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- Kapitel 48 - Im goldenen Käfig
[???] ,,Guten Morgen, Miss Leyla, konnten Sie gut schlafen?’’ Verschlafen rieb sich Leyla ihre Augen, während die sanfte Stimme der Dienerin sie in die Realität zurückholte. Es war mittlerweile drei Wochen her, dass sie gegen Bournadette gekämpft hatte. Der Gedanke daran ließ ihren Magen sich zusammenziehen. Die Kopfgeldjägerin hatte sie in die Kaiserstadt gebracht, das wusste Leyla noch. Doch die Zeit während der Fahrt war hinter einem Schleier. Sie erinnerte sich daran, erst am Vorabend in diesem Zimmer erwacht zu sein. Das Zimmer war makellos eingerichtet: ein großes, weiches Bett mit einem schwarzen Bettbezug, ein Schreibtisch mit ordentlich gestapeltem Papier, ein Bücherregal, das mit einer beeindruckenden Auswahl an Büchern gefüllt war, und ein massiver Kleiderschrank aus dunklem Holz. Doch trotz der Pracht fühlte es sich für Leyla wie eine Zelle an. ,,Es ist ein Gefängnis, nicht mehr und nicht weniger’’ , dachte sie und spürte die kalte Realität, die von den Wänden widerhallte. Ihr gegenüber stand Filia, eine zierliche Frau mit höflicher Haltung, die ihr erklärt hatte, dass sie als Gast in diesem Teil des Kaiserpalastes untergebracht sei. Sie war eine Bedienstete des Kronprinzen, dem dieser Teil des Kaiserpalastes gehörte. Sie schien freundlich, doch in Leylas Augen war sie nur eine Überwacherin. In den nächsten Tagen, so hatte Filia gesagt, würde sie Besuch bekommen. Bis dahin sollte sie sich ausruhen. Doch Leyla konnte keine Ruhe finden. Ihre Gedanken wanderten immer wieder zu dem, was geschehen war. Ihre Hand glitt unbewusst zu ihrem Finger, wo die feinen Linien des Tattoos leuchteten. Sie betrachtete die braunen Muster, die wie ein ewiges Mahnmal in ihre Haut gezeichnet waren. Der Stein, den sie berührt hatte – was auch immer er war – hatte ihr gewaltige Kräfte verliehen, doch jetzt schien alles verschwunden. ,,Sind die Armreife schuld?’’ fragte sie sich und ließ ihren Blick auf den beiden goldenen Reifen an ihren Handgelenken ruhen. Sie schienen harmlos, doch Leyla wusste es besser. Fer hatte ihr einst von magieunterdrückenden Handschellen erzählt. Ihre Gedanken wurden von einem dunklen Schatten durchzogen, der sie an ihre Freunde erinnerte. Fer. Sie spürte ein Stechen in ihrer Brust. Er war tot, das hatte sie begriffen, doch das Gewicht der Wahrheit lastete schwer auf ihrer Seele. Sie schloss die Augen, und vor ihrem inneren Blick tauchten die letzten Momente des Kampfes auf: Schmerz, Dunkelheit, die seltsamen Kerzen. Was war geschehen? Es fühlte sich an, als ob ein wichtiger Teil fehlte – ein Puzzlestück, das alles erklären würde. Dann dachte sie an Roxy und Liam. ,,Was ist mit ihnen passiert? Geht es ihnen gut? Ich hoffe, ich habe sie nicht getötet…’’ Der Gedanke jagte ihr einen kalten Schauer über den Rücken und Übelkeit stieg in ihr auf. Die Vorstellung, dass sie selbst für den Tod ihrer Freunde verantwortlich sein könnte, war unerträglich. ,,Miss Leyla?’’ Filias Stimme schnitt durch Leylas Gedanken wie ein Messer. Leyla schüttelte den Kopf, um die Schatten abzuschütteln, und richtete ihren Blick auf die Dienerin, die mit geduldiger Miene wartete. ,,Ja, danke Filia. Ich habe gut geschlafen.’’ Ihre Worte klangen mechanisch, doch sie reichten aus, um die Dienerin zufriedenzustellen. Mit langsamen Bewegungen stand Leyla auf und zog sich an. Ihre Kleidung fühlte sich schwer an, wie eine zusätzliche Last auf ihren Schultern. Ihr Blick glitt zum Bücherregal. Sie würde die Zeit, die sie hier verbringen musste, nutzen. Diese Bücher könnten Antworten enthalten – über die Kaiserstadt, über Bournadette, über alles, was hier geschah. Und sobald sich eine Gelegenheit bot, würde sie fliehen. -------------------------------------------------------------------------- Ein goldenes Omelett, flankiert von einer dicken Scheibe Brot und einem Stück Fleisch – vielleicht Ente oder etwas Ähnliches? Leyla betrachtete das Frühstück, das vor ihr auf dem Tisch stand. Das Omelett schimmerte appetitlich im Licht, und der Duft des frisch gebackenen Brotes stieg ihr in die Nase. Langsam begann sie zu essen. Der Geschmack war besser, als sie erwartet hatte, und sie spürte, wie sich ihre Laune leicht hob. Sie hatte erkannt, dass sie schon längst tot wäre, wenn die, die sie gefangen hielten, das gewollt hätten. Vergiftetes Essen konnte sie daher ausschließen – zumindest für den Moment. Bedächtig aß sie weiter, genoss jeden Bissen des Omeletts und des Brotes, aber das Fleisch ließ sie unberührt. Der Gedanke daran ließ sie innehalten. Sie hatte noch nie Tiere gegessen, und heute würde sie sicher nicht damit anfangen. Außerdem war sie bereits satt. ,,Mögt Ihr das Fleisch nicht? Ich kann etwas anderes zubereiten, wenn Ihr das wollt, Miss Leyla.’’ Filias Stimme war höflich und weich, ohne einen Hauch von Verärgerung. Die Dienerin stand mit einer anmutigen Haltung neben dem Tisch und blickte Leyla erwartungsvoll an. Leyla schüttelte den Kopf. ,,Nein danke, ich esse einfach kein Fleisch. Aber ich bin schon satt. Es war genug.’’ Filia nickte verstehend, ihre Miene blieb neutral. Mit geübten Bewegungen nahm sie den Teller und verließ das Zimmer mit einer leichten Verbeugung, die fast zu höflich für die Situation wirkte. ,,Warum werde ich so behandelt?’’ Leyla starrte auf die Tür, durch die Filia verschwunden war, und spürte, wie die Frage sich wie ein Echo in ihrem Kopf wiederholte. Auf der einen Seite war sie eingesperrt, ihre Magie war versiegelt, und sie war eine Gefangene – das war offensichtlich. Doch auf der anderen Seite erhielt sie gute Nahrung, ein komfortables Zimmer und Bücher, als ob sie eine geschätzte Besucherin wäre. Es war eine seltsame Mischung aus Kontrolle und Wohlwollen, die sie nicht einordnen konnte. Sie ließ ihren Blick über die Titel der Bücher streifen. Das Regal war mit verschiedensten Büchern mit wunderschön angefertigten Einbänden gefüllt, und ihre Finger glitten über die Buchrücken, während sie die Titel las. ,,Die Lehren des Parenski-Bürgerkriegs’’ fiel ihr ins Auge. Es schien ein Buch über einen längst vergangenen Konflikt zu sein, der vor über siebenhundert Jahren stattgefunden hatte. Es klang bedeutend, doch es war nicht das, was Leyla jetzt suchte. Ihre Finger wanderten weiter, bis sie auf ein Werk stieß, das ihr Interesse weckte: ,,Aufbau und Struktur des Kaiserreichs’’. Der Titel klang vielversprechend. Leyla wusste erschreckend wenig über die Welt um sie herum, und dieses Buch versprach, ihr einen Einblick zu geben. Vielleicht konnte es sogar helfen, die Lücken in ihrer Vergangenheit zu füllen. Der verzierte Einband war weich, aber mit einer leichten Rauheit, die ihre Fingerspitzen kribbeln ließ. Der rote Stoff fühlte sich sowohl edel als auch vertraut an, obwohl Leyla sicher war, dieses Buch noch nie zuvor gesehen zu haben. Vorsichtig zog sie es aus dem Regal und öffnete es, ihre Augen glitten über die ersten Zeilen. Die Worte zogen sie in die Welt des Kaiserreichs, und sie begann zu lesen, hungrig nach Antworten, nach einem Verständnis von der Welt, was sie umgab. -------------------------------------------------------------------------- Politische Aufteilung des Kaiserreichs: An der Spitze des Kaiserreichs steht der Kaiser. Er ist das absolute Machtzentrum und verfügt über die uneingeschränkte Entscheidungsgewalt in allen Belangen des Reiches. Ob es sich um Fragen der Verwaltung, der Rechtsprechung oder um alltägliche Angelegenheiten handelt, seine Entscheidungen sind Gesetz. Kein Aspekt des Kaiserreichs entzieht sich seinem Einfluss. Dem Kaiser direkt unterstellt ist der Kaiserliche Rat. Dieser besteht aus zehn Mitgliedern, die ihn in seiner Herrschaft unterstützen. Der Rat dient dazu, die Aufgaben zu übernehmen, die der Kaiser nicht selbst bearbeiten möchte. Jedes Mitglied hat eine spezifische Rolle und trägt mit seinen Entscheidungen zur Verwaltung und Stabilität des Reiches bei. Der Ratsvorsitzende ist der Koordinator und Organisator des Rates. Er plant und leitet nicht nur die Sitzungen des Gremiums, sondern ist auch für besondere Ereignisse in der Kaiserstadt verantwortlich. Dazu zählen festliche Anlässe, wie die opulenten Paraden des Militärs oder die Organisation öffentlicher Gerichtsverfahren. Unter seiner Leitung wird das Leben in der Kaiserstadt orchestriert. Der Kaiserliche Minister trägt die Verantwortung für die Innenpolitik des Reiches. Er hat die Macht, neue Gesetze zu erlassen und Bauprojekte im gesamten Kaiserreich zu genehmigen. Ob es um die Errichtung von Straßen, Brücken oder neuen Magieakademien geht – der Minister bestimmt, wie sich die Infrastruktur des Landes entwickelt. Der Oberbefehlshaber ist der Anführer der Landstreitkräfte. Er ist für die Organisation und Disziplin des Heeres verantwortlich, plant militärische Strategien und sorgt für die Verteidigungsbereitschaft des Reiches. Seine Entscheidungen formen die Stärke der Armee, die das Kaiserreich schützt. Der Erste Admiral führt die Kaiserliche Flotte. Sein Einfluss reicht weit über die Meere hinaus, denn er ist nicht nur ein militärischer Führer, sondern auch ein Diplomat. In Verhandlungen mit anderen Staaten repräsentiert er das Kaiserreich und trägt so zur Stabilität der internationalen Beziehungen bei. Der Großmagier ist der höchste Magieexperte des Kaiserreichs. Seine Aufgaben umfassen die Ausbildung der Mitglieder der Kaiserfamilie und deren engsten Verbündeten in magischen Künsten. Gleichzeitig organisiert er die zahlreichen Magieakademien im Land und stellt sicher, dass die magischen Ressourcen des Kaiserreichs optimal genutzt werden. Der Schatzmeister ist der Hüter der Finanzen. Er verwaltet die Goldreserven und plant den Haushalt des Kaiserreichs. Mit der Macht, die Steuerpolitik zu bestimmen, beeinflusst er die wirtschaftliche Stabilität des Reiches und sorgt dafür, dass genug Mittel für den militärischen, magischen und infrastrukturellen Fortschritt bereitstehen. Der Tribun ist die Stimme des Volkes im Kaiserlichen Rat. Seine Aufgabe ist es, die Bedürfnisse und Sorgen der Bevölkerung in den Diskussionen des Rates zu vertreten. Er hat die wichtige Rolle, sicherzustellen, dass kein Einwohner des Kaiserreichs in den Entscheidungen vergessen wird. Die drei flexiblen Plätze im Rat bieten zusätzliche Möglichkeiten. Diese Positionen wechseln alle zwei Jahre und werden vom Ratsvorsitzenden vergeben. Sie ermöglichen es, externe Experten oder wichtige Persönlichkeiten in die Regierung einzubinden, um besondere Herausforderungen anzugehen. Jede Person, die für die Regierung arbeitet, ist an die Entscheidungen des Rates gebunden. Ob Soldaten, Beamte oder Magier – sie alle müssen den Weisungen des Rates folgen. Diese Struktur sichert, dass die Macht des Kaisers und seines Rates bis in die entlegensten Winkel des Kaiserreichs reicht. -------------------------------------------------------------------------- Erschöpft klappte Leyla das Buch zu. Die Dunkelheit hatte den Raum längst gefüllt, und nur der schwache Schein einer Öllampe beleuchtete die Ecken. Sie blickte hinauf zum einzigen Fenster, das in die Schräge des Daches eingelassen war. Der Himmel dahinter war schwarz wie Tinte, mit kaum sichtbaren Sternen, die wie vergessene Funken in der Ferne flimmerten. Das Fenster war unerreichbar hoch, ein stiller Wächter, der sie von der Außenwelt trennte. Sie wusste, dass sie sich im Kaiserpalast befand, doch wo genau? Wie hoch über der Erde? Diese Ungewissheit war wie eine unsichtbare Kette, die sich um ihre Gedanken legte. Sie hatte schon gut die Hälfte des Buches gelesen. Die Struktur des Kaiserreichs war ihr nun vertrauter, die Details geordnet und klar in ihrem Kopf. Doch die erhoffte Hilfe bei ihrer Suche nach Erinnerungen blieb aus. Die Jahre vor Migar waren immer noch ein leeres, bodenloses Schwarz. Keine Gesichter, keine Stimmen, keine Ereignisse – nur ein Abgrund von Ungewissheit. Sie fragte sich, was sie all die zwanzig Jahre getan hatte, die in ihrem Gedächtnis fehlten. Mit einem leisen Seufzen ließ sie sich rücklings aufs Bett fallen. Die weiche, schwere Decke war wie eine flüchtige Umarmung, die ihre Gedanken für einen Moment besänftigte. Ihre Gedanken wanderten zu Liam. Die Erinnerungen an sein warmes Lächeln, seine beruhigende Stimme und seinen lockeren Sprüche stachen wie Messer in ihrem Herzen. ,,Lebst du noch, Liam? Vermisst du mich genauso wie ich dich? Suchst du mich?’’ Sie spürte, wie Tränen ihre Wangen hinunterliefen, heiße Tropfen, die die Kälte in ihrem Inneren nicht vertreiben konnten. Sie wollte nichts sehnlicher, als in seinen Armen zu liegen – dort, wo sie sich sicher fühlte, wo die Welt für einen Moment wieder Sinn ergab. ,,Vielleicht kann ich Bournadette fragen…’’ Der Gedanke kam ihr plötzlich, während sie sich die Tränen abwischte. Falls sie diese Frau jemals wiedersehen würde, könnte sie vielleicht Antworten bekommen. Der Gedanke war absurd, doch sie klammerte sich daran, wie an einen Strohhalm in einem reißenden Fluss. Doch die Verzweiflung kroch bereits in ihr hoch, wie kaltes Wasser, das bis zu ihrem Hals emporstieg. Es war ein stiller, unbarmherziger Druck, der sich in ihrer Brust festsetzte und ihr den Atem raubte. Ihr Körper begann zu zittern. Die Welt um sie herum schien sich plötzlich zu drehen, als ob sie in einem Strudel gefangen wäre. ,,Was ist jetzt los? Bin ich doch vergiftet worden?’’ dachte sie panisch, während sie verzweifelt nach Luft rang. Die Angst übernahm die Kontrolle. Ihre Hände klammerten sich an die Bettdecke, doch nichts konnte die Dunkelheit in ihrem Inneren aufhalten. Panikattacken waren nichts neues für Leyla. Seit dem Tod ihrer Mutter hatten sie sie wie Schatten begleitet, unvorhersehbar und erbarmungslos. Sie hatte damals gelernt, mit ihnen umzugehen, sie zu erkennen und ihnen die Macht zu nehmen. Doch mit den verlorenen Erinnerungen war auch dieses Wissen verschwunden. Und so fühlte sie sich nun wie ein kleines Kind, hilflos, verloren in der Dunkelheit ihrer eigenen Gedanken. Der Schrei nach Hilfe blieb in ihrer Kehle stecken, und die Panik war alles, was sie spüren konnte.
- Kapitel 47 - Das Spiel der Algavia
Ark II - Vögel im Käfig [???] ,,Ist mein Vater da drinnen?’’ [???] ,,Ja, eure Hoheit. Er möchte Euch sehen.’’ Der Mann, gekleidet in ein prächtiges, goldenes Gewand, schritt mit festen Schritten durch die große, schwere Tür. Der Duft von Kräutern und verbrannten Ölen erfüllte den Raum, und das Licht der tief hängenden Laternen warf lange Schatten an die Wände. Er ging zum Bett, das in der Mitte des Zimmers stand, umgeben von dicken Vorhängen aus dunklem Samt. Sein Blick fiel auf seinen Vater, Kaiser Tavil IV. Der einst mächtige Herrscher lag schwach und blass auf den Kissen, sein Gesicht von tiefen Falten und Schatten gezeichnet. ,,Vater, Ihr wolltet mich sehen? Wie geht es Euch?’’ fragte Verion mit einer Mischung aus Sorge und Pflichtgefühl in seiner Stimme. Der Kaiser öffnete schwerfällig die Augen. Es war deutlich, dass jede Bewegung ihn an die Grenzen seiner Kräfte brachte. ,,Verion, mein Sohn. Ich freue mich dich zu sehen, ein letztes Mal.’’ Seine Stimme war heiser und brüchig, doch in seinen Augen lag ein Hauch von Wärme. Kronprinz Verion, der einzige Sohn und Erbe des Kaisers, kniete sich neben das Bett. Er nahm die knochige Hand seines sterbenden Vaters in seine eigene, die warm und kräftig war. ,,Ich freue mich auch, Vater. Ich habe alle—’’ ,,Das ist unwichtig’’, unterbrach ihn der Kaiser mit einem Hustenanfall, der durch den Raum hallte. ,,Hör mich zu.’’ Verion lehnte sich näher, während sein Vater nach Atem rang. ,,Du musst sicherstellen, dass unser Reich in den nächsten Jahren stabil bleibt. Er wird kommen…’’ Verion runzelte die Stirn. Seine Gedanken überschlugen sich. Mit einem kontrollierten Atemzug fragte er: ,,Wer Vater? Wer wird kommen?’’ Der Kaiser schloss für einen Moment die Augen, als ob er die Antwort suchte. Seine Lippen bewegten sich, doch kein Laut kam heraus. Schließlich murmelte er: ,,Der… Wie war sein Name noch gleich?’’ Sein Gesicht zeigte einen Ausdruck von Verwirrung. Seine Augen huschten ruhelos durch den Raum, als versuche er, einen entflohenen Gedanken einzufangen. ,,Vater, wer wird kommen?’’ drängte Verion nachdrücklich. ,,Oh, Verion, mein Sohn, du bist da. Ich habe dich gar nicht gesehen.’’ Ein schwaches Lächeln breitete sich auf dem Gesicht des Kaisers aus, doch es war leer und abwesend. Verion erwiderte es nicht. Ohne ein weiteres Wort stand er auf, strich sein Gewand glatt und verließ den Raum mit festem Schritt. Seine Bewegungen waren mechanisch, als ob er gegen eine unsichtbare Last ankämpfte. Vor der Tür wartete Jacob Dorclaude, sein persönlicher Leibdiener. Sein aufrechter Stand und die makellose Uniform ließen keine Regung erkennen. ,,War das Gespräch erfolgreich, Eure Hoheit?’’ fragte Jacob höflich, während seine Augen auf den Prinzen gerichtet blieben. Verion antwortete nicht. Ohne den Leibdiener eines Blickes zu würdigen, schritt er schnellen Schrittes an ihm vorbei, seine goldenen Roben raschelten leise im Gang. -------------------------------------------------------------------------- [???] ,,Im Namen der ewigen Göttin des Glaubens, Kamera, und im Angesicht der versammelten Fürsten, Würdenträger und dem Volk des Kaiserreichs, erhebt sich heute ein neuer Stern am Himmel unserer Geschichte.’’ Die Stimme des Mannes mit den roten Haaren hallte durch den prunkvollen Thronsaal. Der Raum war erfüllt von goldenen und silbernen Verzierungen, riesige Wandteppiche erzählten Geschichten vergangener Kaiser, und das Licht der hohen, kunstvoll gearbeiteten Kronleuchter tauchte alles in ein warmes, helles Glühen. Eine Stille voller Erwartung lag in der Luft, während alle Blicke auf die Mitte des Saals gerichtet waren. ,,Kaiser Verion III, 125. Träger der Kaiserkrone, aus dem erhabenen Hause Algavia, tritt das schwere Erbe seines Vaters, seines Vorgängers und Bruders im Glauben, Kaiser Tavil IV, an. Geleitet vom Licht seiner Mutter, der weisen Kaiserin Sylvana, und gestützt durch die Tugend und Stärke seiner edlen Gemahlin, Kaiserin Valetta Algavia, wird er das Reich mit Gerechtigkeit und Weisheit führen.’’ Die Worte fielen mit einer erhabenen Schwere, als der Mann die Kaiserkrone aus einem reich verzierten Kasten hob. Sie funkelte im Licht des Saales, ein Symbol von Macht, Pflicht und Ewigkeit. Verion kniete sich vor ihn, seine Hände zu einem Gebet gefaltet, die Augen fest geschlossen. Seine Haltung war die eines Mannes, der die Last seiner neuen Verantwortung bereits spürte. Der Mann mit den roten Haaren wartete einen Moment, ließ die Spannung wachsen, bevor er weitersprach. ,,Ihr, Kaiser Verion III, seid auserwählt, das Symbol der Zeit zu wahren, den goldenen Drachen der Stärke zu ehren und das K-Kreuz der Hoffnung und Einheit hochzuhalten. Möge Eure Herrschaft eine Ära des Friedens und des Wohlstands bringen, in der die Flamme der Tugend niemals erlischt. Die Welt möge Eure Herrschaft mit folgenden Worten preisen.’’ Er begann, die Krone langsam über den Kopf des Kaisers zu senken. Die goldenen Ketten und funkelnden Edelsteine schienen in der Luft zu schweben, während er mit feierlicher Stimme die Zeremonie fortsetzte. ,,Die Zeit formt nur denjenigen, der mit ihr zu herrschen weiß.’’ Ein leises Raunen ging durch die Menge, gefolgt von einem andächtigen Schweigen. Der Mann schloss nun ebenfalls die Augen und sprach weiter. ,,Das goldene Feuer brennt am hellsten, wenn es das Dunkel der Zweifel durchdringt.’’ Langsam senkte er die Krone weiter, und der Moment schien sich in die Unendlichkeit zu dehnen. Die Spannung war greifbar, als würde die Welt selbst den Atem anhalten. ,,Ein Herrscher mag alleine gekrönt werden, doch er führt sein Volk in Einheit.’’ Mit diesen Worten setzte er die Krone schließlich auf den Kopf von Kaiser Verion III. Ein feines Klingen, als das Metall das Stirnband des neuen Herrschers berührte, durchbrach die Stille. Verion öffnete die Augen, seine Haltung war gerade, und ein neuer Glanz erfüllte seinen Blick, als er sich erhob und die Anwesenden musterte. ,,LANG LEBE KAISER VERION III! MÖGE SEINE HERRSCHAFT EIN SEGEN FÜR UNS ALLE SEIN!’’ schrie der Mann mit den roten Haaren, und seine Stimme brach das andächtige Schweigen. Einen Moment lang herrschte eine tiefe Stille, und dann explodierte der Thronsaal in tosendem Jubel. Stimmen erhoben sich, Hände klatschten und die Akustik des Saales trug den Lärm wie eine Welle durch den Raum. Der neue Kaiser stand da, ruhig und majestätisch, während das Kaiserreich seinen neuen Herrscher feierte. -------------------------------------------------------------------------- Kaiser Verion saß in einem prunkvollen Saal und blickte auf seine sieben Söhne, die vor ihm knieten. Heute, genau zehn Tage nach seiner Krönung, verlangte es die Tradition, dass er seinen Nachfolger – den nächsten Kronprinzen – ernennen würde. Die Atmosphäre war von Spannung durchzogen, die Luft schwer von unausgesprochenen Erwartungen. Die Prinzen sahen ihn mit gebannten Augen an, ihre Haltung ehrerbietig, aber die unterschwellige Konkurrenz war spürbar. Jeder von ihnen hatte seinen Anspruch auf die Nachfolge, jeder hoffte, die Gunst seines Vaters zu erringen. Doch Verion ließ sie warten. Er stand auf und ging zum Fenster, sein Rücken war nun den knienden Gestalten zugewandt. Draußen erstreckte sich die Kaiserstadt in all ihrer Pracht. Händler priesen ihre Waren an, Kutschen ratterten über die gepflasterten Straßen, und überall summte das Leben der Metropole. Verion blieb still, während die Gedanken an vergangene Tage ihn einholten. Die Worte seines Großvaters, Kaiser Alvanios II., hallten in seinem Kopf wider: ,,Ein Kaiser hat keinen Platz für Freude. Er muss stark sein. Disziplin und Opfer sind der Weg zur Herrschaft.’’ Verion erinnerte sich an die Härte in den Augen seines Großvaters, an die Schläge, an die Demütigungen und an die Misshandlung, die er als Kind hatte ertragen müssen. Alvanios hatte ihn gebrochen, um ihn zu formen – oder zumindest hatte er es versucht. Ein kleines, bitteres Lächeln umspielte Verions Lippen. ,,Heute’’, dachte er, ,,heute zahle ich es dir heim, Großvater.’’ Mit einem tiefen Atemzug wandte er sich von der Welt jenseits des Fensters ab und ging zurück zu seinem Sessel. Seine Schritte waren gemessen, und das leise Rascheln seiner Kleidung hallte im stillen Raum wider. Er setzte sich, sein Blick durchdringend, seine Haltung entsprechend der eines Mannes, der die absolute Kontrolle besitzt. ,,Meine Söhne’’, begann er, seine Stimme ruhig und dennoch voller Gewicht. ,,Ich habe entschieden, dass ich heute nicht nur einen, sondern sieben Kronprinzen ernennen werde.’’ Unglaube spiegelte sich in den Gesichtern der Prinzen. Die Aussicht auf sieben Kronprinzen – eine scheinbare Absurdität – ließ die Ordnung der Welt ins Wanken geraten. Prinz Cornelius, der Zweitgeborene, war der Erste, der den Mut fand, das Schweigen zu brechen. ,,Aber Vater,’’ begann er mit einem Hauch von Unbehagen in der Stimme, ,,wie kann es mehr als einen Kronprinzen geben? Ihr wollt doch nicht, dass irgendwann mehrere Kaiser regieren, oder?’’ Sein Halbbruder, Prinz Tavil, der Sechste der Brüder, schloss sich an. Seine Worte waren direkter, fast scharf. ,,Ich stimme Cornelius zu. Es ergibt keinen Sinn, dass wir alle Kronprinzen werden. Das widerspricht der Tradition, ja sogar der Logik!’’ Ein Räuspern unterbrach die aufkommende Unruhe. Es war Prinz Eugenius, der Dritte, bekannt für seine Gelassenheit und klugen Worte. Mit ruhiger Stimme sprach er: ,,Unser Vater hat sicherlich einen Grund für diese Ankündigung. Lasst uns ihn aussprechen lassen, bevor wir urteilen.’’ Die übrigen Prinzen nickten langsam, und die Aufmerksamkeit richtete sich wieder vollständig auf Verion. Der Kaiser beobachtete sie schweigend, bevor ein kaum merkliches Lächeln seine Lippen umspielte. -------------------------------------------------------------------------- Verion lehnte sich entspannt zurück, seine Hände ruhten auf den verzierten Armlehnen seines Thronsessels. Mit einem belustigten Lächeln sprach er, als hätte er ihnen gerade ein einfaches Rätsel gestellt: ,,Ein Spiel. Ihr werdet ein Spiel spielen.’’ Die Prinzen, vor ihm kniend , blickten ihn an, ihre Gesichter eine Mischung aus Überraschung, Unglaube und wachsendem Unbehagen. Verion genoss ihre Reaktionen, ließ die Spannung für einen Moment in der Luft hängen, bevor er weitersprach: ,,Ich nenne es das Prinzenspiel. Ihr alle werdet zu Kronprinzen ernannt. Während der nächsten sechs Jahre, werdet ihr durch unterschiedliche Verdienste Punkte sammeln, die Goldkronen. Ich werde euch diese verleihen, wenn ihr mich beeindruckt oder zufriedenstellt. Zu jedem Jahrestag dieses Tages werden wir uns hier wieder versammeln, und derjenige von euch, der die wenigsten Goldkronen gesammelt hat, verliert.’’ Seine Worte hallten in dem großen Raum wider, gefolgt von einem schweigenden Entsetzen, das sich wie ein kalter Nebel über die Gruppe legte. Die Prinzen wechselten nervöse Blicke, jeder suchte in den Gesichtern der anderen nach einem Hinweis darauf, wie man reagieren sollte. Der zwölfjährige Ludwig, ein schüchterner Junge mit kindlichen Zügen und blassem Haar, war der Erste, der das Schweigen brach. ,,Und was passiert wenn man verliert?’’ Seine Stimme zitterte leicht, als er die Frage stellte. Verions Lippen verzogen sich zu einem verspielten Lächeln, doch seine Augen blieben kalt. ,,Dann werdet ihr aus dem Prinzenspiel ausgeschlossen. Ihr verliert all eure Titel und Ansprüche, und zusammen mit euren Familien werdet ihr aus dem Kaiserreich verbannt.’’ Das Entsetzen in den Gesichtern seiner Söhne wurde greifbar. Prinz Geroius, ein feuriger junger Mann mit energischer Stimme, sprang auf, seine Brust bebend vor Wut. ,,Wie bitte?’’ platzte es aus ihm heraus. ,,Das kann nicht Euer Ernst sein, oder? Das ist ein schlechter Witz, genau, nur ein schlechter Witz.’’ Sein Lachen klang leer und verzweifelt, fast wahnsinnig. Verions Blick wurde scharf wie eine Klinge. ,,Doch, das ist mein voller Ernst. Aus Gründen, die ich euch jetzt noch nicht nennen kann, ist es notwendig, auf diese Weise den Besten von euch zu bestimmen. Wenn einer von euch Probleme damit habt, könnt ihr entweder sofort aussteigen oder eure Beschwerden an Yang richten.’’ Mit einer geschmeidigen Bewegung deutete er auf die schwarze Frau, die ruhig in der Ecke des Raumes stand. Ihre Augen glitzerten wie wunderschönes Glas, ihr schlanker Körper, gehüllt in schlichte weiße Kleidung, gab einem Unwissenden keinen Hinweis auf ihre Fähigkeiten. Geroius’ Aufbrausen verstummte sofort, als er sie erblickte. Yang. Sie war die Oberste der Kaiserlichen Kopfgeldjäger und die stärkste Kriegerin des Reiches. Die Prinzen wussten, dass ihr Vater nur drei Möglichkeiten bot: das Prinzenspiel zu spielen, ins Exil zu gehen oder durch Yangs Hand zu sterben. Verion ließ seinen Blick langsam über die Gruppe gleiten. ,,Wenn es keine Einwände mehr gibt, dann könnt ihr jetzt gehen.’’ Die Prinzen zögerten, bevor sie sich schließlich tief verneigten – einige aus Respekt vor ihrem Vater, andere aus Angst vor Yang. Ohne ein weiteres Wort verließen sie den Raum, ihre Schritte hallten in der drückenden Stille wider. Verion lächelte und mit leiser, aber fester Stimme flüsterte er, als spräche er zu einer unsichtbaren Präsenz: ,,Ich hoffe, damit kann ich das Reich schützen, Vater.’’
- Kapitel 44 - Eine Schatzkammer voller Gold
Leyla stieg die kühlen, steinernen Stufen des Tempels hinab. Ihre Schritte hallten durch die Dunkelheit, das leise Echo ihrer Bewegungen klang wie das Flüstern vergessener Stimmen. Mit jeder Stufe schien die Luft dichter zu werden, erfüllt von einem seltsamen, erdigen Geruch und einem Hauch von Feuchtigkeit, der ihre Haut prickeln ließ. Tiefer und tiefer drang sie in die alten Räume vor, die seit Jahrhunderten kein Licht mehr gesehen hatten. Plötzlich zischte es – Pfeile schossen aus den Wänden, flogen wie tödliche Schatten durch die Luft. Leyla duckte sich blitzschnell, ihr Herz raste, während sie spürte, wie die Luft um sie herum von den Geschossen zerschnitten wurde. Sie sprang über einen breiten Graben, in dem glühende Lava träge vor sich hinblubberte, die Hitze schlug ihr ins Gesicht und ließ ihre Kehle trocken werden. Ihre Reise wurde von Kämpfen unterbrochen. Stahlbären, deren schimmernde Panzer wie lebendiges Metall wirkten, stürmten auf sie zu. Arach, riesige spinnenartige Kreaturen mit pechschwarzen Augen und klackernden Kiefern, lauerten in den Schatten. Und dann, der Drache – seine mächtigen Schwingen füllten die Kammer, seine glühenden Augen fixierten sie, bevor sie in einem Sturm aus Zähnen und Klauen um ihr Leben kämpfte. Blut, Schweiß und Erschöpfung trugen sie schließlich in den letzten Raum. Hier wartete eine letzte Prüfung. Ein Golem aus weißem Stein erhob sich, fast so groß wie die Decke selbst. In seiner Hand hielt er ein Schwert, dessen Klinge im flackernden Licht zu glühen schien. Mit einem Schrei ließ Leyla eine Erdsäule unter sich hervorschießen, katapultierte sich in die Höhe und führte mit aller Kraft einen tödlichen Schlag gegen den Golem aus. Seine steinernen Glieder zerbrachen mit einem donnernden Knall, als sie auf dem Boden aufschlugen. Erschöpft und blutverschmiert trat sie in den letzten Raum. Der Anblick raubte ihr den Atem: Regale voller Bücher, die Geschichten längst vergessener Zeiten erzählten. Artefakte, die in jedem Museum der Welt einen Ehrenplatz gefunden hätten. Goldmünzen, die in dem Flammenlicht glitzerten, als wollten sie ihr versprechen, dass ihr Kampf nicht umsonst gewesen war. Sie wollte nach ihnen greifen und sich die tiefsten Wünsche ihrer Seele erfüllen. Dann wurde alles schwarz. Leyla öffnete die Augen. Sie lag auf ihrem Fell, ihr Herz hämmerte noch immer in ihrer Brust. Es war nur ein Traum gewesen. -------------------------------------------------------------------------- Müde rieb sich Leyla die Augen. Der Traum war immer noch lebendig in ihrem Geist, die Bilder der Prüfungen, der Kämpfe und des Schatzes schienen für einen Moment greifbarer als die Realität. Es war ein schöner Traum gewesen – ein Traum von Stärke und Triumph. Sie hoffte, dass sie den heutigen Tag genauso gut bestehen würden, wie sie es geträumt hatte. ,,Du bist wach? Hast du etwas besonderes geträumt?’’ Fers Stimme drang durch die Stille und riss Leyla endgültig aus ihren Gedanken. Seine tiefe, warme Stimme klang besorgt, doch auch ein wenig rastlos. ,,Ja, hab ich’’, antwortete Leyla und blickte sich um. Der Tempel war von dem Licht des schwindenden Lagerfeuers erhellt, die Flammen flackerten unruhig, als würden sie Fers Stimmung widerspiegeln. Liam lag neben ihr, sein Atem ruhig und gleichmäßig. Roxy war bei den Pferden, strich sanft über ihr Fell und murmelte beruhigende Worte, die leise in der Stille widerhallten. Leyla sah Liam an und lächelte. Sie strich ihm sanft über die Wange, und er öffnete langsam die Augen. Einen Moment lang war alles ruhig. Als er Leyla sah, huschte ein schläfriges, aber ehrliches Lächeln über sein Gesicht, und er schmiegte sich gegen ihre Handfläche. ,,Guten Morgen Liam’’, sagte Leyla, ihre Stimme leise und sanft, fast wie eine Melodie. ,,Guten Morgen Leyla’’, antwortete er verschlafen, seine Stimme rau und warm. ,,Wenn alle wach sind, können wir aufbrechen, oder?’’ Fers Worte durchbrachen die intime Stille. Seine Augen blickten angespannt zur Treppe, die in die Tiefe führte. Es war offensichtlich, dass ihn die Unruhe des Abends noch nicht losgelassen hatte. Leyla wollte nachhaken, wollte wissen, was genau ihn beschäftigte, doch sie hielt inne. Es war nicht der richtige Moment. Nachdem die Gruppe ein einfaches Frühstück geteilt hatte, standen sie auf. Leylas Gedanken waren bei dem Traum, bei den Prüfungen und dem Raum voller Schätze. Als sie zu der steinernen Treppe trat, war es, als würde der Traum sie rufen, als hätte er sie auf diesen Moment vorbereitet. Sie atmete tief durch, bevor sie den Abstieg in die Dunkelheit begannen. Schritt für Schritt ging es hinunter, und das Licht des Tages verschwand langsam hinter ihnen. -------------------------------------------------------------------------- ,,Es gibt keine Fallen, keine Gegner. Das ist komisch…’’ Fers Stimme war leise, aber scharf, als er aussprach, was sie alle dachten. Die Gruppe war bereits mehrere Stockwerke hinabgestiegen. Die Luft war kühler geworden, die Wände nun geschmückt mit kunstvollen Gravuren, die Geschichten und Symbole einer längst vergangenen Ära erzählten. Weiße Fackeln, die auf magische Weise brannten, erhellten die Ebene und warfen ein sanftes, schimmerndes Licht auf die verzierten Oberflächen. Doch der Weg war seltsam still geblieben. Keine Monster, keine Falle, keine Hindernisse. Nicht einmal das leiseste Geräusch, außer ihren eigenen Schritten, störte die bedrückende Ruhe. ,,Selbst wenn das hier kein Engelstempel ist, sollten hier Fallen, Monster oder andere Hindernisse sein. Irgendwas gefällt mir nicht. Ich denke, wir sollten umkehren’’, fuhr der Zwerg fort, seine Stimme rau vor Besorgnis. Leyla spürte das gleiche Unbehagen. Die Unruhe kroch mit jeder Minute tiefer in ihre Gedanken, ein leises, nagendes Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Es war ganz anders, als sie es geträumt hatte – und vielleicht war genau das das Problem. Sie öffnete den Mund, um Fer zu antworten, doch Liam kam ihr zuvor: ,,Nein, wir gehen weiter. Mein Kontakt hat nichts von Monstern oder Fallen erwähnt. Es ist merkwürdig, aber kein Problem.’’ Seine Augen blitzten entschlossen, doch es lag ein Hauch von Unsicherheit in seiner Haltung. ,,Ich sehe das auch so wie Liam,’’ fügte Roxy hinzu, ihre Stimme ruhiger. ,,Wir sollten uns freuen, dass wir bisher auf keine Probleme gestoßen sind. Lasst uns einfach vorsichtig bleiben.’’ Sie blickte Leyla an, die zögernd nickte. ,,Vielleicht ist jemand vor uns hier herein gekommen und hat alle Gefahren beseitigt?’’ Leyla sprach die Möglichkeit aus, die ihr seit Beginn ihres Abstiegs im Kopf herumgegangen war. ,,Schließlich war kein Schnee hinter der offenen Tür.’’ Doch dieser Gedanke war alles andere als beruhigend. War hier noch jemand anderes? Und wenn ja – waren es Verbündete? Oder Feinde? Ihre Gedanken rasten, während sie gemeinsam einen weiteren Raum betraten. Er war größer als die vorherigen, die Wände verziert mit komplizierten Mustern aus Gold und Silber, die im Licht der Fackeln schimmerten. Links klaffte ein tiefes Loch im Boden, das in die Dunkelheit führte, so tief, dass selbst Liams Lichtkugel den Boden nicht erreichen konnte. Auf der anderen Seite des Raumes stand eine Tür, so prachtvoll und kunstvoll verziert, dass sie unweigerlich alle Blicke auf sich zog. ,,Ist das die Schatzka—’’ Leyla brach mitten im Satz ab. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihren Nacken, wie ein Dolch, der plötzlich in sie eindrang. Sie spürte, wie sich ihr Mund mit Blut füllte, ihr Körper zitterte. Ihr Blick verschwamm, und die Welt um sie herum versank in Dunkelheit.
- Kapitel 43 - Der Tempel in Weiß
Der eisige Wind heulte über die Gipfel der Berge, ließ den Schnee in feinen Wirbeln tanzen und schnitt scharf wie eine Klinge in die Luft. Sie zog ihren Mantel enger um sich und spürte, wie die Kälte selbst durch die dicke Wolle kroch. Ihre beiden Dolche aus Drachenstein, deren Klingen in der Morgensonne wie gefrorenes Feuer gefunkelt hätten, wären sie nicht fest an ihren Gürtel geschnallt und gut vor neugierigen Blicken verborgen worden. So wie immer. Jeder Schritt ließ den Schnee unter ihren Stiefeln knirschen, ein leises, rhythmisches Geräusch in der überwältigenden Stille der Berge. Ihre Fußspuren zogen sich wie eine unregelmäßige Linie durch das endlose Weiß, das sich über die gefrorene Landschaft erstreckte. Ein Windstoß zerrte an ihren blonden Haaren, und sie schob sie genervt zurück, bevor sie die rote Kapuze tiefer ins Gesicht zog. Die Farbe war ein scharfer Kontrast zur bleichen Landschaft, eine lebendige Spur in der eisigen Leere. Die ersten Sonnenstrahlen schienen wie ein Geschenk der Götter, golden und sanft, und ließen die schneebedeckten Berge wie Edelsteine glitzern. Das Licht kroch über die Felsen und tastete sich hinab ins Tal, wo es die Schatten zu vertreiben suchte. Doch die Stille blieb, schwer und bedeutsam, als ob die Natur selbst den Atem anhielt, um das Geheimnis zu wahren, das in dem Tal verborgen lag. Die Frau lächelte. Es war ein seltener Anblick in dieser rauen Umgebung, einer, der für einen Moment Wärme in die Kälte brachte. Doch es war nicht die Sonne, die sie zum Lächeln brachte. [???] ,,Hab ich dich.’’ -------------------------------------------------------------------------- Die Pferde trabten langsam über den mit Schnee bedeckten Stein. Der Weg war schmal und führte zwischen steilen Klippen hindurch, die von Eiszapfen, die Stacheln ähnelten, gesäumt waren. Der Wind wehte leise durch die Berge, trug ein hohles, melancholisches Heulen mit sich, das in der Weite des Gebirges widerhallte. Sie waren bereits seit einer knappen Woche unterwegs, und heute würde der Tag sein, an dem sie endlich den Tempel erreichen würden. Leyla ließ ihren Blick über die majestätischen Berge schweifen, die sich um sie wie gewaltige Wächter auftürmten. In der Ferne erstreckte sich das Tal, dessen Ende ihr Ziel verbergen sollte. Der Schnee glitzerte im Licht der fahlen Wintersonne, doch seine Kälte drang durch jede Schicht Kleidung. ,,Ich wünschte, es wäre nicht so kalt… Meine Hände würden mir beim Malen abfrieren’’, murrte Leyla und zog ihren neuen, schwarzen Wintermantel fester um sich. ,,Dann mal doch, sobald wir wieder in Malyl sind’’, schlug Roxy vor, ihre Stimme weich und aufmunternd. Doch Leyla schenkte ihr nur ein schwaches Lächeln. Malen war nicht nur eine Leidenschaft für sie – es war ein Teil von ihr, eine Möglichkeit, das Gesehene festzuhalten und einen Anker in ihren ansonsten lückenhaften Erinnerungen zu finden. Was hatte sie wohl getan, bevor sie Roxy das erste Mal in Migar getroffen hatte? Der Tag blieb wie ein schwarzer Schleier über ihrem Geist , verbarg alle vorherigen Erinnerungen. Hatte sie eine Familie? Woher kam sie? Das Malen half ihr, diese Lücken zu überbrücken – ein leiser Versuch, sich selbst zu verstehen. Ein Zittern überkam sie. Es war nicht die Kälte, die sie frösteln ließ, sondern das Gefühl der Unvollständigkeit, das plötzlich an die Oberfläche drang, wie eine Welle, die sie zu überwältigen drohte. ,,Ist dir kalt? Soll Liam dich in den Armen tragen?’’ Fers Stimme durchbrach ihre Gedanken, voller Schalk und Wärme. Der Zwerg war seit dem Kampf mit dem Drachen aufgeschlossener geworden, sein Humor hatte an Leichtigkeit gewonnen. ,,Sei leise Fer’’, fauchte Leyla, ihre Stimme schärfer als beabsichtigt. Sie hatte keine Geduld für Späße, nicht heute. ,,Ohh, das ist ja jemand gereizt, haha.’’ Liam ritt lachend neben sie, doch Leyla würdigte ihn nur eines vernichtenden Blicks. Ihr war kalt, sie konnte nicht malen, und die letzte Nacht, in der sie kein Auge zubekommen konnte, hatte ihre Stimmung verdüstert. ,,Lasst Leyla in Ruhe’’, sagte Roxy ruhig, aber mit Nachdruck. Ihre scharfen Augen fixierten die beiden Männer, die wie schuldbewusste Kinder gleichzeitig antworteten: ,,Jaja, ist ja schon gut.’’ Leyla seufzte, ließ Himmel etwas schneller traben und entfernte sich von der Gruppe. Sie brauchte Zeit, um den Kopf frei zu bekommen, allein mit dem stetigen Rhythmus der Hufe im Schnee und dem Heulen des Windes. Wer war sie vor jenem Tag in Migar gewesen? Und würde sie es jemals herausfinden? -------------------------------------------------------------------------- Der Tempel lag am Ende des Tals, verborgen zwischen hoch aufragenden Tannen, deren Äste und Nadeln, von Schnee beschwert, ein Gefühl der Stille über die Landschaft legten. Hätten die vier nicht genau gewusst, wo sie suchen mussten, hätten sie ihn niemals gefunden. Der Tempel schien aus der Zeit gefallen zu sein, ein Bauwerk aus makellosem weißen Stein, das sich nahezu perfekt in die verschneite Landschaft einfügte. Nur das leicht angelehnte weiße Tor verriet, dass es hier mehr gab als eine unberührte Kulisse. ,,Können wir unser Lager im Tempel aufschlagen?’’ fragte Leyla, ihre Stimme leicht zitternd vor Kälte. Sie konnte ihre Zehen kaum noch spüren, trotz der dicken Winterstiefel. ,,Ja, das sollte kein Problem sein’’, antwortete Liam, während er sich vorsichtig dem Eingang näherte. ,,Die meisten Tempel aus der Zeit haben einen Vorraum, bevor man zum eigentlichen Inneren gelangt.’’ Sein Blick glitt prüfend über das Tor. Als er die Hand ausstreckte, um es weiter zu öffnen, hielt er plötzlich inne. ,,Hinter der Tür liegt kein Schnee… Durch den Türspalt hätte eigentlich Schnee in den Tempel fallen sollen, doch hier ist nichts.’’ ,,Meinst du, dass jemand anderes kurz vor uns hier angekommen ist?’’ fragte Roxy und legte instinktiv die Hand fester um den Griff ihres Schwertes. Ihre Augen huschten unruhig über die Bäume, als würde sie erwarten, dass jeden Moment jemand aus den Schatten trat. ,,Nein, außer uns sollte niemand hiervon wissen. Lasst uns erstmal reingehen. Fer, kannst du die Tür aufschieben?’’ Der Zwerg nickte, legte seinen Rucksack ab und stemmte sich gegen das Tor. Mit einem dröhnenden, schleifenden Geräusch schwang es auf. Vorsichtig trat Fer als Erster über die Schwelle. ,,Scheint niemand hier zu sein’’, rief er nach einem prüfenden Blick. ,,Ihr könnt kommen.’’ Leyla und Liam folgten ihm, ihre Schritte vorsichtig und leise. Im Raum war es kühl, aber nicht so beißend kalt wie draußen. Die von Liam beschworene Lichtkugel tauchte den Eingangsbereich in ein sanftes, weißes Licht, das von den glatten Steinwänden reflektiert wurde. Der Tempel war von innen genauso schlicht wie von außen. Vier massive Säulen aus weißem Stein trugen das Dach, während der Boden aus polierten Platten bestand, die unter dem Licht fast wie Marmor glänzten. Die Luft war still, beinahe erdrückend ruhig, als ob der Ort seit Ewigkeiten auf Besucher gewartet hätte. Roxy führte die Pferde vorsichtig hinein, ihre Schritte hallten auf dem Steinboden wider. Die Tiere schnauften leise, als spürten sie die ungewöhnliche Energie des Ortes. Am Ende des Raumes befand sich eine breite, steinerne Treppe, die nach unten führte. Sie wirkte, als würde sie in die Dunkelheit selbst hinabgleiten. ,,Wollen wir uns hier den Abend aufwärmen und morgen hinunter gehen?’’ fragte Roxy, während sie die anderen ansah. Die Gruppe nickte zustimmend. Leyla ließ sich an einer der Säulen nieder, spürte die kühle Wand in ihrem Rücken und war einfach nur froh, einen Moment der Ruhe gefunden zu haben. -------------------------------------------------------------------------- Liam hatte in der Mitte des Tempels eine kleine Feuerstelle errichtet. Die Flammen warfen tanzende Schatten an die weißen Wände, ließen die Gravuren auf den Säulen lebendig erscheinen. Die vier saßen im Kreis um das Feuer, das ihre Gesichter in ein warmes, flackerndes Licht tauchte. Leyla spürte ein schmerzhaftes Pochen in ihrer rechten Schläfe. Es war ein vertrautes, unangenehmes Drücken, das ihr den Atem stocken ließ. ,,Das gleiche Pochen wie damals in Migar…’’ dachte sie und fixierte die Flammen, die sich wie lebende Wesen in die Höhe wanden. In ihren Händen lag eine Leinwand, und ihr Stift huschte mit schnellen, geübten Bewegungen über das Papier. Sie wollte die Schönheit des Tals einfangen, bevor die Erinnerung verblasste, bevor die Kälte ihre Eindrücke verschluckte. Liam und Roxy unterhielten sich leise, ihre Stimmen ein sanftes Murmeln im Hintergrund. Sie sprachen über das Gebirge und seine Eigenheiten, über alte Legenden, die mit diesen Bergen verbunden waren. Doch Leyla schenkte ihnen keine Aufmerksamkeit. Ihre Gedanken und ihre Hände waren ganz auf die Leinwand gerichtet. Neben ihr saß Fer, in Gedanken versunken. Seine Finger zupften wiederholt an seinem Bart, während seine Stirn in tiefen Falten lag. Das Zupfen war rhythmisch, fast unbewusst, und Leyla spürte, wie es sie langsam aus ihrer Konzentration riss. Nach dem gefühlt hundertsten Zupfen ließ Leyla den Stift sinken und wandte sich zu ihm. ,,Ist alles okay bei dir, Fer? Du siehst bedrückt aus.’’ Fer hielt inne und blickte sie an, seine Augen schienen einen Moment lang zu zögern. Dann schüttelte er den Kopf. ,,Es ist nichts. Es gibt bei uns nur eine alte Geschichte über einen ähnlichen Tempel. Und deren Inhalt macht mir etwas Sorgen…’’ Leyla richtete sich etwas auf. ,,Erzählst du mir davon?’’ Dann drehte sie sich zu den anderen. ,,Roxy, Liam, seid mal Still, Fer erzählt eine Geschichte’’, Gespannt richteten die drei ihre Aufmerksamkeit auf Fer. Selbst die Pferde, die an der hinteren Wand angebunden standen, schienen innezuhalten. Der Raum war still, bis auf das Knistern des Feuers, das wie eine lebendige Begleitung zu Fers Worten klang. Der Zwerg räusperte sich, seine Hände ruhten nun still auf seinen Knien. Die Flammen spiegelten sich in seinen Augen, als er zu sprechen begann. -------------------------------------------------------------------------- ,,Vor langer Zeit, als die zehn Erzengel noch die Welt bewohnten, wurden sie wie Götter verehrt’’, begann Fer mit ruhiger, aber gewichtiger Stimme. Die Flammen des Feuers warfen tanzende Schatten über sein Gesicht, während die anderen gespannt lauschten. ,,Viele Menschen, Elfen und andere Völker beteten sie an und widmeten ihr Leben dem Glauben. Sie bauten Tempel, schrieben Bücher und errichteten Statuen.’’ Die Stille des Tempels wurde nur vom Knistern des Feuers durchbrochen. Selbst die Pferde wirkten wie in die Erzählung vertieft. Fer zog die Aufmerksamkeit aller mit jeder Silbe weiter in seinen Bann. ,,Diese Leute nannte man Engelskultisten. Sie waren keine Einheit, sondern eher verschiedene Gruppen, die unabhängig voneinander agierten. Sie folgten meist einem bestimmten Erzengel.’’ Seine Worte hatten eine Ernsthaftigkeit, die wie eine Last auf die Hörenden lag. ,,Neben den Tempeln der Engelskultisten, die nicht mehr als große Monumente zu ehren ihrer Götter waren, gab es auch die Engelstempel. Ob sie von der Erzengeln selbst errichtet wurden, weiß niemand, jedoch waren sie ganz anders als die geschmückten Versionen der Sterblichen.’’ Fer blickte auf, und seine Augen schienen die Flammen zu durchdringen, als ob er in eine andere Zeit blicken könnte. ,,Diese Engelstempel lagen überall auf dem Kontinent und darüber hinaus verstreut. Meist waren sie gut versteckt. Sie lagen in tiefen Wäldern, auf abgelegenden Inseln — oder in den Tälern der Gebirge.’’ Die Gruppe hielt den Atem an. Leyla zog ihren Mantel enger um sich, als ob sie spüren könnte, dass die Wände des Tempels sich näher um sie schlossen. ,,In diesen Tempeln schlummerten Geheimnisse, die das Wissen der Sterblichen weit überstiegen. Artefakte, deren Macht Suchende aus der ganzen Welt anlockte. Waffen, die jeden Träger zu einem Ausnahmekrieger machten.’’ Er ließ eine Pause entstehen, die von der Spannung erfüllt war. ,,Doch diese Tempel waren nicht nur Orte des Wissens. Sie bargen Gefahren, die kaum jemand überwinden konnte. Monster und Fallen waren in den Hallen verstreut, und magische Barrieren machten es denen, die nicht stark genug waren, unmöglich, zu den Geheimnissen zu gelangen.’’ Fer atmete tief ein, bevor er weitersprach. ,,Das Gefährlichste war jedoch der Tempelwächter. In der vorletzten Kammer, direkt vor den Schätzen, lebte er. Eine Kreatur mit unvorstellbarer Macht, die es fast unmöglich machte, die Mysterien des Tempels zu erreichen.’’ Seine Stimme wurde leiser, als er weitererzählte. ,,Es gibt die Geschichte von Marwulf, einem Zwergenabenteurer, der mit Hunderten Kriegern in einen solchen Tempel eingedrungen ist. Er überlebte als Einziger den Kampf mit dem Wächter – und das auch nur, weil er fliehen konnte.’’ Fer hielt inne und starrte nachdenklich in die Flammen, die nun höher brannten, als ob sie die Bedeutung seiner Worte unterstreichen wollten. ,,Wenn das hier ein Engelstempel ist’’, sagte er schließlich, ,,erwarten uns viele Fallen und Monster. Ganz zu schweigen von dem Wächter. Natürlich sind Legenden und Geschichten oft ausgeschmückt, aber ich denke trotzdem, dass wir vorsichtig sein sollten.’’
- Kapitel 42 - Die Ruhe nach dem Sturm
In dem Moment, in dem Leyla die Kette berührte, wurde es in der ganzen Halle dunkel. Die Fackeln erloschen mit einem leisen Zischen, der Feuerball des Drachen verpuffte, und auch das Monster, das sie an den Rand ihrer Kräfte gebracht hatte, war verschwunden. Eine unnatürliche Stille legte sich über die Halle, so vollkommen, dass Leyla ihren eigenen Herzschlag hören konnte. Leyla hatte mit ihrer Annahme recht gehabt. Und damit hatte sie sich und ihren Freunden das Leben gerettet. Die Erleichterung, die sie durchströmte, war überwältigend. Erschöpft atmete sie tief durch. Doch mehr als alles andere fühlte sie Stolz. Stolz darauf, dass sie den richtigen Riecher gehabt hatte. Stolz darauf, dass sie ihre Angst überwunden hatte. Stolz darauf, dass sie ihre Verbündeten nicht zurückgehalten, sondern zum Sieg geführt hatte. ,,Geht es euch gut?’’ rief sie in die undurchdringliche Dunkelheit. Ihre Stimme hallte in der Leere wider, bevor sie in der Ferne verklang. Vorsichtig tastete sie sich an der kalten, rauen Wand entlang in Richtung des Ausgangs. Der erste der antwortete war Liam: ,,Ja, es geht uns allen gut. Das war unglaublich Leyla!’’ ,,Das war… doch… einfach’’, schnaufte Fer. Seine Stimme klang erschöpft, aber voller Stolz. Leyla spürte, dass er seine Kräfte bis aus Letzte ausgereizt hatte, doch sie ließ ihm den Moment, ohne ihn darauf anzusprechen. ,,Roxy? Ist alles gut bei dir? Wo bist du?’’ Leylas Stimme war von Sorge erfüllt. ,,Ich bin hier drüben. Ich hab das Gefühl, dass mein linker Arm gebrochen ist, aber ansonsten geht es mir gut.’’ Roxys Stimme zitterte vor Schmerz, und Leyla spürte einen Stich von Schuld und Mitgefühl. Es dauerte eine Weile, doch nach einer knappen Stunde hatten sie den langen, düsteren Weg durch die Halle hinter sich gelassen. Das schwache, flackernde Licht der Glaskugeln begrüßte sie wie ein alter Freund, der ihnen Hoffnung schenkte. Fer stützte Roxy, die bei jedem Schritt schwankte, und half ihr, die Treppe zu erklimmen. Der steinerne Aufstieg fühlte sich endlos an, jeder Schritt hallte durch den Turm wie das Echo eines längst vergangenen Kampfes. Als sie endlich ins Freie traten, umfing sie die frische Nachtluft wie eine tröstende Decke. Der Mond thronte wie ein stiller Wächter über ihnen, und das Flüstern der Blätter im Wind löste die Spannung in ihren Schultern. Nach der erstickenden Stille des Turms wirkte die Nacht lebendig, voller Leben und Versprechen. Leyla rannte direkt zu Himmel, ihrem treuen Pferd, und umarmte seinen glänzenden, schwarzen Hals. ,,Du weißt nicht, wie sehr ich das gerade brauche’’, flüsterte sie mit zitternder Stimme. Himmel wieherte sanft, seine großen, warmen Augen spiegelten das Mondlicht wider. Er rieb seinen Kopf liebevoll an Leylas Wange, und sie schloss die Augen. Alles, was sie fühlte, war das weiche Fell ihres Gefährten und die überwältigende Erleichterung, die sie erfüllte. Für einen Moment war alles andere vergessen. Die Bilder des Drachen, die Schreie ihrer Freunde – alles verschwand in der Berührung des warmen Fells. Sie hatten es geschafft. -------------------------------------------------------------------------- Erschöpft ließ sich Leyla in ihr Bett fallen. Die Reise zurück nach Malyl war ohne weitere Probleme verlaufen, doch nun machte sich die Müdigkeit mit voller Wucht bemerkbar. Ihr Zimmer war klein, aber gemütlich. Das schummrige Licht einer Öllampe warf sanfte Schatten an die Wände, die von Holzbalken gestützt wurden. Der Duft von getrockneten Kräutern, die in kleinen Bündeln an der Decke hingen, mischte sich mit der leichten Frische der Nachtluft, die durch das gekippte Fenster hereindrang. ,,Nur noch fünf Wochen…’’ murmelte sie, während sie ihre schmutzigen Kleider auszog und sie achtlos über einen Stuhl warf. Der Stoff fühlte sich rau an, voller Erinnerungen an die Reise, die sie gerade beendet hatten. Auf der Rückreise hatte Liam schon von dem Nächsten besonderen Auftrag erzählt. Seine Stimme klang in Leylas Erinnerung noch nach, energisch und voller Begeisterung: „Mein Kontakt meinte, dass der Tempel über viertausend Jahre alt ist. Ich wette, da können wir so einige wertvolle Schätze finden!“ Seine Grinsen war noch vor ihrem inneren Auge, während sie in Gedanken bereits das Abenteuer vor sich sah. Der Tempel, den sie in fünf Wochen erkunden würden, lag einige Tagesreisen westlich von Malyl, tief in den ungezähmten Wäldern der Hamalien. Das war kein gewöhnlicher Ort – schwer zugänglich, voller Geheimnisse und vermutlich unberührt seit Jahrtausenden. Leyla spürte, wie die bekannte Mischung aus Vorfreude und Neugier in ihr aufstieg, als sie an die Geschichten dachte, die sie in den vergangenen Wochen gehört hatte. Doch vorerst war Ruhe angesagt. Mit dem Gold, das sie für die Beschaffung der Kette erhalten hatten, konnten sie es sich leisten, eine Weile in Malyl zu bleiben und das Leben zu genießen. Sie würde endlich wieder ihre Abende in der Taverne verbringen, den Duft von frisch gebackenem Brot genießen und vielleicht den neuen Markt erkunden, der sich im westlichen Viertel entwickelt hatte. Roxy würde diese Zeit ebenfalls brauchen, um sich von ihren Verletzungen zu erholen. Leyla hoffte, dass ihre Freundin schnell wieder auf die Beine kommen würde. Sie konnte Roxys erschöpftes, aber vor Stolz strahlendes Gesicht immer noch vor sich sehen, als sie Malyl erreicht hatten. Langsam, ganz allmählich, übernahm die Müdigkeit ihr Bewusstsein. Der weiche Stoff der Decke fühlte sich wie eine Umarmung an, und das leise Rauschen der Blätter vor ihrem Fenster lullte sie ein. Es dauerte nicht lange, da war sie bereits in einen tiefen, traumlosen Schlaf gefallen. -------------------------------------------------------------------------- ,,Hast du alle Sachen gepackt?’’ ,,Natürlich hab ich das. Endlich können wir wieder ein neues Abenteuer beginnen. Ich hoffe für dich, dass es das Warten wert war, Liam.’’ Leyla und Liam standen im Stall, wo Himmel und die anderen Pferde in ihren Boxen geduldig auf den Aufbruch warteten. Die warme, trockene Luft des Stalls war erfüllt vom erdigen Geruch nach Stroh und dem leichten Duft nach Leder, der von den Satteln ausging. Himmel schnaubte leise, als ob er die bevorstehende Reise bereits erahnte. Draußen bedeckte ein weißer Teppich aus Schnee die weiten Landstriche der Mittellande. Die sonst so saftig grünen Felder lagen unter einer stillen, eisigen Decke. Die Bäume wirkten wie in helle Mäntel gehüllt, ihre Äste von einer dünnen Schicht glitzernden Schnees bedeckt. Der Wind wehte sanft, aber eiskalt durch die Landschaft, ließ die Luft klar und schneidend erscheinen. Bald würde es Frühling werden, doch noch herrschte die frostige Ruhe des Winters. ,,Na ihr beiden? Schon aufgeregt?’’ Die tiefe, brummige Stimme von Fer ließ die beiden herumfahren. Der Zwerg stapfte mit seinem schweren Rucksack und einer neuen Streitaxt in der Hand heran. Seine Kleidung war dünn, eigentlich unpassend für den Winter, doch seine dichten, von der Kälte unbeeindruckten Züge verrieten seinen natürlichen Widerstand gegen extreme Temperaturen. Nur noch Roxy fehlte. Ihr Arm war längst verheilt, und Leyla wusste, dass ihre Freundin mindestens genauso aufgeregt war wie sie selbst. ,,Ob sie sich verspätet?’’ murmelte Leyla, doch in diesem Moment entdeckte sie einen vertrauten roten Schimmer in der Ferne. Roxy, deren leuchtendes Haar sich wie ein roter Faden von dem weißen Schneefeld abhob, kam gemächlich näher. Ein Korb baumelte in ihrer Hand, während ihr Schwert sicher an ihrem Gürtel befestigt war. ,,Roxy!!! Da bist du ja, beeil dich!’’ rief Leyla und winkte ihr zu. ,,Entspann dich, wir haben doch genug Zeit. Außerdem habe ich uns noch frisches Brot gekauft. Fühl mal, es ist noch ganz warm.’’ Roxy streckte ihr den Korb entgegen. Leyla verzog das Gesicht zu einem Schmollen, konnte sich aber ein breites Grinsen nicht verkneifen, als sie das warme Brot in der Hand spürte. Der Duft war beruhigend, eine Erinnerung an gemütliche Abende in Malyl. ,,Ich war einfach das Warten leid. Deinem Arm geht es auch wirklich gut?’’ ,,Ja klar, er ist wieder wie neu. Alles dank…’’ ,,Die Pferde sind soweit. Ihr habt auf der Reise noch genug Zeit zu reden’’, unterbrach Liam mit einem Lächeln und führte die Tiere aus dem Stall. Leyla kletterte auf den Rücken von Himmel, dessen weiches, schwarzes Fell sich warm unter ihren Händen anfühlte. Sie strich ihm über den Hals und richtete ihren Blick auf den Horizont, wo die schneebedeckten Gipfel der Hamalien sich majestätisch gegen den klaren, blauen Winterhimmel abhoben. Was sie wohl in dem Tempel erwarten würde?
- Kapitel 41 - Schwarze Blütenblätter
Roxy stürmte auf den Drachen zu, ihre Schritte hallten auf dem kalten Steinboden wider, während sie laut schrie, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Der Drache wandte ihr langsam seinen durchdringenden Blick zu. Seine roten Augen funkelten gefährlich, bevor er sein Maul öffnete und eine dünne, zischende Säule aus Feuer in ihre Richtung schoss. Mit einer geschmeidigen Bewegung wich Roxy aus, sprang gegen die Wand und lief einige Schritte an ihr entlang, bevor sie sich mit einem kraftvollen Tritt abstieß. Für einen Augenblick schien sie in der Luft zu schweben, bevor sie auf den Drachen zuschoss, ihr Schwert in der Hand wie ein Speer. Währenddessen kniete Liam am Rand des Raumes, die Hände ausgestreckt, umgeben von einer eisigen Aura. Stachel aus himmelblauem Eis formten sich langsam in seinen Händen, während seine Lippen leise Worte murmelten. Seine Augen waren auf den Drachen gerichtet, jeder Muskel seines Körpers angespannt. Eismagie war eine Unterstufe der Wassermagie – kompliziert und anstrengend. Es erforderte höchste Konzentration und am besten eine starke Affinität zum Element. Liam jedoch hatte nur eine geringe Affinität zur Wassermagie. Trotzdem wusste er, dass gegen Erddrachen, wie den, der vor ihnen stand, Eismagie am effektivsten war. Der Gedanke an die Schwäche des Drachen gab ihm den Fokus, den er brauchte. Fer, der durch seine zwergische Herkunft eine natürliche Resistenz gegen Drachenfeuer hatte, stürmte mit donnernden Schritten auf den Drachen zu. Seine mächtige Axt blitzte im Licht der magischen Fackeln auf, während er immer wieder auf die Klauen des Drachen hieb. Doch für jeden seiner Angriffe, musste Fer auch einmal zurückweichen, sobald das Maul des Drachen nach ihm schnappte. Leyla, die die Hitze des Kampfes ignorierte, rannte unter dem linken Flügel des Drachen hindurch. Ihre Klinge konnte die Schuppen zwar nicht durchdringen, doch durch schmale Spalten zwischen den Platten gelang es ihr, kleinere Verletzungen zuzufügen, die den Drachen wütender machten. Mit einem kühnen Satz landete Roxy auf dem Kopf des Drachen. Ihr Schwert zielte auf eines seiner Augen. Doch bevor sie es erreichen konnte, schüttelte der Drache seinen massiven Kopf so heftig, dass Roxy den Halt verlor. Sie stürzte in die Tiefe, ihr Schrei hallte von den Wänden wieder. Der Drache wandte sich ihr zu, sein Maul öffnete sich, bereit, sie mit einem Biss zu verschlingen. Als plötzlich zwei glitzernde Eisstachel, von Liam abgefeuert, direkt gegen die Stirn des Drachen flogen. Der Treffer ließ das Biest kurz zurückweichen. Fer rannte los, fing die fallende Roxy auf und zog sie aus der Gefahrenzone, bevor er sich wieder auf den Drachen stürzte. ,,Es läuft gut, wir können das schaffen!’’ Leyla hatte es inzwischen geschafft, auf den Rücken des Drachen zu klettern. Ihr Ziel war der Nacken, wo die Schuppen dünner schienen. Plötzlich begann der Körper des Drachen zu glühen, ein tiefes, pulsierendes Leuchten, das von seiner Brust ausging und sich über seinen ganzen Körper ausbreitete. Die Hitze wurde unerträglich. Leyla sprang ab und landete hart neben Fer, das Schwert fest in der Hand. Die vier standen nun wieder nebeneinander. Ihr Atem ging schwer, noch sie waren unverletzt. ,,Wir machen das gut, wir werden ihn besiegen!’’ rief Leyla ihren Kameraden voller Überzeugung zu. Fer jedoch schüttelte den Kopf. ,,Nein, es ist viel zu einfach. Ein Drache ist eigentlich viel mächtiger. Und schau dich um – ich sehe kein Loch, keine Öffnung, aus der er gekommen sein könnte. Es ist unmöglich, dass wir ihn übersehen haben…’’ Leyla erstarrte, ihre Augen suchten die Umgebung ab. Fer hatte recht. Sie erinnerte sich an die Geschichten von Drachen, die ganze Armeen ausgelöscht hatten. Dieser Drache wirkte dagegen lächerlich schwach, fast zahm . ,,Egal, Hauptsache wir gewinnen.’’ -------------------------------------------------------------------------- Mit jeder Minute, die der Kampf dauerte, wurde die Halle heißer. Leyla spürte, wie ihre Kleidung immer weiter vom Schweiß durchnässt wurde, während die stickige, glühende Luft ihr das Atmen erschwerte. Es fühlte sich an, als wäre die Halle ein Ofen, und der Drache das Feuer, das sie alle verschlingen wollte. Trotz ihrer Bemühungen schienen sie dem Drachen keinen ernsthaften Schaden zufügen zu können. Die mächtigen Schuppen des Biestes schienen undurchdringlich, und jeder Angriff prallte wirkungslos ab. Doch genauso wenig war der Drache in der Lage gewesen, einen von ihnen zu verletzen – ein trügerisches Gleichgewicht, das Leylas Kräfte langsam erschöpfte. Roxys Brust hob und senkte sich schwer, und ihr Gesicht war gerötet vor Anstrengung. ,,Einen Kampf in Sachen Ausdauer gewinnen wir nicht… Verdammt, wir können so nicht weitermachen…’’ keuchte sie, das Schwert locker in ihrer Hand. Leyla nickte. Sie fühlte, wie ihre Beine nachgaben und ihre Arme schwer wurden. In ihrem Kopf drehte sich alles nur um einen Gedanken: Wenn sie doch nur stärkere Erdmagie beherrschen könnte! Doch so sehr sie sich auch bemühte, die Magie schien sie zu verspotten. ,,Was glaubst du, Roxy? Wieso ist der Drache hier? Es ergibt keinen Sinn, dass er einfach so aus dem Nichts erschienen ist…’’ Leylas Stimme zitterte leicht, während sie sprach. Sie runzelte die Stirn und ließ ihren Blick durch die Halle schweifen. Da fiel ihr Blick auf den glänzenden Gegenstand am Ende des Raumes – die Kette, die in der Vitrine lag! Ihr Herz schlug schneller. ,,Ich hab’s! Der Drache ist nur hier, um die Kette zu beschützen!’’ rief sie plötzlich und ihre Stimme war durchdrungen von einer neuen Energie. Sie drehte sich zu ihren Gefährten um. ,,Könnt ihr den Drachen ablenken?’’ ,,Die Kette? Glaubst du wirklich?’’ fragte Fer ungläubig. In diesem Moment schwang der Drache seine mächtige Klaue, und Fer hob gerade noch rechtzeitig seine Axt, um den Schlag abzuwehren. Die Wucht des Aufpralls schleuderte ihn gegen die harte Tempelwand. Mit einem ohrenbetäubenden Krachen landete er am Boden, doch er schüttelte den Staub ab und sprang wieder auf. ,,Alles klar, Leyla! Ich vertraue dir!’’ rief er mit einer Stimme, die wie Donner durch den Raum hallte. Roxy, deren Atem immer noch schwer ging, zog ihr Schwert fester. ,,Hier bin ich, du Riesensalamander!’’ schrie sie, während sie auf den Drachen zusprang. Der Vergleich mit einem Salamander schien das Biest in Rage zu versetzen, denn es bäumte sich auf, seine Schuppen begannen erneut in einem pulsierenden, bedrohlichen Rot zu glühen. Auch Liam, der etwas abseits stand und die Szene beobachtete, nickte Leyla zu. ,,Leute, wenn Leyla ausnahmsweise mal eine Idee hat, ist sie in der Regel gut. Lasst uns versuchen ihr Zeit zu verschaffen!’’ rief er mit einem schiefen Grinsen. Leyla musste lachen. Früher hätten sie Liams Worte zur Weißglut gebracht, aber jetzt gaben sie ihr die Entschlossenheit, die sie brauchte. Mit neuer Energie rannte sie los, ihren Blick fest auf die Kette am anderen Ende des Raumes gerichtet. Währenddessen warfen sich ihre Gefährten mit allem, was sie hatten, erneut in den Kampf. -------------------------------------------------------------------------- Leyla rannte, so schnell sie konnte. Ihre Schritte hallten dumpf auf dem kalten Steinboden wider, während sie sich unter der scharfen Klaue des Drachen hindurchduckte. Der Gestank von Rauch und verbranntem Stein füllte die stickige Luft. Funken tanzten um sie herum, als die Pranke des Drachen auf den Boden krachte, wo sie eben noch gestanden hatte. ,,Ich muss es schaffen, ich muss es schaffen.’’ Dieser eine Satz hämmerte unaufhörlich in ihrem Kopf, drängte jedes Gefühl von Angst zur Seite. Sie hatte es bis zu seinem Schwanz geschafft und nutzte dessen Moment der Bewegung, um mit einem gewagten Sprung über ihn hinwegzukommen. Ihr Herz pochte so heftig, dass es in ihren Ohren rauschte, und jede Faser ihres Körpers schrie vor Schmerz und Erschöpfung. Doch sie durfte jetzt nicht aufgeben. Mit jedem Schritt, der sie näher zur Kette brachte, klammerte sie sich an den Gedanken, dass es die einzige Möglichkeit war, diesen Kampf zu beenden. Während sie auf die Kette zustürzte, lag Roxy regungslos in einer Ecke der Halle. Der Drache hatte sie mit einem gewaltigen Prankenhieb quer durch den Raum geschleudert. Blut rann aus ihrem Mundwinkel und färbte den kalten Stein unter ihr rot. Ihr Schwert lag mehrere Meter entfernt, unerreichbar für ihre zitternden Hände. Auch Fer war erschöpft. Der unermüdliche Krieger kniete auf der anderen Seite des Raumes, gestützt auf seine Axt. Sein Atem ging schwer, und sein Blick war mühsam auf den Drachen gerichtet. Er kämpfte darum, wieder aufzustehen, doch seine Kräfte verließen ihn zunehmend. Liam war der Einzige, der sich noch in Bewegung hielt. Seine magischen Kräfte waren aufgebraucht, und so kämpfte er jetzt mit seinen Dolchen. Sein schlanker Körper wirbelte um den Drachen herum, und immer wieder gelang es ihm, kleine Angriffe zu landen. Ein tiefes, klaffendes Mal über dem linken Auge des Drachen zeugte von seinem Mut und seiner Schnelligkeit Doch als Liam einen weiteren Angriff auf das verletzte Auge des Drachen starten wollte, erstarrte er. Sein Blick folgte dem des Drachen, und in einem einzigen Augenblick begriff er, was passieren würde. Der Drache hatte Leyla entdeckt. Sein Maul öffnete sich weit, rote Linien pulsierten zwischen seinen Schuppen und ließen sie wie glühende Lava wirken. Ein gewaltiger Feuerball begann sich zwischen seinen Reißzähnen zu formen, größer und tödlicher als alles, was sie zuvor von ihm gesehen hatten. Liam stürzte nach vorne. ,,Fuck, ich bin nicht schnell genug… LEYLA, PASS AUF!’’ schrie er verzweifelt. Leyla wirbelte herum. Für einen Moment schien die Welt stillzustehen. Alles, was sie sah, war die riesige Feuerkugel, die sich wie ein brennender Meteor auf sie zubewegte. Sie warf sich zur Seite, doch tief in ihrem Inneren wusste sie: Sie war nicht schnell genug. -------------------------------------------------------------------------- Es war nicht das erste Mal, dass Leyla dem Tod in die Augen geblickt hatte. Das erste Mal war im Wald der Arach, als Liam sie alleine zurückgelassen hatte. Sie hatte später von ihm erfahren, dass er die ganze Zeit in der Nähe gewesen war, bereit einzugreifen, falls es gefährlich wurde. Doch in dem Moment, als sie allein zwischen den finsteren Bäumen und den leuchtenden Augen der Spinnen gestanden hatte, wusste sie das nicht. Das zweite Mal war während des Kampfes gegen Maegnar. Dort hatte sie für einen Moment das überwältigende Gefühl gehabt, dass sie tatsächlich gestorben war. Nachdem der Kampf vorbei war, hatte sie sich jedoch unversehrt wiedergefunden. Schließlich war sie zu dem Schluss gekommen, dass ihre Angst ihr einen Streich gespielt hatte. Das dritte Mal hatte sie Todesangst, als sie in völliger Dunkelheit in einem Keller eingesperrt war. Allein, von der Stille und der Finsternis fast erdrückt. Sie hatte bereits aufgegeben, als Liam auftauchte. Er hatte ihre Entführer verfolgt und sie alle getötet, um sie zu retten. Sein Gesicht war das Erste gewesen, das sie nach Tagen der Verzweiflung gesehen hatte. Dann war da noch der Kampf mit dem Stahlbären. Sie und Liam hatten ihn besiegt, aber nur knapp. Liam hatte schwer verletzt überlebt, und auch sie hatte Narben davongetragen, die sie immer an diesen Moment erinnern würden. Doch jetzt, im Angesicht der glühenden Feuerkugel, die so hell brannte wie die Sonne und heiß genug war, um den Stein unter ihr zu schmelzen, war sie sich sicher, dass nichts sie mehr retten konnte. Die Luft um sie herum verschwamm vor Hitze, und ein ohrenbetäubendes Dröhnen erfüllte den Raum. Jeder Atemzug fühlte sich an, als würde er ihre Lungen verbrennen. „Das war’s …“ dachte sie und schloss ihre Augen. -------------------------------------------------------------------------- Als Leyla ihre Augen öffnete, blendete sie ein grelles, weißes Licht. Es schien von überallher zu kommen, durchdrang die Dunkelheit und ließ alles andere verblassen. ,,Bin ich gestorben?’’ dachte Leyla, während ein Gefühl tiefer Traurigkeit sie durchströmte. Ihr Herz wurde schwer bei dem Gedanken, dass sie ihre Freunde und all die Abenteuer, die sie noch erleben wollte, verloren hatte. Doch allmählich begann das Licht zu schwinden. Die Konturen der Halle kehrten zurück, und Leyla erkannte, dass sie lebendig war. Sie lag unversehrt auf dem Boden. Die Hitze war gewichen, die Feuerkugel verschwunden, und die Luft fühlte sich kühl an, fast beruhigend im Vergleich zu der sengenden Glut von zuvor. Ihr Blick fiel auf etwas vor ihr. Auf dem Boden lag eine verbrannte Blume, die sich langsam in feine Asche auflöste. Es war die Blume, die Finn ihr geschenkt hatte. Ihre einst strahlend weißen Blütenblätter waren schwarz vor Ruß, der grüne Stängel war verkohlt und zerbrochen. Leyla schluckte schwer, schüttelte dann jedoch den Kopf. ,,Ich hab keine Zeit zum Trauern.’’ Entschlossen sprang sie auf die Beine. ,,Das ist meine Chance!’’ Sie sprintete die letzten Meter zur Vitrine, die das Ziel ihres Kampfes enthielt. Mit einem wilden Schrei holte sie aus und schlug mit dem Knauf ihres Schwertes auf das Glas ein. ,,Das Glas kann mich nicht aufhalten, genauso wenig wie dieser Drache! Ich werde die Kette holen, egal, was es kostet!’’ —KLIRR— Das Glas zersprang in tausend Scherben, die wie schimmernde Splitter durch die Luft flogen. Eine davon schnitt Leyla am Kinn. Ein dünner, warmer Blutstrom lief über ihre Haut, doch sie ignorierte den Schmerz. Ihre Augen waren nur auf die Kette gerichtet. Hinter ihr spürte sie die drückende Hitze, die sich erneut aufbaute. Ein weiteres Brüllen des Drachen kündigte den bevorstehenden Angriff an. Die Luft schien wieder schwerer zu werden, als sie die Hand nach der Kette ausstreckte. ,,Bitte…’’ flüsterte sie mit zitternder Stimme, während ihre Finger sich um das kalte Eisen der Kette schlossen. „Bitte lass es funktionieren. Bitte lass uns das überleben.“
- Kapitel 40 - Der Atem des Abgrunds
Vorsichtig, Stufe für Stufe, kletterten die Vier in den dunklen Abgrund. Die Luft war dick und schwer, erfüllt von dem strengen Geruch nach Moder und abgestandenem Wasser, der Leylas das Atmen erschwerte. Sie begann leicht zu zittern, während es mit jedem weiteren Schritt kühler wurde. Als sie schließlich am Fuß der Treppe ankamen, erhellte die Kugel einen kleinen Raum. In den dunklen Ecken unter der Decke spannten sich dichte Spinnenweben wie filigrane Vorhänge, während die alten Holzkisten, von der Feuchtigkeit aufgequollen, verstreut auf dem unebenen Steinboden lagen. Das, was Leylas Aufmerksamkeit erregte, war jedoch etwas anderes. Die Holztür gegenüber der Treppe übte eine besondere Anziehungskraft auf sie aus. War es der rote Pfeil, der ihren Blick fesselte, oder das fahle Licht, das wie ein Versprechen – oder eine Warnung – unter dem Spalt hervorsickerte? ,,Wahrscheinlich ist das Kreuz nicht in diesem Raum, sondern hinter der Tür, oder?’’ fragte Leyla den Zwerg. ,,Stimmt, ich denke, der Pfeil ist von unserem Auftraggeber. Lass uns vorsichtig bleiben, ich gehe vor.’’ Er wollte gerade die Tür öffnen, als Liam sich vor ihn schob. ,,Hier könnten Fallen sein. Lass mich vorgehen!’’ sagte Liam und warf Fer einen entschlossenen Blick zu. Fer zögerte, seine Augen verengten sich, doch schließlich nickte er widerwillig, seine Lippen zu einer schmalen Linie gepresst. Vorsichtig öffnete Liam die alte Tür, die mit einem, den ganzen Raum füllenden, Knarren aufschwang. Während Liam den Boden und die Wände nach Fallen absuchte, blickte Leyla über seine Schulter. Vor ihnen erstreckte sich ein schmaler, beklemmender Gang, dessen Wände aus kaltem, feuchtem Stein bestanden. An der Decke waren in regelmäßigen Abständen gläserne Kugeln befestigt, von denen etwas Licht die Dunkelheit vertrieb. Die Glaskugeln kamen Leyla bekannt vor, aber sie konnte nicht zuordnen, woher. ,,Solche Magie habe ich noch nie gesehen’’, flüsterte Fer leise. Dann fügte er hinzu: ,,Nein, das sieht überhaupt nicht wie Magie aus…’’ ,,Hier sind keine Fallen.’’ unterbrach ihn Liam und gab seinen Freunden das Zeichen, ihm vorsichtig zu folgen. -------------------------------------------------------------------------- ,,Huch!?’’ rief Leyla, als ihr ein einzelner, kalter Wassertropfen auf die Wange tropfte und sie zusammenfahren ließ. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, und sie schluckte schwer, um das Unbehagen zu vertreiben. ,,Pass auf, das Wasser hat dich erwischt!’’ rief Liam mit einem Grinsen, doch als er den ernsten Blick von Fer sah, strafften sich seine Gesichtszüge erneut. Leyla merkte, wie sie errötete, doch auch sie richtete ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Umgebung. ,,Was wohl hinter der nächsten Tür ist?’’ Liam hatte bereits begonnen, die Tür nach Fallen abzusuchen, während Roxy Leyla etwas zur Seite nahm: ,,Wie geht es dir? Wenn es dir zu viel wird, können wir jederzeit umdrehen.’ ,,Alles gut, du musst dir keine Sorgen um mich machen. Ich schaff das!’’ verkündete Leyla. Sie wollte ihrer Gruppe kein Klotz am Bein sein. Sie wollte nicht, dass sich Roxy um sie extra Sorgen machte. Liam tastete die Tür sorgfältig ab, bevor er leise murmelte: ,,Keine Drähte, keine magischen Siegel… zumindest nichts, was ich erkennen kann.’’ Dann sah er zu den anderen: ,,Es sieht sicher aus.’’ Dann drüchte er langsam die Türklinke nach unten. Die Tür öffnete sich leise und schwang ganz leicht auf. Auf der anderen Seite offenbarte sich ihnen ein riesiger Raum. ,,Was ist das hier für ein Keller? Das sieht eher wie ein Thronsaal oder eine Kathedrale aus…’’ stellte Roxy fest. Der Raum war fast einhundert Meter lang und dreißig Meter breit. Am anderen Ende des Raumes befanden sich einige Stufen, an deren Ende eine Art Vitrine lag, in der eine Kette mit einem Kreuz dran zu sehen war. ,,Das muss die Kette sein’’, flüsterte Fer leise. Die kunstvollen Verzierungen an den Wänden wirkten wie Reliefs einer vergessenen Ära, und das flackernde Licht der Fackeln, die am Boden vor den Wänden standen, tauchte den Raum in ein fast überirdisches Glühen. ,,Wie können hier Fackeln brennen? Es sollte doch seit Ewigkeiten niemand mehr hier gewesen sein…’’ flüsterte Leyla ehrfurchtsvoll. ,,Das sind magische Lichter. Die brennen so lange, wie sich derjenige, der sie entzündet hat, in der Nähe befindet.’’ Liams Stirn runzelte sich, während er den Raum nach der Person absuchte, die das Feuer mit Mana speiste. ,,Das gefällt mir nicht, wir sollten umkehren…" murmelte Fer und begann, sich langsam in Richtung Ausgang zu bewegen. Sein Blick huschte rastlos von einer Fackel zur nächsten, und seine Schritte waren so vorsichtig, dass man beinahe die Anspannung in der Luft hören konnte. Ein leises Knacken hallte durch den Raum, und für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. Dann hörten sie es – ein Brüllen, so tief und mächtig, dass die Luft selbst zu vibrieren schien. Leyla gefror das Blut in den Adern. -------------------------------------------------------------------------- — ROOOAAAAAR — Der ganze Saal bebte, und einige Kiesel lösten sich aus der Decke, regneten, begleitet von dichten Staub- und Erdwolken, auf den Boden herab. Der dumpfe Klang des herabfallenden Gesteins hallte in der gewaltigen Halle wider, vermischt mit dem schrillen Echo des Brüllens. Die Staubwolke verdeckte Leyla die Sicht vollständig. Ein stechender, trockener Geruch stieg ihr in die Nase, und sie spürte, wie sich feine Staubpartikel in ihrer Kehle festsetzten. Ihre Gedanken überschlugen sich: ,,Was war das? Ein Monster?’’ Panik stieg in ihr auf, als sie realisierte, dass sie ihre Gefährten aus den Augen verloren hatte. „Fer! Liam! Roxy!“ schrie sie, doch ihre Stimme wurde von der überwältigenden Stille nach dem Brüllen verschluckt. Kein Echo, keine Antwort. Leyla verbarg ihr Gesicht in der Kapuze ihres Mantels, um sich vor dem herabfallenden Staub zu schützen, und wartete einen Moment. Ihr Herz pochte unkontrolliert, jeder Schlag ein Trommeln gegen ihre Rippen. Als sie den Stoff senkte, konnte sie schemenhaft ihre Begleiter ausmachen. Ihre Umrisse flackerten im Licht der magischen Fackeln, die trotz des Chaos unermüdlich brannten. Leyla atmete erleichtert auf, doch ihre Erleichterung verwandelte sich sofort in kalten Schrecken, als ihr Blick auf das fiel, was sich hinter ihren Gefährten auftürmte. Durch den immer noch schwebenden Staub sah sie nur Umrisse, doch sie wusste sofort, was dieses markerschütternde Brüllen ausgestoßen hatte. Das Monster hatte glänzende, braune Schuppen, die wie poliertes Metall in dem tanzenden Licht schimmerten. Sein Maul war gespickt mit Reißzähnen, scharf wie Dolche, und schwere Flügel spannten sich wie gewaltige Segel über den Raum. Aus seinen rot glühenden Augen funkelte eine Intelligenz, die beinahe noch beängstigender war als seine Gestalt. Die Hitze, die von seinem Körper ausging, war drückend – als hätte jemand ein Schmiedefeuer in der Halle entfesselt. Die gewaltigen Pranken des Biests, jede von der Größe eines ausgewachsenen Pferdes, gruben sich in den Boden, und der tiefe, gleichmäßige Atem des Monsters ließ Leylas Herz für einen Moment stillstehen. ,,Ei- Ein Drache…’’ keuchte Leyla, ihre Augen weit aufgerissen. Sie wusste, dass Drachen gefährlich waren. Sie wusste, dass sie äußerst mächtig waren. Und sie wusste, dass das Leben ihrer Gruppe für dieses Wesen den gleichen Wert hatte wie ein Käfer unter ihrem eigenen Schuh. Der Staub legte sich allmählich, und Leyla sah die Reaktionen ihrer Freunde. Roxy hielt ihr Schwert mit bebenden Händen, und selbst Liam, der sonst immer einen lockeren Spruch auf den Lippen hatte, war sichtlich blass. Fer hingegen stand wie ein Fels, seine Augen verengt, seine Streitaxt bereit. Zum ersten Mal konnte Leyla den Drachen in seiner vollen Pracht sehen. Trotz der Gefahr, die von ihm ausging, war er von einer unfassbaren Schönheit. Die braunen Schuppen schimmerten wie Edelsteine, und die prächtigen Flügel erinnerten an die Segel eines gigantischen Schiffes, doch mit einer Eleganz, die jedes Menschenwerk übertraf. Der Raum strahlte eine unbeschreibliche Schönheit aus. Das Spiel der magischen Lichter auf den verzierten Wänden verlieh dem Ort eine majestätische Aura, die nur vom gewaltigen Drachen übertroffen wurde. Seine Präsenz war ein atemberaubender Anblick, der Ehrfurcht und Schrecken zugleich hervorrief. Liam und Roxy hatten mittlerweile ihre Waffen gezogen und standen nun an Leylas Seite, bereit, das Schlimmste zu überstehen. ,,Was habe ich getan? Wo habe ich uns hingeführt? Das ist alles meine Schuld…’’ Leyla biss sich auf die Lippen, während ihr diese Gedanken durch den Kopf schossen. Sie hatte ihre Freunde zu diesem Auftrag gedrängt, hatte gehofft, sich beweisen zu können Sie hatte gehofft, dass sie sich im Kampf beweisen würde. Doch ein Drache? Das war zu viel… Das Maul des Drachen öffnete sich und sie konnte erkennen, wie sich ein Ball aus Flammen in seinem Schlund formte. ,,Das wars. Wir sind tot…’’ Sie war wie gelähmt, unfähig, sich zu bewegen. Tränen traten ihr in die Augen, doch plötzlich riss ein Schrei sie aus ihrer Starre. ,,BLEIBT IN DER FORMATION! GEBT NICHT AUF, DANN HABT IHR SCHON VERLOREN!!!’’ Fer stürzte sich auf den Drachen und ließ seine Streitaxt auf den geöffneten Mund krachen. Der Schlag war so stark, dass der Drache überrascht zurückwich und der glühende Feuerball verpuffte. Wütend schlug das Biest mit einer Pranke nach Fer, doch der Zwerg ließ sich geschickt zurückfallen. Der Angriff ging ins Leere. Der Mut in Fers Augen entzündete etwas in ihr. Sie richtete sich auf, ihre Hände um den Schwertgriff fester als je zuvor. Zum ersten Mal, seit der Drache gebrüllt hatte, fühlte sie etwas anderes als Angst: Entschlossenheit.
- Kapitel 39 - Wo die Dunkelheit wartet
Die Äste des Baumes wippten im Wind — sie sahen tatsächlich so aus, als würden sie durch die Luft tanzen. Leyla, Fer, Liam und Roxy saßen um das knisternde Lagerfeuer herum. Die Flammen züngelten empor, ihr Licht flackerte im Takt des Windes, während der Rauch in den wolkenverhangenen Himmel stieg, als wollte er sich mit den Schatten der Nacht vermischen. ,,Ich konnte um den Turm herum keine Fallen oder andere Gefahren entdecken. Wenn wir morgen früh hineingehen, sollten wir dennoch vorsichtig bleiben.’’ Fer sprach ruhig, aber mit besorgtem Tonfall. Er hatte den Nachmittag und den Abend genutzt, um den kleinen Turm und seine Umgebung auszukundschaften. Leyla war währenddessen völlig in ihre Skizze des Baumes vertieft gewesen, als ob jeder Pinselstrich den Zauber des Windes einfangen könnte, der durch die Äste fuhr. Roxy hatte sich um die Pferde und Liam um eine Feuerstelle gekümmert. ,,Der Baum Wind ist ein wahres Naturwunder. Man spürt die Geschichte, die in seinen Ästen und Wurzeln lebt, als würde er die Weisheit vergangener Zeiten bewahren. Ich kenne zwar die Ballade und die Geschichten, aber unter ihm zu sitzen ist wirklich etwas Besonderes’’, flüsterte Fer ehrfurchtsvoll. ,,Kannst du die Ballade singen?’’ Leyla bereute, versäumt zu haben, den Bardenabenden beigewohnt zu haben. Diese fanden einmal jede Woche in einer Gaststätte am Stadtrand statt. Barden aus der ganzen Region kamen dort zusammen, um ihre Lieder, Geschichten und Malereien zu teilen. ,,Bitte, Fer, sing uns die Ballade! Ich würde so gerne das Lied hören, das Wind so lebendig werden lässt.’’ Roxy schien Leylas Idee zu gefallen. ,,Ich bin mir nicht sicher… Es ist schon lange her, dass ich gesungen habe. Ich hoffe, ich treffe noch die richtigen Töne.’’ Nun schloss sich auch Liam an: ,,Ein Grund mehr, es jetzt zu tun. Komm schon Fer, wir alle warten schon darauf!’’ ,,Gut, dann bitte ich um Ruhe. Ihr hört nun ,,Ein Tanz im Winde’’ von Margin Alvarez.’’ Fer atmete tief durch und erhob sich, als ob er sich innerlich sammelte. Seine Augen schimmerten im Feuerschein, als er zu singen begann. -------------------------------------------------------------------------- Im Tal der alten Berge, stolz und still, Da steht ein Baum, der trotzt jedem Will. Seit Zeiten unzählig, wurzelt er fest, Inmitten von Felsen, die kaum einer misst. Er neigt sich im Winde, ein tänzelndes Spiel, Mit Zweigen, die flüstern, geheimnisvoll, kühl. Wer unter ihm ruht, ist geborgen und frei, Im Schatten des Windes, im sanften Geleit. Ein Turm in der Ferne, alt und allein, Erzählt von den Schlachten, dem fallenden Stein. Ein Zeuge vergangner, erbitterter Nacht, Wo Helden einst fochten, nun still und bedacht. Doch der Baum im Winde, er bleibt unberührt, Von Fehden und Kriegen, die niemand mehr spürt. Er tanzt in den Lüften, zeitlos und klar, Ein Wächter der Träume, wie er immer war. -------------------------------------------------------------------------- Leyla, Roxy und Liam brachen in begeistertes Klatschen aus, ihre Applaus hallten im Takt der letzten Töne nach, als ob sie die Melodie noch festhalten wollten. ,,Du hast gar nicht erzählt, wie gut du singen kannst!’’ Leyla war verblüfft, wie sanft und klar Fers Stimme klang. Sie hätte niemals gedacht, dass der Zwerg solche Töne hervorbringen könnte. ,,Leyla hat recht, du hast echtes Talent, Fer! Ich wette, als Barde würdest du die Leute in den Tavernen zum Schweigen bringen und jedes Herz für dich gewinnen’’, verkündete Liam anerkennend. Doch Fer winkte nur ab. ,,Ach, das Leben eines Barden wäre nichts für mich. Tag für Tag dasselbe Lied für dasselbe betrunkene Publikum – nein danke, das ist mir zu langweilig.’’ Dann fügte er schmunzelnd hinzu: ,,Ich werde auch nicht noch einmal für euch singen, außer ihr singt vorher selber etwas.’’ Die Stimmung war ausgelassen und sie lachten viel. ,,Ich bin unendlich dankbar, dass ich mit ihnen zusammen sein kann. Sie sind nicht nur Freunde – sie sind wie eine Familie. Ich hoffe, dass wir noch viel Zeit zusammen verbringen können.’’ Die Stunden vergingen, und das Feuer brannte mittlerweile nur noch schwach, seine Glut warf sanftes Licht über die schlafenden Gesichter von Fer, Liam und Roxy. Langsam legte sich eine friedliche Stille über das Lager, als die Nacht ihren Schleier über sie zog. Zum ersten Mal seit langem fühlte sich Leyla vollkommen geborgen, wie in den schützenden Armen eines alten Freundes, der über sie wachte. Leyla hatte mehr Nächte in der Natur verbracht als in Gasthäusern, doch meistens war sie immer in Alarmbereitschaft — besonders nach ihrer Entführung im Wald der Wölfe. Sie dachte an die Ballade und fragte sich, ob der Baum wirklich jene beschützte, die unter ihm rasteten. In ihren Schlafsack gekuschelt, gab sie sich dem sanften Rauschen des Windes hin, der die Äste des Baumes wiegte. Langsam glitt sie in den Schlaf und tauchte in eine Welt voller Träume ein, als ob der Baum sie in eine andere Dimension geleiten würde. -------------------------------------------------------------------------- Liam beschwor eine Lichtkugel, die den ganzen Raum erhellte, während Roxy ihre Haare zurückband und sich bereit machte. Leyla schaute sich im Turm um. Der Turm war düster und still, als ob er längst verlassen und der Zeit überlassen worden wäre. Jeder Schritt der Gruppe wirbelte feine Staubwolken auf, die in Liams magischem Licht tanzten und Schatten über die verwitterten Wände warfen. Die Luft roch alt, beinahe abgestanden, und der schwere Geruch von Verfall und Moder hing in jedem Winkel. Auf den ersten Blick war hier nichts besonderes: ein morscher Tisch, ein teilweise verrottetes Bett und ein alter, verstaubter Teppich, dessen einst leuchtende Farben nun nur noch als schwache Schatten seiner Vergangenheit zu erkennen waren. Da fiel ihr ein Umschlag auf, der unter einem der Tischbeine lag. Vorsichtig zog sie ihn heraus. Auch dieser Umschlag trug den „N“ -Stempel. ,,Will einer von euch den öffnen?’’ fragte sie in die Runde. ,,Nein, du kannst ihn zuerst lesen’’, antwortete Roxy. Leyla löste das Siegel, zog das Pergament heraus und begann zu lesen: ,,An die Grauen Federn: Mich freut, dass ihr den Turm erreicht habt. Unter dem Teppich befindet sich eine Treppe zu einem alten Keller. In einem der Zimmer befindet sich ein Kreuz an einer Kette. Bergt diese und bringt sie nach Malyl. Legt sie beim Brunnen im Park ab. Dann erhaltet ihr euer Gold. In ewigen Grüßen — N’’ ,,Wieder diese Worte. ,,In ewigen Grüßen’’ klingt irgendwie komisch, wer sagt sowas?’’ dachte sich Leyla, während sie den Brief an Liam weiterreichte. Nachdem jeder den Brief gelesen hatte, begannen sie zu besprechen, wie sie vorgehen wollten. ,,Wir sollten dicht zusammenbleiben und vorsichtig sein. Keller klingt netter als es wahrscheinlich ist. Wenn es einfach wäre, die Kette zu beschaffen, wären wir nicht beauftragt worden.’’ Fer zog bereits den Teppich zur Seite, während er sprach. Tatsächlich war eine Art metallene Falltür in den Boden eingelassen. Eine schmale, steile Treppe führt in die Finsternis. Auch Leyla bereitete sich auf den Abstieg vor. Sie legte ihren Rucksack, den Bogen und den Köcher neben das Bett und stellte noch einmal sicher, dass ihr Schwert leicht zu ziehen war. ,,Den Bogen werde ich in engen Gängen wohl nicht brauchen — genauso wenig wie die Malsachen im Rucksack.’’ Als Fer die Falltür öffnete, entströmte der Dunkelheit ein kühler, unheimlicher Hauch, der Leyla einen Schauer über den Rücken jagte. ,,Fast wie zuhause in Erzofen’’, murrte er, während er vorsichtig, begleitet von Liams Licht, hinabstieg. Roxy folgte ihm schweigend. Leyla bemerkte sofort, dass Roxy ungewöhnlich angespannt wirkte – ihr Blick war scharf und wachsam, als ob sie eine unsichtbare Gefahr witterte, die Leyla noch nicht erkannte. Sie wollte ihr gerade folgen, als Liam sie am Handgelenk packte. ,,Hör mir gut zu Leyla: Bleib immer bei mir und tu nichts Unüberlegtes. Versprich mir, dass du an meiner Seite bleibst. Der Gedanke, dich in der Dunkelheit zu verlieren… Ich könnte es mir nicht verzeihen.’’ Er hielt kurz inne und blickte Leyla in ihre Augen. ,,Ich passe schon auf, ich will nicht, dass es wie beim Stahlbären läuft. Weder für dich, noch für mich’’, entgegnete sie dem besorgten Elfen. ,,Gut, dann bin ich beruhigt. Ach ja, wenn du eine Kiste siehst — lass dich nicht Fressen!’’ Leyla konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. ,,Wie soll mich denn eine Kiste fressen?’’ Dann folgte sie Roxy vorsichtig. Leyla spürte ein Kribbeln im Nacken, während sie in die Dunkelheit hinabstieg. Das Licht von Liams Kugel war ihr einziger Halt in dem finsteren Schlund, der sich vor ihnen erstreckte. Die Treppen waren schmal, und der Atem der Gruppe hallte leise wider, während sie tiefer und tiefer stiegen. In der Luft lag eine unheimliche Stille, als ob der Keller darauf wartete, dass jemand seine Geheimnisse entdeckte.
- Kapitel 38 - Graue Federn im Morgentau
,,Ugh’’ Leyla starrte auf Paul de Coteau. Sein dunkles Haar wehte leicht im Wind, sein schwarzer Mantel flatterte hinter seinem Rücken. Sie überlegte bereits, wie sie ihn schnell abwimmeln könnte. Der Gedanke an ein längeres Gespräch mit ihm löste in ihr ein leichtes Unbehagen aus. ,,Wohin des Weges? Hast du etwa nach mir gesucht?’’ Paul strahlte die unerschütterliche Selbstsicherheit eines Mannes aus, der daran gewöhnt war, dass die Welt sich um ihn drehte. Jeder seiner Schritte schien sorgfältig gesetzt, jede Bewegung einstudiert, als ob er wusste, wie sehr seine bloße Präsenz andere beeindruckte. Doch Leyla spürte nichts als Widerwillen. Die arrogante Art, mit der er sprach, das selbstgefällige Lächeln – alles an ihm erinnerte sie daran, warum sie Adlige nicht leiden konnte. ,,Davon träumst du wohl. Ich wüsste nicht, was es dich angeht.’’ Leyla konnte sein eingebildetes Auftreten nicht leiden. ,,Tun alle Adligen so, also würde ihnen die Welt gehören?’’ Ein knappes Lächeln umspielte Pauls Lippen, als ob ihn ihre schroffe Antwort amüsierte. Er schien von ihrer Zurückweisung unberührt, vielleicht sogar noch interessierter. Er ging einen Schritt auf sie zu. ,,Nun, es geht mich natürlich nichts an, ich wollte nur ein Gespräch beginnen. Tatsächlich hatte ich nach dir – nein, nach euch gesucht.’’ Leyla schenkte ihm einen misstrauischen Blick. Was könnte ein Adliger wie er von ihr und ihren Freunden wollen? Trotz ihres Unmuts begann eine leichte Neugierde in ihr zu wachsen. Nach einem kurzen Seufzen fragte sie schließlich: ,,Was möchtest du denn von uns?’’ ,,Ich hätte einen Auftrag für euch. Es ist keine große Sache, aber ich dachte, dass ihr ihn vielleicht übernehmen würdet.’’ Überrascht schwieg Leyla einen Moment, bevor sie antwortete: ,,Einen Auftrag? Worum geht es denn?’’ ,,Eine ältere Dame wohnt etwas außerhalb der Stadt. Normalerweise kommt sie regelmäßig zum Einkaufen, aber sie war jetzt schon länger nicht mehr hier. Würdet ihr nach ihr sehen?’’ ,,Klingt ja nicht gerade aufregend, aber wenn der Herzog selbst einen Auftrag dafür ausgibt, steckt vielleicht doch mehr dahinter…’’ dachte sie. Der Gedanke, dass ein einfacher Auftrag vielleicht eine größere Intrige verbarg, ließ ihre Neugierde weiter anwachsen. Warum sonst sollte ein Herzog sich über eine alte Dame Sorgen machen? Da fiel ihr wieder ein, dass sie bereits einen Auftrag angenommen hatten. ,,Tut mir leid, aber wir haben schon einen anderen Auftrag angenommen. Wir können ihn jedoch gerne übernehmen, sobald wir wieder verfügbar sind.’’ ,,Verstehe. Nun, das ist schade, aber natürlich kann ich das nachvollziehen. Aber ihr würdet mir einen großen Gefallen tun, wenn ihr mir nach diesem Auftrag Bescheid gebt.’’ ,,Keine Sorge, ich weiß, wo Euer Gnaden residieren – falls ich mal Langeweile habe’’, sagte sie mit einem sarkastischen Unterton. Als Paul nicht sofort antwortete, fragte sie sich, ob sie zu weit gegangen war. Einen Moment lang blieb Paul still, sein Blick fest auf Leyla gerichtet. Dann jedoch brach er in ein herzhaftes Lachen aus, das den angespannten Moment verfliegen ließ. ,,Haha, das passt nicht zu dir, Leyla. Ich bin nur Paul für dich. Aber dennoch, falls du etwas brauchst, zögere nicht, mich zu fragen.’’ -------------------------------------------------------------------------- Enttäuscht ließ sich Leyla wieder auf ihr Bett fallen. Sie hatte im Park eine gute Stunde gewartet, doch Finn war nicht aufgetaucht. Sie dachte an das Gespräch mit Paul zurück. Sie wusste immer noch nicht, was sie wirklich von ihm halten sollte. Er war ein Adliger mit einer arroganten Art, die sie lange abgestoßen hatte, doch irgendwie schien sich etwas an ihrem Bild von ihm zu ändern. Ihre anfängliche Abneigung hatte sich allmählich gelockert, wie ein Knoten, der sich widerwillig löst. Doch ein leiser Zweifel blieb – warum war er so nett zu ihr? Ihr Blick fiel auf Liam, der neben ihr schlief, sein goldenes Haar zerzaust. Sein Anblick ließ ein warmes, freudiges Kribbeln in ihr aufsteigen, das wie ein sanfter Strom ihren ganzen Körper durchströmte. Vorsichtig strich sie ihm eine Strähne aus dem Gesicht. Sie genoss es, einfach dazuliegen, seine Züge im sanften Mondlicht zu betrachten und seinem gleichmäßigen Atmen zu lauschen. Ein verschmitztes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, als sie kurz darüber nachdachte, ihn aus dem Schlaf zu kitzeln und die Überraschung in seinen Augen zu sehen. Die Reaktion würde sie gerne sehen, doch sie beschloss, ihn schlafen zu lassen. Sie kuschelte sich an ihn und schloss ihre Augen. Für einige Minuten kreisten ihre Gedanken noch umher, von Paul zu Finn, von Finn zu Liam und dann wieder zurück zu Paul. Mit Liams Wärme an ihrer Seite und dem leisen Rhythmus seines Atems im Ohr glitt sie schließlich in die Dunkelheit des Schlafes, eingehüllt in ein Gefühl der Geborgenheit. -------------------------------------------------------------------------- Himmel flog über die grüne Landschaft. Der Himmel war komplett von Wolken bedeckt und in der kühlen Morgenluft hing der frische, unverkennbare Duft des nahenden Regens. Feine Tropfen von Morgentau hingen wie winzige Juwelen an den Grashalmen und funkelten matt im grauen Morgenlicht. Die vier waren bei Sonnenaufgang mit ihren Pferden aufgebrochen und hatten sich auf den Weg gemacht. Fer hatte gesagt, dass sie gegen Nachmittag den Baum ,,Wind’’ erreichen würden. ,,Es gibt eine berühmte Ballade von Margin Alvarez, in der er darüber singt, wie der Baum im Wind tanzt. Seitdem trägt er auch diesen Namen.’’ Leyla war immer wieder überrascht, wie viel Fer wusste. Ihr Blick streifte über den Horizont, sie konnte es kaum erwarten, den Baum mit eigenen Augen zu sehen. Leyla stellte sich bereits vor, wie ihre Zeichnung den majestätischen Baum festhalten würde – eine Erinnerung an den Moment, die sie immer bei sich tragen könnte. Wann immer sie auf Himmel ritt, fühlte sie sich so leicht, als ob der sanfte Wind all ihre Sorgen forttragen würde. Ihrer Finger glitten sanft durch sein seidiges, vom feuchten Morgen beschlagenes Fell. Die Kälte der Luft vermischte sich mit der Wärme seines Körpers und gab ihr ein beruhigendes Gefühl. Fröhlich begann Leyla, eine Melodie zu pfeifen. ,,Schon aufgeregt?’’ fragte Roxy, die näher an sie herangeritten war. ,,Ja, ein bisschen. Doch am meisten freue ich mich darüber, endlich wieder mit euch allen zusammen einen Auftrag anzugehen. Es fühlt sich an, als wäre die Gruppe endlich wieder vollständig.’’ Ein sanftes Lächeln breitete sich auf Roxys Gesicht aus, und ihr Blick wurde weich, als sie Leyla zunickte. ,,Das stimmt. Es ist ein ganz besonderes Gefühl, die Gruppe wieder komplett zu haben. Es macht die Reise sicherer und gleichzeitig viel schöner.’’
- Kapitel 37 - „N“
,,Hattet ihr einen schönen Abend? Du grinst die ganze Zeit, Leyla’’, fragte Roxy, während sie an ihrem Fruchtsaft nippte. Leyla merkte, wie ihr die Schamesröte ins Gesicht stieg. War es ihr wirklich so leicht anzusehen? ,,Ja, Leyla, sag doch mal: Hattest du einen schönen Abend?’’ neckte Liam sie, breit lächelnd. Leyla warf Fer einen flehenden Blick zu, in der verzweifelten Hoffnung, dass er sie aus der unangenehmen Situation retten würde. Doch zu ihrer Enttäuschung zwinkerte er nur und widmete sich wieder seinem Frühstück. Zu Leylas Glück trat in diesem Moment der Wirt an den Tisch und unterbrach das Gespräch: ,,Ihr seid doch die Grauen Federn, oder? Eben wurde ein Auftrag für euch abgegeben.’’ Der Wirt legte einen schlichten, weißen Umschlag auf den Tisch, in dessen Mitte ein auffälliger roter Stempel mit einem weißen „N“ prangte. Schwarze Farbspritzer zierten das Papier und verliehen dem Umschlag eine mysteriöse, fast bedrohliche Aura. ,,Was ein merkwürdiger Umschlag’’ , dachte Leyla und fragte sich, wofür das ,,N’’ stehen könnte. Ihr fiel nichts Passendes ein, also wandte sie sich an die anderen. Doch auch sie hatten ein ebenso ratloses Gesicht. ,,Weiß einer von euch, von wem der Auftrag ist?’’ durchbrach Fer das Schweigen. ,,Nein… Sehr merkwürdig. Wir sollten noch nicht so bekannt sein, als dass uns Fremde einen Auftrag zukommen lassen’’, murmelte Roxy, während ihre Hand über das raue Papier strich. ,,Wollen wir den Umschlag nicht öffnen?’’ fragte Leyla neugierig. Sie wollte unbedingt wissen, was in dem Auftrag stand. Wer der Absender war, spielte in diesem Moment für Leyla keine Rolle. Ihr Herz raste vor Aufregung, und sie konnte es kaum erwarten, zu erfahren, welche neue Herausforderung auf sie wartete. ,,Wir sollten den Auftrag gut durchlesen, bevor wir entscheiden, ob wir ihn annehmen wollen.’’ Liams Stirn legte sich in Sorgenfalten, während seine Stimme ernst klang. ,,Wir sollten uns genau überlegen, worauf wir uns einlassen.’’ Seine Augen ruhten für einen Moment auf dem seltsamen Stempel, als wäre ihm etwas daran nicht ganz geheuer. Dann schob er den Umschlag zu Leyla. ,,Du solltest ihn aufmachen, Leyla.’’ Der Umschlag lag ruhig auf dem Tisch. Das rote Siegel mit dem weißen „N“ schien im schwachen Licht zu leuchten, während die schwarzen Farbspritzer wie Schatten um den Stempel herumtanzten. Ein kühler Hauch zog durch den Raum, als ob das ganze ,,Elfenlied’’ für einen Moment den Atem anhielt, während Leyla zögernd nach dem Brief griff. Leyla hob den Umschlag auf und begann ihn langsam zu öffnen. Ihre Finger zitterten leicht vor Aufregung, als das Siegel sich allmählich löste. -------------------------------------------------------------------------- ,,An die Grauen Federn: Ich habe eure bisherigen Schritte mit Neugier verfolgt. Jetzt, wo ihr wieder vereint seid, scheint mir der perfekte Moment gekommen, euch zu kontaktieren. In der Nähe des Baumes Wind befindet sich ein alter Turm. Begebt euch dorthin, dort erwarten euch die weiteren Anweisungen. Sobald ihr den Auftrag abgeschlossen habt, werdet ihr als Belohnung achtzig Gold erhalten. In ewigen Grüßen — N’’ Leyla las die Zeilen immer wieder, als könnte sie kaum glauben, dass jemand sie beobachtete und genau wusste, wer sie war. Sie reichte den Brief weiter, ohne ein Wort, und wartete. Fer brach als erster das Schweigen: ,,Das stinkt nach Problemen. Lasst uns den Zettel verbrennen und vergessen.’’ ,,Als Belohnung kriegen wir achtzig Gold. Weißt du, wie viel das ist? Denk doch mal an deine Familie. So eine Gelegenheit bekommen wir nicht jeden Tag!’’ Leyla verstand Fers Zweifel, doch ihr Interesse an diesem neuen Abenteuer war größer. ,,Langsam Leyla. Mir gefällt der Auftrag auch nicht; ich würde den ungern annehmen.’’ Roxy wirkte nachdenklich, ihre Stirn in Falten gelegt und ein Hauch von Zweifel lag in ihren Augen. Sie war selten so verunsichert, und Leyla fragte sich, ob Roxy hinter diesem Auftrag mehr vermutete — oder sie mehr wusste, als sie sagte . Während die Worte des Briefs leise nachklangen, erhob sich die vertraute Stimme des Abenteurers in Leyla – diese innere Sehnsucht nach neuen Pfaden und unbekannten Herausforderungen. Das Gasthaus um sie herum wirkte plötzlich kleiner, einengender, und die Vorstellung des alten Turms, den geheimnisvollen Anweisungen, lockte sie, als wäre sie bereits Teil des Abenteuers. Das Risiko war hoch, aber das Versprechen auf das Unbekannte zog sie wie ein unsichtbares Band. ,,Was denkst du Liam?’’ fragte sie den Elfen hoffnungsvoll, der sich bisher noch nicht dazu geäußert hatte. Nachdenklich stützte er seinen Kopf auf seine Hände, doch als Leyla ihn ansprach, richtete er sich seufzend auf. ,,Nun, es gibt schon einige Dinge, die seltsam sind. Wir kennen den Absender nicht, wir wissen nicht, was der wirkliche Auftrag ist oder wie schwierig er wird. Es könnte auch sein, dass wir, sobald wir am Turm sind, keine Möglichkeit mehr haben, abzulehnen…’’ Leyla seufzte leise, das Gefühl von Vorfreude wich langsam einer tiefen Enttäuschung. Hatte sie zu naiv auf das Abenteuer geblickt? Ihre Freunde hatten Recht — es war mit vielen Risiken verbunden. ,,In der Gilde ist bestimmt auch noch ein Auftrag, der genauso spannend ist…’’, dachte sie. Da fuhr Liam fort: ,,Es ist riskant, aber es ist auch eine Möglichkeit. Wenn wir vorsichtig sind und aufeinander aufpassen, sollten wir damit klarkommen.’’ Dann drehte er sich zu Fer: ,,Und Leyla hat Recht: Zwanzig Gold pro Person ist eine Menge Geld. Genau dafür hast du dich doch entschlossen Abenteurer zu werden.’’ Fer seufzte und hob resigniert die Hände. Sein Blick wanderte von Roxy, die immer noch etwas unsicher wirkte, über Liam, dessen Wort durch seine Erfahrung am meisten zählte, zu Leyla, die ihn voller Begeisterung ansah. ,,Gut, ihr habt mich überzeugt. Wir müssen genug Proviant mitnehmen; darum kümmere ich mich. Wollen wir morgen früh aufbrechen?’’ -------------------------------------------------------------------------- Leyla saß auf ihrem Bett und prüfte jedes einzelne Stück ihrer Ausrüstung noch einmal, als wolle sie sich selbst versichern, dass sie nichts Essentielles vergessen hatte. Die Zimmer hatten sie noch länger gemietet, und sie hatte sich entschieden, einige Dinge dort zu lassen. Neben ihren normalen Kleidern nahm sie ihr Schwert, ihren neuen Bogen, fünfzehn Pfeile und den Köcher, den Fer ihr kurz nach dem Gespräch am Morgen gegeben hatte, mit. Zusätzlich zu ihrer Ausrüstung packte sie den Zeichenblock, die Stifte, ihr Jagdmesser und ihren Wasserschlauch ein. Auch die Feder von Finn durfte nicht fehlen. Alles andere ließ sie in ihrem Zimmer. ,,Ich darf den anderen keine Last sein. Sie haben diesem Auftrag wegen mir zugestimmt, ich muss ihnen beweisen, dass es die richtige Entscheidung war’’, murmelte sie. Nachdem sie ihren Rucksack gepackt hatte, verließ sie ihr Zimmer. Sie wollte noch ein weiteres Mal in den Park gehen, in der Hoffnung, dass sie Finn dort wiedersehen würde. Die Stadt Malyl versank langsam in der Dunkelheit, während die letzten Strahlen der Abendsonne noch wie ein Hauch auf den Pflastersteinen lagen. Der kühle Wind strich leise durch die Gassen, und die wenigen auf der Straße verbliebenden Menschen huschten wie Schatten an ihr vorbei. Der Tag wich der Nacht, und mit ihm schien sich auch die Stimmung in der Stadt zu ändern – eine seltsame, erwartungsvolle Ruhe legte sich über die Häuser. Es war, als ob ein verborgener Funke in ihrem Inneren neu entfacht worden war. Seit dem Treffen mit Finn fühlte sie eine neue Art der Stärke in ihrem Herzen, die sie früher nicht gekannt hatte – eine Kraft, die die Schrecken der letzten Tage verblassen lassen konnte. Vor diesem Treffen schlichen sich auch die Erinnerungen an ihre Entführung immer wieder wie dunkle Schatten in ihre Gedanken, sobald die Nacht hereinbrach. Doch jetzt, nach Finns Anwesenheit, erschien ihr die Dunkelheit nicht mehr als Bedrohung, sondern sogar fast tröstlich. Sie wusste nicht, ob sie deswegen dankbar oder wütend sein sollte. Einerseits verstand sie, dass er ihr damit half, andererseits gefiel ihr der Gedanke nicht, dass er ihre Gefühle manipulieren und unterdrücken konnte. ,,Wer genau ist er?’’ fragte sie sich. Gerade wollte sie in die Straße einbiegen, die zum Park führte, als sie eine Stimme hinter sich hörte: ,,Leyla, was ein schöner Zufall, dass wir uns hier treffen!’’
- Kapitel 24 - Schwarz und Blau
,,Wo bin ich?’’ Leyla begann zu zittern. Sie sah sich um. Schwärze. Sie bewegte sich nicht. Das Läuten einer Kirchenglocke dröhnte durch die Stille – tief, schwer, endlos. Der Vermummte. Leyla biss sich die Lippen blutig. Der Mann griff nach ihrer Hand. Sie wollte schreien. Weglaufen. Sie bewegte sich nicht. Flammen loderten auf. Liam. Leyla wollte ihn umarmen. Sie spürte einen Faden um den Hals. Straff. Sie bewegte sich nicht. Ein Windstoß fegte durch den Wald und riss die Flammen mit sich fort. Schwärze legte sich erneut über die Bäume. Liam war verschwunden. Leyla wollte ihn suchen. Sie spürte, wie der Faden ins Fleisch eindrang. Schneidend. Sie bewegte sich nicht. Dunkelheit. Angst. -------------------------------------------------------------------------- Leyla fuhr ruckartig hoch. Ihr Atem ging schwer, und ihr Herz schlug so heftig gegen ihre Brust, als wolle es aus ihr herausbrechen. Verwirrt sah sie sich um. Sie war noch immer in ihrem Zimmer im dritten Stock des Drachentreffs. Langsam strich sie sich über den Hals. „Ein Albtraum…" murmelte sie leise, die Finger noch zitternd, und fuhr sich durch das verschwitzte Haar. Ihre Stimme verklang in dem stillen Raum. Durch das kleine Fenster fielen bereits die ersten Strahlen des Morgenlichts und tauchten das Zimmer in einen warmen, goldenen Schein. Der friedliche Anblick erinnerte sie daran, dass sie frei war. Dass die Tage in Ketten hinter ihr lagen. Trotzdem wollte das Herzrasen nicht verschwinden. Leyla atmete tief durch, stand langsam auf und wusch sich ausgiebig in der Badewanne. Das warme Wasser half ihr, die letzten Reste des Albtraums abzuschütteln. Gerade wollte sie sich anziehen, als ihr Blick an ihrer Kleidung hängen blieb. Noch immer trug sie die Sachen, die Liam ihr nach der Entführung besorgt hatte. Praktisch und schlicht – aber nichts daran fühlte sich wirklich nach ihr an. „Wir wollten uns erst gegen Mittag treffen. Vielleicht sollte ich vorher noch ein paar neue Sachen kaufen." Sie warf einen Blick aus dem Fenster. Der Gedanke, den Morgen einmal ganz für sich zu haben, gefiel ihr. Mit einem leichten Lächeln griff sie nach den drei verbliebenen Kupfermünzen, überprüfte kurz ihr Schwert und schnallte es sich um die Hüfte. Die restlichen Sachen ließ sie im Zimmer zurück. Im Aufenthaltsraum der Taverne war es noch ruhig. Kein Gast saß an den Tischen, nur das leise Knistern der Glut im Kamin und das entfernte Zwitschern eines Vogels drangen an ihre Ohren. Ohne jemandem zu begegnen, trat Leyla hinaus auf die Straße. Die frische Morgenluft empfing sie kühl und klar. Für einen kurzen Moment hatte sie das Gefühl, als würde dieser Tag ihr die Gelegenheit geben, neu anzufangen. „Erst mal zum Stall." Sie lief entspannt durch die Gassen. Die meisten Geschäfte waren noch geschlossen, doch vereinzelt begannen Händler bereits damit, ihre Stände aufzubauen. Beim Vorbeigehen fiel ihr Blick auf einen kleinen Kleiderladen. „Vielleicht schaue ich später mal rein." Schon bald verließ sie die Altstadt. Die äußeren Bezirke wirkten deutlich lebendiger als die stillen Straßen innerhalb der Mauern – Arbeiter schleppten Kisten durch die Gassen, Händler diskutierten lautstark miteinander, und irgendwo klapperten bereits Wagenräder über das Pflaster. Als Leyla schließlich den Stall erreichte, ließ sie den Blick umherschweifen. Charmeur lief auf einer größeren Wiese hinter dem Gebäude umher, während Blazer direkt am Zaun stand und sie sofort bemerkte. Freudig hob das Pferd den Kopf. Leyla trat lächelnd näher und strich ihm sanft über die Stirn. Blazer schmiegte den Kopf in ihre Hand. „Gut siehst du aus, Blazer." Noch einen Moment blieb sie bei ihm stehen. Dann wandte sie sich ab und machte sich langsam auf den Rückweg in Richtung Altstadt. -------------------------------------------------------------------------- Während Leyla durch die Gassen Malyls schlenderte, wurde ihr bewusst, wie wenig sie eigentlich über diese Stadt wusste. An einigen Geschäften hingen kleine Kronen neben den Schildern, doch ihre Bedeutung erschloss sich ihr nicht. Manche waren aus Gold gefertigt, andere nur schlicht bemalt – offenbar mussten sie etwas Wichtiges darstellen, denn sie begegnete ihnen immer wieder. Auch die schmalen Wasserkanäle entlang der Straßen faszinierten sie. Beinahe durch jede Gasse floss Wasser – kleine Ströme zogen sich zwischen den Häusern hindurch, verschwanden unter Brücken oder tauchten unvermittelt wieder auf, als wäre Malyl von einem unsichtbaren Netz aus Wasseradern durchzogen. Das leise Plätschern begleitete sie fast überall. Am meisten beeindruckten Leyla die zahlreichen Brunnen an den Kreuzungen. Jeder einzelne wirkte wie ein eigenes Kunstwerk. Einige zeigten Adlige mit stolzer Haltung und strengem Blick, andere stellten Drachen, Wölfe oder fremdartige Kreaturen dar, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Überall floss Wasser über kunstvoll bearbeiteten Stein und glitzerte im warmen Licht der Morgensonne. Immer wieder blieb sie stehen, nur um die feinen Details zu betrachten. Manche Figuren wirkten im Licht der Morgensonne lebendig. Schließlich erreichte sie den kleinen Laden. —DING— Das helle Läuten der Türglocke ließ Leyla leicht zusammenzucken. Einen kurzen Moment blieb sie unsicher stehen, atmete tief durch und trat dann langsam weiter in das Geschäft hinein. -------------------------------------------------------------------------- Der Raum wirkte gleichzeitig gemütlich und inspirierend. Der Duft frisch gewebter Stoffe hing in der Luft und vermischte sich mit einem feinen Aroma von Kräutern und Tee. Entlang der Wände standen sorgfältig präsentierte Kleidungsstücke wie kleine Kunstwerke, während dunkle Holzregale dem Laden eine warme und elegante Atmosphäre verliehen. Zwischen den Regalen standen kleine Vasen mit getrockneten Blumen, und in einer Ecke befand sich ein bequemer Sessel neben einem runden Tisch, auf dem eine Teekanne und mehrere aufgeschlagene Bücher lagen. Eine Elfe trat aus dem hinteren Bereich des Ladens hervor. Ihr langes silbernes Haar schimmerte weich im Licht der Fenster, und jede ihrer Bewegungen wirkte so mühelos elegant, dass Leyla sich unwillkürlich fragte, wie jemand sich überhaupt auf diese Weise bewegen konnte. Mit einem ruhigen Lächeln sah die Elfe sie an. „Guten Morgen. Wie kann ich Ihnen helfen? Sie sehen aus, als könnten Sie ein paar neue Sachen gebrauchen." Leyla nickte leicht und versuchte selbstsicher zu wirken, obwohl die wenigen Münzen in ihrer Tasche sie ständig daran erinnerten, wie wenig sie sich leisten konnte. „Ja, das stimmt. Dürfte ich mich ein wenig umsehen?" „Natürlich", antwortete die Elfe freundlich. „Schauen Sie sich in Ruhe um. Falls Sie Fragen haben, sagen Sie einfach Bescheid." Dann ging sie zu einem Sessel, nahm ein Buch zur Hand und begann zu lesen. Leyla beobachtete sie noch einen kurzen Moment, ehe sie langsam durch den Laden schlenderte. Die Kleidung war so geschickt angeordnet, dass jedes einzelne Stück besonders wirkte – nichts hing wahllos herum. Farben, Stoffe und Formen schienen bewusst aufeinander abgestimmt zu sein. Fast hatte Leyla das Gefühl, versehentlich an einen Ort geraten zu sein, der eigentlich für eine reichere Version ihrer selbst bestimmt war. Der Laden war in zwei Bereiche unterteilt. Im vorderen Teil hingen schlichtere Kleidungsstücke, die einzeln verkauft und frei kombiniert werden konnten – Roben, Hosen, Mäntel und einfache Westen in gedeckten Farben. Die Preise wirkten dort zumindest halbwegs bezahlbar. Doch Leylas Aufmerksamkeit wanderte schnell weiter nach hinten. Der hintere Bereich wirkte deutlich luxuriöser. Dort standen vollständige Outfits auf hölzernen Figuren, sorgfältig arrangiert wie Ausstellungsstücke in einer Galerie. Manche wirkten höfisch und elegant, andere eher praktisch für Reisen oder Kämpfe. Dann blieb Leylas Blick an einer bestimmten Statue hängen. Für einen Moment blendete sie sogar den Straßenlärm von draußen aus. Langsam ließ sie den Blick über jede einzelne Schicht des Outfits gleiten, beinahe so aufmerksam, als würde sie ein Gemälde betrachten. Das Schwarz des Stoffes wirkte nicht einfach dunkel, sondern bewusst abgestimmt – manche Bereiche matt und weich, andere mit einem dezenten Glanz. Besonders faszinierte sie die Kombination aus Kleid und der engen Hose darunter, die dem gesamten Outfit gleichzeitig etwas Elegantes und Praktisches verlieh. Das Oberteil war mit feinen Ornamenten versehen, die erst beim genaueren Hinsehen sichtbar wurden. Leyla trat näher heran und versuchte zu erkennen, ob die eingearbeiteten Verstärkungen aus Leder, Metall oder vielleicht sogar aus magisch behandeltem Stoff bestanden. Nichts an diesem Outfit erinnerte sie an höfische Mode. Es wirkte vielmehr wie Kleidung für reisende Magier oder erfahrene Abenteurer – funktional und dennoch mit einem unverkennbaren Sinn für Ästhetik entworfen. Auch die schwarzen Handschuhe passten perfekt ins Gesamtbild. Keine Linie wirkte zufällig. Jede Naht, jede Schicht Stoff, jedes Detail schien bewusst gesetzt worden zu sein. Der dunkle Umhang fiel in schweren Bahnen über die Schultern der Figur, und der Edelstein am Verschluss fing das Licht ein wie ein gezielt gesetzter Farbakzent in einem Kunstwerk. Am längsten blieb Leylas Blick jedoch an dem Hut hängen. Die geschwungene Form. Der breite schwarze Stoff. Und dann diese einzelne blaue Blume an der Seite – ein kleiner Farbbruch mitten im Dunkel des Bildes, als hätte jemand absichtlich gewollt, dass der Blick genau dort verweilte. Langsam verschränkte Leyla die Arme. Je länger sie hinsah, desto weniger wirkte es wie einfache Kleidung. Es fühlte sich eher an wie etwas, das bewusst erschaffen worden war, um Eindruck zu hinterlassen. „Wie schön…" murmelte sie leise. Unwillkürlich zuckten ihre Finger, während sie sich vorstellte, wie sie selbst darin aussehen würde. Sie wusste, sie würde sich darin stärker und selbstbewusster fühlen. Dann fiel ihr Blick auf das kleine Preisschild. Vier Goldmünzen. „So viel Geld habe ich nun wirklich nicht…" murmelte sie enttäuscht und schüttelte leicht den Kopf. Trotzdem konnte sie sich nur schwer von der Statue lösen. Der Gedanke, das Outfit irgendwann doch besitzen zu können, setzte sich hartnäckig in ihrem Kopf fest. [???] ,,Ist meine Bestellung schon angekommen?’’ Die Stimme riss Leyla abrupt aus ihren Gedanken. Etwas widerwillig wandte sie sich wieder dem vorderen Bereich des Ladens zu. Während sie scheinbar beiläufig weitere Kleidung betrachtete, bemerkte sie einen neuen Kunden, der gerade mit der Elfe sprach. „Nein, bisher leider noch nicht, Euer Gnaden", antwortete die Elfe höflich. Ihre Haltung wirkte respektvoll, aber keineswegs unterwürfig. Leylas Herz schlug etwas schneller. „Euer Gnaden." Allein diese Anrede genügte, damit sich ein unangenehmes Gefühl in ihr ausbreitete. Der Mann war adlig. „Nun, das ist bedauerlich", sagte er ruhig lächelnd. „Bitte informiert mich, sobald sie eingetroffen ist." „Wie Ihr wünscht, Euer Gnaden." Zu Leylas wachsendem Unbehagen wandte sich der Mann nun langsam in ihre Richtung. Kurz hoffte sie noch, dass er einfach an ihr vorbeigehen würde. Doch stattdessen blieb er direkt vor ihr stehen. Sein Blick glitt aufmerksam über sie, ehe sich auf seinen Lippen ein glattes, offensichtlich falsches Lächeln zeigte. „Guten Morgen", sagte er ruhig. „Mir ist dein schönes blaues Haar aufgefallen." Leyla spürte, wie sich ihre Schultern anspannten. „Solch auffälliges Haar passt kaum zu so schlichter Kleidung", fügte er höflich hinzu. Vielleicht waren seine Worte freundlich gemeint. Doch bei Leyla hinterließen sie nur Unbehagen. Die Schmeichelei wirkte leer und künstlich, und allein die Art, wie der Adlige sie musterte, ließ ihr ein unangenehmes Gefühl den Rücken hinaufkriechen. Sie mochte es nicht, auf ihr Aussehen reduziert zu werden. Und noch weniger mochte sie Menschen mit Macht. „Ich entschuldige mich", sagte sie kühl, „aber ich wollte gerade gehen." Doch der Mann machte keine Anstalten, ihr Platz zu machen. Er trat sogar leicht näher – nicht genug, um offen bedrohlich zu wirken, aber genug, damit Leyla sich bedrängt fühlte. Sie bemerkte, wie ihre Hände feucht wurden, und zwang sich ruhig zu bleiben. „Gerne kaufe ich dir etwas Neues", sagte der Mann, das höfliche Lächeln unverändert. „Such dir einfach etwas aus." -------------------------------------------------------------------------- Roxy betrat Elevander, einen Kleiderladen, der offensichtlich auf Abenteurer spezialisiert war. In den letzten Tagen war sie bereits mehrmals an dem Geschäft vorbeigelaufen, hatte jedoch nie einen Grund gesehen, hineinzugehen. Jetzt hatte sie einen. Leyla. Der Gedanke, ihrer Freundin neue Kleidung zu kaufen, hatte sich hartnäckig in ihrem Kopf festgesetzt. Nach allem, was Leyla erlebt hatte, wollte Roxy ihr einfach etwas Gutes tun. Bestimmt würde sie sich darüber freuen. Die Tür des Ladens stand offen. Roxy trat ohne zu zögern ein, die Tür schloss sich hinter ihr. Doch kaum hatte sie den Raum betreten, blieb sie stehen. Leyla war bereits dort. Und ihr gegenüber stand ein Mann. Ein Adliger. Sein kurzes, pechschwarzes Haar war makellos frisiert, und selbst seine Haltung wirkte kontrolliert und geschniegelt. An seinem dunklen Mantel war ein Wappen angenäht. Der Drache der de Coteaus. Roxy erkannte das Symbol sofort. „Ob das der junge Herzog ist?" Einen Moment beobachtete sie die Situation schweigend. Leylas Haltung wirkte angespannt – die Schultern leicht versteift, und obwohl sie äußerlich ruhig blieb, erkannte Roxy dieses Gefühl, das sich in einem ausbreitete, wenn sie sich bedrängt fühlten. „Nein danke, kein Bedarf", sagte Leyla kühl. „Lasst mich jetzt bitte vorbei." Roxy überlegte kurz, ob sie eingreifen sollte. Dann bemerkte sie, wie sich Leylas Haltung minimal veränderte. Nicht ängstlich. Eher gereizt. Wurde sie wütend? ,,Guten Morgen, Leyla.’’ Roxy entschied sich, die Situation zumindest verbal zu unterbrechen. Leylas Blick wanderte zu ihr – und augenblicklich schien etwas von der Anspannung aus ihr herauszufallen. Der Adlige sah kurz zu Roxy hinüber, ehe er sich wieder Leyla zuwandte. „Ich sehe, dass du in Begleitung bist", sagte er höflich. „Falls du doch etwas brauchst oder deine Meinung änderst, kannst du jederzeit zu meinem Schloss kommen." Roxy bemerkte, wie sich langsam ein Grinsen auf Leylas Gesicht schob. „Ihr meintet doch gerade, dass ich mir etwas aussuchen darf", erwiderte Leyla ruhig. „Oder steht Ihr nicht zu Eurem Wort?" Kurz wirkte der Adlige irritiert. Dann nickte er langsam. „Natürlich." Ohne zu zögern drehte Leyla sich um und ging in den hinteren Bereich des Ladens. Der Adlige folgte ihr. Roxy blieb kurz stehen und musste leicht lächeln. Ein Anflug von Stolz breitete sich in ihr aus. Leyla hatte sich verändert. Sie war stärker geworden – und brauchte niemanden mehr, der für sie sprach. Während Roxy den Laden verließ und auf die Straße trat, drang Leylas Stimme aus dem hinteren Bereich des Geschäfts zu ihr heraus. „Dann nehme ich alles, was diese Puppe anhat." -------------------------------------------------------------------------- Liam ging entspannt durch die Straßen Malyls. Der Vormittag war angenehm kühl, deutlich milder als die drückende Hitze der letzten Tage. Zwischen den Häusern zog eine leichte Brise hindurch und brachte den Duft von Brot, Gewürzen und frischem Obst mit sich. Während er lief, strich er sich nachdenklich durch die Haare. Er hatte beschlossen, Leyla etwas zu kaufen. Seit ihrer Ankunft in Malyl hatte er zunehmend das Gefühl bekommen, dass sie sich mehr und mehr mit Roxy beschäftigte – während er selbst hauptsächlich mit seinen Witzen negativ auffiel. Und dann war da noch Fer. Der Zwerg hatte ihm fast schon unbemerkt die Rolle des Mentors innerhalb der Gruppe abgenommen. Sein Wissen war umfangreicher, präziser und oft deutlich hilfreicher. Eigentlich störte Liam das nicht. Im Gegenteil – er mochte die neue Dynamik der Gruppe sogar. Trotzdem wollte er nicht den Eindruck erwecken, nichts beizutragen. Nicht einfach der Elf sein, der dumme Kommentare machte und gut kämpfen konnte. Unwillkürlich musste er an seinen Stamm denken. Es fühlte sich seltsam ähnlich an. Sein Blick fiel auf ein Schild über einem Laden. Elevander. Liam kannte den Namen – eine bekannte Ladenreihe mit Geschäften in mehreren Städten des Reiches, die einem Adligen aus Schneeburg gehörte, der mit Kleidung und Stoffen ein kleines Vermögen verdient hatte. Vielleicht würde er dort etwas für Leyla finden. Gerade wollte er eintreten, als die Tür aufging. Roxy trat heraus. Ihr Blick traf sofort auf seinen. „Guten Morgen, Roxy", begrüßte Liam sie mit einem lockeren Lächeln. Roxy erwiderte es nur kurz. Sie wirkte leicht abgelenkt. Als Liam bereits an ihr vorbeigehen wollte, hielt sie ihn mit einer kurzen Handbewegung zurück. „Warte kurz mit mir hier", sagte sie ruhig. „Der Moment ist wichtig für Leyla." Leyla? War sie im Laden? Liam fragte nicht weiter nach. Er nickte nur und stellte sich gemeinsam mit Roxy in den Schatten neben dem Eingang. Wenige Augenblicke später öffnete sich die Tür erneut. Leyla trat aus dem Laden, einen Beutel über der Schulter. Noch bevor Liam etwas sagen konnte, fiel sein Blick auf die Person hinter ihr. Paul de Coteau. Liam erkannte ihn sofort. Vor vier Jahren war Paul zum Herzog ernannt worden – Liam hatte damals zwei Aufträge für ihn erledigt und als Belohnung unter anderem Ruven erhalten. Die Erinnerung daran ließ ihm Galle den Hals hinaufsteigen. „Wollen wir noch gemeinsam etwas essen gehen?" fragte Paul mit höflichem Lächeln. „Ich bin sicher, wir würden uns hervorragend verstehen." Doch Leyla antwortete bereits. „Nö, eher nicht." Paul blickte kurz zu Liam und Roxy hinüber. Für einen Moment wirkte es, als würde er Liam erkennen. Dann wandte er sich wieder Leyla zu. „Falls du irgendwann Hilfe brauchst, frag einfach nach Paul de Coteau." Leyla würdigte ihn keines weiteren Blickes. Sie ging direkt auf Liam zu und griff nach seiner Hand. Liam blinzelte überrascht. Während sie sich gemeinsam vom Laden entfernten, drückte er ihre Hand leicht und grinste schief zu ihr hinüber. „Du machst es dir wirklich nicht leicht, hm?" murmelte er leise. -------------------------------------------------------------------------- Erneut überflog Fer den Auftrag, den er für ihre frisch gegründete Gilde ausgesucht hatte. In Rehengar, einem kleinen Dorf einige Tagesreisen nördlich von Malyl, griff ein unbekanntes Monster die Tiere der Bewohner an. Die Aufgabe bestand darin, die Kreatur aufzuspüren und unschädlich zu machen. Vermutlich handelte es sich um Wölfe. Oder vielleicht um einen Bären. Nichts Ungewöhnliches – aber genau deshalb war es ein guter Auftrag für den Anfang. Unter den verfügbaren Aufträgen war er eindeutig die vernünftigste Wahl gewesen. Fer brummte zufrieden und biss von dem Brot ab, das er sich zum Frühstück bestellt hatte. Bald würden sie Geld verdienen. Und bald würde er endlich wieder genug haben, um seinen Bruder zu unterstützen. Während er weiterkaute, öffnete sich die Tür des Drachentreffs. Drei vertraute Gestalten betraten die Taverne. Leyla trug ein auffällig selbstzufriedenes Grinsen im Gesicht, und auch Liam sowie Roxy wirkten ungewöhnlich entspannt. Fer musterte die Gruppe kurz. „Ist irgendwas passiert?" „Ich habe einen arroganten Adligen dazu gebracht, meine Kleidung zu bezahlen", erklärte Leyla grinsend, „und bin danach direkt vor seinen Augen mit Liam an der Hand weggegangen." Sie ließ sich triumphierend auf ihren Stuhl sinken. „Und meine neue Kleidung ist wirklich schön. Die muss ich euch später unbedingt zeigen!" Fer zog leicht eine Augenbraue hoch. Bereits am ersten Abend war ihm aufgefallen, dass zwischen Leyla und Liam etwas Besonderes existierte. Er sprach das Thema gelegentlich an – nicht, um die beiden in irgendeine Richtung zu drängen, sondern damit sie bemerkten, was ohnehin offensichtlich war. Dieses Mal sagte er jedoch nichts dazu. Da griff Leyla nach dem Pergament auf dem Tisch. „Was ist das?" „Unser erster Auftrag", antwortete Fer mit vollem Mund. „Willst du ihn lesen?" Während Leyla das Pergament aufmerksam überflog, beobachtete Fer sie schweigend. Auch wenn sie es vermutlich selbst nicht bemerkte, war sie längst zur Anführerin ihrer kleinen Gruppe geworden. Menschen folgten ihr gerne – nicht, weil sie laut oder einschüchternd war, sondern weil sie aufrichtig wirkte. Weil sie sich um andere kümmerte und ihre Begeisterung ansteckend war. Es fiel leicht, sich nach ihren Entscheidungen zu richten. Sie war eindeutig die beste Wahl. „Was bedeutet das ‚D' hier unten in der Ecke?" fragte Leyla schließlich und deutete auf das kleine Symbol am Rand des Auftrags. Liam beugte sich leicht vor. „Das ist der Schwierigkeitsgrad", erklärte er ruhig. „Da wir bisher noch keine Aufträge abgeschlossen haben, wurden wir als Anfänger eingestuft." Leyla nickte langsam. Danach aßen die vier eine Weile schweigend weiter und genossen die ruhige Stimmung des Morgens. Schließlich stand Leyla auf. „Ich ziehe mich schnell um." Mit einem kleinen Beutel verschwand sie die Treppe hinauf. Fer sah ihr kurz nach, bevor er erneut nach seinem Brot griff. -------------------------------------------------------------------------- Leyla stand vor dem Spiegel und betrachtete ihren Körper. Sie war kräftiger geworden. Man sah es an ihren Armen, an ihren Beinen, an ihrem Rücken. Die Reisen, das Training und die Kämpfe hatten Spuren hinterlassen – keine unangenehmen Spuren, sondern Veränderungen, auf die sie stolz war. Langsam breitete sich ein warmes Gefühl in ihr aus. Sie mochte, was sie sah. Mit vorsichtigen Bewegungen griff sie in den Beutel und holte zuerst die neue Unterwäsche hervor. Von den verschiedenen Varianten hatte Paul ihr schließlich alles gekauft, und allein darüber freute Leyla sich mehr, als sie erwartet hätte. Die Sachen, die sie nach der Entführung getragen hatte, waren unbequem gewesen und hatten sich nie wirklich richtig angefühlt. Nachdem sie die Unterwäsche angezogen hatte, griff sie nach der schwarzen Hose. Der Stoff schmiegte sich angenehm an ihre Beine – nicht einengend, sondern genau richtig. Fest genug, um sicher zu sitzen, und gleichzeitig bequem genug, um sich frei bewegen zu können. Dann zog sie das Oberteil über. Sobald der Stoff ihre Haut berührte, hatte sie das Gefühl, sich wieder mehr wie sie selbst anzufühlen. Besonders die feinen Ornamente gefielen ihr – dezent genug, um nicht aufdringlich zu wirken, und dennoch auffällig genug, um dem Outfit Charakter zu verleihen. Sie griff nach dem Kleid und zog es vorsichtig an. Erstaunt stellte sie fest, wie stabil das Material war. Trotz der zusätzlichen Stoffschichten fühlte es sich weder schwer noch störend an, und jede Bewegung funktionierte mühelos. „Wer das entworfen hat, muss wirklich gewusst haben, was er tut…" murmelte sie leise. Dann die Stiefel. Die Handschuhe. Zum Schluss blieb nur noch der Hut. Leylas Blick verweilte kurz an der blauen Blume. Eigentlich wirkte sie fehl am Platz – und gerade deshalb passte sie perfekt. Dieser kleine Farbakzent verlieh dem gesamten Outfit etwas Persönliches, etwas, das sich nicht erklären ließ, aber trotzdem stimmte. Irgendwie hatte Leyla das Gefühl, diese Blume zu verstehen. Langsam setzte sie den Hut auf und betrachtete sich erneut im Spiegel. Jetzt wirkte alles vollständig. Das war sie. Oder zumindest die Person, die sie sein wollte. Mit einem kleinen Lächeln griff sie nach dem dunklen Mantel, zog ihn über und sammelte ihre übrigen Sachen zusammen. Dann verließ sie ihr Zimmer. -------------------------------------------------------------------------- „Und, wie sehe ich aus?" fragte Leyla stolz, als sie vor den Tisch trat. Fer hob kurz den Blick. „Gut", brummte er knapp und biss direkt wieder in sein Brot. Leyla musste über seine gewohnt wortkarge Reaktion schmunzeln. „Das steht dir wirklich unglaublich gut", sagte Roxy begeistert. „Das Schwarz passt perfekt zu deinen Haaren, und die Blume sieht einfach wunderschön aus." Dabei schenkte sie Leyla ein ehrliches, aufmunterndes Lächeln. Leyla wandte sich Liam zu. Sofort bemerkte sie die leichte Röte in seinem Gesicht. Ein schelmischer Funken entflammte in ihrem Herzen. Langsam ging sie auf ihn zu, beugte sich leicht vor und kam seinem Gesicht gefährlich nahe. „Bist du nervös?" flüsterte sie grinsend. „Du kannst mir ruhig sagen, wie hübsch du mich findest." Liam hielt ihrem Blick stand. Er öffnete den Mund, offenbar bereit zu antworten… „Jetzt küsst euch endlich", unterbrach Fer trocken. „Man hält das ja kaum aus." Leyla fuhr zurück. Ihre Wangen wurden heiß. „Ähm… so ist das gar nicht", stammelte sie. „Ich wollte ihn nur ein bisschen ärgern." „Jaja", kommentierte Fer. „Red dir das ruhig ein." „Roxy, sag du doch auch mal etwas!" Leyla sah ihre Freundin beinahe flehend an. Roxy zuckte nur grinsend mit den Schultern und stand langsam auf. „Wenn ihr beide mit dem Flirten fertig seid, könnten wir vielleicht aufbrechen." „Nicht auch noch du…" jammerte Leyla leise. Trotzdem konnte sie nicht verhindern, dass ein kleines Lächeln auf ihrem Gesicht blieb. Irgendwie genoss sie dieses lockere Miteinander mehr, als sie zugeben wollte. In diesem Moment berührte Liam leicht ihren Arm. „Ich muss vorher noch kurz etwas erledigen", sagte er ruhig. „Begleitest du mich?" -------------------------------------------------------------------------- Schweigend standen Leyla und Liam nebeneinander. Fer und Roxy waren bereits zum Stadtrand aufgebrochen und hatten ihnen etwas Zeit allein gelassen. Vor ihnen erhob sich ein schlichter, schwarzer Grabstein aus hellem Stein, dessen Form an einen kleinen Busch erinnerte. Vorsichtig ließ Leyla den Blick über die eingravierten Buchstaben gleiten. ,,Emily Hoperks.’’ Langsam sah sie zu Liam hinüber. Er war ungewöhnlich still. Keine lockeren Sprüche. Kein Lächeln. Nichts. Dann griff er langsam in seine Tasche und zog eine einzelne Blume hervor. Eine Varelle. Die blaue Blume war in einer dünnen Schicht Eis eingefroren und wirkte noch immer so frisch, als wäre sie erst vor wenigen Minuten gepflückt worden. Kleine Lichter glitzerten auf der Oberfläche des Eises. Leyla erinnerte sich an ihr Gespräch während der Reise – damals hatte sie Liam gefragt, warum er Essen nicht einfach dauerhaft einfrieren konnte. Er hatte erklärt, dass er dazu durchaus in der Lage war, es jedoch jeden Tag Mana kostete, das Schmelzen zu verhindern. Sie verstand, warum er diese Mühe für die Varelle auf sich genommen hatte. Langsam kniete Liam sich hin und legte die Varelle vorsichtig vor den Grabstein. Dabei bemerkte Leyla, wie einzelne Tränen aus seinen Augen fielen und lautlos auf der Erde des Grabes landeten. Ein schweres Gefühl legte sich auf ihre Brust. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Also griff sie langsam in ihre Tasche und holte den ovalen Stein hervor, den sie damals im Wald nahe Migar gefunden hatte. Ihren Glücksbringer. Den Stein, den sie während des Kampfes gegen Maegnar bei sich getragen hatte. Für einen Moment betrachtete sie ihn schweigend. Dann beugte sie sich hinunter und legte ihn vorsichtig neben die Varelle. „Ich hoffe, du hast deinen Frieden gefunden", flüsterte sie leise. Noch während sie sprach, stiegen ihr selbst Tränen in die Augen. Als sie sich langsam wieder aufrichtete, spürte sie, wie Liam nach ihrer Hand griff. Sie sagte nichts dagegen. Gemeinsam standen sie schweigend vor dem Grab, und die Welt um sie herum wirkte plötzlich seltsam fern. Irgendwann ließ Liam ihre Hand wieder los. Leyla blickte zu ihm auf. Etwas an seinem Blick hatte sich verändert – die Art, wie er sie ansah, wirkte anders als sonst. Ruhiger. Offener. Fast verletzlich. Doch noch bevor sie etwas sagen konnte, wandte er den Blick ab. „Lass uns zu den anderen gehen", sagte er leise. Leyla nickte und folgte ihm. Bevor sie den Friedhof verließ, warf sie noch einmal einen letzten Blick zurück auf Emilys Grab. Die Varelle begann langsam zu tauen und funkelte im Licht der Sonne. -------------------------------------------------------------------------- Als Leyla und Liam durch das Tor traten, blieb Leyla kurz stehen. Sie atmete tief ein und ließ den Blick über die Landschaft schweifen. Vor ihnen erstreckten sich weite grüne Wiesen, die sich sanft über die Hügel zogen. Der Wind glitt durch das hohe Gras und ließ die Felder wie smaragdgrüne Wellen wirken, die sich träge unter dem klaren blauen Himmel bewegten. Für einen Moment sagte niemand etwas. Die Luft außerhalb der Stadt fühlte sich anders an. Freier. Ruhiger. Am Wegesrand warteten bereits Fer und Roxy auf sie. Leylas Blick blieb kurz an Fer hängen – der Zwerg hatte einen gewaltigen Rucksack geschultert, der wirkte, als hätte er Proviant für mehrere Wochen eingepackt. „Wie viel hat er eigentlich mitgenommen?" Roxy dagegen trug lediglich ihr Schwert und eine kleine Tasche. Als sie Leyla bemerkte, grinste sie ihr kurz entgegen. Leyla sah zu Liam. Die bedrückte Stimmung von eben war verflogen – seine lockere Haltung war zurückgekehrt, und zum ersten Mal seit dem Friedhof wirkte er wieder leichter. Sie wandte den Blick dem Horizont zu und machte einen Schritt nach vorne. Ein warmes Kribbeln breitete sich in ihr aus. Vor ihnen lag ihre erste gemeinsame Reise als Gilde. Ihr erstes echtes Abenteuer. „Liam, Roxy, Fer!" rief Leyla mit einem breiten Lächeln. „Kommt ihr? Lasst uns aufbrechen!" Ende vom Prolog
- Kapitel 23 - Die Federn des Raben
„Roxy?! Was machst du denn hier?" Leylas Stimme überschlug sich beinahe vor Überraschung. Noch immer grinste sie breit, während sie sich langsam wieder aus der kurzen Umarmung löste. „Ich freue mich auch, dich zu sehen, Leyla." Roxys Stimme klang wie immer ruhig, fest und voller Energie. „Ich habe beschlossen, mich einer Abenteurergilde anzuschließen." Locker verschränkte sie die Arme vor der Brust. „Und du?" Ihr Blick fiel kurz auf Leylas Tasche. „Konntest du schon in die Bibliothek?" Allein bei dem Wort „Abenteurergilde" machte Leylas Herz einen kleinen Sprung. „Noch nicht", gab sie zu. „Für die Bibliothek braucht man wohl irgendeine offizielle Erlaubnis." Ihre Augen begannen zu leuchten. „Genau deswegen wollen wir eine eigene Abenteurergilde gründen. Uns fehlt nur noch eine vierte Person." Sie trat einen halben Schritt näher. „Willst du nicht mitmachen?" Roxy hob leicht eine Augenbraue. „Wer genau gehört denn zu diesem ‚wir'?" „Meine Wenigkeit." Liam trat mit einem charmanten Lächeln neben Leyla und strich sich locker durch die Haare. „Ich bin Liam. Freut mich, dich kennenzulernen." Er streckte Roxy die Hand entgegen. „Du musst Roxy sein, oder? Leyla hat bereits von dir erzählt." „Und ich bin Fer Stahl." Fers tiefe Stimme klang angenehm ruhig. Er hob kurz eine Hand zum Gruß, ohne dabei seinen Frühstücksbecher, den er aus der Taverne mitgenommen hatte, aus der Hand zu legen. „Freut mich." Leyla spürte ein warmes Kribbeln im Bauch. Die Vorstellung, gemeinsam mit Roxy als Abenteurerinnen durch die Welt zu reisen, fühlte sich seltsam richtig an. Sicherer. Beruhigend. Roxy ließ den Blick langsam über die Gruppe wandern. „Und was genau könnt ihr?" fragte sie schließlich. „Liam ist ein ziemlich guter Magier", begann Leyla. Dann sah sie zu Fer. „Ich habe eine Streitaxt." Fer nahm noch einen Schluck aus seinem Becher. „Und Köpfchen." Sein Blick ruhte einen Moment auf Roxy. „Du wirkst fähig. Von mir aus kannst du dich uns anschließen." Liam streckte sich demonstrativ. „Ich bin übrigens nicht nur ein talentierter Magier", erklärte er mit hörbarem Stolz. „Ich beherrsche auch jede Art von Waffe." Dann deutete er grinsend auf Leyla. „Sprich: Ich gleiche ihre Defizite aus." Roxy sah ihn einige Sekunden schweigend an. Dann runzelte sie leicht die Stirn. „Wow", sagte sie trocken. „Das ist ja sooo beeindruckend." Leyla verbiss sich ein Grinsen. Liam dagegen wirkte kurz beleidigt. „Das war kein Witz", murmelte er. „Und?" Leyla sah hoffnungsvoll zu Roxy auf. „Machst du mit?" Roxy seufzte gespielt schwer. „Na schön." Ein kleines Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Einverstanden." Noch bevor Liam etwas erwidern konnte, zog Roxy Leyla leicht zur Seite und senkte die Stimme. „Der Zwerg wirkt nett", murmelte sie. „Aber der Elf…" Leyla musste lachen. „Er ist manchmal etwas anstrengend", gab sie zu. „Versuch einfach, das zu ignorieren." Roxy warf Liam noch einen prüfenden Blick zu. „Wenn der dir gegenüber noch einmal so einen Spruch bringt…" Leyla schmunzelte nur. Dann sah sie zwischen den anderen hin und her. „Wie gründet man eigentlich eine Gilde?" -------------------------------------------------------------------------- „Bei der Abenteurergilde natürlich." Liam machte eine ausladende Handbewegung in Richtung der Straße vor ihnen. „Kommt einfach mit." „Dort müssen wir uns offiziell anmelden", ergänzte Fer mit einem knappen Nicken. Leyla runzelte die Stirn, während sie gemeinsam mit der Gruppe durch die belebten Straßen Malyls liefen. „Du, Fer…" begann sie langsam. „Ich finde das ehrlich gesagt ziemlich verwirrend." „Oh nein", murmelte Liam amüsiert. „Jetzt geht's los." Leyla ignorierte ihn. „Wir gehen also zur Abenteurergilde, um eine Abenteurergilde zu gründen?" Sie verzog das Gesicht. „Das klingt komplett doppelt gemoppelt." Fer warf ihr einen kurzen Blick zu und kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf. „Es klingt komplizierter, als es eigentlich ist", erklärte er, während er locker an den vorbeiziehenden Marktständen entlangschlenderte. „Die Abenteurergilde ist eine der fünf großen Reichsgilden – daneben gibt es noch die Handelsgilde, die Söldnergilde, die Handwerksgilde und die Magiergilde. Dieses System wurde vor ungefähr hundert Jahren eingeführt, offiziell um Mitglieder besser zu vernetzen, Informationen auszutauschen und Aufträge zentraler zu verwalten." „Und damit das Reich mehr Kontrolle über Abenteurer bekommt", warf Roxy trocken ein. Fer zuckte mit den Schultern. „Das ebenfalls." Liam schnaubte leise. „Jedenfalls", setzte Fer fort, „existierte die Abenteurergilde schon lange vor diesem System. Früher hieß sie einfach Abenteurerverbund." Er hob einen Finger, als würde er einen Vortrag halten. „Damals sammelte der Verbund Aufträge, organisierte Reisen und half kleineren Gruppen. Die eigentlichen Abenteurer gründeten aber trotzdem ihre eigenen kleinen Gilden." Leyla blinzelte. „Und dann hat man beschlossen, die große Organisation… auch einfach Abenteurergilde zu nennen?" „Exakt." Leyla schnaubte genervt. „Das ist doch bescheuert." Roxy lachte leise neben ihr. „Ich finde eher amüsant, wie sehr dich das aufregt." „Weil es unnötig kompliziert ist!" verteidigte sich Leyla. „Man hätte der großen Gilde doch einfach einen anderen Namen geben können." „Zum Beispiel?" fragte Liam grinsend. „…Keine Ahnung." Roxy lachte. Fer grinste leicht in seinen Bart hinein. Leyla verschränkte schmollend die Arme, konnte sich ein kleines Lächeln dabei jedoch nicht verkneifen. Trotz der Verwirrung spürte sie, wie ihre Aufregung immer größer wurde. Sie würden eine eigene Gilde gründen. Gemeinsam. Der Gedanke fühlte sich gleichzeitig unwirklich und unglaublich aufregend an. Während sie weiterliefen, brannte die Nachmittagssonne erbarmungslos auf Malyl herab. Über dem grauen Kopfsteinpflaster flimmerte die Hitze, und viele Passanten hasteten von Schatten zu Schatten, um der drückenden Wärme zu entkommen. Schweißgeruch, Gewürze und der Duft der Stadt lagen schwer in der Luft. Dann hob Leyla den Blick. Vor ihnen erhob sich ein großes Gebäude aus hellem Stein. Das alte Schloss. Drei Banner hingen über dem Eingang – ein Buch, eine Kugel und ein Rabe. Leyla betrachtete die Symbole einen Moment, ehe sie gemeinsam mit den anderen durch die Türen trat. Angenehme Kühle schlug ihr entgegen. -------------------------------------------------------------------------- Der Sitz der mittelländischen Abenteurergilde befand sich in einem Seitengebäude eines alten Schlosses, das einst einer einflussreichen Adelsfamilie gehört hatte. Nachdem diese Familie vom Kaiser enteignet worden war, hatten die de Coteaus, die neuen Herrscher der Mittellande, große Teile der Anlage für öffentliche Einrichtungen freigegeben. Schon beim Betreten spürte Leyla die Geschichte dieses Ortes. Das Gebäude wirkte gleichzeitig prachtvoll und alt – jeder Flur, jede verzierte Säule und jede Tür schien Geschichten aus vergangenen Jahrhunderten in sich zu tragen. Der Geruch von altem Holz, Staub und kaltem Stein hing in der Luft und verlieh dem Schloss eine beinahe ehrfürchtige Atmosphäre. Leyla sah sich mit offenem Staunen um. Inmitten der Eingangshalle stand eine gewaltige Skulptur aus weißem Marmor. Die Beine der Figur waren kräftig und muskulös wie die eines Mannes, während der Oberkörper weibliche Rundungen besaß. Zwei große Flügel wuchsen aus dem Rücken der Statue, fein gearbeitet und fast schon lebendig wirkend. Doch das Gesicht war vollständig von einer schwarzen Maske bedeckt – die ein verzerrtes Grinsen zeigte. Etwas daran ließ Leyla unwillkürlich frösteln. In der Hand hielt die Statue eine schwarze Angelschnur, an deren Ende ein einzelner goldener Angelhaken hing. Leyla trat näher heran und überflog die kleine Metallplakette am Sockel. „Das Ebenbild eines perfekten Menschen." „Eines perfekten Menschen…?" Sie legte leicht den Kopf schief und musterte die Statue erneut. „Also ich weiß ja nicht." Einen Schritt zurücktretend, verschränkte sie nachdenklich die Arme. „Wobei… vielleicht wollte der Künstler damit irgendetwas ausdrücken. Das macht Kunst doch irgendwie aus, oder?" Ihr Blick wanderte zu den Flügeln. „Sieht jedenfalls eher wie ein Engel aus." Dann sah sie wieder zur Maske. Für einen kurzen Moment hatte sie das unangenehme Gefühl, die leeren Augenlöcher würden sie direkt anstarren. Sie wandte den Blick ab. Die Wände der Halle waren mit großen Gemälden geschmückt. Adlige in prunkvollen Gewändern blickten streng auf die Besucher herab, als würden sie noch immer über das Schloss wachen. Der Boden bestand aus schwarzen, spiegelnden Fliesen, auf denen sich das Licht der Kronleuchter brach und der gesamten Halle einen kühlen Glanz verlieh. Hohe Decken. Vergoldete Türrahmen. Fein gearbeitete Säulen. Selbst Fer wirkte, wie Leyla im Augenwinkel erkannte, kurz beeindruckt, obwohl er sich sichtlich bemühte, es nicht zu zeigen. Von der Haupthalle führten drei Wege tiefer in das Schloss. Der erste Gang führte zur Bibliothek. Dämmriges Licht fiel durch schmale, bunt verglaste Fenster und tauchte den Korridor in ruhige Farben. Am Ende standen massive Holztüren mit goldenen Beschlägen, davor zwei bewaffnete Wachen mit ernsten Gesichtern. Leyla blieb automatisch stehen. Allein der Anblick der Türen ließ ihre Neugier wieder aufflammen – hinter diesen Mauern befand sich vermutlich mehr Wissen, als sie jemals zuvor an einem Ort gesehen hatte. Fast schon unbewusst machte sie einige Schritte auf den Eingang zu. Doch noch bevor sie näher kam, verschränkte eine der Wachen die Arme. „Nur mit Genehmigung." Der Tonfall ließ keinen Raum für Diskussionen. Leyla blieb enttäuscht stehen. Die Wache schenkte ihr nicht einmal einen zweiten Blick. Widerwillig trat sie zurück. Ein weiterer Weg führte geradeaus tiefer in die Katakomben des Schlosses, wo die Magierakademie der Mittellande untergebracht war. Leyla hatte insgeheim gehofft, dort ihre magischen Fähigkeiten verbessern zu können – doch Roxy hatte ihr bereits erklärt, dass der Zugang teuer war oder eine Empfehlung erforderte. Beides besaß sie nicht. Trotzdem nahm sie sich innerlich vor, die Akademie nicht aus den Augen zu verlieren. Irgendwann würde sie dort hinuntergehen. Dann wandte sich die Gruppe dem rechten Gang zu – dem Bereich der Abenteurergilde. Schon von weitem fiel Leylas Blick auf das große Wappen an der Wand. Ein schwarzer Rabe. Sie blieb kurz stehen. Der Vogel faszinierte sie zunehmend. Immer wieder war sie diesem Symbol begegnet – auf dem Wappen der Gilde, auf dem Marktplatz, selbst auf der Rückseite des Mythologiebuchs aus Ramir. „Roxy", begann Leyla nachdenklich, „hat der Rabe eigentlich irgendeine besondere Bedeutung?" Roxy blickte zu dem Wappen hinauf. „Wie meinst du das?" „Na ja… ich sehe dieses Symbol überall." Leyla deutete auf den Vogel. „Aber ich verstehe nicht wirklich, warum ausgerechnet ein Rabe." Roxy dachte kurz nach und zuckte schließlich mit den Schultern. „Nicht, dass ich wüsste." Sie runzelte leicht die Stirn. „Ich habe ehrlich gesagt nie wirklich darüber nachgedacht." Dann sah sie erneut zum Wappen. „Aber jetzt, wo du es sagst… stimmt schon. Man begegnet dem Raben ständig." Noch bevor Leyla weiterfragen konnte, wurden sie von einer älteren Frau hinter einem langen Tresen unterbrochen. Sie hatte schmale Augen, graues Haar und eine Miene, die wirkte, als hätte sie seit Jahren keinen besonders guten Tag mehr erlebt. „Wenn ihr einen Auftrag einreichen wollt, seid ihr hier falsch", sagte sie mit einer Stimme, die gleichzeitig gelangweilt und streng klang. „Dafür müsst ihr zur Post." Leyla blinzelte überrascht und öffnete bereits den Mund. Doch Liam kam ihr zuvor. Mit einem höflichen Lächeln trat er einen Schritt vor. „Nein", erklärte er ruhig. „Wir sind hier, um unsere eigene Gilde zu gründen." -------------------------------------------------------------------------- Leyla betrachtete das Formular in ihrer Hand und strich mit den Fingerspitzen langsam über das raue Papier. Der schwere Steintisch, an dem sie saßen, war schlicht gearbeitet, wirkte jedoch für seine Verhältnisse unzerstörbar – kleine Risse zogen sich über die Oberfläche, als hätten unzählige Abenteurer hier über Jahre hinweg ihre Namen, Verträge und Entscheidungen hinterlassen. Um sie herum erfüllte gedämpftes Stimmengewirr die große Halle. Schritte hallten über den Steinboden, irgendwo wurde gelacht, und aus einem entfernten Raum drang das dumpfe Klirren von Metall. Nachdem die Frau am Tresen erfahren hatte, dass sie eine neue Gilde gründen wollten, war ihre Haltung überraschend schnell freundlicher geworden. Nun saßen sie gemeinsam an einem Tisch und füllten die Unterlagen aus, die ihre kleine Gemeinschaft offiziell machen würden. Der Gedanke fühlte sich noch immer unwirklich an. Liam durchbrach schließlich die konzentrierte Stille. „Die Eintrittsgebühr hatte ich übrigens völlig vergessen", sagte er mit einem schiefen Grinsen und lehnte sich entspannt zurück. „Gut, dass wir sie später mit Aufträgen abbezahlen dürfen. Sonst hätten wir statt Leyla wahrscheinlich irgendeinen reichen Händler rekrutieren müssen." Leyla hob nicht einmal den Blick vom Formular. „Eher hättest du auf einem Bauernhof arbeiten müssen." Fer schnaubte belustigt. „Also", begann Leyla und hob den Kopf. „Wie nennen wir uns überhaupt?" „Entscheid du", brummte Fer. Leyla sah überrascht zu ihm. Dann wanderte ihr Blick zu Roxy, die ihr lediglich zustimmend zulächelte. Das Formular fühlte sich plötzlich deutlich schwerer an. Ein Name war mehr als nur ein Wort – er würde ihre Identität werden. Das Banner, unter dem sie reisen, kämpfen und vielleicht irgendwann bekannt werden würden. Noch bevor sie weiter nachdenken konnte, meldete sich Liam grinsend zu Wort. „Wie wäre es mit ‚Drei Helden und Leyla'?" Einen Augenblick lang herrschte Stille. —KLATSCH— Das Geräusch einer schnellen Ohrfeige hallte durch die Halle. „Aua!" Liam sah auf und griff sich an sein Kinn. „Was sollte das denn?!" „Hör auf, Leyla so zu behandeln", erwiderte Roxy trocken. „Sonst kassierst du gleich noch eine." Dann wandte sie sich mit einem leicht spielerischen Lächeln an Leyla. „Wollen wir ihn vielleicht doch noch austauschen?" Leyla konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Nee", sagte sie lachend. „Liam hat schon seine guten Seiten." Sie warf ihm einen kurzen Blick zu. „Auch wenn er manchmal ein hoffnungsloser Fall ist." „Manchmal?" murmelte Fer, während er Liam einen leicht genervten Blick zuwarf. Roxy zwinkerte Leyla kurz zu und lehnte sich entspannt zurück. Leyla richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Formular. Was sollte eine Gilde heißen, die gerade erst entstand? Etwas Gewaltiges? Etwas Heldenhaftes? Oder etwas Einfaches? Sie ließ den Blick durch die Halle wandern. Der große Kronleuchter an der Decke half ihr nicht weiter. Ebenso wenig das riesige Gemälde eines streng dreinblickenden Adligen neben ihrem Tisch. Dann blieb ihr Blick erneut am Symbol der Abenteurergilde hängen. Dem Raben. Unwillkürlich dachte sie wieder daran, wie oft sie diesem Zeichen bereits begegnet war. Auf Bannern. In Büchern. Auf alten Schildern. Und obwohl sie seit längerem keinen lebendigen Raben gesehen hatte, fühlte sich der Vogel seltsam vertraut an. Leyla schluckte kurz. Dann hob sie langsam den Blick. „Wie wäre es mit… ‚Die grauen Federn'?" Ihre Stimme klang leiser als zuvor, fast vorsichtig. „Ich weiß nicht warum. Aber irgendwie fühlt sich der Name richtig an." Die anderen sahen sie einige Sekunden schweigend an. Fer nickte langsam. Roxy schien ernsthaft darüber nachzudenken. Selbst Liam runzelte zunächst die Stirn, ehe sich ein kleines Lächeln auf seinem Gesicht abzeichnete. „Hat was", sagte Roxy schließlich. „Klingt irgendwie… bedeutungsvoll." „Nicht schlecht", brummte Fer zustimmend. Leyla spürte, wie sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht ausbreitete. Warum dieser Name sie so unmittelbar angesprochen hatte, wusste sie selbst nicht. Und trotzdem hatte sie das Gefühl, gerade die richtige Entscheidung getroffen zu haben. -------------------------------------------------------------------------- Nachdem sie das ausgefüllte Formular abgegeben hatten, verließen sie das Schloss und tauchten zurück in die geschäftigen Straßen Malyls ein. Die lebendige Wärme der Stadt schlug ihnen entgegen. Händler priesen lautstark ihre Waren an, Münzen klirrten über Holztresen, und aus dutzenden kleinen Garküchen stiegen würzige Düfte auf – gebratenes Fleisch, frisches Brot, Kräuter und der schwere Geruch von Malyler Eintopf, alles zu einer beinahe überwältigenden Wolke vermischt. Leyla lief mit leuchtenden Augen durch die engen Marktgassen. Überall gab es etwas zu entdecken: farbenfrohe Stoffe, Gläser mit seltsamen Gewürzen, Werkzeuge, Schmuckstücke und kleine geschnitzte Figuren. Schließlich blieb sie an einem kleinen Stand stehen und kaufte sich mehrere farbige Stifte sowie ein Stück fein verarbeitetes Holz zum Schnitzen. Allein der Gedanke daran ließ Vorfreude in ihr aufsteigen. Sie wollte ihre Reisen festhalten – jedes Abenteuer, jeden Ort. Mit jedem Schritt wurde das Kribbeln in ihrem Bauch stärker. Sie waren jetzt wirklich eine Gilde. Während sie durch die Straßen schlenderten, kehrten ihre Gedanken immer wieder zu dem Namen zurück. „Graue Federn." Der Klang fühlte sich seltsam vertraut an – fast wie eine Erinnerung, die irgendwo tief in ihrem Kopf verborgen lag. Doch immer, wenn sie versuchte, diesen Gedanken genauer zu greifen, entglitt er ihr wieder. Wie Nebel. „Wann bekommen wir wohl unseren ersten Auftrag?" fragte Leyla neugierig in die Runde. Fer stopfte sich gerade ein großes Stück Gebäck in den Mund, kaute kurz und antwortete dann: „Soweit ich weiß, gibt's dafür zwei Möglichkeiten." Er hob zwei Finger. „Entweder suchen wir uns selbst einen Auftrag aus – in der Gilde hängt dafür ein Brett mit freien Aufträgen. Oder passende Aufträge werden uns direkt zugeschickt, je nach Rang und Bekanntheit der Gilde." „Direkt zugeschickt?" fragte Leyla überrascht. „Jap." Fer nickte. „Meistens an die Unterkunft oder an den offiziellen Gildensitz." Er dachte kurz nach. „Ich würde morgen erstmal das Auftragsbrett ansehen und etwas wählen, das zu uns passt." „Klingt vernünftig", stimmte Roxy zu. Liam nickte ebenfalls, wirkte mit seinen Gedanken jedoch woanders. Leyla bemerkte, dass sein Blick an einem Waffenladen hängen geblieben war. Hinter dem Schaufenster glänzten Schwerter, Speere und kunstvoll verzierte Dolche im Licht. Einen Moment lang blieb Liam stehen – dann wandte er sich wieder ab. Leyla trat neugierig neben ihn. „Willst du dir eine neue Waffe kaufen?" Liam schüttelte leicht den Kopf. „Nein." Ein nachdenkliches Lächeln huschte über sein Gesicht. „Ich musste nur daran denken, wie ich früher für beinahe jeden Auftrag eine neue Waffe gekauft habe." Dann grinste er plötzlich breit. „Aber wenn du unbedingt nett sein willst, kannst du mir natürlich trotzdem eine kaufen." Leyla verdrehte die Augen. „Du spinnst doch." Trotzdem musste sie schmunzeln. „Ich habe selbst kaum noch Geld." Dennoch blieb der Gedanke hängen. „Vielleicht irgendwann." Sobald sie genug verdiente, könnte sie Liam mit einer neuen Waffe überraschen. Auch wenn er sie danach vermutlich genauso nerven würde wie vorher. „Seid ihr beide schon wieder am Kuscheln?" Fers Stimme ertönte hinter ihnen. „Vielleicht solltet ihr euch eure Liebe endlich gestehen." Er grinste breit. „Das würde vieles vereinfachen." Leylas Gesicht lief rot an. Sie stieß Liam ein Stück von sich weg. „Fer! Hör auf mit solchen Witzen. Liam und ich sind einfach nur Freunde, okay?" Ihre Stimme klang schärfer als beabsichtigt – was ihre Verlegenheit nur noch offensichtlicher machte. Fer grinste daraufhin nur noch breiter. „Schon gut." Er hob beschwichtigend die Hände. „Dann habe ich mich eben geirrt." Liam wirkte verdächtig zufrieden mit der Situation. Leyla bemerkte aus dem Augenwinkel, wie Roxy sie kurz ansah und leicht lächelte. Zu ihrer Erleichterung sagte sie jedoch nichts dazu. Kurz darauf deutete Fer auf ein Gebäude am Straßenrand. „Ich geh kurz in die Apotheke und kaufe Verbände und Medizin." Er nickte in Richtung der anderen. „Ihr könnt schon mal weitergehen." Als langsam der Abend über Malyl hereinbrach und die Straßenlaternen entzündet wurden, beschlossen sie, zum Drachentreff zurückzukehren. Vor der Taverne verabschiedete sich Roxy von ihnen – sie zog Leyla noch einmal in eine herzliche Umarmung, bevor sie sich auf den Weg zu ihrem eigenen Gasthaus machte, das nur wenige Straßen entfernt lag. Leyla sah ihr einen Moment nach. Dann betrat sie gemeinsam mit Liam die Taverne. Wenig später ließ sie sich erschöpft auf ihr Bett fallen. Arme und Beine fühlten sich schwer an, doch ihr Kopf war voller Gedanken – an ihre neue Gilde, an kommende Aufträge, an Reisen, Kämpfe und unbekannte Orte. Langsam schloss sie die Augen und ließ den ereignisreichen Tag noch einmal vor ihrem inneren Auge vorbeiziehen. Mit einem zufriedenen Seufzen gab sie sich der Müdigkeit hin und glitt in einen tiefen Schlaf.











