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- Kapitel 216 - Gefangen in der Dunkelheit
Tag 1: Liams ganzer Körper schmerzte. Es war kein klar lokalisierbarer Schmerz, sondern ein dumpfes, allgegenwärtiges Ziehen, das sich durch jede einzelne Faser zog und ihn daran hinderte, auch nur für einen Moment in einen Zustand wirklicher Ruhe zu gelangen. Verwirrt hob er den Kopf, so weit es seine Situation überhaupt zuließ, und versuchte, seine Umgebung zu erfassen. Er hing mit ausgestreckten Armen von der Decke, die Handgelenke fixiert, sodass sein gesamtes Gewicht unerbittlich daran zog. Neben ihm befand sich kahler Stein, zu glatt, um Halt zu bieten, selbst wenn er ihn erreichen könnte. Es waren Wände, bestehend aus grauem, unbehandeltem Gestein, roh und massiv, als wären sie direkt aus dem lebendigen Fels geschlagen worden, ohne Rücksicht auf das, was darin eingeschlossen werden sollte. Ein kleines Loch in einer der Wände ließ Licht herein. Es war kein grelles Licht, sondern ein blasses, gedämpftes Leuchten, das gerade ausreichte, um grobe Konturen sichtbar zu machen, und mehr versprach, als es hielt. Dunkelheit lag schwer im Raum und verschluckte jedes Detail, das über die unmittelbare Umgebung hinausging. Es war vollkommen unmöglich zu erkennen, ob sich noch etwas, oder jemand, mit ihm in dieser Zelle befand. „Wo bin ich?" Die Frage blieb nicht lange unbeantwortet. Stück für Stück setzte sich das Geschehene in seinem Kopf wieder zusammen. Die Bilder waren zunächst unscharf, bruchstückhaft, doch sie gewannen schnell an Klarheit und Schärfe. Nidhoggs Leiche. Das plötzliche Auftauchen von Kronprinz Sebastian. Der Tod Claurians. Und schließlich Hypos. Hypos. Der Name allein reichte aus, um seine Gedanken zu bündeln und zu fokussieren. Liam erinnerte sich daran, wie er ihn mitgenommen hatte. Ohne Erklärung. Und im Gegenzug hatte er den Rebellen seinen Bruder überlassen. „Warum?" Die Entscheidung ergab keinen Sinn. Nicht strategisch, nicht persönlich. Sie widersprach jeder Logik, die Liam kannte, jeder Berechnung, die er anzustellen vermochte. —DONG— Der Klang durchschnitt die Stille der Zelle, tief und getragen, mit einer Resonanz, die sich durch den Stein grub und in seinem Körper spürbar nachhallte. „Eine Glocke?" Der Ton war klar genug, um ihn einzuordnen. „Vielleicht eine Kathedrale." Sein Mund war von einem fein gewebten Leinentuch bedeckt. Es lag eng an, ließ kaum Raum zum Atmen und machte jedes Wort unmöglich. Selbst wenn jemand gekommen wäre, hätte er sich nicht verständlich machen können, hätte keinen Laut produzieren können, der mehr als ein dumpfes Rauschen ergeben hätte. Während seine Gedanken weiterarbeiteten, glitten sie unwillkürlich zu jemand anderem. Jakira. Wie es ihr wohl ging? Er zwang sich, ihr Bild vor Augen zu halten, fest und ohne Abweichung. Ralf. Ralf würde sich kümmern, würde sie beschützen, so gut es ihm möglich war. Daran hielt er fest. Schweiß rann ihm die Stirn hinab, sammelte sich an seinem Kinn und tropfte schließlich zu Boden. Die Hitze seines Körpers speiste sich aus Schmerz, Anspannung und tiefer Erschöpfung gleichermaßen. Sein Magen knurrte. Ein trockenes, unangenehmes Geräusch, das in der fast allgegenwärtigen Stille überdeutlich wirkte, beinahe obszön in seiner Banalität. Doch niemand kam. Der Tag, oder vielmehr den Zeitraum den Liam als Tag wahrnahm, verging, ohne dass Schritte zu hören gewesen wären, ohne dass ihm Nahrung oder Wasser gebracht wurde. Die Zeit verlor ihre Struktur, zerfiel in einzelne, formlose Abläufe, die sich nur noch durch das gleichmäßige Hämmern des Schmerzes und seiner Hoffnung voneinander unterschieden, die sich mit jedem Gedanken mehr in Leere verwandelte. -------------------------------------------------------------------------- Tag 2: Liams ganzer Körper schmerzte, und im Gegensatz zum Vortag war es kein Zustand mehr, an den er sich erst gewöhnen musste, sondern eine konstante, drückende Realität, die jede seiner Empfindungen überlagerte und keinen freien Gedanken zuließ. Schlaf hatte er kaum gefunden. Wenn er für kurze Momente das Bewusstsein verloren hatte, war es kein erholsamer Schlaf gewesen, sondern ein unruhiges Abdriften, aus dem ihn die anhaltende Belastung seiner Arme oder ein neuer Schmerzimpuls sofort wieder zurückriss. In der Nacht war die Kälte unerträglich gewesen. Sie hatte sich nicht nur über die Welt gelegt, sondern war tief in den Stein, in die Luft und schließlich in seinen Körper eingedrungen, Schicht für Schicht. Seine Muskeln hatten sich zusammengezogen, seine Knochen waren steifer geworden, und selbst sein Atem hatte sich flacher angefühlt, als würde der Raum die Luft rationieren. Nun jedoch, da das Licht des Tages endlich wieder durch die kleine Öffnung in der Wand fiel, veränderte sich die Temperatur allmählich. Es wurde wärmer, langsam, träge, doch spürbar genug, um den Kontrast zur Nacht deutlich spürbar zu machen. Plötzlich wurde die Dunkelheit von einem blendenden Licht durchbrochen. Eine Tür hatte sich geöffnet, und für einen Moment wurde der Raum von einer Helligkeit erfüllt, die in den Augen brannte. Liam kniff sie zusammen, bis sich seine Sicht langsam anpasste, und richtete dann den Blick auf die Gestalt, die eingetreten war. Kronprinz Hypos stand in der Tür. Seine Kleidung war Gold, nicht nur in der Farbe, sondern in der Art und Weise, wie sie das Licht reflektierte und die gesamte Umgebung zu dominieren schien. Auf seinem Kopf saß eine schwarze Seemannsmütze, ein Detail, das in Kombination mit seiner sonstigen Erscheinung seltsam wirkte, aber dennoch nicht zufällig erschien, sondern eher wie eine bewusste Entscheidung. ,,Hallo, Elfenfreund. Ich hoffe, dir hat dein erster Abend in dieser Gaststätte gefallen.'' Das Wort ,,Gaststätte’’ wirkte fehl am Platz, offensichtlich absichtlich gewählt, um die Situation zu verzerren und jeder ernsthaften Einordnung den Boden zu entziehen. Liam reagierte nicht mit Worten, konnte es ohnehin nicht, doch ein leises, gedämpftes Schnauben entwich ihm durch das Tuch, das seinen Mund bedeckte. ,,Du fragst dich sicher, warum ich dich hier gefangen halte.'' Natürlich tat er das. Jeder Gedanke, den er noch klar zu fassen vermochte, drehte sich um genau diese Frage. Es gab keinen logischen Grund, keinen erkennbaren Nutzen, der dieses Vorgehen irgendwie erklärte. ,,Nun, das weiß ich selber nicht. Aber ich finde es bestimmt noch raus.'' Liam sah ihn an, diesmal ohne wegzusehen. Irritation war das einzige Gefühl, das sich noch eindeutig einordnen ließ. —DONG— Der Klang hallte erneut durch den Raum, tief und getragen, als würde er aus großer Entfernung stammen und dennoch jede einzelne Oberfläche berühren. ,,Wieder die Kathedrale?’’ Der Gedanke kam automatisch, ohne dass Liam ihm weiter folgte. Hypos bewegte sich nun näher auf ihn zu, ohne jede Eile, und griff schließlich nach Liams Fuß. Sein Griff war fest, kontrolliert, und im nächsten Moment gab er ihm einen gleichmäßigen Stoß. Die Bewegung setzte Liams Körper in Schwingung, ein gleichmäßiges Hin und Her, das seine ohnehin schwer belasteten Arme zusätzlich beanspruchte und einen neuen Strom aus Schmerz durch seine Schultern schickte. ,,Weißt du, Liam? Mir ist heute Morgen eine Erleuchtung gekommen. Du bist ein Elf.'' Liam schloss die Augen. Es war keine bewusste Entscheidung, sondern ein reiner Reflex, um sich von dem Gesagten zu distanzieren, um dem, was Hypos aussprach, keinerlei weitere Bedeutung einräumen zu müssen. ,,Das heißt, du brauchst Nahrung und Wasser. Sollst du haben.'' Die Aussage klang sachlich, fast fürsorglich, und genau darin lag etwas zutiefst Verwirrendes, das schwerer wog als jede offene Grausamkeit. Ohne eine weitere Erklärung drehte sich Hypos um und verließ den Raum. Die Tür schloss sich hinter ihm, und mit ihr verschwand auch das zusätzliche Licht. Die Zelle fiel zurück in ihre gedämpfte, ungleichmäßige Beleuchtung, als wäre der kurze Moment der Helligkeit bloß Einbildung gewesen. Liam spürte, wie sich das Tuch vor seinem Mund auflöste. Die Fasern gaben nach, zerfielen und verschwanden, bis nichts mehr übrig war, das ihn am Sprechen oder Atmen hinderte. —TROPF— Ein einzelnes Geräusch durchbrach die Stille. Liam hob den Kopf so weit es ihm möglich war, seine Nackenmuskulatur reagierte verzögert und angespannt von der dauerhaften Belastung. Über ihm bildete sich Wasser. —TROPF— Ein Tropfen fiel, traf genau den Punkt, an dem er den Mund öffnete, und verschwand darin. Die Nässe war unmittelbar spürbar, ein kurzer, klarer Kontrast zu dem trockenen, ausgedörrten Gefühl, das sich in seinem Körper ausgebreitet hatte. —TROPF— Ein weiterer Tropfen folgte, in gleichmäßigem Abstand, als wäre der Rhythmus mit Bedacht gewählt worden. Während Liam sich darauf konzentrierte, die Tropfen aufzufangen, fiel sein Blick auf etwas anderes. Etwa fünfzehn Zentimeter vor ihm hing ein Laib Brot von der Decke. Er war nicht direkt vor seinem Gesicht platziert, sondern leicht versetzt, sodass er ihn nicht erreichen konnte, ohne sich aktiv in Bewegung zu setzen. Der Laib bewegte sich minimal, kaum sichtbar, doch genug, um zu zeigen, dass er nicht starr fixiert war. —TROPF— „Ich muss mich schwingen, um das Essen zu erreichen…" Die Erkenntnis setzte sich langsam fest, nicht als plötzlicher Einfall, sondern als unausweichliche Schlussfolgerung aus seiner Situation, die sich mit jedem Tropfen ein wenig deutlicher abzeichnete. —TROPF— Er spürte seine Arme kaum noch im herkömmlichen Sinne. Das Gefühl war nicht verschwunden, sondern überlagert von einem konstanten, pulsierenden Schmerz, der jede Handlung begleitete und sich mit jeder Bewegung weiter verstärkte. —TROPF— Der Rhythmus blieb unverändert. -------------------------------------------------------------------------- Tag 3: Liams ganzer Körper schmerzte, und mittlerweile hatte der Schmerz eine Intensität erreicht, die sich kaum noch in Worte fassen ließ. Er war allumfassend geworden, lag wie ein konstanter, unerbittlicher Druck auf seinem gesamten Körper und ließ keine einzige Stelle unberührt. Schlaf hatte er wieder nicht gefunden. Selbst die kurzen, unfreiwilligen Pausen, in denen sein Bewusstsein am Vortag kurz ausgesetzt hatte, blieben diesmal vollständig aus. Er war durchgehend wach gewesen, gefangen in einem Zustand, der weder Ruhe noch Erschöpfung kannte, sondern nur ein fortwährendes, zermürbendes Anhalten. Sein Zeitgefühl war vollständig verschwunden. Es gab keine klaren Anhaltspunkte mehr, keine Struktur, an der er sich auch nur annähernd hätte orientieren können. Das Licht, das durch die Öffnung in der Wand fiel, war heller als zuvor, doch ob das bedeutete, dass es bereits Mittag war, konnte er nicht mit Sicherheit sagen. Selbst ob es Tageslicht war, wusste Liam nicht. —TROPF— Das Geräusch war unverändert geblieben. Gleichmäßig, präzise, beinahe mechanisch, als würde es von etwas gesteuert werden, das keinen Zufall kannte und keinen brauchte. Die Temperatur hingegen hatte sich drastisch verändert. Die Kälte der Nacht war verschwunden und hatte einer Hitze Platz gemacht, die sich im gesamten Raum festgesetzt hatte, ohne Lücke, ohne Ausweg. Sie war nicht bloß unangenehm, sondern drückend, schwer, als würde die Luft selbst dichter werden und weniger Raum für das lassen, was sie tragen sollte. Jeder Atemzug fühlte sich anstrengender als der vorherige an, als müsse er gegen einen unsichtbaren Widerstand ankämpfen, den er nicht bezwingen konnte. ,,Bin ich in der Wüste?’’ Der Gedanke entstand langsam, beinahe zögerlich, doch er ergab Sinn. Die extremen Unterschiede zwischen Tag und Nacht, die plötzliche Hitze, die vorherige, beißende Kälte – es fügte sich zu einem Bild zusammen, das zumindest eine Erklärung anbot, wo keine andere zu finden war. —TROPF— Liam richtete seinen Blick auf seine Arme. Was er sah, ließ keinen Raum für Zweifel. Die Haut hatte sich verfärbt, war durchzogen von dunklen, ungesunden Tönen, die sich nicht mehr wie lebendiges Gewebe anfühlten. Lila, Schwarz, stellenweise beinahe grau. Die Struktur wirkte fremd, abgestorben, als gehöre sie nicht mehr zu ihm, als hätte sein Körper begonnen, sich von ihm zu verabschieden. Das Fleisch starb. Langsam. Unaufhaltsam. Er brauchte keine weitere Bestätigung, um zu wissen, wohin das führen würde. —TROPF— Dann öffnete sich die Tür. Das einfallende Licht schnitt erneut scharf in den Raum und verdrängte für einen kurzen Moment die dumpfe Gleichförmigkeit der Zelle. Hypos trat ein, in derselben ruhigen, vollkommen kontrollierten Art wie zuvor, als hätte sich für ihn nicht das Geringste verändert. Im selben Moment verstummte das Tropfen. Die plötzliche Stille wirkte beinahe lauter als das Geräusch zuvor. ,,Liam! Wie geht es dir heute?’’ Die Frage wurde mit einer Leichtigkeit gestellt, die in direktem Widerspruch zu allem stand, was sie umgab. Liam reagierte ohne zu zögern. Er sammelte, so gut es ihm möglich war, Speichel und spuckte in die Richtung des Kronprinzen. Die Bewegung war schwach, ungenau, kaum mehr als eine Geste, doch sie trug alles an Ablehnung in sich, was ihm in diesem Moment noch blieb. Hypos wich lediglich einen knappen Schritt zur Seite. Die Bewegung war minimal, beinahe beiläufig, als hätte er nichts anderes erwartet und auch nichts anderes verdient. ,,Warum folterst du mich? Was willst du von mir?'' Seine Stimme war rau, brüchig, doch die Wut darin war deutlich. Sie hatte sich gehalten, trotz allem, was ihm widerfahren war, trotz der Kälte, der Hitze, des Dröhnens, der Stille, des Schmerzes. Hypos hob eine Hand und kratzte sich nachdenklich am Kopf, als würde er über eine einfache, vollkommen belanglose Frage nachdenken. ,,Ich hab dir Essen, Trinken und ein Dach über dem Kopf gegeben. Sei glücklich. Timothy hat weniger als du.'' Der Name sagte Liam nichts. ,,Timothy?’’ Ein flüchtiger Gedanke, der sofort wieder verblasste. Es spielte keine Rolle. —DONG— Der Klang der Glocke erfüllte erneut den Raum, tief und tragend, als würde er von einer Struktur ausgehen, die weit größer war als alles, was Liam bisher auch nur erahnt hatte. „Ist das wirklich eine Kathedrale?" Die Frage blieb unbeantwortet. Hypos reagierte nicht darauf. Stattdessen richtete er seine Aufmerksamkeit vollständig auf Liam und begann, einen Zauber zu wirken. Die Veränderung setzte unmittelbar ein und war so deutlich, dass sie sich nicht ignorieren ließ. Zuerst reagierten die Muskeln. Die Spannung kehrte zurück, die geschwächten Fasern richteten sich neu aus und gewannen ihre ursprüngliche Struktur und Kraft zurück. Danach folgte das Gewebe. Das abgestorbene Fleisch regenerierte sich, verdrängte die dunklen Verfärbungen und wurde durch neue, intakte Substanz ersetzt, als hätte der Körper beschlossen, die letzten Tage einfach auszulöschen. Selbst die Wunden an seinen Handgelenken schlossen sich, die Haut zog sich zusammen, als wäre sie nie aufgerissen gewesen. Der Prozess war vollständig. Und viel zu schnell. ,,Wir wollen ja nicht, dass du mir wegstirbst, bevor ich weiß, was ich mit dir mache.'' Die Worte klangen ruhig, sachlich, als würde er eine einfache Notwendigkeit aussprechen, die ihn selbst kaum interessierte. Dann wandte sich Hypos ab und verließ den Raum, ohne einen weiteren Blick zurückzuwerfen. Die Tür schloss sich hinter ihm, und das Licht wurde wieder auf das gedämpfte Niveau reduziert, das zuvor geherrscht hatte, gleichmütig und unveränderlich. Liam blieb zurück. Sein Körper war wiederhergestellt, doch der Zustand, in dem er sich befand, hatte sich nicht im Geringsten verändert. Die Wände waren dieselben. Die Ketten waren dieselben. Der Raum war derselbe. Er sagte nichts. Er konnte nichts sagen. —Tropf— -------------------------------------------------------------------------- Die Tage verschwammen ineinander, ohne klare Trennung, ohne Anfang und Ende. Was einst als einzelne, grob wahrnehmbare Abschnitte existiert hatte, verlor jegliche Form und wurde zu einem gleichförmigen Strom aus Momenten, die sich nicht mehr voneinander unterscheiden ließen. Mal erschien Hypos, trat durch die Tür, sprach, veränderte etwas – und mal blieb er aus, ließ Liam allein zurück mit der Stille, dem Schmerz und der eigenen, zunehmend unzuverlässigen Wahrnehmung. Es gab kein Muster, keine Regelmäßigkeit, an der man sich hätte orientieren können, und genau darin lag eine eigene, kaum greifbare und doch wirksame Struktur. In einer dieser Wochen brachte Hypos ihm einen Hund. Das Tier wirkte fehl am Platz in der Zelle, ein lebendiges Wesen in einem Raum, der sonst nur aus Stein, Kälte und Kontrolle bestand. Für einen kurzen Moment veränderte sich die Atmosphäre spürbar. Die bloße Präsenz des Hundes durchbrach die Monotonie, brachte etwas in den Raum, das nicht direkt mit Schmerz oder Zwang verbunden war. Der Kronprinz hatte ihn Aragi II. genannt, in demselben Tonfall, in dem er alles benannte, als wäre es selbstverständlich, dass Dinge ihren Platz durch seine Worte erst erhielten. Dieser Zustand hielt nicht lange an. Hypos nahm den Hund wieder mit, ebenso plötzlich, wie er ihn gebracht hatte. Es gab keine Erklärung, keine Rechtfertigung, nur eine beiläufige Aussage, die beinahe wie ein nachträglicher Gedanke wirkte, der ihm erst auf dem Weg zur Tür eingefallen war. ,,Aragi II. wird anderweitig gebraucht. Tut mir leid, Lima.'' Die Tage setzten sich fort, jeder auf seine eigene, unvorhersehbare Weise. An einem Tag erhielt Liam statt des trockenen Brotes einen Braten, warm und reichhaltig, etwas, das in diesem Kontext beinahe grotesk wirkte, weil es so vollständig nicht zu dem passte, was er sonst bekam. An einem anderen Tag veränderte Hypos seine Position und ließ ihn von den Füßen hängen, verlagerte die Belastung seines Körpers und damit auch den Schmerz auf andere Stellen, ohne dass sich dadurch irgendetwas verbesserte. Es gab keine erkennbare Absicht hinter diesen Entscheidungen, zumindest keine, die Liam hätte erfassen können. Kein Tag glich dem anderen. Und dennoch existierten Konstanten. —DONG— Der Klang durchzog alles. Tief, regelmäßig, unverrückbar. Er kam aus der Ferne und war doch stets präsent, als würde er nicht nur durch den Raum, sondern durch die gesamte unsichtbare Struktur dieses Ortes getragen werden. In Liams Vorstellung hatte er längst eine feste Form angenommen. Eine Kameristische Kathedrale, gewaltig und fern, ein Ort, der diesem Geräusch einen Ursprung gab, der verständlich genug war, um daran festzuhalten, wenn alles andere sich auflöste. —TROPF— Das zweite Geräusch war näher, unmittelbarer, und strukturierte seine Wahrnehmung auf eine ganz andere Weise. Jeder einzelne Tropfen war ein klar abgegrenzter Moment, ein Punkt in der Zeit, der sich wiederholte, ohne sich jemals zu verändern. Es war ein Rhythmus, der nichts erklärte, der keine Antworten gab, aber dennoch alles bestimmte, alles ordnete, weil es nichts anderes gab, das diese Aufgabe übernehmen konnte. Zu Beginn hatte Liam noch gedacht. Er hatte sich bewusst an Dinge erinnert, hatte Namen wiederholt, hatte versucht, Verbindungen aufrechtzuerhalten, die ihn mit der Welt außerhalb dieser Zelle verbanden. Leyla. Jakira. Ralf. Theol, der Schwarze Stern. Randurin. Es waren Anker gewesen, fragil, aber notwendig, unerlässliche Strukturen, um sich selbst nicht vollständig zu verlieren. Doch diese Gedanken hielten nicht. Nicht, weil er sie aufgegeben hatte, sondern weil sie mit der Zeit an Klarheit verloren. Sie wurden undeutlicher, schwerer zu greifen, bis sie schließlich verschwanden. Es geschah nicht plötzlich, sondern schleichend, kaum wahrnehmbar, bis der Moment erreicht war, in dem sie einfach nicht mehr da waren – und er nicht einmal genau sagen konnte, wann das gewesen war. Liam dachte nicht mehr. An ihre Stelle trat ein anderer Zustand. Eine Trance, die sich weder wie Schlaf anfühlte noch wie echtes Wachsein, sondern wie ein Dazwischen, in dem Wahrnehmung und Bedeutung auseinanderfielen und sich weigerten, wieder zusammenzufinden. In diesem Zustand begann er, mit sich selbst zu sprechen. Die Worte folgten keinem Ziel, waren nicht klar strukturiert, sie entstanden und verschwanden, ohne dass er sie bewusst steuerte oder auch nur bemerkte, dass er sprach. Er begann, den Raum zu benennen. Die Wände erhielten Namen, nicht aus Logik heraus, sondern aus einem tiefen, inneren Drang, der wachsenden Leere etwas entgegenzusetzen. Ralf. Theol. Aragi III. König Wand. Jeder Name stand für etwas, das einmal Bedeutung gehabt hatte, und wurde nun auf etwas übertragen, das diese Bedeutung unmöglich tragen konnte – und doch tat es das, weil es nichts anderes mehr gab. Und dennoch war da noch ein Rest. Der klare Liam verschwand nicht vollständig. Er trat in unregelmäßigen Abständen hervor, durchbrach die Trance für kurze, kostbare Momente und erkannte, was geschah. In diesen Augenblicken versuchte er, sich festzuhalten, gegen das anzukämpfen, was sich langsam und unaufhaltsam in ihm ausbreitete. Gegen den Wahnsinn. Nicht als plötzlicher Bruch, sondern als schleichender, sorgfältig aufgebauter Prozess, nicht durch direkte Gewalt herbeigeführt, sondern durch das systematische Entfernen von Struktur, von Verlässlichkeit, von allem, was Bedeutung getragen hatte. Doch dieser Widerstand hielt nicht stand. Mit jedem weiteren Tag in den Ketten, mit jedem Moment in dieser kontrollierten Unordnung, mit jedem —TROPF— und jedem —DONG— verlor der klare Liam an Raum. Und etwas anderes begann, diesen Raum auszufüllen. Etwas, das durch den Wahnsinnigen Prinzen gesät worden war.
- Kapitel 215 - Das Kind des Todes
Atorm rappelte sich auf und blickte in den Himmel, oder besser gesagt auf das, was ihn nun zu verdecken drohte. In seinem Inneren rasten die Gedanken in ihrer gewohnten Geschwindigkeit, präzise, geordnet ohne emotionale Verzerrung. „Äthermagie. Kann sie die Sterne als Konstante entfernen? Oder ist es nur visuell? Muss ich reagieren? Ich kann sie absorbieren." Er formte zwei schwarze Sphären. Die Energie verdichtete sich sofort, völlig stabil. Eine schoss er auf Yang, die zweite in Richtung des Äthermantels. Dann richtete er seinen Blick auf einen Punkt in der Luft unmittelbar hinter Yang. Dort erschuf er eine dritte Sphäre, verborgen ihrem toten Winkel, hinter ihrem Rücken, vollständig außerhalb ihres direkten Sichtfeldes. Er grinste. „Eine wird treffen. Sie wird die hinter sich ohne Aura nicht wahrnehmen. Sie wird schwächer werden. Ich nicht. Ich werde immer wieder aufstehen. Ich gewinne." Yang schien unbeeindruckt. Doch Atorm registrierte die minimale Bewegung ihrer Augen, das blitzschnelle Erfassen der Flugbahnen. Die erste Sphäre raste auf sie zu und traf sie direkt in der Brust. Der Einschlag war kräftig genug, um sie rückwärts durch die Luft zu schleudern. Es war der zweite klare Treffer, den Atorm in diesem Kampf gelandet hatte. Für einen kurzen Moment wirkte es wie die Bestätigung seiner gesamten Berechnung. Er beobachtete, wie Yang rückwärts durch die Luft geschleudert wurde, exakt auf die dritte Sphäre zu. Doch dann veränderte sich ihr Bewegungsfluss. Yang drehte sich in der Luft, eine absolut kontrollierte Rotation ohne erkennbare Verzögerung, und griff nach der Sphäre. Atorms Manafluss geriet für den Bruchteil eines Moments ins Stocken. Entsetzt musste er zusehen, wie sie die Sphäre, die er für außerhalb jeder möglichen Wahrnehmung gehalten hatte, mit einer einzigen Bewegung erfasste und direkt auf die zweite Sphäre schleuderte, die noch immer auf den Äthermantel zuraste. —BUMM— Die Kollision erzeugte eine massive Druckwelle, die sich radial ausbreitete und die Luft über dem gesamten Schlachtfeld für einen Moment verzerrte. „Wie hat sie das gemacht? Das sollte nicht möglich sein. Ich muss erneut handeln." Atorm sammelte sein Mana und stabilisierte den nächsten Angriff, doch in genau diesem Moment traf ihn bereits Yangs Faust im Magen. Der Schlag war nicht nur von erschreckender Schnelligkeit, sondern auch geschickt platziert, mit maximaler Übertragung der gesamten Kraft auf einen einzigen Punkt. Er wurde zurückgeschleudert, doch bevor er den nötigen Abstand vollständig herstellen konnte, packte Yang sein Bein und riss ihn zurück unter sich. Während sie erneut begann, auf ihn einzuschlagen, registrierte Atorm, wie sich der Äthermantel über ihnen endgültig und vollständig schloss. -------------------------------------------------------------------------- Lange bevor die ersten Sterblichen das Licht der Welt erblickten, existierten Kräfte fernab jeder Vorstellung. Konzepte wie das Leben waren damals eigenständige Entitäten, nicht bloß ein Zustand, sondern Wesen aus sich selbst heraus, bewusst und handelnd. Es war ein Zeitalter lange vor den Erzwesen, vor Kamera, vor den Wacal. Eine Zeit, in der ein Wesen regierte, das man heutzutage, wenn überhaupt, nur noch als „Der Rabe" kennt. Der Rabe hatte viele Feinde. Den Hunger, der die Welt verschlingen wollte. Das Gleichgewicht, das ihn aufgrund seiner Macht zu vernichten suchte. Die Mutter der Magie, die ihn als unwürdig betrachtete. Doch sein mächtigster Feind war der Tod. Auch zu jener Zeit existierte der Tod als das gesetzte Ende allen Lebens. Er verabscheute es, dass so viele Wesen unaufhörlich weiterlebten. Und so trat er an den Raben heran. ,,Gib mir die Seelen jener, die sterben. Sie gehören mir.’’ Der Rabe stimmte zu, und so schien es, als wäre der Konflikt damit gelöst. Ein stiller Gedanke formte sich in den Tiefen seines Bewusstseins, als er die Ordnung der Dinge betrachtete und sie dennoch akzeptierte. Es verging Zeit, bis der Tod erneut an den Raben herantrat. ,,Zu wenig Seelen gelangen zu mir. Sorge dafür, dass ich mehr erhalte.'' Was er forderte, war etwas, das der Rabe ihm nicht geben wollte. Und so entbrannte ein Kampf, unvorstellbar für die Sterblichen der heutigen Zeit. Die Realität selbst riss, als sich zwei Prinzipien der Existenz gegeneinander wandten. Zeit wurde unförmig, Raum verlor seine Bedeutung, und selbst die Idee von Ursache und Wirkung begann zu zerfallen. Der Rabe triumphierte. Er versiegelte den Tod. Dann bemerkte er etwas. Der Tod war durch den Kampf so schwer verletzt worden, dass ein Teil sich vor der Versieglung abgespalten hatte. Ein neuer Tod war entstanden, keine bloße Kopie, sondern eine eigenständige, noch vollkommen ungeschriebene Idee seines ursprünglichen Prinzips. Der Rabe überlegte und band den neuen Tod an den Himmel. Sein Versprechen bezüglich der Seelen der Verstorbenen wollte er nicht brechen. Zum Schutz schuf er fünf Wesen und platzierte sie am Firmament. Arkibe. Manifest. Brahatross. Skullaer. Lunar. Die Fünf Monde. Und so entstand das Endlose Schwarz, das Ende aller Lebewesen. Jede Seele kehrt zu ihm zurück und speist es mit Kraft. Und als Dank werden besondere Seelen zu Sternen, die den Nachthimmel für alle Zeit erleuchten. -------------------------------------------------------------------------- Atorm spürte, wie er schwächer wurde. Seine Regeneration versagte nicht abrupt, sondern zerfiel in unvollständige, stockende Impulse. Seine Aura flackerte, als würde sie unter einer unsichtbaren Last versuchen, sich freizukämpfen, und immer wieder in sich zusammenfallen. „Warum verliere ich. Ich sollte nicht verlieren. Ich habe mich vorbereitet. Wie konnte sie mich überwinden? Sie kannte meine Fähigkeiten nicht. Ich muss sie besiegen." Immer wieder versuchte Atorm, sein Mana zu sammeln, es zu stabilisieren, zu verdichten – Sphären zu formen, präzise genug, um einen Riss im Äthermantel zu erzwingen. Doch jede Magie zerfiel, noch bevor sie Gestalt annehmen konnte. Yang gab ihm nicht die Zeit dazu. „Ich schaffe es nicht. Sie ist zu stark. Zu schnell." Seine Gedanken wurden träger, als würde selbst sein Bewusstsein in zähem Nebel versinken. Atorm, der es stets als selbstverständlich betrachtet hatte, zu überleben, zu dominieren, zu bestehen – erstmals erkannte er die Möglichkeit seines eigenen Endes nicht als bloße Theorie, sondern als unmittelbaren, greifbaren Zustand. „Ich muss sie vernichten. Alles oder nichts. Jetzt." Atorm ließ das gesamte Mana seines Selbst auf einmal entweichen. —BUMM— Die Explosion war nicht bloß ein Ausbruch, sondern ein Zerreißen seiner eigenen Struktur. Druckwellen aus roher Energie schleuderten Yang mehrere Meter zurück. Der Boden vibrierte, als würde der Raum selbst zittern. Schwarzes Blut trat aus Atorms Mund. Langsam richtete er sich auf. Seine Haut begann sich zu lösen, feine Schichten seiner Existenz bröckelten wie verbrannte Kohle. Jede Bewegung war ein einziger, stechender Schmerz. Schmerz. Wieder etwas, das Atorm niemals als Bestandteil seiner Realität akzeptiert hatte. „Ich habe gewonnen. Nichts ist absolut." Ein Riss formte sich im Äthermantel. Atorm breitete die Arme aus, um den Sieg willkommen zu heißen. —KRACK— Der Äthermantel zerbrach. Für einen Augenblick glaubte er, das Ende der Barriere gesehen zu haben. Doch… …hinter dem ersten lag ein weiterer Äthermantel. Dicht. Unversehrt. Unnachgiebig. Er erstarrte. Kein Mana blieb ihm. Kein Rückgriff. Keine Struktur mehr, die er hätte formen können. „Ich muss den Nachthimmel sehen. Dann gewinne ich." Atorm setzte sich in Bewegung. Zunächst ein Stolpern, dann ein verzweifeltes Vorwärtsfallen, das sich langsam in Laufen verwandelte. Jeder Schritt hinterließ einen Bruch in seinem eigenen Körper, doch er zwang sich weiter – direkt auf den Äthermantel zu, als wäre bloßer Wille allein noch ein Gesetz, das die Realität zu biegen vermochte. -------------------------------------------------------------------------- Während sich die Welt unter dem Endlosen Schwarz veränderte, während die Mächtigen der Urzeit in den Hintergrund rückten, während die Erzwesen die Welt betraten und sich mit den Goblins das erste sterbliche Volk formte: Währenddessen sammelte es Kraft. Jede Seele nährte es. Die Seele einer Mücke. Die Seele eines Menschen. Die Seele eines Titanen. Das allein war kein Grund zur Sorge. Die Monde hielten es fest am Firmament, unverrückbar, wie ein Urteil, das niemals infrage stand. Es wäre ewig so weitergegangen, wenn nicht eben jene Wächter einen Fehler gemacht hätten. Vier von ihnen, die lilane Lunar, der gelbe Brahatross, die blaue Manifest und der schwarze Arkibe – sie alle trugen denselben Makel in sich: den Wunsch nach etwas Neuem, nach etwas, das ihre Ewigkeit zu durchbrechen vermochte. Und dieser Wunsch wurde zum Riss. Am Ende blieb allein der weiße Skullaer zurück. Skullaers Kraft reichte aus, um das Endlose Schwarz zu binden. Unnachgiebig. Doch die Ordnung war nicht mehr geschlossen – sie war beschädigt. Und aus dieser kleinsten Unstimmigkeit heraus begann etwas, das kein Maßstab mehr war, sondern ein Prozess. Ein Tropfen. Unaufhörlich. Ein Teil der Essenz der Seelen löste sich aus der Bindung und fiel hinab in die Welt darunter. Nicht als Flut, nicht als Strahl, sondern als stetiges, kaum wahrnehmbares Entweichen, das kein Ende kannte. Und dort unten, wo nichts für dergleichen vorgesehen war, begann es zu wirken. Es formte keinen Körper im klassischen Sinne. Keine Geburt. Keinen Ursprung, den man hätte greifen können. Es formte einen Willen, der sich selbst nicht verstand. Einen Verstand, der nicht wusste, dass er einer war. Es formte Atorm. -------------------------------------------------------------------------- Plötzlich wurde Atorm von den Füßen gerissen. Sein Körper schlug hart auf den Boden auf, die Erschütterung durchfuhr ihn, als hätte die Welt selbst entschieden, ihn zu brechen. Für einen Moment blieb er einfach liegen, ohne Orientierung, ohne Richtung, ohne jeden Halt. Er hob den Blick, verwirrt. Sein Bewusstsein tastete nach Gedanken – doch dort war nichts mehr, das sich hätte greifen lassen. Kein klarer Satz, kein geordneter Impuls. Nur Fragmente, die sich auflösten, noch bevor sie irgendetwas von Bedeutung annehmen konnten. Yang stand dort, absolut unversehrt. Ihr weißes Kleid war in makellosem Zustand, als hätte kein Kampf stattgefunden. Ihr schwarzer Afro saß vollkommen, unberührt von Staub, Energie oder Zeit, als wäre selbst die Realität um sie herum gezwungen gewesen, Rücksicht zu nehmen. Die Wacal trat langsam auf Atorm zu. Ihr Blick blieb ruhig, beinahe distanziert, als würde sie kein Wesen betrachten, sondern einen Zustand, der sich seinem Ende näherte. Sie hielt inne, musterte ihn für einen kurzen, gleichgültigen Moment – und wandte sich dann ab, ohne ein einziges Wort. Atorms Sicht begann zu zerfallen. Die Konturen der Welt lösten sich in unregelmäßige Flächen aus Licht und Dunkelheit auf, die sich nicht mehr zu einem kohärenten Bild fügen wollten. Weiße Blitze zuckten durch sein inneres Wahrnehmungsfeld, nicht außen, sondern tief in dem, was einmal Bewusstsein gewesen war. „Ich…" Der Gedanke brach ab, noch bevor er sich vollständig hatte formen können. Und dann löste er sich auf. -------------------------------------------------------------------------- Ralf blickte sprachlos auf das, was er soeben mit eigenen Augen gesehen hatte, während er sich in den Schnee gepresst hielt, instinktiv klein gemacht, als könne ihn bloßes Verstecken vor dem Absoluten schützen. Er war nicht in der Lage gewesen, den Kampf zwischen Yang und Atorm zu begreifen. Zu schnell, zu fremd, zu weit außerhalb jeder Logik, die er kannte. Doch eine einzige Erkenntnis hatte sich ihm eingebrannt, klarer als jeder Gedanke zuvor: Atorm war tot. Es war das Ende von Randurin. Daran zweifelte er nicht. Langsam rappelte er sich auf. Jeder Muskel seines Körpers protestierte, als hätte selbst der Schnee ihn bestraft, Zeuge gewesen zu sein. Sein ganzer Körper tat weh. Atorm hatte sich aufgelöst. Kein Rest, kein Echo, kein Blut. Nichts war zurückgeblieben, als hätte er niemals existiert. Yang war erneut in den Himmel gestiegen. Die grelle Halbkugel, die zuvor das gesamte Schlachtfeld verschlossen hatte, löste sich ebenfalls auf – als wäre sie nur ein vorübergehender Gedanke gewesen, der nun nicht länger gebraucht wurde. Nur das Heulen des Windes blieb zurück. „Es war von Anfang an aussichtslos, sich gegen das Kaiserreich zu stellen…" Der Gedanke formte sich schwer in seinem Kopf. Nicht wie ein Entschluss, sondern wie eine Erkenntnis, die sich gegen seinen Willen durchsetzte. Er schmeckte bitter, und doch war er nicht mehr zu verdrängen. Dann fiel sein Blick auf etwas. Zwei Gestalten, kaum mehr als Schatten in den Schneeverwehungen einer Düne. Jakira und Jester.
- Kapitel 214 - Unter den Sternen
Fünf Minuten, bis sie und Atorm aufeinandertreffen würden. Unter Yang zogen die Wipfel des Tiefenwaldes in langen, dunklen Bahnen dahin, ein endloses Meer aus Grün und Schatten. Ihre Augen waren unbeirrbar nach Norden gerichtet, fest und ohne den geringsten Anflug von Zögern. Sie war unzufrieden mit der Situation, nicht aus Sorge, sondern aus rein rationaler Abwägung heraus. Sich Sorgen zu machen, hatte sie nicht nötig. Sie war sich vollkommen sicher, dass sie Atorm schlagen würde. Und Barbarossa gleich dazu. Leyla. Yang hatte beschlossen, sie ebenfalls zu vernichten. Eine klare Entscheidung, getroffen ohne jeden Zweifel. Doch die gegenwärtige Lage verkomplizierte die Umsetzung, zwang sie dazu, den Zeitpunkt neu zu bewerten. Ob sie mit der Hinrichtung Leylas vielleicht doch noch warten sollte? Vier Minuten, bis sie und Atorm aufeinandertreffen würden. Da war sie, jene Aura, wie Franca sie beschrieben hatte. Schwach in der Ferne und doch unverkennbar, ein fernes Pulsieren, das sich gegen jede Wahrnehmung stemmte. Yang aber konnte sie präzise erfassen. Eine Aura, die den Tod versprach. Eine Aura, die wie ein Gefängnis wirkte, eng, drückend und unerbittlich. Yang löste die inneren Fesseln ihrer eigenen Aura. Mit einem einzigen, vollkommen kontrollierten Impuls entfaltete sich ihre Kraft. Die Bäume unter ihr wurden von der plötzlichen Wucht zerschmettert, Stämme brachen, Kronen rissen auseinander, als würde die Welt selbst für einen kurzen Moment nachgegeben. Drei Minuten, bis sie und Atorm aufeinandertreffen würden. Yang begann, die Aura des Feindes systematisch zu analysieren. Die darin liegende Magie entsprach nichts, was sie zuvor jemals gespürt hatte. Sie war fremd in ihrer Struktur, ungewöhnlich in ihrer Wirkung, ein abstraktes Phänomen selbst für jemanden wie sie. Es war lange her, dass Yang etwas wirklich Neues gelernt hatte. Atorms Aura schien aus drei Schichten aufgebaut zu sein. Die äußerste war, was Franca als Käfig beschrieben hatte. Ein massiver Zauber, der jede Form des Entkommens unterband, ein geschlossenes System aus Druck und Begrenzung. Nicht Vollkommen, aber ausreichend, um jeden festzuhalten, der unter Atorm stand. Yang tat das nicht. Diese Erkenntnis war klar und endgültig – sie war mächtiger als er. Die mittlere Schicht entsprach dem Grundsatz jeder Aura. Eine vollständige Entfesselung des eigenen Manas, roh und unverfälscht. Theoretisch war jeder, der überhaupt über Mana verfügte, dazu in der Lage, eine Aura zu manifestieren. In der Praxis jedoch erschöpften die meisten ihr Mana längst, bevor ihre Aura auch nur einen nennenswerten Nutzen entfaltet hatte. Die innere Schicht war die mit Abstand ungewöhnlichste. Eine Aura, die aktiv Lebenskraft entzog, die jeden innerhalb ihres Wirkungsbereichs langsam aushöhlte. Sie speiste Atorm mit immer neuer Stärke, während sie seine Gegner kontinuierlich schwächte, ein Kreislauf aus Entzug und Verstärkung. Es war die mächtigste Aura, auf die Yang seit vielen Jahrhunderten getroffen war. Und doch verspürte sie nicht den geringsten Anflug von Beunruhigung, keinerlei Unsicherheit. Schließlich besaß ihre eigene Aura elf Schichten. -------------------------------------------------------------------------- Zwei Minuten, bis sie und Atorm aufeinandertreffen würden. Das grüne Dach des Tiefenwaldes wich mit einem Mal einer weiten Fläche aus Schnee. Weiß erstreckte sich bis zum Horizont, ungebrochen und still, während ein schneidender Wind um Yang herumpeitschte und die Luft in unaufhörlicher Bewegung hielt. Es war eisig, eine Kälte, die Haut aufreißen und den Atem zum Gefrieren bringen konnte. Doch Yang spürte sie nicht. Genauer gesagt, sie hatte seit der Geburt ihrer Existenz keinerlei Kälte mehr empfunden. Sie korrigierte sich. Einmal hatte sie Kälte gespürt. Ein einziges Mal war sie wirklich in Bedrängnis geraten. Eine Minute, bis sie und Atorm aufeinandertreffen würden. Atorm hatte begonnen, sich zu bewegen. Er kam ihr entgegen, zielgerichtet und ohne den geringsten Anflug von Zögern. Ob es sein eigener Wille war oder ein Befehl des Schwarzen Sterns, spielte für Yang keinerlei Rolle. Das Ergebnis blieb dasselbe. In diesem Moment nahm sie drei schwache Lebensenergien wahr. Ihre Augen glitten kurz zur Seite und fanden einen Mann mit roten und weißen Haaren. Ein Rebell. Die Signatur war unruhig, nicht gefestigt. Dann richtete sich ihr Blick auf die beiden anderen, nur wenige Schritte von ihm entfernt. Eine Schattenläuferin, verborgen , doch für sie klar erkennbar. Und Sebastian. Der untote Prinz. Yang registrierte es ohne jede weitere Reaktion. Sie würde sich um ihn kümmern, sobald Atorm und Barbarossa gefallen waren. —BAMM— Mit einem einzigen, ohrenbetäubenden Knall trafen die Hüllen ihrer Auren aufeinander. Die Wolken über ihnen wurden auseinandergerissen, als hätte eine unsichtbare Hand sie schlicht fortgewischt. Die Luft wich zurück, verdrängt von der schieren Gewalt dieses Aufeinandertreffens, während der Schnee unter ihnen zu schmelzen begann und in dampfenden Schwaden verging. Dann sah sie ihn. Atorm. Er hatte langes, schwarzes Haar, das ihm lose in sein Gesicht fiel. Sein Körper war in zerschlissene Stoffe gehüllt, die mehr verhüllten als kleideten. Seine Haut war aschgrau, leblos, sein Gesicht ohne jede Regung. Was Yang jedoch sofort erfasste, waren seine Augen. Fast vollständig schwarz, durchzogen von einem einzelnen blauen Punkt, aus dem feine Risse hervorgingen, die sich wie Sprünge durch eine Glasoberfläche zogen. Er schwebte ihr gegenüber am Himmel, vollkommen reglos, wie ein lauerndes Raubtier. Yang erhob die Stimme. ,,Du, der sich Atorm nennt, wirst hiermit zum Tode verurteilt.'' Sie sah, wie sich sein Mund öffnete, wie sich ein Wort formte, das den Raum zwischen ihnen füllen sollte. Dann traf ihn bereits Yangs erster Angriff. Die Kraft entlud sich augenblicklich, ohne jedes Vorzeichen, und riss ihn aus seiner Position. Sein Körper wurde nach unten geschleudert, durch die Luft gepresst und schließlich mit brutaler Wucht in den Schnee gedrückt. -------------------------------------------------------------------------- Für den ersten Angriff hatte Yang Windmagie eingesetzt. Nun folgte Feuermagie. Sie hob die Hand, präzise, vollkommen kontrolliert, und ließ Hunderte von Geschossen auf Atorm niedergehen. Die Hitze fraß sich durch die Oberfläche, ließ den Schnee augenblicklich schmelzen. Das Eis darunter gab nach, wurde zu Wasser, dann zu Dampf. Selbst der Stein begann sich unter der anhaltenden Energie zu verformen. Atorms Kraft schien dabei nicht abzunehmen. Keine wahrnehmbare Schwächung, kein einziges Anzeichen von Erschöpfung. Ob er etwa gegen Feuer immun war? Yang musste sich eingestehen, dass sie ihn leicht unterschätzt hatte. Sie war davon ausgegangen, ihn ohne den Einsatz von Äthermagie vernichten zu können. Diese Annahme erwies sich nun als unzureichend. Ohne ihm auch nur einen Moment der Erholung zu gewähren, setzte Yang nach. Sie sammelte die sechs Elemente in ihrem Inneren, führte sie ineinander, zwang sie in ein gemeinsames, untrennbares Gefüge. Licht. Schatten. Feuer. Wasser. Wind. Erde. Dann entfesselte sich der Äther. Die Umgebung wurde in gleißendes Licht getaucht, als wäre die Nacht einem plötzlichen Tag gewichen. Die Ebene erstrahlte im schillernden Spektrum der vereinten Magie. Yang ließ erneut Geschosse auf Atorm niedergehen, dichter, präziser, getragen von der vereinigten Kraft aller Elemente. Dann hielt sie inne. Ohne Hast, ohne äußeren Zwang stoppte sie ihren Angriff und wartete, bis sich der aufsteigende Dampf endgültig gelegt hatte und die Sicht wieder frei wurde. Atorm stand unter ihr. Er befand sich genau im Zentrum eines Kraters aus glühendem Gestein, die Oberfläche ringsum war verformt und aufgerissen wie eine offene Wunde im Land. Doch Atorm war vollkommen unverletzt. Lediglich seine Kleidung war verbrannt, bis nichts mehr von ihr übrig geblieben war. Sein Körper wies keinerlei Merkmale auf, wie sie bei einem Menschen oder einer Wacal zu erwarten gewesen wären. Keine Geschlechtsmerkmale, keinerlei individuelle Strukturen. Nur glatte, graue Haut, gleichmäßig und ununterbrochen. Als wäre er als Hülle erschaffen worden. In seiner Hand begann sich eine schwarze Kugel zu formen. Die Energie verdichtete sich, zog sich zusammen, wurde kompakter, schwerer. Dann griff er Yang an. -------------------------------------------------------------------------- Die schwarze Kugel schoss auf Yang zu. Sie wich zur Seite aus, sauber und ohne jede überflüssige Bewegung, doch die Kugel änderte ihre Richtung und verfolgte sie, als wäre sie magisch an sie gebunden worden. Was wohl geschehen würde, wenn die Kugel sie tatsächlich träfe? Yang schleuderte einen Ätherblitz auf die Kugel, präzise gesetzt, in der festen Erwartung, sie damit auf der Stelle aufzulösen. Das Ergebnis wich jedoch von jeder logischen Entwicklung ab. Der Äther wurde weder abgewehrt noch umgeleitet, sondern schlicht und einfach absorbiert. Die Kugel verschlang Yangs Magie wie ein Raubtier, lautlos und restlos. In diesem Moment wurde ihr bewusst, dass sie Atorm auf diesem Weg nicht würde besiegen können. Magie war hier kein Vorteil mehr, sondern ein konkretes Risiko. Plötzlich registrierte sie einen Einschlag von hinten. Eine zweite Kugel traf sie, ohne jede Vorwarnung, und schleuderte sie mehrere Meter durch die Luft. Ihr Körper wurde versetzt, verlor für einen kurzen Moment die gewohnte Ausrichtung. Schmerz empfand sie keinen, und doch war Yang überrascht. Wann hatte Atorm diese zweite Kugel überhaupt erschaffen? Sie hatte ihn seit Beginn des Aufeinandertreffens ununterbrochen beobachtet. Die erste Kugel raste weiterhin auf sie zu, unverändert in ihrer Geschwindigkeit. Yang stabilisierte sich in der Luft, drehte sich kontrolliert in die Bewegung hinein und holte aus. Mit einem einzigen, präzise gesetzten Schlag zerschmetterte sie die Kugel. Sie hatte nicht vorgehabt, sich treffen zu lassen. Doch nachdem die zweite Kugel sie erfasst hatte, wusste sie, dass von ihnen keine unmittelbare Gefahr ausging. Ihre Wirkung war begrenzt, ihre Kraft nicht ausreichend. Yang richtete sich neu aus und ließ den Blick zu Atorm wandern. Sie würde ihn im Nahkampf besiegen müssen, ganz ohne den Einsatz von Magie. Eine direkte Auseinandersetzung, reduziert auf Geschwindigkeit und rohe körperliche Kraft. „Wie lästig." -------------------------------------------------------------------------- Yang schoss auf Atorm zu, da bemerkte sie sein Grinsen. Innerhalb einer einzigen Sekunde formten sich drei Gewissheiten in ihrem Bewusstsein. Atorm fraß Magie. Er wirkte stärker als zuvor, und sie erkannte deutlich die Spuren ihrer eigenen Magie in seiner Aura, feine Rückstände, die sich in seine Struktur eingearbeitet hatten. Er wurde mit jedem Rest an Mana, der ihn berührte, ein wenig stärker, vollkommen gleichgültig, wie gering dieser Rest auch sein mochte. Yang ließ ihre eigene Aura erlöschen. Atorms Magie hatte ihr kaum Schaden zugefügt, weil das schlicht nicht ihr eigentlicher Zweck gewesen war. Vielmehr war sie markiert worden. An ihrem Handgelenk und in ihrem Nacken lagen feine Magiesignaturen, kaum sichtbar und doch eindeutig, die bereits damit begonnen hatten, ihr Mana auszusaugen. Ein stetiger, kontrollierter Entzug. Sie würde sich beeilen müssen. Atorm war siegesgewiss. Er strahlte ein Selbstbewusstsein aus, das für Außenstehende absolut gewirkt hätte, unerschütterlich und ruhig, als wäre der Ausgang dieses Kampfes längst entschieden. Es gab etwas, das Yang übersehen hatte. Dann schlug sie zu. Ihre Hand wurde von Atorm abgefangen, präzise und ohne sichtbare Anstrengung. Zeitgleich trat sie nach ihm, doch auch dieser Angriff wurde gestoppt, als hätte er den gesamten Bewegungsablauf bereits im Vorfeld gekannt. Sie war schneller als er. Und dennoch traf keiner ihrer Angriffe sein Ziel. Er reagierte nicht im eigentlichen Sinne, wich nicht aus, blockte nicht erst im letzten Moment. Es wirkte vielmehr, als würde er ihre Bewegungen erahnen, noch ehe sie vollständig ausgeführt waren. Konnte er das Mana wahrnehmen, das durch ihren Körper floss? Yang ließ das gesamte Mana in ihrem Inneren verstummen. Jeder innere Schutz brach weg, jede Verstärkung wurde für den Moment aufgegeben, selbst die Kraft des Völkerjuwels der Wacal, die sie vor Jahrtausenden erhalten hatte. Alles wurde unterdrückt, restlos und ohne Ausnahme. Sie war nun vollständig auf ihre physische Kraft angewiesen. Atorm grinste. ,,Hast du endlich realisiert, dass du gegen mich gar nicht gewinnen kannst.'' Yang antwortete nicht. Ihre Reaktion war unmittelbar, direkt und ohne jede Verzögerung. Sie traf ihn mit voller Wucht mitten in den Bauch. Atorm wurde mehrere hundert Meter nach hinten geschleudert, sein Körper verlor jede Stabilität und wurde regelrecht durch die Luft gerissen. Yang setzte ihm augenblicklich nach. Sie brauchte keinerlei Magie gegen ihn. Sie war bei ihm, noch ehe er den Boden überhaupt erreicht hatte. Bereits im Flug griff sie nach seinem Bein und riss ihn nach unten, schleuderte ihn mit brutaler Wucht zu Boden. Der Aufprall riss die Oberfläche der Ebene auf. Ohne auch nur eine Sekunde Pause folgte der nächste Angriff. Sie packte seinen Hals, drückte zu und schlug wieder und wieder zu, jede einzelne Bewegung präzise gesetzt. Atorm versuchte, sich aus ihrem Zugriff zu befreien, doch seine Reaktionen waren zu langsam, schlicht nicht ausreichend, um sich ihrem Griff zu entwinden. Schließlich löste Yang den Griff, schleuderte ihn hoch in den Nachthimmel und setzte ihm sofort nach. Hoch über dem Boden drehte sie sich in der Luft und trat zu. Die Bewegung war sauber, getragen von reiner roher Kraft. Atorm wurde nach unten geschleudert, wie ein Meteorit, der unaufhaltsam auf die Erde zurast. —BUMM— Der Aufprall war gewaltig, ließ den Boden bis tief unter ihnen erzittern und schleuderte Schnee und Gestein in alle Richtungen. Yang folgte unmittelbar, ohne Abstand, ohne Zögern. Ihre Faust traf seine Brust mit voller Wucht. —KRACK— Die Rippen, oder was auch immer Atorm in seinem Inneren trug, zerbrachen unter der Belastung. Die Struktur gab nach, nicht in der Lage dieser Kraft zu widerstehen. Yang trat einen Schritt zurück und blickte auf den Körper ihres Gegners hinab. -------------------------------------------------------------------------- Der Körper von Atorm war nicht mehr als Körper zu identifizieren. Er lag in einer Lache aus schwarzem Blut, die sich langsam in den gefrorenen Boden fraß, während einzelne Tropfen noch aus den Rissen sickerten, als würde selbst das Blut einem eigenen, fremden Rhythmus folgen. Seine Gliedmaßen waren teilweise abgerissen, teilweise vollständig zerfetzt, ohne erkennbare Struktur, als hätte etwas ihn jenseits jeder biologischen oder magischen Grenze auseinandergerissen. Sein Gesicht war völlig unkenntlich. Knochen, Gewebe und Schatten waren ineinander übergegangen, ohne klare Trennung. Selbst das Leuchten in seinen Augen war erloschen, als wäre dort niemals etwas gewesen, das Leben getragen hatte. Seine Aura war schwächer als zuvor. Yang trat einige Schritte zurück und wollte gerade ihre Magie erneut aktivieren, als sie eine Veränderung in der Luft wahrnahm. Die Atmosphäre wurde schwer, drückend, selbst für sie. Nicht durch Kälte oder physischen Druck, sondern durch eine Verschiebung in der Struktur der Welt selbst, als würde sich etwas im Fundament der Realität neu ordnen. Ihr Blick wanderte instinktiv zum Himmel. Die Sterne leuchteten grell, ein schneidender Kontrast zur endlosen Dunkelheit des Nachthimmels, zu scharf, zu präsent, als wären sie näher gerückt. Und Atorm begann sich zu regenerieren. Zuerst war es kein sichtbarer Vorgang, dann eine Bewegung im Zustand der Materie selbst. Das zerfetzte Fleisch zuckte nicht, es begann wieder zusammenzuwachsen. Schwarzes Blut hob sich in feinen Strängen vom Boden, zog sich zurück, als würde es gerufen werden, und formte sich erneut in die zerstörten Bereiche hinein. Knochenstücke richteten sich nicht einfach auf, sie fanden ihre ursprüngliche Position wieder, als hätten sie ein unsichtbares Gedächtnis, das jede Abweichung unerbittlich korrigierte. Dann wurden die Veränderung größer. Risse im Körper schlossen sich nicht langsam, sondern sprangen zusammen. Gewebe wuchs nicht, es kehrte zurück, Schicht für Schicht, bis die Form wieder vollständig war. Es war kein organischer Vorgang, sondern wirkte eher, als würde etwas die ursprüngliche Version des Körpers aus einem höheren Zustand heraus rekonstruieren. Innerhalb weniger Sekunden stand Atorm wieder. Kein Hinweis auf die vorherige Zerstörung blieb zurück. Keine Spur von Blut, kein Bruch, keine Unregelmäßigkeit. Sein Körper wirkte, als hätte er den Angriff niemals erlitten. Auch seine Aura kehrte zurück, nicht nur stabil, sondern erdrückend wie zuvor, schwer und präsent, als hätte sie den Zwischenzustand nur kurz verlassen. ,,Du hast meinen Respekt. Ich dachte, du wärst nicht viel stärker als Bunj, wenn deine Magie einmal nutzlos ist. Dass du selbst ohne sie so viel stärker bist als ich, das überrascht mich wirklich sehr.'' Yangs Blick wanderte von Atorm zum Nachthimmel und wieder zurück zu ihm. Die Sterne standen unverändert über ihnen, doch etwas an ihrer Präsenz wirkte falsch, als hätten sie Anteil an dem, was hier gerade geschehen war. Vielleicht war es nicht die Himmelsstruktur selbst, vielleicht war es etwas anderes, das sich ihrer Analyse entzog, etwas jenseits dessen, was sie sicher erfassen konnte. Wenn sie eine Kuppel erschuf, die den Himmel verdeckte, würde er sich womöglich nicht erneut regenerieren. Es war eine Hypothese, nicht mehr, aber ausreichend, um sie umzusetzen. Atorm war ihr weit unterlegen. Er hatte ihre stärksten Waffen neutralisiert und sie in einen Kampf ohne Magie gezwungen. Gegen jeden anderen Gegner wäre das ein entscheidender Vorteil gewesen. Gegen Yang war es lediglich eine Einschränkung, keine Lösung. Ihr Körper war selbst für eine Wacal außergewöhnlich widerstandsfähig. Und doch musste sie einen Weg finden, ihn endgültig zu besiegen. Also sprang sie vor, schmetterte Atorm zu Boden und stieß sich unmittelbar in die Luft. In wenigen Sekunden gewann sie mehrere hundert Meter an Höhe. Dann hob sie die Hand, aktivierte das Mana in ihrem Inneren und schoss einen einzigen Strahl aus Äthermagie hoch in den Himmel. Augenblicklich löschte sie ihr Mana wieder und ließ sich fallen. Während sie auf Atorm zuraste, formte sich hinter ihr im Himmel eine Kuppel aus Äthermagie, die sich rasch ausbreitete und den gesamten Nachthimmel über ihnen versiegelte. Und zum ersten Mal erkannte Yang Unsicherheit in Atorms Haltung.
- Kapitel 213 - Der Weg des Ralf Tersten
Ralf betrachtete noch ein letztes Mal die Kriegsaxt, die neben seinem Bett lehnte, und ließ den Blick bewusst über jedes Detail ihrer Klinge wandern. Der Drachenstahl fing das schwache Licht des Abends auf eine ganz eigenwillige Weise ein, nicht glänzend im klassischen Sinne, sondern mit einer Tiefe, die eher an etwas Lebendiges erinnerte. Es war eine Waffe, die nicht nur für den Kampf geschaffen worden war, sondern für Entscheidungen, die nicht mehr rückgängig gemacht werden konnten. Er hatte sie für seine Dienste erhalten, direkt aus der Hand der Prinzessin selbst, eine Auszeichnung, die weit über das hinausging, was er sich je hätte vorstellen können. Und doch war da dieser eine Gedanke geblieben. Dass sie an ihm verschwendet war. Nicht aus falscher Bescheidenheit, sondern aus einer nüchternen Einschätzung seiner selbst. Seit jener Verletzung, die Jakira ihm zugefügt hatte, war etwas anders. Nicht sichtbar für jeden, nicht offensichtlich im ersten Moment, aber tief genug, um seine eigene Wahrnehmung von sich selbst nachhaltig zu verändern. Seine Bewegungen fühlten sich langsamer, träger an, minimal, doch spürbar in jedem einzelnen Schlag, in jeder Anspannung seines Körpers. Er hatte Nara informiert. Sie hatte Ralf ignoriert. ,,Wie dem auch sei'', murmelte er schließlich und griff nach der Axt. Das Gewicht lag vertraut in seiner Hand, schwer, doch perfekt ausbalanciert. Kein Zögern mehr. Er verließ den Raum, ging die Treppe hinunter und trat schließlich hinaus auf die Straßen von Randurin. Die Kälte umhüllte ihn sofort. Es war kein beißender Frost, sondern eine gleichmäßige, durchdringende Kühle, die sich in Kleidung und Haut festsetzte. Die letzten Strahlen der Sonne lagen noch über den weißen Ebenen jenseits der Stadt, sichtbar durch das Tor, das sich wie ein dunkler Rahmen um die offene Landschaft legte. Der Schnee reflektierte das Licht schwach, sodass selbst die Bäume in der Ferne nicht vollständig im Schatten lagen. Irgendwo dort draußen war sie. Jakira. Der Gedanke war kein Zweifel, sondern eine Gewissheit, die sich nicht erklären ließ. Sie war zu einem Teil dessen geworden, was ihn überhaupt erst hierher geführt hatte, und zu einem Teil dessen, was er nun hinter sich lassen musste. ,,Warte nur, Liam'', versprach er leise, während er sich in Bewegung setzte. ,,Ich werde sie zu dir bringen.'' Sein Schritt war zielstrebig, ohne Hast, ohne Ablenkung. Die Stadt um ihn herum wirkte anders als noch vor wenigen Tagen. Die Präsenz des Schwarzen Sterns war überall spürbar, nicht allein durch die Wachen, die an den Straßen postiert waren, sondern auch in der Art, wie sich die Menschen bewegten. Über ihm flatterte das Wappen im Wind, dunkel und klar erkennbar gegen den Himmel. Der Schwarze Stern. Ralf hob den Blick einen Moment länger, als es eigentlich nötig gewesen wäre. Es war ein Symbol für alles, was er bisher erreicht hatte. Für die Einheit, die er mit Liam aufgebaut hatte. Für die Eroberung dieser Stadt. Für die Verteidigung gegen Kräfte, die sie eigentlich hätten brechen sollen. Für den Pakt mit Varon, der ihn mehr gekostet hatte, als er sich damals hatte eingestehen wollen. Und nun ließ er alles zurück. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil es schlicht nicht länger das war, was zählte. Sein Fokus verschob sich zurück auf den Ursprung. Liam Valleri. Der Elf, dem er sich einst angeschlossen hatte, nicht aus Zwang, sondern aus tiefer Überzeugung. Alles, was danach gekommen war, hatte sich daraus entwickelt. Ralf straffte die Schultern, als könnte er so das Gewicht dieser Entscheidung körperlich ausgleichen. Dann hörte er die Stimme. [???] ,,Wo gehst du hin, Ralf?’’ Er blieb stehen. Langsam drehte er sich um. Nara stand hinter ihm, ihre goldenen Augen fest auf ihn gerichtet, scharf, prüfend, als wüsste sie bereits, was er sagen würde, und dennoch jedes Detail seiner Reaktion sorgfältig analysieren wollte. Neben ihr standen zwei Halbriesen, ihre massiven Gestalten deutlich abgesetzt von der restlichen Umgebung. Ralf atmete einmal tief durch, ließ die Luft kontrolliert entweichen und sah sie direkt an. ,,Ich werde Liam suchen und retten gehen'', sagte er schließlich, seine Stimme fest, ohne den geringsten Anflug von Zögern. ,,Ich verdanke ihm alles, was ich heute bin. Und er verdient es, frei zu sein.'' Naras Blick veränderte sich minimal. Es war keine Überraschung, eher eine stille Bestätigung dessen, was sie längst erwartet hatte. Ihre Augen verengten sich, während sie ihn weiterhin unverwandt fixierte. ,,Das kann ich nicht erlauben'', erwiderte sie ruhig, doch mit einer Klarheit, die keinen Raum für Missverständnisse ließ. ,,Du bist eines unserer wichtigsten Mitglieder. Ich brauche dich hier in Randurin.'' -------------------------------------------------------------------------- Ralf Tersten wurde in einer ländlichen Region der Mittellande geboren. Sein Vater war Bauer, sein Großvater war Bauer – und so sollte selbstverständlich auch Ralf Bauer werden, wie es seit Generationen vorgesehen war. Die Felder, die Jahreszeiten, das ruhige, gleichmäßige Leben – all das war ihm vertraut, beinahe schon selbstverständlich. Und Ralf genügte das. „Ein einfaches Leben ist genug. Mehr braucht es nicht." Als er dreizehn Jahre alt war, wurde jenes Land, das seine Familie seit Generationen gepachtet hatte, an einen Adligen der Nachbarregion abgegeben. Ohne Vorwarnung, ohne Möglichkeit auf Widerspruch. Das Land wurde neu verteilt, neu verpachtet, und Ralfs Familie verlor mit einem Schlag ihre Existenzgrundlage. Sie mussten fliehen, hastig und ohne klares Ziel, nur mit dem Nötigsten beladen. Die Reise war hart, von Unsicherheit geprägt, doch schließlich erreichten sie Schneeburg. Die Stadt, die die Mittellande von den Eiswäldern trennte. Die Stadt, die als Tor zum Norden galt, rau und unnachgiebig. Dort fand Ralf schließlich Arbeit in einem Stall. Er lernte schnell, arbeitete zuverlässig, entwickelte ein feines Gespür für Tiere und für die einfachen Abläufe eines geordneten Betriebs. Sein Vater sah das mit Stolz und sprach davon, dass Ralf eines Tages vielleicht sogar einen eigenen Stall besitzen würde. Und Ralf genügte das. „Das ist gut. Das reicht. Mehr ist nicht nötig." Als er siebzehn war, brannte die Stallung nieder. Ein Feuer, das in einer einzigen Nacht alles verschlang, was er sich mühsam aufgebaut hatte. Die Arbeit, die Sicherheit, die Perspektive. Zurück blieb nichts als Ruß und der beißende Geruch verbrannten Holzes. Sein Vater, verbittert und enttäuscht, warf ihn hinaus. Ohne lange Worte, ohne einen einzigen Rückblick. Ralf zog erneut in den Süden, nach Malyl. Hier, in der Hauptstadt der Mittellande, war alles größer, lauter, unübersichtlicher. Doch er fand seinen Platz. Er schloss sich der Malyler Stadtwache an, lernte Disziplin, Ordnung und die Regeln einer Welt, die weit weniger verlässlich war als die Felder seiner Kindheit. Er bekam ein kleines Haus, schlicht, aber sein eigenes, und nahm zwei Hunde bei sich auf, Lissa und Benny. Sie wurden zu seinen ständigen Begleitern, zu einem Stück Beständigkeit in einem Leben, das sich immer wieder veränderte. Und Ralf genügte das. „Das ist genug. Mehr brauche ich nicht. Das hier ist gut." Vierundzwanzig Jahre lang diente er in der Stadtwache. Vierundzwanzig Jahre aus Routine, aus Pflichterfüllung, aus einem stillen Einverständnis mit dem, was eben war. In dieser Zeit vergnügte er sich mit vielen Männern, flüchtige Begegnungen, ohne Bindung, ohne Versprechen. Keiner blieb. Und Ralf suchte auch nicht danach, dass jemand blieb. Doch dann kam es zu einem Ereignis, das sein Leben verändern sollte. General van Trey, vom Kaiserreich erst kürzlich in die Stadt versetzt, tötete vor Ralfs eigenen Augen beinahe ein kleines Kind. Es war kein Unfall, kein Missverständnis – es war pure Gleichgültigkeit, rohe Gewalt, ausgeübt ohne den geringsten Anflug von Zögern. Und als sich eine Frau mit blauen Haaren dem General mit ausgebreiteten Armen in den Weg stellte, sich schützend vor das Kind zu warf, wandte sich seine Aufmerksamkeit augenblicklich ihr zu. Der General wollte sie töten, ohne auch nur einen einzigen Moment des Innehaltens. Gerettet wurde sie allein durch das beherzte Eingreifen des jungen Herzogs Paul de Coteau. Für Ralf veränderte sich in jenem Augenblick etwas. „Das… ist nicht richtig." Er hatte stets gesetzestreu gelebt, hatte sich an die Regeln gehalten, hatte nie nach mehr gestrebt als nach einem ruhigen, sicheren Leben. Rückschläge hatte er hingenommen, ohne zu klagen. Er hatte sich bei Kamera für jeden kleinen Erfolg bedankt, hatte geglaubt, dass das Gleichgewicht der Welt im Großen und Ganzen seine Richtigkeit hatte. Doch diese Ungerechtigkeit – so offen, so unverhüllt, und nur durch das Eingreifen eines einzelnen Adligen beendet – war jener eine Tropfen, der Ralfs inneres Fass endgültig zum Überlaufen brachte. -------------------------------------------------------------------------- Noch am selben Abend ging Ralf in eine Gaststätte. Der Raum war laut, erfüllt von Stimmen, Gelächter und dem dumpfen Klang von Krügen, die auf Holz schlugen. Er sah dort einige Soldaten, erkannte ihre Uniformen, ihre Haltung, dieses selbstverständliche Auftreten. Ohne ein einziges Wort, ohne jede Vorwarnung, begann er, wahllos auf sie einzuprügeln. Es war eine Kurzschlussreaktion, das war ihm durchaus klar. Noch während seine Fäuste trafen, wusste er, dass es nichts änderte, dass es keinerlei Gerechtigkeit brachte und dass es auch niemanden wirklich traf, der in diesem Reich tatsächlich profitierte. Es war blind, roh und letztlich vollkommen sinnlos. Und doch war es an diesem Abend für ihn die einzige Möglichkeit, mit dem Erlebten überhaupt klarzukommen. Die einzige Form, in der seine Wut auch nur ansatzweise einen Ausdruck fand, ungefiltert und ohne jede Kontrolle. Die Soldaten überwältigten ihn schließlich, routiniert und ohne große Mühe. Einige Schläge, ein geübter Griff, und dann lag er am Boden. Das Malyler Gericht verurteilte ihn wegen Gewalt gegen Kaiserliche Beamte zu sechs Monaten Haft. Er landete im Gefängnis Malyl, nördlich der Stadt gelegen, einem kalten, abweisenden Ort aus Stein und Gitterstäben. Die Monate verstrichen, gleichförmig und zäh, doch die Wut in Ralf wuchs weiter und weiter. Sie wurde nicht schwächer, sie wurde nicht leiser – sie sammelte sich, verdichtete sich zu etwas Tieferem, Schwererem, das sich nicht mehr so leicht abschütteln ließ. Er konnte sie gut verbergen, hielt sie unter Kontrolle, ließ sich nichts davon anmerken. So wurde er bereits nach vier Monaten entlassen. Kaum war er wieder draußen, ging er ohne zu zögern zurück in eben jene Gaststätte. Der Entschluss war klar, fast nüchtern gefasst – er wollte sich beim Wirt entschuldigen, für den Schaden, für das Chaos, das er damals angerichtet hatte. Dort traf er schließlich auf Theol und Liam. Zwei Männer, die sich deutlich von der üblichen Kundschaft abhoben, nicht durch Lautstärke, sondern durch die Art, wie sie den Raum beobachteten, wie sie miteinander sprachen. Liam hatte gerade einen Angriff durch Bournadette Lacroix überlebt und dabei seine Gilde, die ,,Grauen Federn'', verloren. Die Spuren davon waren noch deutlich sichtbar, nicht nur körperlich, sondern auch in seiner Haltung, in der Art, wie er sprach, wie er innehielt. Ralf verstand sich auf Anhieb gut mit ihm und bemerkte schnell, dass Liam seine Ansichten zum Kaiserreich teilte. Es war keine laute Übereinstimmung, kein offener Schwur, sondern ein stilles Erkennen, ein Einverständnis zwischen zwei Männern, die ähnliche Schlüsse aus unterschiedlichen Erfahrungen gezogen hatten. Der Abend wurde später und später, die Gespräche wurden tiefer und offener, während draußen langsam die Nacht wich. Als schließlich die Morgensonne aufging und das erste Licht durch die Fenster fiel, trafen sie eine Entscheidung. Theol und Ralf schlossen sich Liam an, der seine Freundin Leyla suchen wollte. Über den Grünwald gelangten sie nach Inhantes und von dort schließlich weiter in die Kaiserstadt. Der Weg war lang, geprägt von Gesprächen, aber auch von stillen Momenten und unausgesprochenen Erwartungen. Der ursprüngliche Plan war es gewesen, Leyla zu finden, sie mitzunehmen und gemeinsam nach Kartaffel zu reisen, um sich dort dem Schwarzen Stern anzuschließen. Leyla jedoch war nicht mehr jene, als die Liam sie in Erinnerung gehabt hatte. Etwas an ihr hatte sich laut ihm verändert, etwas Grundlegendes, das sich nicht einfach in Worte fassen ließ, aber dennoch deutlich spürbar war. Sie zogen schließlich zu dritt weiter. Ralf schloss sich dem Schwarzen Stern an. Es war ein Schritt, der nach außen hin eindeutig wirkte, beinahe folgerichtig nach allem, was zuvor geschehen war. Und doch lag seine Loyalität weiterhin allein bei Liam. Nicht bei den Rebellen. -------------------------------------------------------------------------- Ralf sah Prinzessin Nara an und musste unwillkürlich lächeln. ,,Nara, bitte verzeih mir, aber ich nehme keine Befehle von dir entgegen. Ich habe mich Liam angeschlossen, weil ich an ihn geglaubt habe. Ich habe mich dem Schwarzen Stern angeschlossen, weil er es getan hat. Ich habe Randurin mit ihm gemeinsam erobert, weil er es für richtig hielt. Ich habe Randurin regiert und verteidigt, weil es seinen Wünschen entsprach. Und nun werde ich gehen und versuchen, ihn zu befreien, weil ich mir für ihn wünsche, dass er endlich ein glückliches Ende findet. Eines, das nicht in den Ketten deines Bruders liegt.'' Nara trat einen einzelnen Schritt auf ihn zu, die Hand fest am Knauf ihres Schwertes. ,,Du weißt selbst nur zu gut, wie wir mit jenen umgehen, die zu viel wissen und unsere Sache verraten.'' Ralf betrachtete für einen Moment die schwarze Haut an ihrer Hand, ein Überbleibsel der Heilung durch Atorm, dann hob er den Blick wieder und sah ihr direkt in die Augen. ,,Ich habe mich gegen das Kaiserreich gewandt, weil Unrecht als Recht bezeichnet wurde, weil Loyalitäten verlangt wurden, wo es keine Grundlage dafür gab, weil es keinen Dank mehr für gute Taten gab. Als ich dich das erste Mal traf, da dachte ich, du wärest anders als dein Vater, anders als deine Brüder, anders als dein Blut. Liam hat dich in Schutz genommen und mir erklärt, dass du auch für meine Zukunft kämpfst. Wenn ich mich derart in euch getäuscht haben sollte, dann habe ich den Tod verdient, denn dann hätte ich Shira selbst nach Randurin gebracht. Wenn ich aber recht behalten sollte, dann wirst du mich gehen lassen.'' Er machte eine kurze Pause, sein Blick blieb ruhig, unbewegt. Dann sprach er noch einen letzten Satz, bevor er sich zum Tor wandte. ,,Egal, ob ich nun recht habe oder nicht, meine Entscheidung ist richtig.'' Ohne ein weiteres Wort setzte er sich in Bewegung und ging. Während er die Brücke überquerte und sich Schritt für Schritt vom Tor entfernte, in Richtung des Schlachtfelds, hörte er hinter sich noch einmal Naras Stimme. ,,Ich danke dir für deinen Dienst. Ich hoffe, wir sehen uns wieder, Ralf Tersten.'' Ralf musste erneut lächeln. Er schritt durch den Schnee, gleichmäßig, ohne jede Hast. Seine Augen suchten die Umgebung nach Spuren von Jakira ab, jedes Detail aufnehmend, jede Unregelmäßigkeit prüfend. Dann veränderte sich die Luft. Es war kein Geräusch, kein sichtbares Zeichen, sondern etwas weitaus Tieferes, etwas, das sich in die Wahrnehmung selbst drängte und den Raum um ihn herum zu verzerren schien. Jeder, der über durchschnittliche magische Fähigkeiten verfügte, wäre in diesem Moment auf der Stelle umgekehrt, hätte die Gefahr augenblicklich erkannt und Abstand gesucht. Ralf jedoch besaß nur geringe magische Fähigkeiten, zu wenig, um die Tragweite des Geschehens sofort zu begreifen. Er bemerkte es zu spät. Er war bereits mitten hineingeraten. In den tödlichen Kampf zwischen dem Absolut des Kaiserreichs und dem Kind des Todes.
- Kapitel 212 - Zweige der Trennung
Leyla betrachtete die kleine, leuchtende Taube, die sich auf ihrer Hand niedergelassen hatte, und ließ ihren Blick einen Moment auf dem feinen Schimmer ihrer Form ruhen. Das Licht war nicht grell, sondern konzentriert, beinahe ruhig, als wäre es nicht dazu gedacht, zu blenden, sondern zu erleuchten. Sie konnte die Magie deutlich spüren, dicht und sauber strukturiert, ein präzise gewobener Zauber, der keinerlei Makel enthielt. Es war eine Botentaube aus Lichtmagie, gebunden an eine klare Funktion: Sobald sie mit Mana gespeist wurde, würde sie ihre Botschaft freigeben und sich dabei vollständig auflösen. Ein einmaliger Impuls, ohne Wiederholung, ohne jede Möglichkeit zur Korrektur. Sie musste nicht lange überlegen, von wem sie stammte. Die Signatur war unverkennbar. Die Magie trug etwas Drückendes in sich, nicht aggressiv, nicht überwältigend, doch von einer absoluten Klarheit, die jede andere Präsenz automatisch in den Hintergrund verbannte. Es war Yangs Werk. Kein Zweifel. Und allein diese Tatsache reichte aus, um die Bedeutung der Nachricht sofort höher zu gewichten, noch ehe sie überhaupt gehört hatte, worum es eigentlich ging. Kurz hob Leyla den Blick und sah zu Zensa hinüber, der wenige Schritte entfernt ruhig schlief. Sein Atem war gleichmäßig, tief, ein deutliches Zeichen seiner vollkommener Erschöpfung. Er hatte den gesamten Tag trainiert, bis sein Körper keinerlei Reserven mehr besessen hatte, und war schließlich ohne jeden Widerstand eingeschlafen. In der kleinen Tasche an ihrer Brust, lag Vinessa zusammengerollt, ebenfalls schlafend, ihre winzige Gestalt kaum mehr als ein leichter Druck gegen den Stoff. Alexandra hingegen war nicht anwesend. Sie hatte angekündigt, noch ein Stück gehen zu wollen, Bewegung zu brauchen, bevor auch sie sich zur Ruhe legen konnte. Leyla ließ ihren Blick für einen Moment in die Dunkelheit des umliegenden Waldes gleiten, als könnte sie sie dort bereits ausmachen, entschied sich dann jedoch bewusst, zu warten. Wenn diese Botschaft tatsächlich von Yang kam, bestand durchaus die Möglichkeit, dass sie nicht nur für sie bestimmt war. Unwillkürlich drifteten ihre Gedanken zu einem anderen Thema ab. Das Drachenei. Eroicas Geschenk. Sie hatte es seit einiger Zeit nicht mehr zu Gesicht bekommen, und die Frage, ob es vielleicht bereits geschlüpft war, ließ sich nicht einfach beiseiteschieben. Ein leiser Seufzer entwich ihr, getragen von der Erinnerung an ihre verstorbene Leibdienerin, doch sie ließ den Gedanken nicht weiter wachsen. Jetzt war nicht der Moment dafür. Stattdessen konzentrierte sie sich wieder auf ihre Umgebung. Ihre Magie hatte sie längst in den Boden und die umliegenden Bäume sickern lassen, fein verteilt, beinahe unsichtbar, wie ein Netz, das sich durch die natürliche Struktur des Dschungels spannte. Jede Bewegung wurde darin zu einer leichten Verschiebung, zu einem Impuls, den sie unmittelbar wahrnehmen konnte. Ein Insekt, das über einen Ast kroch. Eine minimale Veränderung in der Festigkeit des Bodens. Oder Schritte, die sich näherten. Deshalb spürte sie Alexandra, noch ehe sie zu sehen war. ,,Alexandra'', flüsterte Leyla leise, darauf bedacht, Zensa nicht zu wecken, während sie gleichzeitig Vinessa vorsichtig aus ihrer Tasche zog. Sie erhob sich langsam, trat einige Schritte nach vorn und empfing Alexandra, noch bevor diese vollständig aus den Schatten getreten war. Ohne Zögern schloss sie sie in die Arme und gab ihr einen kurzen Kuss, eine längst vertraute Geste. ,,Was hast du denn da Schönes?'' fragte Alexandra neugierig, ihr Blick sofort auf die leuchtende Taube gerichtet. ,,Oh, lass mich sehen, lass mich sehen!'' rief Vinessa, noch halb im Schlaf, während sie sich die Augen rieb und sich an Leylas Hand abstützte, um einen besseren Blick zu erhaschen. Das hohe, lebhafte Kreischen der Fee hatte den zu erwartenden Effekt. Zensa regte sich, murmelte etwas Unverständliches und richtete sich schließlich auf, sichtbar widerwillig, während er sich mit einer Hand durch die Haare fuhr und langsam zur Gruppe hinüberschlurfte. Leyla seufzte leise. Jetzt waren alle wach. Sie wandte sich an Alexandra und hob die Hand mit der Taube leicht an. ,,Das ist eine magische Botentaube'', erklärte sie ruhig. ,,Ein Zauber der Lichtmagie. Eine Botschaft von Yang.'' Alexandra lehnte sich gegen einen der Baumstämme, die den kleinen Lagerplatz umgaben, und betrachtete die Taube mit einem konzentrierten, leicht nachdenklichen Blick, als würde sie versuchen, die Struktur dieser Magie zu erfassen. Zensa trat schließlich neben sie, warf der Taube einen kurzen, wenig beeindruckten Blick zu und ließ sich dann mit einem genervten Ausatmen auf den Boden sinken. ,,Und die hätte Yang dir nicht auch morgen schicken können?'' murmelte er, die Müdigkeit noch deutlich in seiner Stimme. Leyla musste unwillkürlich schmunzeln, auch wenn die Situation selbst keinerlei Anlass zur Leichtigkeit bot. Sie wartete noch einen kurzen Moment, vergewisserte sich, dass alle aufmerksam waren, und ließ dann einen kleinen Teil ihres Manas in die Taube fließen. Sofort reagierte der Zauber. Das Licht begann sich aufzulösen, nicht abrupt, sondern in feinen, kontrollierten Partikeln, die sich von der Form der Taube lösten und in der Luft vergingen. Gleichzeitig formte sich daraus eine Stimme, klar, präzise, frei von jeder Unschärfe. Yangs Stimme. Unmissverständlich. Befehlend. -------------------------------------------------------------------------- ,,Kaiserliche Kopfgeldjägerin Leyla. Dies ist ein Befehl seiner Majestät Kaiser Verion, dritter seines Namens. Reise unverzüglich auf dem dir schnellsten Weg nach Randurin. Unterstütze mich dort im Kampf und bei der Rückeroberung der Stadt.'' Die Stimme war vollkommen klar, frei von jeder Verzerrung oder Interpretation, als würde Yang selbst leibhaftig zwischen ihnen stehen und sprechen. Keine Betonung war überflüssig gesetzt, kein Wort zu viel. Der Befehl war präzise, in sich abgeschlossen, ohne den geringsten Raum für Rückfragen. Während die letzten Silben noch in der Luft nachhallten, spürte Leyla bereits, wie sich ihr ganzer Körper anspannte. Keine bewusste Entscheidung – nur die instinktive Reaktion auf die Autorität Yangs. Sie schluckte. Ein neuer Auftrag. Sofort. Ohne Übergang, ohne Vorbereitung. Doch die Botschaft war noch nicht beendet. ,,Reise allein. Die Kaiserliche Kopfgeldjägerin Alexandra wird sich in die Kaiserstadt begeben und dort auf Abruf bleiben. Dies ist ein Akutbefehl. Eine Weigerung wird als Verrat gewertet und mit dem Tod bestraft.'' Mit dem letzten Wort zerfiel das verbliebene Licht der Taube vollständig. Die letzten Partikel lösten sich in der Dunkelheit des Waldes auf, als hätte es den Zauber niemals gegeben. Zurück blieb nur die Stille, schwerer als zuvor, gefüllt mit den Konsequenzen dessen, was hier soeben verkündet worden war. Leyla ließ die Hand langsam sinken. Die Struktur des Befehls war unmissverständlich. Keine Interpretation erlaubt. Keinerlei Schlupflöcher. Eine Trennung, bewusst gesetzt, taktisch begründet – und absolut. Erst jetzt hob sie den Blick wieder. Alexandra stand noch immer vor ihr, doch ihr Ausdruck hatte sich gewandelt. Die ursprüngliche Neugier war verflogen, ersetzt durch etwas, das tiefer ging. Kein offener Widerstand, kein unmittelbarer Protest, sondern ein stilles, erschüttertes Begreifen dessen, was dieser Befehl bedeutete. Für Leyla. Und für sie selbst. Einen Moment lang sagte niemand ein Wort. Auch Vinessa war still geworden, ihre sonst so lebhafte Präsenz gedämpft, als hätte sie gespürt, dass dies kein Augenblick für Einwürfe war. Zensa hatte sich ebenfalls nicht bewegt, doch seine Müdigkeit war wie weggeblasen. Sein Blick war wach, fokussiert, als würde er die Folgen bereits durchdenken, auch wenn er noch keine Worte für das fand, was er sah. ,,Was jetzt, Leyla?'' flüsterte Alexandra schließlich. Ihre Stimme war leise, beinahe brüchig, und dennoch frei von Schwäche. Eher die nüchterne Erkenntnis, dass es hier keine einfache Antwort geben konnte, und dass jede Entscheidung, die nun folgen würde, Konsequenzen nach sich zog, die sich später nicht mehr verhindern ließen. -------------------------------------------------------------------------- Leyla betrachtete ihre leere Handfläche, auf der eben noch die Taube gesessen hatte, und ließ den Blick einen Moment länger darauf ruhen, als könnte sie die letzten Spuren der Magie noch erkennen. Doch da war nichts mehr. Kein Licht, kein Nachhall, nur die schlichte Realität jenes Befehls, der nun unausweichlich zwischen ihnen stand. Sie war noch lange nicht an einem Punkt angelangt, an dem sie sich Yang widersetzen konnte. Yang war nicht bloß eine Autorität, sie war Absolut, eine Grenze dessen, was im Kaiserreich galt. Selbst ein Wesen wie Bläsk hätte nicht standhalten können. Und dann war, zumindest momentan, jeder Gedanke an offenen Widerstand nicht nur töricht, sondern schlicht fatal Damit blieb nur eine vernünftige Entscheidung. Sie würde den Befehl befolgen. Und diese Erkenntnis zog sofort eine zweite nach sich, die schwerer auf ihr lastete als jede strategische Überlegung – die Trennung von Alexandra. Allein der Gedanke daran ließ einen kurzen, scharfen Stich durch ihre Brust ziehen, unerwartet intensiv. Sie hatte sich innerlich längst darauf eingestellt, dass dieser Moment irgendwann kommen würde. Dass sich ihre Wege erneut trennen mussten, war ihr in den letzten Tagen klar geworden. Doch sie hatte mit mehr Zeit gerechnet. Mit einigen Wochen. Mit einem langsamen, geordneten Übergang, nicht mit diesem abrupten, kalten Schnitt. Und dann war da noch Randurin. Die Erinnerung an das Gespräch mit General van Lautern drängte sich auf, klar und ungebeten. Seine Worte hatten Gewicht gehabt, damals. Er hatte behauptet, Liam sei dort. Eine Information, die kaum Stunden später von Aragi wieder dementiert worden war. Zwei Aussagen, die einen anderen Ausgang und doch beide Spuren in ihr hinterlassen hatten. Liam. Der Name löste keine unmittelbaren Emotionen mehr in ihr aus, keine alte Bindung, keinen Schmerz im klassischen Sinne. Und doch war da ein Rest geblieben, etwas Ruhiges, Unaufgeregtes. Kein Bedürfnis nach Nähe, aber auch kein Wunsch nach völliger Distanz. Eher ein stilles Wohlwollen, das sich nicht vollständig erklären ließ. Leyla streckte sich langsam, ließ die Spannung aus ihren Schultern weichen, auch wenn sie genau wusste, dass dies nur eine kurzfristige Erleichterung sein würde. Sie hatte sich auf den Sommer gefreut, auf Wärme, auf einen Rhythmus, der nicht ausschließlich von Aufträgen bestimmt war. Und nun führte ihr Weg ausgerechnet in eine Region, in der Kälte ein permanenter Zustand war. Schließlich hob sie den Blick und sah Alexandra an. ,,Wir haben keine andere Wahl, als den Befehl zu befolgen'', sagte sie ruhig, ohne Härte, aber auch ohne den geringsten Anflug von Unsicherheit. ,,Reise du gemeinsam mit Zensa in die Kaiserstadt. Bring ihn bitte zur Akademie Oststadt.'' Man konnte Alexandra deutlich ansehen, dass sie protestieren wollte. Die Bewegung war da, kaum sichtbar, ein Ansetzen, das sofort wieder unterdrückt wurde. Ihre Lippen pressten sich kurz zusammen, ehe sie schließlich nickte. Keine Zustimmung im eigentlichen Sinne, sondern ein bewusstes Akzeptieren dessen, was sich nicht verändern ließ. Zensa hingegen reagierte offener. Sein Blick traf Leyla direkt, und die Enttäuschung darin war unverkennbar. Kein Trotz, kein Widerspruch, sondern eine stille Erwartung, die sich nun nicht erfüllen würde. Leyla bemerkte es sofort. Sie trat einen Schritt näher und fuhr ihm mit einer beiläufigen, beinahe vertrauten Geste durch die Haare. ,,Ich weiß, du wärst gerne länger mit mir unterwegs gewesen'', sagte sie leise. ,,Aber deine Ausbildung geht vor.'' Er sah sie weiterhin an, sagte nichts, widersprach nicht. Die Akzeptanz kam bei ihm langsamer, doch sie kam. Vinessa, die bislang ungewohnt still gewesen war, erhob sich schließlich aus Leylas Hand und flatterte zu Zensa hinüber. Ihre Bewegung war leicht, fast verspielt, doch ihre Stimme war fest. ,,Wir sehen uns bald wieder, versprochen.'' Leyla konnte sich ein schwaches Lächeln nicht verkneifen. Es war ein ungewohnter Anblick, Vinessa in dieser Rolle zu sehen. Weniger als impulsive Begleiterin, mehr als eine Art ruhiger Gegenpol für Zensa, fast wie eine kleine, eigenwillige Mentorin. ,,Und was ist mit Vinessa?'' fragte Alexandra schließlich, ihr Blick zwischen den beiden hin und her wechselnd, in ihrer Stimme ein Anflug von Sorge, der sich nicht vollständig verbergen ließ. ,,Vinessa nehme ich mit'', antwortete Leyla ohne Zögern. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Vinessas Gesicht hellte sich augenblicklich auf, ein breites Grinsen zog sich über ihre Züge, während sie mit einer schnellen Bewegung zurück zu Leyla flatterte und sich auf ihrer Schulter niederließ. Sie beugte sich leicht vor, nah an ihr Ohr, ihre Stimme nun deutlich leiser, vertraut. ,,Willst du Alexandra eigentlich nicht sagen, dass du danach gar nicht in die Kaiserstadt zurückkehrst?'' -------------------------------------------------------------------------- „Natürlich wollte ich das." Der Gedanke formte sich klar in Leylas Bewusstsein, ruhig, als hätte sie ihn bereits seit Stunden mit sich herumgetragen. Sie hatte nicht vorgehabt, Alexandra im Unklaren zu lassen, weder aus Feigheit noch aus Berechnung. Es fehlten ihr lediglich die richtigen Worte, und vielleicht auch der richtige Moment, um sie auszusprechen, ohne dabei sofort alles ins Wanken zu bringen. Doch dieser Moment war nun zwangsläufig gekommen, ob sie wollte oder nicht. ,,Alexandra?'' begann Leyla schließlich und richtete den Blick fest auf sie. Ihre Hand griff nach Alexandras, drückte sie sanft, als wolle sie diese Verbindung noch einen Moment länger halten, ehe sie diese durchtrennte. ,,Ich werde nach dem Auftrag in Randurin nicht mehr in die Kaiserstadt zurückkehren. Stattdessen werde ich das suchen, weswegen wir überhaupt hierhergekommen sind.'' Sie ließ den entscheidenden Begriff bewusst aus. Der Runenstein musste nicht ausgesprochen werden, schon gar nicht in Gegenwart von Zensa. Alexandras Blick huschte unruhig zwischen ihr und Vinessa hin und her, als suchte sie nach einem Anker, nach irgendeinem Hinweis darauf, dass dies nicht endgültig gemeint war. ,,Wohin gehst du dann?'' Leyla seufzte leise. Es war kein Ausdruck von Zweifel, sondern allein der Schwere dieses Augenblicks geschuldet. ,,Zu jenem Ort, den Morty uns genannt hat. Aber ich will nicht, dass du mir folgst.'' Sie hielt kurz inne, ließ den nächsten Satz bewusst klar und unverrückbar klingen. ,Kümmere dich um Zensa. Bitte.'' Alexandra reagierte sofort. ,,Leyla, ich kann dich doch nicht allein lassen. Ich will das nicht…'' Ihre Stimme verlor an Stabilität, wurde brüchig, während sich ihre Emotionen nicht länger bändigen ließen. Tränen stiegen ihr in die Augen, zunächst einzelne, dann immer mehr. Die Veränderung setzte ein, wie sie es stets tat, wenn ihre Gefühle die Kontrolle übernahmen. Hörner brachen durch ihre Stirn, dunkel und markant, während sich aus ihrem Rücken Flügel entfalteten, kraftvoll und unruhig zugleich. Sie riss sich aus Leylas Griff los, trat einen Schritt zurück und breitete die Arme aus. ,,Ich werde dich nicht gehen lassen!’’ Leyla schloss für einen kurzen Moment die Augen. Ihr Herz zog sich zusammen, schwer, belastet von einer Erwartung, die sich nun erfüllte. Sie hatte gewusst, dass es genau so kommen würde. ,,Bitte, Alexandra'', sagte sie leise, ohne jede Schärfe, aber mit Nachdruck. ,,Lass uns jetzt nicht streiten.'' Alexandras Blick traf sie mit voller Wucht, verzweifelt und wütend zugleich. ,,Wieso denn nicht?! Gerade jetzt müssen wir streiten!'' Ihre Stimme überschlug sich, verlor jede Kontrolle. ,,Schrei mich an, wenn du willst, dass ich meine Gefühle leugne! Zeig mir deine! Zeig mir endlich, was du denkst, was du fühlst, was du willst!'' Die Worte trafen, doch Leyla blieb still. Der Runenstein der Erde reagierte, wie er es stets tat. Er legte sich über ihre Emotionen, dämpfte sie, glättete die Spitzen, ließ allein das Notwendige durch. Wo Chaos hätte sein können, blieb Struktur. Wo Schmerz hätte explodieren können, blieb nur ein kontrollierter Druck. Sie machte einen kleinen Schritt zurück, bereit zu antworten, irgendetwas zu sagen, das diese Situation zumindest teilweise auffangen konnte. Doch Alexandra kam ihr zuvor. ,,Bist du wirklich kein Mensch mehr? Warum sagst du nichts?'' Das war's. Leyla spürte, wie sich eine einzelne Träne in ihrem Auge sammelte, schwer genug, um wahrnehmbar zu sein, doch allein. Mehr ließ der Runenstein nicht zu. Mehr würde er niemals zulassen. Ohne ein Wort griff sie nach Vinessa und steckte sie in ihre Tasche. „Fessle Alexandra." Der Befehl ging nicht über ihre Lippen, sondern direkt in jenes Netz aus Magie, das noch immer den Wald durchzog. Sofort reagierte die Umgebung. Ranken lösten sich aus dem Boden, aus den Bäumen, aus jeder Struktur, die sie zuvor durchdrungen hatte, und schossen auf Alexandra zu. Sie wanden sich um ihre Arme, ihre Beine, ihren Oberkörper, zogen sich unerbittlich fest, ohne ihr auch nur den geringsten Raum für Bewegung zu lassen. Alexandra kämpfte dagegen an, riss, spannte ihre Muskeln, doch es waren zu viele. Die Natur hatte sich gegen sie gestellt, präzise gelenkt, unnachgiebig. Zensa saß regungslos am Boden, die Augen weit aufgerissen, unfähig, das Geschehen einzuordnen oder auch nur darauf zu reagieren. Leyla wischte sich die einzelne Träne aus dem Gesicht, als wäre sie nicht mehr als ein störendes Detail. ,,Wenn du wirklich an meiner Seite stehen willst'', sagte sie schließlich, ihre Stimme ruhig, beinahe kalt, ,,dann darfst du nicht so schwach sein.'' Dann griff sie nach einer der Lianen, die sich noch immer in ihrer Reichweite bewegten, und gab ihr den nächsten Befehl. Die Pflanze reagierte sofort, spannte sich und schleuderte sie mit enormer Kraft nach oben, weit über das Blätterdach hinaus. Für einen kurzen Moment flog sie durch die Luft, bevor sie auf den Wipfeln landete und die unnatürliche Federung der Baumkronen nutzte, um sich weiterzubewegen. Ein Sprung folgte dem nächsten, schnell, effizient, ohne den geringsten Anflug von Zögern. Innerhalb weniger Sekunden waren Alexandra und Zensa aus ihrem Netz verschwunden. Der Wind zog kühl und konstant an ihr vorbei, während sie sich in großen, kontrollierten Sprüngen nach Norden bewegte. Unter ihr verschwamm der Wald zu einer fließenden Struktur aus Grün und Schatten. In ihrer Tasche spürte sie Vinessa. Ein rhythmisches Trommeln gegen ihre Brust, ungeduldig, fordernd. Doch solange Leyla sich bewegte, konnte sie nicht heraus, gefangen im Stoff. War es Wut? Enttäuschung? Leyla wusste es nicht genau. Aber sie wusste, dass sie sich später erklären müsse. Ihr Blick richtete sich nach vorn, Richtung Horizont, an dem die letzten Strahlen der Sonne langsam verglühten und den Himmel in ein gedämpftes, kaltes Licht tauchten. „Ich muss mich unbedingt bei dir entschuldigen, wenn wir uns wiedersehen, Alexandra." Der Gedanke war klar, festgehalten für später. Dann ließ sie ihn los. Alexandra. Zensa. Leyla schob sie aus ihrem Bewusstsein, nicht weil sie bedeutungslos geworden waren, sondern weil sie es in diesem Moment werden mussten. Ihr Fokus richtete sich nach vorn. Auf Randurin. Auf Yang.
- Kapitel 211 - Die Last der Krone
Kaiser Verion III. wartete, bis sein Sohn, Kronprinz Cornelius, den Raum verlassen hatte, und ließ die Stille einen Moment länger im Raum stehen, als es eigentlich notwendig gewesen wäre. Erst als der leise Klang der Schritte seines Sohnes verklungen war, erhob er sich langsam von seinem Platz. Eine knappe Handbewegung genügte, um Yang zu signalisieren, ihm zu folgen. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, setzte er sich in Bewegung, hinaus aus dem Saal, hinein in die langen Korridore des Palastes, die sich wie ein endloses Geflecht aus Stein, Gold und Geschichte vor ihm ausbreiteten. Die Gänge waren prunkvoll wie eh und je, erfüllt von kunstvollen Verzierungen, schweren Teppichen und hohen Fenstern, durch die das gedämpfte Licht des Tages fiel. Doch Verion nahm all das kaum noch wahr. Für ihn war es längst zur Kulisse geworden, zu bloßem Hintergrundrauschen eines Reiches, das sich von Tag zu Tag mehr wie eine Last anfühlte als ein Erbe. Seine Schritte waren gleichmäßig, beinahe mechanisch, während sich seine Gedanken unaufhaltsam verdichteten. Die letzten Monate hatten Spuren hinterlassen. Nicht nur politisch, nicht nur militärisch, sondern persönlich, bis tief in ihn hinein. Er spürte es in der Schwere seiner Bewegungen, in der Art, wie sich seine Schultern unter einer Last spannten, die kein Titel und keine Krone für andere sichtbar machte. Das Reich blutete, es hatte oft geblutet, aber diesmal war es kein kontrollierbares Bluten. Randurin war verloren, in den Händen von Rebellen, ein Riss in jener Ordnung, die er aufrechtzuerhalten geschworen hatte. Die fünfte Armee, einhunderttausend Mann stark, war ausgelöscht worden – nicht geschlagen, nicht zurückgedrängt, sondern vollständig vernichtet. Eine Zahl, die sich jeder menschlichen Vorstellung entzog, und doch wusste er nur zu genau, was sie bedeutete. Varons Verrat war ein Stich gewesen, tief und unerwartet. Doch auch das war nicht, was ihn am schwersten belastete. Es war Sebastian. Sein Sohn. Oder das, was aus ihm geworden war. Verion wusste, dass er selbst seinen Anteil daran trug. Er hatte ihn gedrängt, hatte ihn in das Prinzenspiel gezwungen, hatte ihn in eine Welt geschickt, in der allein die Starken überlebten und die Schwachen schlicht verschlungen wurden. Und als es schließlich darauf angekommen war, hatte er ihn nicht geschützt. Nicht aufgefangen. Nicht zurückgeholt. Er hatte ihn allein gelassen. Der Gedanke war klar, nüchtern, frei von jeder Beschönigung. Ähnlich war es schon bei Eugenius gewesen. Auch er war einst vielversprechend gewesen, ein Name, der Zukunft bedeutet hatte und nun nur noch als Erinnerung existierte. Ein weiterer Verlust, der sich nahtlos in die Reihe der anderen einfügte. Unwillkürlich glitten Verions Gedanken zu den Kaiserlichen Kopfgeldjägern. Einst waren sie ein Instrument absoluter Kontrolle, präzise und unerschütterlich. Auch sie waren geschwächt worden. Bunj, Bournadette, Colart – Namen, die früher Gewicht getragen hatten und heute nur noch Einträge auf einer Liste der Gefallenen waren. Bournadette hatte ihn verraten, hatte sich gegen das Reich gestellt, das sie zu schützen geschworen hatte. Und doch machte das für ihn längst keinen Unterschied mehr. Verrat oder Loyalität verloren ihre Bedeutung, wenn das Ergebnis am Ende identisch war. Tod. Er hatte sie ersetzt. Schnell, entschlossen, so wie es die Situation verlangte. Franca Aldobrandini, eine Wahl, die sowohl politisch als auch strategisch Gewicht trug. Velverde, unberechenbar, aber nützlich. Und Alexandra Lemyllion, die Dämonin, deren bloße Existenz bereits ein Risiko darstellte, das er bewusst eingegangen war. Doch selbst diese Entscheidungen hatten das Gleichgewicht nicht wiederhergestellt. Cyntha war gefallen, getötet von Atorm, ebenso wie zuvor schon Bunj. Nea war von einem namenlosen Menschen ausgelöscht worden, eine Variable, die ebenso plötzlich aufgetaucht war, wie sie wieder verschwunden war. Zumindest in diesem einen Punkt konnte Verion sich eine gewisse Gewissheit gestatten – dieser Mann stellte keine Bedrohung mehr dar. Atorm hingegen war etwas vollkommen anderes. Ein Faktor, der sich nicht einordnen ließ. Nicht kalkulierbar, nicht kontrollierbar. Eine Frage stellte sich ihm unausweichlich: Sollte er Yang schicken? Wenn er es täte, würde er sich selbst exponieren. Yang war nicht nur seine stärkste Waffe, sie war auch sein Schutz, eine Konstante, die selbst im größten Chaos bestand. Ohne sie wäre er verwundbar. Und doch zeigte die Vergangenheit, dass ihre Abwesenheit nicht zwangsläufig zu unmittelbaren Konsequenzen führte. Als sie Nea gerächt hatte, war nichts geschehen. Kein Attentat, kein Aufstand im Herzen des Reiches. Dennoch blieb das Risiko. Verion erreichte schließlich seine Privatgemächer. Ein Diener öffnete die Tür mit routinierter Präzision und zog sich sofort wieder zurück, kaum dass der Kaiser den Raum betreten hatte. Im Inneren herrschte gedämpftes Licht, schwere, zur hälfte zugezogene Vorhänge, hielten die Außenwelt auf Distanz, während einzelne Öllampen ein warmes, kontrolliertes Leuchten verbreiteten. Ohne zu zögern, ging Verion zu seinem Sessel, einem massiven Stück aus dunklem Holz und gepolstertem Leder, das mehr funktional als repräsentativ war. Er ließ sich hineinsinken, langsamer als gewöhnlich, und richtete seinen Blick auf die vom Abendrot eingefärbte Kaiserstadt, die sich jenseits der Fenster erstreckte. Von hier oben wirkte sie ruhig. Geordnet. Beinahe unberührt von all den Rissen, die sich quer durch das Reich zogen. Doch Verion wusste es besser. Während sein Blick über die Dächer, Türme und Straßen der Hauptstadt wanderte, drängte sich ein Gespräch in sein Bewusstsein, eines, das er bewusst, knapp zwei Jahre, zur Seite geschoben hatte, das sich jedoch nicht länger ignorieren ließ. -------------------------------------------------------------------------- [???] ,,Majestät, was verschafft mir die Ehre?'' Kaiser Verion betrachtete den Drachar, der vor ihm kniete, ohne sofort eine Antwort zu geben. Rhovar Trellis war kein gewöhnlicher Gelehrter. Er war der Kaiserliche Hofchronist. Seine Gestalt war von jener würdevollen Fremdartigkeit geprägt, die den Dracharen seit jeher eigen war: vollständig beschuppt, die Linien seines Gesichts zugleich scharf und ausdrucksstark, die Augen ruhig, doch stets wachsam. Die Jahre hatten ihn nicht gebrochen, sondern gebildet. Bereits unter Verions Großvater hatte er als Hofchronist gedient, hatte Generationen von Entscheidungen dokumentiert, Siege und Verluste gleichermaßen festgehalten, ohne je selbst Teil davon zu werden. Und gerade diese Distanz war es, die ihn so wertvoll machte. Der Ort war mit Bedacht gewählt. Ein kleines Anwesen, einige Kilometer nördlich von Inhantes gelegen, abgeschieden genug, um unbeobachtet zu bleiben; unscheinbar genug, um keinerlei Aufmerksamkeit zu erregen. Keine Wachen in prunkvollen Rüstungen, keine Banner, keine sichtbaren Zeichen kaiserlicher Präsenz. Nur ein stilles Gebäude, umgeben von karger Landschaft, durch die der Wind ungehindert über das Land strich. Selbst hier war das Reich gegenwärtig, aber in einer anderen Form – nicht als Macht, sondern als Raum, der verwaltet werden musste. ,,Rhovar'', begann Verion schließlich, seine Stimme ruhig, ,,wer könnte das Kaiserreich bedrohen? Ernsthaft bedrohen?'' Die Frage hing schwer im Raum, und während Rhovar den Kopf gesenkt hielt, glitten Verions Gedanken unwillkürlich zurück zu einem anderen Gespräch, das noch nicht allzu lange zurücklag. Wochen vielleicht. Doch es hatte sich tiefer in ihn eingebrannt als vieles andere. ,,Du musst sicherstellen, dass unser Reich in den nächsten Jahren stabil bleibt. Er wird kommen…’’ Die Worte seines Vaters hatten keinen Kontext gehabt, keine Erklärung, keinen Namen. Kaiser Tavil IV. hatte sie ausgesprochen wie eine Gewissheit, nicht nur eine bloße Vermutung. Und genau dieses Fehlen jeglicher Details war es, das sie so schwer greifbar machte. Rhovar runzelte leicht die Stirn, während er nachdachte, den Blick weiterhin zu Boden gerichtet, als suchte er die Antwort genau dort, wo keinerlei Ablenkung existierte. ,,Solange die Edle Miss Yang Euch und das Reich schützt'', sagte er schließlich bedächtig, ,,sollte die Stabilität des Kaiserreichs gewährleistet sein.'' Verion schüttelte langsam den Kopf. Die Antwort war erwartbar gewesen. Zu erwartbar. ,,Ich habe eine Warnung erhalten'', entgegnete er knapp. ,,Eine, die ich nicht ignorieren kann.'' Für einen Moment war nur das leise Heulen des Windes zu hören, der gegen die Fenster des Anwesens drückte. Rhovar schluckte, kaum merklich, doch nicht unbemerkt, ehe er erneut ansetzte. ,,Wenn selbst der Schutz der Edlen Miss Yang nicht ausreichen sollte'', begann er vorsichtig, und diesmal lag ein zusätzliches Gewicht in seiner Stimme, ,,dann bleiben tatsächlich nur sehr wenige Möglichkeiten. Mir fallen drei ein.'' Er hielt kurz inne, als müsse er jedes Wort sorgsam abwägen, bevor er es aussprach. ,,Der Erzdämon des Donners, Bläsk, hätte theoretisch die Macht, ihr ernsthaft gefährlich zu werden. Allerdings…'' – er zögerte – ,,… gibt es seit sehr langer Zeit keine Berichte mehr über seine Aktivität.'' Verion hob leicht eine Augenbraue. „Bläsk lebt?" Der Gedanke war weniger Furcht als pure Irritation. Für ihn waren die Erzwesen stets Relikte gewesen, Fragmente einer Zeit, die keine direkte Relevanz mehr besaßen. Und doch sprach Rhovar von ihm nicht wie von einer Legende, sondern wie von einer realen Gefahr. ,,Die zweite'', fuhr Rhovar fort, nun einen Hauch sicherer, ,,wäre selbstverständlich Paan. Zu ihrem derzeitigen Aufenthaltsort kann ich jedoch nichts Genaueres sagen.'' Verion ließ sich nichts anmerken, doch innerlich verfestigte sich ein anderer Gedanke. „Natürlich kannst du das nicht." Paan war kein offenes Wissen, kein Bestandteil jener Schriften, in die er, selbst als Kaiserlicher Hofchronist, Einsicht erhielt. Tief unter der Kaiserstadt lag sie versiegelt, gebunden in Ketten, die einzig ein Mitglied der Familie Algavia zu lösen vermochte. Eine letzte Option. Eine, die er nicht zu nutzen bereit war. Unkontrollierbar. ,,Und die letzte?'' fragte Verion, spürbar ungeduldig. Rhovar zögerte diesmal länger. Seine Stirn legte sich in noch tiefere Falten, als würde er eine Grenze überschreiten, die für ihn unangenehm war. ,,Die letzte Möglichkeit…'' begann er langsam, ,,ist keine bestätigte Existenz. Es gibt keine Beweise. Nur Berichte. Alte Texte. Widersprüchliche Aufzeichnungen.'' Ein kurzer Atemzug. ,,Ein Konzept, das sich durch verschiedene Epochen zieht.'' Er hob den Kopf nicht, doch seine Stimme wurde leiser. ,,Der Tod selbst.'' -------------------------------------------------------------------------- Lange Zeit hatte Verion das Gespräch mit Rhovar Trellis als das eingeordnet, was es auf den ersten Blick gewesen war – eine Ansammlung alter Theorien, getragen von Fragmenten vergangener Zeitalter, mehr Mythos als Wirklichkeit. Der Tod selbst – es hatte sich wie eine Metapher angehört, wie ein Versuch, das Unfassbare in greifbare Worte zu kleiden. Doch nun, mit den Berichten über Atorm, mit den Lücken, die er hinterließ, begann sich diese Einschätzung zu verschieben. Nicht abrupt, nicht panisch, sondern langsam, unausweichlich. Was, wenn es kein bloßes Bild war. Was, wenn es ein Titel gewesen war. Wenn Atorm nicht einfach nur ein außergewöhnlich starker Krieger war, sondern etwas, das sich der üblichen Einordnung entzog. Und wenn das zutraf, dann war er vielleicht genau jener, vor dem sein Vater ihn gewarnt hatte. Diese Möglichkeit ließ sich nicht länger beiseiteschieben, und mit ihr verengten sich die Optionen mit jeder Überlegung weiter. Wenn die Bedrohung tatsächlich eine solche Macht besaß, blieb letztlich nur eine einzige Antwort. Yang. ,,Yang'', begann Verion schließlich und wandte sich leicht zu ihr, ,,was ist deine Einschätzung zu der Situation?'' Die Antwort kam ohne sichtbare Reflexion, als wäre sie bereits formuliert gewesen, lange bevor er die Frage überhaupt ausgesprochen hatte. ,,Atorm ist eine Gefahr, die vernichtet werden muss. Eine, der nur ich gewachsen bin.'' Keine Zweifel. Keine Relativierung. Nüchterne Feststellung. Verions Blick glitt für einen Moment über sie, blieb an der makellosen Oberfläche ihrer Haut hängen. Glatt, vollkommen, frei von jeder Spur eines Kampfes oder ihres Alters. Es war ein Anblick, der in scharfem Kontrast zu dem stand, was sie verkörperte. Macht in ihrer reinsten Form, gebunden in etwas, das keinerlei Makel zeigte. ,,Und doch kann ich dich nicht nach Randurin schicken'', erwiderte er schließlich, langsamer und mit bedachter gewählten Worten. ,,Die Gefahr für mich wäre zu groß.'' Die Worte schmeckten bitter, kaum dass sie ausgesprochen waren. Doch sie waren notwendig. Yang war nicht nur eine Waffe, sie war zugleich auch ein Schild. Und ohne dieses Schild wurde er verletzlich auf eine Weise, die er sich in der aktuellen Lage einfach nicht leisten konnte. Er selbst beherrschte die Zeitmagie nur in begrenztem Maße, weit entfernt von der Stufe, die nötig gewesen wäre, um sich gegen ernsthafte Bedrohungen zu behaupten. Und die Zahl derer, auf die er sich wirklich verlassen konnte, war in den vergangenen Monaten erschreckend klein geworden. Dann durchbrach ein Klopfen die Stille. Kurz. Präzise. Nicht zögerlich, aber auch nicht aufdringlich. Ein Diener trat ein, den Blick gesenkt, die Haltung perfekt eingeübt. In seiner Hand hielt er einen weißen Brief, dessen Oberfläche sich deutlich von gewöhnlicher Korrespondenz abhob. Das Siegel darauf war schlicht, ein einzelnes M, doch gerade diese Schlichtheit wirkte bewusst gesetzt. Verion bemerkte Yangs Blick, der einen kurzen Moment das M musterte. ,,Eure Majestät'', sagte der Diener mit ruhiger Stimme, ,,ich habe diesen Brief von einem… ungewöhnlichen Boten erhalten. Es erschien mir angebracht, dass Ihr ihn persönlich lest.'' Yang bewegte sich lautlos, trat an den Diener heran und nahm ihm den Brief ab. Ihre Bewegungen waren präzise, kontrolliert, ohne jede unnötige Geste. Verion erhob sich währenddessen aus seinem Sessel, seine Aufmerksamkeit nun vollständig auf das Schreiben gerichtet. ,,Du kannst gehen.'' Der Diener verneigte sich knapp und zog sich sofort zurück, schloss die Tür leise hinter sich, sodass der Raum erneut von kontrollierter Stille erfüllt wurde. Yang reichte Verion den Brief. Er nahm ihn entgegen, spürte für einen kurzen Moment das Gewicht des Papiers in seinen Händen, als würde es mehr tragen als bloße Worte. Dann brach er das Siegel, langsam und ohne jede Hast, und entfaltete das Schreiben. Er begann zu lesen. -------------------------------------------------------------------------- Verions Blick glitt über die ersten Zeilen, und schon beim ersten Satz veränderte sich die Art, wie er den Brief in den Händen hielt. Es war keine formelle Einleitung, kein höfischer Aufbau, keinerlei Respekt vor jener Hierarchie, die selbst in privaten Schreiben ihm gegenüber üblich war. ,,Einen schönen Abend, Majestät Verion!'' Verion begann sich die Stirn zu reiben. Die Schrift war in einem Gold gehalten, das nicht nur ungewöhnlich, sondern aktiv störend war. Es wirkte weniger wie Tinte und mehr wie eine bewusste Provokation, als hätte jemand größten Wert darauf gelegt, dass schon das bloße Lesen eine Zumutung darstellte. ,,Ich schreibe gar nicht groß über Belanglosigkeiten wie den Tod von Bläsk und komme gleich zur Sache.'' Verion hielt inne. Seine Augen blieben auf dieser einen Zeile hängen, während sich sein Atem für einen Moment verschob. Er musste tatsächlich kurz husten, überrascht durch die schiere Beiläufigkeit der Aussage. Neben ihm blieb Yang regungslos, doch ihr Blick lag auf ihm, als würde sie jede noch so minimale Reaktion in seinem Gesicht registrieren. Bläsk war tot. Der Gedanke setzte sich nicht sofort fest. Er hatte in den letzten Minuten bereits in eine ganz andere Richtung gedacht, in Möglichkeiten, an hypothetische Bedrohungen, und nun wurde ihm unmittelbar, fast nebenbei bestätigt, dass eines jener Erzwesen offenbar wirklich existiert hatte – und nun nicht mehr existierte. Die Frage, die sich sofort daran anschloss, war nicht allein das Wie, sondern vor allem: Wer wusste davon und warum wurde es ihm ausgerechnet auf diesem Wege mitgeteilt. Er nahm einen Schluck Wein, bewusst langsam, um die Kontrolle über seine eigene Reaktion zurückzugewinnen. Doch der Brief fuhr fort, ohne jede Rücksicht auf seine Gedanken. ,,Im Sand eurer Wüste habe ich etwas gesehen, das wirklich unschön ist. Ein Mädchen.'' Verion kniff die Augen leicht zusammen. Der Satzbau war chaotisch, bewusst störend, und doch lag darin eine klare Absicht: keine Distanz, keine Verschleierung, sondern eine direkte, ungeschönte Konfrontation. Es war eindeutig ein Schreiben an ihn persönlich, und dennoch widersprach jede einzelne Zeile jeden Konventionen, die selbst Feinde normalerweise einhielten. ,,Dieses Mädchen ist die neue Gestalt von Barbarossa, der einst zwei meiner Brüder getötet hat.'' Der Name blieb im Raum hängen. Barbarossa. Verion kannte die Überlieferungen. Kein Mythos im klassischen Sinne, sondern eine historische Figur, die sich durch Berichte zog wie eine lückenhafte Gleichung. Ein Krieger, der die Kraft seiner Opfer in sich aufgenommen hatte. Der Erzengel der Perfektion, Gabriel. Der Erzengel der Jugend, Ismael. Beide im Kampf gegen Barbarossa gefallen. Und dann war er ebenfalls gestorben, so die Geschichten. Verion runzelte die Stirn nun noch tiefer. Wenn diese Information der Wahrheit entsprach, dann war der Verfasser dieses Briefes nicht irgendein beliebiger Bote. Dann sprach hier jemand, der Zugriff auf eine Ebene der Geschichte hatte, die selbst für Kaiserliche Archive bestenfalls in Bruchstücken greifbar war. Mikael. Der Name formte sich logisch, fast zwangsläufig. Das M, die Art der Formulierung, die Selbstverständlichkeit, mit der hier über Dinge gesprochen wurde, die für andere realitätsverzerrend wären. Der Anführer der Erzengel, sofern die alten Strukturen überhaupt noch existierten. Doch selbst diese Schlussfolgerung fühlte sich unsicher an. „Oder es ist jemand, der genau ihn imitieren will." Der Brief ging weiter. ,,Barbarossa ist auf dem Weg nach Randurin, um sich mit eurem Problem-Feind zu messen.'' Verions Auge zuckte. Randurin. Atorm. Die Lage verschob sich in eben diesem Moment erneut, nicht zufällig, sondern wie ein System, das zusätzliche Variablen aufnehmen musste. Zuvor war es eine rein militärische und politische Krise gewesen. Nun wurde sie zu etwas anderem. Zu etwas, das sich jenseits der bekannten Kategorien bewegte. Sein Herzschlag beschleunigte sich leicht, nicht aus Angst, sondern aus der nüchternen Erkenntnis heraus, dass sich die Zahl der unbekannten Faktoren in einem absurden Tempo erhöhte. Zu viele Probleme gleichzeitig. War Barbarossa derjenige, vor dem ihn sein Vater gewarnt hatte? Er las den Abschnitt noch ein zweites Mal, bevor er den letzten Satz musterte. ,,So, jetzt wisst ihr Bescheid. Einen schönen Abend noch. ~Mikael'' Verion hielt den Brief noch einen Moment in der Hand, als wolle er prüfen, ob sich der Inhalt vielleicht doch noch nachträglich verändern würde, wenn er ihn nur lange genug betrachtete. Schließlich senkte er die Hand langsam und reichte das Schreiben ohne ein einziges Wort an Yang weiter. Sein Gesicht blieb kontrolliert, doch die Situation war vollständig außer Kontrolle geraten. -------------------------------------------------------------------------- Verions Gedanken rasten in einem unkoordinierten Chaos aus Möglichkeiten, Konsequenzen und Risiken, die sich nicht mehr sauber voneinander trennen ließen. Für einen Moment blieb er einfach stehen, als hätte sein Körper die Entscheidung bereits getroffen, bevor sein Verstand folgen konnte. Dann trat er an das Fenster heran. Die Kampfarena lag in seinem Blickfeld. Ein kolossales Bauwerk aus Stein, von Bunj gebaut für Gewalt, die kontrolliert werden sollte. Heute wirkte sie leerer als gewöhnlich, als würde selbst dieser Ort die Spannung der Lage spüren, die sich über das Reich gelegt hatte. Ihm wurde schlecht. Nicht im klassischen Sinn, sondern als Reaktion auf die schiere Dichte der Informationen, die sich in seinem Kopf überlagerten: Randurin, Atorm, Barbarossa, Bläsk, die Wüste, das Mädchen, die Erzengel. Alles schien gleichzeitig zu existieren, ohne sich zu einem kohärenten Bild zu fügen. Es war nicht länger eine Kette von Ereignissen, sondern ein Geflecht, das sich jeder linearen Ordnung entzog. ,,Yang'', sagte er schließlich, ohne sich umzudrehen, während sein Blick weiter auf der Arena ruhte. ,,Ich wünsche, dass du nach Randurin reist. Töte Atorm. Und töte Barbarossa.'' Die Worte waren nicht laut gesprochen, doch sie waren endgültig. Keine Bitte, keine Diskussion. Eine notwendige Konsequenz, geboren aus der nüchternen Einschätzung, dass es schlicht keine weitere Option mehr gab. Wenn Barbarossa wirklich wieder lebte und wenn er immer noch in der Lage war, fremde Kräfte in sich aufzunehmen, wie es in den Legenden hieß, dann war die Möglichkeit einer Eskalation nicht länger nur theoretisch. Sie war konsequent. Hinter ihm blieb es einen Moment lang still. Yang war in ihrer Funktion sonst nie schwer zu lesen gewesen. Sie war präzise, stabil, unerschütterlich wie Stein. Doch diesmal lag etwas in ihrer Präsenz, das sich nicht sofort einordnen ließ. Keine Unsicherheit im klassischen Sinn, eher eine minimale Verschiebung in jener gewohnten Konstanz. Als hätte selbst sie einen Punkt erreicht, an dem die schiere Dimension der Variablen für einen Moment die vertraute Ordnung überstieg. ,,Du hast Recht, Verion'', sagte sie schließlich. Mehr nicht. Verion atmete flach aus und drehte sich langsam vom Fenster weg. Sein Blick glitt über sie, während er bereits weiterdachte, weiterstrukturierte. Wenn Yang in den Norden ging, durfte der andere Konflikt, der in Randurin selbst, nicht unbeachtet bleiben. Ein gleichzeitiger Druck auf mehrere Achsen war riskant, aber notwendig geworden. Die Stadt musste stabilisiert werden. Der Schwarze Stern durfte keinen Raum zur Expansion erhalten. ,,Nimm Zuphoor mit'', sagte er nach einem kurzen Moment, seine Gedanken bereits in operative Strukturen überführend. ,,Und Leyla. Ich werde Cornelius mit der zweiten und dritten Armee ebenfalls nach Norden schicken.'' Yang nickte. Keine Rückfrage. Keine Verzögerung. Dann setzte sie sich in Bewegung. Sie trat an das Fenster, und ohne sichtbare Vorbereitung hob sie ab. Ihr Körper löste sich nicht im herkömmlichen Sinne vom Boden, sondern schien sich gemeinsam mit dem Raum zu verändern, als wäre die Schwerkraft für sie nur eine optionale Konstante. Ihr weißes Kleid reagierte erst verzögert auf die Bewegung, flatterte dann im Luftstrom, der ihren Aufstieg begleitete. Innerhalb weniger Sekunden wurde sie kleiner, bis sie nur noch ein einzelner Punkt am Himmel war. Zwei helle, beinahe unnatürlich klare Lichtpunkte wurden sichtbar, als sie eine bestimmte Höhe erreichte. Einen schoss sie in Richtung des Hauptquartiers, den anderen nach Osten. Zwei präzise voneinander getrennte Bewegungen, wie zwei gleichzeitig gestartete Operationen. Dann beschleunigte sie und verschwand in Richtung Norden. Verion blieb am Fenster stehen. Er spürte das Hämmern in seinem Schädel nun deutlicher als zuvor, nicht als Schmerz, sondern als konstantes Signal der Überlastung. Das System, das seine Familie über Jahrhunderte hinweg stabil gehalten hatte, begann sich nicht zu zerbrechen, sondern zu verschieben. Auf mehreren Achsen gleichzeitig. Schließlich wandte er sich ab. Sein Gang war kontrolliert, doch langsamer als gewöhnlich, als würde jeder einzelne Schritt mehr Gewicht tragen als der vorhergehende. Im Schlafzimmer angekommen, begann er sich ohne Hast zu entkleiden, jede Bewegung reduziert auf das absolut Notwendigste, bis die Symbole seiner Position abgelegt waren. Dann legte er sich ins Bett. Die Decke über ihm war schwer, das Licht gedrückt, die Welt jenseits dieses Raumes auf ein Minimum reduziert. Und während er in den Schlaf sank, blieb ein einziger Gedanke zurück, klarer und schärfer als alle anderen zuvor. Zum ersten Mal fühlte er sich der Krone nicht mehr gewachsen.
- Kapitel 210 - Die Hilfe des Verrückten
Wasserstoffblondes Haar, zerzaust, als wäre er gerade erst aus seinem Bett aufgestanden. Dazu ein schwarzer Zylinder, leicht schief getragen, und ein goldenes Jackett, dessen Stoff im fahlen Licht der Gänge fast unnatürlich schimmerte. Franca erkannte ihn auf den ersten Blick. ,,Eure Hoheit, Kronprinz Hypos'', sagte sie und verbeugte sich langsam, mit präziser Eleganz. Eigentlich hatte sie sowieso vorgehabt, mit ihm zu sprechen. Aber nicht heute. Nicht nach diesem Tag. Sie war ihm bereits mehrfach begegnet – auf Bällen, bei Familienempfängen und zuletzt bei ihrer eigenen Vereidigung zur Kaiserlichen Kopfgeldjägerin. Und jedes einzelne Mal hatte sich der Raum um ihn herum auf seltsame Weise verschoben. Gespräche verstummten, Blicke folgten ihm, als würde seine bloße Anwesenheit die Wirklichkeit leicht aus dem Lot bringen. Franca mochte ihn nicht. Niemand, der bei klarem Verstand war, mochte ihn. Und doch… ,,Begleitet mich gerne ein Stück'', sagte sie schließlich. ,,Ich wollte ohnehin mit Euch sprechen, Hoheit.'' Hypos grinste breit und setzte sich neben ihr in Bewegung, mit einer lässigen Selbstverständlichkeit, als gehöre ihm jede einzelne Bodenplatte dieses Palastgartens ganz persönlich. Im Vorbeigehen griff er nach einem Apfel, der in einer steinernen Schale auf einem Sims lag, und begann, ihn von einer Hand in die andere zu werfen. Franca ignorierte es bewusst. Eines seiner Spielchen. Eines von vielen. Franca ließ den Blick schweifen. Der Winter hatte sich zögernd zurückgezogen und hinterließ einen Palastgarten im Übergang. Die ersten Knospen hatten sich geöffnet, zart und fragil, als würden sie prüfen, ob die Luft ihnen wohlgesonnen war. Zwischen den Wegen aus hellem Stein erstreckten sich Beete in strenger Ordnung, doch die Natur hatte längst begonnen, diese Ordnung leise zu unterwandern. Ranken krochen über die Kanten, Grashalme schoben sich beharrlich zwischen die Fugen. Auch die Vögel hatten begonnen, sich wieder zu zeigen. Ihre Nester lagen verborgen in den höheren Ästen, doch ihr Zwitschern war allgegenwärtig – ein leises, lebendiges Hintergrundrauschen, das in scharfem Kontrast zur erdrückenden Schwere des Palastes stand. Franca musste lächeln. Die Gerüchte, die sich um diesen Garten rankten, waren zahlreich. Manche sagten, unter den Beeten verliefe ein Netz aus uralten Runen, die das Wachstum lenkten. Andere behaupteten, bestimmte Pflanzen würden ausschließlich hier gedeihen, weil der Boden mit Resten alter Magie durchzogen sei. Und dann gab es jene Geschichten, denen zufolge einige der Bäume älter seien als die Kaiserstadt selbst – dass sie bereits standen, als hier noch eine andere Stadt stand. Ihr Blick blieb an einer einzelnen Blume hängen. Die Garnische Narzisse. Tiefrote Blütenblätter, beinahe wie getrocknetes Blut, mit einer dunkleren, fast schwarzen Mitte. Eine Pflanze, die ursprünglich nur in den feuchten Böden des östlichen Garnime wuchs. Ihre Anwesenheit hier, mitten in der Kaiserstadt, war ein stilles politisches Statement. Ein Zeichen von Einfluss. Oder sogar von Kontrolle. Franca beugte sich leicht vor, pflückte eine der Blüten und steckte sie sich ins Haar. Hypos beobachtete sie dabei, ohne ein Wort zu verlieren. Der Apfel flog weiter von einer Hand in die andere. Sie erreichten das Tor des Kaiserpalastes, Franca nahm Gendihr von einer der Wachen entgegen und trat hinaus auf die Hauptstraße. Normalerweise pulsierte dieser Bereich vor Leben. Händler, Boten, Wachen, Adlige, Diener – ein unaufhörliches Kommen und Gehen. Doch jetzt lag die Straße nahezu verlassen vor ihnen. Nur vereinzelte Gestalten bewegten sich irgendwo in der Ferne, klein und unbedeutend im weiten Raum. ,,Du wolltest mich also sprechen? Wie hoch erfreulich'', sagte Hypos schließlich. Seine Stimme klang aufrichtig begeistert. ,,Normalerweise machen die Leute eher einen weiten Bogen um mich.'' Franca nickte leicht. ,,Ich habe einige Rechnungen zu begleichen'', sagte sie direkt. ,,Und ich frage mich, ob Ihr mir dabei von Nutzen sein könntet.'' Keine Umschweife. Keine höfischen Masken. Hypos wollte nicht umgarnt werden. Er wollte überrascht werden. Er lachte kurz auf – ein scharfes, klares Geräusch, das in der leeren Straße seltsam lange nachhallte. Der Apfel in seiner Hand begann sich zu verändern. Seine Oberfläche straffte sich, wurde glatt, metallisch. Binnen eines einzigen Atemzugs war er kein Apfel mehr, sondern ein fein gearbeiteter Löwenkopf aus Silber, detailreich bis in die kleinsten Linien. Dann zerfiel er zu Staub und wurde vom Wind davongetragen. ,,Und um welche Rechnung geht es da, Francalein?'' Franca verengte leicht die Augen. „Er weiß es bereits", schoss es ihr durch den Kopf. ,,Ich will meinen Vater töten'', sagte sie ruhig. ,,Und die Aldobrandini vernichten.'' -------------------------------------------------------------------------- Franca war die Geschichte der Aldobrandini gut im Gedächtnis geblieben – wie es sich für eine Aldobrandini gehörte. Die Aldobrandini gehörten zu den ältesten Familien des gesamten Kaiserreichs. Ihr Name war kein bloßer Eintrag in irgendwelchen Chroniken, sondern ein fester, unverrückbarer Bestandteil der Geschichte selbst. Gegründet worden war das Haus einst von Leonardo Aldobrandini während der dunkelsten Tage des Großen Krieges. In jener Zeit fand er seinen Aufstieg nicht auf dem Schlachtfeld allein, sondern in dem, was nach den Kämpfen übrig blieb. Eldenburg. Die Vampirstadt, die dem Reich der Menschen am Nächsten war. Man erzählte sich von Hallen voller Reichtümer, von verfluchten Schätzen und von Gold, das älter war als die meisten Völker des Kontinents. Was genau Leonardo dort gefunden hatte, wusste niemand mit Sicherheit. Doch was es auch gewesen sein mochte – es reichte aus, um weit mehr als nur ein bloßes Vermögen zu begründen. Es war der Ursprung der Macht der Aldobrandini. Mit den erbeuteten Schätzen ließ er die Brandiniburg errichten, hoch oben auf den Wipfeln der Larifen gelegen. Kein bloßer Adelssitz, sondern eine Festung aus Stein und Gold zugleich. Händlerkarawanen suchten ihre Nähe, Schutzverträge wurden geschlossen, und langsam entstand um sie herum ein dichtes Netz aus Abhängigkeiten. Aus diesem Netz entwickelte sich schließlich die Aldobrandini-Gesellschaft. Mit den Jahrhunderten wuchs ihr Reichtum. Und mit dem Reichtum wuchs ihr Einfluss. Heute zählt sie zu den vier großen Handelsgesellschaften des Kaiserreichs. Ihre Schiffe befahren das Südkaisermeer, ihre Karawanen ziehen über die Reichsstraßen in alle Himmelsrichtungen, ihr Siegel öffnet Türen, die anderen für immer verschlossen bleiben. Auf den Märkten des Kaiserreichs gilt ihr Wort mehr als manches Gesetz. Und in den Ministerien wird ihr Name mit derselben Vorsicht ausgesprochen wie der eines Generals. Als das Prinzenspiel begann, standen nur drei andere Familien auf einer vergleichbaren Höhe. Vier Häuser, die im Schatten der Kaiserfamilie glänzten. Doch während andere auf militärische Stärke oder uralte Titel setzten, war es bei den Aldobrandini stets etwas anderes gewesen. Der silberne Löwe ihres Wappens war kein Symbol roher Gewalt. Er stand für Beständigkeit. Für Kontrolle. Für ein Erbe, das nicht zerbrach. Reichtum und Einfluss. Das waren die sichtbaren Säulen der Familie. Doch ihre eigentliche Stärke lag tiefer. Im Blut. Zusammenhalt war kein bloßes Ideal, sondern eine Pflicht. Ein Aldobrandini verriet die Familie nicht. Nicht aus Angst vor Strafe, sondern weil der Gedanke daran selbst als unmöglich galt. Selbst im Angesicht des Todes. Giolitti Aldobrandini hatte ihr das immer wieder eingeschärft. Mit Worten, mit Blicken, mit jener stillen Erwartung, die schwerer auf den Schultern wog als jede ausgesprochene Drohung es könnte. Familie ist alles. Alles andere ist ersetzbar. Und doch… Franca hatte entschieden. Gegen das Blut. -------------------------------------------------------------------------- Kaum hatte Franca die Worte ausgesprochen, veränderte sich der Ausdruck in Hypos' Gesicht. Mit einem Schlag wirkte er ernst. Seine Lippen verzogen sich zu einer scharfen Linie. ,,Ich habe schon einige Male daran gedacht, wie ich eure Familie vernichten und das gesamte Vermögen der Krone vermachen könnte. Von solchen Reichtümern ließe sich ein zweiter Palast errichten, gleich neben dem des Kaisers – ganz aus Gold und Silber.'' Franca musste unweigerlich schlucken. Er sprach es so offen aus, als unterhielten sie sich über das Wetter. ,,Ich habe dabei jedoch nur zwei kleine Probleme. Idaka und Alarya'', erklärte Hypos und kratzte sich theatralisch am Kinn. Idaka. Die Urdrachin Idaka. Sie war die Beschützerin der Brandiniburg. Sie war nicht nur mächtig, weitaus mächtiger als ganze Armeen, nein – sie war auch, selbst für einen Drachen, außerordentlich schlau. Ein Mensch würde sie niemals überlisten können. Auch ein Mensch wie Hypos nicht, dem war sich Franca sicher. Alarya. Franca musste unwillkürlich an die Frau ihres Bruders Giovanni denken. Alarya Aldobrandini. Die kleine Schwester von Hypos. Franca konnte sie nicht leiden. Nicht, weil sie einander so unähnlich gewesen wären, im Gegenteil. Alarya war wunderschön und klug. Sie wusste, wie man das Spiel des Adels zu spielen hatte, ebenso wie Franca. Hypos unterbrach ihre Gedanken. ,,Ich würde niemals jemanden aus der eigenen Familie töten. Und auch wenn sie jetzt vom Namen eine Aldobrandini ist, so bleibt Alarya doch immer meine kleine Schwester.'' Hypos nahm seinen Zylinder vom Kopf und warf ihn mit einer beiläufigen Bewegung in das offene Fenster eines vorbeifahrenden Wagens. Sein Haar wurde durch den Wind nur noch ein wenig stärker zerzaust. ,,Also, was hältst du von folgendem Vorschlag – du räumst für mich Idaka aus dem Weg und entführst Alarya. Ich wiederum kümmere mich um den Rest deiner Familie. Ich werde sie einen nach dem anderen töten. Deinen Vater werde ich aufschlitzen, bis er so ausblutet, wie das Reich an seiner Gier bluten muss. Deine Mutter werde ich vom höchsten Turm der Brandiniburg stürzen, auf dass ihr Hochmut auch ihr Fall werde. Ich werde mir für jeden Einzelnen ein passendes Ende ausdenken.'' Franca wurde in diesem Moment etwas bewusst. Die Effekte von DRACHENHERZ, GEDANKENKÄFIG und LÖWENSTOLZ hatten nachgelassen. Sie konnte die Aura spüren, die sich nun um sie legte. Sie war leise, unscheinbar. Ganz anders als jene von Yang. Oder die von Atorm. Nein, diese Aura war nicht feindselig. Sie war verführerisch. „Ich darf mit Hypos nicht zusammenarbeiten. Es wäre mein Ruin." Der Gedanke stand nun ganz klar in ihr. ,,Ich danke Eurer Hoheit für dieses überaus aufschlussreiche Gespräch, jedoch würde ich mich für heute gerne verabschieden.'' Die Worte wählte Franca mit Bedacht, ganz anders als zuvor. Sie wollte Hypos unmissverständlich signalisieren, dass sie es sich anders überlegt hatte. Sie wollte nicht mit diesem Wahnsinnigen gemeinsame Sache machen. Hypos lächelte. ,,Wie Ihr wünscht, Edle Miss Franca. Ich habe ohnehin gerade keine Zeit für solcherlei Freizeitaktivitäten.'' Seine Worte klangen geradezu vergnügt. Hatte er sie etwa nur getestet? Franca verbeugte sich noch ein letztes Mal an diesem Tag. ,,Einen schönen Abend wünsche ich, Kronprinz Hypos.'' Dann drehte sie sich um. Die Seitenstraße, in die sie einbog, war schmaler, enger, die hohen Gebäude rückten so dicht zusammen, dass sie das letzte Tageslicht beinahe verschluckten. Die Geräusche der Stadt kehrten zurück – gedämpft, aber präsent. Schritte auf Stein, ferne Stimmen, das Klirren von Metall. Hier bewegten sich Boten, niedere Beamte, vereinzelte Mitglieder der Stadtwache. Menschen, die arbeiteten. Die einfach funktionierten. Am Ende der Straße zeichnete sich bereits das Gebäude des Hauptquartiers der Kaiserlichen Kopfgeldjäger ab. Kein prunkvoller Bau, sondern massiv, zweckmäßig, fast schon abweisend. Dunkler Stein, schmale Fenster, klare Linien. Franca atmete aus. -------------------------------------------------------------------------- [???] ,,Fran~ca!’’ Der Ruf durchschnitt die gedämpften Geräusche der Seitenstraße mit einer beinahe unangemessenen Leichtigkeit. Franca zuckte unwillkürlich zusammen und wandte den Kopf in jene Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Dort stand Velverde, der neunte Kaiserliche Kopfgeldjäger. Seine bloße Präsenz wirkte falsch, nicht etwa, weil sie schwach gewesen wäre, sondern weil sie sich jeder klaren Einordnung von vornherein entzog. Franca mochte ihn nicht, und dieser Umstand hatte nichts mit persönlichen Differenzen zu tun, sondern mit etwas weitaus Grundsätzlicherem. Velverde war ein Widerspruch in sich. Sein gesamtes Erscheinungsbild erinnerte an das eines Narren, doch es war kein einfacher Spott, keine harmlose Exzentrik, sondern etwas zutiefst Inszeniertes, beinahe Zwanghaftes. Seine weißen Haare hingen ihm zerzaust herab, jedoch nicht in jener wilden, kontrollierten Unordnung, wie man sie bei Hypos sehen konnte, sondern ungepflegt, als hätte er sich ganz bewusst gegen jede Form von Struktur entschieden. Zwei kleine Holzrädchen steckten in seinem Haar, eines blau, eines rot, farblich exakt gespiegelt zu seinen Augen, deren Iriden in eben jenen unnatürlichen Farben leuchteten. Es war kein Zufall. Bei ihm war nichts je Zufall. Sein schwarzes Jackett mit dem roten Ziegelmuster wirkte wie ein bewusst gesetzter Bruch zur üblichen Ästhetik der Kopfgeldjäger, und die Vielzahl an Armreifen, die bei jeder seiner Bewegungen leise aneinanderklangen, verstärkten diesen Eindruck nur noch. Einige von ihnen waren zweifellos von hoher Qualität, vielleicht sogar magisch aufgeladen, doch an ihm verloren sie jede Würde. Alles an Velverde schien darauf ausgelegt, wahrgenommen zu werden, ohne dabei jemals vollständig verstanden zu werden. Franca entschied sich, ihn zu ignorieren. Ohne ihre Geschwindigkeit auch nur im Geringsten zu verändern, wandte sie sich ab und trat durch das Tor in den Garten des Hauptquartiers. Während der Kaiserliche Garten weite und kontrollierte Schönheit ausstrahlte, war dieser Ort funktional, dicht, beinahe abgeschottet. Die Wege waren schmal, die Pflanzen weniger dekorativ, zweckgebunden. Einige dienten der Heilung, andere der Alchemie, wieder andere besaßen Eigenschaften, die selbst unter den Kopfgeldjägern nicht offen besprochen wurden. Es war ein Ort, an dem sogar die Natur eine Aufgabe zu erfüllen hatte. Kaum hatte sie einige Schritte gemacht, legte sich ein Arm um ihre Schulter. ,,Ach Fran~caaaa. Jetzt sei doch ni~cht so~oo. Ich ha~be dein Gespräch mit Hy~pos …'' Weiter kam er nicht. Franca reagierte reflexartig. Der Knauf von Gendihr traf sein Kinn mit einem dumpfen, kontrollierten Schlag, gerade hart genug, um ihn zum Verstummen zu bringen, aber nicht hart genug, um bleibenden Schaden zu verursachen. Im selben Moment drehte sie sich aus seinem Griff, löste sich aus seiner Nähe. ,,Du hast gar nichts gehört. Lass mich in Ruhe.'' Ihre Stimme war kalt, klar, ohne die geringste Öffnung für eine Diskussion. Sie hatte weder die Geduld, noch das Interesse, sich mit Velverde auseinanderzusetzen, und noch weniger wollte sie, dass er sich in Angelegenheiten einmischte, die ohnehin schon kompliziert genug waren. Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, setzte sie ihren Weg fort, die Schritte fest und zielstrebig Velverde blieb einen Moment lang zurück, rieb sich das Kinn, bevor er mit wenigen, raschen Schritten wieder zu ihr aufschloss. Seine Bewegungen waren fließend, beinahe tänzerisch, als würde er sich auf einer Bühne bewegen. ,,Lass mich dir he~lfen, Fran~ca'', sagte er, und in seiner Stimme lag jene verworrene Mischung aus Verspieltheit und Ernst, die nur schwer voneinander zu trennen war. Franca schüttelte den Kopf, ohne dabei langsamer zu werden. ,,Ich will deine Hilfe nicht.'' Vor ihr erhob sich die massive schwarze Holztür des Hauptquartiers, schwer und schlicht, ein bewusster Kontrast zu den verzierten Toren des Kaiserpalastes. Dieses Gebäude erhob keinerlei Anspruch auf Schönheit. Es war ein Werkzeug. ,,Und wenn ich dir sa~ge, dass du die Haupt~dar~stellerin auf meiner Büh~ne bist?'' Franca blieb stehen. Langsam drehte sie sich zu ihm um, einen Hauch von Abscheu in ihrer Bewegung. ,,Ich habe dir doch gerade erst gesagt, dass ich deine Hilfe nicht …'' Die Worte brachen ab, noch ehe sie vollständig ausgesprochen waren. Ihr Blick hatte sich verschoben, war nicht länger auf sein Gesicht gerichtet, sondern auf seine Hand. Oder genauer gesagt auf das, was in seiner Hand lag. -------------------------------------------------------------------------- In Velverdes Hand lag ein Siegel der Kaiserlichen Kopfgeldjäger, und auf den ersten Blick war daran nichts Ungewöhnliches. Jeder von ihnen trug ein solches Zeichen bei sich, ein Symbol ihrer Stellung, ihrer Autorität und ihres direkten Dienstes unter der Krone. Es war weit mehr als bloße Legitimation. Es war ein Schlüssel, ein Befehl, ein Versprechen von Gewalt, das im Namen des Kaisers ausgesprochen wurde. Doch noch ehe Franca diesen Gedanken vollständig zu Ende denken konnte, erkannte sie den entscheidenden Unterschied. Dieses Siegel gehörte nicht ihm. Es war weiß, von einer Reinheit, die beinahe unnatürlich wirkte, durchzogen von feinen goldenen Akzenten, die im gedämpften Licht des Gartens leise schimmerten. Kein gewöhnliches Abzeichen, sondern eines, das selbst unter den Kopfgeldjägern unverkennbar herausstach. Es trug Gewicht. Geschichte. Autorität. Es war das Siegel von Yang. Franca spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog, und sie musste unwillkürlich schlucken, bevor sie überhaupt sprechen konnte. ,,Woher hast du das?'' fragte sie schließlich, und obwohl sie sich nach Kräften bemühte, ihre Stimme stabil zu halten, war das feine Zittern nicht zu überhören. Allein der Gedanke an den Diebstahl dieses Siegels war absurd. Nein, mehr als das – er war ein Todesurteil. Es gab dabei keine Grauzone, keine Auslegung, keinen Ausweg. Wer so etwas wagte, stellte sich nicht nur gegen eine einzelne Person, sondern gegen das Absolut des Reiches. Velverde hingegen schien die Tragweite des Diebstahls nicht im Geringsten zu berühren. Er hob die Schultern leicht, fuhr sich mit einer übertrieben nachlässigen Bewegung durch das ohnehin ungepflegte Haar und ließ sich einen Moment Zeit, als wolle er erst die richtige Betonung für seine Antwort wählen. ,,Das …'' begann er gedehnt, seine Stimme spielerisch verzogen, ,,… ist natürlich ein Gehei~mnis.'' Ein schiefes Grinsen legte sich auf seine Lippen. ,,Ein Requi~sit. Eines, das ich spä~ter noch nutzen wer~de.'' Franca wich einen Schritt zurück, nicht aus Angst im klassischen Sinne, sondern aus einem instinktiven Bedürfnis nach Distanz. „Er ist verrückt." Der Gedanke kam klar, beinahe erleichternd in seiner Eindeutigkeit. Kein rational denkender Mensch würde so etwas bei sich tragen, geschweige denn es offen zur Schau stellen. Und doch blieb da noch etwas anderes, ein zweiter Gedanke, leiser, gefährlicher. „Ich brauche einen Verbündeten." Die Erkenntnis setzte sich fest, während sie ihn weiter musterte. Velverde war unberechenbar, zweifellos. Aber gerade darin lag eben auch ein Wert. Jemand wie er bewegte sich außerhalb der üblichen Strukturen, außerhalb jedes vertrauten Erwartungshorizonts. Und wenn es eine Sache gab, die Franca inzwischen begriffen hatte, dann jene, dass sie sich selbst mittlerweile ebenfalls außerhalb dieser Strukturen bewegte. „Und ich bin stärker als er." Diese Überzeugung gab ihrem Blick die gewohnte Sicherheit zurück. Sie betrachtete ihn einen Moment lang schweigend, prüfend, während sie nicht nur den Mann vor sich einschätzte, sondern auch jene Möglichkeiten, die er verkörperte. ,,Was ist dein Ziel?'' fragte sie schließlich. Velverdes Grinsen wurde breiter, fast kindlich in seiner Offenheit, während er das Siegel mit einer beiläufigen Bewegung in seiner Hosentasche verschwinden ließ, als wäre es nichts weiter als ein belangloser Gegenstand. ,,Nicht me~hr und nicht weni~ger'', sagte er, jede Silbe leicht gedehnt, als koste er sie regelrecht aus, ,,als das En~de des Kaiser~reichs.''
- Kapitel 203 - Unausweichliche Singularität
Alexandra hatte fast die Kuppel erreicht, die Leyla errichtet hatte. Der Sturm tobte noch immer über dem Dschungel, Blitze zuckten durch das Dickicht, Bäume knickten um wie Halme, und die Luft war elektrisch aufgeladen, als würde die Welt unter Schock stehen. Doch dann geschah es. Die Kuppel begann zu bröckeln. Stein für Stein fiel sie in sich zusammen – nicht wie etwas, das abgeschlossen war, sondern wie ein Bauwerk, das von innen heraus zerbrach. Etwas stimmte nicht. Alexandras Herz schlug schneller. Hatte Leyla gesiegt? Hatte sie Bläsk, den Erzdämon des Donners, tatsächlich bezwungen? Sie wollte es glauben. Sie musste es glauben. Doch dann blieb sie stehen. Starr. Sprachlos. Das Stück Urwald, das von der Kuppel eingeschlossen gewesen war, war nicht einfach nur beschädigt – es war vernichtet. Die Erde war zerfetzt, Bäume lagen entwurzelt kreuz und quer, als hätte ein Gott mit einem gewaltigen Hammer auf die Landschaft eingeschlagen. Und inmitten dieses Grauens… stand er. Bläsk. Der Erzdämon des Donners. Sein Körper schien aus brodelnden Gewitterschwaden geformt, seine Haut war rissig wie erkaltete Lava, aus der Blitze zuckten. Und er grinste. Ein kaltes, genussvolles Grinsen. Zu seinen Füßen lag Leyla. Zerfetzt. Blutüberströmt. Reglos. Der Schmerz durchfuhr Alexandra wie eine Lanze. Ihre Beine gaben nach, doch sie zwang sich aufrecht zu bleiben. Sie war zu spät. Leyla war tot. Tränen stiegen in ihre Augen, brannten sich durch die aufsteigende Verzweiflung. Doch sie blieben nicht lange. Denn etwas anderes trat an ihre Stelle. Etwas Reineres. Klareres. Gefährlicheres. Zorn. Reiner, ungebändigter, kompromissloser Zorn. Mit einem Aufschrei warf sie Vinessa zur Seite. „Bleib zurück! Das ist kein Kampf für dich!“ Die Fee wollte protestieren, doch Alexandra hörte es nicht mehr. Ihr Schwert zuckte aus der Scheide, ihre dämonische Magie explodierte in ihren Adern. Schwarze Flammen schlugen aus ihren Händen, ihre Augen glühten schwarz. Die Klinge veränderte sich – wuchs, fraß sich mit Magie voll. Die Luft um sie herum wurde schwer. Zehn Meter trennten sie noch von Bläsk. Sie riss das Schwert hoch und ließ es auf ihn niedersausen – ein Hieb, geschärft mit jeder Emotion, die sie noch in sich trug. Die Klinge streckte sich, die Schneide rauchte schwarz. Doch Bläsk fing ihn mühelos ab. Mit zwei Fingern. „Und wer bist du?“ fragte er, während sein Blick sie abschätzte. Nicht feindlich. Neugierig. Belustigt. „Gehörst du zu der Jüngerin?“ Alexandra wollte antworten, wollte ihn anschreien, ihm das Herz herausreißen. Doch sie konnte nicht. In ihr… legte sich ein Schalter um. -------------------------------------------------------------------------- Und dann, mit einem einzigen Wimpernschlag, war Alexandra nicht mehr im Dschungel. Bläsk war verschwunden. Der Sturm verstummt. Die zerstörte Erde unter ihren Füßen existierte nicht mehr. Stattdessen erstreckte sich vor ihr ein Schlachtfeld – endlos, grau, leblos. Bis zum Horizont nichts als Leichen, verdrehte Gliedmaßen, zerborstene Rüstungen, gebrochene Waffen. Der Himmel darüber war schwarz wie verbrannte Seide, kein Stern war zu sehen, keine Sonne, kein Mond. Nur Dunkelheit – alt, kalt und schwer. Eine unheimliche Stille lag über der Szenerie. Nicht einmal der Wind rührte sich. Es war der Ort, an dem selbst die Zeit den Atem anhielt. Alexandras Herz setzte einen Schlag aus. Sie kannte diesen Ort. Es war der Ort, an dem sie Jess begegnet war. Der Ort, an dem neu geboren worden war. Wo sie ihr Elfentum verloren und ihre dämonische Seite erhalten hatte. Verwirrt blickte sie an sich herab. Ihre dämonische Form war instabil. Nicht wirklich vorhanden. Ihre Klauen flimmerten, ihre Flügel verblassten. Auch die Hörner zogen sich nach und nach zurück. Warum war sie jetzt wieder hier? Dann verstand sie es. Jess hatte mit ihr den Platz getauscht. Sie spürte, wie ihre Knie nachgaben. Alexandra fiel auf den Boden des Schlachtfeldes, der sich kalt und trocken anfühlte, als wäre er aus altem Aschestaub gemacht. Sie vergrub ihr Gesicht in den Händen. „Leyla…’’ flüsterte sie. Sie wollte zu ihr. Ihren Körper halten. Ihr versprechen, dass sie es wiedergutmachen würde. Dass sie für sie kämpfen würde, so wie sie es immer gewollt hatte. Dass sie ihren Tod rächen würde. Doch dann hallte eine Stimme durch die Leere. Sie klang nicht hart, nicht fremd – sondern vertraut. Die Stimme von Jess. „Ich übernehme hier. Mit Bläsk habe ich noch eine offene Rechnung.“ Alexandra hob den Kopf, der Blick leer, aber ihr Herz schlug schneller. Was meinte sie damit? Doch in ihrem Inneren formte sich eine Wahrheit. Eine Erkenntnis, die ihr wie Nebel aus den Gedanken wich und dann mit Klarheit zurückkehrte: Jess war nicht ihre Feindin. Sie war es nie gewesen. -------------------------------------------------------------------------- Zensa schlug die Augen auf. Ein schwerer Druck lastete auf seinem Brustkorb, als hätte sein eigener Körper ihn im Stich gelassen. Schmerzen zogen durch seine Glieder, dumpf, unterdrückt nur durch das lähmende Gefühl der Ohnmacht. Doch dann kamen die Erinnerungen. Bläsk. Der Kampf. Der Weltenblitz. Hatte er ihn geblockt? Seine Umgebung bestand aus geschwungenem Holz, das sich wie eine Kugel um ihn gelegt hatte. Leylas Magie. Natürlich. Sie hatte ihn geschützt. Vorsichtig, mit bebenden Fingern, löste er die Stränge der Barriere. Splitter knackten, als das Holz sich öffnete, und ein Schwall modrig-feuchter Dschungelluft drang in seine Lunge. Doch der Dschungel war nicht mehr das, was er zuvor gewesen war. Der Boden war aufgewühlt, Pflanzen zerschmettert, Bäume wie abgerissene Gliedmaßen auf dem Schlachtfeld verteilt. Und dann sah er sie. Leyla. Seine Lehrerin. Sie lag dort, am Rand eines Kraters aus aufgebrochener Erde. Der Boden um sie war rot durchtränkt. Ihre Arme – weg. Ihr linkes Bein – fortgerissen. Ihre Augen – leer, ausgestoßen wie tote Sterne. Blut rann aus ihrem Mund, bildete eine rote Linie über ihre Wange bis in den Matsch. „Nein…“ Zensas Stimme war nur ein Wispern, erstickt von dem Schock, der ihn erfasste wie eine Faust um die Kehle. Er taumelte, fiel neben sie. Der Aufprall störte ihn nicht. Tränen liefen über seine Wangen, flossen unaufhaltsam wie ein Fluss, der ein Tal überflutet. Wenn er nur stärker gewesen wäre. Wenn er Bläsk nur aufgehalten hätte. Wenn er… ,,Zensa? Wie geht es dir?’’ Die Stimme war leise, zitternd. Vinessa. Die kleine Fee saß ebenfalls neben Leyla, ihre Hände in den Schoß gelegt, das Gesicht von verzweifeltem Schluchzen gezeichnet. Ihre Flügel hingen erschöpft, ihr Blick suchte nach einem Hoffnungsschimmer, den es nicht mehr gab. Zensa antwortete nicht. Konnte nicht. Er wollte die Realität nicht akzeptieren. Nicht jetzt. Nicht so. Er schloss die Augen, atmete tief, versuchte sich zu sammeln – und öffnete sie wieder. „Wo ist Bläsk?“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Keuchen, doch in ihr lag Wut. Kalte, glühende Wut. Vinessa hob ihren Arm und deutete stumm nach oben. Zensa folgte dem Fingerzeig. Am Himmel tobte ein Sturm. Inmitten der peitschenden Gewitterwolken, durchzuckt vom Licht der Blitze, kämpften zwei Wesen gegeneinander. Bläsk – unverkennbar, mächtig, elektrisierend. Und eine andere Gestalt, ebenso unheilvoll wie wild. Eine Frau mit pechschwarzem Haar, von lodernder Aura umgeben, ihre Bewegungen präzise und grausam zugleich. „Wer ist das?“ fragte Zensa, mit fassungslosem Blick auf die tobende Himmelsarena. Vinessa nahm seine Hand. Ihre Stimme bebte, doch sie war klar. „Das ist Jess, die Erzdämonin des Krieges.“ -------------------------------------------------------------------------- Bläsk starrte fassungslos auf die Frau vor ihm. Jess. Seine Schwester. Die Erzdämonin des Krieges, mit der er einst Seite an Seite in den Erzkrieg gezogen war. Ihre Präsenz war unverkennbar – die Gewalt in Person, gehüllt in schwarze Flammen und umgeben von einer Aura, die selbst seinen Donner übertönte. Wie war das möglich? Sie war versiegelt worden. Genau wie ihre übrigen Geschwister. Sie war gebannt, gebrochen, gebunden an ihre eigene Domäne. Und doch stand sie nun vor ihm. Ihre Schwingen schlugen langsam, ruhig – als würde der Sturm um sie nicht existieren. Sein Sturm. Und sie? Sie blickte ihn an, als sei er ein schlechter Witz. Egal. Sie hatte lange nicht gekämpft. Und er hatte nicht nur seine eigenen Kräfte, sondern auch die von Zil zur Verfügung. Und notfalls auch noch die seiner anderen Geschwister. „Jess“, knurrte Bläsk, seine Stimme vibrierte mit der Kraft des grollenden Himmels. „Du überraschst mich. Was willst du hier?“ Jess' Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Kein freundliches. Kein hasserfülltes. Es war das Lächeln derer, die lange gewartet hatten. Auf Gerechtigkeit. Auf Vergeltung. „Wirklich, Bläsk? Du musst mich das fragen?“ Ihre Stimme war leise, doch sie durchschnitt die Luft wie eine Klinge. „Ich bin hier, um zu beenden, was du begonnen hast. Um mich an dir zu rächen. Für das, was du uns angetan hast.“ Bläsk biss die Zähne zusammen. Die Worte trafen ihn nicht überraschend, aber sie schmeckten bitter. Es lief alles aus dem Ruder. Zuerst dieser Junge, der auf unerklärliche Weise fast seine Stärke erreicht hatte. Dann die Jüngerin – Leyla – die ihn mit einem listigen Trick in eine Falle gezwungen hatte. Ihn. Den Erzdämon des Donners. Und nun war Jess da. Er hob die Hand. Blitze tanzten in seinen Fingern, sammelten sich, verdichteten sich zu einer Fusion aus Licht und Vernichtung. Seine Stimme donnerte durch den Himmel. ,,Weltenblitz!’’ Mit einem Knall, der den Dschungel unter ihnen zerschmetterte, schleuderte er seine größte Waffe auf sie. Seinen Erzzauber– reines Donnergrollen, gespeist von seiner Essenz. -------------------------------------------------------------------------- Die zwanzig Erzwesen – zehn Erzengel und zehn Erzdämonen – verfügen jeweils über einen Erzzauber. Diese Erzzauber sind keine gewöhnlichen Magien. Sie sind Manifestationen ihrer Essenz, das Symbol ihrer absoluten Dominanz über das Gefüge der Welt. Jeder Erzzauber ist einzigartig und von solcher Macht durchdrungen, dass er selbst die Gesetze der Natur beugen kann. In ihrer Natur lassen sich diese Erzzauber in drei Kategorien einteilen. Die erste ist die stoßhafte Gruppe. Diese Zauber sind vergleichsweise effizient in ihrer Anwendung, verbrauchen weniger Energie und können mehrfach hintereinander gewirkt werden. Sie sind auf Tempo, Druck und konstante Bedrohung ausgelegt. Ein typisches Beispiel ist Bläsks „Weltenblitz“ – ein reiner Angriff aus konzentriertem Donner, der den Himmel zerreißt und dennoch schnell wieder aufgeladen werden kann. Trotz ihrer geringeren Stärke im Vergleich zu den anderen Gruppen können solche Zauber auf Dauer ein Schlachtfeld dominieren. Die zweite Kategorie ist die selektive Gruppe. Ihre Erzzauber sind erheblich mächtiger, massiver in der Wirkung und meist mit einem hohen Preis verbunden. Ihre Anwendung ist limitiert – einmal ausgesprochen, braucht der Erzdämon oder Erzengel Tage, manchmal gar Wochen, bis der Zauber erneut genutzt werden kann. Dafür sind ihre Auswirkungen verheerend. So ist etwa „Sinnflut“, der Erzzauber von Banyu, dem Erzdämon des Meeres, in der Lage, ganze Landstriche unter einem magischen Tsunami zu begraben. Wer einen solchen Zauber entfesselt, entscheidet über das Schicksal von Armeen. Die dritte Gruppe ist die Sondergruppe. Es existieren nur vier Zauber in dieser Klasse – und jeder von ihnen ist so mächtig, dass selbst Erzwesen nach dem Wirken für Jahre in tiefen Schlaf fallen. Diese Zauber formen die Realität selbst um, verändern Ursache und Wirkung. Ein berühmtes Beispiel ist „Welt in Perfektion“, der Erzzauber des Erzengels Gabriel. Wird ein solcher Zauber gesprochen, verändert sich die Welt – im wörtlichen Sinne. Zeit, Raum und Leben beugen sich dem Willen des Anwenders. Unabhängig von der Kategorie gilt: Jeder Erzzauber der sein Ziel trifft bedeutet für Sterbliche den sicheren Tod. Es gibt kein Entkommen, kein Schutz, kein Gegenmittel. Wer einem solchen Zauber gegenübersteht, sieht nicht nur seine letzte Stunde – er sieht auch, warum die Erzwesen als Götter unter den Wesen gelten. -------------------------------------------------------------------------- Der Weltenblitz schoss mit einem gleißenden Aufleuchten auf Jess zu, begleitet vom hämmernden Donner, der die Luft in Scherben riss. Doch sie stand ungerührt, hob lediglich ihre rechte Hand, und ein dunkler Schild aus verdichteter Schattenmagie manifestierte sich vor ihr. Die geballte Energie des Erzzaubers krachte gegen die Barriere, ließ den Boden unter ihr erbeben und entwurzelte selbst massive Bäume – doch Jess selbst rührte sich nicht. Der Blitz verpuffte. Kein Kratzer zierte ihre Haut. Keine Falte lag auf ihrer Stirn. Mit einer gleichgültigen Geste ließ sie den Schild zerfallen. In ihrer anderen Hand erschien eine Lanze aus purer Verdammnis – ein Kunstwerk aus Kriegsmagie und Schattenstahl. Ohne Zögern stürzte sie sich auf Bläsk. Bläsk, noch von der Nachwirkung seines eigenen Erzzaubers gelähmt, konnte nur zusehen, wie sich die Lanze durch seine Leibesmitte bohrte. Goldenes Blut trat aus, dampfend, zischend. Die Starre wich. Sein Blick wurde klar. Seine Stimme war ein Flüstern, das die Dunkelheit selbst herbeirief. ,,Mitternacht.’’ Um sie herum fiel die Welt in völlige Stille. Der Sturm verstummte. Kein Licht mehr. Keine Farbe. Nur tiefste Schwärze. Es war der Erzzauber seines Bruders Zil, des Erzdämons der Dunkelheit. Jess blinzelte. Für einen Moment wirkte selbst sie orientierungslos. Dann jagte ein Blitz aus Fluchkraft auf sie zu, schlug ihr in die Brust und schleuderte sie durch die Dunkelheit. Ein kurzes Aufkeuchen war alles, was sie von sich gab. Doch die Dunkelheit löste sich. Bläsk gönnte ihr keine Verschnaufpause. Er wusste, gegen Jess durfte er nicht zögern. ,,Fesseln des Kaen… leiht mir eure Macht.’’ Um ihn loderten Flammen empor, so heiß, dass die Luft knisterte und sich der Raum selbst verzog. ,,Sonnenflammenkugel.’’ Ein Feuerball, so groß wie eine kleine Stadt, schoss auf Jess zu. Die pure Verkörperung des Zorns Kaens, der Erzzauber des Erzdämonen des Feuers. Jess machte einen Satz zur Seite, der Feuerball verfehlte sie nur knapp, doch die Hitze war verheerend. Hinter ihr entzündete sich der Dschungel. Das grüne Herz des Kaiserreichs brannte. ,,Fesseln der…’’ Bläsk hob erneut die Hand, um weiterzumachen – doch er kam nicht mehr dazu. Ein Pfeil traf ihn in der Brust. Jess. Sie war schon wieder bei ihm. Bläsk wollte den Schlag parieren, doch ihre Klinge war schneller. Sie schnitt ihm den Arm ab. Dann verwandelte sich das Schwert in eine Axt, massiv, finster, durchtränkt mit purer Kriegsmagie. Hieb um Hieb schlug sie auf ihn ein. Jede Berührung brannte sich tief in seine Essenz. Er schrie, doch seine Stimme wurde vom Knacken der schwarzen Flammen verschluckt. Als er sich endlich losreißen konnte, packte sie sein Bein, riss ihn mit nach unten. Er taumelte, flog, blutete. Goldenes Blut regnete unter ihnen herab. Er war unterlegen. Er wusste es. Und es blieb ihm nur noch eine einzige Möglichkeit. Sein Körper war zerfetzt, seine Kräfte erschöpft, doch seine Stimme klang klar und grausam wie nie zuvor: ,,Ketten des ██████… leiht mir eure Macht.’’ -------------------------------------------------------------------------- Alles begann mit Bolt. Einem Menschen. Nicht besonders alt, nicht besonders mächtig, nicht von besonderem Blut – doch mit einem Funken, der ausreichte, um die Grundfesten einer Ära zu entzünden. Er war Schüler von Bläsk gewesen, dem Erzdämon des Donners, dem Sturmbeherrscher, dem Zorn aus Licht. Bolt hatte ihn bewundert, hatte jeden seiner Schritte mit Ehrfurcht verfolgt. Er hatte seine Worte aufgesogen wie heiliges Wissen, sich geformt nach seinem Bild, ihm gehorcht wie einem Vater – oder einem Gott. Und dann, ausgerechnet dann, hatte er sich gegen ihn erhoben. Denn Bolt hatte versucht, das Unvorstellbare zu vollbringen: Er wollte Bläsks Kräfte rauben, sie in sich aufnehmen, seine sterbliche Hülle mit der Essenz des Donners erfüllen. Es war ein Zauber, geboren aus Wahnsinn oder Größenwahn – keiner wusste es genau. Sicher war nur eines: Dieser Zauber war nie für einen Sterblichen gedacht gewesen. Er schlug fehl. Bläsk tötete ihn. Ohne zu zögern. Ohne ein letztes Wort. Ein einziger Schlag, ein einziger Blitz, und Bolts Körper war Asche. Doch was nicht mit ihm starb, war der Gedanke. Der Gedanke, dass ein Mensch ihn beinahe besiegt hatte. Dass die Sterblichen – klein, zerbrechlich, begrenzt – trotzdem eine Bedrohung sein konnten. In Bläsk keimte etwas, das man bei einem Erzdämon nicht vermutet hätte. Kein Mitgefühl, keine Reue. Sondern etwas viel Gefährlicheres: Angst. Und Angst war für Wesen wie ihn kein natürlicher Zustand. Also tat er, was solche Wesen tun. Er schmiedete einen Plan. Er wusste, dass das Gleichgewicht zwischen den zwanzig Erzwesen – zehn Erzdämonen, zehn Erzengel – eine Schwäche war. Eine offene Flanke. Und er kannte jemanden, der jenseits dieses Gleichgewichts stand. Ein Wesen älter als sie alle. Die Elster. Niemand wusste, was sie wirklich war. Bläsk suchte sie auf, irgendwo jenseits von Zeit und Raum, und als er ihr seine Bitte vortrug, nickte sie nur. Dann gab sie ihm ein Artefakt. Ein Ding ohne Namen, ohne Ursprung – aber mit unvorstellbarer Macht. Zurück in der Welt der Erzwesen berief Bläsk ein geheimes Konzil ein. Die zehn Erzdämonen versammelten sich im Tal der Risse. Keine Worte, keine Warnung. In dem Moment, als sie sich vereint hatten, aktivierte Bläsk das Artefakt. Ketten aus Zeit, Raum und Magie stürzten herab. Neun Erzdämonen – seine Geschwister – wurden in ihren Domänen versiegelt, einer nach dem anderen. Gefangen in Fesseln, die selbst ihren Zorn und ihre Verzweiflung unterwarfen. Und Bläsk, nun allein mit ihrer gebündelten Macht, richtete seine Aufmerksamkeit auf die Erzengel. Kein Rat. Kein Abkommen. Keine Gnade. Er jagte sie – einen nach dem anderen – bis nur noch Blut und Schweigen übrig waren. Manche wehrten sich, andere versuchten zu fliehen. Keiner entkam. Als das letzte Erzwesen gefallen war, stand Bläsk allein an der Spitze einer toten Hierarchie. Nun war er frei. Frei, seinen Plan in die Tat umzusetzen. Er begann, die Spuren zu tilgen. Jede Erwähnung der Erzwesen in den Chroniken der Völker ließ er löschen. Tempel brannten. Götter wurden vergessen. Glauben starb. Geschichten verstummten. Denn wenn die Sterblichen nichts mehr wussten – so glaubte er – konnten sie ihm auch nichts anhaben. Er fühlte nichts dabei. Keine Bitterkeit, keinen Stolz. Nur Notwendigkeit. Denn Bläsk hatte erkannt: Zweifel ist ein Luxus, den sich nur jene leisten können, die keine Feinde haben. So vergingen fast eintausend Jahre. Bläsk lebte im Schatten, im Verborgenen, beobachtete, wie Generationen kamen und gingen, während er die Erinnerung an seine Existenz aus dem Fleisch der Welt schnitt wie ein Chirurg eine Krankheit. Bis er von ihr hörte. Von einer jungen Frau, die urplötzlich auf der Bühne der Welt erschien. Einer Frau mit Augen, die Dinge sahen, die kein Mensch sehen durfte. Einer Frau mit dem Namen Leyla. Die Elster hatte ihn einst gewarnt. „Wenn du überleben willst“, hatte sie gesagt, „musst du verhindern, dass die Jüngerin der Runensteine erwacht.“ Bläsk hatte die Warnung damals nicht verstanden. Doch nun, da er Leyla beobachtete, ihre Taten, ihre Kräfte, ihr wachsendes Vermächtnis – wurde ihm klar, was gemeint war. Die Jüngerin war nicht nur eine Bedrohung. Sie war das Versprechen seines Untergangs. -------------------------------------------------------------------------- Die Macht des vergessenen Erzdämons, des einstigen Anführers der Zehn, dessen Name längst aus aller Erinnerung getilgt war, durchströmte Bläsk wie eine gewaltsame Offenbarung. Seine Wunden schlossen sich augenblicklich – Haut, Fleisch, Knochen wurden neu gewebt, als hätte ihn nie eine Klinge berührt. Energie pulsierte in jeder Faser seines Seins. Jess war von ihm zurückgewichen. Ihre dunklen Schwingen zitterten leicht, ihre Miene jedoch blieb gefasst. In ihren Augen lag kein Hass. Kein Triumph. Nur etwas Unerwartetes: Bedauern. Schmerz. Bläsk grinste. Kaltherzig, überlegen, voller falscher Sicherheit. Er verstand nicht, wie Jess es geschafft hatte, sich aus dem Kerker ihrer eigenen Domäne zu befreien – jenem Ort, in dem sie, wie alle anderen, gebunden gewesen war. Doch es spielte keine Rolle. Es nützte ihr nichts. Diesmal würde er sie vernichten, endgültig, ohne Fehler, ohne Zögern. ,,Schwarzes Loch.’’ Kaum hatte er den Erzzauber ausgesprochen, jenen von seinem versiegelten Bruder – dem Erzdämon der Schöpfung und Zerstörung – begann die Welt zu brechen. Der Raum um sie herum bog sich wie Glas unter Hitze. Der Himmel selbst – nicht der sichtbare, sondern das, was hinter allem lag – zerriss mit einem geräuschlosen Schrei. Es war kein Gewitter. Kein Sturm. Es war, als reiße man das Gewebe der Realität selbst auseinander. Ein Loch erschien, rund, formlos und bodenlos. Kein Licht. Kein Ton. Eine perfekte Leere – das Herz aller Vernichtung. Und es begann zu ziehen. Die Schwerkraft verlor ihren Sinn. Bäume wurden aus der Erde gerissen, ganze Landmassen flogen in den Riss. Der Boden brach auf, Staub, Feuer, Wurzeln, Gestein – alles wurde verschlungen. Ein Mahlstrom des Endes. Bläsk blieb unbewegt in der Luft, das Chaos um ihn ignorierend. Aus dem Augenwinkel sah er noch den Jungen mit den grünen Haaren, wie er mit dem zerstörten Körper der Jüngerin und der kleinen Fee floh. Lächerlich. Unbedeutend. Sie konnten nicht fliehen. Nicht weit genug weg, von dem was er entfesselt hatte. Jetzt galt all seine Aufmerksamkeit Jess. Er flog auf sie zu, langsam, wie ein Jäger, der sich seiner Beute sicher ist. Er wollte in ihre Augen blicken. Ihre Angst sehen. Den Moment genießen, in dem sie begriff, dass sie sterben würde. Doch was er sah, war nicht Panik. Jess lächelte. Ein ehrliches, beinahe warmes Lächeln. Kein Trotz, keine Maske. Zufriedenheit. ,,Du bist wahrlich der Dümmste von uns Zehn.’’ Bläsk runzelte die Stirn. Die Worte klangen hohl, bedeutungslos. Doch dann sah er es. Und noch bevor er verstand, was geschah, spürte er es. Eine Hand – riesig, schwarz, ledrig – schob sich aus der Singularität. Sie war nicht Teil des Zaubers. Sie war fremd, anders als alles, was er kannte. Eine fremde Wahrheit, die sich in seine Wirklichkeit drängte. Die Hand streckte sich nach ihm aus – und umschloss ihn. Mit einem einzigen Griff war er gelähmt. Nicht nur körperlich. Etwas griff nach seiner Seele. Seinem Ursprung. Seiner Struktur. „W-Was…“ stammelte er, doch seine Stimme war nur noch ein Krächzen im Wind. Panik kroch ihm in den Nacken. Keine seiner Kräfte reagierte. Keine seiner Erinnerungen half ihm. Jess schwebte neben der Hand, ihre Augen weich, fast traurig. Sie streichelte die monströse Hand voller Liebe. „Willst du wissen, was dein Fehler war?“ fragte sie. Bläsk nickte. Er musste es wissen. Irgendetwas, irgendetwas, das ihm Bedeutung gab. Wenn er schon fallen musste, dann wenigstens mit Erkenntnis. Aber Jess schüttelte nur den Kopf und lächelte noch einmal. „Meine Zeit ist vorbei. Auf nimmer Wiedersehen, Bruder. Genieß die Endlosigkeit in der Singularität.“ Er wollte schreien. Doch kein Laut kam. Die Hand zog ihn hinein. Und während sein Körper sich dehnte, zerriss, verflüssigte – während sein Geist versuchte, die Unmöglichkeit zu begreifen – wurde ihm klar: Es gab keinen Weg zurück. Kein Entkommen mehr. Keine Macht, die ihn retten konnte. Und dann löste sich Bläsk auf. Er, der letzte Erzdämon, der Sturm selbst – wurde zu Staub im Nichts.
- Kapitel 195 - Die Stadt, die sich selbst gehört
Vor den sogenannten Menschenkriegen – jenen gnadenlosen Feldzügen, mit denen Kaiser Simour I. aus dem Haus Algavia die achtzehn Reiche der Menschen unter dem Banner des neuen Kaiserreichs vereinte – war Vallyka die Hauptstadt des gleichnamigen Königreichs gewesen. Mächtig, stolz, von den anderen Menschenvölkern beneidet und gefürchtet. Die Stadt liegt direkt südlich des undurchdringlichen Tiefenwaldes, an der Grenze zwischen uralter Wildnis und aufblühender Zivilisation. Und sie war einst das Symbol menschlicher Größe: Die erste Menschenstadt, die die Marke von dreihunderttausend Einwohnern überschritt – ein Meilenstein in der Geschichte der Menschheit. Im Herzen der Stadt erhebt sich bis heute die imposante Festung Vallyka, ein stählernes Relikt aus jener Zeit, als noch Könige über die Menschen herrschten. Früher war sie Königspalast, später Herzogsburg, heute steht sie leer – ein kalter Koloss aus Stein und Geschichte. Der letzte Herzog, Kronprinz Sebastian Algavia, hatte sich eigenmächtig auf einen Feldzug gegen die Rebellen von Randurin begeben – ohne Mandat, ohne Rückhalt, nur mit seinem Ehrgeiz bewaffnet. Er wurde gefangen genommen, vor aller Augen gedemütigt und galt fortan als gescheitert – aus dem Prinzenspiel ausgeschieden, ein Makel, der nicht getilgt werden konnte. Mit seinem Fall verlor auch seine Frau, Joanne de Cale, ihren Rang. Die einstige Herzogin zog sich aus dem öffentlichen Leben zurück, verschwand aus den Salons der Macht und aus dem Gedächtnis der Höfe. Und so blieb die Stadt ohne Herrscher. Doch sie fiel nicht in Chaos. Vallyka blühte weiter. Vielleicht mehr denn je. In den Mauern gab es die großen Märkte, in denen Waren aus der Wüste im Osten, den Schneelanden im Norden und dem Herzland im Westen gehandelt wurden. Ohne Herzog, ohne Verwaltung, ohne die lähmende Hand der Bürokratie regierte sich die Stadt selbst. Die Bürger handelten klug. Der Adel hielt sich zurück. Und die Märkte florierten. Aus der Wüste im Osten kamen Gewürze und Garnische Seide, aus den Schneelanden im Norden Pelze und Öl, aus dem Herzland Getreide, Schmuck, Wein. Vallyka war das Herz einer unsichtbaren Ordnung – pulsierend, unabhängig, stolz. Vielleicht war es der Frieden, der diesen Wohlstand ermöglichte. Vielleicht war es auch Vallyka selbst – eine Stadt, die nie wirklich jemanden brauchte, um zu bestehen. Eine Stadt, die aus sich selbst heraus wuchs und atmete, die das Chaos überdauerte, weil sie stärker war als ihre Fürsten. Eine Stadt, deren Erben nicht vergessen hatten, was es bedeutete, das Zentrum der Menschheit zu sein. -------------------------------------------------------------------------- Beeindruckt blieb Leyla stehen und betrachtete die Stadtmauern von Vallyka, die sich vor ihr als ein graues Bollwerk aus vergangener Zeit erhoben. Im Gegensatz zu den verwitterten, von Moos überzogenen Mauern von Malyl, die Geschichten flüsterten von Alter, Krieg und Zeit, oder den glattpolierten, imposanten Wänden der Kaiserstadt, die Macht und Kontrolle ausstrahlten, wirkten die Mauern von Vallyka fast wie ein Kunstwerk. Jeder Stein war exakt behauen, gleichmäßig gesetzt, und doch spürte man die Geschichte, die in diesem Mauerwerk eingeschlossen war. Es war kein kaltes Symbol der Autorität, sondern ein würdevoller Ring aus Stein, der seine Stadt ehrte. Wie ein Gürtel aus Geduld und Stolz umschloss er die Metropole. Leyla ließ den Blick über die Türme und Zinnen schweifen, dann blickte sie zu Alexandra, die etwas vor ihr her lief. „Warst du schon einmal in Vallyka?“ Ihre Stimme klang neugierig, fast ein wenig ehrfürchtig. Alexandra schüttelte langsam den Kopf. Ihre blauen Augen hielten an einem besonders hohen Wachturm fest, der mit flatternden Wimpeln geschmückt war. „Nein. Aber die Stadt hat wirklich etwas Anziehendes. Sie wirkt wie... aus einer anderen Zeit.“ Vinessa, die winzige Fee, hatte sich tief in Alexandras Haare gekuschelt. Nur ihre leuchtenden Augen und das Glitzern ihrer Flügelspitzen ragten hervor, als sie eifrig nickte. Leyla lächelte. Es war erstaunlich, wie schnell Vinessa sich mit Alexandra angefreundet hatte. ,,Das ist also deine Geliebte? Die wirkt lieb, die darf mit uns reisen’’, hatte sie gesagt. Ein Stück hinter ihnen trottete Zensa. Er schob sich die Kapuze aus dem Gesicht, trat gegen einen herumliegenden Kiesel und ließ ihn klackernd über das Pflaster springen. Seine goldenen Augen waren auf den Boden gerichtet, sein Blick abwesend. „Zensa“, fragte Leyla und drehte sich halb zu ihm um, „sollen wir hier eine Pause einlegen?“ Zensa hob den Kopf kaum. „Von mir aus können wir direkt weiter. Ich will endlich den Dschungel sehen.“ Zwei lange Wochen hatten sie gemeinsam zurückgelegt. Bis zum Dorf Douvier waren sie auf Pferden gereist, hatten sich durch steinige Pässe und verlassene Dörfer geschlagen. Seit zwei Tagen waren sie zu Fuß unterwegs, denn die Pferde wären im nahenden Dschungel ohnehin kaum von Nutzen gewesen. „Dann entscheide ich das einfach selbst“, sagte Leyla mit einem Grinsen und zeigte mit einer ausgestreckten Hand auf das mächtige Stadttor, dessen Torflügel offenstanden wie die Arme eines gastfreundlichen Riesen. „Wir verbringen den Nachmittag und Abend in Vallyka, schlafen hier eine Nacht, und morgen früh brechen wir wieder auf.“ Zensa antwortete nicht, doch Vinessa nickte zustimmend, flatterte kurz auf und ließ sich wieder auf Alexandras Schulter nieder. Leyla ging nun schneller, schloss zu Alexandra auf und schlang wortlos ihre Finger um ihre Hand. Die Wärme war beruhigend, ein fester Anker in dieser sich verändernden Welt. So traten sie gemeinsam durch das Tor der Stadt, durch das die Stimmen von Händlern, das Klirren von Eisen, das Rufen von Kindern und der Duft von Gewürzen drangen. Vallyka wartete. Und niemand von ihnen wusste, was sie in ihren Mauern erwarten würde. -------------------------------------------------------------------------- Die Straßen von Vallyka pulsierten vor Leben, doch sie wirkten dabei nicht überladen oder chaotisch. Es war ein geordnetes Treiben, das wie ein einstudiertes Musikstück wirkte, in dem jeder seine Aufgabe kannte. Händler priesen ihre Waren mit kräftigen Stimmen an – exotische Gewürze, die aus den Märkten des Ostens stammten, dicke Pelze aus dem frostigen Norden, feine Stoffballen aus dem Herzland. Kinder huschten fröhlich zwischen den Marktständen hindurch, ihre Gesichter verschmiert mit Staub, während Soldaten mit klaren Blicken das Geschehen beobachteten. Sie trugen keine protzigen Rüstungen, nur einfache, aber makellos saubere Uniformen. Leyla sog tief die Luft ein. Der Duft von gebratenem Fisch hing schwer über der Stadt, gemischt mit dem süßlichen Geruch gerösteten Brots und dem frischen Aroma von aufgeschnittenem Obst. Darunter lag der unverkennbare Geruch von Stein und altem Mauerwerk, von Jahrhunderten Stadtleben, die sich in Staub und Fugen eingegraben hatten. Ihr Magen knurrte. Ihr Blick fiel auf einen kleinen Stand aus dunklem Holz. Dort waren verschiedene Spezialitäten aufgereiht – eingerollte Teigwaren, mit Kräutern gefüllte Schalen, kleine Päckchen, die von innen zu leuchten schienen. Auf einem Schild stand in schwungvoller Handschrift ein ihr unbekanntes Wort: Meldohon. Leyla las es halblaut vor, mehr zu sich selbst als zu jemand anderem. „Meldohon...“ Vinessa war sofort zur Stelle. Die kleine Fee flatterte aus Alexandras Haaren heran, setzte sich auf Leylas Schulter und kicherte aufgeregt. „Das ist Goldhonig aus dem Denja-Dschungel, eingewickelt in aromatisierten Käse. Eine Delikatesse! Kann ich bitte auch was davon haben? Nur ein Biss! Bitte, Leyla, bitte!“ Leyla musste lachen. Sie zögerte keine Sekunde. „Viermal Meldohon, bitte.“ Die Verkäuferin hinter dem Stand, eine Frau mit gebräunter Haut, sommersprossigem Gesicht und einem roten Tuch im Haar, lächelte freundlich. „Drei Kupfer.“ Leyla griff bereits unter ihre Kleidung, die Hand auf dem Amulett, das sie als Kopfgeldjägerin auswies. Doch Alexandra kam ihr zuvor. Mit einem selbstbewussten Lächeln zog sie ihr eigenes Amulett hervor und hielt es der Verkäuferin entgegen. Alexandra war kurz vor der Abreise zur zehnten Kaiserlichen Kopfgeldjägerin ernannt worden. Sie trug die Auszeichnung mit Stolz – und mit dem Gefühl, sich diesen Platz verdient zu haben. Die Augen der Händlerin weiteten sich. „Verzeiht, Edle Miss...“ „Alexandra“, sagte sie ruhig. „Verzeiht, Edle Miss Alexandra“, wiederholte die Händlerin eifrig und packte die vier Portionen behutsam in mit Wachspapier ausgelegte Tüten. Dann überreichte sie sie mit einer tiefen Verbeugung an Leyla. Mit einem dankenden Nicken drehten sich Leyla und Alexandra um und schlenderten zu dem Brunnen auf dem Platz, wo Zensa saß. Er hatte sich auf den Rand gesetzt, sein Blick wanderte zu einigen Männern in der Nähe, die sich bereits vor Sonnenuntergang lallend in einer Taverne betrunken hatten. Seine Miene war müde, beinahe missmutig. Leyla reichte ihm eines der Päckchen. Zensa sah sie überrascht an, seine goldenen Augen blitzten auf. „Für mich?“ Er riss die Augen weit auf, sein Blick haftete gierig an der Tüte, aus der bereits der süßlich-würzige Geruch von Honig und geschmolzenem Käse stieg. Sie nickte und verteilte die restlichen Portionen. Sie saßen beisammen, kauten schweigend, während über ihnen der Himmel in helles Blau getaucht war, durchzogen von vereinzelten Schleierwolken. Es wurde langsam Frühling und die Kälte des Winters zog sich nach und nach zurück. Die Geräusche des Marktes vermischten sich mit den Stimmen der Stadt – Gelächter, das Klappern von Töpfen, der Ruf eines Straßenmusikers. Leyla ließ ihren Blick schweifen. „Ich sehe kein einziges Wappen“, murmelte sie schließlich. „Keine Farben, kein Symbol der Herrschaft. Nicht einmal über dem Tor. Es ist seltsam. Diese Stadt ist groß, wohlhabend. Und doch ohne sichtbares Zeichen einer Obrigkeit.“ Sie hatte sich bewusst nicht auf Vallyka vorbereitet. Während sie sich tagelang über die Gefahren des Denja-Dschungels belesen hatte, wollte sie dieser Stadt unvoreingenommen begegnen. „Wir werden beobachtet“, wisperte Vinessa plötzlich. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. Sie nickte mit dem Kopf zu einem alten Mann, der in einiger Entfernung an eine Mauer gelehnt stand. Er tat so, als wäre er bloß ein müder Passant, aber sein Blick hing unverkennbar an ihnen. Leyla stand auf. Ihre Schritte waren bestimmt, nicht hastig, aber voller Entschlossenheit. Als sie direkt vor dem Mann stand, sagte sie: „Wer bist du? Und warum beobachtest du uns?“ Der Alte hatte ein wettergegerbtes Gesicht, tiefe Falten, aber einen wachen Blick. Er lächelte. „Ein Bewohner dieser Stadt. Jemand, der schon viele Jahre hier lebt. Und jemand, der nicht gekommen ist, um Euch zu vertreiben. Aber ich beobachte Euch, weil es meine Pflicht ist.“ Alexandra war ebenfalls nähergetreten. „Und warum ist es deine Pflicht?“ „Weil es hier keinen Herzog mehr gibt. Weil wir gelernt haben, uns selbst zu schützen. Weil wir verstanden haben, dass Macht nicht zwangsläufig auf einem Thron sitzen muss.“ Zensa verschränkte die Arme vor der Brust und trat einen Schritt vor. Er grinste spöttisch. „Und was macht ihr, alter Mann, wenn eines Tages jemand kommt, der echte Macht hat?“ Der Alte schaute ihn lange an. „Dann hoffen wir, dass dieser Jemand begreift, wann Macht besser ungenutzt bleibt. Der begreift, dass dies eine Stadt des Friedens ist.“ Leyla lachte leise, trat zu Zensa und fuhr ihm spielerisch durch die blassgrünen Haare. „Wir sind nur auf der Durchreise. Wir suchen keinen Streit, keine Kontrolle. Aber wir wollen auch keine Schatten im Nacken.“ „Dann seid ihr hier willkommen, Edle Miss Leyla.“ Mit diesen Worten drehte er sich um und verschwand in einer engen Gasse zwischen zwei Gebäuden, als hätte es ihn nie gegeben. Alexandra trat neben Leyla, legte ihren Arm um ihre Taille. „Wollen wir uns ein Gasthaus suchen?“ Leyla nickte. Doch ihr Blick verweilte noch einen Moment auf der Gasse, in der der Fremde verschwunden war. „Eine schöne Philosophie“, murmelte sie. „Und doch so zerbrechlich. Ein Befehl aus der Kaiserstadt, und alles hier würde in Flammen stehen.“ -------------------------------------------------------------------------- Erschöpft ließ sich Leyla auf den hölzernen Stuhl der Dachterrasse nieder. Die Sonne war gerade dabei, sich hinter den Dächern von Vallyka zu verstecken, und tauchte die Stadt in ein weiches, goldenes Licht. Es war warm, aber nicht drückend, und ein sanfter Wind strich über die Terrakottafliesen der Terrasse. Die Gaststätte, für die sie sich entschieden hatten, trug den Namen „Zum alten Mond“, und das Zimmer, das Leyla gemeinsam mit Alexandra bezogen hatte, wurde von den Wirtsleuten als das „Wolkenzimmer“ bezeichnet – nicht etwa wegen seiner Einrichtung, sondern wegen der dazugehörigen Dachterrasse, die so hoch lag, dass man über die meisten Gebäude hinwegsehen konnte. Zensa und Vinessa waren nach dem Essen noch losgezogen, um die Straßen der Stadt bei Nacht zu erkunden. Die Fee hatte darauf bestanden, dass sie unbedingt noch ein paar glitzernde Glaskugeln sehen wollte, die an einem Marktstand verkauft wurden. Und Zensa hatte sich nicht lange bitten lassen – vielleicht, weil er langsam die Gesellschaft der Fee wertschätzte. Leyla und Alexandra hatten den Abend für sich. Alexandra war noch einmal hinuntergegangen, hatte aus dem Speisesaal der Gaststätte zwei Tonbecher mit warmem Fruchtwein geholt, und setzte sich nun mit einem zufriedenen Seufzer neben Leyla. Der Duft von Beeren, Zimt und fermentiertem Apfel stieg aus den Bechern auf und vermischte sich mit der abendlichen Luft. „Die Festung Vallyka ist wirklich eindrucksvoll“, sagte Alexandra nach einer Weile und zeigte auf das dunkle Profil der Burg, das sich nur wenige Straßenzüge entfernt erhob. Ihre Zinnen zeichneten sich scharf gegen den rot gefärbten Horizont ab. Leyla folgte ihrem Blick. „Ich bin froh, dass wir hier einen Halt eingelegt haben“, murmelte sie. „Dieser Ort hat... eine gewisse Ruhe. Auch wenn er keine Führung hat, wirkt er gefestigter als manche Festung mit Herzog.“ Sie musste an den Herzogspalast von Paul in Malyl zurückdenken und schmunzeln. Sie wollte gerade den Wein probieren, als ihr Blick in den Himmel wanderte. Etwas war dort oben – ein Punkt, kaum größer als ein Funke, aber rot leuchtend und sich schnell nähernd. Sie stellte den Becher ab und starrte konzentriert nach oben. „Siehst du das dort?“ fragte sie leise. Alexandra stellte ebenfalls ihren Becher ab und kniff die Augen zusammen. „Sieht aus wie ein Vogel. Ein brennender... Vogel?“ Leyla sagte nichts. Aber in ihrem Innersten wusste sie es schon. Ein Phönix. Sie hatte von ihnen gehört – von Eroica, von alten Erzählungen, aus Berichten vergangener Zeiten. Majestätische Wesen aus Licht und Feuer, die einst zahlreich gewesen sein sollten. Inzwischen waren sie fast verschwunden, manche hielten sie gar für ausgestorben. Doch dieser hier war real. Er kam näher, wurde deutlicher. Die Federn leuchteten wie flüssiges Gold, durchzogen von rotglühenden Adern. Sein Flug war ruhig, beinahe würdevoll. Dann landete er direkt auf dem Geländer vor Leyla. Er war kleiner, als sie es erwartet hatte – nicht größer als ein Falke – und wirkte doch wie eine lebende Legende. In seinem Schnabel hielt er einen Stein. Oder besser: ein Juwel. Grau, fein geschliffen, fast durchsichtig. Kein Runenstein, so viel war sicher. Leyla streckte vorsichtig die Hand aus. „Ist der für mich?“ Der Phönix antwortete nicht. Er legte einfach nur den Stein in Leylas Handfläche, leicht und ohne Zögern. Dann begannen seine Flammen zu flackern, heller zu werden – und nach wenigen Sekunden löste sich sein Körper in Asche und Licht auf, verwehte im Wind. Leyla starrte dem verschwundenen Wesen nach, dann senkte sie den Blick auf das, was nun in ihrer Hand lag. Das Juwel war kühl, fast lebendig. Es pulsierte schwach, als würde es atmen. In seinem Innern schien sich etwas zu regen, ein Schimmer, der an silbernes Licht erinnerte. „Was bist du?“ flüsterte sie, mehr zu sich selbst als zu jemand anderem. Sie wollte das Juwel näher betrachten, vielleicht sogar mit ihrer Magie erfühlen – da erklang eine Stimme hinter ihr. Ruhig. Klar. Und vertraut. [???] „Das ist das Juwel der Menschheit. Bitte gib es mir. Es wäre nicht gut, wenn du es absorbierst.“
- Kapitel 209 - Der vierte Stuhl
[???] ,,Herzlich willkommen, Edle Miss Franca. Sie werden bereits erwartet – wenn Sie mir bitte folgen wollen.'' Franca war zwar bereits vor einigen Stunden in der Kaiserstadt eingetroffen, zum Ausruhen hatte sie allerdings keine Gelegenheit gehabt. Ihre Haut war nur flüchtig gepudert, ihre langen blonden Haare zu einem strengen Zopf zusammengebunden. Sie trug ein schwarzes Kleid mit goldenen Akzenten – eine Farbkombination, wie sie die Aldobrandini niemals an sich duldeten und die sie heute, genau deshalb, mit einer gewissen Genugtuung gewählt hatte. Um den Hals lag eine goldene Kette, ihre Hände steckten in dünnen, aber edlen Lederhandschuhen. Franca beobachtete den Butler, der sie schweigend durch die marmornen Gänge des Kaiserpalastes führte. Eigentlich verspürte sie wenig Neigung, sich mit dem Kaiser oder Yang zu treffen, doch der Rabe vom Vortag hatte unmissverständlich klargestellt, dass sie unverzüglich im Palast zu erscheinen habe. Wie es ihr Stand verlangte, hatte sie ein dem Hochadel angemessenes Lächeln aufgelegt – innerlich aber regte sich nichts als Abscheu. Auch wenn der Kaiser nicht ihr Vater war, so war er doch Teil des Problems. Teil jenes Systems, das sie zu stürzen geschworen hatte. Bereits am Eingang hatte man ihr Gendihr abgenommen. Das war ungewöhnlich – normalerweise durften die Kaiserlichen Kopfgeldjäger ihre Waffen überall mitführen – selbst im Kaiserpalast. Ahnte man bereits, dass sie die Krone verraten hatte? ,,Nun, es spielt keine Rolle’’, dachte Franca selbstbewusst. Vor dem Betreten der Kaiserstadt hatte sie ihren Verstand mit Gendihr verstärkt. Vorsichtshalber. Es hatte sich ausgezahlt. Sie hatte alle drei Aufladungen einsetzen müssen. Als Erstes hatte sie mit GEDANKENKÄFIG ihre Gedanken für jeden außer ihr selbst unleserlich gemacht – kein Magier, keine Aura, kein noch so feiner Sondierungszauber sollte mehr Zugriff auf das haben, was sich hinter ihrer Stirn verbarg. Dann hatte sie mit DRACHENHERZ ihr Selbst gegen magische Einflüsse abgeschirmt. Ihr war durchaus bewusst, dass sie Yangs Aura trotzdem würde ertragen müssen, doch immerhin sollte es ihr auf diese Weise gelingen, sich nichts davon anmerken zu lassen. Das hoffte sie zumindest. Zuletzt hatte sie mit LÖWENSTOLZ ihr Selbstbewusstsein gestärkt. Sie war im Begriff, nicht nur Yang, sondern auch den Kaiser persönlich anzulügen, und dazu bedurfte es absoluten Vertrauens in die eigenen Worte – selbst dann, wenn diese Worte gelogen waren. ,,Treten Sie bitte ein, Edle Miss Franca. Man wird umgehend zu Ihnen stoßen.'' Der Butler verbeugte sich tief und deutete mit ausgestreckter Hand auf einen schlichten Konferenzraum, in dem vier einfache Stühle um einen ebenso schlichten Tisch herum aufgestellt waren. Die kargen Marmorwände waren völlig leer, jedoch zeugten helle Abdrücke davon, dass hier bis vor kurzem noch Gemälde gehangen hatten. Auf dem Boden lag ein brauner Teppich, den Franca nicht einmal den Pferden in den Ställen der Brandiniburg geben würde. Franca schnaubte leise, kaum hörbar. Nahm man sie etwa nicht ernst? Oder war es ein Test? Es musste Letzteres sein, anders konnte sie sich nicht erklären, wieso ausgerechnet ein so karger Raum für das Treffen von drei mächtigsten und einflussreichsten Persönlichkeiten des Reiches gewählt worden war. Francas Blick fiel erneut auf die vier Stühle. Vier. ,,Wer wohl der Vierte sein mag?’’ fragte sie sich, während sie sich mit aufrechtem Rücken niederließ. -------------------------------------------------------------------------- Es dauerte nur einige Minuten, bis ihre Frage eine Antwort fand: [???] ,,Einen wunderschönen Abend wünsche ich Euch, Edle Miss Franca.'' Franca erkannte die rote Militäruniform auf den ersten Blick. Goldene Orden, ein makelloser weißer Mantel und jene aufrechte, beherrschte Haltung, die sie selbst seit ihrer Kindheit pflegte. Sie erhob sich und verbeugte sich leicht. ,,Eure Hoheit, Kronprinz Cornelius'', sprach sie mit emotionsloser, doch weicher Stimme, ,,was verschafft mir die Ehre, Euch ausgerechnet hier zu treffen?'' Langsam, beinahe gemächlich, schritt Cornelius auf einen der Stühle zu und ließ sich nieder. Statt ihr eine Antwort zu geben, zog er einen dunkelblauen Kamm aus der Innenseite seines Mantels und begann, sich beiläufig durch die Haare zu streichen. ,,Ob das wohl Drachenschuppe ist?’’ fragte sich Franca unwillkürlich. Während sie noch darauf wartete, dass der Kronprinz ihre Frage beantwortete, spürte Franca plötzlich den Druck, der wie eine unsichtbare Last auf ihren Schultern lag. Yang. Franca hätte beinahe aufgelacht. Natürlich hatte sie gewusst, dass die Aura sie auch weiterhin betreffen würde. Dass der Unterschied, den ihr Zauber machte, jedoch so verschwindend gering war, dass es ihr abermals den Atem verschlug – damit hatte sie nicht gerechnet. Und das beunruhigte sie zutiefst. Yang sprach kein einziges Wort, sondern trat lautlos neben den mittleren Stuhl. Franca, die mit dem Rücken zur Tür saß, spürte ihren durchdringenden Blick förmlich auf ihrer Stirn. Hatte Yang gemerkt, dass sie ihren Geist verstärkt hatte? Da hörte sie bereits die Schritte des Kaisers. Seine Art zu gehen unterschied sich vollkommen von der seines Sohnes oder ihrer eigenen. Die Autorität, die ihm Yangs bloße Existenz zusicherte, war in jedem der schweren, gleichmäßig dröhnenden Klänge unmissverständlich zu hören. Sofort sprang Franca auf und verbeugte sich tief, beinahe zu tief. ,,Eure Majestät, ich bin hier, um Euch von dem Auftrag zu berichten!'' Kaiser Verion III. ließ sich auf dem ihr gegenüberliegenden Stuhl nieder und bedeutete ihr mit einer knappen, fast achtlosen Handbewegung, ebenfalls Platz zu nehmen. Franca glitt auf ihren Stuhl zurück, ihre Augen fest und unverwandt auf den Kaiser gerichtet. Dann begann Yang zu sprechen. ,,Du bist allein zurückgekehrt, Franca. Erkläre dich bitte.'' Die Worte waren zwar in einem Tonfall gesprochen, den man unter alten Freunden pflegte, doch in ihnen schwang eine Drohung mit, so deutlich, dass kein Missverständnis möglich war. Also erhob sich Franca abermals und begann mit fester Stimme zu sprechen: -------------------------------------------------------------------------- ,,Ich beginne mit jenem Auftrag, den ich persönlich von der Edlen Miss Yang erhalten habe'', setzte Franca an. Ihr Blick wanderte in bewusst kalkuliertem Rhythmus zwischen den Dreien hin und her, als wolle sie jede noch so flüchtige Regung in ihren Mienen erkennen. ,,Luca Aldobrandini wurde erfolgreich liquidiert.'' Die Miene des Kaisers blieb unbewegt, beinahe steinern, als wäre der Name eines toten Adligen für ihn nicht mehr als eine Randnotiz. Yang hingegen hob ihre Stimme – nicht laut, doch scharf genug, dass jedes Wort den Raum durchschnitt wie ein gezogener Dolch. ,,Warum hast du ihn vorher gewarnt?'' Die Frage traf Franca wie ein präziser Stich in den Magen. ,,Sie hat es erfahren. Natürlich hat sie es.’’ Auf dem Rückweg in die Kaiserstadt hatte sie jede denkbare Reaktion durchgespielt, jedes Argument geschärft und jeden Zweifel beiseitegedrängt – und genau dafür war diese Vorbereitung gewesen. ,,Das Netzwerk meines Vaters reicht weit'', erwiderte sie ruhig und mit kontrollierter Stimme. ,,Sollte er erfahren, dass Mitglieder seiner Familie ohne ordentliches Verfahren hingerichtet werden, wird er reagieren. Unweigerlich.'' Bewusst wandte sie nun den Blick dem Kaiser zu, ließ ihn dort verweilen. ,,Auch wenn Giolitti Aldobrandini der Krone untersteht, hätte ein solches Vorgehen Spannungen erzeugt. Spannungen, die sich, in meinen Augen, mit dieser Vorgehensweise vermeiden ließen.'' Der Kaiser nickte langsam, ohne ein einziges Wort zu verlieren — eine knappe, abwägende Geste, kaum mehr als eine Kopfbewegung. Auch Yang blieb stumm, doch ihr Schweigen wirkte nicht ablehnend. Sie hatte die Begründung akzeptiert. Vorläufig. Franca fuhr fort, diesmal mit einem kaum merklichen Nachdruck in der Stimme. ,,Was den Auftrag in Randurin betrifft…'' Sie hielt einen Moment inne, korrigierte sich innerlich und schärfte ihre Worte, bevor sie sie aussprach. ,,Die Edle Miss Cyntha ist im Einsatz gefallen. Zuvor jedoch hat sie Varon getötet.'' Yang legte den Kopf minimal schief, kaum mehr als einen Fingerbreit, ihre Augen ruhten fest auf Franca. ,,Dann war es also Varon, der sie getötet hat?'' Der Unterton war schwer zu deuten. Nicht Zweifel, nicht ganz. Eher ein Test, sorgfältig gestellt. Franca schüttelte leicht den Kopf und zog tief Luft ein. ,,Nein. Es war jener Krieger, der vor kurzem auch Bunj getötet hat. Sein Name lautet Atorm.'' Verion wandte sich für einem kurzen, fragenden Blick an Yang. Diese erwiderte ihn nur mit einem knappen, kaum sichtbaren Kopfschütteln – keine Erklärung, keine Bestätigung, nur ein Zeichen. ,,Berichte mir von diesem Atorm'', sagte der Kaiser schließlich und richtete seine ungeteilte Aufmerksamkeit wieder auf Franca. Allein der Name reichte schon… Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, noch bevor sie auch nur den Mund öffnen konnte. Die Erinnerung war zu klar, zu präsent – und sie weigerte sich, in den Hintergrund zu treten. ,,Wie Eure Majestät es wünschen'', begann sie und zwang ihre Stimme ruhig zu bleiben. ,,Es geschah kurz, nachdem Varon gefallen war. Cyntha und ich wollten unsere Kräfte sammeln und uns neu ordnen. Doch noch ehe wir ihn überhaupt sahen, habe ich ihn gespürt.'' Sie hielt einen Augenblick inne und suchte nach den richtigen Worten. ,,Seine Präsenz. Seine Macht. Sie war… allumfassend. Seine Aura legte sich um uns wie ein Gefängnis, wie ein unsichtbarer Käfig aus reinem Druck. An Flucht war nicht zu denken.'' Yangs Haltung blieb unverändert. Kein Zucken, keine sichtbare Regung, kein Heben einer Augenbraue. Was sie wohl darüber dachte? ,,Dann hat er Cyntha getötet'', fuhr Franca fort, ihre Stimme nun um eine Spur leiser. ,,Und mit ihr auch ihren Drachen, Zorda.'' Sie nahm einen kurzen Atemzug, bevor sie fortfuhr: ,,Mich hingegen scheint er nicht als Kaiserliche Kopfgeldjägerin erkannt zu haben. Es wirkte, als kenne er nur jene Namen der Kaiserlichen Kopfgeldjäger, die vor dem Eintritt der Edlen Miss Leyla im Amt waren.'' Yang ließ sich einen Moment Zeit, ehe sie sprach. Ihre Stimme war ruhig, doch ihre Aura begann sich spürbar zu verdichten, wie Luft vor einem Gewitter. ,,Warum hast du überlebt?’’ Franca antwortete sofort, vielleicht einen Hauch zu schnell. Ihr Blick senkte sich unwillkürlich auf das makellose Kleid Yangs, als suche er dort Halt. ,,Er wollte, dass ich eine Nachricht überbringe.'' Die Worte hallten noch immer in ihr nach, klar und unausweichlich, als hätte er sie ihr in die Knochen geritzt. ,,Geh zurück in die Kaiserstadt und sag Yang, sie soll hierherkommen.’’ Franca schluckte, bevor sie weitersprach. ,,Er hat die Edle Miss Yang zu einem Duell herausgefordert. Vor den Toren Randurins.'' Yang zeigte keine sichtbare Reaktion. Doch neben ihr verengte Kaiser Verion langsam die Augen. -------------------------------------------------------------------------- Franca war sich vollkommen bewusst, wie irrsinnig dieser Gedanke war. Niemand forderte Yang heraus. Niemand stellte sich ihr entgegen, niemand suchte den Kampf. Sie war das Absolut im Kaiserreich, der ungeschriebene Grundsatz, an dem sich alles andere brach. ,,Wenn das wirklich wahr ist, dann muss dieser Atorm entweder wahnsinnig sein… oder von außergewöhnlicher Stärke. Er hat sowohl Bunj als auch Cyntha getötet. Wir sollten also wohl von Zweiteren ausgehen.'' Zum ersten Mal seit Beginn der Unterredung meldete sich der Kronprinz zu Wort. Sein Blick ruhte auf seinem Vater, prüfend, beinahe suchend. Kaiser Verion wirkte mit einem Mal gealtert. Etwas huschte über sein Gesicht, flüchtig und doch deutlich genug, dass Franca es erkannte. Melancholie. Cornelius wandte sich nun ihr zu. ,,Was ist mit der fünften Armee geschehen?'' fragte er ruhig. Franca antwortete ohne Zögern, beinahe mechanisch. ,,Sie wurde vollständig ausgelöscht. General Francesco di Lorenzo ist gefallen. Varon hat ihnen eine Armee der Toten entgegengestellt.'' Ein kurzer Atemzug. ,,Darunter befanden sich auch zwei… Abweichungen. Eine Schattenläuferin und…'' Sie hielt mitten im Satz inne. Sollte sie das wirklich aussprechen? Vor dem Kaiser? Vor dem Kronprinzen? ,,Sprich.’’ Das Wort war kaum mehr als ein Hauch, als es Yangs Lippen verließ. Leise, kontrolliert, nahezu sanft. Und doch traf es Franca mit voller Wucht. Es war, als hätte Yang sie nur mit der Stimme am Hals gepackt und hochgehoben. Wie hatte sie nur glauben können, sich ihr jemals direkt zu stellen? Franca fuhr fort. Ihre Stimme war nun leicht am zittern. ,,Seine ehemalige Hoheit, Kronprinz Sebastian.'' Sie zwang sich, weiterzusprechen. ,,Sein Körper wirkte… fast lebendig. Nicht vollständig. Aber auch nicht tot. Und er war noch in der Lage, Zeitmagie zu wirken.'' Bewusst ließ sie aus, wie sie ihn besiegt hatte. Stille senkte sich über den Raum, schwer und zäh wie Honig. Verion III. hob eine Hand und begann, sich langsam die Stirn zu reiben, als wolle er etwas wegwischen, das nicht abzuwischen war. Yangs Blick blieb unverändert, doch er ruhte nun nicht mehr auf Franca, sondern auf dem Kaiser. Cornelius sah weiterhin Franca an, doch in seinen Augen lag mit einem Mal ein anderer Blick. Schließlich war es der Kaiser, der das Schweigen brach. ,,Ich danke dir, Franca'', sagte er leise, mit einer Schwere, die zuvor nicht in seiner Stimme gelegen hatte. ,,Ich würde dich nun bitten, uns allein zu lassen.'' Franca erhob sich langsam, jede Bewegung kontrolliert. Sie verbeugte sich abermals tief. ,,Wie Ihr wünscht, Eure Majestät.'' Als sie sich abwandte und den Raum verließ, hörte sie noch, wie der Kaiser auch den Kronprinzen hinausschickte. Einige Minuten später verließ Franca den Palast und betrat einen der Palastgärten. Es war kühl geworden, die Sonne war bereits hinter den Dächern verschwunden. Erleichterung durchströmte sie. Abrupt, beinahe überwältigend. Ein tiefer Atemzug entwich ihr. Sie wollte nur noch ins Hauptquartier. Abstand gewinnen. Ordnung in ihre Gedanken bringen. ,,Und morgen werde ich dann…’’ [???] ,,Edle Miss Franca. Ich nehme mir die Freiheit, Euch nach Hause zu begleiten.''
- Kapitel 208 - Jenseits der Kerzen
Das Licht des Mondes schien still über die Wipfel des Denja-Dschungels. Die Blätter glitzerten noch feucht vom Regen, der vor einigen Stunden über das endlose Grün hinweggezogen war, als wollte er das Blut des Tages fortspülen. Es war still. Kein Rascheln, kein Tierlaut – nur das gelegentliche Tropfen von Wasser, das aus den Baumkronen auf das Blätterwerk darunter fiel. Leyla saß gemeinsam mit Zensa auf dem Dach des Waldes. Sie hatte mit ihrer Magie eine stabile Plattform aus Lianen und verdichteter Luft geschaffen, gehalten von den knorrigen Ästen eines uralten Dschungelriesen. Hoch oben, über allem. Dort, wo die Luft klarer und der Himmel weiter war. Die Sterne standen hell am Firmament, und der Wind spielte leise mit Leylas hellblauem Haar. Sie hatten eine ganze Weile geschwiegen. Leyla wusste nicht, wo sie anfangen sollte. In Wahrheit wollte sie gar nicht reden. Aber sie wusste auch, dass sie es musste. Sie hatte Zensa im Dunkeln gelassen. Über Bläsk. Über das Risiko. Über das, was sie selbst wusste – und verschwiegen hatte. Und obwohl sie nicht vorhatte, ihm alles zu sagen, empfand sie das Gewicht der Halbwahrheit schwerer als gewöhnlich. Vielleicht war es die Stille. Oder der Blick in diesen goldenen Augen, der sie nicht verurteilte – nur wartete. „Zensa?“ begann sie leise. Zensa drehte den Kopf. Seine Augen glänzten schwach im Mondlicht, sein blassgrünes Haar wirbelte im Wind, ungezähmt wie er selbst. „Ich habe gewusst, dass Bläsk angreifen würde“, sagte sie ruhig. Kein Zögern, keine Ausflucht. „Alexandra und ich haben entschieden, dich aus dem Kampf herauszuhalten. Hätten wir dir alles gesagt… wärst du nicht so schwer verletzt worden.“ Zensa zog die Knie näher an seine Brust. Einen Moment sagte er nichts. Dann: „Nein. Es war meine Schuld. Ich habe nicht auf dich gehört. Ich hätte bei dir bleiben sollen. Ich hab’s verbockt.“ Leyla schwieg. Seine Selbstanklage war ehrlich – und falsch zugleich. Nach einer Weile meinte sie nur: „Du hast’s alleine versucht. Das war dumm. Mutig, aber dumm. Und trotzdem… es hätte anders ausgesehen, wenn du gewusst hättest, wer im Sturm auf dich gewartet hat.“ Zensa schüttelte den Kopf. Hartnäckig, trotzig. „Wenn ich’s gewusst hätte, hätte ich ihn erst recht angegriffen. So bin ich halt. Also trifft dich keine Schuld.“ Leyla konnte nicht anders als zu schmunzeln. Ja, das war er. Zensa – stur, impulsiv, loyal bis zur Selbstaufgabe. Wahrscheinlich hätte kein Wort der Welt ihn zurückgehalten. Eine Pause entstand. Der Wind nahm zu. Ein Vogel schrie in der Ferne. „Morgen brechen wir zurück zur Kaiserstadt auf“, sagte Leyla schließlich. „Ich werde Yang berichten, dass der Drachar nicht aufzufinden war. Und dann werde ich sie bitten, dich an die Akademie Oststadt zu schicken. Du musst lernen, was außerhalb des Kampfes wichtig ist. Disziplin, Kontrolle, Verantwortung. Und wie du überlebst, ohne zu sterben.“ Zensa sah sie an, die Stirn gerunzelt. „Macht das nicht Eroica?“ Leyla schluckte. Für einen Moment flackerte Schmerz in ihren Augen auf. „Eroica ist tot“, sagte sie. Leise. Fest. „Ich kann dir nicht sagen, woher ich das weiß. Aber es ist wahr.“ Zensas Augen wurden groß. Er öffnete den Mund, wollte etwas sagen, doch es kam kein Laut. Stattdessen stieg eine einzelne Träne in seinen Augenwinkel und rann ihm die Wange hinab. Dann noch eine. Und noch eine. Leyla bewegte sich langsam, zog ihn an sich heran. Er ließ es zu. Kein Widerstand. Er lehnte sich gegen sie, vergrub sein Gesicht an ihrer Schulter. Und sie streichelte ihm durchs Haar. Immer wieder. Wortlos. Wie man es mit einem Kind tat, das zu viel gesehen hatte. Der Wind trug leise Geräusche herüber. Blätterrauschen. Ein fernes Brüllen – vielleicht ein Tier. Die Nacht zog sich hin. Irgendwann schlief Zensa ein, erschöpft, aber ruhig. Leyla blieb wach, hielt ihn, schaute in den Himmel. So saßen sie noch lange da, zwei Schatten auf einer Plattform über dem Dschungel. Erst als der erste Sonnenstrahl durch das Blätterdach brach, löste sich Leyla langsam von ihm und stand auf. Ein neuer Tag hatte begonnen. -------------------------------------------------------------------------- ,,Vinessa, können wir reden?’’ Leylas Stimme war ruhig, aber fest. Sie stand vor dem kleinen Häuschen, das wie eine grüne Frucht an einem der gewaltigen Äste von Jidar hing – halb verborgen vom Blattwerk, halb getragen vom ersten Licht der aufgehenden Sonne. Vinessa hatte dort übernachtet. „Ja klar, was gibt es, Leyla?“ Die Fee trat heraus, streckte sich kurz und flog dann zu ihr, um sich auf Leylas ausgestreckter Hand niederzulassen. Ihre goldenen Haare lagen weich auf ihren zarten Flügeln, ihre Augen blickten wachsam und neugierig zu ihr auf. „Lass uns ein Stück gehen“, sagte Leyla schließlich. Sie ließ sich mit Vinessa von den Lianen tragen – hinfort vom Dorf, hinein ins dichte Geäst des umliegenden Dschungels. Hier war der Wald lebendig. Insekten zirpten, Vögel riefen, irgendwo kreischte ein Affe. All das wirkte fast beruhigend, als würde der Dschungel sie willkommen heißen – oder Zeuge ihres Gesprächs werden wollen. Leyla sah Vinessa an. „Sobald wir in der Kaiserstadt ankommen, werde ich wieder aufbrechen. Ich werde Yang um einen Auftrag im Westen bitten – offiziell. In Wahrheit werde ich die Suche nach den Runensteinen fortsetzen. Mein erstes Ziel wird Eratula sein.“ Vinessa nickte langsam. „Das ist eine gute Idee.“ Leyla zögerte, dann atmete sie tief ein. „Ich will nicht, dass noch mehr Leute meinetwegen sterben. Ich werde allein reisen – ohne Alexandra. Ohne Zensa. Ich will aber, dass du mich begleitest.“ Vinessa schwieg. Sie wirkte nicht überrascht – aber auch nicht einverstanden. Schließlich blickte sie Leyla fest an. „Findest du nicht, dass Alexandra das selbst entscheiden sollte?“ Leyla schüttelte den Kopf. „Nein. Ich weiß, wie das klingt. Es ist egoistisch. Vielleicht sogar feige. Aber ich will einfach nicht noch jemanden verlieren. Ich kann das nicht mehr. Ich liebe Alexandra – mehr als alles andere. Und genau deshalb… macht es mir Angst. Eroica ist tot. Und ich… fühle nichts. Ich weiß, dass ich trauern müsste. Aber der Runenstein der Erde unterdrückt alles. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, irgendwann auch Alexandra zu verlieren – und dann einfach weiterzuleben, als hätte es sie nie gegeben.“ Vinessa senkte den Blick, dachte nach. Ihr Gesicht verriet nichts – kein Urteil, keine Zustimmung. Nur ein stilles Verstehen. Schließlich hob sie den Kopf und nickte. „Ich verstehe Alexandras Sicht. Aber ich verstehe auch deine. Am Ende zählt, dass du die Runensteine findest. Dass du weitermachst. Ich bin deine Begleiterin, Leyla – dein Licht. Wenn du diesen Weg gehen willst, dann gehe ich mit dir. Nicht, weil ich es muss. Sondern weil ich will.“ „Das bist du“, sagte Leyla leise. „Und deshalb brauche ich dich. Du erinnerst mich daran, warum ich kämpfe. Was es noch gibt, was nicht verhandelt werden kann. Du hilfst mir, das vor Augen zu halten, was ich beschützen will.“ Sie streckte die Hand aus, ließ das Licht der Sonne hindurchfallen. Die Strahlen malten goldene Muster auf ihre Finger. „Mein Weg wird mich in einen Krieg mit Yang führen. Mit dem Kaiserreich. Ich werde nicht aufhören, bis ich wirkliche Freiheit erreicht habe – für mich, für die, die ich liebe, für alle, die unter dieser Ordnung leiden.“ Ein Ruck ging durch ihren Körper. Etwas regte sich tief in ihr, wie eine Welle, die aus mehreren Richtungen gleichzeitig kam. Der Runenstein des Meeres jubelte in ihr – seine Kraft grollte warm, beinahe verspielt, als gefiele ihm ihr Entschluss. Auch der Runenstein der Heilung schien zu vibrieren, zustimmend, ruhig und wissend. Doch es war der Runenstein der Erde, der sie völlig überrollte. Ein Gefühl wie eine Steinlawine, die gleichzeitig zärtlich und überwältigend war. Kraft durchflutete ihren Körper, ließ sie erbeben, ließ sie alles andere vergessen. Es war, als würde die Erde selbst ihren Entschluss ehren. Und noch ehe Leyla ganz begriff, was geschah, veränderte sich die Welt um sie. Sie stand – nein, sie saß. Inmitten des Gartens des Friedens. Jenes Ortes, den sie vom Runenstein der Heilung erhalten hatte. Alles war still. Alles war grün. Und zum ersten Mal seit Ewigkeiten hatte sie das Gefühl, dass selbst die Runensteine in ihr für einen Moment innehielten. -------------------------------------------------------------------------- Leyla blickte sich um. Der Garten war derselbe wie damals im Feendorf – friedlich, lebendig, vollkommen unberührt. Tiere unterschiedlichster Art bewegten sich wie in einem harmonischen Traum nebeneinander. Ein Wolf lag eingerollt neben einem Hasen, ein Reh ließ sich von einer Schlange umkreisen, ohne zu fliehen. Keine Spur von Angst, keine Jagd. Nur Dasein. Nur Frieden. „Was ist das für ein Ort?“ fragte Vinessa mit leuchtenden Augen. Sie schwebte staunend neben Leyla, als wäre sie ein Kind vor einem Wunder. Leyla zuckte kurz zusammen. Sie hatte nicht erwartet, dass Vinessa mitgekommen war. Doch da war sie – klar, deutlich, lebendig. Ihre Gegenwart in diesem Garten überraschte sie. Eigentlich hatte sie geglaubt, dies sei ein Ort, den nur sie betreten konnte. „Das ist die werdende Domäne der Jüngerin“ , erklang plötzlich eine Stimme. Die Worte waren sanft, doch voller Autorität – die Stimme eines Kindes. Leyla drehte sich langsam um. Dort, zwischen zwei blühenden Bäumen, stand ein kleines Wesen. Weißes Haar fiel ihm bis zu den Schultern, die blaugrünen Augen wirkten tiefer, als es für ein Kind möglich schien. Es trug ein schlichtes weißes Unterhemd und eine ebenso schlichte Hose – und doch ging eine fast heilige Präsenz von ihm aus. Leyla wusste sofort, wer das war: das Abbild ihrer Fantasie für den Runenstein der Heilung. Vinessa, voller Enthusiasmus, flatterte auf das Kind zu – doch das hob ruhig seine Hände. Zwischen seinen Fingern leuchtete ein mattweißes Licht auf. Im selben Moment sackte Vinessa bewusstlos zu Boden. Eine schwarze Katze – schlank, mit tiefvioletten Augen – tauchte aus dem Nichts auf, fing sie auf und trug sie ohne Eile einige Meter von Leyla weg. „Das ist kein Gespräch für sie?“ fragte Leyla leise, beinahe ehrfürchtig. „Nein. Dies ist nur für dich bestimmt.“ Hinter einem dickstämmigen Baum trat ein alter Mann hervor. Sein langes graues Haar hing bis zur Brust, sein Blick war schwer wie Stein. Der Runenstein der Erde. Und da – da war auch sie: die blauhaarige Frau, barfuß im Bach stehend, das Wasser kühl um ihre Knöchel. Ihr Blick ruhte auf Leyla – klar, forschend, wie schon beim ersten Treffen ein wenig spöttisch. „Ihr seid alle hier“, stellte Leyla fest. Ihre Stimme klang härter als sie es beabsichtigt hatte. „Was wollt ihr mir mitteilen?“ Das Kind trat näher. „Du stehst an einer Schwelle“ , sagte es mit ruhiger, fast feierlicher Stimme. „Eine, die du längst übertreten hast. Aber noch nicht in dir akzeptierst. Wir sind hier, um dich zu begleiten – und um dich daran zu erinnern, wer du bist.“ Der alte Mann seufzte. „So in etwa. Ich habe lange zugesehen, wie du dir ein Netz aus Beziehungen aufgebaut hast. Freunde, Geliebte, Schüler. Ich habe dich gewähren lassen. Doch du hast selbst gespürt, was es mit dir macht. Zu viele Kerzen im Raum – und du brichst auseinander. Irgendwann kommst du nicht mehr zurück. Und das kann ich nicht zulassen.“ Seine Stimme war wie sein Blick: tonlos, unnachgiebig, von kalter Klarheit. Die blauhaarige Frau trat näher ans Ufer. „Wenn du am Ende deines Weges Verbindungen eingehen willst – echte, tiefe Verbindungen – dann ist das deine Entscheidung. Aber solange du auf dem Weg bist, behindern sie dich. Du hättest Bläsk mit unserer vereinten Kraft bezwingen müssen. Doch du hast es nicht geschafft. Weil du dich zurückhältst. Weil du nicht frei bist. Solange die Dämonin an deiner Seite ist, wirst du es nie ganz sein.“ Leyla funkelte sie an. „Sie hat einen Namen. Alexandra.“ Das Kind lächelte sanft. „Du willst doch auch, dass sie überlebt. Dass sie nicht Teil des Preises wird, den dein Weg fordert.“ Leyla nickte. Kurz. Hart. Dann stellte sie die eine Frage, die sie schon lange mit sich herumtrug, ohne sie auszusprechen – die Frage, die sie seit ihrer Rückkehr aus dem Raum der Kerzen nicht mehr losließ. „Warum hat Vinessa keine Kerze?“ Der alte Mann verengte die Augen. „Weil sie deine Begleiterin ist. Und anscheinend will Er , dass sie bei dir bleibt.“ „ Er ?“ wiederholte Leyla langsam. „Meinst du damit… den Raben?“ Doch der Mann antwortete nicht. Sein Blick blieb leer, unbeweglich, wie gemeißelt. Es war die blauhaarige Frau, die schließlich sprach. „Darüber können wir mit dir nicht sprechen. Noch nicht. Aber eines kann ich dir versichern: Die Fee wird niemals eine Kerze erhalten.“ Eine Welle der Erleichterung durchströmte Leyla. Tief, warm, unerwartet. Sie hatte befürchtet, dass sie Vinessa nicht nah genug stand. Dass sie sie nicht genug liebte. Doch das war nicht der Grund. Es war… etwas anderes. Etwas, das größer war als sie. Sie lächelte. Das Kind trat zu ihr, nahm sanft ihre Hand. Das Licht seiner Haut schien fast durch sie hindurch. „Jetzt“ , sagte es leise, „lass uns über den Runenstein sprechen, der in Eratula liegt.“ -------------------------------------------------------------------------- Leyla blickte die drei Verkörperungen der Runensteine erwartungsvoll an. Ihre Augen huschten von der blauhaarigen Frau zur kindlichen Gestalt und schließlich zu dem alten Mann mit dem unbewegten Gesicht. Sie wusste, dass jede Antwort, jede Warnung aus ihren Mündern mehr Gewicht trug als jede Prophezeiung eines Sterblichen. Es war die Frau, die zuerst sprach. „Der Weg wird schwer, aber damit wirst du fertig. Nimm dir die Zeit, die Ruinen zu erkunden. Du wirst viele wunderbare Dinge entdecken – alte Magie, Wissen, das vergessen geglaubt war, und Schatten, die nie Licht gesehen haben.“ Der Mann trat einen Schritt näher, seine Stimme wie aus Granit geschlagen. „Doch die wahre Gefahr liegt nicht in den Gängen oder der Verlassenheit. Sie liegt im Kern der Stadt. Dort hat Bläsk etwas versiegelt. Die Seele eines bestimmten Erzengels. Gabriel.“ Leyla sog die Luft ein. Der Name schnitt durch sie wie ein Messer. Ein Erzengel. In Eratula. Das Kind, in dessen Händen eine weiße Blume erschien, begann, ihre Blütenblätter einzeln herauszuziehen. Es sprach beiläufig, als ginge es um ein Spiel. „Der Runenstein von Licht und Schatten liegt in seiner Domäne. Doch sobald du sie betrittst, wirst du unsere Kräfte verlieren.“ Leyla spürte, wie ihre Brust sich verengte. Sie würde schwächer sein. Nicht ohnmächtig, nicht hilflos – aber verwundbar. Und sie wusste, dass sie ohne die Macht der Steine keine Chance gegen ein Wesen wie Gabriel hatte. Auch wenn seine Seele gefesselt war. Die Frau trat an sie heran, legte einen warmen Arm um ihre Schulter. „Keine Angst“ , sagte sie leise, beinahe mütterlich. „Du wirst nicht kämpfen müssen. Vielmehr wirst du ihm etwas Triviales beweisen müssen.“ „Trivial?“ hakte Leyla nach, das Wort schmeckte ihr nicht. Der Mann schnaubte abfällig. „Du drückst dich wie immer unklar aus“ , sagte er zur Frau, dann wandte er sich an Leyla. „Gabriel ist der Erzengel der Perfektion. Und auch wenn er selbst am weitesten von diesem Ideal entfernt ist, so wird er dich prüfen. Ob du es bist. Ob du ihn überzeugst.“ Leyla runzelte die Stirn. „Ist Perfektion als Maßstab für ein Wesen nicht ein Widerspruch in sich? Jeder hat Schwächen – in Charakter, Körper, Geist. Selbst Erzengel.“ Das Kind ließ sich wortlos auf Leylas Schoß nieder, schmiegte sich an sie. Seine kleine Stimme war ruhig, fast verträumt. „Das stimmt. Aber es geht nicht um wahre Perfektion. Nur darum, ihm zu genügen. Seine Regeln zu erfüllen.“ Leyla verstand nicht ganz, aber sie streichelte über den Rücken der kindlichen Gestalt, beruhigte sich an seiner Wärme. „Ich verstehe“, flüsterte sie leise. „Nein, das tust du nicht“ , fuhr der Runenstein der Erde schneidend dazwischen. „Aber du wirst es. Wenn du ihm gegenüberstehst.“ Die Worte brannten sich in ihr fest. Ihr Blick blieb einen Moment lang an seinem Gesicht hängen, suchte nach einem Hauch von Nachsicht. Doch da war keiner. Nur kalte, unbestechliche Erwartung. Dann begann der Raum um sie herum zu flimmern. Die Formen verloren ihre Schärfe, der Garten zerfaserte vor ihren Augen. „Wann sehe ich euch wieder?“ fragte sie. Die Frage kam aus dem Bauch, war ihr entglitten, bevor sie sie richtig durchdacht hatte. Sie hatte nicht erwartet, dass sie die Verkörperungen jemals in dieser Form erneut treffen würde. Das Kind sprang auf, lächelte sie an, seine Augen funkelten. „Wann immer du unseren Rat in deiner Domäne aufsuchst! Du musst nur wollen.“ Noch während es sprach, wurde Leyla von einer Welle aus Licht erfasst. Sie blinzelte – und saß wieder auf dem Ast über dem Dschungel, dort wo Vinessa und sie gerade gesprochen hatten. Der Wald unter ihr summte, die Sonne stand höher. Die Fee in ihrer Hand streckte sich und gähnte. Leyla schmunzelte, streichelte ihr sanft über das Haar. Da erklang eine Stimme hinter ihr – fest, vertraut. „Ah, hier seid ihr beide. Wollen wir uns auf den Rückweg machen?“ -------------------------------------------------------------------------- Alexandra stand unten am Waldboden, inmitten der knorrigen Wurzeln und dem schimmernden Laub, das das Licht des späten Morgens in tanzende Muster auf ihren Umhang warf. Neben ihr stand Zensa, der sich mit ruhigem Blick umsah, als suche er die nächste Herausforderung. „Ja, wir kommen gleich herunter!“ rief Leyla zu ihnen hinab. Dann wandte sie sich noch einmal an Vinessa, die auf ihrer Schulter Platz genommen hatte und deren Flügel wie Blätter in der Luft vibrierten. „Kein Wort an die beiden, klar?“ Vinessa kicherte, die kleinen Zähne blitzten frech auf. „Nein, natürlich nicht! Das ist unser ganz eigenes Geheimnis.“ Ihre Stimme klang fast ehrfürchtig dabei. Leyla musste schmunzeln. Dann holte sie tief Luft und sprang vom Ast. Ihre Beine federten den Aufprall mühelos ab, die Erde unter ihr war weich und lebendig vom Dschungelregen der Nacht. Alexandra blickte sie an, sagte nichts – doch ihr Blick sprach Bände. Er war ruhig, warm, ein wenig besorgt, aber auch gefüllt mit etwas, das Leyla nicht ganz einordnen konnte. Ohne ein Wort griff Alexandra nach Leylas Hand, schloss ihre schlanken Finger fest um ihre. Die Geste war einfach, aber sie bedeutete alles. Leyla erwiderte den Griff, führte Alexandras Hand an ihre Lippen und küsste sie sanft. Ein stilles Versprechen, das niemand hören, aber jeder fühlen konnte. „Zurück in die Kaiserstadt?“ fragte Leyla schließlich, ihre Stimme sanft, fast zärtlich. Alexandra nickte nur. Kein Zögern. Keine Angst. Nur Einverständnis. Zensa hatte sich inzwischen ein wenig entfernt und begann, seine Magie zu formen. Die Luft um ihn flirrte leicht, winzige Partikel wirbelten, als würde er still mit den Elementen sprechen. Seine Konzentration war bewundernswert – und notwendig. Vinessa flog neben Leyla her, summte eine kleine Melodie, die sie selbst erfunden zu haben schien. Ihr goldglänzendes Haar flatterte im Wind, und in ihren Augen funkelte die Unbeschwertheit einer Welt, die sie noch nicht gebrochen hatte. Leyla atmete tief ein, nahm alles in sich auf – den Duft des Dschungels, die Stimmen ihrer Gefährten, die Wärme der Hand in ihrer. Für einen Moment schien alles stillzustehen. Und sie genoss ihn. Diesen Moment. Diesen kostbaren, flüchtigen Augenblick im Kreis derer, die sie liebte.
- Kapitel 207 - Der letzte Sectodod
Als Leyla, Vinessa und Alexandra durch das letzte Dickicht des Dschungels traten und zum ersten Mal einen Blick auf die Stadt Jidar warfen, verschlug es ihnen augenblicklich die Sprache. Das Licht der Nachmittagssonne brach sich in den feuchten Blättern, während sich vor ihnen eine Stadt offenbarte, die wie aus einem Traum wirkte – oder einem verlorenen Märchen. Die Gebäude schienen Teil der gewaltigen Bäume zu sein. Manche standen am Boden, eingebettet zwischen Wurzeln und Farnen, andere hingen von den Unterseiten der Äste, gehalten von kunstvollen Seilnetzen und natürlichen Ranken, und wieder andere wuchsen regelrecht aus den Stämmen empor – hohe Türme aus Holz, Harz und Pflanzen, die mit der lebenden Substanz der Bäume verwachsen waren. Es war, als hätte die Natur selbst diese Stadt geboren. Leyla starrte mit offenem Mund. Das Einzige, was ihr auch nur entfernt vergleichbar erschien, war das Dorf der Feen. Aber selbst das wirkte wie ein winziger Schatten gegen diese lebendige Architektur. Sie schielte zu Vinessa, die mit glänzenden Augen wie erstarrt war. Ihre Flügel zitterten leicht, und sie wirkte, als hätte man sie in einen ihrer Träume versetzt. Leyla musste schlucken. Auch sie hatte sich Jidar beeindruckend vorgestellt, aber das hier übertraf alles. Dann fiel ihr etwas auf. Es war still. Zu still. Kein Lachen. Kein Gesang. Kein geschäftiges Treiben. Keine Rufe zwischen den Baumhäusern. Nur das ferne Summen des Dschungels, das sie mittlerweile so sehr verinnerlicht hatte, dass es für sie eher wie Hintergrundrauschen wirkte. Doch der Klang der Stadt – der fehlte. „Wieso ist hier niemand?“ flüsterte sie Alexandra zu, die neben ihr einen Schritt nach vorne trat und angespannter wirkte als zuvor. Alexandra verengte die Augen, durchsuchte das dichte Blätterdach über ihnen. „Vielleicht … Ruhezeit? Eine Art Mittagsrast?“ Ihre Stimme klang nicht überzeugt. Eher wie jemand, die sich selbst zu beruhigen versucht. Dann, plötzlich, raschelte es über ihnen. Ein Geräusch wie ein aufgewirbelter Windstoß durch die Zweige. „Leyla!?“ Sie blickte auf, riss den Kopf hoch – und da kam jemand aus einem der Häuser herabgesprungen. Ein Junge mit blassgrünen Haaren, ein bekanntes Gesicht. Er landete schwer in ihren Armen, schluchzend, zitternd. „Zensa!“ rief Leyla, und ihr Herz machte einen Sprung. Sie fing ihn auf, hielt ihn fest, spürte seine Wärme. „D-du lebst …“ flüsterte Zensa, seine Stimme kaum mehr als ein Hauch, während Tränen seine Wangen hinabrannen. „Ja“, sagte Leyla sanft und zwang sich zu einem Lächeln. „Vinessa hat mich gerettet, und dann … konnte ich mich mit meiner Magie wieder zusammenflicken.“ Es war die Geschichte, auf die sie sich geeinigt hatten. Zensa klammerte sich an sie, als fürchtete er, sie könnte gleich wieder verschwinden. Dann meldete sich Vinessa zu Wort – ihr Ton war spitz, enttäuscht. „Aber … wo sind die Sectododen? Ich dachte, Jidar wäre ihre Heimat?“ Zensa löste sich leicht von Leyla, wischte sich hastig die Tränen aus dem Gesicht, als wolle er wieder Haltung zeigen. Doch seine Antwort war leise. Schwer. „Die Sectododen von Jidar … wurden ausgelöscht.“ Leyla spürte, wie ihr die Luft wegblieb. Einen Moment lang glaubte sie, sich verhört zu haben. Dann aber erkannte sie den Ernst in Zensas Blick, die angespannte Miene, die Angst, die sich in seinen Zügen eingebrannt hatte. Ihre Gedanken überschlugen sich. Wer … oder was … konnte Jidar vernichtet haben? Dann traf sie die Erkenntnis wie ein Schlag. Der Drachar. Er war ihnen zuvorgekommen. -------------------------------------------------------------------------- [???] ,,Nun, mich gibt es noch.’’ Die Stimme war leise, freundlich – fast beiläufig. Doch sie ließ Leyla augenblicklich herumfahren, ihre Finger zuckten, bereit, jeden Angreifer mit tödlicher Präzision zu empfangen. Vor ihr stand ein Mann. Kein Mensch. Ein Sectodod. Er war von eher zierlicher Gestalt, doch seine Haltung war aufrecht, ruhig. Seine Haut schimmerte in blassem Grün, seine großen, rundlichen Augen wirkten insektoid, blickten aber mit einer Sanftheit, die Leyla nicht erwartet hatte. Zwei kurze, leicht zuckende Fühler ragten aus seiner Stirn, sein Körper war in eine saubere weiße Robe gehüllt, deren Säume mit dünnen, goldenen Fäden bestickt waren. Er hielt seine Hände gefaltet, wie ein Mönch, der zur Audienz erschien. Und dann – verbeugte er sich. „Es ist mir eine Ehre, Euch kennenzulernen, Edle Miss Leyla, Edle Miss Alexandra. Mein Name ist Morty. Ich diene Jidar als Wipfelheiler. Oder … diente.“ Seine Stimme verlor am Ende etwas an Festigkeit. „Ich bin der letzte Überlebende.“ Vinessa, immer unberechenbar, surrte mit einem spitzen Laut auf ihn zu, landete auf seiner Stirn und tippte gegen einen seiner Fühler. Morty zuckte nicht einmal. Er lächelte, als wäre das nichts Ungewöhnliches. „Morty, also …“ sagte Leyla schließlich, ihre Stimme war ruhig, aber mit einem Hauch Misstrauen. „Kannst du uns sagen, von wem ihr angegriffen wurdet?“ Morty nickte langsam. „Natürlich. Ich werde Euch berichten, was ich weiß – doch nicht hier.“ Sein Blick glitt kurz über die Häuserwände, über die leeren Wege zwischen den Wurzeln und Ästen, als fürchte er, dass selbst die Stille Zeuge sein würde. „Folgt mir bitte. Mein Heim ist … bescheiden, aber sicher. Und ich habe noch etwas Tee übrig. Frischer Nebelblütentee, mit einem Hauch von Mokra-Wurzel. Ein Heilergebräu. Es beruhigt die Nerven. Und ich habe das Gefühl, Ihr könntet das gebrauchen.“ Alexandra nickte wortlos. Vinessa setzte sich wieder in Bewegung, wirbelte um Morty herum, während Leyla innerlich aufhorchte. Sie hatte viele eigenartige Wesen getroffen, aber dieser Mann wirkte nicht nur höflich, sondern… klug. Doch sie sagte nichts weiter. Sie folgte ihm. -------------------------------------------------------------------------- Die Sectododen – sind ein uraltes Volk, geboren aus den Tiefen des Denja-Dschungels. Sie leben zurückgezogen, abgeschieden von der Welt jenseits des Blättermeers, fernab von Kriegen, Herrschaftsansprüchen und dem endlosen Drang anderer Völker, sich gegenseitig zu vernichten. Ihr Dasein war stets geprägt von Einklang – mit der Natur, mit sich selbst, mit dem leisen Fluss der Zeit. Sie waren nie zahlreich, doch dafür umso weiser. Ihre Städte – Jidar im Zentrum, flankiert von kleineren, kaum bekannten Siedlungen – wachsen mit den Bäumen, atmen mit dem Dschungel und folgen einer festen, doch unaufdringlichen Ordnung. An der Spitze jeder Stadt steht eine Königin, eine Hüterin der Tradition, mehr Symbol als Herrscherin. Die wahre Macht – soweit man bei den Sectododen überhaupt von Macht sprechen kann – liegt beim Wipfelheiler. Er oder sie ist der begabteste Heiler der Stadt, sowohl in der Magie als auch in der Kunst der Hände. Was andere Völker mit Waffen verteidigen, sichern die Sectododen durch ihr Wissen um Leben und Genesung. Gelehrte aus aller Welt träumen davon, einen von ihnen zu treffen. Nur wenigen gelingt es. Denn wer Jidar erreichen will, muss mehr mitbringen als Neugier – Demut, Geduld, und manchmal muss man sogar ein Stück seines alten Selbst im Dschungel lassen, um ihren Kreis betreten zu dürfen. Doch dieser innere Frieden, diese bewusste Wehrlosigkeit wurde ihnen in Jidar zum Verhängnis. Als der Tod kam, kam er leise. Und niemand war da, um ihn aufzuhalten. -------------------------------------------------------------------------- Das Haus, in das Morty sie geführt hatte, war schlicht, aber sorgfältig eingerichtet – fast schon meditativ in seiner Ordnung. Möbel aus dunklem, glänzendem Holz standen entlang der Wände, geschnitzt mit feinen, natürlichen Mustern. In der Mitte des Raumes breitete sich ein schwarzer Teppich aus, gewebt aus einem Stoff, den Leyla nicht kannte. Er war weich unter ihren Füßen, hatte aber eine seltsame Kühle, die sich durch ihre Stiefel schlich, als würde er die Temperatur des Raumes still für sich behalten. Auf dem Tisch dampften filigrane Tassen, aus hellem, milchigem Porzellan. Der Duft des Tees war blumig, aber herb – fremd, aber beruhigend. Sie hatten sich alle niedergelassen. Alexandra sprach zuerst. „Erzählst du uns, was passiert ist?“ fragte sie mit gedämpfter Stimme. Morty nickte. „Vor drei Wochen“, begann er ruhig, „war der Tag, an dem mein Volk verschwand. Nicht nur Jidar wurde getroffen – alle Städte der Sectododen.“ Leyla sah ihn scharf an. Ihre Stimme war härter als beabsichtigt: „Aber du lebst noch.“ Morty sah sie einen Moment lang an, dann neigte er den Kopf. „Ja. Und ich erkläre euch auch gerne, warum. Dafür muss ich allerdings ein Stück zurückgehen – in meine Vergangenheit.“ Er nahm einen Schluck Tee, atmete einmal tief durch, und begann dann zu erzählen. „Vor vielen Jahren verließ ich Jidar. Ich war jung, neugierig, töricht vielleicht. Ich wollte die Welt sehen – das Kaiserreich, seine Menschen, seine Wunder. Auf meiner Reise schloss ich mich mit zwei anderen Reisenden zusammen: einem Menschen namens Gregor aus Rubendy – ein gutmütiger Narr mit einem Herzen aus Gold – und einem Drachar. Ein junger, leidenschaftlicher Magier.“ Leyla zuckte kaum merklich. Morty und der Drachar kannten sich? „Wir waren eine gute Gruppe“, fuhr Morty fort. „Wir reisten gemeinsam, bestanden Prüfungen, kämpften gegen Banditen, halfen Dörfern, retteten Leben. Doch eines Tages – während eines Überfalls – starb Gregor. Ich überlebte nur knapp. Der Drachar und ich trennten uns danach. Ich kehrte nach Jidar zurück. Er hingegen zog weiter. In die Kaiserstadt. Und trat dort den Kaiserlichen Kopfgeldjägern bei.“ Kopfgeldjäger? Drachar? Leyla versuchte fieberhaft, die Namen und Fragmente zu ordnen. War es Zuphoor? Oder jemand anderes? ,,Wie heißt der Drachar?’’ ,,Ifrit. Er war begabt, wurde schnell stärker. Sieben Jahre war er Mitglied der Kopfgeldjäger. Doch dann kam Bunj. Er forderte ihn heraus. Und gewann. Doch tötete er Ifrit nicht. Er verschonte ihn. Und das – so sagte Ifrit später – war schlimmer als der Tod. Er fühlte sich entwertet. Gebrochen. Ausgestoßen. Er kam zu mir zurück – voller Zorn, voller Frust, auf der Suche nach einem Weg, mächtiger zu werden. Ich wollte es ihm nicht sagen… aber er war mein Freund. Ich vertraute ihm. Ich erzählte ihm von den Runensteinen.“ Morty schwieg für einen Moment. Sein Blick war leer, aber nicht kalt. Eher schuldig. „Es war mein größter Fehler“, sagte er leise. „Ich dachte, er würde das Wissen mit Bedacht nutzen. Stattdessen… zog er nach Heim, zu Ziaho Tah. Dort erfuhr er vom Runenstein des Lebens und des Todes. Und irgendwann kehrte er hierher zurück – um den Runenstein von Tier und Monster zu fordern. Wir verweigerten es. Natürlich. Da kam der Schrecken.“ Seine Stimme wurde brüchig. „Er tötete die Hälfte unserer Bewohner. Ohne Gnade. Ich… konnte nicht anders. Ich zeigte ihm den Weg. Und er versprach, den Rest zu verschonen. Aber er log. Er hat sie alle getötet. Alle. Bis auf mich.“ Er schwieg. Ein Hauch von Verzweiflung lag in der Luft, schwerer als der Dampf des Tees. Dann, fast tonlos: „Ich kann keine Nachkommen mehr zeugen. Wenn ich sterbe, endet die Geschichte unseres Volkes mit mir.“ Leyla hatte ihm still zugehört. Und doch – ihr Blick wurde kalt. „Du hast ihn also stark gemacht“, sagte sie tonlos. „Hast ihm vom Stein erzählt. Die Macht erklärt.“ Morty hob eine Braue. „Und Ihr, Edle Miss Leyla, wollt mich verurteilen? Die Frau, die Mylrie zerstört hat? Die den Tod von Millionen Meriden verursacht hat?“ Alexandra sprang auf. Ihre Finger zuckten, als wolle sie nach ihrem Schwert greifen. Doch Leyla hielt sie zurück, nur mit einem kurzen Griff an den Arm. Dann wandte sie sich wieder an Morty. „Du hast recht“, sagte sie. „Erzähl weiter.“ Morty nickte dankbar. „Ifrit hat bekommen, was er wollte. Und mich verschont. Vielleicht aus Gnade. Vielleicht aus Verachtung. Ich weiß es nicht.“ Leyla dachte nach. Ifrit. Sie hatte seinen Namen in alten Berichten gelesen, in Akten, in Geschichten. Er war lange vor ihr in der Kaiserstadt gewesen. Lange tot. Oder besser gesagt – verstoßen. Yang kannte ihn also. Sie hatte Leyla benutzt. Für ihre Ziele. Wozu wollte sie Ifrit lebend? Der Gedanke schnürte ihr die Kehle zu. Yang war gefährlich. Bläsk war mächtig gewesen, aber Yang… Yang war noch einmal etwas anderes. Ein Spiel, das Leyla im Moment nicht spielen konnte. Alexandra trat einen Schritt nach vorne. Ihr Ton war ruhig, aber fordernd. „Wir haben genug geredet. Sag uns, wo er jetzt ist.“ -------------------------------------------------------------------------- „Das“, begann Morty mit bedächtiger Stimme, „das weiß ich nicht. Er ist mit Kagendra weitergereist – seiner Drachin, seiner treuesten Begleiterin. Nach dem Massaker hat er nicht zurückgeblickt. Er hat sich nicht verabschiedet. Kein Wort. Nur dieser Blick… leer, als hätte er alles verloren – oder alles gewonnen. Ich weiß nicht, wohin es ihn verschlagen hat. Ich bezweifle, dass er selbst es weiß.“ Leyla spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Eine Mischung aus Enttäuschung und Unruhe, die sie nicht mehr losließ. Sie waren nicht umsonst nach Jidar gekommen – aber der Preis war hoch. Zu hoch. Eroica war tot. Ihre Leibdienerin, ihre Freundin. Und was hatten sie bekommen? Fragmente. Namen. Erinnerungen. Sie schloss kurz die Augen und atmete durch. „Wie viel weißt du über die Runensteine?“ fragte sie dann. Ihre Stimme war wieder ruhig, aber nicht mehr weich. Es war die Stimme der Kopfgeldjägerin. Morty nahm sich Zeit, ehe er antwortete. „Ich weiß, dass es dreizehn gibt. Dreizehn Runensteine. Und ich weiß, dass Ihr und Ifrit sie sammelt.“ Dreizehn. Leyla runzelte die Stirn. Alles, was sie bislang wusste, sprach von zwölf. Doch dreizehn? „Woher weißt du von der Dreizehn?“ fragte sie scharf. „Ifrit sprach davon. Er sagte, es gäbe einen letzten, verborgenen. Der Erste und der Letzte. Der, den niemand besitzen darf.“ Leyla schluckte. Sie spürte, wie ein Faden gezogen wurde. Einer, der tief in die Vergangenheit reichte. „Weißt du, wo sich weitere Steine befinden?“ fragte sie weiter. Morty schwieg kurz, dann nickte er. „Von einem weiteren weiß ich. Der Runenstein von Licht und Schatten. Er liegt tief in den Abgründen der Dämonenstadt Eratula.“ Eratula. Der Name hallte in Leylas Kopf nach. Eine Ruinenstadt, tief in den dunklen Hügeln der Larifen. Vergessen, verdrängt. Sie hatte einmal davon gelesen – alte Expeditionen, verschwundene Gelehrte, Gerüchte über Portale und Dämonen. Wenn dort wirklich ein Runenstein lag, dann war der Weg dorthin kein leichter. „Was weißt du sonst noch?“ fragte sie. „Wenig“, antwortete Morty ehrlich. „Nur, dass es neben euch noch einen Dritten gibt, der sie sammelt. Ein Adliger aus dem Kaiserreich. Wer genau – das weiß ich nicht. Ifrit hat seinen Namen nie genannt. Nur, dass der Mann bereits einen Stein besitzt.“ Leyla ballte die Hände. Es wurde enger. Die Steine waren nicht länger nur etwas, das sie sammelte und suchte. Sie waren umkämpft. Und anscheinend gab es deutlich mehr die von ihnen wussten, als sie angenommen hatte. Sie blickte zu Alexandra. Ihr Blick war stumm, aber klar. Auch Vinessa hatte verstanden. Zensa war draußen geblieben – im Nachhinein war das eine weise Entscheidung gewesen. Leyla atmete einmal tief durch. Dann stand sie auf. „Du verstehst“, sagte sie ruhig, „dass ich dich nicht leben lassen kann, oder?“ Morty nickte. Kein Zorn. Keine Panik. Nur Müdigkeit. Alte, tiefe Müdigkeit. „Ich habe abgeschlossen. Seit jenem Tag, an dem Ifrit hier war, wusste ich, dass es endet. Ich bitte Euch, Edle Miss Leyla, tut es schnell. Schmerzlos.“ Leyla sah ihm in die Augen. Da war kein Hass. Nur ein Echo von dem, was einst gewesen war. „Danke für deine Ehrlichkeit, Morty“, sagte sie. Dann hob sie die Hand. Magie flackerte auf – ein Pfeil aus verdichtetem Eisen formte sich, begann leise zu rotieren. Er surrte, schwebte in der Luft, suchte sein Ziel. Einen Wimpernschlag später zuckte Leylas Hand. Der Pfeil bohrte sich durch Mortys Kopf. Er sackte zusammen, grünes Blut floss auf den schwarzen Teppich. Es war nun still. Keine Bewegung. Keine Qual. Der letzte Sectodod war tot.











