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  • Kapitel 56 - Kleiner Wellensittich

    Leyla schloss die Augen, um sich zu konzentrieren. Das Mana in ihrem Körper begann in ihr zu pulsieren, wie ein Fluss, der nach dem brechen des Dammes wieder zu strömen begann. Es war ein gutes, befreiendes Gefühl, nach so langer Zeit endlich wieder Magie zu nutzen. Sie ließ diese Energie in sich kreisen, spürte, wie sie ihren Körper durchströmte. Als sie die Augen wieder öffnete, fixierte sie einen kleinen Stein vor sich. Mit einem bloßen Gedanken ließ sie ihn schweben und begann ihn langsam zu rotieren. Der Stein drehte sich schneller und schneller, bevor Leyla ihn mit einer plötzlichen Bewegung auf eine Übungspuppe am anderen Ende des Platzes schleuderte. —KRACH— Der Stein traf die Puppe nicht und zerschellte stattdessen mit einem lauten Knall an der massiven Mauer. Leyla runzelte die Stirn und hob ihre Hand erneut. Diesmal ließ sie einen Steinspeer in der Luft entstehen, wie sie ihn einst im Kampf gegen Bournadette genutzt hatte. Der Speer wuchs rasch in die Länge, seine Oberfläche unregelmäßig und voller Energie. Bevor er zu groß wurde, schleuderte Leyla ihn mit einem Zischen nach vorne. Der Speer traf die Puppe, jedoch nicht zentral. Doch die Wucht des Aufpralls reichte aus. Das Holz zersplitterte, und der Speer schoss sich mit einem ohrenbetäubenden Knall gegen die Mauer. Leyla starrte auf die unversehrte Wand und zog überrascht die Augenbrauen hoch. Yaga, der sie beobachtet hatte, schmunzelte und sagte mit einem Lachen: ,,Die Mauern sind mit einem Schutzzauber belegt. Die kriegst du nicht klein.’’ Leyla nickte langsam und murmelte: ,,Achso, das ergibt Sinn… Dann kann ich ja wirklich alles geben.’’  Ein entschlossenes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie konzentrierte sich erneut, ihre Hände leicht ausgestreckt. Diesmal erschuf sie wieder einen Steinspeer, doch sie ließ ihn weiter wachsen. Innerhalb weniger Augenblicke wuchs er von der Größe eines Stiftes zu der eines Pferdes. Doch das war noch nicht genug. Sie spürte, wie ihr Mana unaufhaltsam in den Speer floss, und anders als früher, als ihre Kraft begrenzt gewesen war, schien sie nun kein Ende zu kennen. Yaga pfiff anerkennend. Er lehnte sich auf eine der Bänke am Rand des Übungsplatzes zurück und zog ein kleines Notizbuch hervor. Aus dem Augenwinkel bemerkte Leyla, wie er begann, darin zu schreiben. ,,Klar, er soll mich ja untersuchen, hatte ich fast vergessen’’, murmelte Leyla vor sich hin. Der Speer war mittlerweile auf die Größe eines Hauses angewachsen, seine Oberfläche von rotierenden, scharfen Kanten durchzogen. Leyla schloss ihre Augen für einen Moment, visualisierte den rotierenden Speer und gab ihm mit ihrer Magie die gewünschte Bewegung. Der Speer begann sich zu drehen, schneller und schneller, bis er wie eine tödliche Waffe in der Luft schwebte. Mit einer schnellen Bewegung schleuderte Leyla ihn ab. Der Windstoß, den der Start verursachte, war so stark, dass Leyla fast das Gleichgewicht verlor. —KAWAMM— Das Geräusch hallte über den gesamten Platz. Leylas Herz setzte kurz aus, als sie sah, was sie angerichtet hatte. Der Speer hatte die angeblich unzerstörbare Mauer durchschlagen – und auch das Haus dahinter. Leyla schluckte schwer, ihre Gedanken wirbelten. ,,Scheiße, das war zu viel, hoffentlich hat sich niemand verletzt.’’ - ------------------------------------------------------------------------- Leyla blickte unsicher zu Yaga, ihre Augen suchten in seinem Gesicht nach einem Zeichen, dass alles in Ordnung war. Vielleicht würde er lachen und ihr sagen, dass der Schaden kein Problem sei. Doch zu ihrem Entsetzen bemerkte sie, wie Yaga sein Notizbuch fallen ließ. Seine Augen waren weit aufgerissen, sein Gesichtsausdruck war von Schock und Überraschung geprägt. ,,Ähm… Das… Das war nicht absichtlich, ich hatte nicht gedacht, dass ich sie durchschlagen würde’’, stammelte Leyla leise. Ihre Stimme zitterte, während sie auf die Knie sank, als ob das Gewicht ihrer eigenen Kräfte sie niederdrückte. Für einen Moment blieb Yaga reglos, seine Augen fixierten den beschädigten Bereich. Doch dann schien er sich wieder zu sammeln. Er bückte sich, hob sein Notizbuch auf und steckte es ruhig in seine Tasche. Mit festen Schritten ging er auf Leyla zu, sein Gesicht hatte wieder diese ruhige, fast väterliche Ausstrahlung angenommen. Er streckte ihr die Hand entgegen. ,,Du hast meine Erwartungen bei weitem übertroffen. Und du sagst, du hattest diese Kraft auf einmal?’’ Seine Stimme klang fasziniert, fast bewundernd. Leyla nickte stumm, ihre Hände zitterten leicht, als sie sich von ihm hochziehen ließ. ,,Ist niemand verletzt?’’ fragte sie schließlich, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern. Yaga schüttelte den Kopf, ein beruhigendes Lächeln spielte auf seinen Lippen. ,,Ach, da mach dir keine Sorgen. Das ganze Gebiet ist für den heutigen Tag verlassen, damit uns niemand stört.’’ Er schien überaus zufrieden, fast als hätte sie eine unsichtbare Prüfung bestanden. Doch Leyla fühlte keine Erleichterung. War es wirklich gut, dass er zufrieden war? Oder hatte sie mit dieser Demonstration nur die Ketten enger gezogen, die sie festhielten? ,,Für heute sollte das reichen, ich lege dir die Armreife wieder an und kümmere mich darum, dass der Schaden behoben wird.’’  Leyla seufzte innerlich. Sie hatte von Anfang an gewusst, dass sie die magieunterdrückenden Handschellen wieder angelegt bekommen würde, und jeder Widerstand dagegen wäre nutzlos gewesen. Mit einem resignierten Ausdruck streckte sie ihre Arme aus, ihre Hände zitterten leicht. Sie fühlte den vertrauten Druck der Armreife um ihre Handgelenke und spürte, wie das Mana in ihr abrupt verstummte. Es war, als würde ein Teil von ihr wieder eingeschlossen werden. Plötzlich wurde die Stille des Übungsplatzes von einer donnernden Stimme zerrissen. Sie war tief, rau und durchdringend, klang wie das Knurren eines wilden Tieres. Die Worte hallten über den Platz und ließen Leyla zusammenzucken. [???] ,,YAGARR, WAS HAT DAS ZU BEDEUTEN???’’ Die Stimme schien aus einer Richtung hinter ihnen zu kommen. Leyla spürte, wie ein kalter Schauer über ihren Rücken lief, während sie sich langsam umdrehte. Yaga hingegen blieb ruhig, sein Gesicht zeigte keine Spur von Überraschung oder Angst, nur eine leichte Anspannung in seinem Kiefer. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla drehte sich langsam in die Richtung, aus der die donnernde Stimme gekommen war. Vor dem Loch in der Mauer, das sie gerade noch mit ihrer Magie geschaffen hatte, stand ein Krieger, dessen Erscheinung sie im ersten Moment stocken ließ. Seine Gestalt war affenähnlich, mit dichtem braunem Fell und einem langen Kampfstab, der bedrohlich in seiner Hand lag. Seine Zähne waren gebleckt, und seine Haltung strahlte eine aggressive Wachsamkeit aus. ,,YAGARR, ERRKLÄRR MIRR DAS HIERR!’’ donnerte er erneut, seine Stimme grollte über den Platz wie ein Erdbeben. Er richtete seinen Kampfstab direkt auf Leyla und Yaga. Leyla war unsicher, ihre Augen huschten zu Yaga, der die Situation scheinbar ruhig betrachtete. ,,Wer ist das?’’ fragte sie leise, in der Hoffnung, dass Yaga eine beruhigende Antwort parat hatte. ,,Das’’, begann Yaga mit einem leisen Seufzen, ,,das ist Bunj, der dritte der Kaiserlichen Kopfgeldjäger. Er stammt aus dem Denja-Dschungel. Mit dem solltest du dich nicht anlegen.’’ Leyla schluckte schwer. Der Name, gepaart mit der Beschreibung, rief ihr Bournadette in Erinnerungen. ,,Na super. Die Warnung kommt etwas spät’’ , dachte sie nervös und spürte, wie ihre Finger leicht zu zittern begannen. Yaga hob die Stimme, sein Tonfall blieb gelassen. ,,Komm her, dann musst du auch nicht so schreien Bunj!’’  Kaum waren die Worte gefallen, schoss Bunj wie ein brauner Blitz über den Platz. Sein Tempo ließ Leyla kaum reagieren, und im nächsten Moment stand er direkt vor ihr. Er war groß, gut zwei Köpfe größer als sie, und sein Gesicht war von zahlreichen Narben durchzogen. Seine Augen glühten wie zwei kleine Kohlen, brennend und aufmerksam. Leyla fühlte, wie ihr die Luft wegblieb, als sein intensiver Blick sie fixierte. ,,Na, werr bist du denn, Kleine?’’ fragte er mit seiner knurrenden Stimme, die jetzt zwar leiser, aber nicht weniger bedrohlich klang. Leyla öffnete den Mund, doch bevor sie antworten konnte, trat Yaga schnell dazwischen. Er stellte sich schützend vor sie und legte eine Hand leicht auf ihre Schulter, als wolle er sie beruhigen. ,,Das ist Leyla, sie ist ein Gast von Kronprinz Eugenius. Für die Zerstörung entschuldige ich mich, das war mein Fehler. Ich werde dafür sorgen, dass alles repariert wird.’’ Yaga sprach mit ruhigem Ton, doch Leyla spürte die leichte Anspannung in seinem Körper. Er wirkte nicht eingeschüchtert, aber überlegt, als würde er genau abwägen, wie er mit Bunj umgehen sollte. Bunj knurrte leise, seine Lippen verzogen sich zu einem spöttischen Lächeln. ,,Dich habe ich nicht gefrragt, Yagarr’’, Mit einer schnellen Bewegung schob er Yaga zur Seite, als wäre er kaum mehr als ein Hindernis. Nun stand er wieder direkt vor Leyla, die nervös zu ihm aufschaute. ,,Nun, kleinerr Wellensittich, werr bist du?’’ fragte er erneut, und Leyla bemerkte, wie ihre Knie leicht zitterten. Wellensittich? Wie kam er denn darauf? Sie erinnerte sich vage an die kleinen bunten Vögel, über die sie in dem Kapitel über den Denja-Dschungel gelesen hatte. Der Name wirkte fast verspottend, doch sie war sich nicht sicher, ob dies seine Absicht war. ,,Ich bin Leyla’’, sagte sie schließlich vorsichtig, ihre Stimme ruhig, doch sie ließ den großen Affen keine Sekunde aus den Augen. ,,Ich bin ein Gast bei Kronprinz Eugenius, wie Yaga schon meinte.’’ Bunj betrachtete sie einen Moment lang mit seinem glühenden Blick, bevor er schnaubte und sich leicht zurücklehnte. ,,Ich verrstehe, ja ich verrstehe deine Situation sehrr gut.’’ Seine Stimme war immer noch leise, diesmal gefährlich sanft. Dann hob er seine große Hand und tätschelte  grob ihren Kopf, was Leyla ein gemischtes Gefühl bescherte. ,, Nun denn, pass auf dich auf, kleinerr Wellensittich.’’ Mit diesen Worten wandte er sich ab und richtete seinen Blick wieder auf Yaga. Seine Augen verengten sich, und seine Stimme wurde wieder lauter, donnernder. ,,Denk drran Yagarr, ich behalte dich im Blick.’’ Mit einem gewaltigen Sprung schoss er über die Mauer und verschwand aus dem Blickfeld. Leyla spürte, wie die Anspannung aus ihrem Körper wich, doch ein leises Zittern blieb in ihren Händen zurück. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla blieb während des gesamten Weges zurück in ihr Zimmer still. Ihre Gedanken kreisten unaufhörlich um Bunj, den affenähnlichen Krieger. Seine Erscheinung, seine Präsenz – alles an ihm schien in ihrem Kopf nachzuklingen, wie ein Echo, das sie nicht abschütteln konnte. ,,Ein weiterer Kaiserlicher Kopfgeldjäger…’’ dachte sie.  ,,Yang, Bournadette und jetzt er. Wenn er die Nummer drei ist, muss er unglaublich stark sein. Er wirkte auf jeden Fall so.’’ Ihre Gedanken glitten zu dem Namen zurück, den er ihr gegeben hatte: Wellensittich. Leyla überlegte, was er damit gemeint haben könnte. War es ein Spitzname zur Verniedlichung? Eine Beleidigung? Vielleicht sogar ein Kompliment? Sie konnte es nicht einordnen. Auch die grobe, aber nicht feindselige Art, mit der er ihr den Kopf getätschelt hatte, ließ sie nicht los. ,,Es war seltsam… irgendwie wirkte er, nachdem er von Kronprinz Eugenius erfahren hatte, fast freundlich.’’ Sie schüttelte leicht den Kopf, unsicher, wie sie diese Begegnung deuten sollte. Als sie bei ihrem Zimmer ankamen, atmete sie erleichtert auf. Die gewohnte Umgebung ließ sie sich etwas entspannen. Trotz allem war es immer noch ein Käfige, doch sie fühlte sich darin vorübergehend sicher. ,,Mach dir wegen Bunj nicht zu viele Gedanken. Er ist…’’ begann Yaga, doch Leyla fiel ihm ins Wort. ,,Ich weiß, er ist keine schlechte Person.’’ Yaga hob eine Augenbraue, ein Ausdruck von Überraschung huschte über sein Gesicht. ,,Das wollte ich nicht sagen, aber damit hast du wohl auch Recht.’’ Er seufzte leise und sprach weiter. ,,Wie dem auch sei, du solltest dich trotzdem von ihm fernhalten. Ruh dich gut aus. Ich komme in ein paar Tagen wieder, dann können wir ausführlich über deine Magie sprechen.’’ Leyla nickte und schloss die Tür hinter ihm. Die vertraute Stille des Zimmers umfing sie, und sie begann, sich ihre Klamotten vom Körper zu streifen. Ihr Blick wanderte zur kleinen Tür, die in ihr privates Badezimmer führte. Bis auf die Toilette hatte sie den Raum bisher kaum genutzt, doch heute spürte sie den Wunsch, ein heißes Bad zu nehmen. Im Badezimmer drehte sie die Wasserhähne auf, und heißes Wasser begann, die große Wanne zu füllen. Die Wanne war riesig, groß genug, dass mehrere Personen darin Platz gehabt hätten, und Leyla betrachtete sie einen Moment lang. Dann wandte sie sich den Flaschen mit Duftschaum zu, die ordentlich auf einer Ablage standen. Sie nahm eine Flasche mit Zitronenaroma, öffnete sie und ließ den Duft ins einströmende Wasser fließen. Das warme, aufsteigende Aroma erfüllte den Raum, und Leyla lächelte leicht. Nachdem sie sich ihrer Unterwäsche entledigt hatte, wartete sie einen Moment, bevor sie vorsichtig in die Wanne stieg. Das heiße Wasser umhüllte sie, und ein angenehmes Kribbeln breitete sich über ihre Haut aus. Ihre Muskeln begannen sich zu entspannen, und Leyla schloss die Augen. Für einen Moment ließ sie alles los. Ihre Gedanken durften treiben, wie Blätter auf einem ruhigen See. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla ließ ihren Kopf gegen den Rand der Badewanne sinken, das Zitronenaroma füllte die Luft um sie herum. Ihre Gedanken begannen abzudriften, fort von dem warmen Wasser, hin zu denjenigen, die ihr nahegestanden hatten, hin zu denjenigen, die sie vermisste.  Liam, Roxy und Himmel. Wie es ihnen wohl erging? Sie konnte sich nicht helfen, aber die Fragen nagten an ihr: Waren sie am Leben? Suchten sie nach ihr? Oder hatten sie längst aufgegeben? Mit einem tiefen Atemzug schob sie den Gedanken beiseite. Es brachte nichts, sich über Dinge den Kopf zu zerbrechen, die außerhalb ihrer Kontrolle lagen. Falls sie noch lebten, würde sie sich ihnen widmen, wenn die Zeit dafür gekommen war. Wenn sie in Freiheit war. Ihre Gedanken wanderten zurück zu den Personen, die sie hier, in diesem goldenen Käfig, umgaben. Sie konzentrierte sich auf das Hier und Jetzt; Auf jene, die ihre unmittelbare Zukunft ausmachten. Der Kronprinz. Leyla zog eine Grimasse. Sie mochte ihn nicht. Er hatte ihr sehr deutlich gemacht, wo sie in seiner Welt stand – und das war weit unter ihm. Ja, es hätte schlimmer kommen können, doch es änderte nichts an ihren Gefühlen. Niemals würde sie einem Prinzen vertrauen. Charles, sein Leibdiener, war ein Rätsel für sich. Er zeigte kaum Emotionen, war in seiner Haltung stets makellos. Leyla konnte ihn nicht durchschauen, und das machte ihn in ihren Augen noch unheimlicher. Sie wusste nicht, ob sie je eine Verbindung zu ihm aufbauen könnte – oder ob sie es überhaupt wollte. Filia war ihre einzige Freundin hier, und Leyla schätzte sie sehr. Es war nicht nur die Wärme, die sie von ihr empfing, sondern auch das Gefühl, ein ähnliches Schicksal zu teilen. Sie fühlte sich mit ihr verbunden, und eines war klar: Wenn sie diesen Ort eines Tages verließ, würde Filia an ihrer Seite sein. Und dann war da Yaga. Leyla runzelte die Stirn. Er war freundlich, ja, aber irgendetwas an ihm ließ sie zögern. Es war, als ob seine Worte und sein Verhalten von einer unterschwelligen Manipulation durchzogen waren. Ihre Gedanken kehrten zu Bunj zurück, dem affenähnlichen Krieger, der sie vorhin so beeindruckt hatte. ,,Was wenn Bunj jemand ist, zu dem ich Kontakt suchen sollte?’’ murmelte sie leise, ihre Stimme wurde vom warmen Schaum gedämpft, der die Wasseroberfläche bedeckte. ,,Was wenn er mir helfen kann?’’ Ein leiser Seufzer entkam ihr. Sie brauchte Verbündete, und zwar mächtige. Ohne sie würde sie nicht weit kommen. Aber bevor sie diesen Weg einschlagen konnte, musste sie ihre Magie verbessern, sie meistern und kontrollieren lernen. Nur so hätte sie eine Chance – für ihre Freiheit und für die, die ihr wichtig waren.

  • Kapitel 54 - Rabe

    Leyla saß auf dem Stuhl, das schwarze Buch mit dem Titel  ,,Rabe’’ vor sich auf dem Tisch liegend. Ihr Blick klebte daran, unsicher, ob sie es wagen sollte, es zu öffnen.  Es hob sich deutlich von den anderen Büchern in der Bibliothek ab, wie ein dunkler Schatten, der sich nicht vertreiben ließ. Sie fühlte sich von ihm gleichzeitig angezogen und abgestoßen, als würde das Buch sie herausfordern, sich ihm zu stellen, nur um sie dann zu verschlingen. Das Gefühl war schwer zu beschreiben, aber es ließ sich nicht ignorieren. Es war, als würde das Buch eine unsichtbare Präsenz im Raum entfalten, etwas Kaltes und Schweres, das ihre Brust füllte. Leyla seufzte, schüttelte leicht den Kopf und stand auf, um ihre Gedanken zu klären. Sie begann, durch den Raum zu gehen, ihre Schritte unbewusst leise, als wolle sie das Buch nicht stören. Ihr Blick fiel auf eine Spinne, die in einer Ecke des Raumes ihr Netz gesponnen hatte. In dem Netz zappelte eine Fliege, gefangen und hilflos, während die Spinne unbeweglich und geduldig verharrte.  Der Anblick jagte ihr einen kalten Schauer über den Rücken. Leyla ging es genauso wie der Fliege. Ihr Netz war der Palast, und die Spinne… war der Prinz.  Auch dieser Gedanke hielt sie nicht davon ab, zu dem Buch zurückzukehren, das immer noch wie ein dunkler Fleck auf dem Tisch lag. Trotz ihres Widerwillens fühlte sie sich davon angezogen. Es war, als rief es nach ihr, leise und unaufdringlich, aber unaufhörlich. Sie wusste nicht, ob Mut oder Neugier sie antrieb, doch sie fand sich bald wieder am Tisch stehend, das Buch vor sich. Langsam glitt ihre Hand über den schwarzen Einband. Es fühlte sich seltsam weich an, fast wie Stoff, aber gleichzeitig war es kalt. Kälter, als ein Buch sein sollte. Die Kälte kroch durch ihre Fingerspitzen und ließ sie leicht erschaudern. Was war das für ein Buch? Leyla hob es vorsichtig hoch und setzte sich zögernd auf ihr Bett. Ihre Finger gruben sich leicht in das Buch, während sie es langsam öffnete. Die Seiten raschelten leise, ein Geräusch, das in der Stille des Zimmers fast bedrohlich wirkte. Das erste, was sie sah, war ein schwarzes, leeres Blatt, das wie ein Vorhang wirkte, hinter dem sich ein Geheimnis verbarg. Sie hielt den Atem an und begann, die erste Seite umzublättern. -------------------------------------------------------------------------- Alles um Leyla herum war mit einem Mal in endlose Dunkelheit gehüllt. Sie konnte nichts sehen, nicht einmal den Hauch eines Schimmers, der das schwarze Nichts durchbrach. Es war, als hätte die Welt um sie herum nie existiert.  Sie wollte sprechen, wollte wissen, was geschehen war, doch es kam kein Laut aus ihrem Mund. Verwirrt stellte sie sich die Frage: Hatte sie überhaupt noch einen? ,,Wo bin ich? Ich hab gerade das Buch in der Hand gehalten?’’ Der Gedanke trieb durch ihren Geist, doch sie konnte ihn nicht laut aussprechen. Trotz der seltsamen, erdrückenden Situation spürte sie keine Panik.  Stattdessen war da eine seltsame Ruhe, die sich in ihr ausbreitete. Es war, als hätte jemand die Last, die sie so lange getragen hatte, einfach von ihren Schultern genommen. Zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit war Leyla nicht von einem Sturm aus Gedanken und Gefühlen überwältigt. Leyla ließ sich von dieser Ruhe einhüllen. Sie wusste nicht, wie lange sie so verweilte. Es fühlte sich wie ein Moment und gleichzeitig wie eine Ewigkeit an. Sie spürte keine Zeit mehr, nur die Leere in ihrem Kopf und die Dunkelheit um sie herum. Doch dann geschah es. Ein schwacher Lichtstrahl schnitt durch die Dunkelheit, und nach und nach wurde die Umgebung heller. Leyla blinzelte – oder sie hätte geblinzelt, wenn sie Augen gehabt hätte. Sie erkannte, dass sie keinen Körper besaß. Sie war nicht mehr als eine Beobachterin, schwebend in einem Raum, der sich nach und nach offenbarte. Vor ihr erstreckte sich eine Höhle. Schwaches Sonnenlicht drang durch einen kleinen Eingang und tauchte die Umgebung in diffuses Licht. Leyla ließ ihren Blick wandern, bis ihre Aufmerksamkeit auf drei riesige schwarze Eier fiel. Sie standen in einer lockeren Anordnung, jedes größer, als sie es sich hätte vorstellen können.  Direkt neben den Eiern kauerte eine Gestalt, deren Erscheinung Leyla den Atem – falls sie atmen konnte – stocken ließ. Die Haut der Gestalt war mit schuppigen Platten bedeckt, und aus ihrem Mund blitzten weiße, spitze Reißzähne hervor. Leyla spürte keine Angst, nur eine seltsame Faszination. Sie beobachtete, wie das mittlere Ei zu knacken begann. Feine Risse zogen sich über die glatte, schwarze Schale, wie Spinnweben, die sich immer weiter ausbreiteten.  Die Schale brach langsam auseinander, und ein seltsames, unerklärliches Gefühl durchströmte Leyla. Es war, als spürte sie die Erleichterung der gekauerten Gestalt, die das Ei mit angespannten Augen beobachtete.  Leyla fühlte plötzlich, dass es Zeit war zu gehen. Die Umgebung begann, sich vor ihren Augen aufzulösen. Die Höhle verschwamm, die Gestalt und die Eier wurden zu Schatten, bis nur noch das Bild des mittleren Eies blieb.  Aus den Rissen in der Schale trat eine Person hervor, gekleidet in ein dichtes Federkleid, so schwarz wie die Dunkelheit, die Leyla zuvor umgeben hatte. Sie sah, wie diese Gestalt aufrecht stand, den Kopf leicht neigte und dann in die Dunkelheit hinaustrat. Plötzlich war sie zurück. Sie saß auf ihrem Bett, ihr Atem ging stoßweise. Mit einem lauten Knall klappte das Buch zu, und Leyla zuckte zusammen. Instinktiv zog sie ihre Finger zurück, als hätte das Buch sie gebissen. -------------------------------------------------------------------------- Wieder und wieder ließ Leyla in Gedanken ihr Erlebnis Revue passieren. Die Leere, die sie umgeben hatte, das schwache Sonnenlicht, das durch den Höhleneingang schien, die drei schwarzen Eier und die seltsame Gestalt, die wie ein Wächter – nein, wie eine Mutter – neben den Eiern gekauert hatte. Und schließlich die Person im schwarzen Federkleid, die aus dem mittleren Ei gestiegen war. ,,Seltsam’’, flüsterte Leyla in den stillen Raum, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch, ,,ich spüre keinerlei Unsicherheit, wenn ich daran denke…’’ Ihre Gedanken glitten zu dem Buch auf ihrem Schoß, das sie noch immer nicht aus den Augen ließ. ,,Auch das Buch verunsichert mich nicht mehr. Was ist das nur für ein Buch?’’ Ein Gedanke formte sich langsam in ihrem Inneren, festigte sich wie eine unausgesprochene Wahrheit: Dieses Buch war anders. Es war nicht einfach nur ein Gegenstand. Es war etwas Besonderes – und es gehörte ihr. Nein, das war nicht ganz richtig. Es gehörte zu ihr, und sie gehörte zu ihm. Zwischen ihnen schien ein unsichtbares Band zu existieren, eines, das sie nicht erklären konnte, das aber genauso real war wie die Luft, die sie atmete. Ein mulmiges Gefühl kroch in ihr auf, als sie begann, sich zu fragen, wo sie das Buch verstecken sollte. Ihr Blick schweifte durch das Zimmer und suchte nach möglichen Verstecken.  Im Kleiderschrank? Das wäre sicher, aber auffällig, falls jemand den Schrank durchsuchte. Unter dem Bett? Zu offensichtlich. Der Nachtschrank? Vielleicht. Oder sollte sie es einfach im Bücherregal lassen, wo es zwischen den anderen Büchern kaum auffallen würde? Doch je länger sie nachdachte, desto mehr wurde ihr klar, dass dieses Buch nicht versteckt werden musste. Sie war sich sicher, dass es nur auf sie so eine Anziehungskraft ausübte. Schließlich war es ihr Buch. Andere würden es kaum bemerken, vielleicht würden sie es nicht einmal sehen. Ihre Gedanken wurden abrupt unterbrochen, als das Buch plötzlich begann, schwarz zu glühen. Ein dunkler Nebel erhob sich aus den Seiten, bewegte sich träge und zugleich lebendig durch die Luft. Leyla hielt den Atem an, ihre Augen weit geöffnet, während das Buch nach und nach zu verschwinden begann. Die glühenden Umrisse lösten sich in der Dunkelheit des Raumes auf, bis nichts mehr übrig war. Sie versuchte, die Leere zu benennen, die das Verschwinden hinterlassen hatte, doch anstelle von Verlust spürte sie eine unerwartete Wärme. Diese Wärme, still und sicher, schien ihr zu sagen, dass sie nicht allein war. Es war, als ob das Buch ihr etwas versprochen hätte, ohne ein Wort zu sprechen. Leyla blieb allein zurück. Ihre Hände leicht zitternd. Während Leyla ihre bebenden Hände betrachtete, kehrte ihr Geist unwillkürlich zu den Bildern aus der Höhle zurück. Die Eier, die Gestalt, die so wachsam und beschützend neben ihnen gehockt hatte, und die Person im Federkleid – es war, als ob all das mit dem Buch zusammenhing, als ob es Teil eines größeren Geheimnisses war, das sie noch nicht verstehen konnte.  Besonders die Figur, die aus dem Ei gestiegen war, schien eine Antwort in sich zu tragen, die Leyla noch nicht greifen konnte. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, als sie sich fragte, ob diese Person sie beobachtete, irgendwo dort draußen, in einer Welt, die sie noch nicht kannte. Sie wusste mit einer unerklärlichen Sicherheit, dass dies nicht das Ende war. Das Buch war weg, aber sie würde es wiedersehen. Irgendwann, ganz sicher.

  • Kapitel 53 - Nähe im Schatten der Mauern

    Das Kaiserreich erstreckt sich über den gesamten Kontinent, dessen ursprünglicher Name längst in Vergessenheit geraten ist. Angeführt wird es von den Menschen, genauer gesagt von der mächtigen Kaiser-Dynastie Algavia, die seit Jahrhunderten über die Lande herrscht und ihre Ordnung bewahrt. Die territoriale Aufteilung des Kaiserreichs spiegelt die Vielfalt der Landschaft und Kulturen wider. Es besteht aus neun Herzogtümern, fünf Markgrafschaften und dem Herzland, das direkt von der Kaiserfamilie regiert wird. Jedes dieser Gebiete hat seine eigene Identität und Besonderheiten, die es auszeichnen. Im eisigen Norden befinden sich die Herzogtümer Kartaffel und Randurin. Kartaffel ist zur Hälfte von den mysteriösen Eiswäldern und zur anderen Hälfte von der schroffen Schneewüste bedeckt. Die gleichnamige Hauptstadt, eine uneinnehmbare Festungsstadt auf einem hohen Plateau, hat sich traditionell gegen den Kaiser gestellt. Ihre Bevölkerung besteht aus einer außergewöhnlich geringen Anzahl an Menschen, was sie zu einer kulturellen Besonderheit macht. Randurin, das zweite Herzogtum des Nordens, teilt sich ebenfalls einen Teil der Eiswälder, doch der größte Teil seiner Landschaft ist von der unwirtlichen Schneewüste geprägt. Die Hauptstadt Randurin ist jedoch das blühende Herz des Handels am Nordmeer. Ergänzt wird das Herzogtum durch die berüchtigte Gefängnisinsel Loin de la Peur, deren Name allein schon Respekt einflößt. Im Osten breitet sich die Endlose Wüste aus, eine heiße und lebensfeindliche Landschaft, die Heimat zweier Herzogtümer ist. Karintes, das erste, ist der Sitz der Kameristischen Kirche. Die gleichnamige Hauptstadt thront am Fuße des Berges der Dämonen, der im Norden an den undurchdringlichen Denja-Dschungel grenzt. Dieses Herzogtum ist das spirituelle Zentrum des Kaiserreichs. Kries, das zweite Herzogtum der Endlosen Wüste, ist das am dünnsten besiedelte Gebiet des Kaiserreichs. Selbst seine Hauptstadt Ellenach zählt nur etwa fünftausend Einwohner. Hier sind Einsamkeit und Weite die vorherrschenden Merkmale, die das Leben der Bewohner prägen. Westlich der Endlosen Wüste erstreckt sich die Steppe, aufgeteilt in die Herzogtümer Vallyka und Rubendy. Vallyka, bekannt als der Ort der menschlichen Ursprünge, hat eine historische Bedeutung. Die Hauptstadt Vallyka liegt an der Grenze des sagenumwobenen Tiefenwalds und war einst die Hauptstadt der Menschen vor dem Großen Krieg. Rubendy hingegen wird stark vom Sang-See und dem majestätischen Goldenen Fluss geprägt. Die Hauptstadt Rubendy ist ein Dreh- und Angelpunkt des Handels, der durch die Wasserstraßen des Flusses ermöglicht wird. Der Goldene Fluss verbindet die Kaiserstadt mit den wohlhabenden südlichen Regionen des Kaiserreichs. Im reichen Süden liegen die Handelsherzogtümer Welldyl und Inhantes. Welldyl wird von einem riesigen Sumpf dominiert, doch die Städte Anjen und Welldyl machen es zu einem zentralen Handelsstandort. Anjen ist der Sitz der Handelsgilde, während die gleichnamige Stadt Welldyl als Hauptumschlagplatz des Kaiserreichs dient. Inhantes hingegen ist von dem prächtigen Grünwald bedeckt. Auch wenn es nicht so reich ist wie Welldyl, genießt es durch seine Hauptstadt Inhantes dennoch Wohlstand und Bedeutung im Handel des Kaiserreichs. Das letzte Herzogtum, die Mittellande, liegt in den fruchtbarsten Gebieten des Kaiserreichs. Mit den Großstädten Malyl und Schneeburg sowie zahllosen Kleinstädten und Dörfern bildet es das bevölkerungsreichste Gebiet. Es wird von den majestätischen Larifen im Osten und Hamalien im Westen begrenzt, den beiden Gebirgen, die den Kontinent prägen. Diese beiden Gebirgszüge sind zugleich Heimat zweier Markgrafschaften. Im Westen, jenseits der Hamalien, liegt die Markgrafschaft Westkap, ein kulturell eigenständiges Gebiet, das sich stark vom Rest des Kaiserreichs unterscheidet. Ihre isolierte Lage hat einzigartige Traditionen hervorgebracht. Die Waldmarkgrafschaften Denja und Stela sind ebenso beeindruckend wie gefährlich. In Denja liegt der gleichnamige Dschungel, ein undurchdringlicher Regenwald voller Geheimnisse aus der Zeit vor der Herrschaft der Menschen. Der Wald der Träume in Stela, beherrscht von kleinen bis gigantischen Pilzen, ist ebenso tödlich für Unvorsichtige, die keine Kenntnisse in Alchemie oder Pflanzenkunde besitzen. Im Zentrum des Kaiserreichs liegt das Herzland, das direkt von der Kaiserfamilie verwaltet wird. Die Kaiserstadt, die prächtige Hauptstadt, erhebt sich hier wie ein Monument der Macht. Ihre weißen Türme und Mauern sind seit über tausend Jahren ein Symbol für die Unantastbarkeit der Algavia-Dynastie. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla hörte Filias Geschichte mit schwerem Herzen zu. Auch wenn ihre Wege unterschiedlicher kaum hätten sein können, entdeckte sie immer wieder Parallelen zwischen sich und Filia. Es tat ihr weh, zu hören, was Filia durchgemacht hatte, und mehr als einmal verspürte sie das Bedürfnis, sie einfach in den Arm zu nehmen. ,,Sie's wie ich,’’ dachte Leyla träge, während der Wein warm durch ihre Adern floss.  ,,Gefangen in diesem... diesem Schloss. Ohne Freiheit, ohne... irgendwas zu entscheiden…’’ Ihre Gedanken stolperten, aber ein weiches Lächeln glitt über ihre Lippen.  ,,Die Arme... bestimmt war sie voll einsam..’’   Die Amphore mit Wein war fast leer, und beide Frauen waren vom Alkohol deutlich gezeichnet. Leyla kicherte unvermittelt, der Gedanke, dass sie betrunken mit jemandem reden konnte, machte sie plötzlich glücklich. ,,Fi-Filia, ey, du tust mir voll leid!’’, murmelte sie, ihre Worte leicht lallend. ,,Ich... wusste nich’, dass... dass du so’n Mist durchmachen musstest.’’ Filia sah Leyla lange an, ihre grünen Augen schimmerten im warmen Licht des Zimmers. Dann setzte sie sich mit einer fast eleganten, aber wackeligen Bewegung neben Leyla aufs Bett und schmiegte sich an sie. Leyla ließ sich fallen, ihren Kopf auf Filias Schoß legend. Die Nähe fühlte sich gut an, fast wie eine Decke, die sie vor der ganzen Welt abschirmte. ,,Also... wir sind ja quasi... in derselben... Situation, weißt du?’’ murmelte Leyla langsam und hob den Kopf leicht, um in Filias Gesicht zu schauen. ,,Was, wenn wir... ich meine, wenn wir abhauen? Also, so zusammen. Raus aus diesem... diesem Käfig oder so.’’ Filia lächelte schwach und begann, Leyla zärtlich durch die Haare zu streichen. Ihr Blick war weich, aber auch ein wenig traurig. ,,Das wär... echt schön, Leyla. Aber ich glaub’... ich glaub nich’, dass ich hier je... rauskomm ’ ’’, Ihre Stimme hatte einen melancholischen Unterton, doch sie schien nicht verbittert – eher erschöpft.  Leyla fühlte, wie etwas in ihr zu lodern begann, eine Entschlossenheit, die sie zuvor nicht gekannt hatte. ,,Dann... dann halt ich’s für dich frei, Filia!’’ Ihre Worte waren holprig, aber in ihrer Stimme lag ein Feuer, das selbst der Wein nicht dämpfen konnte. ,,Ich mach dis. Echt jetzt.’’ Filias Lächeln vertiefte sich, und Leyla konnte nicht anders, als in ihre smaragdgrünen Augen zu starren. Sie waren so intensiv, so lebendig, dass sie ein Kribbeln in ihrem Bauch spürte. Unbewusst hob sie ihre Hand und strich Filia vorsichtig über die Wange. Filia schloss die Augen, und Leyla hielt den Atem an, während sie sich vorsichtig aufrichtete.  Langsam kam sie Filia näher, bis sie den zarten Duft ihrer Haut wahrnahm. ,,Wie gut sie riecht…’’  dachte Leyla, ihre Atmung unregelmäßig. Sie zögerte, ihre Unsicherheit nagte an ihr, doch bevor sie etwas sagen oder tun konnte, spürte sie Filias Lippen auf ihren. Der Kuss war warm, weich und schmeckte nach Wein. Leyla fühlte, wie ihr Herz sich plötzlich schwer und leicht zugleich anfühlte, während ein ungeahntes Feuer durch ihren Körper schoss. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla erwachte mit einem stechenden Schmerz im Kopf, der sich wie ein wild pochender Trommelschlag anfühlte. Ihr Magen rebellierte, und das Drehen der Welt ließ sie blinzelnd die Augen schließen. Langsam sammelten sich die Erinnerungen des Vorabends. Der Kronprinz, Filias Geschichte, und schließlich… Filia selbst. Bilder blitzten in ihrem Geist auf: Filia, die sich an sie schmiegte, die Berührung ihrer Lippen. ,,Was hab ich da nur gemacht…’’   murmelte Leyla leise, während ein Knoten aus Angst sich in ihrer Brust zusammenzog. Was, wenn sie mit ihrer impulsiven Aktion alles zerstört hatte? Ihre Freundschaft zu Filia, das fragile Band zwischen ihnen? Der Gedanke, Filia könnte dem Prinzen davon erzählt haben, ließ sie erschaudern, doch sie schob ihn sofort beiseite. Nein, sie hatte sich entschieden, Filia zu vertrauen. ,,So verletzlich, wie sie sich mir gegenüber gezeigt hat… sie ist wie ich, gefangen’’, dachte Leyla und fühlte, wie ihre Entschlossenheit zurückkehrte. Der Entschluss, mit Filia zu fliehen, war im Rausch des Weins getroffen worden, doch selbst jetzt, im nüchternen Zustand, fühlte sich dieser Plan richtig an. ,,Noch nicht’’, flüsterte sie, ihre Stimme kaum hörbar. ,,Erst brauche ich mehr Informationen. Einen Plan. Die richtige Gelegenheit. ’’ Die Tür öffnete sich mit einem leisen Knarren, und Filia trat ein, ein Lächeln auf den Lippen. Auf ihrer einen Hand balancierte sie einen Teller mit Frühstück, in der anderen hielt sie eine Flasche Wasser. ,,Guten Morgen Leyla’’, sagte Filia mit einer weichen Stimme, die wie Balsam auf Leylas pochenden Kopf wirkte. Sie stellte den Teller behutsam auf den Nachttisch und setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett. ,,Ich habe dir Brot mit Rührei, einige Früchte und ein Stück Kuchen gemacht’’, erklärte Filia, ihre Stimme voller Wärme. Leyla spürte, wie ihr das Wasser im Mund zusammenlief. Kuchen hatte sie noch nie gegessen, und allein der Gedanke daran erfüllte sie mit kindlicher Neugier. Doch zunächst wandte sie sich den Früchten und dem Brot zu, kaute langsam, genoss jeden Bissen. Als sie schließlich fertig war, lehnte sie sich zurück und atmete tief durch. ,,Das war sehr lecker, danke Filia’’, sagte sie, ein Lächeln auf den Lippen. Filia erwiderte das Lächeln. ,,Gerne. Wie fühlst du dich?’’  Leyla zuckte leicht mit den Schultern, spürte, wie ihre Wangen leicht rot wurden, als sie Filias smaragdgrünen Augen begegnete. ,,Mein Kopf tut weh… das war definitiv zu viel Wein gestern.’’ Filia lachte leise, ein Klang, der Leyla seltsam beruhigte. ,,Das hatten wir beide. Trotzdem… ich habe den Abend sehr genossen. Aber wir sollten kein Risiko eingehen. Wer weiß, was der Kronprinz machen würde, wenn er davon erfährt. Lass es uns bei diesem einen Abend belassen.’’ Leyla nickte langsam. Die Worte schnitten wie ein feines Messer, hinterließen einen kleinen Stich in ihrem Herzen. Sie hatte die Nähe genossen, mehr, als sie sich eingestehen wollte, und der Gedanke, dass es bei einem einzigen Abend bleiben sollte, machte sie traurig, obwohl sie wusste, dass es die richtige Entscheidung war.  ,,Ich würde gerne noch etwas schlafen,’’ sagte Leyla schließlich, ihre Stimme leise und zurückhaltend. ,,Können wir später weiterreden?’’ Filia nickte, ihr Lächeln blieb warm und verständnisvoll. ,,Natürlich. Ruh dich gut aus. Soweit ich weiß, soll der Bekannte des Prinzen in drei Tagen kommen. Bis dahin hast du Zeit, dich zu erholen..’’ Filia erhob sich, nahm den Teller mit, und verließ das Zimmer mit leisen Schritten, die kaum ein Geräusch hinterließen. Leyla blieb zurück, alleine mit ihren Gedanken. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla lag zusammengerollt auf ihrem Bett, ihre Beine angezogen, während ihre Gedanken wie ein Sturm durch ihren Kopf tobten. Seit Stunden suchte sie nach Klarheit, nach einem Weg, ihre Gefühle zu ordnen. Doch je mehr sie darüber nachdachte, desto unklarer wurde alles. Es hatte sie tief getroffen, als Filia gesagt hatte, dass der Abend nicht wiederholt werden sollte. Für Leyla war dieser Abend mehr gewesen als nur ein Moment des Vergessens. Er hatte ihr eine Wärme gegeben, die sie seit Tagen vermisst hatte. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft im Palast hatte sie sich nicht einsam gefühlt. Aber dann war da Liam. Dieser Name brachte sofort eine Flut von Emotionen mit sich. Sie liebte ihn, daran bestand kein Zweifel. Die Nähe zu Filia war wohltuend gewesen, ja, sogar ein Lichtblick in der Dunkelheit. Aber sie konnte sie nicht mit der intensiven Verbindung vergleichen, die sie mit Liam hatte. Seine Berührungen, sein Lächeln, die Art, wie er sie ansah – das war Liebe, echte Liebe. ,,Wie es ihm wohl geht? Lebt er noch? Wenn ja, sucht er nach mir? Vermisst er mich? Weiß er wo ich bin?’’  Die Fragen schmerzten, jede einzelne ein Stich in ihr Herz, doch sie konnte nicht aufhören, sie sich zu stellen. Leyla wischte sich die Tränen hastig weg und setzte sich aufrecht hin. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Murmeln, aber entschlossen: ,,Ich kann hier nicht in Selbstmitleid versinken…’’ Sie atmete tief durch, als wollte sie die Schwere aus ihrer Brust vertreiben, und erhob sich langsam. Mit einem leisen Seufzen nahm sie ,,Die Reisen des Gheng Chu’’  von ihrem Nachttisch und trat an das Bücherregal heran. Sie strich mit den Fingern über die Rücken der Bücher, ihre Gedanken schweiften weiter, während sie das Buch zurückstellte. Sie ließ ihren Blick wandern, suchte nach einem neuen Titel, etwas, das sie ablenken konnte. Doch keiner der vertrauten Titel schien sie anzusprechen. Dann fiel ihr Blick auf ein schmales, schwarzes Buch.  ,,War das gestern schon dort gewesen?’’ fragte sie sich und runzelte die Stirn. Es wirkte fehl am Platz, beinahe wie ein Eindringling zwischen den eleganten Einbänden der anderen Werke. Sie zog es vorsichtig heraus und drehte es in ihren Händen. Der Einband war schlicht, fast unscheinbar, doch die feinen Muster, die ihn zierten, zogen ihren Blick magisch an. Eine einzige schwarze Feder schmückte das Cover. Es wirkte seltsam lebendig, fast als würde es das Licht im Raum verschlucken. ,,Rabe’’ , las sie leise den Titel. Das Wort war in einer schlichten, aber markanten Schrift gehalten. Das Buch fühlte sich unerwartet schwer an, viel schwerer, als seine Größe vermuten ließ. Leyla spürte, wie sich ein leichtes Unbehagen in ihr ausbreitete, doch es war gemischt mit Neugier. Was war dieses Buch? Und warum schien das Buch nach ihr zu rufen?

  • Kapitel 52 - Filia

    Die Kaiserstadt, das pulsierende Herz des Kaiserreichs, erhebt sich majestätisch im Zentrum des fruchtbaren Herzlands. Umgeben von üppigen Feldern und Dörfern, bildet sie den Knotenpunkt von Macht, Handel und Kultur.  Mit fast 1,5 Millionen Bewohnern, überwiegend Menschen, ist sie unangefochten die größte Stadt des Reiches und strahlt einen Glanz aus, der sich in den Geschichten und Träumen seiner Einwohner widerspiegelt. Die Straßen der Kaiserstadt sind lebendig und geschäftig. Tausende von Geschäften reihen sich in den belebten Vierteln aneinander und bieten alles, was das Herz begehrt. Doch es sind die Akademien, die den Geist der Stadt prägen. Dutzende Bildungsstätten säumen die Stadt, darunter vier angesehene Magieakademien, die angehende Magier aus allen Teilen des Kaiserreichs anziehen. Diese Orte sind Quellen des Wissens und der Macht, ihre Einflüsse spürbar in den glänzenden Augen der Lernenden. Im Herzen der Stadt thront der Kaiserpalast, ein Symbol der unerschütterlichen Herrschaft der Algavia-Dynastie. Seine weißen Türme und prächtigen Palastgebäude sind seit über tausend Jahren für alle Bewohner sichtbar. Der Palastkomplex, der in neun Teile gegliedert ist, dominiert das Stadtbild.  Der Hauptpalast beherbergt den Thronsaal und dient als Residenz des Kaisers und der Kaiserin. Die acht Nebenpaläste sind den Familienmitgliedern der Algavia vorbehalten, in der Regel den Prinzen, umgeben von vier prachtvollen Gärten. Diese grünen Oasen bieten dem Hochadel einen Rückzugsort, wo Politik und Vergnügen aufeinandertreffen. Doch die Kaiserstadt ist eine Stadt der Kontraste. Die strahlende Pracht der Adelspaläste steht im scharfen Gegensatz zu den schäbigen Straßen der ärmeren Viertel. Abseits der acht makellosen Hauptstraßen, die von kunstvollen Laternen und reich verzierten Gebäuden gesäumt sind, breiten sich heruntergekommene Gassen aus. Diese Orte, verborgen im Schatten der Stadt, sind ein Labyrinth der Verzweiflung und des Überlebens. In diesen dunklen Winkeln zeigt die Kaiserstadt ihr anderes Gesicht. Bordelle, Tavernen und zwielichtige Geschäfte florieren in den schmalen Gassen, und die Stimmen der Verzweifelten und Verlorenen hallen durch die Dunkelheit. Solange diese Aktivitäten die heiligen Bezirke des Adels nicht berühren und die Hauptstraßen sauber bleiben, greifen die Behörden selten ein. Es ist eine stille Übereinkunft, die den Frieden in einer Stadt voller Spannungen bewahrt. Der Goldene Fluss, der größte Fluss des Kaiserreichs, durchzieht die Kaiserstadt wie eine Lebensader. Sein Wasser glitzert im Sonnenlicht, und seine Ufer sind gesäumt von Werften und Lagerhäusern. Vom großen Hafen der Stadt legen unzählige Handelsschiffe ab, die Waren und Reichtümer den Fluss hinab in den Süden tragen, wo die großen Handelsstädte und das Meer auf sie warten. Der Fluss verbindet die Kaiserstadt mit dem Rest des Kaiserreichs und ist ein Symbol für den unaufhaltsamen Strom von Macht und Reichtum. Die Kaiserstadt ist das strahlende Juwel des Kaiserreichs, ein Ort, der von Reichtum und Pracht erzählt. Doch dieser Glanz erstrahlt nur für jene, die es sich leisten können. Für die Armen ist die Stadt ein Käfig, in dem Träume verloren gehen und Hoffnungen verblassen. Es ist ein Ort, der ebenso inspirierend wie unerbittlich ist, ein Spiegelbild der Ungerechtigkeiten und Wunder des Kaiserreichs. - ------------------------------------------------------------------------- ,,Dein Name ist Filia, ja? Deine Aufgabe wird es sein, unseren Sohn zu erziehen und dich um ihn zu kümmern.’’ Graf Herold Lugnics Stimme war ruhig, aber in seiner Betonung lag etwas, das Filia daran erinnerte, dass es hier keinen Raum für Widerspruch gab. Filia musterte den Mann vor ihr. Er war groß, mit einem gepflegten Bart und eleganter Kleidung, die seinen Stand unverkennbar machte. Seine Augen musterten sie, nicht kalt, aber mit einer Art distanziertem Wohlwollen, das ihr Herz schneller schlagen ließ. Es war dieser Blick, der ihr klarmachte, dass sie für ihn nur eine Dienerin war – kein Mensch, sondern ein Besitz. Noch vor wenigen Wochen hatte sie in den Straßen der Kaiserstadt gebettelt, hungernd und verzweifelt, während sie sich durch die schmutzigen Gassen kämpfte, auf der Suche nach etwas Essbarem. Sie erinnerte sich an den Tag, als dieser Mann aus einer prächtigen Kutsche stieg, umgeben von Bediensteten, die ihm blind gehorchten. Filia sah die Szene vor ihrem inneren Auge, als wäre sie erst gestern geschehen. Sie hatte damals auf der Straße gesessen, die Beine angezogen, während sie das Knurren in ihrem Magen ignorierte. Der Graf war direkt auf sie zugetreten, und sein Blick hatte sie durchbohrt. Sie hatte sich sofort kleiner gefühlt, nicht nur wegen seiner imposanten Gestalt, sondern wegen der Art, wie er sie ansah – wie eine Ware, die er begutachtete. ,,Du hast ein hübsches Gesicht und einen hübschen Körper. Kannst du kochen? Dich um ein Kind kümmern?’’ Seine Stimme klang fast beiläufig, als wäre ihre Antwort für ihn nicht mehr als eine Formalität. Filia hatte in dem Moment große Angst gespürt. Sie war jung, vielleicht vierzehn, aber genau wusste sie es nicht. Die Jahre waren ineinander verschwommen, ein grauer Schleier aus Hunger, Angst und Überlebenskampf. Es war nicht das erste Mal, dass ein Mann sie so ansah. Sie kannte diesen Blick, hatte ihn oft genug erlebt. Die meisten Männer wollten von den Mädchen der Straße nur eines — und ihnen war dabei egal, ob es aus Geldnot oder Einverständnis war. Instinktiv hatte sie den Ekel hinuntergeschluckt, der sich in ihrem Bauch zusammengeballt hatte. Sie zwang sich zu lächeln, ein Lächeln, das nicht ihre Unsicherheit, sondern ihre Bereitschaft vortäuschen sollte. ,,Danke für Eure Komplimente. Ja, ich kann gut Kochen und mich auch um Kinder kümmern.’’ Ihre Stimme war süßlich, fast freundlich, und doch hallte sie hohl in ihren eigenen Ohren. In den letzten Jahren hatte sie gelernt, ihre wahren Gefühle zu verbergen. Eine Maske aufzusetzen, war für sie zur Überlebensstrategie geworden. Wenn man das, was man fühlte, nicht zeigte, konnte man wenigstens die Kontrolle über die Situation bewahren – oder sich das einbilden. Doch dann hatte der Graf sie überrascht. Er hatte sie nicht berührt, hatte nicht von ihr verlangt, was andere Männer vor ihm verlangt hatten. Stattdessen hatte er sie eingeladen, zu seinem Anwesen zu kommen. Er hatte ihr Geld für eine Bleibe, neue Kleidung und Essen gegeben, bevor er wieder in seine Kutsche gestiegen und davongefahren war. Jetzt, einige Wochen später, stand sie hier, vor seinem Anwesen, das größer war, als sie es sich je hätte vorstellen können. Die Mauern waren hoch und makellos weiß, die Fenster glänzten im Licht der Morgensonne. Alles hier schrie Reichtum und Macht, doch für Filia hatte es den Geschmack von Käfigstäben. Der Graf lächelte sie an, sein Gesichtsausdruck freundlich, fast zuvorkommend. Doch Filia durchschaute diese Maske. Sie wusste, dass dieses Lächeln nichts bedeutete. Für ihn war sie kein Mensch, sondern ein Mittel zum Zweck – ein Werkzeug, das er nach Belieben einsetzen konnte. ,,Ja, mein Name ist Filia, Euer Gnaden. Ich freue mich darauf, mich um Euren Sohn zu kümmern.’’ Ihre Worte klangen höflich, fast enthusiastisch, doch in ihrem Inneren fühlte sie nichts als Leere. - ------------------------------------------------------------------------- Seit mittlerweile knapp fünfzehn Jahren war Filia im Anwesen der Lugnics angestellt. Ihre Aufgabe war es, sich um Mattheo Lugnics zu kümmern, ihn zu erziehen und ihm die Grundlagen des Lebens beizubringen.  Der Graf hatte darauf bestanden, dass Filia ebenfalls Unterricht nahm. So lernte sie Lesen und Schreiben, einfache Mathematik und die Grundlagen der Alltagsmagie – Fähigkeiten, die ihr in ihrem früheren Leben unvorstellbar erschienen wären. Das Leben im Anwesen war für Filia zweifellos besser geworden. Sie wurde gut behandelt, hatte ein eigenes Zimmer, stets genug zu essen und musste sich keine Sorgen mehr machen, auf den Straßen zu verhungern oder sich Männern anzubieten, um zu überleben. Dennoch blieb ein nagendes Gefühl. Es war das Gefühl, dass ihr etwas fehlte. Freiheit. Die Straßen der Armut waren gegen die Mauern des Anwesens getauscht worden, und Filia fragte sich oft, ob sie jemals wirklich frei sein würde – frei von Armut, Erwartungen und den Zwängen, die ihr Leben von außen bestimmten. Mit einem gedankenverlorenen Blick ließ Filia ihre Augen durch den Empfangsraum des Anwesens gleiten. Heute war ein besonderer Tag. Der Graf hatte ein wichtiges Treffen, das war nicht ungewöhnlich, doch heute war seine Nervosität deutlich spürbar. Es lag eine Anspannung in der Luft, die Filia unruhig machte. [???] ,,Seine Hoheit, Prinz Eugenius wird nun eintreten!’’ Die laute Stimme eines Dieners von draußen riss Filia aus ihren Gedanken. Ein Prinz? Ein Mitglied der Kaiserfamilie? Filia konnte es kaum glauben. Sicher, der Graf war ein Adliger, aber er hatte keinen direkten Einfluss oder Verbindungen zur Kaiserfamilie. Warum war ein Prinz hier? Sie zwang sich, ruhig zu bleiben, auch wenn ihr Herz schneller schlug. Ihre Unsicherheit durfte nicht sichtbar sein. Die großen Türen des Empfangsraumes öffneten sich mit einem kräftigen Schwung, und ein Mann mit langen, goldblonden Haaren trat ein. Seine Präsenz war einschüchternd und doch faszinierend, und sein Gewand spiegelte die Pracht seines Standes wider. Sofort verbeugten sich der Graf, seine Frau, Filia und die anderen Dienerinnen tief vor ihm. Ihre Haltung war respektvoll und demütig, wie es sich gehörte. ,,Es freut mich, Euch in meinem bescheidenen Anwesen willkommen heißen zu dürfen, Eure Hoheit.’’ Die Worte des Grafen klangen unterwürfig, fast devot – eine Seite von ihm, die Filia noch nie gesehen hatte. Die Schritte des Prinzen hallten durch den Raum, gleichmäßig und selbstbewusst. Filia hielt ihren Blick weiter auf den Boden gesenkt, während ihre Gedanken unkontrolliert rasten. Plötzlich spürte sie, wie die Schritte vor ihr zum Stillstand kamen.  ,,Ist dies hier die Dienerin, von der Ihr mir berichtet habt, Graf Lugnics?’’ Die Stimme des Prinzen war klar, durchdringend und trug eine unausgesprochene Autorität in sich. Filia zuckte zusammen. Warum hatte der Graf dem Prinzen von ihr erzählt? Was wollte ein Mitglied der Kaiserfamilie von ihr? ,,Genau, mein Prinz. Das ist die fähige Dienerin, die meinen Sohn großgezogen und betreut hat. Sie kann lesen und schreiben, arbeitet unermüdlich und beherrscht die Etikette des Hofes. Ihr werdet mit ihr nicht enttäuscht sein.’’ Der Stolz des Grafen war in seinen Worten unüberhörbar, doch Filia fühlte, wie die Unsicherheit sie zu erdrücken drohte. - ------------------------------------------------------------------------- Filia schwitzte vor Angst und Nervosität. Ihre Hände lagen steif in ihrem Schoß, und ihr Blick war starr auf ihre Füße gerichtet, als hätte sie Angst, dass jede Bewegung unangenehme Aufmerksamkeit auf sie ziehen könnte. Sie wagte es kaum zu atmen, während die Kutsche sanft über den gepflasterten Weg rollte. Sie saß in der opulent ausgestatteten Kutsche des Prinzen Eugenius, unterwegs zur Kaiserstadt. Die schweren Vorhänge, die das Innere der Kutsche vom hellen Licht der Außenwelt abschirmten, verstärkten das Gefühl der Enge, das sie erdrückte. Die luxuriösen Polster und Verzierungen, die für den Prinzen selbstverständlich waren, fühlten sich für Filia wie Requisiten einer fremden Welt an. Er hatte sie einfach mitgenommen. Ohne Vorwarnung, ohne Vorbereitung. Sie hatte nicht einmal die Möglichkeit gehabt, ihre wenigen Besitztümer einzupacken. ,,Du kriegst alles, was du brauchst, lass deine Sachen hier.’’ Das waren die Worte, die der Prinz gesagt hatte, bevor sein Leibdiener sie wortlos in die Kutsche gebracht hatte. Nun saß sie alleine mit ihm, dem dritten Enkel des Kaisers, in dieser geschlossenen, fast unwirklich anmutenden Welt. Sie fühlte sich klein und machtlos, als ob jeder ihrer Atemzüge zu laut sein könnte. ,,Nur nichts Falsches sagen, keine falsche Bewegung machen’’ , flüsterte sie in Gedanken zu sich selbst, während sie ihren Kopf noch tiefer neigte, um seinem Blick auszuweichen.  ,,Du brauchst nicht so angespannt sein, ich tue dir nichts.’’ Die Stimme des Prinzen war ruhig, fast sanft, doch für Filia war sie nicht beruhigend. Jedes seiner Worte schien von einem unausgesprochenen Befehl getragen zu sein, von der Autorität eines Mannes, der es gewohnt war, über das Leben anderer zu bestimmen. ,,Ich war seit einiger Zeit auf der Suche nach einer Bediensteten, die in meinem Abschnitt des Kaiserpalasts arbeitet. Ich vertraue nicht vielen Menschen, deswegen wollte ich eine aussuchen, die keine direkte Verbindungen zu den hohen Familien der Kaiserstadt hat.’’ All seine Worte klangen fast beiläufig, doch Filia konnte das Gewicht hinter ihnen spüren. Er sprach weiter, seine Stimme unverändert weich, aber für Filia war sie wie das leise Knirschen von Zahnrädern, die sich in einer präzisen Maschinerie bewegten. ,,Ich bin mir sicher, dass du deine Aufgaben gut erledigen wirst. Es wird dir an nichts fehlen und dich wird niemals jemand anfassen.’’ Filia nickte langsam, ihre Kehle war wie zugeschnürt. Sie wagte es nicht, ihn anzusehen, während sie die Worte in sich aufnahm. Es war das zweite Mal in ihrem Leben, dass ihr ein neuer Lebensabschnitt aufgezwungen wurde. Das erste Mal hatte sie die Straßen der Kaiserstadt hinter sich gelassen und war Dienerin im Anwesen des Grafen Lugnics geworden. Und jetzt war es der Prinz selbst, der sie in diese neue Welt zog. Ihre Situation hatte sich wieder einmal verbessert – die Straßen und die Unsicherheit waren mittlerweile durch prunkvolle Korridore und garantierte Sicherheit ersetzt worden. Doch gleichzeitig waren die Ketten, die sie gefangen hielten, enger und unnachgiebiger geworden. - ------------------------------------------------------------------------- Filia hatte bereits ein Jahr im Kaiserlichen Palast gearbeitet. Die anfängliche Aufregung und die fremde Pracht waren einer bedrückenden Routine gewichen. Während sie im Anwesen des Grafen gelegentlich die Möglichkeit gehabt hatte, die Welt außerhalb zu erleben, war sie im Palast an diesen Ort gebunden. Ein unsichtbarer Käfig umgab sie, strenger und undurchdringlicher als zuvor. Der Nebenpalast des Prinzen war ihre gesamte Welt geworden. Direkt bei der Ankunft war es ihr untersagt worden, ihn zu verlassen. Jeden Tag sah sie dieselben drei Gesichter: Prinzen Eugenius, den Leibdiener Charles Winson und den Koch. Ihre Aufgaben waren eintönig, unnachgiebig in ihrer Gleichförmigkeit: die Gänge und Zimmer reinigen, dem Prinzen das Essen bringen und dem Leibdiener bei seinen Aufgaben assistieren. Die Tage verschwammen zu einem endlosen Strom aus Wiederholung. Wenn Besucher in den Nebenpalast kamen, wurde sie gezwungen, sich in ihrem Zimmer zu verstecken. Jede Bitte um Kleidung, Bücher oder etwas Besonderes musste durch Charles gehen. Ihre Isolation war vollständig, durchbrochen nur von den engen Grenzen der Pflichten, die man ihr auferlegte. Die Welt außerhalb hatte sich in der Zwischenzeit verändert. Kaiser Tavil IV war verstorben, und sein Sohn Verion war gekrönt worden. Charles hatte ihr vom Prinzenspiel erzählt, einer grausamen Idee des Kaisers, die Eugenius vom Prinzen zum Kronprinzen gemacht hatte. Doch für Filia war dies alles nur Hintergrundrauschen in ihrer eintönigen Existenz. Dann, vor zwei Tagen, war alles anders geworden. Ein neues Mädchen war in den Palast gekommen. Leyla, eine junge Frau mit auffälligen blauen Haaren, war in einem der Gästezimmer einquartiert worden. Filia hatte die Anweisung erhalten, sich um sie zu kümmern. Doch sie brauchte keine Erklärungen, um zu wissen, dass Leyla genauso gefangen war wie sie. Am ersten Abend hatte Filia sich bemüht, Leyla die Situation zu erklären. Sie hatte versucht, es ihr so leicht wie möglich zu machen, sich in dieser neuen Umgebung zurechtzufinden. Trotz ihrer Unterschiede fühlte Filia eine stille Verbundenheit mit ihr. Beide waren Gefangene, eingeschlossen in den unsichtbaren goldenen Ketten, die Eugenius ihnen auferlegt hatte. Der gestrige Abend war beunruhigend gewesen. Leyla hatte einen Anfall gehabt, und nur Filias Entscheidung, noch einmal bei ihr vorbeizusehen, hatte das Schlimmste verhindert. Sie hatte Leyla beruhigen können, doch die Angst, etwas könnte wieder geschehen, blieb in ihr zurück. Jetzt saß Filia in ihrem kleinen Zimmer und starrte aus dem Fenster auf die Kaiserstadt. Der Himmel war bedeckt, und die grauen Wolken ließen die Stadt trostlos erscheinen. Filia seufzte, ihre Gedanken drifteten zurück zu Leyla. Vielleicht war sie jetzt wieder in ihrem Zimmer, dachte sie.  Ihr Blick fiel auf die Amphore mit dem Wein, die Charles ihr kürzlich besorgt hatte. Der Gedanke kam ihr plötzlich und unerwartet: Leyla könnte ja vielleicht Gesellschaft gebrauchen. Sie nahm die Amphore in die Hand, ihre Bewegungen entschlossen. Filia wollte Leyla näherkommen. Sie wollte eine Freundschaft aufbauen, die die Einsamkeit für sie beide lindern konnte. Doch in ihrem Herzen wusste sie, dass Leyla eines Tages gehen würde. Sie würde den Palast verlassen. Und Filia? Sie würde bleiben, wieder gefangen in der Isolation, die sie zu erdrücken drohte.

  • Kapitel 51 - Alleine im Misstrauen?

    Der Kamerismus ist die vorherrschende Religion des Kaiserreichs. Er verehrt die Göttin Kamera als die allmächtige Beschützerin des ewigen Friedens und Heils. Die Lehren des Kamerismus durchdringen alle Aspekte des Lebens im Kaiserreich, von den Gesetzen bis hin zu den Traditionen der Bevölkerung. Der Glaube besagt, dass Kamera einst die Erde erschuf und sie mit Leben und Magie erfüllte. Sie formte die verschiedenen Völker, jedes mit einzigartigen Gaben, und gab ihnen spezifische Aufgaben, die im Dienst der göttlichen Ordnung stehen sollten. Die Oger, gesegnet mit enormer Körperkraft, wurden geschaffen, um die schwersten Arbeiten zu verrichten. Sie sind das Rückgrat der körperlichen Arbeit, die das Fundament der Gesellschaft bildet. Die Elfen, deren Weisheit und Schönheit als unübertroffen gelten, wurden mit der Aufgabe betraut, die Geheimnisse der Welt zu erforschen und das gesammelte Wissen weiterzugeben. Ihr Einfluss zeigt sich in der Magie und den Künsten, die das Kaiserreich prägen. Doch die Menschen, geschaffen nach dem Ideal Kameras, erhielten die höchste Ehre und die größte Verantwortung: Sie sollten über alle anderen herrschen. Nur die Menschen, so lehrt der Kamerismus, sind in der Lage, das Gleichgewicht der Welt zu wahren und alle Völker zu führen. Alle anderen Völker sollen den Menschen dienen und ihnen helfen, das Paradies, das allen Wesen nach ihrem Tod versprochen wird, auf der Erde zu verwirklichen. Diese Lehren bilden die Grundlage für die gesellschaftliche Ordnung des Kaiserreichs und begründen die dominierende Rolle der Menschen. In den Augen der kameristischen Kirche ist diese Hierarchie nicht nur gerecht, sondern gottgegeben. Der Sitz der Kameristischen Kirche befindet sich in Karintes, einer imposanten Stadt inmitten der endlosen Wüste des Ostens. Karintes ist nicht nur ein Ort des Glaubens, sondern auch ein Symbol für die Macht und den Einfluss des Kamerismus. An ihrer Spitze steht der Papst, der als religiöses Oberhaupt die Gläubigen führt und ihre spirituelle Bindung zur Göttin Kamera aufrechterhält. Dem Papst stehen drei göttliche Krieger zur Seite, die als Verkörperung der Macht Kameras gelten. Jeder von ihnen besitzt einzigartige Fähigkeiten, die sie im Dienst des Glaubens einsetzen. Die Priesterin, eine Elfe namens Garda, hat die Fähigkeit, jeden, der mit ihr spricht, zu einem treuen Anhänger der Göttin zu machen. Ihre Worte sind so überzeugend und durchdrungen von Kameras Gnade, dass sie Herzen und Geister wandeln kann. Das Schwert, eine Menschin namens Jasmin, ist eine mächtige Kriegerin. Sie kann im Kampf die göttliche Macht Kameras kanalisieren, um selbst die stärksten Feinde zu überwältigen. Ihre Stärke ist legendär, und sie gilt als der Schutzschild der Gläubigen. Der Prophet, ein Mensch namens Filu, besitzt die Gabe, in die Zukunft zu blicken. Durch diese Fähigkeit kann er Geschehnisse voraussehen und die Gegenwart so lenken, dass das göttliche Ziel erreicht wird. Seine Visionen sind sowohl ein Segen als auch eine Bürde, denn er trägt die Verantwortung, die Botschaften der Göttin zu deuten. Zusammen bilden diese drei Krieger die unerschütterlichen Säulen des Kamerismus. Sie sind nicht nur Verteidiger des Glaubens, sondern auch ein lebendiger Beweis für die Macht und Gegenwart der Göttin Kamera. -------------------------------------------------------------------------- Erschöpft zog Leyla das schwarze Kleid von ihren Schultern, das ihr wie eine zweite Haut vorgekommen war. Sie legte es vorsichtig zur Seite, griff nach dem blauen Buch, ,,Die Reisen des Gheng Chu ’’ , und ließ sich auf das weiche Bett fallen. Ihre Augen wanderten träge durch den Raum, über das gedämpfte Licht, das die Wände streifte, und schließlich hinaus zum Fenster. Dort draußen spannte sich ein dunkelgrauer Himmel über die Kaiserstadt, mit Wolken, die, schwer wie ihre Gedanken, über den Frühlingshimmel krochen. ,,Wer dieser Bekannte vom Prinzen wohl sein wird..?’’ murmelte Leyla leise und ließ die Worte wie eine Feder durch den Raum gleiten. Sie schloss die Augen, und eine vage Vorstellung formte sich vor ihrem inneren Blick. Ein alter Magier vielleicht, mit strengem Blick und scharfen Worten, der sie bei ihren Übungen überwachte. Plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke. Ihr Atem stockte. ,,Warte’’, flüsterte sie, ,,vielleicht kann ich dann fliehen. Wenn ich die Handschellen nicht mehr anhabe, kann ich meine Magie wirken.’’ Hoffnung flackerte wie eine kleine Flamme in ihrem Inneren auf. In ihrem Kopf malte sie sich eine Flucht aus, wild und dramatisch: Die Wände des Palastes bebten unter ihrer Magie, während sie triumphierend auf einer mächtigen Steinwelle davonritt, zurück nach Malyl. Ein Grinsen stahl sich auf ihre Lippen, doch es war flüchtig, und sie öffnete ihre Augen wieder. Der Traum war zu schön, um wahr zu sein. Selbst wenn sie die Kräfte des Steins kontrollieren könnte, war die Realität unerbittlich. Die Kaiserstadt war voller Personen, die viel mächtiger waren als sie. Eine Flucht würde sie nur von einer Gefangenen zu einer Gejagten machen. ,,Leyla, wie war das Treffen mit Kronprinz Eugenius?’’ Filias Stimme riss sie aus ihren Gedanken wie ein plötzlicher Windstoß, der eine Kerze ausbläst. Leyla fuhr zusammen und richtete sich hastig auf. In der Tür stand Filia, ihr Gesicht von einem warmen Lächeln erhellt. In ihrer Hand hielt sie eine elegante Glasamphore mit einem tiefroten Getränk, das wie flüssiges Feuer im Licht schimmerte. Misstrauen durchzog Leylas Gedanken wie ein dunkler Schatten.  ,,Ich muss aufpassen. Filia hat dem Kronprinzen von mir berichtet. Alles, was ich sage oder tue, könnte an ihn weitergeleitet werden.’’ ,,Es war gut, er ist ein netter Mann’’, antwortete Leyla, ihre Worte knapp und vorsichtig gewählt. Sie sah, wie Filias Augenbraue sich leicht hob, eine Spur von Zweifel in ihrem Blick, doch sie schwieg. Filia ließ sich davon jedoch nicht aus der Ruhe bringen. Mit der linken Hand hob sie das Gefäß leicht in die Höhe, ihr Lächeln blieb freundlich. ,,Ich habe uns etwas Wein besorgt, hast du Lust, dich etwas zu unterhalten?’’ Leyla musterte die Dienerin für einen langen Moment. ,,Ist das eine Falle?’’ Seit dem Gespräch mit Eugenius war der Argwohn in ihr gewachsen, und er baute sich wie eine unsichtbare Mauer zwischen ihr und Filia auf. Sie fühlte sich noch nicht in der Lage, diese Mauer zu durchbrechen. ,,Nein, danke.’’ Die Worte kamen schärfer heraus, als Leyla beabsichtigt hatte. Ein stechendes Gefühl der Schuld durchzuckte sie. Filia zog ihren Kopf leicht zurück, das Lächeln auf ihrem Gesicht wurde schmaler. ,,Ist etwas vorgefallen Leyla? Du wirkst distanzierter als heute Morgen.’’  -------------------------------------------------------------------------- Die Worte platzten einfach aus Leyla heraus, bevor sie sie zurückhalten konnte: ,,Du hast dem Kronprinzen davon erzählt, wie es mir gestern ging. Was hast du ihm noch alles erzählt?’’ Ihre Stimme war nicht laut, aber der Vorwurf darin war unüberhörbar. Sie hatte nicht vor, Filia schlecht zu behandeln, doch das Misstrauen nagte an ihr und ließ ihr keine Wahl. Filia schien für einen Moment überrascht, doch sie fing sich schnell wieder. Ihre Haltung blieb ruhig und gelassen, als sie antwortete: ,,Ich verstehe, wieso du das denkst. Meine Aufgabe ist es, mich um dein Wohlbefinden zu kümmern. Ich habe ihm nur erzählt, dass es dir nicht so gut ging, allerdings keine Details.’’ Ihre Worte waren sanft, und ihr Blick spiegelte Verständnis wider. Filia lächelte, doch Leyla konnte sich nicht entspannen. Sie musterte Filias Gesicht, suchte nach Anzeichen für eine Lüge oder einen versteckten Hintergedanken. Doch alles, was sie sah, war Aufrichtigkeit – oder war es nur gut gespielte Höflichkeit? Leyla kämpfte innerlich mit sich selbst. Sie wollte Filia vertrauen, wollte eine Freundin haben, auf die sie sich verlassen konnte. Doch das Misstrauen, das das Gespräch mit dem Kronprinzen in ihr geweckt hatte, ließ sie zögern. Seit der Trennung von Roxy und Liam, seit Fers Tod, fühlte sie sich einsam wie nie zuvor. ,,Und du erzählst nichts von unseren Gesprächen?’’ fragte Leyla schließlich, ihre Stimme vorsichtig, fast zaghaft. ,,Nein, die bleiben unter uns, versprochen.’’ Filia legte eine warme Hand auf Leylas Schulter und begann sie sanft zu streicheln. Die Geste war beruhigend, und Leyla spürte, wie ein Kloß in ihrem Hals aufstieg. Ohne Vorwarnung schossen ihr Tränen in die Augen. Bevor sie reagieren konnte, hatte Filia sie bereits in eine feste Umarmung gezogen. Leyla fühlte die Wärme und Weichheit von Filias Brust, die sie an das Gefühl erinnerte, das sie zuletzt in Liams Nähe empfunden hatte. In diesem Moment fühlte sie sich sicher, ein Gefühl, das ihr seit Tagen fremd geworden war. Die Umarmung schien ewig anzuhalten, doch schließlich löste sich Filia sanft von ihr und setzte sich auf einen Stuhl. Mit ruhigen Bewegungen begann sie, den Wein in zwei Gläser zu füllen. Sie reichte Leyla eines davon und nahm selbst einen Schluck. Der Wein war tiefrot und hatte ein sanftes Aroma, das Leyla an die Spätsommerabende in Malyl erinnerte. ,,Möchtest du, dass ich dir von mir erzähle? Vielleicht kannst du mir dann mehr vertrauen.’’ Leyla zögerte nur kurz, bevor sie nickte. Sie nahm einen Schluck Wein und stellte überrascht fest, wie gut er schmeckte. Viel besser als die Weine, die sie in den Tavernen getrunken hatte. Filias Lächeln wurde breiter, als sie Leylas Reaktion bemerkte. Sie stellte ihr Glas auf den Nachttisch und lehnte sich leicht zurück. Dann begann sie zu erzählen, ihre Stimme ruhig und warm, wie das Knistern eines Feuers an einem kalten Abend.

  • Kapitel 50 - Kronprinz Eugenius

    Die Kaiserfamilie Algavia gehört zu den ältesten und ehrwürdigsten Familien des Menschengeschlechts. Ihre Geschichte reicht weit in die Vergangenheit zurück, und die erste bekannte Erwähnung ihrer Existenz findet sich in einer Inschrift auf den Steintafeln eines alten Tempels nördlich des heutigen Vallykas. Dieser Tempel, der der Göttin Kamera gewidmet ist, gilt als einer der heiligen Orte des Kontinents. Die Macht und der Einfluss der Algavia gründen sich auf zwei außergewöhnliche Stärken, die sie von allen anderen Familien abheben und ihnen ihre einzigartige Position sichern. Die erste Stärke ist ihre Verbindung zur Zeitmagie. Die Algavia sind die einzige Familie unter den Menschen, deren Blutlinie die Fähigkeit zur Kontrolle der Zeit verleiht. Diese Gabe variiert in ihrer Ausprägung stark von Mitglied zu Mitglied.  Einige Kaiser konnten die Zeit für alles Lebendige anhalten oder sogar für kurze Momente zurückspulen. Andere hingegen beherrschten nur einfache Manipulationen, wie das Einfrieren kleiner Objekte in der Zeit. Dennoch bleibt diese Gabe eine unvergleichliche Waffe und ein Symbol der göttlichen Autorität der Algavia. Die zweite Stärke ist eine Verbündete von unvorstellbarer Macht: Yang. Sie gehört dem sagenumwobenen Volk der Wacal an, einer Rasse, die für ihre enorme Lebensspanne und ihre außergewöhnlichen magischen Fähigkeiten bekannt ist. Yang ist nicht nur die stärkste Kriegerin des Kaiserreichs, sondern sie dient der Kaiserfamilie seit über 1500 Jahren als Beschützerin und Beraterin.  Ihre Loyalität zu den Algavia ist unerschütterlich, doch die Gründe für ihre Verbundenheit bleiben ein Geheimnis. Viele Gelehrte und Adlige haben über die Natur dieser Beziehung spekuliert, doch weder die Kaiserfamilie noch Yang selbst haben dazu je Stellung genommen. Ihre schiere Präsenz und ihre Fähigkeiten machen sie zu einer lebenden Legende im Kaiserreich.  Es waren die Algavia, die einst die zersplitterten Menschenkönigreiche unter ihrer Herrschaft vereinten und sie zu einem Kaiserreich formten. In den dunklen Tagen des Großen Krieges führten sie ihre Truppen mit unerschütterlicher Entschlossenheit und gewannen die Kontrolle über den gesamten Kontinent.  Die Kaiserkrone, die sie seither tragen, ist mehr als ein Symbol ihrer Macht – sie ist ein Beweis für ihre göttliche Berufung und ihre unvergleichliche Herrschaft über die Menschen. - ------------------------------------------------------------------------- Eugenius Algavia wurde als dritter Sohn von Verion Algavia geboren. Als Enkel von Kaiser Tavil IV war er von Geburt an Teil der mächtigsten Familie des Kaiserreichs. In seiner Jugend genoss er den Schutz und die Fürsorge, die nur einem Nachkommen des Kaisers zuteilwerden konnten.  Doch trotz des Luxus seines Lebens war Eugenius schon immer ein Kind, das seine Umgebung aufmerksam beobachtete und sich mit einem ungewöhnlich scharfen Verstand von seinen Geschwistern unterschied. Im Alter von sieben Jahren begann er eine Ausbildung in der kaiserlichen Privatakademie. Schon bald wurde deutlich, dass Eugenius kein Talent für Magie oder den Schwertkampf hatte.  Während seine Brüder sich in der Kunst der Kriegführung übten, entfalteten sich seine Stärken in ganz anderen Bereichen. Verwaltung, Diplomatie und Politik fielen ihm leicht, und seine Lehrer erkannten schnell, dass er ein außergewöhnliches Gespür für strategisches Denken besaß. Sein Vater, Verion Algavia, erkannte dieses Potenzial und traf eine ungewöhnliche Entscheidung. Anstatt Eugenius wie die anderen Prinzen in der Hauptstadt auszubilden, schickte er ihn an verschiedene Akademien im gesamten Kaiserreich. Diese Reisen ermöglichten es Eugenius, nicht nur von den besten Lehrern zu lernen, sondern auch das Reich und seine Menschen aus nächster Nähe kennenzulernen. Diese Zeit prägte ihn. Während andere Prinzen die Theorie in den Hallen der Kaiserstadt studierten, bereiste Eugenius abgelegene Dörfer, lernte regionale Dialekte und sah die Realitäten des Lebens außerhalb des Hofes. Er verstand die Nöte und Hoffnungen der einfachen Leute besser als seine Brüder, die das Kaiserreich nur durch Berichte und Karten kannten. Im Alter von zweiundzwanzig Jahren kehrte Eugenius schließlich in die Kaiserstadt zurück. Inzwischen war er ein Mann geworden, gereift durch seine Erfahrungen und entschlossen, seinen Platz in der Politik zu finden. Er hatte sich bereits entschieden: Sein Ziel war es, in die Verwaltung einzusteigen. Der Schatzmeister des Kaiserlichen Rats zu werden war sein erklärtes Ziel. Dort glaubte er, könnte er nicht nur seine Talente einsetzen, sondern auch langfristig das Kaiserreich stärken. Doch sein sorgfältig geplanter Weg wurde durch eine einzige Entscheidung seines Vaters zerstört. Verion Algavia, nun Kaiser, rief das sogenannte Prinzenspiel aus. Dieses Spiel zwang alle Prinzen, um den Thron zu kämpfen, und das Ausscheiden bedeutete nicht nur den Verlust aller Titel, sondern auch die Verbannung aus dem Kaiserreich.  Eugenius hätte kein Problem damit gehabt, wenn einer seiner Brüder zum Kronprinzen ernannt worden wäre. Er war sogar bereit gewesen, sie in ihrer Rolle zu unterstützen, solange er seinen Platz in der Verwaltung finden konnte. Doch die Gefahr, alles zu verlieren und ins Exil geschickt zu werden, war etwas, das er nicht ignorieren konnte. Es war diese Entscheidung seines Vaters, die Eugenius veränderte. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er den Druck, mit allen Mitteln kämpfen zu müssen. Er erkannte, dass es keine Kompromisse mehr gab – wenn er überleben wollte, musste er den Thron besteigen. Und so begann er, mit ruhigem Kalkül und unnachgiebigem Ehrgeiz seinen Weg zu planen. Der Prinz, der einst nur ein Diener des Kaiserreichs sein wollte, machte sich bereit, dessen Herrscher zu werden. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla trat durch die Tür in den Raum. Das Zimmer war großzügig und elegant eingerichtet. Der Boden war bedeckt mit einem großen Teppich, der in lebhaften Farben das Bild eines majestätischen Adlers darstellte. Lange Bücherregale, gefüllt mit prächtig gebundenen Werken, säumten die Wände und verliehen dem Raum die Atmosphäre einer Gelehrtenbibliothek. Zwei goldene Kronleuchter erhellten den Raum mit einem warmen, einladenden Licht. Am Ende des Raumes befand sich ein großes Fenster, das den Blick auf die Kaiserstadt freigab. Das Zimmer hatte etwas Beruhigendes, doch Leyla konnte die Anspannung nicht abschütteln. Es wirkte mehr wie eine Inszenierung von Macht und Wissen als ein tatsächlicher Rückzugsort. In der Mitte des Raumes stand ein massiver Holztisch, auf dem Bücher, Schriftrollen und ein Tintenfass verstreut lagen. Der Kronprinz saß dahinter, seine Haltung entspannt, als gehöre ihm die Welt. Sein prunkvolles blaues Gewand schimmerte im Licht der Kronleuchter, und seine langen, goldenen Haare fielen wie ein glänzender Wasserfall über seine Schultern. Leyla neigte hastig ihren Kopf und verbeugte sich tief. Ihre Stimme war fest, doch sie konnte den Anflug von Unsicherheit nicht verbergen, der sich in ihre Haltung einschlich. ,,Ihr habt mich gerufen, Eure Hoheit?’’ Ihre Hände waren feucht vor Nervosität, während sie versuchte, sich aufrecht zu halten. Der Kronprinz musterte sie mit einem ruhigen, durchdringenden Blick, bevor er das Buch in seiner Hand langsam zuklappte und es bedächtig auf den Tisch legte. ,,Erhebe dein Haupt und setze dich zu mir. Ich würde mich gerne mit dir unterhalten.’’ Leyla zögerte, bevor sie den freien Stuhl vor dem Tisch nahm. Der Stuhl war zwar schlicht, aber komfortabel, und sie konnte nicht anders, als ihn mit den unbequemen Holzmöbeln der Tavernen zu vergleichen, in denen sie einst Zuflucht gefunden hatte. ,,Du fragst dich sicher, warum du als Gast hier festgehalten wirst.’’ Seine Stimme war ruhig, fast einladend, doch Leyla spürte den unausgesprochenen Druck, der in jedem seiner Worte lag. ,,Das hat einen guten Grund. Eine Freundin von mir, Lady Lacroix, hat mir von der Kraft, die du freigesetzt hast, erzählt. Ich würde diese gerne erforschen und…’’  Er hielt inne, als habe er sich verplappert. Dann fuhr er in einem anderen Ton fort: ,,Möchtest du Tee?’’ Leyla nickte zögerlich, ihre Gedanken rasten. Wäre sie nur ein weiteres Experiment für den Adel? Würde er sie wie ein Werkzeug behandeln, um seine eigenen Ziele zu erreichen? Sie ahnte die Antworten bereits. Der Prinz schenkte ihr Tee ein und räusperte sich leise, bevor er fortfuhr. ,,Wo war ich stehen geblieben? Ach ja. Ich will deine Kraft erforschen und sie entwickeln. Ich glaube du hast ein großes Potenzial und du könntest dem Kaiserreich damit helfen.’’ - ------------------------------------------------------------------------- Leylas Magen zog sich zusammen. Der Gedanke, das Kaiserreich zu unterstützen, widerstrebte ihr. Diese Kraft war nicht ihre eigene und sie wollte sie nicht für den Adel nutzen. ,,Nächste Woche wird ein guter Bekannter von mir dich besuchen und sich deiner Kraft annehmen.’’ Seine Worte klangen wie eine Anweisung, nicht wie ein Angebot. ,,Bis dahin erwarte ich, dass du dich ausruhst.’’ Alles ging zu schnell. Leyla fühlte sich überrannt, als sei sie ein Bauer auf einem Spielbrett, der von einer unsichtbaren Hand gezogen wurde. Sie wusste, dass der Adel gewohnt war, über das Leben anderer zu verfügen, doch es zu erleben, war etwas ganz anderes. ,,Ich habe mit Filia gesprochen. Sie hat erzählt, dass es dir gestern nicht gut ging.’’ Sein Tonfall war plötzlich weich, fast besorgt. ,,Wenn du etwas brauchst oder dir etwas fehlt, dann sag es ihr. Dir darf es an nichts fehlen.’’ Sein Lächeln war freundlich. Sie nahm einen Schluck Tee, während ihre Gedanken rasten. ,,Kann ich ihm vertrauen? Er ist ganz anders als ich mir Prinzen vorgestellt habe.’’ Der Prinz wartete, sein Blick fest auf sie gerichtet. Leyla wusste, dass sie etwas sagen musste, doch ihre Gedanken wirbelten in ihrem Kopf wie ein Sturm umher. Schließlich öffnete sie den Mund: ,,Ähm, Eure Hoheit?’’ ,,Ja, Miss Leyla?’’ Seine Stimme blieb geduldig. ,,Ich würde gerne wissen, wie es meinen Freunden geht. Wisst Ihr etwas darüber?’’ Ihre Stimme zitterte leicht, und sie biss sich auf die Unterlippe. Der Kronprinz zeigte keine Reaktion, als er antwortete: ,,Mir ist nichts zu deinen Freunden bekannt. Lady Lacroix hat niemanden erwähnt.’’ Leylas Herz krampfte sich zusammen. Sie wollte nichts mehr, als zu Roxy und Liam zurückzukehren. Doch dieser Weg schien immer weiter in die Ferne zu rücken. Der Schmerz musste ihr ins Gesicht geschrieben stehen, denn der Kronprinz ließ seine freundliche Maske kurz sinken. ,,Am besten vergisst du deine Freunde.’’ Seine Stimme wurde kühler, während seine Worte wie Dolche stachen. ,,Du bist jetzt hier, in meinem Besitz. Je schneller du dich damit abfindest, desto besser.’’ Leyla spürte, wie ihre Wut aufflammte, doch sie hielt sie zurück. Seine Worte brannten sich in ihren Verstand und hinterließen Wunden in ihrem Herzen. ,,Ich wusste es. Er ist ein Adliger, natürlich kann ich ihm nicht vertrauen. Filia genauso wenig. Alles was ich ihr erzähle, wird an ihn weitergegeben. Ich muss mich auf mich selbst verlassen.’’ Mit äußerster Beherrschung zwang sie sich, höflich zu bleiben. ,,Ich bin erschöpft. Erlaubt Eure Hoheit, dass ich mich auf mein Zimmer begebe?’’ Der Kronprinz nickte, sein Lächeln kehrte zurück, als sei nichts geschehen. ,,Natürlich. Charles wird dich zurückbegleiten.’’

  • Kapitel 48 - Im goldenen Käfig

    [???] ,,Guten Morgen, Miss Leyla, konnten Sie gut schlafen?’’ Verschlafen rieb sich Leyla ihre Augen, während die sanfte Stimme der Dienerin sie in die Realität zurückholte. Es war mittlerweile drei Wochen her, dass sie gegen Bournadette gekämpft hatte. Der Gedanke daran ließ ihren Magen sich zusammenziehen. Die Kopfgeldjägerin hatte sie in die Kaiserstadt gebracht, das wusste Leyla noch. Doch die Zeit während der Fahrt war hinter einem Schleier. Sie erinnerte sich daran, erst am Vorabend in diesem Zimmer erwacht zu sein. Das Zimmer war makellos eingerichtet: ein großes, weiches Bett mit einem schwarzen Bettbezug, ein Schreibtisch mit ordentlich gestapeltem Papier, ein Bücherregal, das mit einer beeindruckenden Auswahl an Büchern gefüllt war, und ein massiver Kleiderschrank aus dunklem Holz. Doch trotz der Pracht fühlte es sich für Leyla wie eine Zelle an. ,,Es ist ein Gefängnis, nicht mehr und nicht weniger’’ , dachte sie und spürte die kalte Realität, die von den Wänden widerhallte. Ihr gegenüber stand Filia, eine zierliche Frau mit höflicher Haltung, die ihr erklärt hatte, dass sie als Gast in diesem Teil des Kaiserpalastes untergebracht sei. Sie war eine Bedienstete des Kronprinzen, dem dieser Teil des Kaiserpalastes gehörte. Sie schien freundlich, doch in Leylas Augen war sie nur eine Überwacherin. In den nächsten Tagen, so hatte Filia gesagt, würde sie Besuch bekommen. Bis dahin sollte sie sich ausruhen. Doch Leyla konnte keine Ruhe finden. Ihre Gedanken wanderten immer wieder zu dem, was geschehen war. Ihre Hand glitt unbewusst zu ihrem Finger, wo die feinen Linien des Tattoos leuchteten. Sie betrachtete die braunen Muster, die wie ein ewiges Mahnmal in ihre Haut gezeichnet waren. Der Stein, den sie berührt hatte – was auch immer er war – hatte ihr gewaltige Kräfte verliehen, doch jetzt schien alles verschwunden. ,,Sind die Armreife schuld?’’  fragte sie sich und ließ ihren Blick auf den beiden goldenen Reifen an ihren Handgelenken ruhen. Sie schienen harmlos, doch Leyla wusste es besser. Fer hatte ihr einst von magieunterdrückenden Handschellen erzählt. Ihre Gedanken wurden von einem dunklen Schatten durchzogen, der sie an ihre Freunde erinnerte. Fer. Sie spürte ein Stechen in ihrer Brust. Er war tot, das hatte sie begriffen, doch das Gewicht der Wahrheit lastete schwer auf ihrer Seele. Sie schloss die Augen, und vor ihrem inneren Blick tauchten die letzten Momente des Kampfes auf: Schmerz, Dunkelheit, die seltsamen Kerzen. Was war geschehen? Es fühlte sich an, als ob ein wichtiger Teil fehlte – ein Puzzlestück, das alles erklären würde. Dann dachte sie an Roxy und Liam. ,,Was ist mit ihnen passiert? Geht es ihnen gut? Ich hoffe, ich habe sie nicht getötet…’’ Der Gedanke jagte ihr einen kalten Schauer über den Rücken und Übelkeit stieg in ihr auf. Die Vorstellung, dass sie selbst für den Tod ihrer Freunde verantwortlich sein könnte, war unerträglich. ,,Miss Leyla?’’ Filias Stimme schnitt durch Leylas Gedanken wie ein Messer. Leyla schüttelte den Kopf, um die Schatten abzuschütteln, und richtete ihren Blick auf die Dienerin, die mit geduldiger Miene wartete. ,,Ja, danke Filia. Ich habe gut geschlafen.’’ Ihre Worte klangen mechanisch, doch sie reichten aus, um die Dienerin zufriedenzustellen. Mit langsamen Bewegungen stand Leyla auf und zog sich an. Ihre Kleidung fühlte sich schwer an, wie eine zusätzliche Last auf ihren Schultern. Ihr Blick glitt zum Bücherregal. Sie würde die Zeit, die sie hier verbringen musste, nutzen. Diese Bücher könnten Antworten enthalten – über die Kaiserstadt, über Bournadette, über alles, was hier geschah. Und sobald sich eine Gelegenheit bot, würde sie fliehen. -------------------------------------------------------------------------- Ein goldenes Omelett, flankiert von einer dicken Scheibe Brot und einem Stück Fleisch – vielleicht Ente oder etwas Ähnliches? Leyla betrachtete das Frühstück, das vor ihr auf dem Tisch stand. Das Omelett schimmerte appetitlich im Licht, und der Duft des frisch gebackenen Brotes stieg ihr in die Nase. Langsam begann sie zu essen. Der Geschmack war besser, als sie erwartet hatte, und sie spürte, wie sich ihre Laune leicht hob. Sie hatte erkannt, dass sie schon längst tot wäre, wenn die, die sie gefangen hielten, das gewollt hätten. Vergiftetes Essen konnte sie daher ausschließen – zumindest für den Moment. Bedächtig aß sie weiter, genoss jeden Bissen des Omeletts und des Brotes, aber das Fleisch ließ sie unberührt. Der Gedanke daran ließ sie innehalten. Sie hatte noch nie Tiere gegessen, und heute würde sie sicher nicht damit anfangen. Außerdem war sie bereits satt. ,,Mögt Ihr das Fleisch nicht? Ich kann etwas anderes zubereiten, wenn Ihr das wollt, Miss Leyla.’’ Filias Stimme war höflich und weich, ohne einen Hauch von Verärgerung. Die Dienerin stand mit einer anmutigen Haltung neben dem Tisch und blickte Leyla erwartungsvoll an. Leyla schüttelte den Kopf. ,,Nein danke, ich esse einfach kein Fleisch. Aber ich bin schon satt. Es war genug.’’ Filia nickte verstehend, ihre Miene blieb neutral. Mit geübten Bewegungen nahm sie den Teller und verließ das Zimmer mit einer leichten Verbeugung, die fast zu höflich für die Situation wirkte. ,,Warum werde ich so behandelt?’’  Leyla starrte auf die Tür, durch die Filia verschwunden war, und spürte, wie die Frage sich wie ein Echo in ihrem Kopf wiederholte. Auf der einen Seite war sie eingesperrt, ihre Magie war versiegelt, und sie war eine Gefangene – das war offensichtlich. Doch auf der anderen Seite erhielt sie gute Nahrung, ein komfortables Zimmer und Bücher, als ob sie eine geschätzte Besucherin wäre. Es war eine seltsame Mischung aus Kontrolle und Wohlwollen, die sie nicht einordnen konnte. Sie ließ ihren Blick über die Titel der Bücher streifen. Das Regal war mit verschiedensten Büchern mit wunderschön angefertigten Einbänden gefüllt, und ihre Finger glitten über die Buchrücken, während sie die Titel las. ,,Die Lehren des Parenski-Bürgerkriegs’’ fiel ihr ins Auge. Es schien ein Buch über einen längst vergangenen Konflikt zu sein, der vor über siebenhundert Jahren stattgefunden hatte. Es klang bedeutend, doch es war nicht das, was Leyla jetzt suchte. Ihre Finger wanderten weiter, bis sie auf ein Werk stieß, das ihr Interesse weckte:  ,,Aufbau und Struktur des Kaiserreichs’’. Der Titel klang vielversprechend. Leyla wusste erschreckend wenig über die Welt um sie herum, und dieses Buch versprach, ihr einen Einblick zu geben. Vielleicht konnte es sogar helfen, die Lücken in ihrer Vergangenheit zu füllen. Der verzierte Einband war weich, aber mit einer leichten Rauheit, die ihre Fingerspitzen kribbeln ließ. Der rote Stoff fühlte sich sowohl edel als auch vertraut an, obwohl Leyla sicher war, dieses Buch noch nie zuvor gesehen zu haben. Vorsichtig zog sie es aus dem Regal und öffnete es, ihre Augen glitten über die ersten Zeilen. Die Worte zogen sie in die Welt des Kaiserreichs, und sie begann zu lesen, hungrig nach Antworten, nach einem Verständnis von der Welt, was sie umgab. -------------------------------------------------------------------------- Politische Aufteilung des Kaiserreichs: An der Spitze des Kaiserreichs steht der Kaiser. Er ist das absolute Machtzentrum und verfügt über die uneingeschränkte Entscheidungsgewalt in allen Belangen des Reiches. Ob es sich um Fragen der Verwaltung, der Rechtsprechung oder um alltägliche Angelegenheiten handelt, seine Entscheidungen sind Gesetz. Kein Aspekt des Kaiserreichs entzieht sich seinem Einfluss. Dem Kaiser direkt unterstellt ist der Kaiserliche Rat. Dieser besteht aus zehn Mitgliedern, die ihn in seiner Herrschaft unterstützen. Der Rat dient dazu, die Aufgaben zu übernehmen, die der Kaiser nicht selbst bearbeiten möchte. Jedes Mitglied hat eine spezifische Rolle und trägt mit seinen Entscheidungen zur Verwaltung und Stabilität des Reiches bei. Der Ratsvorsitzende ist der Koordinator und Organisator des Rates. Er plant und leitet nicht nur die Sitzungen des Gremiums, sondern ist auch für besondere Ereignisse in der Kaiserstadt verantwortlich. Dazu zählen festliche Anlässe, wie die opulenten Paraden des Militärs oder die Organisation öffentlicher Gerichtsverfahren. Unter seiner Leitung wird das Leben in der Kaiserstadt orchestriert. Der Kaiserliche Minister trägt die Verantwortung für die Innenpolitik des Reiches. Er hat die Macht, neue Gesetze zu erlassen und Bauprojekte im gesamten Kaiserreich zu genehmigen. Ob es um die Errichtung von Straßen, Brücken oder neuen Magieakademien geht – der Minister bestimmt, wie sich die Infrastruktur des Landes entwickelt. Der Oberbefehlshaber ist der Anführer der Landstreitkräfte. Er ist für die Organisation und Disziplin des Heeres verantwortlich, plant militärische Strategien und sorgt für die Verteidigungsbereitschaft des Reiches. Seine Entscheidungen formen die Stärke der Armee, die das Kaiserreich schützt. Der Erste Admiral führt die Kaiserliche Flotte. Sein Einfluss reicht weit über die Meere hinaus, denn er ist nicht nur ein militärischer Führer, sondern auch ein Diplomat. In Verhandlungen mit anderen Staaten repräsentiert er das Kaiserreich und trägt so zur Stabilität der internationalen Beziehungen bei. Der Großmagier ist der höchste Magieexperte des Kaiserreichs. Seine Aufgaben umfassen die Ausbildung der Mitglieder der Kaiserfamilie und deren engsten Verbündeten in magischen Künsten. Gleichzeitig organisiert er die zahlreichen Magieakademien im Land und stellt sicher, dass die magischen Ressourcen des Kaiserreichs optimal genutzt werden. Der Schatzmeister ist der Hüter der Finanzen. Er verwaltet die Goldreserven und plant den Haushalt des Kaiserreichs. Mit der Macht, die Steuerpolitik zu bestimmen, beeinflusst er die wirtschaftliche Stabilität des Reiches und sorgt dafür, dass genug Mittel für den militärischen, magischen und infrastrukturellen Fortschritt bereitstehen. Der Tribun ist die Stimme des Volkes im Kaiserlichen Rat. Seine Aufgabe ist es, die Bedürfnisse und Sorgen der Bevölkerung in den Diskussionen des Rates zu vertreten. Er hat die wichtige Rolle, sicherzustellen, dass kein Einwohner des Kaiserreichs in den Entscheidungen vergessen wird. Die drei flexiblen Plätze im Rat bieten zusätzliche Möglichkeiten. Diese Positionen wechseln alle zwei Jahre und werden vom Ratsvorsitzenden vergeben. Sie ermöglichen es, externe Experten oder wichtige Persönlichkeiten in die Regierung einzubinden, um besondere Herausforderungen anzugehen. Jede Person, die für die Regierung arbeitet, ist an die Entscheidungen des Rates gebunden. Ob Soldaten, Beamte oder Magier – sie alle müssen den Weisungen des Rates folgen. Diese Struktur sichert, dass die Macht des Kaisers und seines Rates bis in die entlegensten Winkel des Kaiserreichs reicht. -------------------------------------------------------------------------- Erschöpft klappte Leyla das Buch zu. Die Dunkelheit hatte den Raum längst gefüllt, und nur der schwache Schein einer Öllampe beleuchtete die Ecken. Sie blickte hinauf zum einzigen Fenster, das in die Schräge des Daches eingelassen war. Der Himmel dahinter war schwarz wie Tinte, mit kaum sichtbaren Sternen, die wie vergessene Funken in der Ferne flimmerten. Das Fenster war unerreichbar hoch, ein stiller Wächter, der sie von der Außenwelt trennte. Sie wusste, dass sie sich im Kaiserpalast befand, doch wo genau? Wie hoch über der Erde? Diese Ungewissheit war wie eine unsichtbare Kette, die sich um ihre Gedanken legte. Sie hatte schon gut die Hälfte des Buches gelesen. Die Struktur des Kaiserreichs war ihr nun vertrauter, die Details geordnet und klar in ihrem Kopf. Doch die erhoffte Hilfe bei ihrer Suche nach Erinnerungen blieb aus. Die Jahre vor Migar waren immer noch ein leeres, bodenloses Schwarz. Keine Gesichter, keine Stimmen, keine Ereignisse – nur ein Abgrund von Ungewissheit. Sie fragte sich, was sie all die zwanzig Jahre getan hatte, die in ihrem Gedächtnis fehlten. Mit einem leisen Seufzen ließ sie sich rücklings aufs Bett fallen. Die weiche, schwere Decke war wie eine flüchtige Umarmung, die ihre Gedanken für einen Moment besänftigte. Ihre Gedanken wanderten zu Liam. Die Erinnerungen an sein warmes Lächeln, seine beruhigende Stimme und seinen lockeren Sprüche stachen wie Messer in ihrem Herzen. ,,Lebst du noch, Liam? Vermisst du mich genauso wie ich dich? Suchst du mich?’’  Sie spürte, wie Tränen ihre Wangen hinunterliefen, heiße Tropfen, die die Kälte in ihrem Inneren nicht vertreiben konnten. Sie wollte nichts sehnlicher, als in seinen Armen zu liegen – dort, wo sie sich sicher fühlte, wo die Welt für einen Moment wieder Sinn ergab. ,,Vielleicht kann ich Bournadette fragen…’’ Der Gedanke kam ihr plötzlich, während sie sich die Tränen abwischte. Falls sie diese Frau jemals wiedersehen würde, könnte sie vielleicht Antworten bekommen. Der Gedanke war absurd, doch sie klammerte sich daran, wie an einen Strohhalm in einem reißenden Fluss. Doch die Verzweiflung kroch bereits in ihr hoch, wie kaltes Wasser, das bis zu ihrem Hals emporstieg. Es war ein stiller, unbarmherziger Druck, der sich in ihrer Brust festsetzte und ihr den Atem raubte. Ihr Körper begann zu zittern. Die Welt um sie herum schien sich plötzlich zu drehen, als ob sie in einem Strudel gefangen wäre. ,,Was ist jetzt los? Bin ich doch vergiftet worden?’’ dachte sie panisch, während sie verzweifelt nach Luft rang. Die Angst übernahm die Kontrolle. Ihre Hände klammerten sich an die Bettdecke, doch nichts konnte die Dunkelheit in ihrem Inneren aufhalten. Panikattacken waren nichts neues für Leyla. Seit dem Tod ihrer Mutter hatten sie sie wie Schatten begleitet, unvorhersehbar und erbarmungslos. Sie hatte damals gelernt, mit ihnen umzugehen, sie zu erkennen und ihnen die Macht zu nehmen. Doch mit den verlorenen Erinnerungen war auch dieses Wissen verschwunden. Und so fühlte sie sich nun wie ein kleines Kind, hilflos, verloren in der Dunkelheit ihrer eigenen Gedanken. Der Schrei nach Hilfe blieb in ihrer Kehle stecken, und die Panik war alles, was sie spüren konnte.

  • Kapitel 47 - Das Spiel der Algavia

    Ark II - Vögel im Käfig [???] ,,Ist mein Vater da drinnen?’’ [???] ,,Ja, eure Hoheit. Er möchte Euch sehen.’’ Der Mann, gekleidet in ein prächtiges, goldenes Gewand, schritt mit festen Schritten durch die große, schwere Tür. Der Duft von Kräutern und verbrannten Ölen erfüllte den Raum, und das Licht der tief hängenden Laternen warf lange Schatten an die Wände. Er ging zum Bett, das in der Mitte des Zimmers stand, umgeben von dicken Vorhängen aus dunklem Samt. Sein Blick fiel auf seinen Vater, Kaiser Tavil IV. Der einst mächtige Herrscher lag schwach und blass auf den Kissen, sein Gesicht von tiefen Falten und Schatten gezeichnet. ,,Vater, Ihr wolltet mich sehen? Wie geht es Euch?’’ fragte Verion mit einer Mischung aus Sorge und Pflichtgefühl in seiner Stimme. Der Kaiser öffnete schwerfällig die Augen. Es war deutlich, dass jede Bewegung ihn an die Grenzen seiner Kräfte brachte. ,,Verion, mein Sohn. Ich freue mich dich zu sehen, ein letztes Mal.’’ Seine Stimme war heiser und brüchig, doch in seinen Augen lag ein Hauch von Wärme. Kronprinz Verion, der einzige Sohn und Erbe des Kaisers, kniete sich neben das Bett. Er nahm die knochige Hand seines sterbenden Vaters in seine eigene, die warm und kräftig war. ,,Ich freue mich auch, Vater. Ich habe alle—’’ ,,Das ist unwichtig’’, unterbrach ihn der Kaiser mit einem Hustenanfall, der durch den Raum hallte. ,,Hör mich zu.’’ Verion lehnte sich näher, während sein Vater nach Atem rang. ,,Du musst sicherstellen, dass unser Reich in den nächsten Jahren stabil bleibt. Er wird kommen…’’ Verion runzelte die Stirn. Seine Gedanken überschlugen sich. Mit einem kontrollierten Atemzug fragte er: ,,Wer Vater? Wer wird kommen?’’ Der Kaiser schloss für einen Moment die Augen, als ob er die Antwort suchte. Seine Lippen bewegten sich, doch kein Laut kam heraus. Schließlich murmelte er: ,,Der… Wie war sein Name noch gleich?’’ Sein Gesicht zeigte einen Ausdruck von Verwirrung. Seine Augen huschten ruhelos durch den Raum, als versuche er, einen entflohenen Gedanken einzufangen. ,,Vater, wer wird kommen?’’ drängte Verion nachdrücklich. ,,Oh, Verion, mein Sohn, du bist da. Ich habe dich gar nicht gesehen.’’ Ein schwaches Lächeln breitete sich auf dem Gesicht des Kaisers aus, doch es war leer und abwesend. Verion erwiderte es nicht. Ohne ein weiteres Wort stand er auf, strich sein Gewand glatt und verließ den Raum mit festem Schritt. Seine Bewegungen waren mechanisch, als ob er gegen eine unsichtbare Last ankämpfte. Vor der Tür wartete Jacob Dorclaude, sein persönlicher Leibdiener. Sein aufrechter Stand und die makellose Uniform ließen keine Regung erkennen. ,,War das Gespräch erfolgreich, Eure Hoheit?’’ fragte Jacob höflich, während seine Augen auf den Prinzen gerichtet blieben. Verion antwortete nicht. Ohne den Leibdiener eines Blickes zu würdigen, schritt er schnellen Schrittes an ihm vorbei, seine goldenen Roben raschelten leise im Gang. -------------------------------------------------------------------------- [???] ,,Im Namen der ewigen Göttin des Glaubens, Kamera, und im Angesicht der versammelten Fürsten, Würdenträger und dem Volk des Kaiserreichs, erhebt sich heute ein neuer Stern am Himmel unserer Geschichte.’’ Die Stimme des Mannes mit den roten Haaren hallte durch den prunkvollen Thronsaal. Der Raum war erfüllt von goldenen und silbernen Verzierungen, riesige Wandteppiche erzählten Geschichten vergangener Kaiser, und das Licht der hohen, kunstvoll gearbeiteten Kronleuchter tauchte alles in ein warmes, helles Glühen. Eine Stille voller Erwartung lag in der Luft, während alle Blicke auf die Mitte des Saals gerichtet waren. ,,Kaiser Verion III, 125. Träger der Kaiserkrone, aus dem erhabenen Hause Algavia, tritt das schwere Erbe seines Vaters, seines Vorgängers und Bruders im Glauben, Kaiser Tavil IV, an. Geleitet vom Licht seiner Mutter, der weisen Kaiserin Sylvana, und gestützt durch die Tugend und Stärke seiner edlen Gemahlin, Kaiserin Valetta Algavia, wird er das Reich mit Gerechtigkeit und Weisheit führen.’’ Die Worte fielen mit einer erhabenen Schwere, als der Mann die Kaiserkrone aus einem reich verzierten Kasten hob. Sie funkelte im Licht des Saales, ein Symbol von Macht, Pflicht und Ewigkeit. Verion kniete sich vor ihn, seine Hände zu einem Gebet gefaltet, die Augen fest geschlossen. Seine Haltung war die eines Mannes, der die Last seiner neuen Verantwortung bereits spürte. Der Mann mit den roten Haaren wartete einen Moment, ließ die Spannung wachsen, bevor er weitersprach. ,,Ihr, Kaiser Verion III, seid auserwählt, das Symbol der Zeit zu wahren, den goldenen Drachen der Stärke zu ehren und das K-Kreuz der Hoffnung und Einheit hochzuhalten. Möge Eure Herrschaft eine Ära des Friedens und des Wohlstands bringen, in der die Flamme der Tugend niemals erlischt. Die Welt möge Eure Herrschaft mit folgenden Worten preisen.’’ Er begann, die Krone langsam über den Kopf des Kaisers zu senken. Die goldenen Ketten und funkelnden Edelsteine schienen in der Luft zu schweben, während er mit feierlicher Stimme die Zeremonie fortsetzte.  ,,Die Zeit formt nur denjenigen, der mit ihr zu herrschen weiß.’’ Ein leises Raunen ging durch die Menge, gefolgt von einem andächtigen Schweigen. Der Mann schloss nun ebenfalls die Augen und sprach weiter. ,,Das goldene Feuer brennt am hellsten, wenn es das Dunkel der Zweifel durchdringt.’’ Langsam senkte er die Krone weiter, und der Moment schien sich in die Unendlichkeit zu dehnen. Die Spannung war greifbar, als würde die Welt selbst den Atem anhalten. ,,Ein Herrscher mag alleine gekrönt werden, doch er führt sein Volk in Einheit.’’ Mit diesen Worten setzte er die Krone schließlich auf den Kopf von Kaiser Verion III. Ein feines Klingen, als das Metall das Stirnband des neuen Herrschers berührte, durchbrach die Stille. Verion öffnete die Augen, seine Haltung war gerade, und ein neuer Glanz erfüllte seinen Blick, als er sich erhob und die Anwesenden musterte. ,,LANG LEBE KAISER VERION III! MÖGE SEINE HERRSCHAFT EIN SEGEN FÜR UNS ALLE SEIN!’’ schrie der Mann mit den roten Haaren, und seine Stimme brach das andächtige Schweigen. Einen Moment lang herrschte eine tiefe Stille, und dann explodierte der Thronsaal in tosendem Jubel. Stimmen erhoben sich, Hände klatschten und die Akustik des Saales trug den Lärm wie eine Welle durch den Raum. Der neue Kaiser stand da, ruhig und majestätisch, während das Kaiserreich seinen neuen Herrscher feierte. -------------------------------------------------------------------------- Kaiser Verion saß in einem prunkvollen Saal und blickte auf seine sieben Söhne, die vor ihm knieten. Heute, genau zehn Tage nach seiner Krönung, verlangte es die Tradition, dass er seinen Nachfolger – den nächsten Kronprinzen – ernennen würde. Die Atmosphäre war von Spannung durchzogen, die Luft schwer von unausgesprochenen Erwartungen. Die Prinzen sahen ihn mit gebannten Augen an, ihre Haltung ehrerbietig, aber die unterschwellige Konkurrenz war spürbar. Jeder von ihnen hatte seinen Anspruch auf die Nachfolge, jeder hoffte, die Gunst seines Vaters zu erringen. Doch Verion ließ sie warten. Er stand auf und ging zum Fenster, sein Rücken war nun den knienden Gestalten zugewandt. Draußen erstreckte sich die Kaiserstadt in all ihrer Pracht. Händler priesen ihre Waren an, Kutschen ratterten über die gepflasterten Straßen, und überall summte das Leben der Metropole. Verion blieb still, während die Gedanken an vergangene Tage ihn einholten. Die Worte seines Großvaters, Kaiser Alvanios II., hallten in seinem Kopf wider: ,,Ein Kaiser hat keinen Platz für Freude. Er muss stark sein. Disziplin und Opfer sind der Weg zur Herrschaft.’’ Verion erinnerte sich an die Härte in den Augen seines Großvaters, an die Schläge, an die Demütigungen und an die Misshandlung, die er als Kind hatte ertragen müssen. Alvanios hatte ihn gebrochen, um ihn zu formen – oder zumindest hatte er es versucht. Ein kleines, bitteres Lächeln umspielte Verions Lippen. ,,Heute’’, dachte er, ,,heute zahle ich es dir heim, Großvater.’’ Mit einem tiefen Atemzug wandte er sich von der Welt jenseits des Fensters ab und ging zurück zu seinem Sessel. Seine Schritte waren gemessen, und das leise Rascheln seiner Kleidung hallte im stillen Raum wider. Er setzte sich, sein Blick durchdringend, seine Haltung entsprechend der eines Mannes, der die absolute Kontrolle besitzt. ,,Meine Söhne’’, begann er, seine Stimme ruhig und dennoch voller Gewicht. ,,Ich habe entschieden, dass ich heute nicht nur einen, sondern sieben Kronprinzen ernennen werde.’’ Unglaube spiegelte sich in den Gesichtern der Prinzen. Die Aussicht auf sieben Kronprinzen – eine scheinbare Absurdität – ließ die Ordnung der Welt ins Wanken geraten.  Prinz Cornelius, der Zweitgeborene, war der Erste, der den Mut fand, das Schweigen zu brechen. ,,Aber Vater,’’ begann er mit einem Hauch von Unbehagen in der Stimme, ,,wie kann es mehr als einen Kronprinzen geben? Ihr wollt doch nicht, dass irgendwann mehrere Kaiser regieren, oder?’’ Sein Halbbruder, Prinz Tavil, der Sechste der Brüder, schloss sich an. Seine Worte waren direkter, fast scharf. ,,Ich stimme Cornelius zu. Es ergibt keinen Sinn, dass wir alle Kronprinzen werden. Das widerspricht der Tradition, ja sogar der Logik!’’ Ein Räuspern unterbrach die aufkommende Unruhe. Es war Prinz Eugenius, der Dritte, bekannt für seine Gelassenheit und klugen Worte. Mit ruhiger Stimme sprach er: ,,Unser Vater hat sicherlich einen Grund für diese Ankündigung. Lasst uns ihn aussprechen lassen, bevor wir urteilen.’’ Die übrigen Prinzen nickten langsam, und die Aufmerksamkeit richtete sich wieder vollständig auf Verion. Der Kaiser beobachtete sie schweigend, bevor ein kaum merkliches Lächeln seine Lippen umspielte. -------------------------------------------------------------------------- Verion lehnte sich entspannt zurück, seine Hände ruhten auf den verzierten Armlehnen seines Thronsessels. Mit einem belustigten Lächeln sprach er, als hätte er ihnen gerade ein einfaches Rätsel gestellt: ,,Ein Spiel. Ihr werdet ein Spiel spielen.’’ Die Prinzen, vor ihm kniend , blickten ihn an, ihre Gesichter eine Mischung aus Überraschung, Unglaube und wachsendem Unbehagen. Verion genoss ihre Reaktionen, ließ die Spannung für einen Moment in der Luft hängen, bevor er weitersprach: ,,Ich nenne es das Prinzenspiel. Ihr alle werdet zu Kronprinzen ernannt. Während der nächsten sechs Jahre, werdet ihr durch unterschiedliche Verdienste Punkte sammeln, die Goldkronen. Ich werde euch diese verleihen, wenn ihr mich beeindruckt oder zufriedenstellt. Zu jedem Jahrestag dieses Tages werden wir uns hier wieder versammeln, und derjenige von euch, der die wenigsten Goldkronen gesammelt hat, verliert.’’ Seine Worte hallten in dem großen Raum wider, gefolgt von einem schweigenden Entsetzen, das sich wie ein kalter Nebel über die Gruppe legte. Die Prinzen wechselten nervöse Blicke, jeder suchte in den Gesichtern der anderen nach einem Hinweis darauf, wie man reagieren sollte. Der zwölfjährige Ludwig, ein schüchterner Junge mit kindlichen Zügen und blassem Haar, war der Erste, der das Schweigen brach. ,,Und was passiert wenn man verliert?’’ Seine Stimme zitterte leicht, als er die Frage stellte. Verions Lippen verzogen sich zu einem verspielten Lächeln, doch seine Augen blieben kalt. ,,Dann werdet ihr aus dem Prinzenspiel ausgeschlossen. Ihr verliert all eure Titel und Ansprüche, und zusammen mit euren Familien werdet ihr aus dem Kaiserreich verbannt.’’ Das Entsetzen in den Gesichtern seiner Söhne wurde greifbar. Prinz Geroius, ein feuriger junger Mann mit energischer Stimme, sprang auf, seine Brust bebend vor Wut. ,,Wie bitte?’’ platzte es aus ihm heraus. ,,Das kann nicht Euer Ernst sein, oder? Das ist ein schlechter Witz, genau, nur ein schlechter Witz.’’  Sein Lachen klang leer und verzweifelt, fast wahnsinnig. Verions Blick wurde scharf wie eine Klinge. ,,Doch, das ist mein voller Ernst. Aus Gründen, die ich euch jetzt noch nicht nennen kann, ist es notwendig, auf diese Weise den Besten von euch zu bestimmen. Wenn einer von euch Probleme damit habt, könnt ihr entweder sofort aussteigen oder eure Beschwerden an Yang richten.’’ Mit einer geschmeidigen Bewegung deutete er auf die schwarze Frau, die ruhig in der Ecke des Raumes stand. Ihre Augen glitzerten wie wunderschönes Glas, ihr schlanker Körper, gehüllt in schlichte weiße Kleidung, gab einem Unwissenden keinen Hinweis auf ihre Fähigkeiten. Geroius’ Aufbrausen verstummte sofort, als er sie erblickte. Yang. Sie war die Oberste der Kaiserlichen Kopfgeldjäger und die stärkste Kriegerin des Reiches. Die Prinzen wussten, dass ihr Vater nur drei Möglichkeiten bot: das Prinzenspiel zu spielen, ins Exil zu gehen oder durch Yangs Hand zu sterben. Verion ließ seinen Blick langsam über die Gruppe gleiten. ,,Wenn es keine Einwände mehr gibt, dann könnt ihr jetzt gehen.’’ Die Prinzen zögerten, bevor sie sich schließlich tief verneigten – einige aus Respekt vor ihrem Vater, andere aus Angst vor Yang. Ohne ein weiteres Wort verließen sie den Raum, ihre Schritte hallten in der drückenden Stille wider. Verion lächelte und mit leiser, aber fester Stimme flüsterte er, als spräche er zu einer unsichtbaren Präsenz: ,,Ich hoffe, damit kann ich das Reich schützen, Vater.’’

  • Kapitel 44 - Eine Schatzkammer voller Gold

    Leyla stieg die kühlen, steinernen Stufen des Tempels hinab. Ihre Schritte hallten durch die Dunkelheit, das leise Echo ihrer Bewegungen klang wie das Flüstern vergessener Stimmen. Mit jeder Stufe schien die Luft dichter zu werden, erfüllt von einem seltsamen, erdigen Geruch und einem Hauch von Feuchtigkeit, der ihre Haut prickeln ließ. Tiefer und tiefer drang sie in die alten Räume vor, die seit Jahrhunderten kein Licht mehr gesehen hatten. Plötzlich zischte es – Pfeile schossen aus den Wänden, flogen wie tödliche Schatten durch die Luft. Leyla duckte sich blitzschnell, ihr Herz raste, während sie spürte, wie die Luft um sie herum von den Geschossen zerschnitten wurde. Sie sprang über einen breiten Graben, in dem glühende Lava träge vor sich hinblubberte, die Hitze schlug ihr ins Gesicht und ließ ihre Kehle trocken werden. Ihre Reise wurde von Kämpfen unterbrochen. Stahlbären, deren schimmernde Panzer wie lebendiges Metall wirkten, stürmten auf sie zu. Arach, riesige spinnenartige Kreaturen mit pechschwarzen Augen und klackernden Kiefern, lauerten in den Schatten. Und dann, der Drache – seine mächtigen Schwingen füllten die Kammer, seine glühenden Augen fixierten sie, bevor sie in einem Sturm aus Zähnen und Klauen um ihr Leben kämpfte. Blut, Schweiß und Erschöpfung trugen sie schließlich in den letzten Raum. Hier wartete eine letzte Prüfung. Ein Golem aus weißem Stein erhob sich, fast so groß wie die Decke selbst. In seiner Hand hielt er ein Schwert, dessen Klinge im flackernden Licht zu glühen schien. Mit einem Schrei ließ Leyla eine Erdsäule unter sich hervorschießen, katapultierte sich in die Höhe und führte mit aller Kraft einen tödlichen Schlag gegen den Golem aus. Seine steinernen Glieder zerbrachen mit einem donnernden Knall, als sie auf dem Boden aufschlugen. Erschöpft und blutverschmiert trat sie in den letzten Raum. Der Anblick raubte ihr den Atem: Regale voller Bücher, die Geschichten längst vergessener Zeiten erzählten. Artefakte, die in jedem Museum der Welt einen Ehrenplatz gefunden hätten. Goldmünzen, die in dem Flammenlicht glitzerten, als wollten sie ihr versprechen, dass ihr Kampf nicht umsonst gewesen war. Sie wollte nach ihnen greifen und sich die tiefsten Wünsche ihrer Seele erfüllen. Dann wurde alles schwarz. Leyla öffnete die Augen. Sie lag auf ihrem Fell, ihr Herz hämmerte noch immer in ihrer Brust. Es war nur ein Traum gewesen. -------------------------------------------------------------------------- Müde rieb sich Leyla die Augen. Der Traum war immer noch lebendig in ihrem Geist, die Bilder der Prüfungen, der Kämpfe und des Schatzes schienen für einen Moment greifbarer als die Realität. Es war ein schöner Traum gewesen – ein Traum von Stärke und Triumph. Sie hoffte, dass sie den heutigen Tag genauso gut bestehen würden, wie sie es geträumt hatte. ,,Du bist wach? Hast du etwas besonderes geträumt?’’ Fers Stimme drang durch die Stille und riss Leyla endgültig aus ihren Gedanken. Seine tiefe, warme Stimme klang besorgt, doch auch ein wenig rastlos. ,,Ja, hab ich’’, antwortete Leyla und blickte sich um. Der Tempel war von dem Licht des schwindenden Lagerfeuers erhellt, die Flammen flackerten unruhig, als würden sie Fers Stimmung widerspiegeln. Liam lag neben ihr, sein Atem ruhig und gleichmäßig. Roxy war bei den Pferden, strich sanft über ihr Fell und murmelte beruhigende Worte, die leise in der Stille widerhallten. Leyla sah Liam an und lächelte. Sie strich ihm sanft über die Wange, und er öffnete langsam die Augen. Einen Moment lang war alles ruhig. Als er Leyla sah, huschte ein schläfriges, aber ehrliches Lächeln über sein Gesicht, und er schmiegte sich gegen ihre Handfläche.  ,,Guten Morgen Liam’’, sagte Leyla, ihre Stimme leise und sanft, fast wie eine Melodie. ,,Guten Morgen Leyla’’, antwortete er verschlafen, seine Stimme rau und warm. ,,Wenn alle wach sind, können wir aufbrechen, oder?’’ Fers Worte durchbrachen die intime Stille. Seine Augen blickten angespannt zur Treppe, die in die Tiefe führte. Es war offensichtlich, dass ihn die Unruhe des Abends noch nicht losgelassen hatte. Leyla wollte nachhaken, wollte wissen, was genau ihn beschäftigte, doch sie hielt inne. Es war nicht der richtige Moment. Nachdem die Gruppe ein einfaches Frühstück geteilt hatte, standen sie auf. Leylas Gedanken waren bei dem Traum, bei den Prüfungen und dem Raum voller Schätze. Als sie zu der steinernen Treppe trat, war es, als würde der Traum sie rufen, als hätte er sie auf diesen Moment vorbereitet. Sie atmete tief durch, bevor sie den Abstieg in die Dunkelheit begannen. Schritt für Schritt ging es hinunter, und das Licht des Tages verschwand langsam hinter ihnen. -------------------------------------------------------------------------- ,,Es gibt keine Fallen, keine Gegner. Das ist komisch…’’ Fers Stimme war leise, aber scharf, als er aussprach, was sie alle dachten. Die Gruppe war bereits mehrere Stockwerke hinabgestiegen. Die Luft war kühler geworden, die Wände nun geschmückt mit kunstvollen Gravuren, die Geschichten und Symbole einer längst vergangenen Ära erzählten. Weiße Fackeln, die auf magische Weise brannten, erhellten die Ebene und warfen ein sanftes, schimmerndes Licht auf die verzierten Oberflächen. Doch der Weg war seltsam still geblieben. Keine Monster, keine Falle, keine Hindernisse. Nicht einmal das leiseste Geräusch, außer ihren eigenen Schritten, störte die bedrückende Ruhe. ,,Selbst wenn das hier kein Engelstempel ist, sollten hier Fallen, Monster oder andere Hindernisse sein. Irgendwas gefällt mir nicht. Ich denke, wir sollten umkehren’’, fuhr der Zwerg fort, seine Stimme rau vor Besorgnis. Leyla spürte das gleiche Unbehagen. Die Unruhe kroch mit jeder Minute tiefer in ihre Gedanken, ein leises, nagendes Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Es war ganz anders, als sie es geträumt hatte – und vielleicht war genau das das Problem. Sie öffnete den Mund, um Fer zu antworten, doch Liam kam ihr zuvor: ,,Nein, wir gehen weiter. Mein Kontakt hat nichts von Monstern oder Fallen erwähnt. Es ist merkwürdig, aber kein Problem.’’ Seine Augen blitzten entschlossen, doch es lag ein Hauch von Unsicherheit in seiner Haltung. ,,Ich sehe das auch so wie Liam,’’ fügte Roxy hinzu, ihre Stimme ruhiger. ,,Wir sollten uns freuen, dass wir bisher auf keine Probleme gestoßen sind. Lasst uns einfach vorsichtig bleiben.’’ Sie blickte Leyla an, die zögernd nickte. ,,Vielleicht ist jemand vor uns hier herein gekommen und hat alle Gefahren beseitigt?’’ Leyla sprach die Möglichkeit aus, die ihr seit Beginn ihres Abstiegs im Kopf herumgegangen war. ,,Schließlich war kein Schnee hinter der offenen Tür.’’  Doch dieser Gedanke war alles andere als beruhigend. War hier noch jemand anderes? Und wenn ja – waren es Verbündete? Oder Feinde?  Ihre Gedanken rasten, während sie gemeinsam einen weiteren Raum betraten. Er war größer als die vorherigen, die Wände verziert mit komplizierten Mustern aus Gold und Silber, die im Licht der Fackeln schimmerten. Links klaffte ein tiefes Loch im Boden, das in die Dunkelheit führte, so tief, dass selbst Liams Lichtkugel den Boden nicht erreichen konnte. Auf der anderen Seite des Raumes stand eine Tür, so prachtvoll und kunstvoll verziert, dass sie unweigerlich alle Blicke auf sich zog. ,,Ist das die Schatzka—’’ Leyla brach mitten im Satz ab. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihren Nacken, wie ein Dolch, der plötzlich in sie eindrang. Sie spürte, wie sich ihr Mund mit Blut füllte, ihr Körper zitterte. Ihr Blick verschwamm, und die Welt um sie herum versank in Dunkelheit.

  • Kapitel 43 - Der Tempel in Weiß

    Der eisige Wind heulte über die Gipfel der Berge, ließ den Schnee in feinen Wirbeln tanzen und schnitt scharf wie eine Klinge in die Luft. Sie zog ihren Mantel enger um sich und spürte, wie die Kälte selbst durch die dicke Wolle kroch. Ihre beiden Dolche aus Drachenstein, deren Klingen in der Morgensonne wie gefrorenes Feuer gefunkelt hätten, wären sie nicht fest an ihren Gürtel geschnallt und gut vor neugierigen Blicken verborgen worden. So wie immer. Jeder Schritt ließ den Schnee unter ihren Stiefeln knirschen, ein leises, rhythmisches Geräusch in der überwältigenden Stille der Berge. Ihre Fußspuren zogen sich wie eine unregelmäßige Linie durch das endlose Weiß, das sich über die gefrorene Landschaft erstreckte. Ein Windstoß zerrte an ihren blonden Haaren, und sie schob sie genervt zurück, bevor sie die rote Kapuze tiefer ins Gesicht zog. Die Farbe war ein scharfer Kontrast zur bleichen Landschaft, eine lebendige Spur in der eisigen Leere. Die ersten Sonnenstrahlen schienen wie ein Geschenk der Götter, golden und sanft, und ließen die schneebedeckten Berge wie Edelsteine glitzern. Das Licht kroch über die Felsen und tastete sich hinab ins Tal, wo es die Schatten zu vertreiben suchte. Doch die Stille blieb, schwer und bedeutsam, als ob die Natur selbst den Atem anhielt, um das Geheimnis zu wahren, das in dem Tal verborgen lag. Die Frau lächelte. Es war ein seltener Anblick in dieser rauen Umgebung, einer, der für einen Moment Wärme in die Kälte brachte. Doch es war nicht die Sonne, die sie zum Lächeln brachte. [???] ,,Hab ich dich.’’ -------------------------------------------------------------------------- Die Pferde trabten langsam über den mit Schnee bedeckten Stein. Der Weg war schmal und führte zwischen steilen Klippen hindurch, die von Eiszapfen, die Stacheln ähnelten, gesäumt waren. Der Wind wehte leise durch die Berge, trug ein hohles, melancholisches Heulen mit sich, das in der Weite des Gebirges widerhallte. Sie waren bereits seit einer knappen Woche unterwegs, und heute würde der Tag sein, an dem sie endlich den Tempel erreichen würden. Leyla ließ ihren Blick über die majestätischen Berge schweifen, die sich um sie wie gewaltige Wächter auftürmten. In der Ferne erstreckte sich das Tal, dessen Ende ihr Ziel verbergen sollte. Der Schnee glitzerte im Licht der fahlen Wintersonne, doch seine Kälte drang durch jede Schicht Kleidung. ,,Ich wünschte, es wäre nicht so kalt… Meine Hände würden mir beim Malen abfrieren’’, murrte Leyla und zog ihren neuen, schwarzen Wintermantel fester um sich. ,,Dann mal doch, sobald wir wieder in Malyl sind’’, schlug Roxy vor, ihre Stimme weich und aufmunternd. Doch Leyla schenkte ihr nur ein schwaches Lächeln. Malen war nicht nur eine Leidenschaft für sie – es war ein Teil von ihr, eine Möglichkeit, das Gesehene festzuhalten und einen Anker in ihren ansonsten lückenhaften Erinnerungen zu finden. Was hatte sie wohl getan, bevor sie Roxy das erste Mal in Migar getroffen hatte? Der Tag blieb wie ein schwarzer Schleier über ihrem Geist , verbarg alle vorherigen Erinnerungen. Hatte sie eine Familie? Woher kam sie? Das Malen half ihr, diese Lücken zu überbrücken – ein leiser Versuch, sich selbst zu verstehen. Ein Zittern überkam sie. Es war nicht die Kälte, die sie frösteln ließ, sondern das Gefühl der Unvollständigkeit, das plötzlich an die Oberfläche drang, wie eine Welle, die sie zu überwältigen drohte. ,,Ist dir kalt? Soll Liam dich in den Armen tragen?’’ Fers Stimme durchbrach ihre Gedanken, voller Schalk und Wärme. Der Zwerg war seit dem Kampf mit dem Drachen aufgeschlossener geworden, sein Humor hatte an Leichtigkeit gewonnen. ,,Sei leise Fer’’, fauchte Leyla, ihre Stimme schärfer als beabsichtigt. Sie hatte keine Geduld für Späße, nicht heute. ,,Ohh, das ist ja jemand gereizt, haha.’’ Liam ritt lachend neben sie, doch Leyla würdigte ihn nur eines vernichtenden Blicks. Ihr war kalt, sie konnte nicht malen, und die letzte Nacht, in der sie kein Auge zubekommen konnte, hatte ihre Stimmung verdüstert. ,,Lasst Leyla in Ruhe’’, sagte Roxy ruhig, aber mit Nachdruck. Ihre scharfen Augen fixierten die beiden Männer, die wie schuldbewusste Kinder gleichzeitig antworteten: ,,Jaja, ist ja schon gut.’’ Leyla seufzte, ließ Himmel etwas schneller traben und entfernte sich von der Gruppe. Sie brauchte Zeit, um den Kopf frei zu bekommen, allein mit dem stetigen Rhythmus der Hufe im Schnee und dem Heulen des Windes. Wer war sie vor jenem Tag in Migar gewesen? Und würde sie es jemals herausfinden? -------------------------------------------------------------------------- Der Tempel lag am Ende des Tals, verborgen zwischen hoch aufragenden Tannen, deren Äste und Nadeln, von Schnee beschwert, ein Gefühl der Stille über die Landschaft legten. Hätten die vier nicht genau gewusst, wo sie suchen mussten, hätten sie ihn niemals gefunden. Der Tempel schien aus der Zeit gefallen zu sein, ein Bauwerk aus makellosem weißen Stein, das sich nahezu perfekt in die verschneite Landschaft einfügte. Nur das leicht angelehnte weiße Tor verriet, dass es hier mehr gab als eine unberührte Kulisse.  ,,Können wir unser Lager im Tempel aufschlagen?’’ fragte Leyla, ihre Stimme leicht zitternd vor Kälte. Sie konnte ihre Zehen kaum noch spüren, trotz der dicken Winterstiefel. ,,Ja, das sollte kein Problem sein’’, antwortete Liam, während er sich vorsichtig dem Eingang näherte. ,,Die meisten Tempel aus der Zeit haben einen Vorraum, bevor man zum eigentlichen Inneren gelangt.’’ Sein Blick glitt prüfend über das Tor. Als er die Hand ausstreckte, um es weiter zu öffnen, hielt er plötzlich inne. ,,Hinter der Tür liegt kein Schnee… Durch den Türspalt hätte eigentlich Schnee in den Tempel fallen sollen, doch hier ist nichts.’’ ,,Meinst du, dass jemand anderes kurz vor uns hier angekommen ist?’’ fragte Roxy und legte instinktiv die Hand fester um den Griff ihres Schwertes. Ihre Augen huschten unruhig über die Bäume, als würde sie erwarten, dass jeden Moment jemand aus den Schatten trat. ,,Nein, außer uns sollte niemand hiervon wissen. Lasst uns erstmal reingehen. Fer, kannst du die Tür aufschieben?’’ Der Zwerg nickte, legte seinen Rucksack ab und stemmte sich gegen das Tor. Mit einem dröhnenden, schleifenden Geräusch schwang es auf. Vorsichtig trat Fer als Erster über die Schwelle. ,,Scheint niemand hier zu sein’’, rief er nach einem prüfenden Blick. ,,Ihr könnt kommen.’’ Leyla und Liam folgten ihm, ihre Schritte vorsichtig und leise. Im Raum war es kühl, aber nicht so beißend kalt wie draußen. Die von Liam beschworene Lichtkugel tauchte den Eingangsbereich in ein sanftes, weißes Licht, das von den glatten Steinwänden reflektiert wurde. Der Tempel war von innen genauso schlicht wie von außen. Vier massive Säulen aus weißem Stein trugen das Dach, während der Boden aus polierten Platten bestand, die unter dem Licht fast wie Marmor glänzten. Die Luft war still, beinahe erdrückend ruhig, als ob der Ort seit Ewigkeiten auf Besucher gewartet hätte. Roxy führte die Pferde vorsichtig hinein, ihre Schritte hallten auf dem Steinboden wider. Die Tiere schnauften leise, als spürten sie die ungewöhnliche Energie des Ortes. Am Ende des Raumes befand sich eine breite, steinerne Treppe, die nach unten führte. Sie wirkte, als würde sie in die Dunkelheit selbst hinabgleiten. ,,Wollen wir uns hier den Abend aufwärmen und morgen hinunter gehen?’’ fragte Roxy, während sie die anderen ansah. Die Gruppe nickte zustimmend. Leyla ließ sich an einer der Säulen nieder, spürte die kühle Wand in ihrem Rücken und war einfach nur froh, einen Moment der Ruhe gefunden zu haben. -------------------------------------------------------------------------- Liam hatte in der Mitte des Tempels eine kleine Feuerstelle errichtet. Die Flammen warfen tanzende Schatten an die weißen Wände, ließen die Gravuren auf den Säulen lebendig erscheinen. Die vier saßen im Kreis um das Feuer, das ihre Gesichter in ein warmes, flackerndes Licht tauchte. Leyla spürte ein schmerzhaftes Pochen in ihrer rechten Schläfe. Es war ein vertrautes, unangenehmes Drücken, das ihr den Atem stocken ließ. ,,Das gleiche Pochen wie damals in Migar…’’ dachte sie und fixierte die Flammen, die sich wie lebende Wesen in die Höhe wanden. In ihren Händen lag eine Leinwand, und ihr Stift huschte mit schnellen, geübten Bewegungen über das Papier. Sie wollte die Schönheit des Tals einfangen, bevor die Erinnerung verblasste, bevor die Kälte ihre Eindrücke verschluckte. Liam und Roxy unterhielten sich leise, ihre Stimmen ein sanftes Murmeln im Hintergrund. Sie sprachen über das Gebirge und seine Eigenheiten, über alte Legenden, die mit diesen Bergen verbunden waren. Doch Leyla schenkte ihnen keine Aufmerksamkeit. Ihre Gedanken und ihre Hände waren ganz auf die Leinwand gerichtet. Neben ihr saß Fer, in Gedanken versunken. Seine Finger zupften wiederholt an seinem Bart, während seine Stirn in tiefen Falten lag. Das Zupfen war rhythmisch, fast unbewusst, und Leyla spürte, wie es sie langsam aus ihrer Konzentration riss. Nach dem gefühlt hundertsten Zupfen ließ Leyla den Stift sinken und wandte sich zu ihm. ,,Ist alles okay bei dir, Fer? Du siehst bedrückt aus.’’ Fer hielt inne und blickte sie an, seine Augen schienen einen Moment lang zu zögern. Dann schüttelte er den Kopf. ,,Es ist nichts. Es gibt bei uns nur eine alte Geschichte über einen ähnlichen Tempel. Und deren Inhalt macht mir etwas Sorgen…’’ Leyla richtete sich etwas auf. ,,Erzählst du mir davon?’’ Dann drehte sie sich zu den anderen. ,,Roxy, Liam, seid mal Still, Fer erzählt eine Geschichte’’,  Gespannt richteten die drei ihre Aufmerksamkeit auf Fer. Selbst die Pferde, die an der hinteren Wand angebunden standen, schienen innezuhalten. Der Raum war still, bis auf das Knistern des Feuers, das wie eine lebendige Begleitung zu Fers Worten klang. Der Zwerg räusperte sich, seine Hände ruhten nun still auf seinen Knien. Die Flammen spiegelten sich in seinen Augen, als er zu sprechen begann. -------------------------------------------------------------------------- ,,Vor langer Zeit, als die zehn Erzengel noch die Welt bewohnten, wurden sie wie Götter verehrt’’, begann Fer mit ruhiger, aber gewichtiger Stimme. Die Flammen des Feuers warfen tanzende Schatten über sein Gesicht, während die anderen gespannt lauschten. ,,Viele Menschen, Elfen und andere Völker beteten sie an und widmeten ihr Leben dem Glauben. Sie bauten Tempel, schrieben Bücher und errichteten Statuen.’’ Die Stille des Tempels wurde nur vom Knistern des Feuers durchbrochen. Selbst die Pferde wirkten wie in die Erzählung vertieft. Fer zog die Aufmerksamkeit aller mit jeder Silbe weiter in seinen Bann. ,,Diese Leute nannte man Engelskultisten. Sie waren keine Einheit, sondern eher verschiedene Gruppen, die unabhängig voneinander agierten. Sie folgten meist einem bestimmten Erzengel.’’ Seine Worte hatten eine Ernsthaftigkeit, die wie eine Last auf die Hörenden lag. ,,Neben den Tempeln der Engelskultisten, die nicht mehr als große Monumente zu ehren ihrer Götter waren, gab es auch die Engelstempel. Ob sie von der Erzengeln selbst errichtet wurden, weiß niemand, jedoch waren sie ganz anders als die geschmückten Versionen der Sterblichen.’’ Fer blickte auf, und seine Augen schienen die Flammen zu durchdringen, als ob er in eine andere Zeit blicken könnte. ,,Diese Engelstempel lagen überall auf dem Kontinent und darüber hinaus verstreut. Meist waren sie gut versteckt. Sie lagen in tiefen Wäldern, auf abgelegenden Inseln — oder in den Tälern der Gebirge.’’ Die Gruppe hielt den Atem an. Leyla zog ihren Mantel enger um sich, als ob sie spüren könnte, dass die Wände des Tempels sich näher um sie schlossen. ,,In diesen Tempeln schlummerten Geheimnisse, die das Wissen der Sterblichen weit überstiegen. Artefakte, deren Macht Suchende aus der ganzen Welt anlockte. Waffen, die jeden Träger zu einem Ausnahmekrieger machten.’’ Er ließ eine Pause entstehen, die von der Spannung erfüllt war. ,,Doch diese Tempel waren nicht nur Orte des Wissens. Sie bargen Gefahren, die kaum jemand überwinden konnte. Monster und Fallen waren in den Hallen verstreut, und magische Barrieren machten es denen, die nicht stark genug waren, unmöglich, zu den Geheimnissen zu gelangen.’’ Fer atmete tief ein, bevor er weitersprach. ,,Das Gefährlichste war jedoch der Tempelwächter. In der vorletzten Kammer, direkt vor den Schätzen, lebte er. Eine Kreatur mit unvorstellbarer Macht, die es fast unmöglich machte, die Mysterien des Tempels zu erreichen.’’ Seine Stimme wurde leiser, als er weitererzählte. ,,Es gibt die Geschichte von Marwulf, einem Zwergenabenteurer, der mit Hunderten Kriegern in einen solchen Tempel eingedrungen ist. Er überlebte als Einziger den Kampf mit dem Wächter – und das auch nur, weil er fliehen konnte.’’ Fer hielt inne und starrte nachdenklich in die Flammen, die nun höher brannten, als ob sie die Bedeutung seiner Worte unterstreichen wollten. ,,Wenn das hier ein Engelstempel ist’’, sagte er schließlich, ,,erwarten uns viele Fallen und Monster. Ganz zu schweigen von dem Wächter. Natürlich sind Legenden und Geschichten oft ausgeschmückt, aber ich denke trotzdem, dass wir vorsichtig sein sollten.’’

  • Kapitel 42 - Die Ruhe nach dem Sturm

    In dem Moment, in dem Leyla die Kette berührte, wurde es in der ganzen Halle dunkel. Die Fackeln erloschen mit einem leisen Zischen, der Feuerball des Drachen verpuffte, und auch das Monster, das sie an den Rand ihrer Kräfte gebracht hatte, war verschwunden. Eine unnatürliche Stille legte sich über die Halle, so vollkommen, dass Leyla ihren eigenen Herzschlag hören konnte. Leyla hatte mit ihrer Annahme recht gehabt. Und damit hatte sie sich und ihren Freunden das Leben gerettet. Die Erleichterung, die sie durchströmte, war überwältigend. Erschöpft atmete sie tief durch. Doch mehr als alles andere fühlte sie Stolz. Stolz darauf, dass sie den richtigen Riecher gehabt hatte. Stolz darauf, dass sie ihre Angst überwunden hatte. Stolz darauf, dass sie ihre Verbündeten nicht zurückgehalten, sondern zum Sieg geführt hatte. ,,Geht es euch gut?’’ rief sie in die undurchdringliche Dunkelheit. Ihre Stimme hallte in der Leere wider, bevor sie in der Ferne verklang. Vorsichtig tastete sie sich an der kalten, rauen Wand entlang in Richtung des Ausgangs. Der erste der antwortete war Liam: ,,Ja, es geht uns allen gut. Das war unglaublich Leyla!’’ ,,Das war… doch… einfach’’, schnaufte Fer. Seine Stimme klang erschöpft, aber voller Stolz. Leyla spürte, dass er seine Kräfte bis aus Letzte ausgereizt hatte, doch sie ließ ihm den Moment, ohne ihn darauf anzusprechen. ,,Roxy? Ist alles gut bei dir? Wo bist du?’’ Leylas Stimme war von Sorge erfüllt. ,,Ich bin hier drüben. Ich hab das Gefühl, dass mein linker Arm gebrochen ist, aber ansonsten geht es mir gut.’’ Roxys Stimme zitterte vor Schmerz, und Leyla spürte einen Stich von Schuld und Mitgefühl. Es dauerte eine Weile, doch nach einer knappen Stunde hatten sie den langen, düsteren Weg durch die Halle hinter sich gelassen. Das schwache, flackernde Licht der Glaskugeln begrüßte sie wie ein alter Freund, der ihnen Hoffnung schenkte. Fer stützte Roxy, die bei jedem Schritt schwankte, und half ihr, die Treppe zu erklimmen. Der steinerne Aufstieg fühlte sich endlos an, jeder Schritt hallte durch den Turm wie das Echo eines längst vergangenen Kampfes. Als sie endlich ins Freie traten, umfing sie die frische Nachtluft wie eine tröstende Decke. Der Mond thronte wie ein stiller Wächter über ihnen, und das Flüstern der Blätter im Wind löste die Spannung in ihren Schultern. Nach der erstickenden Stille des Turms wirkte die Nacht lebendig, voller Leben und Versprechen. Leyla rannte direkt zu Himmel, ihrem treuen Pferd, und umarmte seinen glänzenden, schwarzen Hals. ,,Du weißt nicht, wie sehr ich das gerade brauche’’, flüsterte sie mit zitternder Stimme. Himmel wieherte sanft, seine großen, warmen Augen spiegelten das Mondlicht wider. Er rieb seinen Kopf liebevoll an Leylas Wange, und sie schloss die Augen. Alles, was sie fühlte, war das weiche Fell ihres Gefährten und die überwältigende Erleichterung, die sie erfüllte. Für einen Moment war alles andere vergessen. Die Bilder des Drachen, die Schreie ihrer Freunde – alles verschwand in der Berührung des warmen Fells. Sie hatten es geschafft. -------------------------------------------------------------------------- Erschöpft ließ sich Leyla in ihr Bett fallen. Die Reise zurück nach Malyl war ohne weitere Probleme verlaufen, doch nun machte sich die Müdigkeit mit voller Wucht bemerkbar. Ihr Zimmer war klein, aber gemütlich. Das schummrige Licht einer Öllampe warf sanfte Schatten an die Wände, die von Holzbalken gestützt wurden. Der Duft von getrockneten Kräutern, die in kleinen Bündeln an der Decke hingen, mischte sich mit der leichten Frische der Nachtluft, die durch das gekippte Fenster hereindrang. ,,Nur noch fünf Wochen…’’ murmelte sie, während sie ihre schmutzigen Kleider auszog und sie achtlos über einen Stuhl warf. Der Stoff fühlte sich rau an, voller Erinnerungen an die Reise, die sie gerade beendet hatten. Auf der Rückreise hatte Liam schon von dem Nächsten besonderen Auftrag erzählt. Seine Stimme klang in Leylas Erinnerung noch nach, energisch und voller Begeisterung: „Mein Kontakt meinte, dass der Tempel über viertausend Jahre alt ist. Ich wette, da können wir so einige wertvolle Schätze finden!“ Seine Grinsen war noch vor ihrem inneren Auge, während sie in Gedanken bereits das Abenteuer vor sich sah. Der Tempel, den sie in fünf Wochen erkunden würden, lag einige Tagesreisen westlich von Malyl, tief in den ungezähmten Wäldern der Hamalien. Das war kein gewöhnlicher Ort – schwer zugänglich, voller Geheimnisse und vermutlich unberührt seit Jahrtausenden. Leyla spürte, wie die bekannte Mischung aus Vorfreude und Neugier in ihr aufstieg, als sie an die Geschichten dachte, die sie in den vergangenen Wochen gehört hatte. Doch vorerst war Ruhe angesagt. Mit dem Gold, das sie für die Beschaffung der Kette erhalten hatten, konnten sie es sich leisten, eine Weile in Malyl zu bleiben und das Leben zu genießen. Sie würde endlich wieder ihre Abende in der Taverne verbringen, den Duft von frisch gebackenem Brot genießen und vielleicht den neuen Markt erkunden, der sich im westlichen Viertel entwickelt hatte. Roxy würde diese Zeit ebenfalls brauchen, um sich von ihren Verletzungen zu erholen. Leyla hoffte, dass ihre Freundin schnell wieder auf die Beine kommen würde. Sie konnte Roxys erschöpftes, aber vor Stolz strahlendes Gesicht immer noch vor sich sehen, als sie Malyl erreicht hatten. Langsam, ganz allmählich, übernahm die Müdigkeit ihr Bewusstsein. Der weiche Stoff der Decke fühlte sich wie eine Umarmung an, und das leise Rauschen der Blätter vor ihrem Fenster lullte sie ein. Es dauerte nicht lange, da war sie bereits in einen tiefen, traumlosen Schlaf gefallen. -------------------------------------------------------------------------- ,,Hast du alle Sachen gepackt?’’ ,,Natürlich hab ich das. Endlich können wir wieder ein neues Abenteuer beginnen. Ich hoffe für dich, dass es das Warten wert war, Liam.’’ Leyla und Liam standen im Stall, wo Himmel und die anderen Pferde in ihren Boxen geduldig auf den Aufbruch warteten. Die warme, trockene Luft des Stalls war erfüllt vom erdigen Geruch nach Stroh und dem leichten Duft nach Leder, der von den Satteln ausging. Himmel schnaubte leise, als ob er die bevorstehende Reise bereits erahnte. Draußen bedeckte ein weißer Teppich aus Schnee die weiten Landstriche der Mittellande. Die sonst so saftig grünen Felder lagen unter einer stillen, eisigen Decke. Die Bäume wirkten wie in helle Mäntel gehüllt, ihre Äste von einer dünnen Schicht glitzernden Schnees bedeckt. Der Wind wehte sanft, aber eiskalt durch die Landschaft, ließ die Luft klar und schneidend erscheinen. Bald würde es Frühling werden, doch noch herrschte die frostige Ruhe des Winters. ,,Na ihr beiden? Schon aufgeregt?’’ Die tiefe, brummige Stimme von Fer ließ die beiden herumfahren. Der Zwerg stapfte mit seinem schweren Rucksack und einer neuen Streitaxt in der Hand heran. Seine Kleidung war dünn, eigentlich unpassend für den Winter, doch seine dichten, von der Kälte unbeeindruckten Züge verrieten seinen natürlichen Widerstand gegen extreme Temperaturen. Nur noch Roxy fehlte. Ihr Arm war längst verheilt, und Leyla wusste, dass ihre Freundin mindestens genauso aufgeregt war wie sie selbst. ,,Ob sie sich verspätet?’’ murmelte Leyla, doch in diesem Moment entdeckte sie einen vertrauten roten Schimmer in der Ferne. Roxy, deren leuchtendes Haar sich wie ein roter Faden von dem weißen Schneefeld abhob, kam gemächlich näher. Ein Korb baumelte in ihrer Hand, während ihr Schwert sicher an ihrem Gürtel befestigt war. ,,Roxy!!! Da bist du ja, beeil dich!’’ rief Leyla und winkte ihr zu.  ,,Entspann dich, wir haben doch genug Zeit. Außerdem habe ich uns noch frisches Brot gekauft. Fühl mal, es ist noch ganz warm.’’ Roxy streckte ihr den Korb entgegen. Leyla verzog das Gesicht zu einem Schmollen, konnte sich aber ein breites Grinsen nicht verkneifen, als sie das warme Brot in der Hand spürte. Der Duft war beruhigend, eine Erinnerung an gemütliche Abende in Malyl. ,,Ich war einfach das Warten leid. Deinem Arm geht es auch wirklich gut?’’ ,,Ja klar, er ist wieder wie neu. Alles dank…’’ ,,Die Pferde sind soweit. Ihr habt auf der Reise noch genug Zeit zu reden’’, unterbrach Liam mit einem Lächeln und führte die Tiere aus dem Stall. Leyla kletterte auf den Rücken von Himmel, dessen weiches, schwarzes Fell sich warm unter ihren Händen anfühlte. Sie strich ihm über den Hals und richtete ihren Blick auf den Horizont, wo die schneebedeckten Gipfel der Hamalien sich majestätisch gegen den klaren, blauen Winterhimmel abhoben. Was sie wohl in dem Tempel erwarten würde?

  • Kapitel 41 - Schwarze Blütenblätter

    Roxy stürmte auf den Drachen zu, ihre Schritte hallten auf dem kalten Steinboden wider, während sie laut schrie, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Der Drache wandte ihr langsam seinen durchdringenden Blick zu. Seine roten Augen funkelten gefährlich, bevor er sein Maul öffnete und eine dünne, zischende Säule aus Feuer in ihre Richtung schoss. Mit einer geschmeidigen Bewegung wich Roxy aus, sprang gegen die Wand und lief einige Schritte an ihr entlang, bevor sie sich mit einem kraftvollen Tritt abstieß. Für einen Augenblick schien sie in der Luft zu schweben, bevor sie auf den Drachen zuschoss, ihr Schwert in der Hand wie ein Speer. Währenddessen kniete Liam am Rand des Raumes, die Hände ausgestreckt, umgeben von einer eisigen Aura. Stachel aus himmelblauem Eis formten sich langsam in seinen Händen, während seine Lippen leise Worte murmelten. Seine Augen waren auf den Drachen gerichtet, jeder Muskel seines Körpers angespannt. Eismagie war eine Unterstufe der Wassermagie – kompliziert und anstrengend. Es erforderte höchste Konzentration und am besten eine starke Affinität zum Element. Liam jedoch hatte nur eine geringe Affinität zur Wassermagie. Trotzdem wusste er, dass gegen Erddrachen, wie den, der vor ihnen stand, Eismagie am effektivsten war. Der Gedanke an die Schwäche des Drachen gab ihm den Fokus, den er brauchte. Fer, der durch seine zwergische Herkunft eine natürliche Resistenz gegen Drachenfeuer hatte, stürmte mit donnernden Schritten auf den Drachen zu. Seine mächtige Axt blitzte im Licht der magischen Fackeln auf, während er immer wieder auf die Klauen des Drachen hieb. Doch für jeden seiner Angriffe, musste Fer auch einmal zurückweichen, sobald das Maul des Drachen nach ihm schnappte. Leyla, die die Hitze des Kampfes ignorierte, rannte unter dem linken Flügel des Drachen hindurch. Ihre Klinge konnte die Schuppen zwar nicht durchdringen, doch durch schmale Spalten zwischen den Platten gelang es ihr, kleinere Verletzungen zuzufügen, die den Drachen wütender machten. Mit einem kühnen Satz landete Roxy auf dem Kopf des Drachen. Ihr Schwert zielte auf eines seiner Augen. Doch bevor sie es erreichen konnte, schüttelte der Drache seinen massiven Kopf so heftig, dass Roxy den Halt verlor. Sie stürzte in die Tiefe, ihr Schrei hallte von den Wänden wieder. Der Drache wandte sich ihr zu, sein Maul öffnete sich, bereit, sie mit einem Biss zu verschlingen. Als plötzlich zwei glitzernde Eisstachel, von Liam abgefeuert, direkt gegen die Stirn des Drachen flogen. Der Treffer ließ das Biest kurz zurückweichen. Fer rannte los, fing die fallende Roxy auf und zog sie aus der Gefahrenzone, bevor er sich wieder auf den Drachen stürzte. ,,Es läuft gut, wir können das schaffen!’’  Leyla hatte es inzwischen geschafft, auf den Rücken des Drachen zu klettern. Ihr Ziel war der Nacken, wo die Schuppen dünner schienen. Plötzlich begann der Körper des Drachen zu glühen, ein tiefes, pulsierendes Leuchten, das von seiner Brust ausging und sich über seinen ganzen Körper ausbreitete. Die Hitze wurde unerträglich. Leyla sprang ab und landete hart neben Fer, das Schwert fest in der Hand. Die vier standen nun wieder nebeneinander. Ihr Atem ging schwer, noch sie waren unverletzt. ,,Wir machen das gut, wir werden ihn besiegen!’’ rief Leyla ihren Kameraden voller Überzeugung zu. Fer jedoch schüttelte den Kopf. ,,Nein, es ist viel zu einfach. Ein Drache ist eigentlich viel mächtiger. Und schau dich um – ich sehe kein Loch, keine Öffnung, aus der er gekommen sein könnte. Es ist unmöglich, dass wir ihn übersehen haben…’’  Leyla erstarrte, ihre Augen suchten die Umgebung ab. Fer hatte recht. Sie erinnerte sich an die Geschichten von Drachen, die ganze Armeen ausgelöscht hatten. Dieser Drache wirkte dagegen lächerlich schwach, fast zahm . ,,Egal, Hauptsache wir gewinnen.’’ -------------------------------------------------------------------------- Mit jeder Minute, die der Kampf dauerte, wurde die Halle heißer. Leyla spürte, wie ihre Kleidung immer weiter vom Schweiß durchnässt wurde, während die stickige, glühende Luft ihr das Atmen erschwerte. Es fühlte sich an, als wäre die Halle ein Ofen, und der Drache das Feuer, das sie alle verschlingen wollte. Trotz ihrer Bemühungen schienen sie dem Drachen keinen ernsthaften Schaden zufügen zu können. Die mächtigen Schuppen des Biestes schienen undurchdringlich, und jeder Angriff prallte wirkungslos ab. Doch genauso wenig war der Drache in der Lage gewesen, einen von ihnen zu verletzen – ein trügerisches Gleichgewicht, das Leylas Kräfte langsam erschöpfte. Roxys Brust hob und senkte sich schwer, und ihr Gesicht war gerötet vor Anstrengung. ,,Einen Kampf in Sachen Ausdauer gewinnen wir nicht… Verdammt, wir können so nicht weitermachen…’’ keuchte sie, das Schwert locker in ihrer Hand. Leyla nickte. Sie fühlte, wie ihre Beine nachgaben und ihre Arme schwer wurden. In ihrem Kopf drehte sich alles nur um einen Gedanken: Wenn sie doch nur stärkere Erdmagie beherrschen könnte! Doch so sehr sie sich auch bemühte, die Magie schien sie zu verspotten. ,,Was glaubst du, Roxy? Wieso ist der Drache hier? Es ergibt keinen Sinn, dass er einfach so aus dem Nichts erschienen ist…’’ Leylas Stimme zitterte leicht, während sie sprach. Sie runzelte die Stirn und ließ ihren Blick durch die Halle schweifen. Da fiel ihr Blick auf den glänzenden Gegenstand am Ende des Raumes – die Kette, die in der Vitrine lag! Ihr Herz schlug schneller. ,,Ich hab’s! Der Drache ist nur hier, um die Kette zu beschützen!’’ rief sie plötzlich und ihre Stimme war durchdrungen von einer neuen Energie. Sie drehte sich zu ihren Gefährten um. ,,Könnt ihr den Drachen ablenken?’’ ,,Die Kette? Glaubst du wirklich?’’ fragte Fer ungläubig. In diesem Moment schwang der Drache seine mächtige Klaue, und Fer hob gerade noch rechtzeitig seine Axt, um den Schlag abzuwehren. Die Wucht des Aufpralls schleuderte ihn gegen die harte Tempelwand. Mit einem ohrenbetäubenden Krachen landete er am Boden, doch er schüttelte den Staub ab und sprang wieder auf. ,,Alles klar, Leyla! Ich vertraue dir!’’ rief er mit einer Stimme, die wie Donner durch den Raum hallte. Roxy, deren Atem immer noch schwer ging, zog ihr Schwert fester. ,,Hier bin ich, du Riesensalamander!’’ schrie sie, während sie auf den Drachen zusprang. Der Vergleich mit einem Salamander schien das Biest in Rage zu versetzen, denn es bäumte sich auf, seine Schuppen begannen erneut in einem pulsierenden, bedrohlichen Rot zu glühen. Auch Liam, der etwas abseits stand und die Szene beobachtete, nickte Leyla zu. ,,Leute, wenn Leyla ausnahmsweise mal eine Idee hat, ist sie in der Regel gut. Lasst uns versuchen ihr Zeit zu verschaffen!’’ rief er mit einem schiefen Grinsen. Leyla musste lachen. Früher hätten sie Liams Worte zur Weißglut gebracht, aber jetzt gaben sie ihr die Entschlossenheit, die sie brauchte. Mit neuer Energie rannte sie los, ihren Blick fest auf die Kette am anderen Ende des Raumes gerichtet. Währenddessen warfen sich ihre Gefährten mit allem, was sie hatten, erneut in den Kampf. -------------------------------------------------------------------------- Leyla rannte, so schnell sie konnte. Ihre Schritte hallten dumpf auf dem kalten Steinboden wider, während sie sich unter der scharfen Klaue des Drachen hindurchduckte. Der Gestank von Rauch und verbranntem Stein füllte die stickige Luft. Funken tanzten um sie herum, als die Pranke des Drachen auf den Boden krachte, wo sie eben noch gestanden hatte. ,,Ich muss es schaffen, ich muss es schaffen.’’ Dieser eine Satz hämmerte unaufhörlich in ihrem Kopf, drängte jedes Gefühl von Angst zur Seite. Sie hatte es bis zu seinem Schwanz geschafft und nutzte dessen Moment der Bewegung, um mit einem gewagten Sprung über ihn hinwegzukommen. Ihr Herz pochte so heftig, dass es in ihren Ohren rauschte, und jede Faser ihres Körpers schrie vor Schmerz und Erschöpfung. Doch sie durfte jetzt nicht aufgeben. Mit jedem Schritt, der sie näher zur Kette brachte, klammerte sie sich an den Gedanken, dass es die einzige Möglichkeit war, diesen Kampf zu beenden.  Während sie auf die Kette zustürzte, lag Roxy regungslos in einer Ecke der Halle. Der Drache hatte sie mit einem gewaltigen Prankenhieb quer durch den Raum geschleudert. Blut rann aus ihrem Mundwinkel und färbte den kalten Stein unter ihr rot. Ihr Schwert lag mehrere Meter entfernt, unerreichbar für ihre zitternden Hände. Auch Fer war erschöpft. Der unermüdliche Krieger kniete auf der anderen Seite des Raumes, gestützt auf seine Axt. Sein Atem ging schwer, und sein Blick war mühsam auf den Drachen gerichtet. Er kämpfte darum, wieder aufzustehen, doch seine Kräfte verließen ihn zunehmend.  Liam war der Einzige, der sich noch in Bewegung hielt. Seine magischen Kräfte waren aufgebraucht, und so kämpfte er jetzt mit seinen Dolchen. Sein schlanker Körper wirbelte um den Drachen herum, und immer wieder gelang es ihm, kleine Angriffe zu landen. Ein tiefes, klaffendes Mal über dem linken Auge des Drachen zeugte von seinem Mut und seiner Schnelligkeit Doch als Liam einen weiteren Angriff auf das verletzte Auge des Drachen starten wollte, erstarrte er. Sein Blick folgte dem des Drachen, und in einem einzigen Augenblick begriff er, was passieren würde. Der Drache hatte Leyla entdeckt. Sein Maul öffnete sich weit, rote Linien pulsierten zwischen seinen Schuppen und ließen sie wie glühende Lava wirken. Ein gewaltiger Feuerball begann sich zwischen seinen Reißzähnen zu formen, größer und tödlicher als alles, was sie zuvor von ihm gesehen hatten. Liam stürzte nach vorne. ,,Fuck, ich bin nicht schnell genug… LEYLA, PASS AUF!’’ schrie er verzweifelt. Leyla wirbelte herum. Für einen Moment schien die Welt stillzustehen. Alles, was sie sah, war die riesige Feuerkugel, die sich wie ein brennender Meteor auf sie zubewegte. Sie warf sich zur Seite, doch tief in ihrem Inneren wusste sie: Sie war nicht schnell genug. -------------------------------------------------------------------------- Es war nicht das erste Mal, dass Leyla dem Tod in die Augen geblickt hatte. Das erste Mal war im Wald der Arach, als Liam sie alleine zurückgelassen hatte. Sie hatte später von ihm erfahren, dass er die ganze Zeit in der Nähe gewesen war, bereit einzugreifen, falls es gefährlich wurde. Doch in dem Moment, als sie allein zwischen den finsteren Bäumen und den leuchtenden Augen der Spinnen gestanden hatte, wusste sie das nicht. Das zweite Mal war während des Kampfes gegen Maegnar. Dort hatte sie für einen Moment das überwältigende Gefühl gehabt, dass sie tatsächlich gestorben war. Nachdem der Kampf vorbei war, hatte sie sich jedoch unversehrt wiedergefunden. Schließlich war sie zu dem Schluss gekommen, dass ihre Angst ihr einen Streich gespielt hatte. Das dritte Mal hatte sie Todesangst, als sie in völliger Dunkelheit in einem Keller eingesperrt war. Allein, von der Stille und der Finsternis fast erdrückt. Sie hatte bereits aufgegeben, als Liam auftauchte. Er hatte ihre Entführer verfolgt und sie alle getötet, um sie zu retten. Sein Gesicht war das Erste gewesen, das sie nach Tagen der Verzweiflung gesehen hatte. Dann war da noch der Kampf mit dem Stahlbären. Sie und Liam hatten ihn besiegt, aber nur knapp. Liam hatte schwer verletzt überlebt, und auch sie hatte Narben davongetragen, die sie immer an diesen Moment erinnern würden. Doch jetzt, im Angesicht der glühenden Feuerkugel, die so hell brannte wie die Sonne und heiß genug war, um den Stein unter ihr zu schmelzen, war sie sich sicher, dass nichts sie mehr retten konnte. Die Luft um sie herum verschwamm vor Hitze, und ein ohrenbetäubendes Dröhnen erfüllte den Raum. Jeder Atemzug fühlte sich an, als würde er ihre Lungen verbrennen. „Das war’s …“  dachte sie und schloss ihre Augen. -------------------------------------------------------------------------- Als Leyla ihre Augen öffnete, blendete sie ein grelles, weißes Licht. Es schien von überallher zu kommen, durchdrang die Dunkelheit und ließ alles andere verblassen. ,,Bin ich gestorben?’’ dachte Leyla, während ein Gefühl tiefer Traurigkeit sie durchströmte. Ihr Herz wurde schwer bei dem Gedanken, dass sie ihre Freunde und all die Abenteuer, die sie noch erleben wollte, verloren hatte. Doch allmählich begann das Licht zu schwinden. Die Konturen der Halle kehrten zurück, und Leyla erkannte, dass sie lebendig war. Sie lag unversehrt auf dem Boden. Die Hitze war gewichen, die Feuerkugel verschwunden, und die Luft fühlte sich kühl an, fast beruhigend im Vergleich zu der sengenden Glut von zuvor. Ihr Blick fiel auf etwas vor ihr. Auf dem Boden lag eine verbrannte Blume, die sich langsam in feine Asche auflöste. Es war die Blume, die Finn ihr geschenkt hatte. Ihre einst strahlend weißen Blütenblätter waren schwarz vor Ruß, der grüne Stängel war verkohlt und zerbrochen. Leyla schluckte schwer, schüttelte dann jedoch den Kopf. ,,Ich hab keine Zeit zum Trauern.’’ Entschlossen sprang sie auf die Beine. ,,Das ist meine Chance!’’ Sie sprintete die letzten Meter zur Vitrine, die das Ziel ihres Kampfes enthielt. Mit einem wilden Schrei holte sie aus und schlug mit dem Knauf ihres Schwertes auf das Glas ein. ,,Das Glas kann mich nicht aufhalten, genauso wenig wie dieser Drache! Ich werde die Kette holen, egal, was es kostet!’’ —KLIRR—  Das Glas zersprang in tausend Scherben, die wie schimmernde Splitter durch die Luft flogen. Eine davon schnitt Leyla am Kinn. Ein dünner, warmer Blutstrom lief über ihre Haut, doch sie ignorierte den Schmerz. Ihre Augen waren nur auf die Kette gerichtet. Hinter ihr spürte sie die drückende Hitze, die sich erneut aufbaute. Ein weiteres Brüllen des Drachen kündigte den bevorstehenden Angriff an. Die Luft schien wieder schwerer zu werden, als sie die Hand nach der Kette ausstreckte. ,,Bitte…’’ flüsterte sie mit zitternder Stimme, während ihre Finger sich um das kalte Eisen der Kette schlossen. „Bitte lass es funktionieren. Bitte lass uns das überleben.“

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