Gruppe von Soldaten, die in einem angeregten Gespräch vertieft waren. Neugierig ging sie etwas näher heran, um zu hören, worüber sie redeten. [???] ,,Maaan, ich will wieder zurück nach Hause. Wenn wir wenigstens Kämpfen würden…’’ [???] ,,Du hast recht, es ist einfach super langweilig.’’ [???] ,,Ihr solltet aufpassen, dass der General euch nicht hört, sonst wird er euch zu Strafschichten verdonnern.’’ [???] ,,Der soll sich nicht so anstellen. Der lässt es sich im Schloss gut gehen, während wir in einfach Tavernen untergebracht wurden.’’ [???] ,,Du solltest wirklich aufpassen. Du weißt doch, dass er Verbindungen zum Kaiserpalast hat. Wenn du Pech hast, verbaust du dir nicht nur deine Zukunft, wenn du es dir mit ihm verscherzt.’’ Leyla hörte auf, den Gesprächen zu lauschen, und ging weiter. Es hätte ihr zu viel Aufmerksamkeit eingebracht, stehenzubleiben, und sie wollte keinen Ärger riskieren. Während sie sich entfernte, kreisten ihre Gedanken um diesen General. Was für ein Mann mochte er wohl sein? In ihrem Kopf malte sie sich einen alten, grimmigen und skrupellosen Anführer aus. Leyla biss die Zähne zusammen, als sie an die Geschichten dachte, die Liam ihr erzählt hatte. Von Dörfern, die geplündert und von Menschen, die eingeschüchtert worden waren. Geschichten über Tyrannei und Angst, die sie mit einer tiefen Abneigung gegen die Armee erfüllten. Alles, wofür sie stand, widersprach Leylas Werten, und allein der Gedanke daran machte sie wütend. Plötzlich wurde sie von einer Stimme aus ihren Gedanken gerissen: [???] ,,Bitte verzeiht meinem Sohn, er wollte bestimmt nichts Böses, er ist nur ein dummer Junge.’’ -------------------------------------------------------------------------- Ein Mann kauerte auf dem Boden, seine Arme schützend um einen kleinen Jungen gelegt. Beide wirkten verängstigt, als ob sie sich vor einem wilden Tier verstecken wollten. Vor ihnen stand ein junger Mann, kaum älter als zwanzig, in einer auffälligen gold-roten Rüstung. Er trug ein schwarzes Stirnband, an dem ein rotes Horn befestigt war. Sein karminrotes Haar passte perfekt zu dem roten Umhang, den er trug. Der Umhang bewegte sich leicht im Wind, und seine kalten, glühenden Augen fixierten die beiden vor ihm mit unbarmherziger Härte. „Er mag ein Kind sein, und doch kann man erwarten, dass er weiß, wie man sich zu benehmen hat. Sein Leben war in dem Moment verwirkt, als er es wagte, mich mit einem Stein zu bewerfen“, sagte er mit einer Stimme, die zugleich leise und messerscharf war. Der Mann auf dem Boden zuckte zusammen und begann noch verzweifelter zu flehen. „Bitte, General, verschont meinen Sohn! Es wird nie wieder vorkommen, das verspreche ich.“ Leyla konnte nicht glauben, was sie hörte. Würde dieser Mann wirklich einem Kind das Leben nehmen? Ihr Körper bewegte sich, noch bevor sie nachdenken konnte. Mit schnellen Schritten stellte sie sich zwischen den General und die beiden auf dem Boden. Ihr Herz schlug wie ein Trommelwirbel, doch der Blick des Jungen, voller Angst und Unschuld, gab ihr die Kraft, sich aufzurichten. „Lass die beiden gehen. Der Junge hat sich doch schon entschuldigt“, sagte sie, ihre Stimme fest, auch wenn sie innerlich bebte. Die Augen des Generals wanderten langsam zu ihr. Ihr Blick begegnete seinen, und ein eisiger Schauer lief ihr über den Rücken. Diese Augen glühten vor Wut, und doch schien kein Hauch von Mitgefühl darin zu liegen – nur kalte, gnadenlose Entschlossenheit. „Sich einem General in den Weg zu stellen, ist Hochverrat“, sagte er ruhig. „Darauf steht im Kaiserreich die Todesstrafe. Im Namen Kaiser Verions, Dritter seines Namens, vollstrecke ich, General van Trey, nun das Urteil.“ Mit einem knisternden Geräusch erschien in seiner Hand eine Klinge aus loderndem Feuer, die er ohne Zögern hob. Leyla fühlte, wie ihr Herz aussetzte. Würde er sie wirklich auf offener Straße töten? Ihr Atem wurde flach, doch sie zwang sich, stehen zu bleiben. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Roxy sich in Bewegung setzen wollte, um ihr zu helfen, doch mehrere Soldaten stellten sich ihr in den Weg. Ihre Hände ruhten drohend auf den Griffen ihrer Schwerter, ein lautloser, aber unmissverständlicher Hinweis, dass sie sich nicht einmischen sollte. Leyla richtete ihren Blick wieder auf den General. „Wie kannst du dich selbst einen General nennen? Deine Handlung ist reine Willkür! Wenn du mich töten willst, dann tu es. Aber ich kann dir versprechen, dass jemand kommen wird, der dich für deine Grausamkeit zur Rechenschaft zieht.“ Die Worte kamen heißer aus ihrem Mund, als sie es beabsichtigt hatte, aber sie konnte ihre Wut nicht zurückhalten. Für einen Moment schien etwas in den Augen des Generals aufzublitzen – Zorn. „Wie kannst du es wagen, meine Autorität infrage zu stellen? Du bist wohl zu dumm, deinen Platz zu kennen“, zischte er. „Aber keine Sorge, ich werde dir schon zeigen, wo du hingehörst.“ Er holte aus und trat ihr mit voller Wucht in den Bauch. Der Aufprall war wie eine Explosion, die durch ihren Körper raste. Leyla fiel zu Boden, der Schmerz brannte wie ein Feuer, das jede Bewegung lähmte. Sie spürte den metallischen Geschmack von Blut in ihrem Mund und wusste, dass sie schwer getroffen war. Doch sie hatte schon Schlimmeres überstanden. Dieser General konnte sie schlagen, aber brechen würde er sie nicht. Die Straßen von Malyl, sonst erfüllt von Leben und Stimmen, lagen nun in gespenstischer Stille. Die Menschen, die eben noch geschäftig durch die Gassen gegangen waren, schlichen sich mit gesenkten Köpfen davon. Das Knistern der Feuerklinge und das Klirren der Rüstungen drückten schwer auf die Luft. „LEYLA!“ Roxys Schrei zerriss die bedrückende Stille, doch sie konnte nichts tun. Die Soldaten um sie herum hielten sie in Schach. Leyla stützte sich mühsam auf die Arme und versuchte aufzustehen. Der Schmerz pochte in ihrem Körper, doch sie zwang sich, den Blick des Generals zu erwidern. Sie wollte ihm nicht die Genugtuung geben, auf sie herabzublicken. Der General hob die lodernde Klinge und war bereit, den Schlag auszuführen, als eine klare, durchdringende Stimme die Spannung durchbrach. [???] ,,Thibedeau, lass sie in Ruhe.’’ -------------------------------------------------------------------------- Die Menge teilte sich, als ein Mann durch die Gasse schritt, und Leylas Herz sank, als sie sein Gesicht erkannte. Paul de Coteau. Sie hatte gehofft, ihn nie wiedersehen zu müssen. „Euer Gnaden!“ Der General, Thibedeau van Trey, verneigte sich respektvoll, auch wenn sein Gesichtsausdruck verriet, wie ungern er es tat. „Diese Frau hat die kaiserlichen Gesetze gebrochen und meine Autorität untergraben.“ Paul musterte den General mit einem kühlen Blick, bevor er zu Leyla hinübersah. „Hat sie das?“ Seine Stimme war ruhig, aber scharf wie ein Messer. „Nun, sie steht unter meinem Schutz. Genauso wie alle anderen Bewohner dieser Stadt. Du hast kein Recht, ihnen etwas anzutun. Wenn du ein Problem hast, kannst du gerne eine Beschwerde bei mir einreichen.“ Thibedeau knirschte hörbar mit den Zähnen, sein Zorn war deutlich zu spüren. Dennoch verneigte er sich knapp und warf Leyla einen letzten, wütenden Blick zu, bevor er sich umdrehte und durch das Tor in Richtung der Außenbezirke verschwand. Sein Rückzug ließ die bedrückende Spannung in der Luft langsam nachlassen. Leyla atmete tief durch und wandte sich an den Mann und seinen Sohn, die noch immer am Boden kauernd verharrten. „Geht es euch gut?“ „J-ja, dank dir.“ Der Mann stotterte vor Erleichterung, seine Stimme war brüchig. „Ich kann diese Schuld niemals zurückzahlen.“ Er hob den Jungen in seine Arme, warf Leyla einen dankbaren Blick zu und eilte mit schnellen Schritten davon. Kaum war die Straße wieder frei, warf sich Roxy an Leyla und schloss sie fest in die Arme. „Was machst du nur für Dummheiten? Ich hatte solche Angst, als ich sah, wie er dich bedrohte! Du kannst doch nicht immer dein Leben riskieren!“ Ihre Stimme klang vorwurfsvoll, doch Leyla konnte die Erleichterung darin hören. —ÄHEM— Paul räusperte sich und blickte Leyla mit einem leicht amüsierten Ausdruck an, die Arme locker vor der Brust verschränkt. „Wollt Ihr Euch nicht wenigstens bedanken, junge Schönheit?“ Sein Ton war freundlich, aber ein Hauch von Arroganz schwang in seinen Worten mit. „Danke, dass Ihr mich gerettet habt“, sagte Leyla knapp, ihre Stimme ruhig, aber distanziert. Paul lächelte, als hätte er nicht mehr erwartet. „Ich denke, Ihr wollt trotzdem noch nicht mit mir essen gehen. Schade, aber ich bin geduldig. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass Ihr noch früh genug zu mir kommen werdet.“ Mit diesen Worten drehte er sich um und ging gemächlich in Richtung des Schlosses seiner Familie. Leyla beobachtete ihn, ihre Gedanken kreisten. Paul de Coteau… Was wollte er wirklich? Sie konnte und wollte ihm nicht vertrauen. Der Gedanke, sich jemals an ihn zu wenden, war ihr unerträglich. Roxy unterbrach ihre Grübeleien mit einem besorgten Blick. „Wie geht es dir? Hat er dich verletzt?“ „Mir geht es gut“, antwortete Leyla, während sie eine Hand auf ihren Bauch legte. Der Schmerz war noch da, aber es war auszuhalten. „Ich hasse solche Menschen. Sie glauben, sie könnten alles tun, nur weil sie einen hohen Rang haben.“ Roxy nickte, und die beiden gingen langsam weiter. Leyla war immer noch tief in Gedanken versunken, als sie schließlich das Schloss erreichten, in dem sich die Abenteurergilde befand. Der imposante Eingang lag vor ihnen, und mit jedem Schritt versuchte Leyla, die Begegnung mit Paul und dem General aus ihrem Kopf zu verdrängen. Aber sie wusste, dass sie diesen Tag so schnell nicht vergessen würde.

  • Kapitel 28 - Himmel

    Als Leyla erneut erwachte, spürte sie die weiche Oberfläche eines Bettes unter sich. Über ihr erstreckte sich eine Decke aus altem, dunkelbraunem Holz, durchzogen von feinen Rissen, die Geschichten von den vergangenen Jahren erzählten. Nach und nach kehrten die Erinnerungen zurück – der Auftrag, die Höhle, der Kampf… Liam! Panik stieg in ihr auf, und ihr Atem beschleunigte sich. Wo war Liam? War er am Leben?   Sie versuchte, sich aufzusetzen, doch ein stechender Schmerz zwang sie zurück ins Kissen. Mit bebenden Händen hob sie die Bettdecke an und entdeckte, dass ihr Oberkörper von Bandagen umwickelt war. „Ich dachte, ich hätte den Bären getötet. Hat er mich doch verletzt?“, murmelte sie, doch nur die Stille des Raumes antwortete. Mit aller Kraft schob sie sich vorsichtig aus dem Bett, doch ihre Beine versagten, und sie landete mit einem dumpfen Aufprall auf dem Boden. Leyla biss die Zähne zusammen, Tränen des Schmerzes stiegen in ihre Augen. Langsam robbte sie über den harten Boden zur Tür. Jeder Atemzug fühlte sich an, als würde ein Messer in ihre Seite stoßen, und ihre Glieder schienen von Blei durchzogen. Als sie endlich die Tür erreichte, sammelte sie ihre verbleibende Kraft. Sie presste die Lippen aufeinander, während sie sich mühsam aufrichtete. Die Schmerzen raubten ihr beinahe das Bewusstsein, doch sie schaffte es, die Tür zu öffnen. Mit letzter Kraft stolperte sie vorwärts – und wurde von starken Armen aufgefangen. „Vorsicht, Leyla! Du darfst dich noch nicht so viel bewegen, deine Wunden müssen noch heilen!“ Roxys Stimme klang besorgt, aber streng. Leyla sah sie an, ihre Augen voller Angst. „W-wo… wo ist Liam?“ Roxy lächelte beruhigend. „Ihm geht es soweit gut, er ruht sich aus. Ihr beide habt wirklich knapp überlebt. Fer und ich wären nicht rechtzeitig gekommen, wenn ihr es nicht selbst erledigt hättet. Also beruhige dich erst einmal.“ Doch Leyla konnte sich nicht beruhigen. Sie versuchte, sich aus Roxys Armen zu befreien, ihr Drang, zu Liam zu gelangen, stärker als jeder Schmerz. „Ich muss ihn sehen“, flüsterte sie verzweifelt. Roxy schüttelte den Kopf, half ihr jedoch sanft auf die Beine. „Schon gut, ich hab’s verstanden. Ich bringe dich zu ihm.“ Langsam und vorsichtig stützte Roxy sie, als sie eine knarrende Treppe hinaufstiegen. Leyla biss die Zähne zusammen, während jeder Schritt ein Kampf war. Schließlich erreichten sie eine Tür. Roxy klopfte, und eine vertraute, geschwächte Stimme antwortete: „Herein.“ Das Zittern in Leylas Brust ließ nach, als sie Liams Stimme hörte. Roxy öffnete die Tür, und Leyla sah ihn endlich. Liam lag auf einem Bett, sein Gesicht blass, doch er lächelte müde, als er sie erblickte. Der Raum war erfüllt von der beruhigenden Stille der Genesung. Das warme Licht von Kerzen beleuchtete die Bandagen, die seinen Körper bedeckten, und tauchte das Zimmer in einen sanften Schimmer. Leyla kämpfte gegen ihre Schmerzen an und stolperte langsam zu ihm. Sobald sie das Bett erreichte, warf sie sich in seine Arme. Tränen rannen über ihre Wangen, und ihre Schultern bebten, als sie zu weinen begann. „Ich dachte, du würdest sterben“, schluchzte sie. „Ich hatte solche Angst um dich…“ Liam zuckte leicht zusammen, ein schmerzhaftes Lächeln auf seinen Lippen. „Aua, du tust mir weh…“, murmelte er, doch seine Hand hob sich und strich sanft über ihre Wange. Leyla sah zu ihm auf, und in seinen Augen lag eine Wärme, die ihre Sorgen für einen Moment vertrieb. Dann zog er sie näher zu sich und küsste sie. Tausende Gefühle explodierten in Leyla und schwemmten ihre Sorgen hinfort. Ein warmes Gefühl füllte ihren ganzen Körper, während sie den Kuss erwiderte. Er war immer noch hier, bei ihr. Die sanfte Berührung schien all ihre Sorgen für einen Augenblick zu vertreiben, und die Schmerzen, die sie quälten, wurden von der Zärtlichkeit des Augenblicks überschattet. Als sie sich voneinander lösten, blieb Leyla mit feuchten Augen dicht bei ihm. „Liam, bitte jag mir nie wieder solche Angst ein“, flüsterte sie. Liam grinste schwach, seine Stimme trug einen Anflug von Schalk, trotz der Müdigkeit, die in ihm lag. „Ich werde schon nicht sterben. Irgendwer muss dich doch wieder in einen Fluss werfen.“ Leyla lachte leise, obwohl ihre Tränen noch flossen. Sie wusste, dass sie ihm vertrauen konnte, und das reichte für diesen Augenblick aus. -------------------------------------------------------------------------- ,,Endlich seid ihr mal ehrlich mit euren Gefühlen.’’  Leyla zuckte bei der unerwarteten Stimme zusammen und wirbelte herum. Auf der anderen Seite des Raumes saß Fer, der Zwerg, gemütlich auf einem Stuhl, die Arme verschränkt, offensichtlich unverletzt. „Fer! Was ist passiert, nachdem ich bewusstlos geworden bin? Wo sind wir? Haben wir den Auftrag erfolgreich abgeschlossen?“ Die Fragen sprudelten unaufhaltsam aus ihr heraus, doch Fer hob eine Hand und unterbrach sie mit einem herzhaften Lachen. „Immer langsam“, sagte er schließlich und lehnte sich zurück. „Wir sind kurz nachdem du ohnmächtig geworden bist, zu euch gestoßen. Das Brüllen des Bären hatten wir schon von weitem gehört, also haben wir uns beeilt. Liam hat es irgendwie geschafft, wach zu bleiben, bis wir da waren. Weißt du, der Idiot hat sogar versucht, dich zu heilen, obwohl er selbst dem Tod näher war als dem Leben.“ Leylas Blick wanderte zu Liam, und sie fühlte, wie ihr Herz vor Erleichterung und Wut gleichermaßen schneller schlug. „Wie kann er nur so dumm sein und in seinem Zustand auch noch an mich denken?“ , schoss es ihr durch den Kopf. Doch trotz ihrer inneren Vorwürfe spürte sie, dass sie ihm nicht wirklich böse sein konnte. Fer sprach weiter: „Wir haben euch dann, zusammen mit dem Kopf des Stahlbären, aus der Höhle geschleppt und nach Rehengar gebracht. Den Kopf haben wir dem Ältesten übergeben. Er hat versprochen, der Gilde von eurem Erfolg zu berichten. Danach sind wir etwas weiter westlich in dieses kleine Dorf namens Himmel gereist. Momentan sind wir in einer Gaststätte.“ Leyla ließ die Worte sacken. Alles klang wie ein Traum, doch die pochenden Schmerzen in ihrem Körper erinnerten sie daran, wie real es gewesen war. Fer grinste breit und fügte hinzu: „Ihr habt das beide sehr gut gemacht. Liam hat mir erzählt, dass du den letzten Schlag gegen das Biest geführt hast. Du kannst wirklich stolz auf dich sein, Leyla.“ „Jetzt musst du aber zurück in dein Zimmer, sonst müssen wir hier noch ewig bleiben“, sagte Roxy, während sie auf Leyla zukam, um ihr aufzuhelfen. „Aber…“, begann Leyla zu protestieren, doch Roxy schüttelte nur bestimmt den Kopf. Ihre Haltung ließ keinen Widerspruch zu. „Du brauchst Ruhe. Keine Widerrede.“ Mit jedem zögerlichen Schritt zurück in ihr Zimmer spürte Leyla, wie ihre Muskeln zitterten und sich verspannten. Jeder Atemzug war eine Qual, doch der Gedanke, Liam nicht mehr sehen zu können, nagte an ihr. Sie wollte bei ihm bleiben. „Ruh dich gut aus, dann können wir beide möglicherweise schon Morgen wieder nach Malyl aufbrechen“, sagte Roxy schließlich mit einem Ton, der sanft, aber entschlossen war. Als sie Leyla wieder ins Bett legte, zog sie die Decke über sie und streichelte kurz über ihren Arm, als wollte sie sie beruhigen. In Roxys Blick lag eine Mischung aus Wärme und Strenge, die Leyla keine Wahl ließ, als zu gehorchen. Leyla fühlte, wie die Erschöpfung sie langsam übermannte. Ihr Körper schrie nach Ruhe, und schließlich gab sie auf. Mit einem letzten Gedanken an Liam schloss sie die Augen. Der Schlaf kam schnell, und mit ihm eine friedliche Stille, die für den Moment all ihre Sorgen davontrug. -------------------------------------------------------------------------- Als Leyla erneut erwachte, fiel ihr auf, dass der Morgen bereits weit fortgeschritten war. Die Sonnenstrahlen, die durch das kleine Fenster fielen, tauchten den Raum in ein warmes Licht. Sie fühlte sich deutlich besser als am Vortag, und ihr Körper schien sich langsam zu erholen. —GRUMMEL— Ihr Magen grummelte laut, was sie an ihren Hunger erinnerte. Mit vorsichtigen Bewegungen stand sie auf, zog ihre schwarzen Klamotten an und machte sich auf den Weg aus ihrem Zimmer. Eine Holztreppe führte hinunter in den Aufenthaltsraum der Gaststätte, und der Duft von frischem Brot und heißer Suppe ließ ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen. Der Gastraum war geräumig und einladend. Mehrere Tische mit Stühlen und Bänken waren gleichmäßig verteilt, während eine Ecke mit Sesseln und einem prasselnden Kamin zum Entspannen einlud. Gedämpftes Tuscheln erfüllte den Raum, vermischt mit dem gelegentlichen Klirren von Besteck. Das Knistern des Feuers trug zur gemütlichen Atmosphäre bei, und Leyla fühlte sich zum ersten Mal seit Tagen fast entspannt. Sie entdeckte Fer an einem der Tische, wo er eine Schüssel Suppe löffelte. Mit einem kleinen Lächeln ging sie zu ihm und setzte sich. „Na? Geht es dir schon besser?“, fragte er und musterte sie aufmerksam. „Ja, dank euch“, erwiderte Leyla und ließ ihren Blick kurz durch den Raum schweifen. „Weißt du, wo Roxy ist?“ Fer kaute in aller Ruhe zu Ende, bevor er antwortete. „Die ist rausgegangen, wollte irgendwas erledigen.“ Leyla nickte, doch ein Hauch von Enttäuschung machte sich in ihr breit. Sie hätte sich gern mit Roxy unterhalten. Plötzlich kam ihr der Kuss vom Vortag in den Sinn, und sie spürte, wie ihre Wangen heiß wurden. Sie senkte den Blick und spielte nervös mit ihren Händen. Fer beobachtete sie mit scharfem Blick und lehnte sich grinsend zurück. „Was ist denn jetzt zwischen euch beiden? Seid ihr ein Paar? Oder wollt ihr die Gruppe verlassen, heiraten und eine Familie gründen?“ „Nein, du Blödmann.“ Leyla schüttelte den Kopf, doch ein unsicheres Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Ihre Gedanken schweiften zu Liam und den Gefühlen, die sie langsam für ihn entwickelte. Fer hatte schon immer eine erstaunliche Fähigkeit, ihre Emotionen zu durchschauen – lange bevor sie sich selbst über ihre Gefühle klar war. „Ich weiß selbst nicht, was genau zwischen uns ist“, sagte sie schließlich leise. „Ich mag ihn sehr gerne, aber… ich denke, ich möchte, dass es erstmal so bleibt, wie es ist.“ [???] ,,Wenn du dir das wünschst, ist das okay für mich.’’ Leyla hob den Kopf, als sie hörte, wie jemand die Treppe hinunterkam. Liam erschien, ein müdes, aber aufrichtiges Grinsen auf den Lippen. Er ging zur Theke, bestellte etwas zu essen für sich und Leyla, und setzte sich dann zu ihnen. „Ihr beide könnt euch ja ruhig Zeit lassen“, meinte Fer, während Liam Leyla einen Teller hinstellte. „Wäre schade, wenn wir die Gruppe jetzt schon auflösen. Ich bin nämlich ziemlich sicher, dass ihr ohne einen grummeligen Zwerg verloren wärt.“ Fer lachte trocken, stand auf und ging mit einem Schulterzucken die Treppe hinauf, seine Schüssel in der Hand. Für einen Moment war es still zwischen ihnen. Leyla starrte auf ihren Teller, bevor sie vorsichtig zu Liam sah. „Danke, dass du versucht hast, mich zu heilen“, sagte sie schließlich. „Geht es dir inzwischen besser? Du warst schwer verletzt…“ Ihre Stimme wurde leiser, als sie an die Bilder des Kampfes dachte. Ein Schatten zog über Liams Gesicht, und er hielt kurz inne, bevor er antwortete. „Alles halb so wild. Die paar inneren Verletzungen bringen mich nicht um.“ Als er jedoch ihren ernsten Blick bemerkte, fügte er schnell hinzu: „Sobald ich aufgewacht bin und Roxy mir gesagt hat, dass du außer Gefahr bist, habe ich auch meine eigenen Wunden geheilt. Ich würde dich niemals allein in dieser Welt lassen. Das verspreche ich dir.“ Leyla spürte, wie die Anspannung in ihr nachließ. Sie lächelte, ein warmes, ehrliches Lächeln, das Liam sichtlich erleichterte. Seine unbekümmerte Art kehrte zurück, und sie fühlte, wie die schweren Gedanken des Vortages langsam verblassten. Während sie nebeneinander saßen, spürte Leyla eine unausgesprochene Nähe zwischen ihnen. Die letzten Wochen hatten etwas in ihrer Beziehung verändert, und auch wenn die Worte einfach blieben, hatten sie eine Tiefe, die sie beide zu verstehen schienen. In Liams Gegenwart fühlte sich Leyla sicher, und für einen Moment schien tatsächlich alles in Ordnung zu sein. -------------------------------------------------------------------------- Leyla lag wieder in ihrem Bett, das Notizbuch fest in den Händen. Ihre Feder kratzte leise über das Papier, während sie ihre Gedanken wie eine Art Tagebuch niederschrieb. Mit jedem Wort hoffte sie, die schweren Erinnerungen der letzten Tage ein wenig leichter zu machen. Die Erlebnisse lasteten wie ein Stein auf ihrer Brust, und das Schreiben war der einzige Weg, der ihr einfiel, um die Last ein wenig abzulegen. —KLOPF, KLOPF— „Herein, ich bin wach“, rief Leyla, als es plötzlich an der Tür klopfte. Roxy trat ein, ein warmes Lächeln auf den Lippen. „Fer hat mir schon erzählt, dass es dir besser geht. Das erleichtert mich sehr. Ich habe eine Überraschung für dich!“ Leyla setzte sich auf und legte das Notizbuch beiseite. „Was ist es denn?“, fragte sie neugierig. „Komm mit raus, ich zeig es dir.“ Roxy nickte Richtung Tür und Leyla folgte ihr, noch immer unsicher, was sie erwartete. Unten im Aufenthaltsraum hielt Roxy sie plötzlich an und legte ihr sanft die Hände auf die Schultern. „Ich verbinde dir kurz die Augen“, sagte sie leise, und bevor Leyla protestieren konnte, war ihre Sicht durch ein Tuch verdunkelt. „Vertrau mir“, flüsterte Roxy, und Leyla spürte einen Knoten aus Neugier und Aufregung in ihrem Magen. Sie spürte, wie Roxy sie vorsichtig hinausführte. Die frische Abendluft umhüllte sie, und das Knistern des Sandes unter ihren Stiefeln ließ sie innehalten und die Ruhe genießen. Vögel zwitscherten in den Bäumen, während die letzten warmen Strahlen der untergehenden Sonne ihre Haut streichelten. Sie gingen eine Weile, und schließlich hörte Leyla das Knarren eines Tores. „Streck deine Hand aus und sag mir, was du fühlst“, forderte Roxy sie sanft auf. Leyla zögerte kurz, tat dann jedoch wie geheißen. Ihre Finger berührten etwas Weiches, und sie lächelte. „Ist das Fell? Es fühlt sich so gut an…“ —WIEHER— Ein lautes Wiehern ließ sie zusammenzucken, und ohne nachzudenken zog sie sich die Augenbinde vom Kopf. Vor ihr stand ein prachtvolles, schwarzes Pferd mit sanften Augen, das sie ruhig betrachtete. „Ist das… für mich?“, fragte Leyla ungläubig. Das leise Wiehern des Pferdes erfüllte sie mit einem unerwarteten Gefühl von Freude und Geborgenheit. Zärtlich fuhr ihre Hand über das samtige Fell, und für einen Moment schien die Welt stillzustehen. Die freundlichen Augen des Pferdes begegneten ihrem Blick, und Leyla spürte sofort eine Verbindung, tief und unverkennbar. Roxy trat lächelnd an ihre Seite. „Ja, das ist für dich. Ich habe mir auch eins gekauft, es steht dort drüben.“ Sie zeigte auf ein rotbraunes Pferd, das ruhig in der Nähe stand. Leyla nickte abwesend, ihre Aufmerksamkeit ganz auf das schwarze Pferd gerichtet. „Gefällt es dir?“, fragte Roxy nach einem Moment. Leyla sah sie an, ihre Augen glitzerten vor Freude. „Ja, ich liebe es. Danke.“ Ohne zu zögern warf sie sich in Roxys Arme und drückte sie fest. Nachdem sie sich wieder dem Pferd zugewandt hatte, fuhr sie sanft mit der Hand über dessen Kopf. „Wie nenne ich dich nur? Es muss ein Name sein, der etwas Positives bedeutet. Etwas, das mich an Freiheit erinnert…“ Sie dachte einen Moment nach, während das Pferd ruhig seinen Kopf gegen ihre Hand drückte. Plötzlich strahlte sie. „Ich hab’s! Ich weiß, wie ich dich nenne!“ Das Pferd hob den Kopf, als würde es auf ihre Worte warten. Leyla lächelte und sprach mit klarer Stimme: „Dein Name ist ab heute… Himmel!“

  • Kapitel 61 - Wenn Träume verblassen

    Langsam glitt Leylas Pinsel über die Leinwand. Strich für Strich formte sich das Bild der Kaiserstadt vor ihr. Sie hatte die Kaiserstadt zwar noch nie wirklich betrachten können, aber in ihrer Vorstellung entstand eine friedvolle Stadt, in der alle glücklich leben konnten. Eine Stadt, die nicht von Intrigen, Machtkämpfen und Ungerechtigkeit geprägt war – ganz anders als die reale Version, die sie erlebt und von der sie gelesen hatte. Die hochwertige Leinwand und die kostbaren Farben fühlten sich ungewohnt an, fast fremd. Noch nie hatte sie mit so edlen Materialien gearbeitet, und obwohl sie Filia lediglich um eine einfache Leinwand und Pinsel gebeten hatte, war ihr dieser Luxus gewährt worden. Auf der anderen Seite, hätten sie gewöhnliche Utensilien im Kaiserpalast mehr gewundert. Jede Bewegung ihres Pinsels war bedacht, fast liebevoll, und sie verlor sich in der friedlichen Illusion, die sie auf die Leinwand brachte. Malen war schon immer ihr kreativer Ausweg gewesen – eine Möglichkeit, dem Alltag zu entfliehen und etwas Eigenes zu schaffen. ,,Irgendwann würde ich gerne Kunst studieren…’’ murmelte sie, ein leises Lächeln auf den Lippen. Es war ein Gedanke, der sie wärmte, selbst wenn sie wusste, wie fern dieser Traum in ihrer aktuellen Lage war. Die letzten Wochen waren wie im Flug vergangen. Leyla hatte sich an ihre Umgebung gewöhnt, zumindest so weit, dass sie ihre Tage erträglicher gestalten konnte. Sie war sich jedoch bewusst, dass diese Anpassung nicht bedeutete, dass sie ihre Pläne aufgeben würde. Die Flucht war weiterhin ihr Ziel – sie wollte nur nicht, dass ihre Situation schwerer wurde, als sie ohnehin schon war. Ihr Training hatte Fortschritte gemacht. Ihre Erdmagie, die einst so unkontrollierbar gewesen war, ließ sich mittlerweile präzise und mit weniger Anstrengung einsetzen. Die enorme Kraft, die sie unmittelbar nach der Absorption des Steins kurzzeitig gespürt hatte, schien zwar noch unerreichbar, aber das störte sie nicht.  Sie fühlte sich selbstbewusster als je zuvor – und, was ihr ein kleines Lächeln entlockte, stärker als Liam. Bei diesem Gedanken konnte sie nicht anders, als sich zu fragen, wie er wohl damit umgehen würde, wenn er das wüsste? Doch ihre Vorstellungen wurde abrupt unterbrochen, als ein Klopfen an der Tür erklang. Das Geräusch riss sie aus ihrer ruhigen Welt, und sie stellte den Pinsel beiseite, bevor sie rief: ,,Herein.’’ Die Tür öffnete sich, und Charles Winson, der Leibdiener des Kronprinzen, trat in den Raum. Seine Schritte waren ruhig, fast lautlos, und sein Gesicht trug wie immer denselben leeren Ausdruck. ,,Miss Leyla’’, begann er mit seiner höflichen, aber nüchternen Stimme, ,,ich muss Ihnen etwas bezüglich Ihrer Zukunft mitteilen.’’ - ------------------------------------------------------------------------- ,,Bezüglich meiner Zukunft? Was meint er damit?’’ Leyla begann augenblicklich, sich hunderte Szenarien auszumalen. Würde sie freigelassen werden? War ihre Magie zu stark geworden und sie würde dafür hingerichtet werden? Oder würde man sie in einen richtigen Kerker werfen, weit weg von diesem Zimmer, das sich zumindest ein wenig wie ein Zuhause anfühlte? Doch die Nachricht, die Charles ihr überbrachte, war schlimmer als alles, was sie sich selbst in ihren furchtbarsten Albträumen ausgemalt hatte. ,,Miss Leyla, Seine Hoheit Kronprinz Eugenius wünscht, Euch zur Frau zu nehmen. Die Hochzeit wird nächste Woche stattfinden.’’ Für einen Moment setzte ihr Herz aus. Der Boden unter ihren Füßen schien sich zu neigen, und sie musste sich am Tisch abstützen. Heiraten? Einen Adligen? Einen Kronprinzen? Das war keine Zukunft, die sie wollte. Es war eine Falle, ein Käfig, aus dem sie sich niemals befreien könnte.  ,,W-Wie kommt das auf einmal?’’ Ihre Stimme zitterte, und sie hasste sich dafür. In letzter Zeit war sie besser geworden, ihre Gefühle zu verbergen, ein Talent, das sie sich von Filia abgeschaut hatte. Doch diese Nachricht sorgte dafür, dass ihre Masken zerbrachen. ,,Der Kronprinz liegt im Prinzenspiel momentan hinten. Die Hochzeit wird Seiner Hoheit die Punkte einbringen, die benötigt werden, um nicht ins Exil geschickt zu werden. Ihr solltet Euch geehrt fühlen. Ihr werdet Teil der mächtigsten Familie der Welt, und Eure Kinder werden eines Tages das Kaiserreich regieren.’’ Geehrt. Das Wort hinterließ einen bitteren Geschmack in ihrem Mund. Nichts an dieser Situation fühlte sich wie eine Ehre an. Leyla wollte kein Teil der Familie Algavia sein, und sie hatte absolut kein Interesse daran, Kinder zu bekommen, die eines Tages das Kaiserreich regieren würden.  Die Vorstellung, dass ihre Magie dazu benutzt werden sollte, die Linie der Herrscher zu stärken, machte sie krank. Doch sie wusste, dass sie keine Wahl hatte. Ihre Meinung war bedeutungslos. Ein Einspruch würde sie nur in größere Schwierigkeiten bringen. Leyla schluckte schwer, versuchte, ihre aufgewühlten Gedanken zu ordnen. Ihre Stimme war schwach und voller Traurigkeit, als sie schließlich fragte: ,,Warum hat er mich ausgewählt?’’  Charles blieb für einen Moment still, bevor er antwortete. Seine Worte waren kalt und emotionslos: ,,Seine Gründe sind für Euch nicht von Belangen. Ich werde Yaga mitteilen, dass bis zur Hochzeit das Training ausgesetzt wird.’’ Trotz seiner distanzierten Haltung glaubte Leyla, in seinen Augen einen flüchtigen Hauch von Traurigkeit zu erkennen. Es war nur ein Moment, ein winziger Schimmer, aber sie hatte ihn bemerkt. Sie fragte sich, was dieses Glimmen bedeutete. War es Mitleid? Bedauern? Doch sie wusste, dass Charles ihr keine ehrliche Antwort geben würde, und ließ die Frage unausgesprochen. Stattdessen sprach sie leise, fast resigniert: ,,Ich habe verstanden. Ich würde gerne alleine sein, wenn es möglich ist.’’ Charles verneigte sich leicht. ,,Wie Ihr wünscht, Miss Leyla. Teilt Filia bitte Eure Wünsche bezüglich des Hochzeitskleides mit.’’ Mit diesen Worten drehte er sich um und verließ den Raum, seine Schritte so leise, dass Leyla sie kaum hörte. Die Tür schloss sich hinter ihm, und die Stille, die folgte, war ohrenbetäubend. - ------------------------------------------------------------------------- Grau. So wirkte die strahlend weiße Wand ihres Zimmers auf Leyla. Ihr Blick war leer, halbtot, und haftete auf der glatten Oberfläche der Tapete, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Ihr Körper lag schlaff und kraftlos auf ihrem Bett, ihre Glieder fühlten sich an, als gehörten sie nicht mehr zu ihr. Es war, als wären all ihre Träume auf einmal zerstört worden. Schon bei ihrer Ankunft in der Kaiserstadt hatte sie begriffen, dass sie sich unterordnen musste. Gefangenschaft ertragen, bis sich die Möglichkeit zur Flucht ergab – das war ihr Plan gewesen. Es war kein guter Plan, das wusste sie, aber es war immerhin ein Plan gewesen. Er hatte ihr etwas gegeben, woran sie sich klammern konnte. Natürlich hätte sie nach einer erfolgreichen Flucht verfolgt und gesucht werden können. Doch der Aufwand, so dachte sie, wäre wahrscheinlich nicht sehr hoch gewesen. Vielleicht hätte sie es geschafft, sich irgendwo in der Wildnis zu verstecken, oder in einem der kleinen Dörfer am Rand des Kaiserreichs. Vielleicht hätte sie ein neues Leben beginnen können. Doch jetzt, mit der bevorstehenden Heirat mit dem Kronprinzen, war dieser Traum endgültig zerstört. Sobald sie den Prinzen geheiratet hatte, würde es keinen Ausweg mehr geben. Sie würde nicht fliehen können. Sie würde für immer an diesen Palast, an diesen Mann gebunden sein, der sie nur als Mittel zum Zweck sah. Es war, als hätte sich ein weiteres unsichtbares Gitter um sie geschlossen – ein letzter Käfig, der keine Türen hatte. Eine Sackgasse ohne Ausweg, die Tür hinter ihr verschlossen. Ein Fallen ohne Ende. Dies war ihr Schicksal. Erschöpft schloss Leyla die Augen und atmete tief ein, bevor sie schwer seufzte. Tränen quollen unter ihren geschlossenen Augenlidern hervor, erst langsam, dann unaufhaltsam. Ihr ganzer Körper begann zu zittern, als das Schluchzen sie übermannte. Sie hatte gedacht, sie hätte all ihre Tränen längst vergossen. Doch diese Trauer, diese Verzweiflung, war anders. Sie war tiefer, schwerer – wie ein Stein, der auf ihre Brust drückte. Ihr fiel nur eine einzige Möglichkeit ein, um dem Schicksal als ewige Gefangene zu entkommen. Dem Schicksal, das sie dazu verdammte, für einen Mann, den sie weder wirklich kannte noch liebte, Kinder zu gebären, die sie niemals frei sein würden. Der Ausweg war ein Gedanke, der sie erschreckte, und doch schien er das Einzige zu sein, das ihr ein Gefühl von Kontrolle geben konnte. Selbstmord. Das Wort hallte in ihrem Kopf wider, wie ein Echo, das nicht enden wollte. Es war etwas, das sie ihr Leben lang verabscheut hatte. Sie hatte immer geglaubt, dass es ein feiger Ausweg war, ein Weg, den nur die wählten, die nicht kämpfen wollten. Doch da kam ihr ein Gedanke; Was, wenn man nicht mehr kämpfen konnte, was wenn der einzige Ausweg aus diesem, ihrem, goldenen Käfig war. Eine solcher Entschluss fühlte sich nicht mehr wie Feigheit an. Es fühlte sich an wie die einzige Entscheidung, die noch wirklich ihr gehörte. Während sie immer tiefer in den Sog ihrer eigenen Gedanken gezogen wurde, merkte Leyla nicht, wie sich ihr eine Person näherte. Die Welt um sie herum war nur noch ein dumpfer, grauer Schleier. Erst als sie die Wärme spürte, die weichen Arme, die sich um sie legten, wurde sie aus ihren Gedanken gerissen. Die Umarmung war vertraut, tröstlich. Leyla öffnete die Augen und blickte in das Gesicht von Filia, die stumm an ihrer Seite saß. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla hatte fast eine Stunde lang ohne ein einziges Wort in Filias Armen gelegen. Die Nähe war ihr Anker, der Halt, den sie brauchte, um nicht völlig den Verstand zu verlieren. Die Wärme ihrer Freundin hatte sie zurückgehalten, während die dunklen Gedanken wie ein Sturm in ihrem Kopf tobten. Jetzt, da die Wogen sich ein wenig geglättet hatten, richtete Leyla sich langsam auf. Ihr Blick war leer, ihre Stimme klang tonlos, als sie fragte: ,,Hast du gehört, was mir bevorsteht?’’ Filia nickte nur und strich ihr sanft über die Wange. Ihre Finger wischten die letzten Tränen weg, während ihre Augen voller Mitgefühl und Schmerz waren. Nach einem Moment des Schweigens begann sie zu sprechen, ihre Stimme war ruhig, aber traurig. ,,Ja, das habe ich. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass dir so etwas widerfährt. Es macht mich traurig…’’ Leyla öffnete den Mund, um zu antworten, doch die Worte blieben in ihrer Kehle stecken. Sie wollte sagen:  ,,Dir geht es doch fast genauso.’’ Doch etwas in Filias Augen hielt sie davon ab. Stattdessen formte sich ein anderer Gedanke in ihrem Kopf, ein Gedanke, der wie ein Messer durch die Stille schnitt. ,,Ich werde die Hochzeit nicht antreten. Und wenn ich dafür sterben muss.’’ Filias Augen weiteten sich vor Schreck, und bevor Leyla auch nur einen weiteren Atemzug machen konnte… —KLATSCH— …traf Filias flache Hand ihr Gesicht mit einer solchen Wucht, dass Leyla reflexartig die Augen schloss. Die Wange brannte, und überrascht rieb sie die schmerzende Stelle. Ihre Gedanken wirbelten, als sie Filia ansah. Tränen glitzerten in den Augen ihrer Freundin, und ihre Stimme zitterte vor brodelndem Schmerz. ,,Wie kannst du so etwas nur sagen?’’ Filia blickte Leyla mit einer Mischung aus Enttäuschung und Wut an. ,,Der Tod soll ein besseres Schicksal sein? Und was wird aus denen, die dich lieben? Denjenigen, die dich brauchen? Was wird aus mir?’’ Ihre Stimme brach, und sie holte tief Luft, bevor sie weitersprach. ,,Alleine, dass du es aussprichst, tut mehr weh, als alles, was mir angetan wurde…’’ Leyla spürte, wie sich eine Welle aus Scham und Reue über sie ergoss. Wie hatte sie nur annehmen können, dass ihre Entscheidung nur sie selbst betreffen würde? Sie hatte war dem Glauben verfallen, niemanden zu verletzen, wenn sie ihren eigenen Schmerz beendete. Doch sie hatte sich geirrt – so sehr geirrt. Ihr Versuch, ihrem eigenen Schicksal zu entkommen, hätte ein Loch in die Herzen all derer gerissen, die sie liebten. ,,Tut… Tut mir leid…’’ stammelte sie. Ihre Stimme klang klein, und sie wagte es nicht, Filia anzusehen. Filia legte ihre Hände auf Leylas Schultern und sprach mit einem Nachdruck, der sie beinahe erschreckte. ,,Versprich mir, dass du dir das nicht antun wirst, okay? Wir finden einen anderen Weg, ganz bestimmt…’’  Doch ihre Stimme versagte, und sie musste einen Moment innehalten, um die Fassung zurückzugewinnen. Sie atmete tief ein und sprach dann weiter, ihre Worte leiser, aber nicht weniger entschlossen: ,,Wenn ich den Kronprinzen für dich vergifte, dann wirst du nicht verheiratet. Vielleicht kommst du sogar frei.’’ Leylas Kopf fuhr hoch, ihre Augen weiteten sich, und ohne Vorwarnung… —KLATSCH— …traf ihre eigene Hand Filias Gesicht. Die Stille, die darauf folgte, war schwer und bedrückend. Filia hielt sich die Wange, sah Leyla überrascht an, doch diese ließ ihr keine Zeit zu reagieren. ,,Du sagst mir, dass ich mich nicht umbringen soll, und schlägst dann etwas vor, was dich garantiert das Leben kosten würde? Bist du dumm? Ja, du bist dumm. Ich bin noch viel dümmer, das ist mir klar, aber du bist auch ziemlich dumm.’’  Leyla schloss kurz die Augen, holte tief Luft, und als sie weitersprach, war ihre Stimme ruhiger, aber voller Nachdruck. ,,Wir beide lassen die andere Person nicht alleine, okay?’’ Filia blickte Leyla an, ihre Augen voller Tränen, doch sie nickte schließlich stumm. Ohne ein weiteres Wort zog sie Leyla erneut in ihre Arme, und die beiden Frauen hielten sich fest, als würden sie einander vor der Dunkelheit schützen. - ------------------------------------------------------------------------- Nach einigen weiteren Stunden, die Nacht war bereits über die Kaiserstadt hereingebrochen, verabschiedete sich Filia und ließ Leyla alleine zurück. Der Raum fühlte sich auf einmal größer an. Leerer. Kälter. Leyla lag auf ihrem Bett, die Decke bis zum Kinn hochgezogen, und starrte gedankenverloren an die Decke. Unsicherheit nagte an ihr, ein lähmendes Gefühl von Hilflosigkeit. Was sollte sie tun? Alles fühlte sich an wie eine Sackgasse. Kein Ausweg, nur Mauern, die immer näher kamen. Ihr Blick wanderte zu ihrem Kunstwerk. Das Bild einer Kaiserstadt, die es so niemals geben würde. Die Farben waren lebendig, das Licht strahlte Hoffnung aus, die in der echten Kaiserstadt nicht existierte. Die Wahrheit war hässlich, ernüchternd. Die wahre Kaiserstadt war verkommen. Leyla seufzte leise und ließ die Decke noch ein Stück höher rutschen, bis sie fast ihr ganzes Gesicht bedeckte. Vielleicht war es besser, sich einfach zu fügen. Widerstand erschien sinnlos, und die Konsequenzen schienen nur noch mehr Schmerz zu versprechen. ,,Vielleicht sollte ich einfach dankbar sein…’’  dachte sie, ein bitteres Lächeln auf ihren Lippen. Dankbar dafür, genug zu essen zu haben, ein Dach über dem Kopf, und wenigstens eine gute Freundin wie Filia an ihrer Seite. Es hätte schlimmer kommen können, oder? –KLOPF— —KLOPF— Leyla zuckte zusammen, ihr Herz schlug plötzlich schneller. Woher kam das Geräusch? Es klang nicht wie ein Klopfen an der Tür. Ihr Kopf drehte sich hastig zum Fenster, und ihr Atem stockte. Das Fenster war geöffnet worden, und in der Öffnung saß... Bunj. Das Grinsen, das er ihr schenkte, war alles andere als beruhigend. Es wirkte eher wie das Grinsen eines Raubtiers, das seine Beute gefunden hatte. Seine knurrende Stimme durchbrach die Stille: ,,Guten Abend, Kleinerr Wellensittich. Leistest du mirr Gesellschaft?’’ Leyla starrte ihn an, zu überrascht, um zu antworten. Die Worte blieben ihr im Hals stecken, doch es schien Bunj nicht zu stören. Mit den geschickten Bewegungen kletterte er ins Zimmer, seine Bewegungen schnell, aber nicht bedrohlich.  Bevor Leyla reagieren konnte, hob er sie mit einer Leichtigkeit auf seine Arme. Er war nicht grob, und dennoch war die Situation surreal. Sie hatte nicht das Gefühl, dass er ihr etwas antun wollte, doch sein plötzliches Erscheinen und die Entschlossenheit in seinen Bewegungen ließen sie sprachlos zurück. Ohne ein weiteres Wort kletterte Bunj mit ihr wieder nach draußen. Der kühle Nachtwind schlug ihr ins Gesicht, während sie sich krampfhaft an seinen Arm klammerte, unsicher, was als Nächstes geschehen würde. Doch Bunj wirkte vollkommen unbeeindruckt, als er sie auf das Dach des Palastes setzte. Leyla wagte es, den Blick zu heben, und zum ersten Mal sah sie die Kaiserstadt aus dieser Perspektive. Ein endloses Meer aus Häusern breitete sich vor ihr aus, die Dächer glänzten silbern im Mondlicht, und die Straßen schimmerten wie dunkle Flüsse unter dem sternenklaren Himmel. ,,Wie schön…’’ dachte Leyla, ihre Sorgen für einen Moment vergessen. Sie hatte die Kaiserstadt noch nie so gesehen, und für einen kurzen Augenblick fühlte sie sich frei.

  • Kapitel 27 - Todeskampf mit dem Monster

    Vorsichtig setzte Leyla einen Schritt vor den anderen. Sie versucht leise zu sein, so leise, dass niemand sie hören konnte.  Sie spürte den stechenden Schmerz in ihrem rechten Oberschenkel. Seit sie in die Tiefe gestürzt war und auf einer Reihe spitzer Steine gelandet war, blutete sie stark. ,,Ich muss unbedingt zurück zu Liam und Roxy… Wenn ich nur wüsste, wie ich hier unten rauskommen kann. Scheiße…’’ Jeder Schritt war eine Qual, die Schmerzen zogen sich wie Nadeln durch ihren Körper, jeder Atemzug fühlte sich an wie ein Krampf. Gedanken an Liam und Roxy versanken in einem Nebel aus Verzweiflung. Schmerz und Trauer fluteten ihren Verstand und ließen ihren Magen verkrampfen.  ,,Fer… Was ist mit dir passiert…’’ Da fiel ihr ein Glühen am Ende des Ganges auf. Ein braun-orangenes Licht schien aus einem Loch in der Wand und je näher sie dem Glühen kam, desto stärker wurde der pochende Schmerz in ihrer Schläfe, den sie, seitdem sie und die Anderen diesen Ort betreten hatten, spürte. Das Licht warf unruhige Schatten an die Wand, und ein modriger Geruch stieg in ihre Nase. Der schmale Gang schien endlos und die Dunkelheit wie eine erdrückende Wand um sie herum. ,,Was ist nur los mit mir…’’  Sie hatte dieses Pochen nicht mehr gespürt, seit sie damals aus Migar aufgebrochen war. Ihre Schritte wurden schneller, angetrieben von einem unbestimmten Drang, obwohl der pochende Schmerz in ihrem Kopf mit jedem Meter stärker wurde. Es war, als ob das Licht sie rief, lockte, trotz der Gefahr, die es versprach. Sie erreichte das Loch in der Wand und blickte hindurch. Ihr Kopf fühlte sich so an, als würde er jeden Moment platzen.  ,,Was ist das?’’  Leyla hatte vergessen, dass sie leise sein wollte. Stattdessen starrte sie gebannt durch das Loch in der Wand… -------------------------------------------------------------------------- Einige Monate zuvor hätte Leyla niemals geahnt, dass ein einziger Tag ihr bisheriges Leben in dieser Welt für immer verändern würde. Sie schlich dicht hinter Liam her, während sie tiefer in die feuchte Dunkelheit der Höhle vordrangen. Plötzlich bemerkte sie, wie es weiter vorne heller wurde – vielleicht ein weiterer Ausgang? Liam hob die Hand und hielt inne, bevor er sich langsam zu ihr umdrehte. „Da vorne ist ein Loch in der Decke. Wahrscheinlich lebt das Monster dort. Wir müssen vorsichtig sein“, flüsterte er mit ernster Stimme. Leyla nickte stumm. Ihr Herz klopfte schneller, während sie ihre Bewegungen verlangsamte. Lautlos glitten sie durch die Dunkelheit, wie Jäger, die jeden Schritt abwägen, immer auf der Hut vor ihrer Beute. Die drückende Stille der Höhle schien nur darauf zu lauern, von einem falschen Geräusch zerrissen zu werden. —BUMM— Ein plötzliches Geräusch durchschnitt die Stille, gefolgt von einem dumpfen Aufprall. Leyla lag auf dem kalten Höhlenboden, ihr Atem beschleunigt. Vor Schreck hatte sie laut aufgeschrien. Ihre Finger tasteten über den Grund, und als sie sah, worüber sie gestolpert war, zog sich ihr Magen zusammen. Ein verwitterter, knochiger Schädel lag vor ihr, die leeren Augenhöhlen schienen sie anzustarren, als wollten sie von unaussprechlichem Leid berichten. Sie unterdrückte den aufsteigenden Würgereiz und schluckte schwer. ,,Scheiße’’ , murmelte sie heiser, während ihre Hände zitterten. Doch bevor sie ihre Gedanken ordnen konnte, erfüllte ein donnerndes Brüllen die Höhle.   —ROOOAAAR— Das Geräusch ließ sie zusammenzucken, und ihr Atem stockte. Mit weit aufgerissenen Augen sah sie an Liam vorbei. Da war es – das Monster. Ein riesiger Bär, bedeckt von eiserner Panzerung, dessen rot glühende Augen vor Wut flammten. Es knurrte tief und fixierte Leyla für einen Moment, bevor sein Blick auf Liam überging. Leyla spürte, wie ihre Kehle trocken wurde. Ihre Augen suchten hektisch Liams Gesicht, verzweifelt nach einem Hauch von Sicherheit. Doch sein Blick blieb starr auf das Monster gerichtet, jede Muskelspannung in seinem Körper verriet, dass er kampfbereit war. Trotz der überwältigenden Angst beruhigte es sie ein wenig, dass er bei ihr war. „Bleib hinter mir“, flüsterte Liam schließlich, seine Stimme fest, aber leise, als wollte er das Biest nicht noch mehr provozieren. -------------------------------------------------------------------------- Das Monster stürmte mit einem tiefen Brüllen auf Liam zu, seine gewaltigen Zähne bereit, sich in das Fleisch des Elfen zu graben. Liam reagierte blitzschnell. Mit einer geschmeidigen Bewegung wirbelte er zur Seite, immer den massigen Gegner im Blick. Seine Hand fuhr zu den Dolchen an seinem Gürtel, und in einer fließenden, geübten Bewegung schleuderte er die Waffen auf eine Stelle unterhalb der Panzerung, die wie eine Schwachstelle wirkte. Doch die Klingen prallten nutzlos vom dichten Fell des Bären ab und klirrten auf den Boden. Fluchend zog Liam sein Schwert. Er wich einem weiteren Angriff der messerscharfen Krallen aus, sprang mutig auf das Maul des Monsters zu und zielte auf den Hals. Doch bevor er treffen konnte, schmetterte ihn die mächtige Pranke des Bären mit voller Wucht gegen die Höhlenwand. Leylas Herz raste. Das Adrenalin schoss durch ihren Körper, und sie spürte jeden einzelnen Herzschlag wie einen Donnerschlag in ihren Ohren. Sie wusste, dieser Moment würde entscheiden, ob sie überlebten – oder hier starben. Sie brach aus ihrer Starre aus, sprang auf die Füße und zog mit zitternden Händen ihr Kurzschwert. Ihre Augen suchten Liam, der sich mühsam aufrappelte und unter Schmerzen stöhnte. Trotz der Angst in ihrem Inneren wusste sie, dass sie jetzt handeln musste. Während die beiden abwechselnd angriffen, war der Bär nicht zu stoppen. Jeder Schlag der Klingen prallte von seiner Panzerung ab, und er wehrte jeden ernstzunehmenden Angriff ab, als wäre es ein Kinderspiel. Liams Blick verfinsterte sich. Er hob die Hand und begann, leise einen Zauber zu murmeln. Plötzlich formte sich ein Ball aus flackernden Flammen vor ihm, der mit jeder Sekunde größer wurde. „Zurück!“ rief er und schleuderte den Feuerball mit einem donnernden Knall in Richtung des Bären. Die Hitze brannte durch die stickige Luft, und als die Flammen auf den gepanzerten Körper trafen, schrie das Ungeheuer vor Schmerz auf. Seine Panzerung begann zu glühen, und der Gestank von verbranntem Fleisch erfüllte die Höhle. „Das ist meine Chance!“ dachte Leyla, während sie auf das Monster zustürmte. Mit aller Kraft stieß sie ihre Klinge in das linke Auge des Bären. Blut spritzte in einem feinen Nebel in die Luft, und ein ohrenbetäubendes Brüllen erfüllte die Höhle. Der Bär schlug blindlings nach ihr und warf sie zu Boden, doch Leyla rollte sich ab und brachte sich in Sicherheit. Liam hatte sich inzwischen wieder gefangen. Er packte sein Schwert fester und stürmte auf das nun einäugige Monster zu. Doch gerade als er ausholte, um den Kopf des Biests abzutrennen, richtete sich der Bär mit einem wütenden Schnauben auf und schlug erneut nach ihm. Liam musste zurückweichen, seine Zähne fest zusammengebissen. Die Höhle erzitterte bei jedem Schritt des Ungeheuers. Das grollende Brüllen, das Klirren von Metall auf Stein und die Hitze der Flammen, die den Raum erhellten, verschmolzen zu einem chaotischen Sturm, der Leyla den Atem raubte. Der beißende Geruch von verbranntem Fleisch brannte in ihrer Nase, und ihre Muskeln schmerzten vor Anspannung. Schnaufend kam Liam neben ihr zum Stehen. Sein Atem ging schwer, und er spuckte Blut auf den Boden. Er stützte sich auf sein Schwert, bevor er mit entschlossener Stimme sprach. „Das Vieh ist zäh… Ich glaube nicht, dass wir es so einfach kleinkriegen.“ Er sah Leyla an, ein schwaches, aber aufmunterndes Lächeln auf den Lippen. „Aber wir schaffen das. Bleib vorsichtig und gib nicht auf!“ Leyla nickte fest, die Angst in ihren Augen einer kalten Entschlossenheit gewichen. Sie hob ihr Schwert und ging erneut in Kampfhaltung, bereit, alles zu geben. -------------------------------------------------------------------------- Liam strich mit einer entschlossenen Bewegung über die Klinge seines Schwertes, das augenblicklich in Flammen aufging. Ohne zu zögern stürzte er sich erneut auf das Monster, während Leyla im selben Moment von der anderen Seite angriff. Der Stahlbär, wie Liam ihn genannt hatte, fixierte sofort das brennende Schwert und schlug mit einer gewaltigen Tatze danach. Genau das hatte Liam beabsichtigt. Mit einem gezielten Sprung ließ er das Schwert los, rutschte geschickt unter den Bauch des Ungeheuers hindurch und riss dabei seinen Dolch nach oben. Die Klinge schnitt durch die verwundbare Haut des Bauches und hinterließ eine klaffende Wunde. Gleichzeitig stieß Leyla von hinten zu. Ihre Hände umklammerten ihr Schwert, als sie versuchte, die dicke Haut des Bären am Rücken aufzureißen. Der Bär brüllte vor Schmerz, wirbelte herum und schlug Leyla die Waffe aus der Hand. Sie stolperte rückwärts, und als das Monster sich auf sie stürzen wollte, sprang Liam dazwischen und riss sie zur Seite. Leyla landete unsanft auf dem harten Boden, die Luft wich aus ihren Lungen. Doch bevor sie sich aufrappeln konnte, packte der Bär Liam mit seinen mächtigen Zähnen. Ein Schrei zerriss die Höhle, und Leyla erstarrte vor Entsetzen, als sie sah, wie die Zähne des Bären tief in Liams Rücken bohrten. Warmes Blut strömte in dicken Tropfen aus seinen Wunden und lief an ihm herab, während der Bär ihn herumwirbelte wie eine Puppe. ,,Liam!!!’’ Leylas Schrei hallte von den Höhlenwänden wider. Das Adrenalin erfasste sie erneut, und sie warf sich mit bloßen Händen auf das Monster. Verzweifelt versuchte sie, die gewaltigen Kiefer des Bären auseinanderzuzwingen. Ihre Finger krallten sich in die Panzerung, während Tränen über ihr Gesicht liefen. Endlich lockerte der Bär seinen Biss, und Liam fiel wie ein Stein zu Boden. Leyla stürzte mit ihm, doch der Bär war noch nicht fertig. Das Ungeheuer bäumte sich auf, und sein gieriges Maul öffnete sich bedrohlich. Übel riechender Sabber tropfte auf Leylas Gesicht, während der Gestank nach Verwesung und Blut sie fast ersticken ließ. Panisch tastete sie nach ihrem Schwert, das nur wenige Zentimeter entfernt lag. Ihre zittrigen Finger fanden den Griff, und sie packte es mit aller Kraft. In einem letzten, verzweifelten Aufbäumen schwang sie die Klinge nach oben. Die Klinge durchbohrte die Kehle des Bären, glitt durch Fell, Fleisch und Knochen. Das Monster stieß ein gurgelndes Geräusch aus, das die Höhle erfüllte, bevor es schwer zur Seite kippte und reglos liegen blieb. Leyla atmete schwer, der metallische Geschmack von Blut lag auf ihren Lippen. Sie erinnerte sich an den Kampf mit der Arachne – ein Fehler hatte sie beinahe das Leben gekostet. Nicht diesmal. Mit wackligen Beinen rappelte sie sich hoch, stolperte zu dem Kopf des Bären und schlug mit zitternden Armen immer wieder darauf ein, bis er vollständig abgetrennt war. Dann drehte sie sich zu Liam um. Er lag blutüberströmt auf dem Boden, seine Atmung war flach und unregelmäßig. Die Dunkelheit in der Höhle schien sich plötzlich dichter um sie zu legen, als ob sie jeden Funken Hoffnung ersticken wollte. Sie kniete neben ihm, das Blut des Bären tropfte von ihren Händen und bildete kleine Pfützen auf dem kalten Stein. „Liam, hörst du mich? Du musst wach bleiben, alles wird gut“, flüsterte sie mit bebender Stimme. Ihre Hände drückten auf seine Wunden. Liam öffnete schwach die Augen und sah sie mit einem müden, aber warmen Blick an. „Das… hast du gut gemacht, Leyla. Ich bin… stolz auf dich“, brachte er keuchend hervor. Blut lief aus seinem Mundwinkel, und sein Griff um ihre Hand war kaum noch spürbar. Tränen füllten Leylas Augen und liefen ungehemmt über ihre Wangen. „Du darfst mich nicht allein lassen… Bitte, Liam, nicht jetzt“, flüsterte sie verzweifelt, ihre Stimme brach. Ihr Blick war verschwommen, ihre Gedanken ein wirrer Strudel aus Angst und Schmerz. Liam versuchte zu lächeln, doch sein Atem wurde schwächer. Seine Hand glitt langsam aus ihrem Griff, und Leyla spürte, wie ihre eigene Kraft schwand. Das Adrenalin verließ ihren Körper, und die Realität des Augenblicks wurde zu viel. Mit einem letzten, erstickten Schluchzen sackte sie zusammen und verlor das Bewusstsein, während die Höhle in eine bedrückende Stille verfiel.

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