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  • Kapitel 192 - Ein letzter Preis

    „Lass dich fallen!“ schrie Cyntha gegen den Sturm aus Wind und Asche. Zorda reagierte sofort. Ohne zu zögern, ohne ein Bruchteil einer Sekunde zu verlieren, klappte der Drache seine gewaltigen Schwingen ein – und stürzte. Sein massiger Körper fiel wie ein Stein, mehrere Dutzend Meter in die Tiefe, durchbrach eine Wolkendecke aus Rauch und Glut. In dem Moment, in dem seine Schuppenlinie die Sicht verließ, schnappte das Maul des anderen Drachen dort zu, wo sie gerade noch geflogen waren. Nur ein bisschen später – und sie wären zerrissen worden. Cyntha rang nach Atem. Der Widerstand der Luft auf ihrer Haut brannte, doch sie hielt sich fest im Sattel. Sie warf einen Blick über die Schulter, spähte zurück. Ihre Gedanken rasten. „Ich muss irgendwie über ihn kommen“ , schoss es ihr durch den Kopf. Und dann, während sie das tödliche Schauspiel betrachtete, wurde ihr klar, was sie ohnehin längst hätte wissen müssen. Sie erkannte den Drachen, auf dem Varon ritt. Der Urdrache Jade. Ein uraltes Wesen von erschütternder Macht. Schwarze Schuppen, glatt wie Onyx, widerstanden allem: Pfeilen, Schwertern, selbst hochrangiger Magie. Kein Zauber drang durch. Kein Feuer entzündete ihn. Nicht einmal das anderer Drachen. Dieser Jade war nicht nur das Reittier Varons – er war ein Bollwerk. Und das bedeutete: Fernkampf war sinnlos. Nur im Nahkampf ließ sich ein Wesen wie Jade verwunden. Wenn überhaupt. Cyntha wusste das – und sie wusste ebenso gut, dass Zorda, so mächtig er auch war, in einem Nahkampf gegen einen Urdrachen keine Überlebenschance hatte. Ein Grollen ließ die Luft vibrieren. Jades Maul öffnete sich weit, weiter als es natürlich wirkte. In seinem Rachen sammelte sich Licht – flackernd, zuckend, ein gleißender Kern aus reiner Hitze. Eine Feuerkugel formte sich aus purer Zerstörungswut. Cyntha sog scharf die Luft ein. Sie hatte keine Zeit. Keine Wahl. „Verzeih mir, Zorda!“ rief sie, laut, voller Schmerz. Nicht, weil sie glaubte, dass er es ihr übel nehmen würde – das wusste sie besser. Sondern weil sie es sich selbst nie ganz verzeihen konnte. Sie schloss die Augen. Die Welt um sie herum wurde still. Die tosenden Winde, das Donnern der Drachen, selbst das tiefe Grollen von Jades Zauber verstummte in ihrem Geist. Nur ein einziger Gedanke blieb. Und ein Schwur, den sie einst geleistet hatte – ein Schwur, den sie brechen musste. „Drache, gebunden durch meinen Willen“, sprach sie in Gedanken, ihre Lippen bewegten sich kaum, doch die Worte hallten wie ein Urteil, uralt und unausweichlich, „werde eins mit mir!“ - ------------------------------------------------------------------------- Cyntha drang mit ihrem Geist in den von Zorda ein – ein Eindringen, das weder sanft noch natürlich war. Es war ein Akt der Dominanz, ein Aufzwingen ihres Willens, gegen jede Grenze, die zwischen Mensch und Drache existierte. Zorda wehrte sich nicht. Doch das machte es nicht weniger grausam. Es war eine verbotene Technik. Eine Technik, die ihr Zorda selbst beigebracht hatte – aus Vertrauen. Aus Liebe vielleicht. Der Drachenbund. Bei diesem uralten Ritual übernahm ein Sterblicher die volle Kontrolle über einen gebundenen Drachen. Körper, Sinne, Kraft – alles wurde verschmolzen. Für den Drachen bedeutete es, seine Selbstständigkeit zu verlieren. Für den Reiter bedeutete es, über sich hinauszuwachsen. Doch der Preis war hoch. Der Drachenbund vervielfachte die Macht des Drachen – aber er fraß seine Lebenszeit wie Feuer trockenes Holz. Zorda hatte nach dem ersten Bund zwei volle Jahre nicht fliegen können. Damals hatte sie die Technik über sechs Stunden aufrechterhalten. Ein ewiger Moment aus heutiger Sicht. Heute würde sie es kurz halten. Wenige Minuten. Vielleicht nur Sekunden. Vielleicht… würde er es verkraften. ,,Mach dir keinen Vorwurf, Cyntha.’’ Zordas Stimme war warm, vertraut – so klar, als würde er neben ihr sprechen. Dann verstummte sie. Ein letzter Gedanke, ein letzter Trost, bevor seine Präsenz in ihrem Geist verblasste. Cyntha öffnete die Augen. Und sie war nicht mehr nur Cyntha. Sie war mehr. Sie war Schuppen und Klauen, Flügel und Feuer, Verstand und Instinkt zugleich. Die Kraft, die durch ihre Adern pulsierte, war überwältigend. Ihr Blick schärfte sich, ihre Bewegungen wurden präzise. Ihre mächtigen Pranken schnitten durch die Luft, die Schwingen trugen sie mit einer Leichtigkeit, die sie kaum fassen konnte. Ohne Zögern nahm sie Fahrt auf. Im Zickzack stieg sie höher und höher, riss durch die Luft wie ein Pfeil auf der Suche nach dem Herz des Feindes. Die Hitze von Jades Feuer zerrte an ihr, sengend, lähmend. Aber sie zwang sich, den Schmerz zu ignorieren. Jede Faser ihres Körpers brannte – und doch flog sie weiter. Sie musste. Es gab keinen Rückweg mehr. Erst als das Lodern hinter ihr abflaute, wagte sie es, sich umzudrehen. Der Feuerstrahl war versiegt, die glühende Luft flackerte nur noch in schwachen Zungen. Jetzt schwebte sie in der Luft, gut fünfzig Meter von Jade entfernt. Ihr Blick fokussierte ihn. Der Schwarze Urdrachen hatte den Kopf leicht gesenkt, seine Brust hob und senkte sich schwer. Einen Wimpernschlag lang sah er… erschöpft aus. Cyntha runzelte innerlich die Stirn. Urdrachen sollten keine Erschöpfung zeigen. Kaum ein Wesen dieser Welt – abgesehen von Monstern wie Yang – sollte sie je in die Knie zwingen können. Und doch… Jade wirkte geschwächt. „Egal“ , dachte Cyntha. Jetzt war nicht der Moment für Fragen. Sie öffnete ihr Maul – und das Feuer sammelte sich. Es zischte, vibrierte, formte sich zu einer Säule aus Wut und Hitze. Doch sie stoppte. Kurz vor dem Ausbruch ließ sie die Temperatur sinken, zwang die Flamme in sich selbst zurück, bis sie nicht mehr brannte, sondern rauchte. Dampf stieg auf – dichter, heißer Nebel, der ihr Sichtfeld und das Jades verschlang. Mit kräftigen Flügelschlägen fächerte sie den Dampf gezielt zwischen sich und den Urdrachen, versteckte ihre Position, dann zog sie ruckartig nach oben – höher, schneller, aus dem Sichtfeld. Sie zählte innerlich. Eins. Zwei. Drei. Dann drehte sie sich in der Luft, legte die Schwingen eng an den Körper und ließ sich fallen – ein Sturzflug, so schnell und präzise wie ein gezielter Dolchstoß aus dem Himmel. Und Jade? Er begann sich zu regen. Zu spät. Cyntha war bereits unterwegs. Wie ein Blitz aus Schuppen, Wille und Gewalt – direkt auf ihn zu. - ------------------------------------------------------------------------- Cyntha wurde in Alkyre geboren – der legendären Stadt der Sonnensänger, hoch oben auf dem Rücken des Urtitanen Glike, der unermüdlich durch die Himmelsweiten zog. Ein Ort voller Licht, Musik und makelloser Schönheit. Die Gebäude glänzten wie aus geschliffenem Glas, der Himmel über ihnen war nie wolkenverhangen, und selbst die Schatten wirkten dort golden. Wie die meisten Sonnensänger war auch Cyntha von strahlender Anmut. Ihre Haut war blass, fast durchscheinend, als wäre sie aus Marmor gehauen – von Sonne und Licht gleichermaßen geküsst. Doch in einem Punkt unterschied sie sich von allen anderen. Ihr Haar war nicht das typische, fast schon heilige Wasserstoffblond der Sonnensänger. Es war lila. Nicht nur ein sanftes Violett, sondern ein tiefes, leuchtendes, kaum irdisch wirkendes Lila – wie das Licht der letzten Dämmerung vor dem Beginn der Nacht. Und doch – sie wurde nicht gemieden. Sie wurde nicht verspottet. Nicht verstoßen. Denn so etwas gab es nicht in Alkyre. Die Kultur der Sonnensänger kannte keinen offenen Spott, kein Ausgrenzen, keinen Hass. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Cyntha wurde stattdessen bewundert. Vergöttert. Umjubelt. „Du bist etwas ganz Besonderes, Cyntha.“ „Deine Schönheit überstrahlt alles, was wir je gesehen haben!“ „Du solltest uns anführen. Wir lieben dich.“ Es waren Worte, die andere mit Stolz erfüllt hätten. Doch Cyntha hasste sie. Sie hasste, dass sich die Straßen wie von selbst öffneten, wenn sie hindurchging – nicht aus Respekt, sondern aus Unterwerfung. Als wäre sie unantastbar. Sie hasste, dass jede Begegnung in schmeichelnden Worten erstickte – keine ehrliche Meinung, kein Widerspruch, nur Huldigung. Sie hasste, dass ihre Fehler unbeachtet blieben – nie wurde sie getadelt, nie zur Rechenschaft gezogen. Es war, als würde sie gar keine Schwächen haben. Als wäre sie zu hoch, um zu fallen. Und genau darin lag das Gift. Es war keine Freiheit. Es war ein trügerisches Paradies. Kein Mensch – oder Sonnensänger – konnte wachsen, wenn er nie mit Widerstand konfrontiert wurde. Wenn niemand ihm sagte: „Du liegst falsch.“ Cyntha erkannte es früh. Und sie entschloss sich, dem zu entkommen. Sie würde Glike verlassen – den schwebenden Urtitan, dessen mächtiger Rücken Alkyre über den Kontinenten trug, fern von Leid, fern von Wirklichkeit. Sie würde hinabsteigen – in die Welt unter dem Licht. Dorthin, wo sie keine Göttin war. Sondern nur eine Sonnensängerin. - ------------------------------------------------------------------------- Es dauerte nur wenige Sekunden – dann kam der Aufprall. Mit einem ohrenbetäubenden Krachen trafen die beiden Drachen in der Luft aufeinander. Schuppen splitterten, Wind barst auseinander, und inmitten des Chaos vergrub Cyntha ihre Zähne in Jades Nacken – dort, wo die Schuppen am dünnsten waren. Es war ein Akt roher Gewalt, instinktiv, unaufhaltsam. In diesem Moment löste sie den Drachenbund. Der Riss in ihrem Geist war scharf und kalt – ein schmerzhafter Schnitt durch das Band, das sie und Zorda verbunden hatte. Dann war sie wieder sie selbst. Ihr Körper schien plötzlich fremd, schwer und klein im Vergleich zur Macht, die sie eben gespürt hatte. Doch sie hielt sich fest. Zorda war noch unter ihr – taumelnd, keuchend, aber fliegend. Er lebte. Und er trug sie. Sie sah zu ihm. Sein linker Flügel zuckte schwach, und sein rechter hatte Risse in der Membran. Er war erschöpft, an der Grenze des Zusammenbruchs. Aber er kämpfte noch. „Du bist unglaublich!“ murmelte sie. Dann zog sie ihr Schwert. Mit einem kräftigen Satz sprang sie von Zorda ab, landete auf dem gewaltigen Rücken Jades. Die Schuppen unter ihren Füßen waren glitschig, von Blut und Mana getränkt, doch sie hielt das Gleichgewicht. Dort war er. Varon. Er hatte sich zwischen zwei Schuppenplatten verkeilt, seine Hände tief hineingegraben wie Klauen. Seine Haltung war angespannt, sein Blick leer. Und jetzt, da sie ihm so nahe war, sah sie es deutlich: Er war verändert. Seine Haut war von violetten Linien durchzogen – dünne, pulsierende Stränge, als würde etwas in ihm fließen, das nicht hineingehörte. Zu Beginn des Kampfes hatte er gesund gewirkt, mächtig, beinahe unantastbar. Doch jetzt wirkte er… verwüstet. Lag es an dem Zauber, den er entfesselt hatte? Oder war es der Drachenbund, den sie genutzt hatte? Hatte ihre Magie ihn verletzt? Oder hatte sie etwas geweckt? „Was ist denn mit dir passiert!?“ rief sie ihm zu, mit einem schiefen Grinsen, das mehr Trotz als Spott war. Varon hob mühsam den Kopf. Seine Augen lagen tief in den Höhlen, sein Atem ging stoßweise. Er wirkte, als würde allein das Atmen ihn Kraft kosten. Langsam hob er die Hand – zitternd. Vor ihm entstand ein Umriss, blass und flackernd – ein Soldat, wie aus Nebel und Asche geformt. Ein Toter. Aber nicht vollständig. Irgendetwas fehlte. Sein Gesicht war undeutlich, sein Körper wirkte zerbrochen. Als hätte Varon nicht genug Kraft, ihn ganz zu formen. Ein Schatten. Kein Krieger. „Wenn du nicht reden willst!“ rief Cyntha, während sie die Klinge hob. „Dann werde ich dich eben hier und jetzt umbringen!“ Und mit einem Schrei, der all ihren Zorn, all ihre Erschöpfung und all ihren Mut vereinte, stürzte sie nach vorne – über den Rücken des Urdrachen hinweg, direkt auf Varon zu. - ------------------------------------------------------------------------- Das Schwert – geschärft mit der Magie der Kopfgeldjägerin, getränkt mit Willen, Wut und uralter Kraft – drang tief in Varons Brust ein. Genau dort, wo einst sein Herz geschlagen hatte, ehe es dem Opfer für seine dunkle Macht zum Opfer gefallen war. Aber er starb nicht sofort. Sein Körper zuckte, sein Mund verzog sich zu einem tonlosen Aufschrei. Doch nicht das Schwert raubte ihm die Kraft. Nicht die Wunde, die ihm das Fleisch spaltete und das Blut herausquellen ließ. Es war der Fluch. „Scheiße… Scheiße… Scheiße…“ hallte es in seinem Kopf wider, grell und schrill wie ein splitternder Gong. Er hatte einen Fehler gemacht. Einen gewaltigen.  Er hatte Barathila unterschätzt – die Fluchhexe, die er in Randurin getroffen hatte. Er hatte geglaubt, er könne sie benutzen, wie er so viele andere benutzt hatte. Dass er ihr etwas nehmen könnte, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Er war ein Narr gewesen. Wieder hörte er die Worte, die sie ihm einst ins Gesicht geschleudert hatte – an jenem kalten, faulig riechenden Tag vor fast zwei Monaten, in der zerfallenen Hütte der Hexe: ,,Uralte Fluchkraft, nimm meinen Geist als Opfer. Ich verfluche den Mann, der mir mein Leben entrissen hat. Sein Name ist Varon — und er wird einen grausamen Tod sterben.’’ Damals hatte er nach einem kurzen Moment des Schocks gelacht. Jetzt war ihm nicht mehr danach. „Du lebst ja immer noch!“ rief die Kopfgeldjägerin, beinahe erstaunt, beinahe spöttisch. Wie gerne hätte er sie zu seinen Sammlungen gezählt – sie und ihren Drachen, konserviert, gebunden, Teil seines Vermächtnisses. Doch er spürte, wie sie ihn verließen. Die Kontrolle. Die Macht. Die Stränge, mit denen er die Toten geführt hatte, rissen. Einer nach dem anderen. Und dann plötzlich – alles auf einmal. Ein scharfes Zucken durch seinen Geist, als würde ihm jemand das Rückgrat entreißen. Die Verbindung brach. Jade, der uralte Drache, zerfiel unter ihren Füßen zu Staub. Einfach so. Keine Explosion. Kein Zucken. Nur Asche im Wind. Gemeinsam mit der Kopfgeldjägerin fiel er. „Ahh... ich hätte so gerne noch mehr an der Nekromantie geforscht...“ murmelte er. Die Worte entglitten ihm, kamen über seine Lippen wie letzter Atem. Dann schlug er auf. Der Aufprall war brutal. Seine Knochen zersplitterten. Seine Haut riss in langen, blutenden Bahnen. Etwas knackte tief in ihm – vielleicht seine Wirbelsäule. Vielleicht sein Stolz. Er hätte sterben müssen. Doch er wollte nicht. Er sammelte alles, was ihm an Mana geblieben war, hielt sich mit verzweifelter Magie am Leben – ein Fetzen von Existenz, zusammengehalten durch bloßen Willen. Sein verbliebenes Auge flackerte offen. Es sah, wie der Drache Zorda langsam zur Erde glitt, die Kopfgeldjägerin auf seinem Rücken – lebend, bewusst. Sie hatte überlebt. Natürlich. Plötzlich spürte er eine Bewegung. Hände packten ihn. Sein Blick drehte sich. Er lag nun auf dem Rücken.  Jakira. „Ja…ki…ra…“ flüsterte er, jede Silbe ein Raub an Kraft, ein Schnitt durch seine Seele. Neben ihr stand Jester. Beide starrten auf ihn herab – seine Kreationen. Seine Schöpfungen. Perfekt. Mächtig. Treu. Und doch... sie halfen ihm nicht. „Dass du uns so lange kontrolliert und manipuliert hast...“ sagte Jakira mit zitternder Stimme. Jester schwieg. Sein Blick war kalt. Mitleidlos. Warum? Varon verstand es nicht. Hatte er sie nicht mit Sorgfalt behandelt? Mit Respekt? Mit... Liebe? Jakira zog einen Dolch aus ihrem Gürtel. Die Klinge war schlicht, aber scharf – wie ihr Blick. „Das ist für das, was du Liam und mir angetan hast.“ Dann stach sie zu.

  • Kapitel 191 - Allein mit dem Tod

    Franca rannte durch den kniehohen Schnee, ihre Stiefel wirbelten weiße Gischt auf, während sie sich entschlossen nach Süden kämpfte. Dorthin, wo die Kaiserliche Armee lag. Dorthin, wo Francesco di Lorenzos Banner wehten – dem Mann, den sie in Gedanken nur als Feind ihrer Familie verfluchte. Jeder Schritt brannte in den Oberschenkeln, doch sie hielt nicht inne. Nicht jetzt. „Ich hab ein ganz schlechtes Gefühl“, zischte sie. Der Wind hatte es ihr verraten – hatte diesen eigenartigen Nebel getragen, schwer und flimmernd vor Mana, der sich wie eine Warnung über das Land legte und sich nun unaufhaltsam in Richtung der kaiserlichen Truppen schob. Etwas stimmte hier nicht. Etwas war grundlegend falsch. Sie war noch nie jemand gewesen, die lange zögerte. Ihre Beine waren flink, ihre Muskeln gestählt durch Jahre des Trainings. Als Kriegerin war sie geachtet, als Läuferin gefürchtet – und heute trug sie beides in sich wie eine brennende Pflicht. Mit kräftigen Sprüngen erklomm sie einen vereisten Hügel, zog sich an knorrigen Wurzeln und rauem Gestein hoch, das unter ihren Handschuhen splitterte. Oben angekommen, keuchte sie, ließ den Blick über das Tal gleiten – und ihr Herz setzte einen Schlag aus. Dort, wo sie die Banner der Kaiserlichen vermutet hatte, tobte ein Albtraum. Eine Armee aus Toten – verwesend, leblos, von dunkler Macht gebunden – stürmte gegen die formierten Reihen der Soldaten. Es war kein Gefecht, es war ein Massaker. Und mittendrin das Zeichen des Reiches, beinahe verschlungen vom Grauen. - ------------------------------------------------------------------------- Ohne zu zögern riss Franca den Runenhammer Gendihr von ihrem Rücken. Die kalte Luft sirrte, als die Waffe ihre Halterung verließ, und noch bevor ihre Stiefel festen Halt gefunden hatten, stürzte sie sich mitten ins Getümmel. Kein Zögern, kein Plan – nur Instinkt. Um sie herum zerplatzten Schatten aus Knochen und Fleisch, die wie ein schwarzer Strom gegen die Reihen der Soldaten brandeten. Doch Gendihr fraß sich durch sie hindurch wie ein lebendiges Urteil. Sie war nicht umsonst eine der zehn Kaiserlichen Kopfgeldjäger geworden. Sie hatte sich diesen Ruf erkämpft, nicht durch List oder Diplomatie, sondern durch Blut und Entschlossenheit. Und sie würde nicht zulassen, dass ausgerechnet ihr erster großer Auftrag ihr letzter wurde. Es gab für sie keinen Zweifel mehr – die Toten waren das Werk von Varon. Der Mananebel, die marschierenden Leiber ohne Seele: Es passte alles zu dem Mann, den sie längst als Feind erkannte. Der Feind von ihr. Von Cyntha. Vom Leben selbst. Ihre erste Vermutung hatte sich bestätigt. Leider. Wie ein wütender Sturm zog Franca über das Schlachtfeld, ein Strudel aus Bewegung und Gewalt. Jeder Hieb ihres Hammers ließ Splitter durch die Luft schwirren, Knochen brachen mit einem dumpfen Knacken, das selbst den Wind übertönte. Es war kein Kampf mehr, es war ein Tanz – ein Rausch aus Zorn, Pflicht und Überlebenswillen. Und trotzdem schienen es immer mehr zu werden. Zehn gegen einen. So lautete das tödliche Verhältnis. Für jeden lebenden Soldaten drängten sich zehn Leiber aus Knochen und Tod in die Schlacht. Eine Rechnung ohne Hoffnung. Was, bei Kamera, hatte sich der Kaiser dabei gedacht? Er konnte nicht ahnungslos gewesen sein. Nicht bei Varon. Nicht bei dem, was dieser entfesseln konnte. Oder hatte er es in Kauf genommen? [???] ,,Edle Miss Aldobrandini, stoßen Sie zu mir!’’ Franca knirschte mit den Zähnen. Sie rannte los, sprang, trat auf den erhobenen Schild eines Skeletts und katapultierte sich mit einem gewaltigen Satz in die Luft. Ihr Blick durchbrach den Nebel des Gefechts – und fand ihn. Francesco di Lorenzo. Der Schwertdämon. General des Kaiserreichs. Ein Relikt früherer Kriege, aber noch immer tödlich. Für sein Alter bewegte er sich mit erschreckender Leichtigkeit durch die Toten, als tanze er mit ihnen. Um ihn hatten sich Trupps versammelt – diszipliniert, organisiert, in Formationen, die Raum schufen, statt ihn zu verlieren. Ringe aus Leben gegen das Einsickern der Fäulnis. Doch wer es nicht rechtzeitig in die Formation geschafft hatte, war verloren. Die Toten duldeten keine Fehler. Franca landete hart auf den knirschenden Schädeln der Untoten, federte ab, sprang erneut – direkt in Richtung Francesco. Doch noch während sie in der Luft war, zuckte etwas in ihrem Blickfeld. Oder vielmehr: jemand. Ein junger Mann. Schwarzes Haar, eine grüne Robe, die sich wie Moos um seinen Körper legte. Franca fror mitten im Sprung. Für einen Herzschlag lang war da kein Krieg, kein Tod, kein Gedanke. Nur diese Erkenntnis, wie ein Faustschlag in die Magengrube. Es war Kronprinz Sebastian. - ------------------------------------------------------------------------- Franca hatte Geschichten über ihn gehört. Flüsternde Berichte am Rand von Karten, zwischen Befehlen und Legenden – der ehemalige vierte Kronprinz. Sebastian. Das Kind des Kaisers, das nie eine Wunde davontrug. Selbst inmitten blutigster Schlachten soll kein Kratzer ihn je gezeichnet haben. Ihr Vater, Giolitti Aldobrandini, hatte es einmal in einem dieser seltenen, ruhigen Gespräche als eine Form von Zeitmagie beschrieben – der Gabe, wie sie nur innerhalb der Linie der Algavia-Dynastie existierte. Tief, alt, verborgen. Entweder, so hatte ihr Vater gesagt, sah er in die Zukunft. Oder aber er war in der Lage, Zeit selbst zu manipulieren – sie immer wieder ablaufen zu lassen, bis sie seinen Wünschen entsprach. Ein Gegner, der nie falsch lag, weil er alle Fehler bereits gemacht hatte. Und sie ungeschehen machte. Damals war er in die Hände der Rebellen geraten, irgendwo in Randurin, in jenen Wirren, als Loyalitäten neu geschrieben wurden. Franca fragte sich: Stand er jetzt auf ihrer Seite? Oder gegen sie? Die Antwort lag vor ihr. Und sie war eindeutig. Seine Haut war unnatürlich blass, der Glanz seiner Augen war von einem kühlen, fast durchsichtigen Grau. Doch anders als die anderen Toten auf dem Schlachtfeld trug er keine Fäulnis, keinen Verfall, kein Anzeichen von Schwäche. Im Gegenteil. Er wirkte – wachsam. Klar. Und schmerzhaft präsent. Er wirkte lebendig. Auf seine eigene, unheimliche Art. Franca landete schwer neben Francesco di Lorenzo, der noch immer mit präzisen Schlägen seine Gegner niederstreckte. Sein Blick glitt zu ihr, ohne dass er aufhören musste zu kämpfen. „General di Lorenzo“, begann sie knapp und zeigte mit einem Ruck des Kinns auf die andere Seite des Schlachtfeldes. „Dort drüben...“ Er unterbrach sie mit einem knappen Nicken. „Ich weiß. Dort steht Seine Hoheit. Ich beobachte ihn schon eine ganze Weile. Er hätte längst tot sein müssen – dutzende Male.“ Natürlich wusste Francesco nichts von der Zeitmagie des Prinzen.  Woher auch? Die Wahrheit darüber war ein gut gehütetes Geheimnis. Wahrscheinlich wussten überhaupt nur eine Handvoll Personen davon. Ihr Vater war einer davon gewesen. Vielleicht Yang. Vielleicht niemand sonst. Franca spürte, wie sich ihr Kiefer verkrampfte. Ihre Finger umklammerten Gendihr fester. „Ich übernehme ihn. Ihr haltet mir den Rücken frei – kümmert euch um den Rest.“ Sie wartete seine Antwort nicht ab. Es war nicht nötig. Entschlossen stapfte sie voran, der Hammer schwer in der Hand, das Gewicht der Verantwortung auf ihren Schultern. Leichen krachten unter ihren Tritten zusammen, als sie sich ihren Weg bahnte – direkt auf Sebastian zu. Doch kurz bevor sie ihn erreichte, geschah etwas Unerwartetes: Die Toten zogen sich zurück. Nicht in Panik. Nicht im Chaos. Mit unheimlicher Disziplin wichen sie zur Seite, wie ein dunkles Meer, das Platz machte. Sie bildeten einen Kreis. Ein Ring aus Stille und Tod – für sie. Für ihn. Für das, was nun kommen sollte. Ein Duell. Franca blieb stehen, die Finger zitterten leicht, doch ihr Blick war klar. In ihrem Kopf loderte nur eine einzige, brennende Frage: Wie besiegt man einen Gegner, der jede Bewegung kennt, noch bevor man sie ausführt? Der jeden Angriff, jede Taktik, jedes Zögern bereits gesehen hat – vielleicht tausend Mal? Wie tötet man jemanden, der niemals verliert? - ------------------------------------------------------------------------- Zwei Mal noch. Nur zwei Male konnte Franca mit Gendihr die Gesetze der Natur, die Regeln der arkanen Welt, durchbrechen – sie umgehen, überschreiben, missachten. Zwei Ausnahmen, zwei Möglichkeiten, das Unmögliche zu tun. Danach war Schluss. Dann war sie wieder an Zeit, Raum und Realität gebunden wie jeder andere. Aber würde das reichen? Würde selbst das gegen ihn genügen – gegen einen Mann, der vielleicht nicht nur jeden Schlag vorhersehen konnte, sondern sich jede Möglichkeit zurechtlegte, als wäre sie ein Werkzeug? Nein. Sie durfte ihn nicht direkt besiegen wollen. Sie musste ihn binden. Zeit gewinnen. „Eure Hoheit“, rief sie ihm zu, bemüht um einen ruhigen, gefassten Ton, während in ihr alles schrie. „Man sagte mir, Ihr wäret gefangen genommen worden. Was also führt Euch ausgerechnet hierher, auf dieses blutige Schlachtfeld?“ Der junge Mann, der einst Sebastian war, erwiderte ihren Blick – kalt, ruhig, leer. „Hoheit?“ fragte er leise, fast belustigt. „Mein Name ist Jester. Ich kämpfe auf Befehl von Meister Varon.“ Jester. Also sprach er. Also dachte er. Also lebte er. Zumindest teilweise. Ein Gespräch war möglich – aber was bedeutete das? Hatte er seine Identität wirklich verloren? Oder war sie verdrängt worden? Und falls ja – durch Magie? Oder durch Überzeugung? Franca konnte sich keine Antwort geben. Denn plötzlich war da etwas – eine Bewegung hinter ihr, zu schnell, zu lautlos, zu nah. Ein Luftzug, scharf wie eine Warnung. Eine Klinge, die sich ihr näherte, mit tödlicher Präzision. Ohne zu zögern, ohne einen klaren Gedanken zu fassen, ließ sie Gendihrs Kraft durch sich fließen. „SONNENBLITZ!“ schrie sie mit aller Kraft, die sie hatte, und ihre Stimme zerriss den Schlachtlärm wie ein Donnerschlag. Gendihr glühte auf, so hell, dass selbst die Sonne für einen Moment wie ein schwaches Licht erschien. Dann brach der Zauber los – ein kreisrunder Lichtstrahl, sengend, alles verbrennend, was sich ihm näherte. Tote verdampften im Bruchteil einer Sekunde. Knochen zerplatzten, Rüstungen schmolzen, Schatten flohen. Jester sprang geistesgegenwärtig zurück, das Licht reflektierte in seinen grauen Augen. Und auch der Angreifer hinter ihr – wer immer es gewesen war – wich mit einem Satz zurück, zu schnell für einen normalen Menschen. Franca selbst blieb unverletzt. Die Magie erkannte sie, schützte sie. Noch. Langsam, mit festem Griff um den Hammer, drehte sie sich um. Da stand sie – eine Frau, geschmeidig, mit dunkler, schattenartiger Haut und funkelnden, dunklen Augen. Eine Schattenläuferin. Und wie Jester war sie seltsam. Nicht tot, nicht lebendig. Irgendetwas dazwischen. Gebunden. Verändert. Franca fluchte leise. Ihr Blick wanderte zwischen den beiden hin und her. Sie war umzingelt. War das der Moment für ihren letzten Trumpf? Wenn dieser nicht wirkte, blieb ihr nur noch ihre rohe Kampfkraft – und so gut sie auch war, gegen zwei Gegner dieser Art, ohne Gendihrs volle Macht, hatte sie keine realistische Chance. Ihre Augen glitten unaufhörlich zwischen den beiden hin und her, suchten nach einer Lücke, einem Fehler, einem Atemzug zu viel. - ------------------------------------------------------------------------- Gleichzeitig setzten sie zum Angriff an – Jester von vorn, die Schattenläuferin aus der Flanke. Eine perfekte Koordination, wie einstudiert. Franca spürte den kalten Hauch des Todes näherkommen. Sie duckte sich blitzschnell unter dem sichelartigen Hieb der Schattenläuferin hinweg, spürte die Luft über ihrem Kopf vibrieren, und trat im selben Moment mit aller Kraft gegen Jester. Ihr Stiefel traf ihn an der Seite – ein satter Aufprall. Er wurde mehrere Meter zurückgeschleudert, schlug hart auf und rutschte noch ein Stück über den gefrorenen Boden. Franca rollte sich zur Seite, kam wieder auf die Beine und schnappte kurz nach Luft. Ihr Blick schnellte zu Jester. Er bewegte sich langsam, aber er lebte. Warum hatte ihr Tritt getroffen? Warum war der Angriff nicht vorhergesehen worden? Hatten die Berichte übertrieben? Unwahrscheinlich. Sie hatte selbst gesehen, wie Jester auf dem Schlachtfeld kämpfte – präzise, effizient, nahezu unbesiegbar. Alles an ihm war durchdacht, jeder Schritt saß, jeder Schlag hatte Gewicht. Was war also anders? Er war immer allen Angriffen ausgewichen, nicht nur den tödlichen. Und sein Kampfstil? Zu perfekt. Zu sauber. Da kam ihr ein beunruhigender Gedanke. Was, wenn er nur dann seine Zeitmagie aktivieren konnte, wenn er starb? Ein bloßer Angriff, eine bloße Wunde – das würde nicht reichen. Im Gegenteil: Wenn er verletzt war, konnte er sich vielleicht selbst das Leben nehmen, um den nächsten Durchlauf zu starten. Sie durfte ihm diesen Ausweg nicht lassen. Sie musste ihn ausschalten – ohne ihm Gelegenheit zur Reaktion zu geben. Ihre Finger umklammerten den Griff von Gendihr fester. Ihr Herz hämmerte in ihrer Brust. Jetzt. „LUFTSCHLOSS!“ brüllte sie, und der Hammer pulsierte in ihrer Hand. Eine unsichtbare Welle aus komprimierter Luft entlud sich mit ohrenbetäubendem Zischen, raste direkt auf Jester zu – zu schnell, um ihr auszuweichen, zu schnell für jede Reaktion. Jester versuchte es trotzdem. Er rollte sich seitlich ab – elegant, geübt – doch die Welle traf ihn trotzdem mit voller Wucht. Wie ein Spielzeug aus Stoff wurde er vom Boden gerissen, katapultiert, erst in die Höhe, dann immer höher, immer weiter. Seine Silhouette wurde kleiner, verlor sich in den grauen Wolken, bis er ganz verschwand. Franca hielt den Atem an. War er tot? Nein. Wenn sie es richtig einschätzte, war er nur bewusstlos. Seine Magie reagierte auf das Ende – nicht auf das Schweben dazwischen. Er war jetzt irgendwo zwischen Leben und Tod gefangen. Und genau das war ihre Chance. Kaum hatte sie sich umgewandt, richtete sie den Blick auf die Schattenläuferin, bereit, ihren nächsten Angriff abzuwehren. Doch dieser kam nicht. Stattdessen sah sie, wie die Frau davonrannte – rasch, lautlos. Sie hastete den schneebedeckten Hang eines Hügels hinauf, mit der Eleganz eines Tieres, das in seiner Umgebung geboren worden war. Und dann – kletterte sie auf einen Baum. Verdammt. Franca fluchte heftig. Sie wusste, was die Schattenläuferin vorhatte. Sie wollte Jester abfangen. Ihn retten. Verhindern, dass der Sturz seine Kräfte ausschaltete oder seinen Zustand endgültig machte. Wahrscheinlich war er jetzt wehrlos. Bewusstlos. Und ohne aktiven Einfluss auf seine Fähigkeiten. Franca setzte zum Sprint an, versuchte, ihr zu folgen – doch kaum hatte sie den ersten Schritt gemacht, bebte der Boden unter ihren Füßen. Die Untoten griffen sie wieder an. Hunderte. Vielleicht tausende. Sie brandeten über sie herein wie eine Flut aus Knochen und Blut. Sie hatte die Schattenläuferin aus den Augen verloren. - ------------------------------------------------------------------------- Hunderte Gegner hatte Franca bereits niedergestreckt. Ihre Bewegungen hatten vernichtet wie ein Sturm aus Stahl und Entschlossenheit, hatten Knochen zerschmettert, Rüstungen gespalten, untote Körper zerfetzt. Doch es war, als würde der Boden selbst neue Leiber ausspucken. Immer mehr, immer näher. Kein Ende in Sicht. Und über all dem schwebte die unausweichliche Uhr: Jester würde bald wieder fallen. Aus den Wolken, aus dem Himmel, zurück in die Realität. Wenn die Schattenläuferin ihn auffing – und alles sprach dafür, dass sie genau das versuchen würde – dann würde er nicht lange brauchen. Dann wäre er wieder kampffähig. Franca spürte, wie ihre Muskeln langsamer wurden. Nicht abrupt, sondern schleichend. Die Sehnen in ihren Armen brannten, der Atem ging schwer. Sie war noch nicht am Ende – aber sie näherte sich ihm. „Verdammt“, knurrte sie und versuchte, sich freizukämpfen. Jeder Schritt kostete Überwindung, jeder Schlag mehr Konzentration, als sie entbehren konnte. Wo war Francesco di Lorenzo? Wo waren die anderen Soldaten? Waren sie gefallen? Hielten sie stand? Oder war sie die letzte, die noch hier kämpfte? Allein inmitten von Tod? Mit einem wütenden Schrei begann sie, Gendihr kreisen zu lassen – ein rotierender Wirbel aus Stahl und Magie, der Leiber zerschmetterte und eine Schneise in die Übermacht schnitt. Knochen barsten, Schädel zerbrachen wie Porzellan. Doch dann geschah es. Ein falscher Schritt. Ein Moment der Schwäche. Sie stolperte. Nicht weit, nicht tief. Doch es reichte. Die Präzision war weg. Der Schwung brach. Der Hammer glitt ihr aus den Händen, rutschte über den Boden, schlitterte meterweit fort und blieb reglos liegen – viel zu weit entfernt. Dann kam der Schmerz. Hart. Plötzlich. Unerbittlich. Ein Schwert hatte sie getroffen – tief in die linke Schulter gerammt, der Stahl hatte Fleisch und Knochen durchdrungen, wie ein brennender Dorn. Blut trat hervor, warm und erschreckend real, rann an ihrem Arm entlang, tränkte den Stoff. Franca keuchte, sackte leicht zusammen. Der Schmerz lähmte sie nicht, aber er zwang sie zum Stillstand. Und in diesem Moment fragte sie sich: War das das Ende? War das der Ort, an dem sie sterben würde? Sie hatte doch noch etwas beweisen wollen – ihrer Familie, dem Adel, sich selbst. Dass sie mehr war als nur ein Name. Dass sie ihren Platz unter den Hochgeborenen verdient hatte. Auch wenn sie nicht die eine Pflicht erfüllen konnte, die man von ihr erwartete: Kinder gebären. Eine Erbin sein. ,,Verdammt…’’ Das Wort kam heiser über ihre Lippen, mehr ein Ausatmen als ein Fluch. Doch in seinem Klang lag alles, was sie noch hatte: Wut. Stolz. Trotz. Und irgendwo, tief in ihr, eine letzte Glut Hoffnung.

  • Kapitel 190 - Drei Herzschläge bis zum Aufprall

    Der Wind peitschte erbarmungslos um Franca herum, zerrte an den sorgsam geflochtenen Haaren, die unter ihrer Kapuze hervorwehten wie helle Bänder im Sturm. Ihr Atem bildete kleine Wolken in der eisigen Luft, während sie mit verschränkten Beinen auf dem Rücken des Drachen saß – regungslos, ruhig, wie eine Statue. Gendihr, ihr magischer Hammer, war sicher und fest an ihrem Rücken verschnürt, jede seiner Runen von einer feinen Frostschicht überzogen. Sie ritt auf Zorda – dem schuppenbedeckten, schwarzen Drachen, der wie ein lebendiger Schatten durch den Himmel glitt. Das mächtige Wesen war Cynthas treuer Begleiter und bewegte sich mit bewundernswerter Eleganz durch die Schneewolken des Nordens. Unter ihnen erstreckte sich eine endlose Weite aus Weiß, unterbrochen nur von zugefrorenen Seen, kahlen Baumgruppen und vereinzelten Felsnasen, die wie gestrandete Giganten aus der Eiswüste ragten. „Du bist ziemlich ruhig für dein erstes Mal auf einem Drachen!“ rief Cyntha, die neben ihr auf Zordas Nacken saß. Ihre lila Haare flatterten wie Seidenfäden im Wind. „Oder fliegst du gar nicht zum ersten Mal, hm!?“ Franca schüttelte den Kopf, ein leises, kaum sichtbares Lächeln auf den Lippen. „Wir haben zuhause einen Drachen. Idaka. Auf ihr bin ich schon oft geflogen. Gegen sie wirkt Zorda wie ein entspannter Ausritt auf einem alten Gaul.“ Cynthas Augen vergrößerten sich vor Staunen. „Idaka!? Die Urdrachin Idaka?“ Franca nickte ruhig, bedachte jede Bewegung, jede Geste – es war Teil ihres Wesens, ihre Anmut zu bewahren, selbst hoch oben in der Luft, auf dem Rücken eines Drachen. „Die Erweckerin von Mahlava!“ murmelte Cyntha ehrfürchtig. „Ich dachte, sie lebt verborgen in den Larifen..!“ „Tut sie auch.“ Während das Gespräch verebbte, ließ Franca den Blick über den Horizont schweifen. Die Welt unter ihnen lag in eisiger Stille. In weiter Ferne konnte sie bereits die ersten Zinnen von Randurin erkennen – dunkle Spitzen am Ende der weißen Einöde. Sie waren nahe am Ziel. Doch trotz der majestätischen Aussicht lastete ein Gedanke schwer auf ihr. Yangs Auftrag. Sie sollte ein Familienmitglied töten. Einen von ihren eigenen Blutsverwandten. Eine Linie aus Vertrauen und Geschichte, die sie nicht bereit war zu durchtrennen. Franca hatte nicht gehorcht. Stattdessen hatte sie Spione bezahlt, alte Verbindungen genutzt, um den Verwandten zu warnen. Es war ein riskanter Zug gewesen – einer, der sie den Kopf kosten konnte, sollte es je bekannt werden. Doch sie hatte genau geprüft: Nur Yang und sie wussten vom Befehl. Niemand sonst. Auch Cyntha würde keine Fragen stellen – und sie würde sie erst recht nicht verraten. Sie atmete tief durch. Der eisige Wind biss in ihre Wangen, ließ ihre Haut kribbeln. Dann drehte sie sich leicht und blickte zurück über die Schulter. Am Horizont, wie eine gewundene, schwarze Narbe im Schnee, zog sich die Fünfte Armee des Kaiserreichs durch das Weiß. Reihen über Reihen von Soldaten, Banner, Reiter. Ihr Marsch führte sie direkt in den Norden, angeführt von einem Mann, der mehr Mythos als Mensch war – Francesco di Lorenzo, der Schwertdämon. Feind ihres Vaters. Sie beobachtete den Heerzug still, bis sie die Stimme wieder erhob: „Sag mal, Cyntha, was meinst du—“ Doch sie konnte den Satz nicht beenden. Plötzlich wurde ihr der Boden unter den Füßen entrissen. Ein Ruck, ein Flattern, ein Schrei, der vom Wind verschluckt wurde. Ohne jede Vorwarnung wurde sie vom Rücken des Drachen geschleudert – fortgerissen, wie von einer unsichtbaren Faust. Sie fiel. - ------------------------------------------------------------------------- Die Welt um Franca war nur noch ein Wirbel aus Wind, Schnee und lautem Tosen. Alles drehte sich, alles rauschte – und inmitten dieses Chaos spürte sie die eisige Luft, die wie tausend winzige Klingen über ihre Haut fuhr. Schneeflocken verwandelten sich in Rasiermesser. Der Wind schnitt ihr ins Gesicht, zerrte an Kleidung und Haar, als wolle er sie mit aller Gewalt vom Himmel reißen. Zorda war irgendwo über ihr – ein dunkler Schatten gegen das fahle Licht – und sie glaubte, Cyntha rufen zu hören, doch selbst der Schrei ihrer Freundin klang wie das ferne Winseln eines Geistes in einem Sturm. Franca war gefallen. Und sie fiel noch immer. Ihr Instinkte übernahmen. Reflexe, die aus Jahren des Trainings stammten, rissen sie in die Bewegung. Sie krümmte den Körper, formte sich zu einer rollenden Kugel in der Luft, versuchte, ihre Position zu bestimmen. Wo war oben, wo war unten? Der Himmel? Der Schnee? Der Boden raste ihr entgegen – ein weißer Tod. Was war geschehen? Magie? Ein Angriff? Ein Fluch? Ihre Gedanken überschlugen sich, aber keine Antwort drängte sich auf. Es war zu plötzlich gekommen. Zu gezielt. Und es war keine bloße Windbö gewesen. Doch Franca war keine gewöhnliche Kriegerin. Sie war eine Tochter der Linie der Aldobrandini, Trägerin des Schicksalshammers – und sie hatte nicht überlebt, um jetzt wie ein Stein vom Himmel zu fallen. Ein Funkeln trat in ihre Augen. Wild. Entschlossen. Mit einer einzigen Bewegung griff sie nach hinten, durchtrennte mit einer magischen Geste die festgezurrten Lederriemen und riss den Hammer Gendihr frei. Die Runen auf seinem Schaft begannen augenblicklich zu glühen, als spürten sie die Dringlichkeit, den drohenden Aufprall, das Blut in der Luft. Gendihr war keine gewöhnliche Waffe. Er war mehr als ein Hammer – er war ein Vermächtnis. Geschmiedet in den Tiefen von Erzofen, gesegnet von dem Erzdämonen der Erde Dharait, und an Franca weitergegeben, weil nur sie ihn heutzutage führen konnte. Jeder Schlag zertrümmerte das, was anderen als unzerstörbar galt. Und dreimal am Tag – nur dreimal – konnte er die Regeln der Welt selbst beugen. Franca holte aus. Der Griff zitterte in ihrer Hand. „DONNERSCHLAG!“ rief sie, und es klang wie das letzte Wort eines Gottes. Der Hammer vibrierte, schrie beinahe, und im nächsten Moment schoss eine gewaltige Druckwelle aus ihm hervor. Eine Woge aus reiner, unsichtbarer Kraft explodierte nach unten. Der Boden unter ihr barst, noch bevor sie ihn berührte. Schnee flog in alle Richtungen. Gestein zersplitterte. Ein Krater bildete sich – und mitten in der Luft, kurz über dem Zentrum dieses Zorns, wurde Francas Fall abrupt gestoppt. Sie schwebte. Nur für einen Moment – aber in diesem Moment stand die Welt still. Dann fiel sie erneut. Das Momentum war zwar gebrochen, doch der Aufprall war hart. Sie schlug schräg auf dem vereisten Boden auf, rollte ab, so gut sie konnte. Trotzdem hörte sie das Knacken in ihrer Brust. Ein Schmerz fuhr ihr durch den Oberkörper – heiß und schneidend zugleich. Einige ihrer Rippen waren gebrochen, daran bestand kein Zweifel. Aber sie lebte. Keuchend kam sie auf die Knie, Gendihr noch immer in der Hand, seine Runen glimmend wie pulsierender Zorn. Sie hustete, spürte den metallischen Geschmack von Blut auf der Zunge, doch sie zwang sich hoch. Auf die Beine. Aufrecht. Dann hob sie den Blick. Und ihr Atem stockte. Nicht einer. Zwei. Zwei Drachen kreisten nun über ihr. Zorda war der eine – das erkannte sie sofort an seinem glänzenden Schwarz, an seinen eleganten Flügelschlägen. Doch der andere… war größer. Breiter. Heller. Seine Flügel wirkten wie zerfetzte Segel, von Narben durchzogen. Ein fremder Drache. - ------------------------------------------------------------------------- Cyntha verfolgte mit geweiteten Augen, wie Franca durch den Sturm fiel – ihr Körper wurde kleiner, bis er fast mit dem Schneegestöber verschmolz. Doch sie konnte nicht eingreifen. Nicht jetzt. Nicht, wenn sich der Schatten vor ihr ausbreitete. Denn direkt vor ihr war ein Drache aufgetaucht – größer, schwerer, finsterer als Zorda. Seine Schwingen spannten sich weit, jede einzelne Schuppe war tiefschwarz, glänzte im matten Licht wie nasser Stein. Und seine Augen … leer. Nicht wild. Nicht wütend. Sondern leer. Als wäre alles Leben aus ihnen gewichen und nur Hunger geblieben. Auf seinem Rücken saß ein Mann, schwarz gekleidet, mit einem langen Mantel, der im Wind wie ein zerrissenes Tuch flatterte. Seine Haare waren schneeweiß, unnatürlich hell – ein Kontrast, der ihn nur noch unheimlicher erscheinen ließ. Cyntha erkannte ihn sofort. Und Wut loderte in ihr auf. „Varon!“ rief sie, obwohl sie wusste, dass er sie nicht hören konnte. Der Wind brüllte lauter als jede Stimme. Ihre Worte wurden fortgetragen, zerschlagen, zerfetzt von der tosenden Luft. Aber es war ihr egal. Allein der Name auf ihren Lippen war eine Waffe. Der Verräter. Der Mann, der das Kaiserreich verkauft hatte wie ein wertloses Gut. Ein Nekromant, dessen Hände nach Leben griffen, um es zu versklaven. Cyntha packte ihren Bogen fester, spürte, wie das Holz unter ihrer Berührung vibrierte. Ihr Herz schlug schnell, aber gleichmäßig. Kein Zögern, kein Zweifel. „Zorda!“ rief sie, „wir reißen ihn aus dem Himmel!“ Zorda antwortete mit einem grollenden Brüllen, das selbst den Wind durchbrach. In einer fließenden Bewegung bäumte er sich auf und schleuderte eine Säule aus reinen Flammen auf den fremden Drachen zu – ein lodernder Kegel aus Hitze und Zorn. Gleichzeitig spannte Cyntha ihren Bogen. Mana durchzog ihren Arm, sammelte sich in ihren Fingern. Der erste Pfeil – federleicht, doch erfüllt mit einer tödlichen Ladung – verließ die Sehne. Dann der zweite. Der dritte. Ein Hagel aus magisch geladenen Salven folgte dem Feuer, zielte präzise auf Brust, Hals, Flügelansatz. Doch nichts traf. Der Feuerstrahl verpuffte – nicht einmal Rauch blieb zurück. Die Pfeile, die sich durch Wind, Regen und Nebel bohrten, wurden in der Luft abgelenkt. Als stieße eine unsichtbare Mauer sie zurück. Kein Schild. Keine sichtbare Barriere. Nur diese beunruhigende Leere, die sich um Varon und seinen Drachen spannte. Cyntha verzog die Lippen zu einem Fluch. Ihre Augen verengten sich, als sie sah, wie Varon die Hand hob. Langsam, theatralisch, wie ein Mann, der wusste, dass ihm niemand etwas anhaben konnte. Blaue Magiewellen strömten von seinen Fingern herab – nicht auf sie gerichtet, sondern auf den Boden. Auf Franca? Cyntha knirschte mit den Zähnen. Doch sie zwang sich zur Ruhe. Franca war stark. Sie würde den Sturz überleben. Der Blick ihrer Freundin kurz vor dem Sturz war klar gewesen, entschlossen. Cyntha durfte jetzt nicht zweifeln. Dennoch – was tun? Ihre Magie, ihr Bogen, Zordas Feuer – nichts hatte gewirkt. Was konnte sie noch einsetzen? Was konnte sie tun, wenn selbst die Elemente ihr versagten? Aber sie hatte kaum Zeit zu denken. Denn der fremde Drache stieß mit einem Mal vor – sein Maul weit geöffnet, als wolle er nicht nur töten, sondern verschlingen. Der Luftdruck änderte sich schlagartig. Der Himmel verdunkelte sich um sie, als die gewaltige Kreatur auf sie herabstürzte.

  • Kapitel 189 - Der Junge, der den Blitz überholte

    Leyla ließ ihren Blick über die Liste gleiten, die sie soeben fertiggestellt hatte. Mit ruhiger Hand und klarem Kopf hatte sie in den vergangenen Stunden Namen, Begriffe, Orte und Geschehnisse aufgelistet, die sie nicht mehr losließen – lose Fäden, die sie zu einem Bild zusammenweben wollte. Es war keine abschließende Zusammenfassung, eher ein Anfang, ein Versuch, Struktur in das wachsende Netz aus Vermutungen, Bedrohungen und offenen Fragen zu bringen. Sie wusste, dass Eroica mit solchen Dingen gut umgehen konnte. Mit Puzzleteilen, die nicht zusammenpassten – noch nicht. Mit einem letzten prüfenden Blick fuhr sie mit dem Finger über den Namen Selfmun Aragi, dann weiter zu General van Trey. Zwischen ihnen standen Begriffe wie der Federglaube, die Auslöschung von Drakia, der Schwarze Stern und ganz unten, sorgfältig unterstrichen: „Jess – Erzdämonin.“ Zufrieden faltete sie das Blatt in der Mitte und schob es zu ihrer Freundin über den Tisch. Eroica saß in ihrem weichen Sessel, halb in ein Buch vertieft, die Brille leicht verrutscht auf der Nase. „Ihr habt die Liste fertig, Leyla?“ fragte sie mit leichtem Neigen des Kopfes, ohne ganz vom Text aufzusehen. Leyla nickte. „Ich brauche vor allem Informationen zu Jess. So viel du bekommen kannst. Alles, was nicht in den Werken bei uns steht. Vielleicht auch alte Schriften oder Abhandlungen.“ Eroica klappte das Buch zu, ohne die Stelle zu markieren. „Verlasst euch auf mich. Ich beginne morgen in der Kaiserlichen Bibliothek – dort steht mehr zwischen den Zeilen, als es auf den ersten Blick scheint.“ Ihr Tonfall war ruhig, beinahe vergnügt. Recherchieren war für sie nie eine lästige Pflicht gewesen, sondern eine Form des Spiels – ein Tanz mit vergessenen Wahrheiten. Leyla lächelte dankbar. „Wie steht es um die Reiseplanung nach Jidar?“ Jidar. Die Hauptstadt des Sectododen-Volkes, tief im Inneren des Denja-Dschungels. Sie war eine Stadt, die kaum von außen zu erreichen war. Dort, so die Informationen, sollte einer der Runensteine liegen. Und dorthin war der Drachar unterwegs — oder er war bereits angekommen. Schon bei dem Wort hellte sich Eroicas Miene auf. Sie erhob sich mit einer Eleganz, die ihrer Herkunft als Felina geschuldet war, verschwand kurz in ihrem Zimmer und kam mit einer kleinen Sammlung von Pergamentrollen zurück. Auf dem Tisch entfaltete sie die erste Karte, legte zwei beschriftete Seiten daneben, auf denen ein feiner, gleichmäßiger Schriftzug Details vermerkte. Leyla setzte sich näher heran. „Ihr werdet zuerst in Richtung Vallyka reisen“, begann Eroica mit leiser, erklärender Stimme, während sie mit einem kleinen silbernen Zeigestab auf die jeweiligen Punkte deutete. „Von dort nehmt Ihr die Salba-Straße. Sie verläuft an der südlichen Grenze des Tiefenwaldes entlang – eine alte Handelsroute, die allerdings kaum noch genutzt wird, seit das Reich seine Handelsverträge mit den Dschungelvölkern vernachlässigt hat.“ Leyla betrachtete die gezackten Linien auf der Karte. Vallyka war ihr nur aus Erzählungen bekannt – einst die Hauptstadt des Kaiserreichs, nun ein bedeutungsvoller Ort der Geschichte, der dennoch von vielen vergessen wurde. Der Gedanke, ihn bald mit eigenen Augen zu sehen, löste eine leise Neugier in ihr aus. „Am Waldeck“, fuhr Eroica fort, „endet die Straße. Dort beginnt der Denja-Dschungel. Die Karte zeigt Euch die bekannten Pfade – sie reichen etwa bis zur Mitte des Weges. Danach seid Ihr auf die Hilfe der Bewohner angewiesen. Die Chimp leben in den oberen Baumkronen, während die Tartaruga sich im feuchten Dickicht aufhalten. Mit ein wenig Geschick und etwas Glück werdet Ihr von ihnen erfahren, wo Jidar liegt.“ Sie zeigte auf einen winzigen Punkt am oberen Rand der Karte – nicht mehr als ein dunkler Fleck. „Dort also“, murmelte Leyla nachdenklich. „Und irgendwo dort soll der nächste Runenstein liegen…“ Eroica nickte knapp. „Die Quellen sind widersprüchlich, aber einige alte Aufzeichnungen sprechen von einem Tempel unter der Erde. Die Bewohner Jidars sollen ihn bewachen – oder zumindest von ihm wissen.“ Leyla legte die Karten und Seiten sorgfältig übereinander und strich mit der Hand darüber, als wolle sie sich ihre Bedeutung einprägen. Ihr Blick fiel auf ein kleines Objekt am Rand des Tisches: eine schlichte Brille mit runden Gläsern, eingefasst in feines Silber. Sie hatte Eroica das Artefakt vor ihrem Aufbruch in den Grünwald geschenkt – eine Brille, die es ihrer Trägerin ermöglichte, beim Lesen die Gedanken und Absichten des ursprünglichen Autors zu erfassen, sofern dieser sie bewusst niedergeschrieben hatte. „Hat dir die Brille schon gute Dienste geleistet?“ fragte sie leise. - ------------------------------------------------------------------------- Eroica nahm die Brille behutsam in die Hand und drehte sie gegen das Licht des Fensters, sodass sich die silberne Fassung sanft in einem goldenen Schimmer spiegelte. Ein feines Lächeln huschte über ihre Lippen, während sie über die Linse hinweg Leyla ansah. „Ja, das hat sie. Nicht bei allen Autoren, wohlgemerkt – es gibt Texte, bei denen sie seltsam stumm bleibt. Doch bei den meisten Werken konnte ich nützliche Hinweise gewinnen. Wusstet Ihr zum Beispiel, dass die Hinrichtung von Kim Parenski vor beinahe sechshundert Jahren keineswegs ein Befehl des Kaisers war, wie es in den offiziellen Chroniken steht?“ Sie machte eine kleine Pause, als wolle sie die Wirkung ihrer Worte genießen. „Es war Yang. Sie hat den Befehl damals eigenmächtig gegeben. Angeblich, um eine größere Bedrohung zu verhindern. Und noch brisanter: Der Bürgerkrieg, der daraus resultierte, war womöglich von ihr beabsichtigt. Ein kontrollierter Konflikt, wie sie es nannte.“ Leyla musste schmunzeln. Natürlich hatte sie davon nichts gewusst – wie auch? Solche Wahrheiten standen nicht in den gefeierten Geschichtsbänden, die in den Schulen und Akademien des Kaiserreichs verbreitet wurden. Sie gehörten zu jener Sorte von Wissen, das verborgen lag, in tiefen Kellern der Archive oder zwischen den Zeilen von Manuskripten, die kaum jemand je vollständig las. Sie streckte sich, als wollte sie die Spannung aus den Schultern vertreiben, und sah Eroica mit einem nachdenklichen Blick an. „Ich würde dich gern mitnehmen in den Dschungel. Du wärst eine wertvolle Hilfe – und vermutlich wüsstest du dort mehr mit den alten Völkern des Waldes anzufangen als ich. Aber… hier in der Kaiserstadt hilfst du mir im Moment mehr.“ Eroica verbeugte sich leicht, elegant wie immer. Ihre Stimme war sanft und bestimmt zugleich. „Leyla, Ihr wisst, dass ich alles tun werde, was Euch am meisten nützt. Wenn Ihr mir sagt, dass meine Arbeit hier wichtiger ist, dann bleibe ich. Doch…“ – sie hob leicht das Kinn und sah Leyla mit leuchtenden Augen an – „…wenn Ihr mir etwas aus dem Dschungel mitbringen könntet, etwas, das seine Geschichte atmet, dann würde mich das sehr freuen.“ Leyla lachte leise und nickte. „Natürlich werde ich das. Ich werde die Augen offen halten.“ Eroica legte den Kopf ein wenig schräg, ihr Blick war neugierig geworden. „Wollt Ihr allein reisen?“ Diese Frage hatte Leyla in den letzten Tagen mehrfach beschäftigt. Der Denja-Dschungel war kein Ort, den man leichtsinnig betrat – und schon gar nicht allein. Von Anfang an war ihr klar gewesen, dass sie Alexandra mitnehmen wollte. Ihre Nähe bedeutete ihr inzwischen mehr, als sie sich lange Zeit eingestehen wollte. Zensa hingegen sollte in der Kaiserstadt bleiben, nicht zuletzt, weil er hier sicherer war – und lernen konnte. Vinessa hingegen… Vinessa war eine Fee mit einem tiefen Verständnis für Wälder. Auch wenn der Denja-Dschungel nicht dem Grünwald glich, in dem Vinessa aufgewachsen war, so war es doch ein Terrain, in dem ihre Fähigkeiten von großem Nutzen sein würden. „Ich werde mit Alexandra reisen. Und Vinessa wird uns begleiten. Zensa bleibt hier bei dir. Wie kommt er mit dem Lernen voran?“ Eroica seufzte leicht und setzte sich wieder auf den Rand des Sessels. „Er ist klug. Man merkt, dass viel Potenzial in ihm schlummert – aber er will nur das lernen, was ihn auch interessiert. Er hasst langweilige Texte, meidet jedes Thema, das ihn nicht unmittelbar betrifft. Aber ich gebe nicht auf. Ich bin sicher, mit etwas Geduld wird er seinen eigenen Zugang finden.“ Leyla nickte nachdenklich. Es waren inzwischen mehrere Tage vergangen, seit sie mit ihm in der Kaiserstadt eingetroffen waren. Und obwohl sie ihn unter ihre Obhut genommen hatte, hatte sie es bislang nicht geschafft, mit ihm zu trainieren. Das sollte sich bald ändern. Bevor sie sich auf den Weg in den Osten machte, wollte sie zumindest noch einmal mit ihm üben – nicht nur, um sein Können zu testen, sondern auch, um seine Entwicklung besser einschätzen zu können. Sie erhob sich langsam. „Weißt du, wo Zensa gerade ist?“ Eroica deutete mit einer Hand in Richtung der Fenster. „Er und Vinessa sind heute früh hinausgegangen. Sie wollten außerhalb der östlichen Stadtmauer gemeinsam trainieren.“ Leyla zog leicht die Augenbraue hoch. Dass Vinessa sich zum Training mit Zensa bereit erklärt hatte, überraschte sie – und machte ihr zugleich ein wenig Sorge. Vinessa war sanft, manchmal vielleicht zu sanft. Und Zensa hatte Kräfte in sich, deren Grenzen er selbst noch nicht verstand. Wenn er sie im falschen Moment verlor… „Ich gehe mal nach ihnen sehen“, sagte sie schließlich. „Wenn Alexandra von ihrem Training mit Rhovar Trellis zurückkommt, erklär ihr bitte den Plan. Und sag ihr, dass ich sie brauche – nicht nur im Kampf, sondern auch als Freundin, der ich vertrauen kann.“ Eroica nickte schweigend. Leyla war bereits auf dem Weg zur Tür, als sie sich noch einmal umdrehte. Der Blick, den sie Eroica zuwarf, war weich – fast ein wenig müde. „Danke, dass du hier bist. Ich weiß das mehr zu schätzen, als ich es vielleicht zeige.“ Mit diesen Worten verließ sie ihren Wohnbereich und machte sich auf den Weg, Zensa und Vinessa zu suchen. Der Tag war noch jung, doch sie spürte, dass die Zeit zu handeln gekommen war. - ------------------------------------------------------------------------- Nach gut einer Stunde Fußmarsch erreichte Leyla die großen Felder östlich der Kaiserstadt. Das Gras war hier trotz der kühlen Jahreszeit kräftig grün, bedeckt von einem feinen Schleier aus Frost, der in der tiefstehenden Wintersonne funkelte. Genau hier hatte sie Vinessa und Zensa vermutet – und wie so oft hatte sich ihr Instinkt als richtig erwiesen. Sie entdeckte die beiden unweit eines kleinen, kahlen Hains. Vinessa, in mehrere Lagen dicker Winterkleidung gehüllt – die charakteristisch sauberen Nähte verrieten, dass sie von Eroica selbst stammten – flog hin und her, offenbar um sich warm zu halten. Leyla trat näher, und sofort bemerkte Vinessa sie. Mit einem fröhlichen Ausruf wirbelte die Fee zu ihr herum. „Ahh, Leyla! Was machst du denn hier draußen in der Kälte?“ Ihre Stimme klang wie immer hell und verspielt, und doch spürte man, dass sie wachsamer geworden war. Vielleicht lag es daran, dass sie inzwischen mehr Verantwortung übernommen hatte. Leyla schmunzelte und deutete auf das weite Feld. „Ich wollte nach euch sehen.“ Ihr Blick glitt weiter zu Zensa, der in einiger Entfernung über das Feld jagte – und das mit einem Tempo, das selbst Leyla kurz den Atem stocken ließ. So schnell hatte er sich damals, als sie gegeneinander gekämpft hatten, nicht bewegt. „Eroica meinte, ihr würdet trainieren“, sagte sie beiläufig, während sie Zensas Bewegungen verfolgte. Vinessa nickte eifrig. „Ich hab ihm beigebracht, wie er seine Kräfte gezielter und kreativer einsetzen kann. Vor allem, wie man Kontrolle mit Vorstellungskraft verbindet.“ Leyla verstand: Es war weniger ein gegenseitiges Training als eine Unterrichtseinheit, in der Vinessa die Rolle der Lehrerin übernommen hatte. Eine interessante Entwicklung – und ganz anders, als sie es erwartet hatte. Sie wollte gerade noch etwas sagen, als – —WUSCH— Ein Geräusch durchschnitt die Luft. Wie aus dem Nichts stand Zensa plötzlich vor ihr, nur wenige Schritte entfernt. Eine heftige Druckwelle rauschte durch die Luft, trieb Staub und Schnee zur Seite, ließ Leylas Umhang flattern. Reflexartig griff sie nach Vinessas Arm, denn die Fee wäre beinahe rückwärts durch die Luft geschleudert worden. „Leyla! Schau dir an, was ich mittlerweile kann!“ rief Zensa, aufgeregt wie ein Kind, das seinem großen Vorbild etwas beweisen wollte. Seine Stimme überschlug sich fast vor Stolz. Leyla warf ihm einen prüfenden Blick zu. Ihr fiel auf, dass seine übliche freche Art, sein grenzüberschreitender Humor, komplett verschwunden war – zumindest solange Vinessa in der Nähe war. Offenbar hatte sie sich seinen Respekt verdient, auf eine Weise, die Leyla beeindruckte. „Gut“, sagte sie ruhig. „Dann zeig mal, was du gelernt hast.“ Zensa atmete tief durch, als würde er sich selbst sammeln. Dann trat er einige Schritte zurück, schloss für einen Moment die Augen – und plötzlich zuckten elektrische Entladungen um ihn herum. Zunächst unkontrolliert, ziellos, entluden sich die Blitze in den gefrorenen Boden, ließen das Gras dampfen. Doch mit jeder Sekunde nahm das Chaos eine klarere Form an: Die Blitze ordneten sich, verbanden sich, bildeten schließlich schimmernde Schwingen, als wären sie aus reiner Elektrizität geschmiedet. Er öffnete seine Augen und Leyla sah, wie sie nun blau leuchteten. Zensa ging in die Knie mit einem kräftigen Stoß und katapultierte sich nach oben. Die Flügel spannten sich, zuckten, fächerten sich auf – und trugen ihn tatsächlich in die Luft. Leyla konnte ein anerkennendes Pfeifen nicht unterdrücken. Sie hatte es geahnt, bereits bei seinem ersten Umgang mit Donner- und Windmagie – doch nun war es gewiss: Zensa war auf dem Weg, einer der wenigen zu werden, die im Kaiserreich das Fliegen beherrschten. Es war eine Gabe, die nicht nur körperliche Kraft, sondern mentale Disziplin erforderte. Wie ein gelber Stern raste er höher, tanzte mit den Wolken, während Blitze hinter ihm ein wildes Muster zeichneten. Ohne den Blick von ihm zu lösen, wandte sich Leyla leise an Vinessa. „Ich breche in ein paar Tagen zum Denja-Dschungel auf. Es gibt Hinweise, dass dort ein weiterer Runenstein liegt. Ich würde dich gerne dabeihaben.“ „Yippie!“ quietschte Vinessa begeistert und flatterte aufgeregt in die Luft, ihr geflügelter Schatten huschte über den frostigen Boden. „Dass du mich mitnimmst, freut mich riesig, Leyla! Ehrlich!“ Dann wurde ihr Blick ernster, fast ein wenig herausfordernd. Sie flog dicht an Leylas Schulter heran und flüsterte: „Und? Nimmst du Zensa auch mit?“ Leyla zögerte. Ihre Gedanken kreisten bereits seit Tagen um diese Entscheidung. Schließlich schüttelte sie langsam den Kopf. „Ich glaube nicht, dass er schon bereit dafür ist. Noch nicht.“ Vinessa schnaubte verärgert, ihre Wangen blähten sich leicht auf. „Bin ich etwa keine gute Lehrerin?“ Ihre Stimme war spitz, aber nicht wütend – eher beleidigt. „Ich finde, du solltest ihn mitnehmen. Er ist vielleicht jung, aber seine Kraft ist jetzt schon beachtlich. Und er hört auf mich.“ Leyla sagte nichts. Noch immer blickte sie nach oben, wo Zensa wie ein lodernder Blitz zwischen den Wolken kreiste. War sie zu vorsichtig? Hatte Vinessa recht? Vielleicht war es wirklich an der Zeit, dass der Junge sich beweisen durfte. Aber das würde sie nicht leichtfertig entscheiden. Sie würde abwarten, was Zensa ihr noch zeigte. - ------------------------------------------------------------------------- Plötzlich hielt Zensa inne. Hoch oben, kaum noch als Mensch zu erkennen, stand er in der Luft wie eingefroren. Leyla blinzelte gegen das Licht der aufreißenden Wolkendecke. Etwas stimmte nicht. Die Luft schien sich zu verändern – dichter, schwerer, aufgeladen mit etwas, das selbst ihr erfahrener Instinkt nicht benennen konnte. Dann sah sie es. Die Wolken begannen, sich um Zensa herum zu ballen. In rasender Geschwindigkeit verdichteten sie sich, grau-blau und wabernd wie eine zornige See. Blitze zuckten zwischen ihnen hindurch, hell und zuckend, und ein Wind kam auf, der innerhalb weniger Herzschläge zu einem peitschenden Sturm anschwoll. Vinessa, die den herannahenden Druck zuerst spürte, quiekte erschrocken und huschte mit einem Flügelschlag in Leylas Rüstungsbrusttasche, aus der sie mit großen Augen wieder hervorlugte. Ihre Stimme war kaum zu hören gegen das Dröhnen des Windes: „Das ist… neu.“ Leyla sagte nichts. Sie starrte zum Himmel. Da, wo eben noch ein junger, ungestümer Magier gestanden hatte, tobte nun ein wütender Sturm, als würde der Himmel selbst eine Entscheidung treffen. Dann begann das Donnern. Kein leises Grollen, kein fernes Rumpeln. Es war ein Klang, der durch Mark und Bein ging, durchdringend und alles übertönend. Ein Geräusch, das nicht einfach nur gehört, sondern gespürt wurde – in der Brust, im Magen, in den Knochen. Blaue Blitze begannen sich in konzentrischen Wellen um Zensa zu sammeln. Sie zuckten nicht mehr nur ziellos durch den Himmel, sondern formten einen Kreis, ein magisches Gewölbe aus Energie. Was kam jetzt? Dann geschah es. Zensa verschwand in einer pulsierenden Kugel aus Blitzen. Die Energie, die von ihr ausging, war überwältigend – wie eine zweite Sonne, gleißend, blauweiß, inmitten eines tobenden Gewitters. Ein einzelner Regentropfen fiel. Dann noch einer. Und dann brach der Himmel los. Innerhalb von Sekunden mischte sich der Regen mit einem prasselnden Hagel, der gegen Leylas Rüstung trommelte wie ein Schwarm fliegender Kiesel. Und inmitten dieses Chaos geschah es: Zensa schoss einen gleißenden Blitz herab. Wie ein Pfeil, abgeschossen vom Sturm selbst. Der Donner war kaum verklungen, da durchschnitt er schon die Luft – ein leuchtender Strahl reiner Magie. Doch er war nicht allein. Neben ihm stürzte sich Zensa selbst, die Arme an den Körper gelegt, die blauen Donnerflügel eng anliegend, wie ein Falke, der seiner eigenen Schöpfung hinterhereilte. Er überholte den Blitz. Leylas Herz setzte aus. Sie vergaß den Regen, den Lärm, selbst die Kälte. Ihre ganze Wahrnehmung war auf diesen einen Moment fokussiert. Zensa schlug auf dem Boden auf – nein, landete. Grazil, mit einer Leichtigkeit, die an Tanz erinnerte. Er streckte beide Arme nach oben, als würde er den Himmel selbst empfangen. Und dann kam er. —BUMM— Der Blitz, den er überholt hatte, schlug mit ohrenbetäubendem Knall in seine geöffneten Handflächen ein. Licht und Funken stoben auf. Die Luft roch nach verbrannter Erde. Rauch stieg von seinen Händen auf, die Haut war verkohlt, die Muskeln geöffnet, Blut vermischte sich mit Regenwasser und tropfte auf den gefrorenen Boden. Zensa atmete schwer, aber er grinste, als wäre er gerade einem Drachen auf der Nase herumgetanzt. Er kam langsam auf Leyla zu, noch immer leicht taumelnd von der Kraft, die durch ihn geflossen war. „Und?“ keuchte er mit funkelnden Augen. „Wie war das?“ Leyla sah ihn einen Moment lang nur an, dann schnippte sie ihm mit einem knappen Lächeln gegen die Stirn. „Beeindruckend. Vor allem, wie du deine eigenen Handflächen verbrannt hast.“ Zensa verzog das Gesicht. „D-Das ist doch nichts! Heilt schnell wieder.“ Doch seine Stimme zitterte leicht, und Leyla erkannte den Schmerz hinter der Tapferkeit. Sie lächelte. Ein echtes, warmes Lächeln. „Her mit deinen Händen“, forderte sie ruhig. Widerstandslos streckte er sie ihr entgegen. Die Haut war verbrannt, blutig, zerfetzt. Es roch nach Kupfer und geschmolzenem Leder. Leyla legte ihre Finger sachte auf seine Handflächen. Für einen Moment schloss sie die Augen. Ihr Mana begann zu fließen – sanft, ruhig, kraftvoll. Seit sie den Runenstein der Heilung getragen hatte, wusste sie, dass sie heilen konnte. Doch sie hatte es nie an jemand anderem ausprobiert. Jetzt war es an der Zeit. Sie spürte, wie ihre Kraft in Zensas Körper einsickerte, heilende Wellen aussandte, die verbrannte Haut glätteten, blutende Risse schlossen, geschädigte Nerven erneuerten. Innerhalb weniger Sekunden war das Werk vollbracht. Dort, wo eben noch Wunden gewesen waren, glänzte nun neue, gesunde Haut. Zensas Augen weiteten sich. „Das ist…“ Er suchte nach Worten, doch keine kamen. Er war sprachlos – zum ersten Mal. Leyla fuhr ihm mit der Hand durch die vom Regen zerzausten Haare, wuschelte sie durcheinander. Es war eine Geste, so ungewohnt sanft für sie, dass selbst Vinessa ein leises Kichern nicht unterdrücken konnte. „Willst du mit in den Denja-Dschungel kommen?“ fragte sie leise. Zensa sah sie an – ernst, aufrecht, stolz – und nickte, ohne zu zögern.

  • Kapitel 188 - Zug um Zug

    „Berichte mir vom Auftrag. Wie liefen die Verhandlungen im Grünwald?“ Leyla saß aufrecht auf dem schlichten, aber eleganten Holzstuhl vor Yangs Schreibtisch. Der Raum war kühl und dunkel gehalten, eine einzige Lichtquelle fiel durch das hohe Fenster hinter Yangs Rücken. Yang selbst trug ein tiefschwarzes Kleid, das streng und zugleich erhaben wirkte. Ungewohnt an ihr – sie bevorzugte sonst weiße Kleider – doch selbst in dieser neuen Aufmachung war sie unantastbar, makellos, fast beunruhigend schön. Leyla atmete ruhig durch, achtete auf ihre Haltung, ihre Stimme. Kein Zögern, keine Unsicherheit. „Der Auftrag wurde erfolgreich ausgeführt. Es kam zu einer Auseinandersetzung, wie Nea Euch sicher bereits berichtet hat. Doch wir konnten die Situation unter Kontrolle bringen. Der Anführer der Rebellen – Leandro di Lorenzo – wurde von mir exekutiert, die übrigen Beteiligten wurden lebend gefangen genommen und Kronprinz Cornelius übergeben.“ Yang nickte langsam, beinahe beiläufig. Es war klar, dass sie längst alles wusste. Dieses Gespräch diente der Prüfung, nicht der Information.. „Nea hat sich für eine Weile aus unserer Einheit entfernt“, fuhr Yang fort, ohne das Thema weiter zu kommentieren. „Sie hat einen Sonderauftrag angenommen. Ihre Partnerschaft mit dir ist damit vorerst aufgelöst.“ Leyla nickte knapp. Sie hatte es sich nach dem vergangenen Abend bereits gedacht. Und dennoch hinterließ die offizielle Bestätigung einen leichten Stich in ihrer Brust – ein Schatten aus Wehmut und Verlust, dem der Runenstein der Erde kaum Raum ließ. Sie spürte ihn nur als flüchtige Erinnerung. Sie hob den Blick. „Wenn ich etwas vorschlagen dürfte …“ Ihre Stimme blieb ruhig, doch sie spürte, wie sich etwas in ihrem Inneren zusammenzog. Wie würde Yang reagieren? ,,Was möchtest du mir vorschlagen?’’ fragte Yang und strich mit dem Zeigefinger langsam am Rand ihres Weinglases entlang, ohne die Miene zu verziehen. „Ich möchte eine Kandidatin für den zehnten Platz in unserer Runde vorschlagen. Es handelt sich um eine Freundin von mir, Alexandra.“ Sie hielt den Atem an. Der Name lag nun im Raum. Alexandra – die Dämonin. Ihre Geliebte. Ihre Gefährtin. Yang blieb regungslos. Dann legte sie den Finger vom Glas ab und verschränkte die Hände. „Du meinst Alexandra, jene junge Dämonin, die derzeit unter Rhovar Trellis’ Aufsicht trainiert? Ihre Eignung wurde bereits geprüft. Sie gilt als vielversprechend. Eine außergewöhnliche Veranlagung – jedoch auch ein gewisses Risiko. Bist du bereit, für sie zu bürgen?“ Leyla zögerte keine Sekunde. „Ja. Ich bürge für sie mit meiner Ehre und meinem Leben.“ Ein seltener, kaum sichtbarer Ausdruck von Zustimmung flackerte über Yangs Gesicht, ehe sie wieder ihr Glas aufnahm. „Dann sei es so. Sie wird aufgenommen. Von nun an wird sie an deiner Seite stehen – als deine direkte Partnerin. Du wirst für ihre Einführung verantwortlich sein.“ Leyla spürte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte. Das war mehr, als sie zu hoffen gewagt hatte. Alexandra an ihrer Seite – nicht nur als Geliebte, sondern auch als Verbündete im Kampf.  Doch sie war noch nicht fertig. „Es gibt da noch etwas …“ begann sie vorsichtig. „Ein persönliches Anliegen, das in direktem Zusammenhang mit dem Reich steht.“ Yang sah sie mit dem durchdringenden Blick an, für den sie berüchtigt war. „In der Nähe des Denja-Dschungels hat ein Drachar zugeschlagen. Er hat drei meiner Freunde ermordet. Ich wünsche mir, ihn zur Rechenschaft zu ziehen.“ Die Reaktion kam sofort – wie ein unsichtbarer Schlag. Yangs Aura flutete den Raum wie eine dunkle Welle. Einschüchternd, kontrollierend, absolut. Leyla hatte bei ihrer letzten Begegnung noch instinktiv geschwiegen. Doch diesmal hielt sie stand. Ihre Füße blieben fest auf dem Boden, ihr Blick wich nicht zurück. Vielleicht war es der Runenstein der Heilung, vielleicht etwas anderes – doch sie konnte Yangs Präsenz ertragen. „Ein Drachar also“, wiederholte Yang langsam, neutral. Kein Zorn, keine Überraschung – nur analytisches Interesse. Sie schwenkte ihr Weinglas, als würde sie eine neue Strategie im Geiste abwägen. Dann stellte sie das Glas ab und sprach mit kalter Klarheit: „Ihr beide werdet mit diesem Fall betraut. Euer offizieller Auftrag lautet: Verfolgung und Gefangennahme des Drachars. Er soll lebend zurückgebracht werden. Töten ist untersagt.“ Leyla schluckte. Es war mehr, als sie verlangt hatte – und zugleich eine Einschränkung, die gefährlich werden konnte. Der Drachar trug wahrscheinlich einen Runenstein bei sich, einen, mit dem er tötete. Ihn zu verschonen, konnte tödlich enden. Doch sie verbeugte sich, wie es die Etikette verlangte. „Ich habe verstanden. Es wird geschehen, wie Ihr es befehlt.“ Yang sagte nichts weiter. Das Gespräch war damit beendet. Leyla verließ das Zimmer der ersten Kaiserlichen Kopfgeldjägerin – ihre Schritte waren ruhig, aber innerlich war sie aufgewühlt. Alexandra war nun offiziell Teil ihrer Einheit. Die Jagd auf den Drachar war eröffnet. Und der Pfad zu einem, wenn nicht sogar zu zwei weiteren Runensteinen – und zu einem neuen Abgrund – hatte sich geöffnet. - ------------------------------------------------------------------------- Dieses Mädchen. Leyla.  Sie war wieder stärker geworden. Yang stand still in ihrem dunklen Arbeitszimmer, nur das leise Tropfen des Weines in das Glas unterbrach die Stille. Ihr Blick ruhte noch immer auf der Tür, durch die Leyla gerade gegangen war. Sie hatte sich verändert. Ihre Aura war nicht mehr schwach, nicht mehr zerbrechlich. Sie konnte die Gegenwart einer Herrscherin aushalten, ohne zu zittern, ohne zusammenzubrechen. Sie sprach mit fester Stimme. Sie wich nicht mehr aus. Ein weiteres Zeichen ihres Wachstums. Ein weiteres Zeichen einer möglichen Bedrohung. Yang trank langsam einen Schluck. Der Wein war alt, teuer, perfekt temperiert – wie alles in diesem Raum. Doch der Geschmack war heute nebensächlich. Würde Leyla gefährlich werden? Wenn ja, dann würde Yang keine Sekunde zögern. Sie war bereit, sie zu vernichten. So wie sie es mit vielen vor ihr getan hatte. Denn es gab einen feinen, unsichtbaren Grat – kaum zu erkennen, und doch tödlich scharf – zwischen der Art von Stärke, die dem Kaiserreich diente, und der Art von Stärke, die es bedrohte. Sie war bisher auf der richtigen Seite geblieben. Noch. Yang stellte das Weinglas ab und trat an das große Panoramafenster. Von hier aus konnte sie den Innenhof überblicken, die Anlagen der Kopfgeldjäger, das Herz ihres Machtapparates. Sie dachte an Ifrit. Den Mann, der einst Mitglied in ihrer Einheit gewesen war. Den, den sie nie ganz aus dem Blick verloren hatte. Sie wusste, wo er war. Schon seit Wochen. Doch sie hatte keinen ihrer Jäger auf ihn angesetzt. Nicht offiziell. Ein Fehler? Nein. Ein Schachzug. Sie hatte es Leyla wie eine kleine Gunst erscheinen lassen. Doch in Wahrheit verfolgte sie längst einen Plan. Sie brauchte Ifrit. Nicht als Toten. Sondern lebendig. Und vor allem anderen brauchte sie den Runenstein von Leben und Tod, den er bei sich trug. Sie wusste von den Runensteinen schon seit über tausend Jahren. Doch dieser Stein war der erste, von dem sie wusste, wo er sich befand. In den Händen von Ifrit. Die Runensteine waren eine Bedrohung für die Ordnung die sie schützte. Sie drehte sich zurück zum Regal, nahm eine zweite Flasche Wein heraus. Stärker. Dunkler. Passender. Sie goss sich erneut ein, diesmal mehr. Ihr Blick blieb ruhig, doch innerlich arbeitete es in ihr. Sie war nicht nervös – das war sie nie. Doch aufmerksam. Wach. Bereit. Die Zeiten veränderten sich. Alte Mächte rührten sich. Erzämonen, Runensteine, Beherrscher alter Kräfte. All das begann, sich aus dem Nebel zu schälen. Die Welt atmete unruhig. Aber sie? Sie war nicht beunruhigt. Denn es war nicht das erste Mal, dass Kräfte nach Macht griffen. Nicht das erste Mal, dass jemand versuchte, den Kaiser zu schwächen. Nicht das erste Mal, dass man versuchte, sie zu verdrängen. Und wie jedes Mal würde sie es sein, die den letzten Schritt tat. Die am Ende noch stand. Die als absolute Siegerin hervorging. Yang.  Die Stärkste im Kaiserreich. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla trat hinaus in die Straßen der Kaiserstadt. Ihre Stiefel knirschten über das kühle Pflaster, doch sie schenkte dem kaum Beachtung. In ihr war es heiß – nicht vor Zorn, sondern vor Zielstrebigkeit. Sie hatte sich entschieden. Dieses Mal war sie es, die in die Offensive ging. Nicht länger ein Spielball fremder Kräfte, nicht länger Objekt politischer Manipulation. Ihr Ziel war klar: das Ministerium. Genauer gesagt das Herzstück kaiserlicher Verwaltung – das Büro von Selfmun Aragi, dem Kaiserlichen Minister. Dem Roten Teufel. Sie wusste nicht, was sie genau von ihm wollte. Informationen, ja. Vielleicht eine Reaktion. Vielleicht ein Fehler, ein Zucken in seinem Blick, ein einziger falscher Satz, an dem sie ihn festnageln konnte. Vielleicht aber auch nur das Gefühl, nicht länger schweigend zu warten, sondern selbst zu handeln. Mit schnellen, festen Schritten durchquerte sie die breite Hauptstraße, vorbei an Händlern, Wachen, Adligen und Kindern in Schulkleidung. Die Kaiserstadt war in Bewegung, doch Leyla bewegte sich gegen den Strom. Als sie das große Ministerium erreichte, verharrte sie einen Moment. Der Bau war prachtvoll wie eh und je. Die weißen Fassaden waren glatt wie Porzellan, kunstvoll verziert mit goldenen Gravuren, in denen Szenen aus der Geschichte des Reiches abgebildet waren. Die Sonne des späten Winters ließ das Gold fast lebendig wirken. Bald würde der Frühling beginnen. Und mit ihm, vielleicht, ein neuer Abschnitt. Eine neue Ordnung. Sie betrat das Ministerium, trat durch die hohen Tore in die Halle und ließ den Blick über die Marmorfliesen gleiten, hin zu dem Empfangstresen, wo eine junge Frau mit sauber geknotetem Dutt und goldenem Abzeichen auf sie wartete. „Ich möchte Minister Aragi sprechen. Sofort.“ Ihre Stimme klang ruhig, aber unmissverständlich. Kein Bitten. Kein Zögern. Ein Befehl. Die Sekretärin hob kurz die Augenbrauen, als wolle sie protestieren. Doch dann erkannte sie Leyla, sah vielleicht etwas in ihrem Blick, das keine Widerrede duldete. Sie senkte den Blick leicht und nickte. „Wie Ihr wünscht, Edle Miss Leyla. Folgt mir.“ Leyla ging hinter ihr her. Die Gänge waren ihr bekannt – einst war sie auf Einladung hier gewesen. Heute kam sie ohne Einladung. Die Schritte hallten in der Stille des Korridors, während sie sich dem Ende näherten. Vor ihnen lag die Tür. Massiv, mit eingelegtem Ebenholz und einem goldenen Emblem: ein Auge, das auf einem Buch ruhte – das Zeichen der kaiserlichen Kontrolle. Die Sekretärin klopfte mit drei klaren Schlägen. „Lord Aragi? Die Edle Miss Leyla wünscht Euch zu sprechen.“ Einen Augenblick lang blieb es still. Kein Rascheln, kein Atmen, nur der leise Druck der Zeit auf beiden Schultern. Dann erklang die Stimme. Kalt. Metallisch. Ohne jede Emotion. „Sie kann hereinkommen.“ Die Sekretärin öffnete wortlos die Tür, verbeugte sich knapp und trat zurück. Leyla sog unwillkürlich die Luft ein. Und betrat den Raum. - ------------------------------------------------------------------------- „Leyla! Was für eine Freude, dass du mich heute ganz freiwillig aufsuchst. Ich hatte beinahe schon befürchtet, wieder einmal den ersten Schritt machen zu müssen.“ Selfmun Aragi stand am Fenster seines Büros, den Rücken zur Tür gewandt, wie eine Figur aus einem gut einstudierten Theaterstück. Seine rote Ministerrobe fiel in sanften Falten an seinem schmalen Körper herab, die langen Ärmel akkurat auf Ellenbogenhöhe gekrempelt. Das Licht der Mittagssonne zeichnete scharfe Schatten auf seine Gestalt, während sein glattes, blutrotes Haar zu leuchten schien. Als er sich schließlich umdrehte, zierte ein beinahe warmes Lächeln sein Gesicht – doch seine Augen blieben kalt wie die Oberfläche eines gefrorenen Spiegels. „Erkennst du endlich unsere Freundschaft an?“ fragte er mit einem gespielt charmanten Tonfall. Leyla verschränkte die Arme, ihr Blick hart. Sie blieb stehen, einen guten Schritt von seinem Schreibtisch entfernt. Keine Spur von Höflichkeit in ihrer Stimme. „Wir sind keine Freunde, Aragi. Ich bin hier, weil ich Antworten brauche.“ Aragi nickte fast schon gönnerhaft, als hätte er mit nichts anderem gerechnet. „Natürlich. Du möchtest wissen, woher ich von den Runensteinen weiß, nicht wahr?“ Ein Zucken ging durch Leylas Gesicht. Sie hatte erwartet, um das Thema herumtänzeln zu müssen. Doch wie so oft war Selfmun ihr einen Schritt voraus – oder vielmehr hatte er sie von Anfang an dorthin gelenkt, wo er sie haben wollte. Sie hob eine Augenbraue, schwieg. Wenn sie „Ja“ sagte, gab sie zu, dass sie sich auf sein Spiel einließ. Doch Schweigen wäre ebenso ein Zugeständnis. Sie war bereits in seine Falle getappt – spätestens mit dem ersten Schritt in dieses Gebäude, vielleicht schon in dem Moment, in dem sie entschlossen hatte, ihn aufzusuchen. Also nickte sie. Aragi schmunzelte, als hätte sie ihm die Pointe auf seinen Witz geliefert. Dann trat er langsam an seinen Schreibtisch, ließ sich mit übertriebener Grazie in den schweren Sessel gleiten und faltete die Hände vor sich. „Das“, begann er gedehnt, als wolle er eine Geschichte erzählen, „ist ein gut gehütetes Geheimnis. Aber keine Sorge, Leyla – es bleibt unter uns. Ich habe niemandem etwas gesagt. Und ich werde es auch nicht. Das verspreche ich dir.“ Leylas Miene verfinsterte sich. Er log. Oder vielleicht log er nicht – vielleicht sagte er die Wahrheit auf eine Weise, die sich wie eine Lüge anfühlte. Er hatte nichts gesagt, ja. Aber was, wenn andere für ihn sprachen? Wenn seine Verbündeten längst tätig geworden waren? Sie hatte keine Ahnung. Und das war das Beunruhigende. Sie musterte ihn scharf. Er war kein Kämpfer. Kein Krieger, kein Magier. Doch irgendetwas schützte ihn. Etwas, das so mächtig war, dass selbst die Runensteine bei dessen Anwesenheit zögerten. Es war nicht seine körperliche Stärke, die sie zurückhielt. Es war das Gefühl, dass jede Bewegung gegen ihn nur das Netz enger schnüren würde, das er längst um sie gelegt hatte. „Lass uns über etwas anderes sprechen“, fuhr Aragi nun in munterem Ton fort, als wäre das Thema erledigt. „Wie ich höre, hast du eine Hälfte des Schwarzen Sterns vernichtet. Beachtlich. Wahrlich. Und nun, da du wieder einen kleinen Sieg errungen hast, zieht es dich zum Denja-Dschungel. Um den Tod deiner Freunde zu rächen, nehme ich an?“ Leylas Herzschlag beschleunigte sich unmerklich. Wie konnte er das wissen? Jedes Mal schien er ihre Schritte nicht nur zu kennen, sondern bereits kommentiert zu haben, bevor sie sich zu ihnen entschlossen hatte. Was war er? Ein Meister der Manipulation? Oder einfach jemand, der in den richtigen Momenten mit den richtigen Monstern sprach? „Ich denke, das ist ein nobles Ziel“, fuhr Aragi unbeirrt fort. „Wir brauchen mehr noble Menschen wie dich… und mich im Kaiserreich.“ Leyla verzog das Gesicht. „Wir beide sind keine Seite derselben Münze.“ „Ach, wirklich?“ Aragi grinste, ohne sein Glas zu heben. „Hast du schon von der Auslöschung Drakias gehört?“ Leyla nickte nur knapp. Ja, sie hatte davon gehört. Drakia, das Dracharenkönigreich im Osten des Kontinents Garnime, war von einer plötzlichen Naturkatastrophe vernichtet worden. Das war zumindest die offizielle Erklärung. Doch sie hatte schon das Gefühl gehabt, dass mehr dahintersteckte. Es war ein Verbündeter des Kaiserreichs gewesen, wenn auch ein instabiler. Und jetzt – einfach verschwunden. „Ich habe wenig Interesse an den politischen Spielen fremder Nationen“, sagte sie ruhig. Aragi zuckte mit den Schultern, als würde er zustimmen. „Geht mir ganz genauso. Wie ähnlich wir uns doch sind.“ Dann beugte er sich leicht vor, der Glanz in seinen Augen wurde schärfer. „Aber weißt du, was mich interessiert? Das Mädchen, das diese Auslöschung zu verantworten hat.“ - ------------------------------------------------------------------------- „Nun, dieses Mädchen“, fuhr Aragi fort, ohne Leyla auch nur eine Sekunde zum Nachdenken zu lassen, „dieses Mädchen besitzt eine beängstigende Macht. Eine, wie man sie selten sieht. Und sie rollt geradewegs auf die Kaiserstadt zu, unaufhaltsam, als wäre sie eine Sturmwelle, entfesselt durch göttliche Hand.“ Sein Blick war noch immer auf das Fenster gerichtet, doch Leyla spürte, wie seine Aufmerksamkeit voll bei ihr lag. „Derzeit befindet sie sich im äußersten Osten, dort, wo der Ozean die Endlose Wüste küsst.“ Leyla verschränkte die Arme. Es berührte sie nicht. Noch nicht. Nicht, solange Yang ihr keinen Befehl erteilte. Nicht, solange es nicht ihr Auftrag war, sich darum zu kümmern. Sie würde keine Kraft in Aragis Andeutungen verschwenden, so sehr sie auch in ihr brodelten.  Doch Aragi hatte noch nicht fertig gesprochen. Sein Tonfall wurde sanfter, beinahe beiläufig – was seine Worte umso gefährlicher machte. „Noch beängstigender als sie ist der Mann, der sie lenkt. Der sie formt. Ein Mann, der dich einst unterrichtet hat… in der Gefangenschaft.“ Er sprach den Namen nicht aus. Musste er auch nicht. Die Erinnerung an Yaga schoss ihr wie kaltes Wasser durch die Adern. Der Oni mit den ruhigen Augen, dessen Training sie noch zu gut in Erinnerung hatte. Sie hatte ihn zuletzt im Süden, in der Nähe von Welldyl gesehen – es kam ihr wie eine Ewigkeit vor. Und nun war er zurück. „Aber gut“, fuhr Aragi fort und winkte mit der Hand, als hätte er über einen belanglosen Theaterbesuch gesprochen. „Das ist ja auch nicht weiter wichtig. Sag – darf ich dir vielleicht etwas zu essen bringen lassen? Ich kenne eine Küche im Gebäude, die noch echte kaiserliche Rezepte zubereitet.“ Er lächelte. Charmant. Berechnend. Gefährlich. Leyla musterte ihn. Wie könnte sie ihn aus der Fassung bringen? Da erinnerte sie sich an den einzigen Namen, der ihn – wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde – zum Zucken brachte. ,,Nein, danke“, erwiderte sie kühl. „Ich habe noch etwas anderes vor. Ich bin mit seiner Hoheit, Kronprinz Hypos, verabredet.“ Es war eine Lüge. Eine durchsichtige, aber solange Aragi nicht in ihren Verstand blicken konnte – und sie war sich ziemlich sicher, dass er das nicht konnte – war sie wirkungsvoll genug. Sein Gesicht veränderte sich nicht sofort. Doch dann, nach einem winzigen Moment zu langem Schweigen, in dem seine Pupillen sich verengten, reagierte er: „Wirklich?“ Seine Stimme war kontrolliert. Nur ein winziger Hauch von Unruhe. „Dann richte Seiner Hoheit doch bitte meine herzlichsten Grüße aus. Ich hoffe, ihr beide findet eine gute Gesprächsbasis.“ Leyla nickte knapp, nicht ohne Genugtuung. Ein Punkt für sie. Klein, aber spürbar. Sie wandte sich zum Gehen. Als sie an der Tür ankam, blieb ihr Blick an der Statue haften, die aud dem Bücherregal thronte – die Statue von Kaiser Verion III. Sie erinnerte sich, wie Aragi sie zerstört hatte. Und wie sie sie danach mit ihrer Magie wieder zusammengesetzt hatte. „Wie ich sehe“, sagte sie, ohne sich umzudrehen, „ist die Statue noch immer in bestem Zustand.“ Dann verließ sie das Büro, ohne eine Antwort abzuwarten. Ihre Schritte hallten selbstsicher durch den langen Korridor des Ministeriums, der von goldenem Licht durchflutet war. Doch ihr Geist war längst nicht so ruhig, wie ihr Gang vermuten ließ. Das Mädchen… war es das arme Ding, das noch gelegentlich in ihren Träumen vorkam? Die, die sie in den Visionen gesehen hatte? Und Yaga. Warum war er zurückgekehrt? Was plante er? Gedankenverloren trat sie aus dem Gebäude in die Mittagssonne. Die Kälte des Spätwinters war noch spürbar, aber das Licht versprach bereits den nahenden Frühling. Da wurde sie aus ihren Gedanken gerissen. Eine Stimme, ruhig und höflich, erklang aus der Nähe. [???] ,,Edle Miss Leyla, was haltet Ihr von einem Essen in einem Lokal in der Nähe? Ich lade Euch ein.’’ - ------------------------------------------------------------------------- Thibedeau van Trey lehnte lässig an einer der steinernen Säulen des Ministeriums, sein Blick fest auf Leyla gerichtet. Das Stirnband mit dem Horn war ein wenig verrutscht. Sein roter Mantel flatterte im kühlen Wind des Spätwinters, als wäre er selbst ein Banner, das die Standhaftigkeit seiner Person symbolisieren wollte. „General, Ihr in der Kaiserstadt?“ fragte Leyla, während sie ein leicht spöttisches Lächeln nicht unterdrücken konnte. Thibedeau löste sich von der Säule, trat mit ruhigem Schritt näher. „Unfreiwillig. Ein gewisser Minister hat mich zu einem Gespräch eingeladen. Höchst unerfreulich, wenn Ihr mich fragt. Aber wer kann sich dem höflichen Befehl eines Ministers schon widersetzen, ohne als unhöflich zu gelten?“ Leyla schmunzelte. Früher hätte allein seine Anwesenheit sie in Rage versetzt. Damals, bei ihrem ersten Aufeinandertreffen in Malyl, hatte sie ihn regelrecht gehasst – seine Art, sein Auftreten. Doch der Hass war einer kühlen Achtung gewichen, einem Respekt, der mit der Zeit gewachsen war. „Mein herzlichstes Beileid, General. Das Angebot zum Essen muss ich allerdings ablehnen – es gibt wichtigere Dinge. Doch wenn Ihr wünscht, dürft Ihr mich ein Stück begleiten.“ Thibedeau streckte ihr seinen Arm entgegen, eine Geste des Respekts, kein Versuch von Nähe. Er geleitete sie nicht als Befehlshaber, nicht als Gleichgestellter, sondern als Begleitung. Leyla nahm den Arm an, ließ sich auf das Spiel ein. „Gibt es etwas Bestimmtes, über das Ihr sprechen wollt?“ fragte sie, während sie gemeinsam durch die belebten Straßen der Kaiserstadt schritten. Der Lärm der Händler und das Hufgetrappel der Kutschen schienen sie nicht zu berühren – ihre Unterhaltung schloss die Welt um sie herum aus. „Ich nehme stark an, Minister Aragi hat auch mit Euch über ein gewisses Mädchen gesprochen.“ Leyla nickte leicht. Jetzt wurde es interessant. „Dieses Mädchen“, begann Thibedeau ruhig, „soll in der Lage sein, die Kräfte derer, die sie tötet, in sich aufzunehmen. Ihre Macht wächst mit jedem Blutvergießen. Wenn man ihr zu spät entgegentritt, könnte sie zu einer existenziellen Bedrohung für alles werden, was wir zu schützen versuchen.“ Leyla runzelte die Stirn. „Und warum erzählt Ihr das mir? Und nicht der Edlen Miss Yang?’’ Der General verzog die Lippen zu einem schmalen Lächeln. „Weil die Edle Miss Yang ohne zu zögern ihre Kopfgeldjäger entsenden würde. Sie würde handeln – vielleicht zu schnell. Und wenn sie Euch entsendet, mit Verlaub, Ihr wäret ihr im aktuellen Zustand nicht gewachsen. Noch nicht.“ Leyla warf ihm einen prüfenden Blick zu. Wie konnte er so sicher über ihre Stärke urteilen? Hatte er sie beobachtet? Hatte Aragi ihn mit Informationen versorgt? Thibedeau schien ihre Gedanken zu erraten. „Ihr fragt Euch sicher, woher ich das weiß, nicht wahr?“ Ein kurzes Nicken war Antwort genug. „Ein Freund hat es mir gesagt. Finn ist sein Name. Er meinte, Ihr würdet mir glauben, wenn ich ihn erwähne.“ Der Name weckte eine unerwartete Regung in ihr. Finn. Fast hätte sie ihn vergessen. Erst zweimal war sie ihm begegnet, und doch hatte er einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Nicht wegen seiner Stärke, sondern wegen seines Wissens – seiner Ruhe. „Habt Ihr ihn nicht damals in Malyl gejagt?“ fragte sie scharf. „Das habe ich“, entgegnete Thibedeau ohne Zögern. „Es war mein Befehl. Ich habe ihn allerdings erst getroffen, als der Auftrag längst nicht mehr gültig war. Seitdem... schätze ich seine Ratschläge.“ Ein seltener Ton von Ehrlichkeit klang in seiner Stimme mit. Leyla schwieg einen Moment, ehe sie fragte: „Und was gedenkt Ihr zu tun, wenn dieses Mädchen so gefährlich ist, wie Ihr sagt?“ Van Treys Antwort kam mit einem Lächeln. „Ich werde sie mit meinen eigenen Händen aufhalten.“ Leyla blieb fast stehen. „Ihr glaubt also, dass Ihr es könnt – obwohl Ihr meint, dass ich es nicht kann?“ „Finn hat mir nicht gesagt, ob ich gewinnen werde. Die Frage kam nicht auf. Aber ich weiß, was ich kann. Und ich weiß, dass ich es versuchen muss.“ Sein Blick war klar, unverrückbar wie ein alter Felsen. „Ich bitte Euch lediglich darum, dieses Gespräch für Euch zu behalten. Ich wusste nicht, ob Ihr es geheim halten würdet.“’ Leyla verstand jetzt, warum er sie angesprochen hatte. Nicht um Rat zu suchen, sondern um sich abzusichern. Er hatte längst entschieden, was er tun würde. Es ging nur noch darum, ob sie ihm den Rücken freihielt – oder ihn verriet. „Keine Sorge“, sagte sie leise. „Ich behalte es für mich.“ An der nächsten Abzweigung ließ sie seinen Arm los. Ihre Schritte verlangsamten sich. „Hier trennen sich unsere Wege. Viel Erfolg, General.“ Van Trey verbeugte sich leicht, nicht theatralisch, sondern wie ein Mann, der sich bewusst war, dass dies ein Moment der Bedeutung war. „Ich danke Euch, Kaiserliche Kopfgeldjägerin Leyla. Möge Euer Weg klar und Euer Ziel nahe sein.“ Dann drehte er sich um, sein roter Mantel schwang mit einer letzten Bewegung im Wind, ehe er in der Menge der Kaiserstadt verschwand. Leyla blickte ihm noch einen Moment hinterher. Dann ging auch sie weiter – allein, aber nicht mehr unvorbereitet.

  • Kapitel 187 - Was uns verändert

    Leyla ließ sich rücklings auf ihr Bett fallen, die Arme weit ausgestreckt, als müsse sie sich in die weiche Matratze fallenlassen wie in einen schützenden Kokon. Kaum hatten sie und Alexandra ihren Wohnbereich betreten, hatte Eroica mit einem verständnisvollen Nicken Zensa und Vinessa in ihr eigenes Zimmer geführt – ein leiser, wortloser Akt des Respekts. Nun waren sie allein.  Alexandra setzte sich langsam neben Leyla und betrachtete sie für einen Moment, bevor sie begann, ihr mit sanften Bewegungen durch das Haar zu streichen. Die Geste war vertraut, beruhigend, zärtlich – und dennoch lag ein Schatten über ihnen, der sich nicht vertreiben ließ. Leyla schloss die Augen und atmete langsam aus. Doch der Frieden währte nur kurz. „Möchtest du erzählen, was mit Betty, Karst und Jevry passiert ist?“ fragte sie leise, ohne die Augen zu öffnen. Alexandra schwieg. Für einige Sekunden war nur ihr gleichmäßiger Atem zu hören, dann kam die Antwort: „Sie wurden getötet. Von einem Drachar.“ Leylas Augen öffneten sich langsam. Ihr Blick blieb auf die Decke gerichtet. „Ich verstehe“, sagte sie tonlos. Dann, nach einer Pause: „Das tut mir leid.“ Stille legte sich über das Zimmer, wie eine schwere, unsichtbare Decke. Keine Tränen, keine Wut – nur ein leises Vibrieren unter der Oberfläche. Leyla wusste, dass sie traurig sein sollte. Vielleicht auch wütend. Doch der Runenstein der Erde ließ diese Gefühle nicht mehr zu. Die Erde kannte diesen Schmerz nicht. Schließlich war es Alexandra, die die Stille durchbrach. „Leyla? Was hat es mit den Runensteinen auf sich?“ Die Worte durchbrachen die Ruhe wie ein Blitzschlag. Leyla schoss hoch – zu schnell – und stieß sich mit voller Wucht den Kopf am Nachttisch. „Aua…“ Sie verzog das Gesicht, rieb sich die schmerzende Stelle und starrte den Tisch an, als hätte der ihr absichtlich wehgetan. Alexandra konnte sich ein leises Lächeln nicht verkneifen, auch wenn es nur kurz aufblitzte. Dann wurde ihr Blick wieder ernst, durchdringend. „Also hatte ich recht. Die Runensteine sind dir ein Begriff.“ Leyla setzte sich aufrecht hin, drehte sich zu ihr um und begegnete ihrem Blick. „Ich erzähle dir gerne davon. Aber vorher musst du mir sagen, woher du davon weißt. Und wie viel du weißt.“ In ihrem Innern begann sich etwas zu regen – eine Unruhe, die sie nicht benennen konnte. Hatte Aragi Alexandra eingeweiht? Oder jemand anderes? Warum gerade sie? Alexandra schien zu spüren, wie angespannt Leyla wurde. Ihre Haltung wurde fester, ihre Stimme kontrolliert. „Fangen wir mit dem Abend an, an dem Betty, Karst und Jevry gestorben sind. Wir waren in einer Taverne in Tunike. Es war ein ganz normaler Abend – wir lachten, tranken, planten die nächsten Tage. Dann setzte sich ein Mann zu uns. Ein Drachar. Klein, schweigsam, mit einer Kapuze. Und dann begann er, uns nach dir auszufragen. Ob wir dich kennen. Ob du dich auf den Weg zum Denja-Dschungel machst.“ Leyla blinzelte. Sie kannte keinen Drachar außer Zuphoor, dem zweiten Kaiserlichen Kopfgeldjäger – und der hatte seit Monaten die Kaiserstadt nicht mehr verlassen. Wer also war dieser Mann? Und warum interessierte er sich für den Denja-Dschungel? „Was wollte er dort?“ fragte sie mit wachsender Sorge. Sie erinnerte sich an die Worte Eroicas, dass sich im Dschungel vermutlich ein Runenstein befand. „Das hat er nicht gesagt“, antwortete Alexandra und schüttelte den Kopf. „Er war... beunruhigend. Ruhig, aber unheimlich. Als wir nicht mit ihm reden wollten, holte er einen kleinen schwarzen Stein aus seiner Tasche. Mit seltsamen Runen. Dann… hat er uns einfach getötet. Ohne Vorwarnung. Nacheinander.“ Leyla spürte, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten. Ein Runenstein, der töten konnte? Ihre Gedanken rasten. Wie viele dieser Steine besaß er noch? Was konnte dieser Stein noch tun? „Aber du lebst“, sagte sie leise. „Was ist dann passiert?“ Alexandra wandte den Blick ab. Für einen Moment schien sie unsicher. „Er hat mich wiederbelebt. Mit demselben Stein.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Danach hat er mir einen Auftrag gegeben. Er sagte, ich solle zum Berg der Dämonen gehen.“ Leyla hielt den Atem an. Der Berg der Dämonen. Ein verlassener Ort voller Legenden. Das Zentrum des alten Dämonenkults. Dort, wo die Statuen der Zehn Erzdämonen standen. Ein Ort, den kaum jemand freiwillig aufsuchte. „Und? Warst du da?“ fragte sie, die Stimme rau vor Anspannung. Alexandra blickte sie an – nachdenklich, beinahe vorsichtig. Und dann sagte sie einen Satz, der Leyla traf wie ein Hieb. „Machen dir die Tode von den dreien eigentlich nichts aus? Du wirkst... merkwürdig ruhig. Nicht bestürzt. Nicht traurig.“ - ------------------------------------------------------------------------- Leyla erstarrte. Nicht wegen der Kälte, nicht wegen der Worte selbst, sondern wegen dem, was sie tief in sich spürte – und nicht spüren durfte. Es war, als ob sich in ihrer Brust etwas rührte, ein Schatten von Schmerz, ein Echo von etwas Verlorenem. Doch bevor sich der Funke der Trauer vollends formen konnte, war er auch schon wieder fort. Begraben. Verschluckt vom Runenstein der Erde, der ihre Seele wie eine zweite Schicht umhüllte. Hart. Unerbittlich. „Es ist nicht so, dass es mir egal ist…“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. Sie blickte Alexandra nicht an. Zu schwer war der Moment. Sie schwieg. Nicht aus Feigheit, sondern weil sie sich fragen musste, ob sie wirklich alles teilen konnte. Die Runensteine waren mehr als nur Macht. Sie waren ein Fluch. Ein Versprechen. Sie waren eine Gefahr. „Aber?“ fragte Alexandra sanft. Leyla schloss die Augen. Als sie sprach, klang ihre Stimme klarer. „Es ist nicht so, dass es mir egal ist, aber… ich bin nicht mehr fähig, dem Verlorenen nachzutrauern. Ich würde es gern – doch etwas in mir lässt es nicht zu. Es hat mit einem der Runensteine zu tun. Ich erzähle dir mehr… doch ich möchte vorher wissen, was genau dir passiert ist. Und was du über sie weißt.“ Alexandra sah sie lange an. Ihr Blick war weich, doch in ihm lag auch Erschöpfung. Eine einzelne Träne sammelte sich in ihrem linken Augenwinkel, schwer wie eine Erinnerung. Doch noch bevor sie über ihre Wange rollen konnte, wischte sie sie mit einer raschen Bewegung fort. Dann nickte sie stumm. „Auf dem Berg der Dämonen bin ich in einen Tempel gegangen. Ich dachte erst, es wäre ein Zufall, dass ich überhaupt hineingelangt war… Aber als ich den innersten Raum betrat, geschah etwas. Ich wurde hineingezogen – nicht körperlich, eher… wie in einen anderen Ort. Vielleicht ein Traum, vielleicht etwas Jenseitiges.“ Leyla lauschte mit angehaltenem Atem. „Dort… traf ich sie“, fuhr Alexandra leise fort. „Die Erzdämonin Jess.“ Leylas Magen zog sich zusammen. Der Name hallte in ihr nach wie ein kalter Schlag. Sie hatte Bläsk gesehen – gesehen, wie er sie getötet, zerschmettert, zerrissen hatte. Wie er ihr das Leben genommen hatte. Und sie hatte überlebt – nur durch Roxy, die das Opfer im Raum der Kerzen stattdessen unfreiwillig gebracht hatte. Und nun hatte Alexandra Jess getroffen. „Bist du sicher?“ fragte Leyla mit rauer Stimme. „Bist du dir sicher, dass es sie war?“ Alexandra nickte langsam. „Es war kein Zweifel möglich. Ihre Präsenz… Die Flügel…“ Leyla warf ihr einen forschenden Blick zu. Doch alles, was sie in Alexandras Gesicht fand, war stille Ehrlichkeit. Keine Spur von Spott, keine Übertreibung. Nur ein leiser, erschütternder Ernst. „Was wollte sie von dir?“ fragte Leyla vorsichtig. Alexandra zögerte. „Zuerst war sie… neugierig. Sie sagte, ich hätte eigentlich keinen Zutritt haben dürfen. Nur jene mit Runenstein dürften jenen Ort überhaupt betreten. Doch ich war dort. Dann… hat sie in meine Erinnerungen gesehen. Ich weiß nicht, wie. Sie hat dich gesehen, Leyla. Und sie hat dich eine Jüngerin genannt.“ Leylas Herz setzte einen Schlag aus. Sie spürte, wie ihr der Boden unter den Füßen zu entgleiten schien. Alexandra sah den Schock in ihrem Gesicht, sah das Zittern in ihren Händen, und senkte sofort den Blick. „T-tut mir leid…“ Doch Leyla hob eine Hand. Tief durchatmend, versuchte sie, sich zu sammeln. „Nein. Es ist gut. Ich will die Wahrheit hören. Bitte… erzähl weiter.“ Ein Moment der Ruhe. Dann, ohne sich abzuwenden, griff Alexandra nach Leylas Hand. Ihre Finger waren warm, leicht zitternd. Eine vertraute Nähe legte sich zwischen sie. „Jess hat mir ein Angebot gemacht. Oder… vielleicht war es eher ein Befehl.“ Sie stockte. Leyla nickte auffordernd. „Sie hat mich zu einer Dämonin gemacht.“ Leyla zuckte zusammen, doch Alexandra ließ ihre Hand nicht los. „Im Gegenzug“, fuhr sie fort, „will sie eines Tages, nur für eine Stunde, mit mir den Körper tauschen können.“ - ------------------------------------------------------------------------- Wollte Jess sie töten? Genauso wie Bläsk es versucht hatte? Und wenn ja, konnte Leyla es verhindern? Sie war ohne Zweifel stärker als früher, erfahrener, kontrollierter – aber tief in ihrem Innern wusste sie, dass Jess eine andere Liga war. Sie würde keine Chance haben. „Du bist also… zu einer Dämonin geworden?“ fragte sie leise. Alexandra nickte langsam, beinahe schuldbewusst. „Ich bin danach noch einmal zurück zum Berg gegangen. Dort war ein alter Mann – auch ein Dämon. Er hat mir geholfen. Gezeigt, wie ich das, was ich nun bin, verstecken kann.“ Leyla betrachtete ihre Freundin mit forschendem Blick. Sie wirkte kräftiger, aufrechter, als hätte sie in den letzten Wochen nicht nur neue Kräfte gewonnen, sondern auch neue Lasten schultern müssen. Und doch… sie sah noch immer aus wie die Alexandra, die sie liebte. „Danach bin ich in die Kaiserstadt gereist, um dich zu sehen. Das ist jetzt etwa zwei Wochen her. Hier bin ich Nea begegnet… und Eroica. Eroica hat mich Rhovar Trellis vorgestellt. Er hilft mir seitdem, meine Kräfte zu kontrollieren und zu trainieren. Ich war heute auch bei ihm.“ Leyla spürte, wie ihre Gedanken zu rasen begannen. Jess. Der Berg der Dämonen. Rhovar Trellis. Ihre Freundin, ein wandelnder Pakt. Es war viel – zu viel – und dennoch glaubte sie ihr jedes Wort. Weil es Alexandra war. Alexandra schien ihren Blick zu bemerken. Dann, ohne jede Vorwarnung, veränderte sich etwas. Schwarze Hörner durchbrachen die Stirn der Elfe, zwei dunkle Schwingen entfalteten sich mit einem leisen Rascheln hinter ihr. Leyla spürte einen stechenden Schmerz in ihrer Hand – schwarze Klauen hatten sich in ihre Haut gebohrt. „T-Tut mir leid!“ rief Alexandra erschrocken, ihre Stimme zitternd vor Angst. Sie zuckte zurück, wollte sich von Leyla lösen. „Ich verstehe, wenn du mich jetzt anders siehst…“ Doch Leyla antwortete nicht mit Worten. Stattdessen beugte sie sich vor und küsste sie. Sanft. Ohne Eile. Ohne Zögern. Sie spürte die feinen, spitzen Reißzähne an ihrer Zunge, spürte das leise Beben unter Alexandras Haut – aber nichts davon störte sie. Im Gegenteil: Es fühlte sich vertraut an. Echt. Auf eine neue, tiefere Weise. Als sie sich wieder voneinander lösten, lag ein Glanz in Leylas Augen. „Warum sollte ich dich anders behandeln?“ flüsterte sie. „Du bist immer noch du, Alexandra. Vielleicht stärker. Vielleicht verändert. Aber immer noch die, die ich liebe.“ Alexandras Augen füllten sich mit Tränen. „Aber ich habe dich verletzt… und ich… ich sehe so anders aus.“ Leyla nahm ihre Hand, zeigte ihr die Stelle, an der die Klaue sie eben verletzt hatte – nichts als glatte Haut. „Verletzt? Meinst du das hier?“ Ein leises Lächeln huschte über ihre Lippen. Der Runenstein der Heilung hat sich längst darum gekümmert. Alexandra öffnete den Mund, wollte etwas sagen – aber kein Laut kam heraus. „Und was dein neues Aussehen angeht“, fuhr Leyla fort, „die Hörner, die Flügel, die Krallen – sie stehen dir verdammt gut. Und deine Reißzähne…“ Sie legte einen Finger sanft auf Alexandras Lippen. „…die finde ich ehrlich gesagt ziemlich heiß.“ Ein leises, zitterndes Lachen entrang sich Alexandras Brust. Ihre Unsicherheit war noch nicht ganz verschwunden, aber Leylas Worte hatten sie getroffen – genau dort, wo sie gebraucht wurden. „Sicher?“ hauchte sie. Leyla nickte fest. „Ganz sicher. Und ich zeig dir jetzt, wie sehr ich dich liebe.“ Sie zog Alexandra behutsam zu sich, küsste sie erneut – tiefer diesmal, wärmer. Ihre Körper fanden sich, als hätten sie nie getrennt existiert. Während der Kuss andauerte, ließ Leyla ihre Finger über Alexandras Wange gleiten, über ihren Hals, zu ihrer Taille. Sie drückte sie sanft ins Kissen, das weiße schimmernde Licht des Mondes fiel durch das Fenster und spiegelte sich in ihren Augen. Mit vorsichtigen Bewegungen streifte sie ihrer Geliebten die Kleidung vom Leib, nahm sich Zeit für jede Berührung, jeden Atemzug, jedes Zittern. Ihr Herz klopfte ruhig – nicht wegen Erregung, sondern wegen Vertrauen, wegen Nähe, wegen Liebe, die trotz allem überlebt hatte. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla und Alexandra lagen nebeneinander, eingehüllt in die weiche Decke, die ihre nackten Körper schützend umhüllte. Die Kälte des Raums war kaum spürbar – nicht, weil sie nicht existierte, sondern weil sie im Licht der Zweisamkeit keinen Platz fand. Leylas Atem ging noch leicht beschleunigt, doch mit jedem Herzschlag wurde er ruhiger, gleichmäßiger, tiefer. Sie fühlte die Wärme Alexandras neben sich, spürte ihren Herzschlag, spürte sich selbst. Einige Sekunden vergingen in angenehmer Stille, ehe Alexandra sich leicht zur Seite drehte, ihren Kopf auf den Arm stützte und sie ansah. „Erzählst du mir jetzt von den Runensteinen?“ fragte sie mit leiser Stimme. Kein Drängen, keine Ungeduld – nur ehrliches Interesse und die Bitte um Vertrauen. Leyla sah sie einen Moment lang an. Ihre blauen Augen, der leichte Glanz von Neugier, Sorge und Zuneigung – es fühlte sich richtig an. Sie atmete tief ein und aus, dann drehte sie sich ebenfalls auf die Seite und begann zu sprechen. „Es gibt insgesamt zwölf Runensteine“, begann sie. Ihre Stimme war ruhig, fast erzählerisch. „Jeder von ihnen trägt eine uralte, elementare Kraft in sich.“ Alexandra blieb stumm, hörte aufmerksam zu, hing an jedem Wort. „Vor etwa einem Jahr habe ich den ersten gefunden. In einem alten Engelstempel, in der Nähe von Malyl. Es war der Runenstein der Erde. Ich habe ihn nicht nur gefunden – ich habe ihn berührt. Und in diesem Moment… ist etwas geschehen. Ich habe ihn aufgenommen. In mich. Seitdem ist er ein Teil von mir.“ Sie schloss kurz die Augen, erinnerte sich an das grollende Echo der Erde, das ihren Körper durchdrungen hatte, bevor sie den Berg zum einstürzen gebracht hatte. „Später, in Mylrie, fand ich den Runenstein des Meeres – und dann vor wenigen Wochen im Grünwald den Stein der Heilung. Ich habe alle drei absorbiert. Ihre Kräfte… gehören nun zu mir. Ich kann sie nutzen. Sie machen mich stärker, ja. Aber sie verändern auch, wer ich bin.“ Ein leichtes Zittern durchlief Alexandra, kaum merklich. Leyla spürte es. „Und du bist die Einzige, die das kann?“ fragte Alexandra schließlich leise. „Zumindest scheint es so“, antwortete Leyla. „Andere können sie berühren, ja. In Teilen können sie kurzfristig ihre Magie nutzen. Doch sie verschmelzen nicht mit ihnen. Der Titel Jüngerin wurde mir von außen gegeben – von jenen, die wissen oder spüren, was ich geworden bin. Ich habe ihn mir nie selbst gewählt.“ Einen Moment lang war nur das Flackern einer nahen Kerze zu hören. Leyla zögerte. Es gab mehr, viel mehr. Den Raum der Kerzen. Das seltsame Band, das sie am Leben hielt. Aber das musste noch warten. „Der Drachar, von dem du gesprochen hast… ich denke, er weiß von all dem. Vielleicht sogar mehr als ich. Er scheint dieselben Steine zu suchen. Und er hat offenbar keine Skrupel, sie mit Gewalt an sich zu reißen.“ Sie schluckte. „Im Denja-Dschungel soll einer verborgen sein. Ein Runenstein, der es dem Träger erlaubt, Tiere und Monster zu befehligen. Wenn er den in die Hände bekommt…“ Alexandra unterbrach sie. Ihre Stimme war voller Entschlossenheit: „Dann werden wir ihn finden, bevor er es tut. Ich will mich rächen. Für Betty. Für Karst. Für Jevry.“ Leyla nickte. „Und ich brauche den Stein, den er bereits besitzt. Wenn wir ihn gemeinsam finden, können wir beide unsere Ziele erreichen.“ Ein schwaches Lächeln huschte über Alexandras Lippen. Es war nicht fröhlich – aber dankbar. „Danke, Leyla.“ Doch dann wurde ihr Blick wieder ernst, fast zögerlich. „Darf ich dich noch etwas fragen?“ murmelte sie. „Warum… warum kannst du keine Trauer empfinden? Du wirkst so… still, wenn du von den Toten sprichst.“ Leyla starrte zur Decke, ihre Miene wurde schwer. „Das liegt am Runenstein der Erde“, begann sie langsam. „Er… hat einen eigenen Willen. Wie die anderen auch. Aber er ist besonders. Hart. Unnachgiebig. Er will mich zu einem Werkzeug machen. Zu einem Monster. Unerschütterlich, unbeugsam. Deshalb nimmt er mir die Trauer. Den Schmerz. Alles, was mich langsamer machen würde. Was mich zögern ließe.“ Alexandra drehte sich wieder zu ihr, Tränen schimmerten in ihren Augen. „Aber ist das nicht schrecklich?“ flüsterte sie. „So zu leben, ohne fühlen zu können, was dich menschlich macht?“ Leyla schwieg. Dann drehte sie sich auf den Rücken, betrachtete das dunkle Gewölbe über ihr. „Vielleicht ist es das“, sagte sie leise. „Vielleicht habe ich längst aufgehört, ganz ich selbst zu sein.“ Alexandra legte ihre Stirn gegen Leylas Schulter. Die Decke raschelte leise. Und inmitten der stillen Nacht fühlte sich ihre Nähe an wie ein Gegengewicht zur Last der Runen – klein, aber bedeutend. - ------------------------------------------------------------------------- Es vergingen einige Minuten in wohliger Stille, bis Alexandra schließlich die Stille durchbrach. Ihre Stimme war sanft, fast tastend. „Du hast wirklich Glück, Leyla. Mit Freundinnen wie Eroica und Nea …“ Leyla nickte langsam, das Gesicht noch halb in das Kissen gedrückt. Sie musste nicht lange überlegen – ja, sie war dankbar. Für Eroica, für Nea, für Vinessa … und vor allem für Alexandra. Inmitten aller Macht, aller Kämpfe, aller Bürden war es dieses Band zu ihnen, das sie aufrecht hielt. „Ich möchte an deiner Seite sein“, fuhr Alexandra fort. „Mit dir gemeinsam kämpfen. Dich stützen, wenn du wankst. Auch wenn du dich immer weiter veränderst, stärker wirst, vielleicht irgendwann sogar … etwas anderes wirst – ich will dich trotzdem begleiten. Ich will mitwachsen, stärker werden. Ich werde dich nicht im Stich lassen.“ Leyla zögerte. Ein Teil von ihr wollte sofort Ja sagen. Doch ein anderer zögerte. Der Gedanke an Bläsk durchzuckte sie wie ein kalter Schauer – was, wenn er zurückkam? Was, wenn Alexandra ihm begegnete? Wenn sie starb … und Leyla nichts fühlte? Wenn das Gefühl der Trauer wieder ausblieb, so wie schon bei Filia? Bei Bunj? Bei Betty, Karst und Jevry? Das war keine Angst um sich selbst. Es war die Angst, den Verlust nicht mehr als Verlust zu begreifen. Nicht trauern zu können, weil der Runenstein der Erde ihr das Herz verschlossen hatte. Alexandra bemerkte ihr Schweigen, rückte näher heran, schob sich vorsichtig an sie und legte die Arme um ihre Taille. „Bitte, Leyla“, flüsterte sie eindringlich. „Ich will nicht, dass du diesen Weg allein gehen musst. Du brauchst jemanden, der dich versteht. Jemanden, der bei dir bleibt – egal, was kommt.“ Leyla spürte, wie langsam der Damm in ihr bröckelte. Eine Mauer, gebaut aus Pflicht, Schmerzlosigkeit und Kontrolle, begann Risse zu zeigen. Vielleicht konnte sie sich nicht vollständig öffnen, nicht weinen wie früher – aber sie konnte annehmen, was ihr angeboten wurde. „Ich will den Kaiserlichen Kopfgeldjägern beitreten“, sagte Alexandra nach einer kurzen Pause. Ihre Stimme war entschlossen. „Rhovar meinte, ich sei stark genug. Und der zehnte Platz ist doch noch offen, oder?“ Leyla seufzte. Es stimmte – der zehnte Sitz im Kreis der Kopfgeldjäger war unbesetzt geblieben. Sie drehte sich zu Alexandra, sah in ihre klaren, aufrichtigen Augen. „Wenn Yang dich in die Gruppe aufnimmt, kann ich wenig dagegen sagen. Und ehrlich gesagt – ich will dich auch dabeihaben.“ Alexandra grinste. „Dann fragst du sie für mich?“ Leyla erwiderte das Grinsen mit einem kleinen Lächeln und gab ihr einen zarten Kuss auf die Wange. „Natürlich. Ich werde mit ihr sprechen.“ Doch dann wurde ihr Blick ernster. Ein Gedanke hatte sich in ihre Euphorie geschlichen – Jess. Die Erzdämonin, mit der Alexandra einen verhängnisvollen Pakt geschlossen hatte. „Wir müssen über Jess sprechen“, begann sie ruhig. „Solange wir nicht wissen, was genau sie plant – und wann sie deinen Körper für eine Stunde übernehmen will – können wir ihr nicht trauen. Wir müssen auf der Hut sein.“ Alexandra nickte sofort. Ihre Miene wurde schmal. Es war beiden klar, ohne dass sie es laut aussprechen mussten: Jess war gefährlich. Mächtiger als alles, was sie bisher getroffen hatten. Mächtiger vielleicht sogar als Yang. Und wenn sie sich entschloss, zu erscheinen – waren sie ihr momentan völlig ausgeliefert. „Ich werde morgen mit Yang sprechen“, fuhr Leyla fort. „Ich werde dich vorschlagen – als neue Kopfgeldjägerin. Und ich werde auch den Antrag stellen, dass wir gemeinsam zum Denja-Dschungel reisen dürfen. Wir müssen dem Drachar zuvorkommen. Den Runenstein sichern.“ Sie zögerte kurz, dann legte sie die Stirn an Alexandras Schulter. „Aber von den Runensteinen darf niemand erfahren. Vor allem nicht Yang. Wenn sie davon weiß … ich weiß nicht, was sie tun würde.“ Alexandra verstand sofort. „Das ist mir klar. Ich werde kein Wort sagen.“ Leyla war dankbar für das Vertrauen. „Vinessa weiß es bereits – sie hat mit den Feen den Runenstein der Heilung bewacht. Und Eroica … ihr habe ich mich anvertraut. Noch bevor ich den zweiten Stein gefunden habe. Sie hat ein Schweigesiegel auf sich gelegt.“ Ein Moment der Ruhe trat ein. Leyla zog Alexandra sanft näher an sich, ihre Finger strichen über die Linien ihrer Schulter, fuhren sanft über die Flügel, die sich nicht mehr verstecken mussten. „Ich bin so froh, dass wir uns wiedergefunden haben“, flüsterte sie. „Ich habe dich vermisst.“ Alexandra schloss die Augen, ein stilles Lächeln auf den Lippen. Sie beugte sich vor und küsste Leylas Stirn – sanft, liebevoll. Mit einer Kralle fuhr sie zärtlich Leylas Rücken entlang, als wolle sie jedes Fragment ihrer Nähe spüren. „Ich dich auch, Leyla. Du fehlst mir jedes Mal, wenn du nicht bei mir bist.“ Leyla spürte, wie ihr Körper langsam zur Ruhe kam. Ihr Herz war leicht, der Knoten in ihrer Brust etwas gelöst. Und obwohl sie wusste, dass der Weg vor ihnen schwer sein würde, fühlte sie sich zum ersten Mal seit Langem nicht mehr allein. „Ich liebe dich“, flüsterte sie – kaum hörbar. Dann schloss sie die Augen. Und fiel in einen tiefen, friedlichen Schlaf.

  • Kapitel 186 - Ein Schatten hinter dem Lächeln

    „Ich bin wieder da“, flüsterte Leyla, beinahe ehrfürchtig, als sie gemeinsam mit Zensa und Vinessa das wuchtige Tor zur Kaiserstadt durchschritt. Die Abendsonne lag wie ein goldener Schleier über den verschneiten Straßen, tauchte die Dächer, Türme und Statuen in warmes Licht, während der Frost unter ihren Stiefeln knackte. Der vertraute Geruch von Schnee, Ruß und gebranntem Wein stieg ihr in die Nase – ein Duft, der für sie Heimat bedeutete.  Sie hatte die Wochen fernab dieser Mauern genossen, das Rauschen der Wildnis, das Flüstern der Feen, die Freiheit, fern von Befehlen, Rängen und Erwartungen. Doch jetzt, da sie zurück war, merkte sie, wie sehr ihr das alles gefehlt hatte. Und wie sehr sie sich nach den beiden Frauen sehnte, die hier auf sie warteten. „Das ist also die Kaiserstadt“, hauchte Vinessa mit aufgerissenen Augen, während sie aus Leylas Brusttasche spähte. Die kleine Fee war sichtlich überwältigt. Als Tochter des Feenwaldes hatte sie nie zuvor eine Stadt gesehen, geschweige denn eine Metropole wie diese, mit ihren emporragenden Türmen, ihren unzähligen Fenstern und dem Durcheinander von Kutschen, Marktständen und rauchenden Schornsteinen.  Leyla nickte nur flüchtig, ihre Gedanken drifteten ab.  Sie dachte nicht an die steinernen Mauern oder die gaffenden Passanten, nicht an die Garnisonen oder die kaiserliche Wache, die an den Straßenecken patrouillierte. Ihre Gedanken galten zwei ganz bestimmten Personen: Nea und Eroica. Ihrer besten Freundin. Und der Frau, die ihr immer zur Seite stand, der sie alles anvertrauen konnte. Zensa hingegen schien wenig beeindruckt. Er schlenderte mit den Händen in den Taschen hinterher, die grünlichen Haare zerzaust, die goldenen Augen halb geschlossen, als langweilte ihn das ganze Spektakel.  Selbst die prachtvollen Statuen, die steinernen Drachen an den Dachrinnen, die kaiserlichen Banner, die im Wind flatterten – nichts schien seine Aufmerksamkeit wirklich zu fesseln. Leyla warf ihm einen prüfenden Blick zu. Er war wieder ganz der Junge, der auf dem Baumstamm gesessen und in den Himmel gestarrt hatte – hochmütig, stolz, aber nicht ohne Grund. Und dennoch schwang in seinem Gang jetzt eine Spur Achtung mit, die vorher nicht da gewesen war. Die Passanten erkannten sie. Einige blieben stehen, andere flüsterten ihrem Gegenüber etwas zu. Manche deuteten auf sie, andere wichen ehrfürchtig zur Seite. Leyla nahm es nur am Rande wahr. Früher hatte es sie gestört – diese Blicke, das Getuschel, die Aura der Heldin, oder des Monsters, die man ihr aufzwang. Doch heute? Heute war sie zu müde, zu gedankenschwer, als dass sie sich darum kümmerte. Ihr Blick blieb starr nach vorne gerichtet, die Schritte wurden schneller, der Atem flacher. Sie wollte nur ankommen. Nach etwa zwanzig Minuten, die ihr kürzer vorkamen als gedacht, erreichten sie das massive Gebäude mit den hohen Fenstern und dem steinernen Emblem über dem Eingang. Das Hauptquartier der Kaiserlichen Kopfgeldjäger. Wie oft war sie diesen Weg gegangen? Und doch fühlte es sich heute anders an. Der Schnee hatte den Vorhof in ein fast unberührtes Weiß gehüllt. „Endlich zuhause“, sagte Leyla leise und fast andächtig, während sie stehen blieb. Zensa trat an ihre Seite, musterte das Gebäude mit gerunzelter Stirn. „Schon ziemlich düster“, murmelte er lakonisch und setzte zum Weitergehen an. Doch Leyla griff blitzschnell nach seiner Schulter, hielt ihn zurück und zog ihn hinter sich. „Bleib hinter mir“, sagte sie eindringlich, ihre Stimme deutlich ernster. „Wenn du einfach so vorgehst, halten sie dich womöglich für einen Eindringling.“  Zensa nickte nur, der arrogante Glanz in seinen Augen wich einem Anflug von Respekt. Während der Reise hatte er oft zugehört, wenn sie von den Kopfgeldjägern sprach – von ihrer Verantwortung, von Yang, von den Kämpfen. Auch wenn er das meiste mit einem Schulterzucken quittiert hatte, war ihr nicht entgangen, wie aufmerksam er eigentlich war. Gemeinsam betraten sie das Grundstück, der Kies knirschte unter ihren Schuhen. Der Weg war vom Schnee halb bedeckt, aber die Spuren von den Kopfgeldjägern, ihren Dienern und den Besuchern hatten einen schmalen Pfad freigewalzt.  Leyla schritt voraus, ihre Hand locker am Griff ihres Schwerts. An der Eingangstür zögerte sie kurz, dann öffnete sie sie mit einem festen Ruck. Der Gemeinschaftsraum lag still und leer vor ihnen – kein Lachen, kein Stimmengewirr, kein vertrautes Klirren von Bechern oder das Murmeln geheimer Pläne. „Niemand scheint da zu sein. Wir können direkt zu mir“, sagte sie, ohne sich umzudrehen. Zensa folgte ihr schweigend, Vinessa schwebte dicht über ihrer Schulter. Die Flure waren kühl, die Steinwände von flackernden Fackeln nur spärlich erleuchtet. Alles wirkte ruhig, beinahe unheimlich. Doch als Leyla vor ihrer Tür anhielt und sie langsam öffnete, wich jede Unsicherheit einem warmen, vertrauten Gefühl. Denn dort, inmitten des spärlich beleuchteten Raums, saß Eroica. Ihre Leibdienerin. Ihre Vertraute. Die eine Konstante in Leylas Leben, wenn alles andere ins Wanken geriet. Sie sah auf, lächelte – und für einen Moment schien die ganze Welt stehen zu bleiben. -------------------------------------------------------------------------- „Leyla, Ihr seid wieder da!“ rief Eroica mit glänzenden Augen, noch ehe Leyla ganz über die Schwelle getreten war. Leyla zögerte keine Sekunde, durchquerte in wenigen Schritten den Raum und schloss ihre treue Dienerin in die Arme. Der vertraute Duft von warmem Kerzenwachs und getrockneten Kräutern stieg ihr in die Nase – ein Duft, der ihr augenblicklich das Gefühl von Zuhause zurückbrachte. Der an langen Nächten erinnerte, in denen Eroica still in einer Ecke saß, lesend, während Leyla sich von einem harten Auftrag erholte. „Eroica… es tut so gut, dich zu sehen“, sagte Leyla leise und drückte sie noch fester, bevor sie sich langsam wieder löste. Eroica erwiderte ihr Lächeln mit Sanftmut. „Wollt Ihr mir erzählen, wie der Auftrag verlaufen ist?“ „Natürlich“, erwiderte Leyla und ließ sich auf einen der gepolsterten Sessel fallen. „Aber vorher möchte ich dir zwei neue Freunde vorstellen.“ Sie deutete mit einer leichten Kopfbewegung auf Vinessa, die begeistert um einige Pflanzen flatterte, die in kunstvoll verzierten Tontöpfen zwischen den Bücherstapeln standen – eine kleine grüne Oase im Raum. „Das ist Vinessa. Ich habe sie im Feenwald getroffen. Seitdem begleitet sie mich.“ Vinessa sah auf, schwirrte in einem verspielten Bogen durch den Raum und schmiegte sich ohne jede Scheu an Eroicas weiches Fell. „Soo weich…“ murmelte sie, während sie sich mit geschlossenen Augen an der Wange der Filina rieb. Eroica beobachtete die Fee mit sanfter Neugier und strich ihr vorsichtig über den Rücken. „Freut mich sehr, Vinessa. Willkommen in unserem Zuhause.“ Leyla deutete dann auf den Jungen, der es sich bereits mit überkreuzten Beinen in einem Sessel bequem gemacht hatte. „Und das ist Zensa. Ich… überlege, ihn als Schüler aufzunehmen.“ Zensa hob kaum merklich den Kopf, murmelte: „Wir sind doch noch keine Freunde…“ doch als er Leylas Blick auffing – fordernd, mahnend – errötete er leicht. „Aber freut mich trotzdem, Eroica“, fügte er hastig hinzu und richtete sich etwas auf. Leyla schmunzelte und begann, Eroica vom Verlauf ihrer Mission zu berichten. Sie sprach vom Kampf gegen Leandro und Vincenz, von Feenwald, von Zensa, von der Reise zurück – jedoch erwähnte sie den Runenstein der Heilung nicht. Dieses Geheimnis war für Zensas Ohren nicht bestimmt. Nur Eroica wusste davon, seit sie sich durch ein Siegel der Verschwiegenheit gebunden hatte. Und Vinessa war ohnehin Eingeweihte – schließlich hatte sie selbst einst über einen der Steine gewacht. Als Leyla ihre Erzählung beendet hatte, streckte sie sich ausgiebig und seufzte erleichtert. „Eroica, kannst du mehr über das Schwert von Zcepes herausfinden? Ich will mehr darüber erfahren, insbesondere über seine Heilkräfte.“ Die Filina nickte sofort, der Blick ernst. „Natürlich. Ich beginne sofort.“ Dann wandte sie sich Zensa zu und musterte ihn einen Moment lang. „Er ist wirklich talentiert. Wenn es Euch recht ist, Leyla, würde ich mich gerne ebenfalls um ihn kümmern – zumindest was seine Bildung betrifft.“ Zensa schnaubte leise. „Ich brauche niemanden, der sich um mich kümmert. Ich komm auch alleine klar.“ Trotz des Protests wich sein Blick nicht mehr von der Schüssel, die Eroica nun beinahe beiläufig in seine Richtung schob – eine große, mit frisch gebackenen Keksen gefüllte Tonschale, aus der noch der süße Duft von Vanille und Honig stieg. „Man kann es ja mal versuchen“, murmelte er mit einem kanppen Lächeln, griff nach einem der Kekse und biss genüsslich hinein. Leyla lehnte sich entspannt zurück. „Du übernimmst die Bildung, ich das Training. Das ist eine gute Idee. Danke, Eroica.“ „Gern geschehen, Leyla“, erwiderte diese mit einem kleinen Knicks. Dann legte sich ein neuer Ausdruck auf ihr Gesicht – eine Mischung aus Freude und feinem Schalk. Sie warf einen Blick zur Tür und antwortete mit einer Gegenfrage: „Wollt Ihr wissen, wie es Nea geht?“ Leyla runzelte leicht die Stirn, drehte sich halb um – da spürte sie plötzlich zwei Arme, die sich von hinten um ihren Hals schlangen, einen warmen Körper auf ihrem Rücken, wildes Haar an ihrer Wange. Und ein vertrautes Kichern, das wie ein Glockenspiel durch den Raum hallte. „Du bist wieder da, Leyley!“ -------------------------------------------------------------------------- Leyla zog Nea mit einem Lächeln an den Armen über ihre Schulter und schloss sie fest in die Arme. Für einen Moment blieb sie einfach so stehen, spürte die vertraute Wärme der Frau, die ihr mehr bedeutete, als Worte je ausdrücken konnten. Dann setzte sie Nea sanft auf den Boden ab und betrachtete sie. Nea strahlte über das ganze Gesicht. Ihre violetten Augen funkelten vor Lebensfreude, und von ihren einstigen Verletzungen war nichts mehr zu sehen. Keine Wunde, keine Spur von Schmerz. „Dir geht es gut, Nea… ein Glück“, sagte Leyla leise, mit spürbarer Erleichterung in der Stimme. Nea grinste breit und legte den Kopf schief. „War doch nur ein Kratzer! Der war im Nu wieder verheilt.“ Dann fiel ihr Blick auf Zensa und Vinessa, die sich zurückhaltend im Hintergrund hielten. Fragend sah sie zwischen ihnen und Leyla hin und her. „Und wer sind die beiden?“ Bevor Leyla antworten konnte, trat Eroica mit einem warmen Lächeln vor. „Setzt Euch doch erst einmal, Nea. Ich mache uns allen Tee.“ Ihre Stimme war ruhig, wie ein sicherer Anker inmitten der wiedergewonnenen Heimeligkeit. Nea nickte und ließ sich neben Leyla in einen der Sessel sinken. Ihre Beine baumelten über die Kante, und sie drehte sich erwartungsvoll zur Seite, als Leyla zu erzählen begann. Mit ruhiger Stimme berichtete Leyla, wo sie Zensa getroffen hatte, wie es zum Kampf gekommen war – und warum sie nun mit einem eigenwilligen Jungen und einer Fee zurückgekehrt war. Vinessa hatte sich mittlerweile schon auf Neas Schulter niedergelassen und ließ ihre Beinchen baumeln, während sie mit neugierigen Augen die Kopfgeldjägerin musterte. „Freut mich, Zenzen. Nessy!“ rief Nea mit leuchtenden Augen, und ihre Stimme war so voller Unschuld und Freude, dass es fast ansteckend war. Vinessa kicherte sofort. „Wenn ich Nessy bin, dann bist du Nenny.“ Sie legte den Kopf schief und streichelte zart mit einem ihrer winzigen Hände Neas Wange. Neas Augen begannen noch heller zu leuchten, ihr ganzes Gesicht schien zu glühen. „Nenny… das klingt gut!“ Leyla schüttelte belustigt den Kopf. Jetzt fingen die beiden schon mit Spitznamen an – das konnte ja heiter werden. Ihr Blick wanderte zu Zensa, der auf einmal erstaunlich still geworden war. Er saß etwas abseits, die Hände auf den Knien, den Rücken aufrecht – und sah mit scheuer Konzentration zu Nea hinüber. Leyla erkannte das Glänzen in seinen Augen sofort. Er war eingeschüchtert – und beeindruckt. Wahrscheinlich war ihm zum ersten Mal so richtig bewusst, dass er mit zwei der Kopfgeldjägerinnen des Kaiserreichs in einem Raum saß. Eroica kehrte wenig später mit einem Tablett voller dampfender Teetassen zurück. Der Duft von Jasmin, Minze und einem Hauch von Zimt erfüllte den Raum. Sie verteilte die Tassen mit der ihr eigenen Anmut und ließ sich dann ebenfalls nieder. Die nächsten Stunden vergingen wie im Flug. Geschichten wurden erzählt, es wurde gelacht, hin und wieder geschwiegen, wenn ein Satz nachwirkte. Besonders Eroicas Erzählungen von ihrer Zeit als Seemagierin – von Stürmen, die Schiffe zerbarsten, von magischen Kreaturen, die aus dem Nebel auftauchten, und von einem Leuchtturm, der angeblich von Geistern betrieben wurde – fesselten alle Anwesenden. Zensa hörte gebannt zu, Nea unterbrach gelegentlich mit Fragen, Vinessa flatterte aufgeregt hin und her. Für einen Moment war alles leicht. Dann, als die Sonne längst untergegangen war und nur noch das flackernde Licht der Öllampen den Raum in warmes Gold tauchte, streckte sich Nea wohlig gähnend. „Ich gehe mal wieder zu mir, Leyley. Begleitest du mich ein Stück?“ Ihre Stimme war sanft, fast ein bisschen verschlafen. Leyla lächelte. „Natürlich.“ Sie stand auf, schenkte den anderen einen letzten Blick – Vinessa, die sich müde auf ein Kissen sinken ließ, Zensa, der gedankenverloren in seine Teetasse starrte, und Eroica, die ihnen still nachsah – dann verließ sie mit Nea gemeinsam den Raum. -------------------------------------------------------------------------- Schweigend liefen die beiden nebeneinander durch die Gänge ihres Zuhauses, ihre Schritte klangen gedämpft auf dem schwarzen Teppich. Doch anstatt zu Neas Wohnbereich abzubiegen, verließ Nea den gewohnten Pfad und trat hinaus auf die schneebedeckte Straße vor dem Hauptquartier. Ein eisiger Wind wehte durch die Gassen der Kaiserstadt, brachte den Geruch von Kaminrauch und winterlicher Stille mit sich. Leyla runzelte die Stirn, folgte ihr jedoch ohne Zögern. „Wolltest du nicht zu dir, Nea?“ fragte sie leise, als sie gemeinsam in den Garten traten. Nea blieb stehen, der Schnee knirschte unter ihren Schuhen. Sie drehte sich zu Leyla um, ihre violetten Augen glänzten im Schein der fernen Laternen. „Ich wollte mich eigentlich nur noch einmal verabschieden. Ich habe eine Mission… und ich breche heute noch auf.“ Leyla horchte sofort auf. Eine Mission? Alle aktuellen Einsätze sollten doch gemeinsam mit Partnerinnen erfolgen – das hatte Yang nach Bunjs Tod klar befohlen. Und Nea war doch gerade erst genesen. „Bist du überhaupt schon wieder vollständig fit?“ fragte sie besorgt, und ihre Stimme verriet mehr Unruhe, als sie zeigen wollte. Nea grinste, stellte sich auf die Zehenspitzen und tätschelte Leyla leicht den Kopf. „Klar doch. Ich bin topfit. Keine Sorge, Leyley.“ Ihre Stimme war fröhlich, beinahe verspielt – doch Leyla spürte einen Hauch von Unruhe unter dem Lächeln, so flüchtig, dass sie sich fragte, ob sie es sich nur eingebildet hatte. Leyla atmete tief durch. Es hatte ohnehin keinen Sinn, mit Nea zu diskutieren, wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte. „Wann musst du los?“ fragte sie stattdessen. „Heute Nacht“, antwortete Nea knapp. „Yang hat mir den Auftrag heute Morgen gegeben. Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich vorher noch sehe – das war ein schöner Zufall.“ Leyla gähnte und rieb sich die Augen. Die Müdigkeit hing schwer in ihren Knochen, aber sie nickte. „Dann wünsche ich dir Glück. Pass auf dich auf, ja?“ Nea nickte. Ihre Schultern zitterten leicht in der Kälte, doch ihr Lächeln blieb. „Natürlich, Leyley. Immer.“ Sie drehte sich um, hob die Hand zum Abschied und ging langsam in Richtung der dunklen Gassen. Ihre Silhouette verschwand nach wenigen Schritten zwischen den Schneeflocken, die jetzt leise vom Himmel fielen. Leyla sah ihr noch einen Moment nach, dann wandte sie sich um und ging zurück zum Hauptquartier. Die Kälte kroch ihr unter die Kleidung, aber ihr war nicht nur vom Wetter kalt. Vielleicht war es die Müdigkeit, vielleicht auch die Erleichterung über das Wiedersehen. Oder einfach die Gewissheit, dass Nea immer wieder heil zurückgekehrt war. Was Leyla nicht gesehen hatte – oder nicht sehen wollte – war das flüchtige, traurige Glitzern in Neas Blick. Ein leiser Schatten, den sie hinter ihrer Fröhlichkeit versteckt hatte. Ein Funke von Sorge. -------------------------------------------------------------------------- Leyla trat in den Eingangsbereich des Hauptquartiers und blieb stehen. Die Tür fiel leise hinter ihr ins Schloss, das Knarren verklang in der Stille des nächtlichen Flurs. Eigentlich wollte sie nur noch schlafen gehen – der Tag war lang gewesen, voll von Begegnungen, Erinnerungen und Entscheidungen. Doch etwas hielt sie zurück. Ein Bedürfnis nach einem Moment der Ruhe, des Innehaltens. Nach einem Zwischenraum, bevor sie zurückkehrte zu Zensa, Vinessa und Eroica. Ihre Schritte trugen sie lautlos an den Bücherregalen vorbei, bis sie vor einem der großen Gemälde stehen blieb. Der schwere Rahmen war in goldenes Metall gefasst, das im Schein der flackernden Wandfackeln matt schimmerte. Das Bild zeigte eine Schlacht aus dem Großen Krieg: Männer und Frauen in Rüstungen, verzerrt von Schmerz, von Entschlossenheit, von Chaos. Der Boden war von Blut durchtränkt, der Himmel voller Rauch und Asche. Und obwohl die Szene eine Schlacht an Land darstellte, erinnerte es Leyla unweigerlich an etwas anderes – an das Meer vor Tripolis. An den Moment, als sie nicht nur Zeugin, sondern Ursprung einer Zerstörung geworden war, wie sie sie sich früher nie hätte vorstellen können. Die Erinnerung kam über sie wie eine Welle. Die Stimme der See in ihren Ohren, der Runenstein des Meeres, der in ihrer Brust vibrierte. Der Mahlstrom, gewaltig und endlos, zwei Kilometer breit, der die stolzen Kriegsschiffe wie Spielzeug verschlungen hatte. Die haushohen Wellen, geboren aus ihrem Willen, die zerbrechlichen Planken unter sich begrabend. Und das Gefühl… das wilde, rauschhafte Gefühl von Freiheit. Nicht von Freude. Nicht von Schuld. Sondern etwas Ursprüngliches, Reines. Sie beweinte die Toten nicht. Sie konnte es nicht. Der Runenstein der Erde hatte ihr die Reue genommen. Ihre Seele war still in dieser Hinsicht – nicht leer, nicht hart, nur unbeweglich. Wie ein Fels, den selbst Sturm und Brandung nicht formen konnten. Trotzdem dachte sie oft an diesen Tag zurück. [???] ,,Leyla?’’ Die Stimme kam leise, fast zaghaft. Doch sie wusste sofort, wem sie gehörte. Noch ehe sie sich vollständig umgedreht hatte, spürte sie ihr Herz schneller schlagen. „Alexandra?“ Ihre Stimme war ein Flüstern, fast ungläubig. „Du bist hier?“ Alexandra trat aus dem Schatten, ihre goldenen Haare glänzten im Licht der Fackeln. Ihre blauen Augen lagen fest auf Leyla, und im nächsten Moment hatte sie die Distanz überwunden, griff nach Leylas Hals und zog sie zu sich. Der Kuss traf Leyla mit voller Wucht – nicht körperlich, sondern in der Tiefe ihres Herzens. Sie schloss die Augen und ließ sich hineinfallen, in das, was sie bei Alexandra immer gefunden hatte: Wärme, Vertrautheit, Halt. Ihre Arme legten sich wie von selbst um den schlanken Körper der Elfe, und sie spürte, wie die Welt um sie herum kurz verstummte. Minuten vergingen, in denen nichts existierte außer der Umarmung, dem Gefühl der Nähe, den Lippen aufeinander. Dann lösten sie sich langsam, widerstrebend voneinander. „Ich liebe dich, Leyla“, flüsterte Alexandra, ihre Stirn an Leylas lehnend. Leyla spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. „Ich dich auch.“ Ihre Stimme zitterte. „So sehr.“ Sie hatte nicht damit gerechnet, sie schon jetzt wiederzusehen. Nicht nach all dem, was passiert war. Nicht nach dem Abschied. „Wenn du hier bist…“ Leyla trat einen halben Schritt zurück, sah ihr ins Gesicht. „…dann sind Karst, Betty und Jevry auch hier?“ Für einen Moment blieb Alexandra stumm. Dann senkte sie den Blick, und in ihrem Gesicht zeigte sich ein Ausdruck, den Leyla sofort erkannte – Schmerz. Verlust. Und ein leises, kaum wahrnehmbares Flackern von Schuld. „Nein…“ sagte Alexandra leise. Es war kein Wort, es war ein Bruch. Leylas Herz zog sich zusammen. Nicht wegen dem Tod der drei, sondern wegen dem Mitleid für ihre Freundin. Doch sie sagte nichts weiter. Stattdessen trat sie noch näher an Alexandra heran, schloss erneut ihre Hand um ihren Arm. „Lass uns erst einmal zu mir gehen“, sagte sie mit ruhiger Stimme. „Dann reden wir in aller Ruhe.“ Und gemeinsam verschwanden sie im Flur. Hinter ihnen flackerte das Licht über die Pinselstriche des Gemäldes, in dem die Vergangenheit weiterkämpfte. Doch Leylas Gedanken gehörten nur Alexandra.

  • Kapitel 184 - Blut oder Name

    Sorgfältig rückte Franca ihre Lockenzöpfe zurecht. Ihre Hände bewegten sich mit der Präzision einer Frau, die seit ihrer Kindheit auf Etikette und Wirkung getrimmt worden war. Die Bewegungen waren nicht hektisch, sondern elegant – beinahe rituell. Sie strich mit den Fingern über das samtige Rot ihrer Robe, zupfte einen unsichtbaren Faden aus dem Stoff und stellte sich vor den hohen Spiegel an der Wand. Dann hob sie das Kinn leicht an und ließ ihr Lächeln in ihr Gesicht gleiten. Dieses Lächeln war ihr Kapital, ihre Waffe. Es war ein Lächeln, das den Adel verzauberte, ein Lächeln, das dem Pöbel Träume in die Herzen pflanzte – unerreichbare Träume. Franca Aldobrandini. Ein Name, den man mit Ehrfurcht aussprach, manchmal auch mit Neid, doch stets mit Bewunderung. Die Aldobrandini waren die mächtigste Familie im Reich – abgesehen von der Kaiserfamilie selbst. Reichtum, Einfluss, Bildung – all das floss durch ihre Adern wie kostbarer Wein. Doch Franca war nicht nur eine Erbin dieses Namens. Sie war eine, die den Namen mit Stolz trug. Und mit Kampfgeist. Sie war nicht aus romantischer Sehnsucht oder jugendlichem Übermut zur Kaiserlichen Kopfgeldjägerin geworden. Es war kein Abenteuerdrang, der sie getrieben hatte, kein Traum vom Heldentum. Es war Kalkül gewesen. Eine Entscheidung, geboren aus Notwendigkeit – aus Pragmatismus.  In der Welt des Adels, in der Fruchtbarkeit und Nachkommen den gesellschaftlichen Wert einer Frau bestimmten, hatte ihr Körper ihr einen Strich durch die adlige Rechnung gemacht. Franca konnte keine Kinder bekommen. Für sie persönlich war das nie ein Problem gewesen – sie hegte keine Sehnsucht nach Mutterschaft – doch im Hochadel bedeutete diese Unfähigkeit das soziale Aus. Eine Frau ohne Gebärfähigkeit galt als beschädigte Ware. Verzichtbar. Unerwünscht. Die Ernennung zur Kaiserlichen Kopfgeldjägerin war ihre Rettung gewesen. In diesem Amt durfte sie nicht heiraten. Keine Kinder bekommen. Keine Familie gründen. Damit wurde ihr Makel zur Tugend, zur Voraussetzung. Es war ein Titel, der sie vor dem Urteil ihrer Familie schützte. Und zugleich war es ein Mittel, um dem Namen Aldobrandini neuen Glanz zu verleihen. Denn jede ihrer Missionen, jeder ihrer Erfolge, jede der Ehrerbietungen, die man ihr zollte, fiel auch auf die Familie zurück. Auf jene, die sie beinahe verstoßen hätten. Ihr Wohnbereich im Hauptquartier spiegelte ihren Stolz und ihre Herkunft wider. Es war kein Zimmer, es war ein Salon. An der Ostwand hing ein Wandteppich aus dem sagenumwobenen Elfenkönigreich Astaris, gewebt aus Mondfäden und mit Szenen aus der Gründungslegende der Elfen verziert. Die schweren Vorhänge, in dunklem Smaragdgrün gehalten, bestanden aus feinster Seide – angeblich von Spinnern gezüchtet, die nur einmal im Leben webten. Ein Duft von Jasmin und Lavendel lag in der Luft, sorgfältig dosiert, nie aufdringlich. Franca atmete tief ein, ließ den Blick noch einmal durch den Raum gleiten, dann sagte sie mit entschlossener Stimme zu ihrem Spiegelbild: „So, los geht’s.“ Mit wenigen Schritten war sie an der Tür, griff nach der goldverzierten roten Schleife und band sie sich mit eleganter Geste ins Haar. Es war ein Markenzeichen von ihr geworden – wie ein Wappen, das sie auf dem Schlachtfeld der höfischen Etikette und der Jagd gleichermaßen trug. Dann öffnete sie die Tür und trat in den Gang. Zielstrebig bewegte sie sich durch den Korridor, der ihre Unterkunft mit den anderen Bereichen des Hauptquartiers verband. Das Ziel war klar: der Wohnbereich ihrer Partnerin. Cyntha. Die Dritte unter den Zehn. Ihre Tür war nur wenige Meter entfernt. Franca blieb stehen, hob die Hand und klopfte in rhythmischer Dreifaltigkeit an die dunkelbraune Holzplatte. „Cyntha? Kommst du? Wir müssen zum Treffen mit Yang“, rief sie, nicht zu laut, aber unmissverständlich. Ein Moment verstrich, dann öffnete sich die Tür. Ein Schwall feuchter Luft trat ihr entgegen – der Duft von Lavendelseife und frischer Kleidung. Cyntha stand vor ihr, das violette Haar noch feucht, ein breites Grinsen auf dem Gesicht. Sie trug ein schlichtes, aber elegantes Gewand, das ihre Beweglichkeit unterstrich. „Guten Morgen, Franca! Ja, ich bin soweit!“ Ihre Stimme klang hell und energisch, voller Tatendrang. Franca erwiderte das Lächeln, auf ihre ganz eigene, kontrollierte Art. Cyntha war keine Frau des Hofes, keine geborene Adlige, doch sie hatte etwas, das Franca schätzte: Aufrichtigkeit. Temperament. Und eine gewisse Leichtigkeit, die sie selbst nie wirklich besessen hatte. In Cynthas Gegenwart fiel es ihr leichter, nicht immer an das Urteil der anderen zu denken.  „Gut“, sagte sie ruhig, „dann lass uns Yang nicht warten lassen.“ Sie setzte sich in Bewegung, das Echo ihrer Schritte hallte leise durch den Gang, und Cyntha schloss sich ihr an – Seite an Seite, als Partnerinnen, wie Schwestern im Dienste eines höheren Zwecks. -------------------------------------------------------------------------- Die Tür zu Yangs Wohnbereich stand weit offen. Die stärkste Frau des Kaiserreichs hatte ihren Platz am großen Fenster eingenommen, ein halb gefülltes Glas Rotwein in der linken Hand. Die andere ruhte locker am Fensterrahmen, während ihr Blick sich über die Dächer der Kaiserstadt legte – ein Blick voller Nachdenklichkeit, vielleicht auch Kontrolle. Das rote Glas in ihrer Hand leuchtete wie Blut im goldenen Licht der Morgensonne. „Kommt herein“, sagte sie ruhig. Ein einfacher Satz. Freundlich im Klang, aber unmissverständlich ein Befehl. Kein Raum für Zweifel, kein Angebot. Nur eine klare Ansage, die keinen Widerspruch zuließ.  Franca trat mit einem leichten Nicken über die Schwelle und ließ ihren Blick durch das Zimmer gleiten. Sie war zum ersten Mal hier – und sie wusste bereits, dass es ihr lieber wäre, wenn es auch das letzte Mal bliebe. Der Raum war karg. Kein Teppich, kein Gemälde, kein Spiegel. Die Wände waren glatt, grau, leer. Nur ein niedriger Tisch stand im Zentrum, flankiert von vier schlichten Holzstühlen. An einer der Wände befand sich ein massiver Schrank, gefüllt mit sorgfältig beschrifteten Weinflaschen. Sonst nichts. Kein Zeichen von Wohlstand, keine Anmutung von Status oder Dekoration. Franca runzelte kaum merklich die Stirn. Das also war der Wohnraum jener Frau, die mehr Macht besaß als jeder andere? Sie verkniff sich einen Kommentar, doch in ihrem Innersten regte sich ein Urteil. Ein Mensch mit Einfluss sollte leben, wie es sich gehört. Repräsentation war Teil der Herrschaft. Neben ihr ließ sich Cyntha mit jugendlicher Leichtigkeit auf einen der Stühle fallen, schwang ihre Beine übereinander und grinste zu Yang hinüber. Franca hingegen setzte sich langsam und kontrolliert. Ihre Haltung blieb aufrecht, ihre Hände ruhten im Schoß. Eine Haltung, die Würde demonstrierte, selbst in einem spartanischen Raum wie diesem. „Worum geht es bei diesem Treffen?“ fragte Franca sachlich, den Blick auf Yang gerichtet. Die Kommandantin drehte sich vom Fenster weg, ließ sich langsam gegenüber von ihnen nieder und stellte ihr Weinglas vorsichtig auf den Tisch. Ihre Bewegungen waren ruhig, kontrolliert, ganz so wie ihre Stimme, als sie sprach: „Ihr beide werdet auf eine besondere Mission geschickt. Wie ihr sicher wisst, befindet sich Randurin derzeit in feindlicher Hand. Die fünfte Armee wird mobilisiert, um die Stadt zurückzuerobern. Ihr werdet sie begleiten und unterstützen.“ Sie machte eine kurze Pause, ehe sie fortfuhr: „Angeführt wird die Operation von General Francesco di Lorenzo.“ Franca unterdrückte nur mühsam einen verächtlichen Laut. Ihre Haltung blieb äußerlich reglos, doch ein scharfes Einatmen verriet ihre innere Regung. Di Lorenzo .  Der Name allein ließ ihr Blut kochen. Die di Lorenzos – eine Familie aus dem Hochadel wie die Aldobrandini selbst, aber mit einem Erbe, das sich mit dem ihren über Jahrhunderte hinweg gebissen hatte wie zwei gleichstarke Raubtiere in einem viel zu engen Käfig. Intrigen, Dolche, Morde – und eine Rivalität, die älter war als die meisten anderen Häuser. „Hast du ein Problem, Franca?“ fragte Yang, ihre Augen nun messerscharf auf sie gerichtet. Franca blinzelte nicht einmal. „Nein, bitte fahr fort“, erwiderte sie ruhig, auch wenn sie innerlich kurz die Zähne zusammenbiss. Sich mit Yang anzulegen, wäre töricht – tödlich töricht. Neben ihr kicherte Cyntha leise, doch das leise Lachen verstarb sofort, als Yang sie mit einem einzigen Blick zum Schweigen brachte. „Eure primäre Aufgabe ist die Ausschaltung des Kriegers, der Bunj getötet hat“, erklärte Yang ohne Umschweife. „Die Berichte deuten darauf hin, dass er allein zu stark war, doch wir gehen davon aus, dass er euch beiden gemeinsam nicht gewachsen sein wird. Falls ihr jedoch zu einer anderen Einschätzung kommt, zieht euch zurück. Eure oberste Priorität ist es, die Stadt abzuriegeln. Niemand darf hinein oder hinaus.“ Franca hob leicht die Augenbrauen. Das war ein Auftrag nach ihrem Geschmack. Zielgerichtet, gefährlich, mit strategischer Tragweite. Endlich konnte sie zeigen, dass sie mehr war als ein Name – sie konnte sich beweisen. Ihre Familie würde diesen Einsatz nicht übersehen. Doch Yang war noch nicht fertig. Ihre Stimme wurde etwas ernster. „Das ist allerdings noch nicht alles. Es besteht eine erhebliche Wahrscheinlichkeit, dass sich Varon euch entgegenstellt.“ Franca erstarrte. Varon. „Seine Eliminierung hat oberste Priorität“, fuhr Yang fort. „Er darf Randurin nicht in den Händen der Rebellen festigen. Ich will ihn tot sehen. Gemeinsam agieren, niemals einzeln.“ Cyntha riss die Faust nach oben und rief energisch: „Verstanden!“ Franca nickte nur knapp. Der Name Varon hallte in ihrem Kopf nach. Ein Schatten aus der Zeit von Kaiser Tavil IV, aus düsteren Geschichten, die man sich im Hauptquartier zuraunte. Varon, der Nekromant. Der Mann, der aus dem Exil zurückgeholt wurde, um Randurin zu befreien – und sich dann gegen das Kaiserreich stellte. Ein Verräter mit gefährlichen Fähigkeiten, dessen Absichten niemand kannte. „Du kannst gehen, Cyntha“, sagte Yang plötzlich. „Ich möchte mit Franca noch ein paar Worte allein wechseln.“ Cyntha wirkte überrascht, aber nicht besorgt. Sie sprang auf, schnappte sich ihre Stulpen und winkte Franca zu. „Ich warte dann in deinem Zimmer!“ Als sie gegangen war, trat eine seltsame Stille ein. Franca wandte sich Yang zu und senkte leicht den Kopf – eine Mischung aus Respekt und Vorsicht. Ihr Blick war fragend, doch sie sprach nicht. Was wollte Yang von ihr? Sie wartete. Still. -------------------------------------------------------------------------- Als die Tür hinter Cyntha ins Schloss fiel, trat für einen Moment völlige Stille ein. Eine Stille, die nicht bloß den Raum erfüllte, sondern auch Francas Gedanken – und sie dabei zu erdrücken schien. Sie wagte nicht, sich zu bewegen. Ihre Augen ruhten auf Yang, doch ihre Gedanken jagten bereits durch sämtliche Möglichkeiten. Warum hatte sie sie zurückgehalten? War es eine Ermahnung? Ein Vertrauensbeweis? Oder ein Test? Yang nahm einen Schluck ihres Rotweins. Dann stellte sie das Glas ruhig auf den Tisch und sah Franca mit einem ernsten Blick an, der weder feindselig noch freundlich wirkte – nur eindringlich. „Sag, Franca“, begann sie schließlich, ihre Stimme weich wie Samt, aber mit dem Stahl eines Schwertes dahinter, „wem gehört deine Loyalität?“ Der Satz traf sie wie ein Schlag. Die Frage war einfach – zu einfach. Zu gefährlich. ,,Ist das eine Falle?’’  schoss es Franca durch den Kopf. Franca richtete sich unmerklich auf. Ihr Rücken spannte sich durch. Ihre Hände, bis eben noch locker auf den Oberschenkeln, verkrampften sich. Ihre Stimme jedoch blieb fest: „Seiner Majestät Kaiser Verion III. Natürlich.“ Yang schwieg. Eine Sekunde. Zwei. Dann begann sie zu lächeln. Es war kein warmes Lächeln, sondern eines, das man bei einem Schachspieler sah, der den nächsten Zug bereits vier Runden im Voraus geplant hatte. „Gut“, sagte sie schließlich. „Du kennst sicher Luca Aldobrandini, nicht wahr? Deinen Cousin. Der, der in der Region von Randurin lebt. Und dort die drittgrößte Schmiede des Kaiserreichs unterhält.“ Franca nickte langsam. Natürlich kannte sie Luca. Er war wie ein älterer Bruder für sie gewesen, damals auf der Brandiniburg, dem uralten Familiensitz in den Gipfeln der Larifen. Sie waren gemeinsam auf Mauern geklettert, hatten sich Geschichten erzählt, gemeinsam gelacht – damals, als das Leben noch aus Schnee und Spielen bestand, nicht aus Befehlen und Politik. Doch sie wagte es nicht, diese Erinnerung auszusprechen. „Wir haben Beweise, dass er den Rebellen Waffen liefert“, fuhr Yang fort, ihre Stimme jetzt kühl, schnörkellos. „Es wird deine Aufgabe sein, ihn umzubringen.“ Franca schluckte. Ein Eiskristall bildete sich in ihrer Brust. Ihr Atem wurde kürzer. Sie sollte… Luca töten? Sie spürte, wie ihr ganzer Körper sich verspannte. Das war kein einfacher Auftrag. Das war ein Todesurteil – nicht für Luca allein, sondern auch für sie selbst. Denn wer ein Familienmitglied tötete, wurde in der Welt der Aldobrandini zum Geist. Aus den Chroniken gelöscht. Vom Familiensitz verbannt. Der Name – ihr Name – würde ihr genommen. „Was für Beweise?“ fragte sie zögernd. „Kann ich sie sehen?“ Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, bereute sie sie. Ihre Lippen pressten sich aufeinander, die Muskeln an ihrem Kiefer spannten sich. Und dann spürte sie es. Die Luft im Raum veränderte sich. Eine Welle aus unsichtbarer Kraft ging von Yang aus, wie eine langsame, unausweichliche Flut. Francas Kehle zog sich zusammen, als wäre ihr die Sprache entzogen worden. Ihr Atem wurde flacher, ihre Finger krallten sich in das Holz des Stuhls. Yang hatte ihre Aura entfesselt. Eine Aura, die den Raum beherrschte. Nicht durch Gewalt, sondern durch Macht. Durch Präsenz. Es war, als würde sie über einen Abgrund stehen, gehalten nur vom Willen dieser Frau, die mit nichts als Blick und Schweigen über Leben und Tod entscheiden konnte. „Wofür brauchst du Beweise, Franca?“ Yangs Stimme war jetzt leiser – fast sanft – doch gerade diese Sanftheit machte sie umso beängstigender. „Du bist eine Kopfgeldjägerin. Du tust, was dir aufgetragen wird. Oder… möchtest du mir etwa sagen, dass dein Blut über dem Namen des Kaisers steht?“ Franca schüttelte sofort den Kopf, auch wenn sie wusste, dass selbst das ein Fehler sein konnte. Ihre Zunge klebte an ihrem Gaumen, ihr Rücken war schweißnass. „Dachte ich mir“, sagte Yang. Dann nahm sie noch einen Schluck Wein. „Also. Du wirst ihn umbringen. Er ist ein Ziel, wie jedes andere. Du kannst wegtreten.“ Langsam – so langsam, dass sie kaum ihre eigene Bewegung spürte – stand Franca auf. Sie verbeugte sich leicht, wie es das Protokoll verlangte. Dann drehte sie sich zur Tür, ging mit anmutigem Schritt hinaus. Ihre Haltung blieb makellos. Jeder Wirbel ihrer Wirbelsäule war ausgerichtet wie ein Spielstein. Ihre Hände zitterten nicht. Doch in ihrem Innern brodelte ein Sturm.

  • Kapitel 185 - Der Junge mit den goldenen Augen

    Almiko. Der Name stand in verblassten Lettern auf einem alten, moosbedeckten Holzschild, das über dem einzigen Wegbogen des Ortes hing. Ein kleines Dorf, kaum mehr als ein Punkt auf den Karten des Kaiserreichs, verborgen zwischen kahlen Winterbäumen und sanften Hügeln. Nur wenige Stunden trennten es von der Kaiserstadt – und doch wirkte es wie eine andere Welt. Leyla war fast wieder am Ziel ihrer Reise angekommen, und Almiko sollte ihr letzter Zwischenstopp sein. Ein Moment des Innehaltens, bevor sie sich wieder dem Rhythmus der Hauptstadt unterwarf. Noch einmal durchatmen, fern der Erwartungen, fern der Blicke. Würde man ihr sofort einen neuen Auftrag zuteilen? Oder hätte sie einige Tage, um bei Nea und Eroica zur Ruhe zu kommen? Ein paar ruhige Abende in vertrauter Gesellschaft wären eine willkommene Abwechslung. Sie überquerte die hölzerne Brücke, die sich über einen schmalen, glasklaren Bach spannte – das einzige, was Almiko von der Außenwelt zu trennen schien. Das Wasser war so ruhig, dass sich Leylas Spiegelbild im Vorübergehen kurz im Bach zeigte, ehe es von einem fallenden Blatt zerrissen wurde. Die Reise hatte ihr gutgetan. Sie war mit Händlern geritten, hatte in Tavernen Geschichten getauscht, mit Fremden getrunken, gelacht und geschwiegen. Diese Form der Freiheit – das Gefühl, niemandem Rechenschaft schuldig zu sein – war selten für jemanden in ihrer Stellung. Doch dieses Gefühl wich nun. Mit jedem Schritt, den sie dem Zentrum des Kaiserreichs näherkam, kehrte auch die Schwere der Verantwortung zurück. Almiko selbst war nicht mehr als eine Straße. Eine einzige, von Kopfstein und Winterstaub bedeckte Gasse, flankiert von Häusern, deren Fassaden alt und müde wirkten. Die Fenster waren trüb, die Dächer mit Schnee bedeckt, der langsam taute. Die Taverne zur Rechten war geschlossen, ein verwittertes Schild hing schief in den Angeln. Nur wenige Menschen waren zu sehen. Ein alter Mann saß auf einer Bank und rauchte gemächlich Pfeife, die Augen geschlossen, als wäre er schon seit Jahrzehnten Teil des Ortes. Weiter hinten tadelte eine Mutter ihre Tochter, während drei halbverwilderte Hunde im Schnee balgten. Leyla atmete aus. Das Dorf war still. Trostlos. Wie ein Ort, der vergessen hatte, dass es einmal Frühling geben könnte. ,,Also doch kein Zwischenstopp, fürchte ich…’’ murmelte sie leise, die Enttäuschung in ihrer Stimme kaum zu überhören. Dann hielt sie inne. Am Rand des Dorfplatzes, auf einem alten, umgestürzten Baumstamm, saß ein Junge. Vielleicht dreizehn, vierzehn Jahre alt. Seine Beine baumelten leicht, doch seine Haltung war erstaunlich ruhig – fast reglos. Er starrte in den Himmel, als suche er dort nach etwas, das nur er erkennen konnte. Sein Haar war grün. Nicht wie Gras oder Moos, sondern wie die blassen Blätter eines uralten Baumes im tiefsten Dschungel – wild, ungebändigt, wie seine ganze Erscheinung. Seine Augen dagegen waren leuchtend gelb, fast goldfarben, und hatten einen Ausdruck, der Leyla kurz innehalten ließ. Da war keine kindliche Naivität. Da war etwas anderes. Leyla wollte gerade einen Schritt auf ihn zugehen, als sie ein Zupfen an ihren Haaren spürte. Vinessa war aus ihrem Mantel hervorgeflogen, kaum größer als eine Hand, ihre durchscheinenden Flügel flimmerten im kalten Licht. ,,Du, Leyla… der Junge ist stark.’’ Leyla sah zu der kleinen Fee. Ihr Tonfall war ungewohnt ernst. Dann wandte sie den Blick wieder dem Jungen zu, diesmal mit geschärfter Aufmerksamkeit. Und sie spürte es. Es war kein gewaltiger Druck wie der von Yang, keine Eiseskälte wie die Aura von Selfmun Aragi. Nein – es war etwas Wildes. Etwas Ungebändigtes. Eine rohe Kraft, die noch keinen Namen hatte. Es war wie ein Tier, das noch nicht wusste, ob es beißen oder rennen sollte. Dieser Junge war kein gewöhnlicher Dorfjunge. Und Leyla war nicht länger nur Besucherin – sie war neugierig geworden. Etwas an ihm zog sie an, wie ein unvollendetes Lied, dessen Melodie sie glaubte zu kennen. Er hatte ihr Interesse geweckt. -------------------------------------------------------------------------- „Hey, kann ich mich zu dir setzen?“ Leylas Stimme klang freundlich, fast beiläufig, als wolle sie dem Jungen nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken. Er reagierte zunächst nicht. Sein Blick blieb fest auf den Himmel gerichtet, als würde er darin ein Rätsel suchen, das sich ihr entzog. Erst nach einem Moment antwortete er, ohne sie anzusehen: „Wenn du nichts Besseres zu tun hast.“ Leyla zögerte kurz, dann ließ sie sich neben ihn auf dem bemoosten Baumstamm nieder. Das Holz war kalt und feucht, aber das störte sie nicht. Ihre Augen folgten seinem Blick gen Himmel, doch sie sah dort nur blasse Wolken, die langsam über das Dorf hinwegzogen. „Was beobachtest du da oben so intensiv?“ fragte sie nach einer Weile. „Nichts Besonderes.“ Seine Stimme war ruhig, beinahe müde. „Ich will einfach nur meine Ruhe. Weg von den ganzen Nervensägen. So wie dir.“ Leyla spürte, wie sich ihre Braue leicht hob. Sie hatte mit vielen Arten von Menschen gesprochen – arroganten Kommandanten, hochnäsigen Adligen, wortkargen Söldnern – aber dieser Junge war anders. Frech. Direkt. Und dabei doch irgendwie unbeeindruckt von ihrer Präsenz. „Hast du trotzdem Lust, dich zu unterhalten?“ fragte sie. „Ich finde, du wirkst stark.“ Zum ersten Mal drehte er den Kopf und sah sie an. Seine gelben Augen trafen ihre in einem Blick. „Du wirkst dafür ziemlich schwach. Also was willst du eigentlich von mir?“ Er wusste also nicht, wer sie war. Keine Verbeugung, kein Erkennen ihres Namens – nur ehrliche Gleichgültigkeit. Fast erfrischend. „Ich bin auch nicht ganz schwach. Vielleicht beweist du’s mir in einem Übungskampf?“ schlug sie vor, ein wenig spielerisch. „Nee.“ Er wandte sich wieder dem Himmel zu. „Keine Lust auf einen sinnlosen Kampf gegen eine, die am Ende heult.“ Leyla schnaubte. Für wen hielt dieser Bengel sich eigentlich? Sie stand auf, zog langsam das Schwert von Zcepes vom Rücken und hielt es ihm hin. Das kalte Metall glänzte matt im Licht. „Wenn du gegen mich gewinnst, gehört das hier dir.“ Er drehte den Kopf nur leicht, warf dem Schwert einen flüchtigen Blick zu – und verzog das Gesicht. „Wie primitiv. Interessiert mich nicht.“ Dann drehte er sich ganz weg, als hätte sich das Gespräch für ihn erledigt. Leyla biss sich auf die Lippe. Nicht aus Ärger – sondern aus wachsender Neugier. Wer war dieser Junge? „Wie wär’s dann mit ein paar Münzen?“ Sie zog ihren Beutel hervor und ließ ihn in ihrer Hand klimpern. Das Geräusch war deutlich genug, um Aufmerksamkeit zu erregen. „Die paar Kupfer interessieren—“ begann er abwertend, doch als sein Blick den offenen Beutel streifte, hielt er inne. Seine Augen wurden groß. Sehr groß. Er sprang auf, riss ihr den Beutel nicht aus der Hand, aber musterte ihn mit einem Blick, der sofort jedes Anzeichen von Desinteresse verfliegen ließ. „Sind das... zwanzig Goldmünzen?“ „Jap“, sagte Leyla mit einem Grinsen. „Wenn du es schaffst, mich kampfunfähig zu machen oder mich zur Aufgabe zu zwingen, gehören sie dir.“ Der Junge sah sie mit neuem Respekt an – oder vielleicht war es Gier. Oder Stolz. Jedenfalls hatte sie nun seine volle Aufmerksamkeit. Er streckte sich und sprang mit überraschender Geschmeidigkeit vom Baumstamm. „Gut. Komm mit. Aber wehe, du brichst dein Wort.“ Leyla nickte zufrieden und folgte ihm durch das Dorf, das ihr plötzlich gar nicht mehr so trostlos erschien. Der Wind spielte mit einer Fahne, irgendwo klang entfernt ein Hundegebell. Vinessa lugte aus der Brusttasche ihrer Rüstung hervor, ihre kleinen Flügel vibrierten leicht. „Leyla… ist das nicht ein bisschen unfair?“ Leyla schüttelte den Kopf, das Grinsen noch immer auf den Lippen. „Wer so eingebildet daherkommt, muss irgendwann auf dem Boden der Realität landen.“ -------------------------------------------------------------------------- Der Junge hatte sie zu einem weiten, offenen Feld am Rand des Dorfes geführt. Dort, wo sich das hohe, winterlich blasse Gras im Wind wiegte und nur ein einzelner knorriger Baum einsam in der Mitte stand. Er sah sich kurz um, legte die Hand an die Stirn und nickte dann knapp. „Hier ist’s gut.“ Leyla warf selbst einen prüfenden Blick über die Fläche. Keine Menschen in Sicht, keine neugierigen Augen. Nur der Wind, das Gras, und sie beide. Gut. „Vinessa, halt ein bisschen Abstand“, sagte sie, ohne den Blick von Zensa zu nehmen. Die kleine Fee gehorchte sofort. Ihre schimmernden Flügel summten leise, als sie sich in die Höhe erhob und ein Stück zur Seite flog, wo sie auf einem Ast des knorrigen Baumes landete. Von dort beobachtete sie alles mit zusammengekniffenen Augen. „Wie heißt du überhaupt?“ fragte Leyla schließlich. Der Junge drehte ihr nicht einmal den Kopf zu. „Mein Name ist Zensa. Deiner interessiert mich nicht.“ Ein kleiner Stich der Kränkung. Nicht, weil er sie nicht erkannte, sondern weil er sich so sicher fühlte – so überlegen. Leyla verzog die Lippen zu einem schmalen Grinsen. Diese Arroganz würde sich schnell legen. Sie machte sich bereit. Das Schwert von Zcepes hing ruhig an ihrem Gürtel, doch sie rührte es nicht an. Ihre Finger begannen stattdessen, ein vertrautes Muster zu formen, Mana sammelte sich in ihrer Hand. „Willst du dein Schwert nicht ziehen?“ fragte Zensa spöttisch. „Nicht, dass es dir viel bringen würde – aber ich hätte ungern, dass es langweilig wird!“ Leyla erwiderte sein Grinsen. „Brauch ich nicht. Ich besieg dich auch so.“ In ihrer Hand formte sich eine Kugel aus glasklarem Wasser, in deren Innerem kleine Strömungen kreisten. Der Runenstein des Meeres vibrierte leicht in ihrem Innern, wie ein Herz, das im Takt des bevorstehenden Kampfes schlug. Er freute sich. Sie spürte es. Dieser Kampf hatte keine höhere Bedeutung, keine Pflicht – er war ein Spiel. Und das Meer liebte Spiele. Zensa hingegen hatte seine Haltung verändert. Sein Körper senkte sich leicht, ein Fuß ging zurück, die Arme in Position. Es war keine kindliche Pose, sondern die Haltung eines echten Kämpfers – wild, ausbalanciert, instinktiv. Ein leiser Wind kam auf, der die Halme um sie herum zum Tanzen brachte. Seine Haare begannen sich unruhig zu kräuseln, als hätte die Luft selbst beschlossen, ihm zu folgen. Und dann sah Leyla es. Blitze. Feine elektrische Fäden zuckten an seinen Fingerspitzen. Erst flüchtig, kaum wahrnehmbar. Dann wurden sie stärker. Sie schossen aus seinen Händen, zischten durch die Luft, rissen den Boden neben ihm auf. „Er beherrscht Donnermagie…“ Leyla dachte den Satz kaum zu Ende, als sie der erste Schlag traf. Ein Fausthieb, so schnell, dass sie kaum die Bewegung gesehen hatte. Der Treffer ging direkt in ihren Bauch, ließ sie keuchend nach hinten stürzen. „So schnell…“ , dachte sie überrascht, als sie sich überschlug und wieder aufkam. Kaum hatte sie sich aufgerichtet, folgten weitere Schläge. Einer traf ihr Kinn, ein zweiter die Rippen, ein dritter kam hart gegen ihren Hinterkopf. Sie taumelte, fing sich aber, das Wasser in ihrer Hand zerplatzte nicht. Jeder Schlag war präzise, schnell wie ein Pfeil. Und doch… etwas fehlte. „Stark sind sie nicht“ , stellte sie fest. Für normale Gegner wäre diese Geschwindigkeit tödlich. Doch sie war nicht normal. Sie war Leyla. Trotzdem musste sie sich eingestehen: Gegen seine Schnelligkeit hatte sie im direkten Austausch keine Chance. Ihre eigene Stärke lag woanders. „Wenn ich ihn nicht erreichen kann… dann muss ich eben die Umgebung für mich nutzen.“ Sie landete auf beiden Füßen, warf sich zur Seite, rollte über das Gras und legte im selben Moment die flache Hand auf den Boden. Die Luft um sie herum veränderte sich. Das Gras neigte sich ihr entgegen. Und dann begann der Boden zu beben. Vinessa, die in sicherer Entfernung auf dem Ast saß, rief besorgt: „Leyla?!“ Doch Leyla war vollkommen konzentriert. Ihre Finger gruben sich in die Erde, Mana floss aus ihr wie aus einer geöffneten Quelle. Der Runenstein vibrierte erneut, diesmal stärker – zustimmend, fordernd. Zensa stoppte seinen nächsten Angriff, bremste abrupt und blickte überrascht zu ihr. Zum ersten Mal zeigte sein Gesicht einen Ausdruck, der irgendwo zwischen Respekt und Misstrauen lag. „Wird Zeit, dass du mich ernst nimmst“, flüsterte Leyla und richtete sich langsam auf. Die Erde unter ihren Füßen riss auf. Wasser quoll hervor, schoss in Fontänen in die Höhe. Das Feld war nicht mehr unter seiner Kontrolle. Jetzt gehörte es ihr. -------------------------------------------------------------------------- Immer mehr Wasser schoss aus dem aufgebrochenen Boden. Leyla hatte bei der Ankunft sofort gespürt, was darunter verborgen lag – ein unterirdischer See, dessen Präsenz sie beinahe willkommen zu heißen schien. Die Kälte, die Tiefe, das ruhige Gewicht des Wassers – es war vertraut, es war ihr Element. Sie hatte bewusst diesen Weg gewählt. Die Wassermagie erlaubte es ihr, mit Macht zu agieren, ohne ernsthaft zu verletzen. Und sie wollte den Jungen nicht brechen, nur seine Arroganz. Vor ihrem inneren Auge formte sich ein klarer Würfel – ein Aquarium ohne Glas, ein schwebendes Gefängnis, das von allen Seiten Wasser hielt und zugleich durch ihre reine Vorstellungskraft kontrolliert wurde. Binnen Sekunden gehorchte das Element ihrem Ruf. Das Feld versank in einem plötzlichen Strom aus gleißend hellem Wasser, das die Wintersonne spiegelte und in wirbelnden Bögen emporstieg. Dann schloss sich das Konstrukt. Zensa und Leyla waren nun vollständig umgeben – eingeschlossen in einer Welt aus schwebender, flüssiger Stille. Der Junge hatte nicht damit gerechnet. Seine Augen weiteten sich, er begann, mit kräftigen Bewegungen zur Seite zu schwimmen, doch Leyla war schneller. Ihr Körper schoss durchs Wasser wie ein Speer, elegant, zielgerichtet. Sie erreichte ihn, griff nach seinem Bein und versetzte ihm einen schnellen, gezielten Schlag in den Bauch – hart genug, um seine Haltung zu brechen, aber nicht brutal. Luftblasen stiegen aus seinem Mund auf. Zensa prustete, seine Augen flackerten – zwischen Wut und Überraschung, zwischen Panik und Trotz. Dann streckte er plötzlich die Arme aus – und Leyla wusste, was kommen würde. Blitze. Sie zuckten aus seinen Fingern, glitten durchs Wasser wie Licht selbst, und erreichten sie in weniger als einem Herzschlag. Die Elektrizität zuckte durch ihren Körper, ließ ihre Muskeln verkrampfen, die Sicht verschwimmen. Ein stechender Schmerz schoss durch ihre Brust, ihre Glieder gehorchten ihr kaum noch. Doch noch bevor der Schmerz die Kontrolle gewann, spürte sie ihn – den vertrauten Puls des Runensteins der Heilung. Warm, beinahe väterlich, begann er sein Werk. Die Wunden wurden nicht geheilt, aber die schlimmsten Auswirkungen der Magie gedämpft, gestoppt, beruhigt. Leyla ballte die Faust. Mit einem explosionsartigen Impuls ließ sie das Wasser verdampfen. Ein Donnern hallte über das Feld, als die Wassermasse in Dampf überging und in dichten Nebelschwaden verschwand. Plötzlich gab es keinen Halt mehr – sie befanden sich beide im freien Fall. Leylas Haare flatterten wild, Zensa schrie überrascht auf. „He— was soll…!“ rief er noch, dann krachte er schon auf dem gefrorenen Boden auf. Nicht schwer verletzt, aber außer Atem. Leyla landete eine Sekunde später neben ihm. Die Magie des Runensteins der Erde bebte, und sofort begannen aus dem Boden Ranken zu wachsen. Dick, dunkelgrün, lebendig. Sie schnellten hervor wie Schlangen, wanden sich um Zensas Handgelenke, seine Beine, hielten ihn fest wie Fesseln eines lebenden Waldes. Sie stand über ihm, dampfend, das Haar zerzaust, das Wasser von ihrer Kleidung tropfend. In ihren Augen flackerte kühle Entschlossenheit. „Du warst schnell“, sagte sie, und ein schiefes Grinsen legte sich auf ihr Gesicht. „Aber nicht schnell genug.“ Da hörte sie ein empörtes Summen, und Vinessa flog mit schnellen Flügelschlägen heran, die Arme in die Seiten gestemmt. „Leyla! Das war doch total übertrieben! Schau dir den armen Jungen an!“ Leyla blinzelte. Für einen Moment hatte sie sich gehen lassen – in der Freude des Kampfes, im Rausch ihrer Macht. Sie atmete tief durch. Der Dampf um sie herum löste sich langsam auf, ließ das winterliche Licht zurückkehren. Sie kniete sich neben Zensa. „Geht es dir—“ „Leyla?“ unterbrach er sie atemlos. Seine Stimme hatte sich verändert – nicht mehr überheblich, sondern überrascht. „Die Kaiserliche Kopfgeldjägerin Leyla?“ Sie seufzte. Jetzt also hatte er seine Arroganz verloren. „Ja. Genau die.“ Zensa versuchte, sich aus den Ranken zu befreien, aber sie hielten ihn fest wie eiserne Umarmungen. Statt weiter zu zappeln, blickte er sie nun eindringlich an. Seine gelben Augen flackerten – mit einer Mischung aus Hoffnung, Furcht und etwas Neuem: Ehrfurcht. „Leyla… Ich bitte dich“, sagte er plötzlich, mit einer Stimme, die ehrlicher kaum hätte sein können. „Nimm mich mit dir. In die Kaiserstadt. Trainiere mich!“ -------------------------------------------------------------------------- Leyla betrachtete ihn lange schweigend. Der Wind fuhr durch ihr blaues Haar. Schließlich richtete sie sich auf, streckte die Hand aus und ließ die Ranken langsam in den gefrorenen Boden zurücksinken. Der Zauber löste sich auf, als wäre er nie gewirkt worden. Zensa setzte sich auf, rieb sich mit einer Mischung aus Erleichterung und Anspannung die Handgelenke. Doch seine Augen wichen nicht von Leyla – es war ein Blick voller Erwartung, Stolz und einer fast kindlichen Hoffnung. Vinessa flatterte in leisem Schwirren heran, setzte sich nahe Leylas Ohr und flüsterte ernst: „Er meint es wirklich ernst. Das spüre ich.“  Leyla nickte langsam. Und lächelte. Nur schwach, fast nachdenklich – aber echt. Zensa war talentiert, das stand außer Frage. Sein Instinkt, seine Geschwindigkeit, die rohe Kraft seiner Magie – all das war beeindruckend. Er war wie ein Rohdiamant, noch voller Ecken und Kanten, aber mit einem Kern aus unverkennbarer Stärke. Sie konnte es förmlich spüren: Wenn er geführt wurde, wenn er lernte zu zügeln und nicht nur zu zerschlagen, dann könnte er jemand Bedeutendes werden. Aber war sie die Richtige, um ihn zu führen? Sie war keine Lehrmeisterin. Niemand hatte sie je in dieser Rolle gesehen – nicht einmal sie selbst. Und vieles, was sie konnte, hatte sie sich unter Schmerz, Gefahr und Verlust selbst beigebracht. War sie fähig, jemandem wie ihm den richtigen Weg zu zeigen, ohne ihn zu zerstören? Und dann war da noch die Frage, ob sie es überhaupt durfte. Gab es für Kopfgeldjäger Regeln, was Schüler betraf? Ob Yang etwas dagegen hätte? Oder würde es einfach niemanden interessieren? „Bitte“, sagte Zensa da mit brüchiger Stimme. „Ich werde dir gehorchen. Ich mach alles, was du sagst. Aber bitte – nimm mich mit.“ Er hatte sich verändert. Der Übermut war verflogen, der Hochmut zerplatzt wie eine Seifenblase. Was blieb, war ein Junge mit leuchtenden Augen, der zum ersten Mal einen Hoffnungsschimmer in der Welt sah. Leyla atmete tief durch. Blickte kurz zu Vinessa, die erwartungsvoll in der Luft schwebte. Dann zurück zu Zensa. Sie zögerte einen Moment, dann seufzte. „Ich nehme dich mit“, sagte sie leise. „Ob ich dich trainiere… das sehe ich dann.“ Zensas Augen wurden groß. Dann sprang er auf, als hätte man ihn mit Energie durchflutet. „Danke, Leyla! Ich werde dich nicht enttäuschen!“ rief er und ballte die Fäuste vor Freude. „Wann brechen wir auf?“ Leyla öffnete den Mund, um zu antworten – doch Vinessa kam ihr zuvor. „Musst du nicht deinen Eltern Bescheid geben?“ fragte die kleine Fee, sichtlich besorgt. Ihre Stimme klang ungewohnt ernst. Zensa blinzelte, drehte sich zu ihr. Seine Augen wurden sanfter. „Du bist eine Fee, oder? Wie heißt du?“ Vinessa reckte stolz die Brust, wie ein Soldat bei der Parade. „Natürlich bin ich eine Fee! Mein Name ist Vinessa! Ich bin eine ehrenhafte Bewohnerin des Grünwaldes und Begleiterin von Leyla!“ Dann schüttelte sie energisch den Kopf. „Aber du lenkst ab. Was ist mit deinen Eltern?“ Zensa sah sie für einen Moment still an, dann hob er die Schultern. „Hab keine. Hatte ich nie. War einfach irgendwann da.“ Leyla und Vinessa wechselten einen Blick. Keine Trauer lag in Zensas Stimme – nur eine schlichte, nüchterne Wahrheit. Ein Junge, der niemandem gehörte, und darum tat, was er wollte. „Also?“ fragte er mit leuchtenden Augen. „Brechen wir auf?“ Leyla lächelte. Etwas müde, aber herzlich. „Ja“, sagte sie. „Lass uns aufbrechen.“ Sie gingen nebeneinander los, Vinessa flatterte über ihnen in sanften Bögen. Der Winterwind trug feine Eiskristalle durch die Luft, und in der Ferne, nur von der Landschaft zerfasert, ragten die Mauern der Kaiserstadt empor – kalt, stolz, gewaltig. Leyla warf einen Blick dorthin. Gedankenverloren, aber zuversichtlich. „Bald sehen wir uns wieder“, murmelte sie leise. „Nea. Eroica.“ Und sie gingen weiter – ein neuer Weg, ein neuer Schüler, und vielleicht, nur vielleicht, ein neues Kapitel.

  • Kapitel 183 - Erst der Anfang

    „…und dann ist Leyla mit der Edlen Miss Cyntha zusammen nach Norden geflogen. Seitdem… nun, seitdem haben wir uns nicht mehr gesehen.“ Alexandra beendete ihren Bericht mit einem leisen Seufzen. Sie hatte Eroica und Nea weitgehend offen von ihrer gemeinsamen Zeit mit Leyla erzählt – von der Reise durch die Sümpfe, ihren Erlebnissen mit den Blätterlosen, vom Kampf gegen den Oni. Die zarten, intimen Momente,- die Blicke, das Lachen – all das hatte sie nicht ausdrücklich erwähnt. Manche Dinge gehörten einfach nur ihr und Leyla. Nea hingegen hatte sich auf das Sofa gefläzt, ihre Beine über die Lehne geschwungen und hörte mit wachsender Begeisterung zu. Nun klatschte sie in die Hände. „Dann seid ihr ja wirklich Freundinnen!“ rief sie strahlend, als hätte sie einen Wettbewerb gewonnen. Alexandra musste lächeln. Es war erstaunlich, wie sehr ihr dieses Mädchen mit der unsteten Energie und der direkten Art bereits ans Herz gewachsen war – obwohl sie sie vor nicht einmal zwei Stunden noch angegriffen hatte. „Ich danke dir, Alexandra“, sagte Eroica nun mit leiser Stimme. Ihre Augen wirkten dabei fast ein wenig müde, als trüge sie die Sorge ihrer Herrin mit. „Leyla hat es schwer, durch ihre Stellung wirkliche Freunde zu finden. Leute, denen sie vertrauen kann… das ist selten. Sie braucht Personen wie dich.“ Die Filina verbeugte sich leicht, aufrichtig und voller Anstand. Alexandra spürte, wie ihre Wangen warm wurden. Es war lange her, dass ihr jemand so offen Dankbarkeit gezeigt hatte – zumindest jemand, der ihr etwas bedeutete. Sie strich sich eine Strähne hinters Ohr und erwiderte leise: „Sie bedeutet mir wirklich viel.“ Nea rief sofort dazwischen: „Oho! Das klingt ja interessant!“ Sie kicherte und warf sich auf den Bauch, die Füße spielerisch in der Luft. Alexandra rollte die Augen, doch ein Grinsen stahl sich auf ihr Gesicht. „Also“, begann sie wieder, „weißt du vielleicht, wann Leyla zurückkommt? Ich würde gerne mit ihr reden. Es… es ist wirklich wichtig.“ Eroica schüttelte langsam den Kopf. „Das kann ich leider nicht sagen. Nach einem Auftrag hat sie gerne Zeit für sich.“ Alexandra seufzte. Sie gönnte Leyla die Ruhe nach den vielen Kämpfen und dem politischen Wahnsinn, in den sie verstrickt war – doch das änderte nichts an dem Knoten in ihrer Brust. Sie wollte sie sehen. Musste es. „Na gut“, murmelte sie, „dann muss ich mir wohl die Zeit in der Kaiserstadt vertreiben. Sagst du mir Bescheid, wenn sie wieder da ist, Eroica?“ „Selbstverständlich“, antwortete die Filina mit einem sanften Nicken. Bevor noch jemand etwas sagen konnte, spürte Alexandra plötzlich einen Druck auf dem Rücken – Nea war aufgesprungen und hatte sich wie eine Katze auf sie geworfen. „Du schläfst einfach in Leyleys Zimmer! Die stört das sicher nicht!“ Alexandra lachte auf und versuchte, Nea wieder abzuschütteln. „Nein, ich denke, eine einfache Gaststätte tut es auch. Ich will ihr Zimmer nicht einfach besetzen.“ „Quatsch“, sagte Nea und ließ sich nun neben ihr auf das Sofa fallen. „Das ist ein Riesenbett, da passen fünf Leute rein.“ Alexandra zog eine Augenbraue hoch, bevor sie sich wieder an Eroica wandte. Doch die nickte ernst. „Ich finde auch, dass Nea Recht hat. Schlaf ruhig hier. Du bist willkommen – und ich kümmere mich darum, dass es dir an nichts fehlt.“ Ein Moment der Wärme durchflutete Alexandra. Nach all den Monaten auf Reisen, durch Schnee, Sümpfe und Schatten, war es das erste Mal seit Ewigkeiten, dass sie sich wie zu Hause fühlte. Und sie war noch nicht einmal einen Tag hier. Doch Eroicas Gesicht veränderte sich. Ihre Ohren zuckten leicht, ihre Pupillen zogen sich zusammen. Sie sprach leise, aber mit Nachdruck: „Ich will dich gar nicht fragen, wie oder wann du zu einer Dämonin geworden bist, Alexandra. Doch es ist wichtig, dass du lernst, diese Kräfte zu kontrollieren. Auch um Leylas Willen.“ Alexandra senkte den Blick. Ihre Finger krallten sich leicht in den Stoff ihrer Hose. „Ich weiß.“ Eroica trat näher, ihr Blick nun aufrichtig mitfühlend. „Ich kenne jemanden, der dir helfen könnte. Er ist zwar kein Dämon – aber er kennt sich mit deiner Art Magie besser aus, als jeder andere in dieser Stadt.“ Alexandras Augen leuchteten auf. „Und… wer ist es?“ Doch Eroica hob nur leicht den Finger an die Lippen. „Geduld. Ich stelle dich ihm morgen vor.“ Nea streckte sich und gähnte theatralisch. „Ich wette, es ist dein verrückter Freund aus dem Kräuterturm. Der redet mit Fliegen.“ „Er ist nicht verrückt“, korrigierte Eroica trocken. „Er ist nur… ungewöhnlich.“ Dann wandte sie sich wieder Alexandra zu. „Mach dir keine Sorgen. Schlaf dich aus. Morgen wirst du verstehen, was ich meine.“ Alexandra lehnte sich zurück. Für den Moment war das genug. Sie war endlich angekommen. Und Leyla war nicht mehr weit entfernt. -------------------------------------------------------------------------- Es war ein überraschend warmer Tag, beinahe frühlingshaft, wenn man ihn mit den frostigen Wochen davor verglich. Die Sonne stand hoch am Himmel und ließ das weiß-graue Pflaster der Kaiserstadt in hellem Glanz erstrahlen. Ein lauer Wind wehte durch die Straßen, trug den Duft gebratener Kastanien und den Klang entfernt spielender Kinder mit sich. Inmitten dieses sanften Tageslichts bewegten sich Alexandra und Eroica Seite an Seite durch das lebendige Gewirr der Stadt. Alexandra fühlte sich etwas rastlos. Zwar hatte Eroica versprochen, sie heute einer wichtigen Person vorzustellen, doch der Name ihres Gesprächspartners war bis zuletzt ein Geheimnis geblieben. Die Filina hatte nicht einmal einen Hinweis gegeben – was Alexandra zunehmend nervös machte. Hoffentlich war es nicht der seltsame „Fliegenflüsterer“, wie sie innerlich den Mann genannt hatte, den Nea erwähnt hatte. Eroica wirkte heute noch kontrollierter als am Vortag. Selbst jetzt, als sie keine Repräsentationspflicht hatte, schritt sie würdevoll neben ihr her, die Ohren leicht aufgerichtet, die Miene aufmerksam und gelassen, wie es einer Leibdienerin einer Kaiserlichen Kopfgeldjägerin angemessen war. Es war fast so, als könne sie die Rolle nie ganz ablegen – oder vielleicht hatte sie sich mit der Zeit so sehr damit verwoben, dass sie längst ein Teil von ihr geworden war. Alexandra dagegen versuchte, so viel wie möglich aufzusaugen. Die Kaiserstadt war gewaltig, unübersichtlich, atmete an jeder Ecke Geschichte. Sie beobachtete die Häuser, die Gassen, das Verhalten der Menschen. Wie sie sich bewegten, wie sie einander grüßten, wie sie den Tag lebten. All das versuchte sie sich zu merken – nicht nur, weil es klug war, die Umgebung zu kennen, sondern auch, weil sie Leyla irgendwann von allem erzählen wollte. Der Weg führte sie weiter in den Norden, dort, wo die Straßen breiter wurden und die Gebäude zunehmend aus hellem Stein erbaut waren. Hier wirkte die Stadt älter, aber auch ehrwürdiger. Und bald sah Alexandra das Ziel ihrer kleinen Reise: ein gewaltiges Bauwerk, das aussah, als wäre es aus einem alten Märchen gefallen. In den Hang eines Hügels gebaut, thronte es wie ein weißer Tempel über der Umgebung, mit weiten Treppen, hohen Säulen und gewaltigen Türen, die von goldenen Rahmen eingefasst waren. „Was ist das für ein Ort?“ fragte Alexandra, als sie kurz stehenblieb, um das Gebäude eingehend zu betrachten. Ihre Stimme klang zugleich ehrfürchtig und neugierig. Eroica drehte sich zu ihr um, ihre Augen glänzten. „Das ist die Kaiserliche Bibliothek. Mein Lieblingsort in der ganzen Stadt.“ Alexandra staunte. Zwei Statuen flankierten den Treppenaufgang, beide meisterhaft gearbeitet. Sie zeigten Figuren in wallenden Gewändern, mit ernsten, fast melancholischen Gesichtern. Wer sie gewesen waren, wusste sie nicht – doch sie wirkten bedeutend, als hätten ihre Worte und Taten einst das Reich geprägt. Schweigend stiegen sie die Treppen empor und betraten die Vorhalle. Die Decke war so hoch, dass sich ihre Stimmen in einem sanften Echo verloren. Es roch nach altem Papier, Tinte und warmem Holz – ein friedlicher, beinahe heiliger Duft. An einem breiten Tisch im Eingangsbereich saß ein älterer Mann. Seine Haut schimmerte schuppig im Licht – ein Drachar, wie Alexandra sofort erkannte. Vor ihm lag ein Buch, und seine langen Finger folgten konzentriert einer Zeile, als Eroica sich räusperte. „Guten Morgen, Rhovar. Darf ich dir Alexandra vorstellen?“ Der Mann blickte langsam auf, legte das Lesezeichen zwischen die Seiten und richtete sich auf. Seine Augen waren von einem intensiven, beinahe leuchtenden Giftgrün, und Alexandra hatte das Gefühl, dass er sie mit einem einzigen Blick durchleuchtete. Doch seine Stimme klang sanft und gebildet, als er sprach: „Ah, Miss Nyva. Immer eine Freude. Und Sie also sind Miss…?“ „Lemyllion“, antwortete Alexandra und zwang sich zu einem leichten Lächeln. „Ich stamme aus dem Grünwald. Und… ich bin eine Freundin der Edlen Miss Leyla.“ Es fühlte sich merkwürdig an, Leyla so zu nennen. Der Ehrentitel wirkte in ihrem Mund fremd und zu distanziert – doch Eroica hatte ihr eingeschärft, wie wichtig diese Formalitäten waren, gerade hier, in der Nähe der Macht. „Miss Lemyllion also“, wiederholte der Drachar nachdenklich. Er schien sich den Namen einzuprägen. „Ich bin Rhovar Trellis, Kaiserlicher Hofchronist und Verwalter dieser ehrwürdigen Bibliothek.“ Er musterte sie erneut, diesmal weniger durchdringend, eher abschätzend – wie ein Gelehrter, der prüfte, ob das neue Buch in seine Sammlung passt. „Und wie kann ich behilflich sein?“ Eroica trat einen Schritt näher und legte eine Hand sanft an Alexandras Schulter. „Sie ist eine Dämonin. Noch jung, ungeschult – aber mit Potenzial. Ich dachte, du könntest ihr helfen, ein wenig mehr über sich selbst und ihre Kräfte zu lernen. Natürlich vertraulich – es ist… ein Anliegen der Edlen Miss Leyla.“ Rhovar blinzelte, dann wandte er den Blick von Eroica zurück zu Alexandra. Eine lange Pause entstand, bevor er schließlich sprach: „Eine Dämonin also… nun, ich selbst war nie mit Magie gesegnet, zumindest nicht in dieser Form. Aber ich weiß einiges. Über ihre Natur, über ihre Geschichte. Wenn die Edle Miss Leyla es wünscht, dann teile ich mein Wissen mit Freuden.“ Er lächelte sanft. „Doch sagen Sie mir, Miss Lemyllion – was genau ist es, das Sie lernen wollen? Stärke? Kontrolle? Oder Verständnis?“ Alexandra zögerte. Sie spürte plötzlich, dass es hier nicht nur um Kraft ging. Nicht nur darum, ihre Hörner oder Flügel zu verbergen oder im Kampf standzuhalten. Es ging um mehr. „Ich… ich möchte mich selbst verstehen. Und der Edlen Miss Leyla helfen, wenn sie mich braucht. Ich möchte stark genug werden, um an ihrer Seite zu kämpfen.“ Rhovar nickte langsam. „Dann sind Sie hier am richtigen Ort.“ Er klappte sein Buch zu. „Kommen Sie. Wir beginnen mit der Wahrheit über Dämonen.“ -------------------------------------------------------------------------- Der Raum, in den Rhovar Trellis Alexandra geführt hatte, lag gut zwei Straßen von der Kaiserlichen Bibliothek entfernt – eingebettet in ein stilles Seitengässchen, das so unscheinbar war, dass Alexandra sich wunderte, wie ein Mann wie Rhovar diesen Ort überhaupt gefunden hatte. Es war ein schlichtes Gebäude, fast völlig aus Holz, mit schmalen Wänden, die nach oben hin in leicht geschwungene Balken ausliefen. Die Fenster bestanden aus weißem, leicht vergilbtem Reispapier, das das Licht nur gedämpft in den Raum ließ. Ein feiner Geruch von Sandelholz und altem Lack hing in der Luft. Ein Dojo, dachte Alexandra, überrascht. Sie hatte mit vielem gerechnet – mit einem Archiv vielleicht, oder einer Studierstube voller Bücher über dämonische Blutlinien. Doch nicht mit einem Ort des Kampfes, der Disziplin, der Körperbeherrschung. „Wollt Ihr etwa mit mir trainieren?“ fragte sie, noch bevor sie den Gedanken richtig gefasst hatte. Ihre Stimme klang eher neugierig als skeptisch – aber sie konnte sich nicht helfen: Rhovar wirkte nicht wie jemand, der je ein Schwert geschwungen hatte. Oder es überhaupt konnte. Als Drachar war es ihm nicht möglich ein Schwert zu halten. Er schmunzelte leicht, ließ sich dann aber auf einem der flachen Meditationskissen am Rand des Raumes nieder. Mit einer Handbewegung bedeutete er Alexandra, es ihm gleichzutun. „Miss Lemyllion“, begann er mit der ruhigen, angenehmen Stimme eines alten Gelehrten, „bevor Ihr trainiert, müsst Ihr verstehen. Wir beginnen mit einer simplen Frage: Was sind Dämonen eigentlich? Oder, präziser: In welche zwei Arten lassen sie sich einteilen?“ Alexandra schwieg einen Moment, während sie sich setzte. Sie war neu in allem, was mit ihrer Verwandlung zu tun hatte. Abgesehen von den wenigen Sätzen, die Jess zu ihr gesprochen hatte, und von dem, was sie sich selbst zusammenreimte, wusste sie kaum etwas über ihre eigene Natur. Das Wort ,Dämon’ war ihr bis vor wenigen Wochen nicht mehr als eine düstere Legende gewesen. Und nun sollte sie ihre eigene Art einordnen? „Ich... weiß es nicht“, gestand sie schließlich ehrlich. „Ich kenne nur mich. Und einen alten Mann auf dem Berg der Dämonen.“ Rhovar nickte, als hätte er genau diese Antwort erwartet. „Das ist nicht ungewöhnlich. Viele wandeln durch das Leben, ohne zu wissen, was sie sind. Doch Wissen ist Macht. Und Macht kann nur kontrolliert werden, wenn man versteht, woher sie stammt.“ Er machte eine kurze Pause, so als wolle er prüfen, ob sie ihm auch wirklich zuhörte. „Was ich Euch nun sage, gilt übrigens ebenso für Engel – denn Dämonen und Engel sind mehr Geschwister als Feinde, auch wenn sich beide Seiten das nur ungern eingestehen. Es gibt zwei Arten von Dämonen. Die erste, schwächere Art nennt man kreierte Dämonen. Dazu gehört auch Ihr. Es sind Sterbliche – Elfen, Menschen, Dracharen oder andere – die von einem der zehn Erzdämonen berührt, gezeichnet und verwandelt wurden. Ein Geschenk, manche sagen: ein Fluch.“ Alexandra schluckte trocken. Die schwächere Art, hallte es in ihrem Kopf wider. „Die zweite Art“, fuhr Rhovar fort, ohne auf ihre Reaktion einzugehen, „sind die geborenen Dämonen. Sie werden entweder direkt von einem Erzdämon gezeugt oder stammen aus der Verbindung zweier Dämonen. Ihr Blut ist rein, ihr Körper von Anfang an geformt für das, was Ihr Euch noch mühsam aneignen müsst. Man nennt sie reine Dämonen.“ Alexandra nickte langsam, doch ihre Gedanken wirbelten. Es ergab Sinn, dass die reinen Dämonen mächtiger waren – stärker, gefährlicher. Doch sie konnte die Enttäuschung nicht ganz verbergen. Wie sollte sie je Leyla ebenbürtig sein, wenn ihr Fundament selbst schon schwächer war? Rhovar schien ihre Gedanken zu erraten, denn sein Blick wurde weicher. „Lasst Euch nicht entmutigen. Die Macht eines Dämons bemisst sich nicht allein durch Geburt. Manche der gewaltigsten Kreaturen wurden nicht geboren, sondern geschmiedet – durch Schmerz, durch Mut, durch Erkenntnis.“ „Verratet Ihr mir, von welchem der Erzdämonen Ihr verwandelt wurdet?“ Seine Stimme war ruhig, doch in seinem Blick flackerte ein Funken Interesse. Sofort schossen Alexandra die Bilder von dem dunklen Berg in den Kopf, von Jess’ schwarzen, durchdringenden Augen, von dem Moment, in dem alles in ihrem Körper sich verändert hatte. „Durch Jess“, sagte sie leise. „Durch die Erzdämonin des Krieges, Jess.“ Für einen Moment war Stille. Rhovars Augen weiteten sich leicht – ein Ausdruck, den Alexandra bisher nicht an ihm gesehen hatte. Es war fast so, als hätte er nicht damit gerechnet. „Dann habt Ihr Glück“, sagte er schließlich und sein Mundwinkel hob sich zu einem Lächeln. „Von Jess erschaffene Dämonen sind... selten. Überaus selten. Nach allem, was ich weiß, seid Ihr sogar erst die zweite überhaupt. Und sie gelten als besonders mächtig. Jess verleiht keine halben Gaben.“ Alexandras Herz begann schneller zu schlagen. Der alte Mann auf dem Berg hatte es gesagt, Jess selbst hatte es angedeutet – aber erst jetzt, wo es Rhovar bestätigte, fühlte es sich real an. Vielleicht war sie doch etwas Besonderes. Vielleicht war sie nicht nur ein Schatten eines Schattens. „Dann... könnt Ihr mich trainieren, Mister Trellis?“ fragte sie mit einem hoffnungsvollen, beinahe kindlichen Ausdruck. Doch der Hofchronist schüttelte langsam den Kopf. „Nein, mein Wissen ist theoretischer Natur. Ich selbst bin kein Träger dieser Kräfte. Doch ich kann Euch lehren, wie Ihr denkt, wie Ihr fühlt, wie Ihr fokussiert. Ich kann Euch helfen, die Grundlagen zu verstehen, auf denen Eure Macht aufbaut. Das ist es, was den Unterschied macht – nicht das, was Ihr seid, sondern was Ihr mit dem, was Ihr seid, zu tun vermögt.“ Alexandra ließ sich auf das Gespräch ein. Sie wusste, dass es kein einfacher Weg werden würde. Doch sie lächelte trotzdem. „Ich danke Euch. Wirklich.“ „Und bitte“, sagte Rhovar mit einem leisen Schmunzeln, „dieses ‚Mister Trellis‘ ist viel zu steif. Rhovar genügt.“ -------------------------------------------------------------------------- „Ihr habt sicher bereits bemerkt, dass Euer Körper nun weitaus kräftiger ist als früher“, begann Rhovar mit ruhiger Stimme, während sein Blick prüfend auf Alexandra ruhte. „Umso mehr, wenn Ihr seine wahre Gestalt annehmt – wenn Ihr Eure Klauen zeigt, sozusagen. Doch das ist nicht die eigentliche Stärke von Dämonen. Wisst Ihr, was Euch wirklich mächtig macht?“ Alexandra runzelte leicht die Stirn. Ihre körperlichen Veränderungen waren ihr natürlich nicht entgangen – die Klauen, die Hörner, die Flügel. Ihre Sinne waren geschärft, ihr Körper schneller, stärker, robuster. Doch jenseits davon... hatte sie nichts Besonderes gespürt. Keine neuen Fähigkeiten, keine überelfische Kontrolle. Nur ein wachsendes Feuer in ihr, das sich manchmal schwer zügeln ließ. „Ich... weiß es nicht“, gab sie schließlich zu, während sie Rhovars Blick suchte. „Die Antwort ist einfach“, sagte er mit einem leisen Nicken. „Es ist die Dämonenmagie. Eine besondere, uralte Form der Magie, die ausschließlich Dämonen zugänglich ist. Selbst ein gebrechlicher Dämon hätte über sie Macht, während ein starker Sterblicher, so geschickt er auch sei, niemals darauf zugreifen könnte.“ Er erhob sich und ging mit gemessenen Schritten zu einem niedrigen Tisch am Rand des Dojos. Dort stand eine schlichte Kanne aus dunklem Ton, aus der er sorgfältig dampfenden Tee in zwei kleine Becher goss. Mit der Gelassenheit eines Gelehrten kam er zurück und reichte Alexandra einen der Becher, bevor er selbst einen Schluck nahm. „Dämonenmagie“, fuhr er fort, „ist oft an die Natur des Erzdämons gebunden, der Euch gezeichnet hat. Ihr habt bereits erwähnt, dass Ihr von Jess stammt. Eine bemerkenswerte Herkunft.“ Alexandra nickte langsam. Ihre Gedanken wanderten zurück zu den Erinnerungsfetzen aus Jess’ Geist – an den schwarzen Himmel über dem Schlachtfeld, an das Aufeinandertreffen mit dem Erzengel Gabriel. An die unfassbare Geschwindigkeit, mit der Jess eine Waffe nach der anderen beschworen hatte, Klinge auf Klinge, Schatten auf Schatten. „Jess“, murmelte sie, „hat gegen Gabriel mit vielen verschiedenen Waffen gekämpft. Eine nach der anderen. Sie schien sie einfach aus dem Nichts zu ziehen.“ „Ganz recht“, bestätigte Rhovar. „Jess ist nicht umsonst die mächtigste unter den Erzdämonen. Ihre wahre Kraft liegt in der Beschwörung der Schattenwaffen – vierundsiebzig an der Zahl, jede mit einzigartiger Wirkung, Form und Geschichte. Sie erscheinen auf ihren Ruf hin und verschwinden, sobald sie ihrer Aufgabe gedient haben.“ „Vierundsiebzig?’’ fragte Alexandra mit leiser Faszination. Sie konnte sich kaum vorstellen, so viele Waffen zu beherrschen. Und doch – ein Teil von ihr wollte es. Instinktiv. „Aber ich kann kaum Magie nutzen“, fuhr sie schließlich fort. Rhovar schüttelte mild den Kopf, als hätte er diese Unsicherheit erwartet. „Das ist nicht ungewöhnlich. Selbst wenn Ihr keine sterbliche Magie wirken könntet – was ich übrigens bezweifle – so ist Euch doch der Pfad der Dämonenmagie offen. Es ist keine Magie, wie sie Gelehrte in der Akademie lehren würden. Sie ist roher. Reiner. Sie gehorcht nicht den gleichen Gesetzen.“ Er nahm noch einen Schluck Tee und sprach dann weiter. „Gerade bei Dämonen von Jess sollte jene Form der Magie aktiv werden, die mit Kampf und Instinkt zu tun hat. Ihr seid Kriegerin – das spüre ich, und Ihr wisst es selbst. Eure Magie wird sich dort zeigen, wo Blut fließt, wo Gefahr lauert, wo Ihr keine Wahl mehr habt, als Euch auf Eure tiefsten Kräfte zu verlassen.“ Alexandra senkte den Blick auf den dampfenden Becher in ihren Händen. Die Wärme tat gut. Und doch – tief in ihrem Innersten, brodelte bereits etwas. Es war nicht mehr nur Wut oder Groll. Es war etwas Neues. Klarer. Zielgerichteter. „Muss ich...“ sie zögerte kurz, „...muss ich auch die Waffentechniken meistern, die Jess verwendet?“ „Müssen?“ fragte Rhovar mit einem spitzbübischen Schmunzeln. „Nein. Nichts daran ist Pflicht. Ihr solltet nicht Jess nachahmen. Überlegt lieber: Was macht Euch im Kampf aus? Welche Stärken habt Ihr bereits, und was davon wollt Ihr verstärken?“ Alexandra schloss für einen Moment die Augen. Vor ihrer Verwandlung war sie eine Schwertkämpferin gewesen. Keine Tänzerin mit tausend Stilen – sie hatte auf Geschwindigkeit gesetzt, auf präzise Hiebe, auf das Zusammenspiel von Kraft und Intuition. Ihr Stil war nicht filigran gewesen, aber effektiv. Brutal ehrlich, wie sie selbst. Als sie wieder aufsah, lag Entschlossenheit in ihrem Blick. „Ich glaube, ich weiß jetzt, wie ich die Magie einsetzen will. Ich brauche keine vierundsiebzig Waffen. Ich brauche eine – aber sie muss mir gehorchen. Immer.“ Rhovar nickte anerkennend. „Ein kluger Gedanke. Es ist nicht die Menge der Werkzeuge, die den Schmied ausmacht – sondern wie er mit ihnen umgeht. Zu glauben, Ihr könntet wie Jess vierundsiebzig Waffen auf dem gleichen Niveau nutzen, wäre vermessen. Wenn es so einfach wäre, wäre sie nicht die Stärkste.“ Er stand auf, trat zur Mitte des Dojos, in die freie Fläche, die von sanftem Licht durchflutet wurde. Dort drehte er sich zu ihr um, das Gesicht ernst, aber voller Respekt. „Dann, Miss Lemyllion, ist es Zeit. Lasst uns nun beginnen. Wir werden Eure Dämonenmagie erwecken.“ -------------------------------------------------------------------------- „Schließt die Augen“, sagte Rhovar mit sanfter, beinahe beruhigender Stimme. Alexandra zögerte nur kurz, dann tat sie, wie ihr geheißen wurde. Der Raum um sie herum verblasste. Kein Licht, kein Geräusch, nur das langsame, tiefe Pochen ihres Herzens, das in der Stille lauter wirkte als zuvor. „Ihr habt es sicherlich bemerkt“, fuhr der alte Drachar fort, „dieses Brodeln in Eurem Inneren. Es ist nicht bloß ein Gefühl – es ist der Ursprung Eurer neuen Natur. Manche beschreiben es als das Erwachen eines uralten Monsters, andere als das Aufziehen eines gewaltigen Sturms. Wieder andere sagen, es fühle sich an wie ein brennender Feuersturm, der kurz vor der Entfesselung steht.“ Alexandra nickte, auch wenn ihre Augen noch geschlossen waren. Ja, dieses Gefühl war ihr bekannt. Es war immer da gewesen, seit sie von Jess verwandelt worden war – ein ständiges Vibrieren unter der Haut, eine gleißende Spannung tief in der Brust. Sie hatte es oft unterdrückt, aus Angst, was es bedeuten könnte. Doch jetzt, da Rhovar es benannte, wirkte es weniger fremd. Eher wie ein Teil von ihr, den sie endlich anerkennen musste. ,,Das ist eure Dämonenkraft. Gebt dem Gefühl nach“, sagte er ruhig. „Lasst es gewähren. Keine Angst. Ihr seid nicht sein Sklave. Ihr seid seine Herrin.“ Langsam erlaubte Alexandra dem Feuer in sich, sich auszubreiten. Kaum hatte sie es zugelassen, durchfuhr sie ein Schlag von Energie. Ihre Stirn wurde heiß, sie spürte, wie sich unter der Haut etwas bewegte, dann durchbrachen ihre Hörner wieder das Fleisch, als wollten sie die Welt erneut herausfordern. Ein Moment später fühlte sie, wie sich die Federn ihrer schwarzen Flügel entfalteten, wie sich die Sehnen ihrer Finger dehnten, bis ihre Nägel sich zu messerscharfen Klauen streckten. Ihre Atmung ging schneller, doch sie fühlte keine Angst. Nur Kraft. Reine, ungefilterte Kraft. „Jetzt zieht Euer Schwert“, befahl Rhovar leise, aber bestimmt. „Und schlagt. So, wie Ihr es kennt.“ Alexandra griff an ihre Seite, wo die vertraute Waffe ruhte. Mit einem geübten Ruck zog sie sie, ließ sie durch die Luft gleiten. Drei Schläge, kräftig, fließend – der Klang der durchtrennten Luft hallte im Raum nach. „Und nun“, sagte Rhovar, „stellt Euch vor, dieses innere Feuer, das Ihr spürt, würde direkt in die Klinge fließen. Lenkt es. Formt es. Gebt dem Schlag mehr als Muskelkraft – gebt ihm Eure Essenz.“ Sie schloss erneut kurz die Augen, stellte sich vor, wie das dunkle Lodern ihres Zorns, ihrer Sehnsucht, ihrer Stärke in das Metall sickerte, es durchdrang und auflud wie ein Sturm, der sich in der Stille sammelte. Dann schlug sie zu. —BUMM— Nicht bloß ein Knall – eine Druckwelle. Luft und Energie schossen explosionsartig von der Schneide der Klinge aus. Alexandra riss die Augen auf. Vor ihr stand Rhovar, von einer blassen, durchscheinenden Lichtkuppel geschützt. Um sie herum lag das Dojo in Trümmern. Die Teekanne war zerbrochen, die Schalen zersplittert. Holzbretter lagen in Schrägen, zerborsten, als hätte jemand eine Bombe gezündet. Nur die äußeren Wände und die papierdünnen Fenster blieben unversehrt, gehalten von weiteren Schutzbarrieren, die der alte Chronist offenbar instinktiv errichtet hatte. Alexandra keuchte. „T–Tut mir leid… ich wusste nicht—“ Doch Rhovar hob bereits beschwichtigend die Hand. Sein Lächeln war warm, fast stolz. „Nein, nein“, sagte er. „Das war ausgezeichnet. Ihr habt verstanden. Ihr habt dem Feuer nicht nur Raum gegeben, Ihr habt es geformt, gelenkt, gezielt entfesselt. Das ist der erste Schritt zur wahren Kontrolle.“ Er wandte sich langsam um, während er die Barrieren auflöste, als wäre nie etwas geschehen. „Was nun folgt, ist ganz Euch überlassen. Eure Kreativität, Euer Mut, Euer Wille – das sind die Werkzeuge, mit denen Ihr Eure Kräfte weiterentwickeln werdet. Probiert aus, scheitert, versucht es erneut. Und irgendwann… werdet Ihr etwas Einzigartiges schaffen.“ Er trat zur Tür, öffnete sie, und das Sonnenlicht fiel herein wie ein sanfter Segen. „Ich muss nun zurück an meine Arbeit. Die Bücher warten nicht. Doch wenn Ihr Fragen habt, oder Inspiration braucht – der Eingangsbereich der Kaiserlichen Bibliothek ist offen für Euch. Kommt jederzeit, Miss Lemyllion.“ Dann verschwand er. Alexandra blieb allein zurück – zwischen Trümmern und stillem Licht. Sie senkte den Blick und betrachtete ihre Waffe. Die Klinge war unverändert… und doch nicht. Eine dunkle, flackernde Aura hatte sich um sie gelegt. Sie war nicht fassbar, aber spürbar – wie ein Schatten, der leben wollte. Ihr Herz pochte laut, nicht mehr aus Angst, sondern aus neuem Mut. Sie hatte etwas entfesselt. Etwas, das ihr gehörte. Zum ersten Mal seit jener Begegnung im Berg der Dämonen fühlte sie sich nicht überfordert oder fremdbestimmt – sondern bereit. Bereit, an Leylas Seite zu stehen. Nicht als Schatten, nicht als Bittstellerin, sondern als Gleichwertige. Und tief in ihrem Inneren wusste sie: Das war erst der Anfang.

  • Kapitel 182 - Wo Wege sich kreuzen

    „Das ist also die Kaiserstadt“, flüsterte Alexandra andächtig, kaum lauter als der Wind, der ihr durch die blonden Haare fuhr. Ihr Blick glitt über die schneebedeckten Dächer der äußeren Bezirke, verweilte auf den weiß schimmernden Spitzen des Kaiserpalasts, der weit in der Ferne über allem thronte, und verlor sich schließlich in der schieren Masse an Leben, das sich vor ihr auf den Straßen ergoss. Menschen in dicken Mänteln eilten durch die Gassen, Händler schrien durcheinander, boten dampfende Pasteten, Talgkerzen oder angebliche Heilsteine an, während Kinder im Schnee lachten und ein bellender Hund seinem Herrn durch die Menge folgte. Sie hatte große Hafenstädte im Süden gesehen – Inhantes, Anjen, sogar die Dockanlagen von Welldyl – doch nichts davon kam auch nur annähernd an das heran, was sich hier auftat. Diese Stadt war nicht nur groß, sie war wie ein eigenes Wesen. Ein schlagendes Herz, das im Rhythmus des Reiches pulsierte. Und sie trat nun direkt in seinen Strom. Noch einmal atmete sie tief durch, nahm die Luft der Kaiserstadt in ihren Lungen auf, und dann ging sie durch das mächtige Stadttor, hinein in das Gewirr aus Gassen, Stimmen und Geheimnissen. Es war überwältigend. So viel auf einmal. Die Geräusche, die Gerüche, das Knirschen des Schnees unter ihren Stiefeln und der leise Singsang eines fahrenden Sängers in der Nähe. Alexandra musste sich zwingen, nicht stehen zu bleiben, nicht alles mit offenem Mund anzustarren. Ihre Schritte waren langsam, doch entschlossen. Sie war nicht mehr das Mädchen aus dem Süden, das von Abenteuern träumte. Sie war anders geworden. „Sowas ist für dich Alltag, Leyla?“ fragte sie leise, wissend, dass niemand ihr antworten würde. Doch der Name brachte ihr Trost. Eine Erinnerung an eine Reisebegleiterin, an jemanden, der wie sie zwischen den Welten stand. Und an die Person, die sie liebte. Ihre dämonische Gestalt hatte sie mittlerweile unter Kontrolle. Die Flügel, die Hörner, die spitzen Klauen – sie kamen nur noch hervor, wenn sie es wirklich wollte. Oder wenn der Zorn sie übermannte. Doch sie lernte, das Feuer in sich zu bändigen. Es machte sie schneller, kräftiger. Und doch war ihr bewusst: Das war erst der Anfang. Ihre Macht war eine Kerze, nicht die Sonne. Vielleicht würde sie hier jemanden finden, der ihr zeigen konnte, wie man die Flamme richtig nährt. Ein leises Trappeln auf hartem Pflaster lenkte ihre Aufmerksamkeit auf ein Kind. Ein kleiner Junge, vielleicht acht oder neun, rannte durch die Straße, die viel zu große Mütze rutschte ihm beinahe über die Augen, in seinen Händen hielt er Zeitungen, die er wie Fahnen durch die Luft schwenkte. „Wollen Sie die neueste Ausgabe vom Kaisersprech, werte Dame?“ rief er mit hoffnungsvoller Stimme, während seine Wangen rot vom Frost leuchteten. Alexandra blieb stehen. Ihre Augen glitten über die dünne Kleidung des Jungen – geflickte Ärmel, offene Schuhe mit notdürftig umwickeltem Stoff. Er fror, das sah sie sofort. Und doch war sein Lächeln ehrlich. Nicht, weil die Welt freundlich war, sondern weil er gelernt hatte, wie man sich in ihr hielt. „Ja, gerne. Was kostet sie?“ fragte sie sanft. ,,Zwei Kupfer, werte Dame.’’ Sie zog ein kleines Beutelchen aus ihrer Manteltasche, reichte ihm die Münzen und nahm die Zeitung entgegen. Der Junge verbeugte sich leicht, bedankte sich und rannte weiter – sein Rufen wurde bald vom Lärm der Straße verschluckt. Alexandra schlug die Zeitung auf. Der Geruch von Tinte, Papier und Kohlerauch stieg ihr in die Nase. Die ersten Seiten waren gefüllt mit politischen Lobpreisungen, einem Gedicht über Kronprinz Geroius und einem Spottartikel über ein Handelsbündnis auf den Sommerinseln. Doch auf der dritten Seite blieb ihr Blick plötzlich hängen. Eine Überschrift, fettgedruckt und eingerahmt von kunstvollen Ornamenten, zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Ihre Augen verengten sich, als sie zu lesen begann. -------------------------------------------------------------------------- „Sohn des Schwertdämons tot – Rebellen im Süden von Kaiserlichen Kopfgeldjägern zerschlagen!“ Alexandras Augen verengten sich. Der Ton des Artikels war triumphierend, fast stolz, und sie wusste, dass ein solcher Titel in dieser Stadt ebenso zur Beruhigung der Massen wie zur Einschüchterung der Feinde diente. Doch was sie wirklich interessierte, war, ob darin von Leyla die Rede war. Vielleicht konnte sie auf diese Weise erfahren, was aus ihr geworden war. Sie überflog die ersten Zeilen, ihr Puls beschleunigte sich. „Die zweite Basis des Schwarzen Sterns wurde im Grünwald ausfindig gemacht. Seine Hoheit Kronprinz Cornelius führte die Kaiserliche Armee ehrenvoll an. Begleitet von der sechsten Kaiserlichen Kopfgeldjägerin Leyla und der fünften Kaiserlichen Kopfgeldjägerin Nea, konnten sie die meisten Rebellen gefangen nehmen.“ Das war also einer der Aufträge, denen Leyla nachgegangen war. Alexandra runzelte die Stirn. Ob Leyla sich dabei wirklich ehrenvoll fühlte? Oder war es nur eine weitere Last, eine Pflicht, die sie trug, weil sie es musste? „Es kam zu einer Konfrontation zwischen Leandro di Lorenzo, Sohn des Schwertdämons Francesco di Lorenzo und stellvertretender Anführer des Schwarzen Sterns, und den Kopfgeldjägern. Nach einem Kampf, in dem die Edle Miss Nea verletzt wurde, konnte er besiegt und seiner gerechten Strafe zugeführt werden.“ Alexandra spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog. Wenn Nea verletzt wurde – was war dann mit Leyla? Ging es ihr gut? Oder hatte sie ebenfalls Schaden davongetragen, vielleicht nur nicht erwähnt, weil sie sich nie beklagte? Sie lehnte sich gegen die kalte Steinwand eines Hauses, presste die Zeitung an sich und las weiter, ihre Finger zitterten leicht. „Damit bleibt nur noch die Bastion des Schwarzen Sterns im Norden. Der Kaiserliche Sprecher hat bereits verkündet, dass auch hier bald gehandelt wird, die treuen Bewohner des Kaiserreichs müssen sich keine Sorgen machen – das Zeitalter des Terrorismus ist bald zu Ende.“ Das Kaiserreich nannte es Terrorismus. Doch Alexandra wusste: Die Wahrheit war komplexer. Der Schwarze Stern mochte Fehler gemacht haben, doch seine Existenz war ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass nicht alles im Kaiserreich richtig lief. Dass es Dinge gab, die Leid verursachten, auch wenn sie in goldene Worte gehüllt wurden. Unter dem Artikel war ein weiterer Text abgedruckt, eingerahmt von einem schlichten Kasten. Ein Kommentar. Alexandras Blick blieb daran hängen. ,,Leyla als Diplomatin ungeeignet - Ein Kommentar von Dennis Schwartz’’ Unwillkürlich verzog sie das Gesicht. Ein solcher Ton versprach nichts Gutes. Und doch las sie weiter – vielleicht in der Hoffnung, sich zu irren. „Nach dem Debakel auf den Tabakinseln nun der zweite Beweis: Die Edle Miss Leyla hat es nicht verdient, den Diplomatenorden zu tragen! Wegen ihrer Unfähigkeit zu verhandeln wurde ihre Partnerin, die Edle Miss Nea, schwer verletzt. Sie konnte weder Leandro di Lorenzo rechtzeitig gefangen nehmen noch die Aufgabe Randurins bewirken. Und als wäre das nicht genug: Sie ist nicht mit der Armee zurückgekehrt, sondern macht Urlaub im Süden! Leyla ist eine Naturgewalt, die nur Zerstörung kennt. Als Kaiserliche Kopfgeldjägerin ist sie passabel – als Diplomatin ungeeignet.“ —RATSCH— Mit einem wütenden Aufstöhnen zerriss Alexandra die Zeitung. Die groben Seiten knirschten zwischen ihren Händen, der Druck färbte leicht auf ihre Fingerspitzen ab, bevor sie das zerfetzte Papier achtlos in einen der hölzernen Abfallkübel warf. Sie musste sich zusammenreißen. Schon spürte sie, wie sich Hitze in ihrer Brust sammelte, wie das Prickeln unter ihrer Haut begann. Noch ein wenig mehr – und ihre dämonischen Merkmale würden zum Vorschein kommen. Sie atmete tief ein, ließ die kalte Luft in ihre Lungen strömen und zwang sich zur Ruhe. „Was für eine Frechheit“, murmelte sie, die Stimme rau vor unterdrückter Wut. Wer auch immer dieser Dennis Schwartz war – sie verspürte ein starkes Bedürfnis, ihm die Meinung zu sagen. Nicht mit Worten, sondern mit Blicken, die Eiszapfen schmelzen konnten. Sie glaubte an Leyla. Daran, dass sie mit Entschlossenheit, Mut und tiefem Empfinden handelte. Leyla hatte sich ihren Orden sicherlich mehr verdient als jeder andere in dieser verlogenen Stadt. Alexandras Blick wanderte über die Straße. Schneeflocken begannen erneut zu fallen, doch sie achtete kaum darauf. In ihr war nur ein Gedanke: Sie musste Leyla wiedersehen. -------------------------------------------------------------------------- Mehrere Stunden war Alexandra nun schon in der Kaiserstadt unterwegs. Der frostige Tag war inzwischen in einen grauen Nachmittag übergegangen, und mit jeder verstrichenen Minute wuchs die Müdigkeit in ihren Beinen – ebenso wie die Unruhe in ihrem Inneren.  Vier Monate war es her, dass sie Leyla das letzte Mal gesehen hatte, an jenem dramatischen Tag, als sie auf dem Rücken des Drachens der Kaiserlichen Kopfgeldjägerin Cyntha, in Richtung Kaiserstadt geflogen war. Seitdem hatte sich so vieles verändert, und doch war der brennende Wunsch in Alexandras Herz derselbe geblieben: Sie wollte Leyla wiedersehen. Musste es. Doch so sehr sie sich bemüht hatte, so viele Straßen sie auch durchquert, so viele Plätze sie sich eingeprägt hatte – das Hauptquartier der Kaiserlichen Kopfgeldjäger blieb unauffindbar. Sie hatte nicht erwartet, dass die Kaiserstadt derart verwirrend sein würde. In den südlichen Hafenstädten, die sie kannte, konnte man den Horizont sehen, konnte sich an Küstenlinien orientieren. Doch hier war alles von Mauern, Türmen, Nebengassen und verschachtelten Bezirken umgeben, als wollte die Stadt selbst ein Geheimnis bleiben. Mit einem tiefen Seufzen hielt sie an, als ihr Blick auf einen älteren Herrn fiel, der mit geradem Rücken auf einer Bank saß. Er las eine Ausgabe des Kaisersprechs – das Banner auf dem Titelblatt war nicht zu übersehen. Instinktiv regte sich Abscheu in ihr. Sie hatte noch nicht vergessen, was sie in der Ausgabe über Leyla gelesen hatte. Doch sie zwang sich zur Ruhe. Was zählte, war Leyla. Und wenn dieser Mann ihr helfen konnte, dann musste sie den Widerwillen herunterschlucken. Sie trat höflich näher. „Entschuldigen Sie, wie komme ich zum Hauptquartier der Kopfgeldjäger?“ Der Mann senkte langsam seine Zeitung. Seine Augen lagen hinter einer altmodischen Brille verborgen, die er sich nun zurechtrückte, während er sie eingehend musterte – als prüfe er, ob sie die Antwort verdiente. Für einen Moment sagte er nichts. Dann aber erhellte sich sein Gesicht und ein freundliches Lächeln trat zutage. „Junge Dame, das ist nicht weit. Folgen Sie einfach dem Kronenweg bis zu seinem Ende, dann halten Sie sich links zur Kapelle von Vici. Von dort aus sehen Sie das Anwesen bereits.“ Alexandra bedankte sich mit einer kurzen Verbeugung und ging in die angegebene Richtung. Jeder Schritt war begleitet von der Hoffnung, endlich anzukommen. Sie wollte nicht länger ziellos durch diese kalte Stadt streifen. Sie wollte zu Leyla. Oder wenigstens zu jemandem, der ihr sagen konnte, wo sie war. Der Weg durch das nördliche Viertel zog sich. Die Straßen wurden breiter, edler. Pferdekutschen zogen vorbei, flankiert von Gardisten in kaiserlichen Farben. Zweimal wurde sie misstrauisch beäugt, doch niemand sprach sie an. Zwei weitere Stunden vergingen, ehe sie schließlich vor dem Anwesen stand. Es war ein gewaltiges, in schwarzem Stein gehaltenes Haus, von stummer Autorität durchdrungen. Keine verschnörkelten Türmchen, keine unnötigen Verzierungen – nur klare, ernste Architektur. Der Garten, der das Hauptquartier umgab, war groß, fast parkartig, doch von zurückhaltender Gestaltung. Im Winter lag eine dichte Schneeschicht auf dem Boden, nur die immergrünen Büsche am Rand trotzten dem Frost mit unnatürlicher Frische. Langsam ging Alexandra auf das große Eisentor zu. Noch bevor sie es berühren konnte, schwang es lautlos auf. Für einen Augenblick hielt sie den Atem an. Hatte es ihre Absicht erkannt? War Magie im Spiel? Oder öffnete es sich schlicht bei Annäherung? Sie konnte es nicht sagen. Unsicher, aber entschlossen betrat sie den Pfad, der direkt zum Eingang führte. Jeder Schritt knirschte leise auf dem Kiesweg. Die Luft war eisig, doch unter ihrer Kleidung prickelte die Anspannung wie Hitze. Die Fenster des Hauses waren dunkel, die Vorhänge zugezogen. Kein Zeichen von Leben. Sie näherte sich der schweren schwarzen Tür. Gerade wollte sie anklopfen, als aus dem Nichts eine Faust in ihre Rippen rammte. Alexandra keuchte auf. Der Aufprall war brutal, präzise – und so unvermittelt, dass sie im ersten Moment kaum realisieren konnte, was geschehen war. Sie taumelte einen Schritt zurück, spürte, wie die Luft aus ihren Lungen gepresst wurde, rang nach Atem. Instinktiv ballte sie die Hände zu Fäusten, ihre Augen blitzten auf, das dämonische Glühen begann in ihrem Inneren zu brodeln. Wer auch immer das war – er würde es bereuen. -------------------------------------------------------------------------- Dämonen und Engel – zwei Kräfte, die seit Anbeginn der Zeit in Opposition zueinander standen. Ihre Feindschaft war kein Ergebnis politischer Intrigen oder göttlicher Befehle. Sie war älter. Tiefer. In ihrer Natur verwurzelt. Wenn ein Engel einen Dämon sah, oder ein Dämon einem Engel gegenüberstand, geschah es in einem Augenblick: Ein Strom aus Abscheu, Abwehr, Widerwillen durchfuhr sie. Keine Überlegung, kein Zögern – nur ein instinktives, uraltes Gefühl, das jede Faser ihres Seins erschütterte. Es war ein Reflex, kein Urteil. Ein Echo aus einer Zeit, als Licht und Finsternis noch getrennt nebeneinander existierten und nur durch unreinen Willen miteinander in Kontakt traten. Doch das bedeutete nicht, dass sie Feinde bleiben mussten. Im Lauf der Jahrhunderte hatte es immer wieder Ausnahmen gegeben. Geschichten von Engeln, die sich in Dämonen verliebt hatten. Von Dämonen, die für einen Engel ihr Leben riskierten. Von Freundschaften, tief, aufrichtig, die trotz aller Unterschiede Bestand hatten. Es waren keine Legenden. Es waren Beweise, dass die Natur der Dinge zwar mächtig, aber nicht allmächtig war. Und dennoch – das erste Aufeinandertreffen blieb ein heikler Moment. Immer. So war es auch an diesem kalten Nachmittag in der Kaiserstadt, als sich zwei Seelen begegneten, wie sie unterschiedlicher kaum hätten sein können – und doch mehr gemeinsam hatten, als sie ahnten. Alexandra, einst Elfe, nun Dämonin, getragen von neuen Kräften, die sie kaum verstand, geführt von einem Ziel, das sie über alles stellte: Leyla unterstützen. Noch war ihr Körper von der Verwandlung gezeichnet, ihre Kräfte ungeschliffen, ihr Geist schwankte zwischen alter Disziplin und neuem Instinkt. Seit ihrer Begegnung mit der Erzdämonin Jess war sie stärker geworden – kräftiger, schneller, wachsamer. Doch sie hatte ihre Kräfte nicht gezähmt. Noch nicht. Und Nea? Nea war etwas anderes. Etwas Altes. Sie war vor Jahrhunderten geboren worden – Tochter eines Erzengels, Kind des Lichts. Und obwohl sie wie ein Mädchen wirkte, war in ihr die Erinnerung eines langen Lebens, die Erfahrung unzähliger Schlachten und die Strenge einer Erziehung, wie sie nur der Himmel selbst erteilen konnte. Ihr Blick war scharf, ihre Sinne geschult. Als sie durch das Fenster des Hauptquartiers die Elfe mit dem dunklen Schimmer um die Seele sah, spannte sich in ihr alles an. Der Anblick allein genügte, um ihre innersten Instinkte zu entfachen. Ohne nachzudenken, hatte Nea das Fenster geöffnet, war in den Garten gesprungen und hatte Alexandra mit einem gezielten Faustschlag gegen die Rippen getroffen. Kein tödlicher Angriff, aber eine klare Warnung – ein Zeichen, dass sie nicht zögerte, Gewalt anzuwenden. -------------------------------------------------------------------------- Alexandra stöhnte leise, während sie sich mühsam auf die Füße stemmte. Der Schmerz in ihrer Seite pochte heftig, ihre Rippen brannten, doch schlimmer als die Verletzung war die Wut. Ihre Augen richteten sich auf die Gestalt, die sie so grundlos angegriffen hatte. Ein junges Mädchen stand dort, kaum älter als vierzehn Jahre. Sie trug ein schlichtes schwarzes Oberteil, das sich eng um ihre zierliche Gestalt schmiegte, und einen weißen Rock, der im leichten Winterwind wehte. Ihre schwarzen Haare fielen wie ein seidiger Vorhang über ihren Rücken, und aus ihrem Gesicht funkelten violette Augen, in denen sich gereizte Entschlossenheit spiegelte. Trotz ihrer Jugend war in ihrer Haltung nichts Spielerisches – nur eiserner Wille. Alexandras Herz begann schneller zu schlagen. Da war etwas an diesem Mädchen, das sie reizte. Nicht im üblichen Sinn. Etwas in ihrem Inneren flammte auf, brodelte, schrie nach Reaktion. Hass. Unbändiger, ungezügelter Hass – irrational, uralt, tief verankert. Noch ehe sie es stoppen konnte, ergriff das Feuer Besitz von ihr. Ihre Fingernägel dehnten sich, verwandelten sich in scharfe, glänzende Klauen, die sich unter den Handschuhen streckten. Zwei gebogene Hörner durchstießen ihre Stirn, während aus ihrem Rücken zwei mächtige, pechschwarze Schwingen hervorbrachen und sich ausbreiteten wie das Banner eines drohenden Krieges. Sie knurrte. Die Hitze ihrer Dämonennatur kochte in ihr. „Was willst du hier, Dämonin?“ fauchte das Mädchen mit fester Stimme. „Suchst du den Tod?“ Alexandra verzog das Gesicht zu einem spöttischen Grinsen. Ihre Stimme war schneidend. „Und du? Was glaubst du eigentlich, wer du bist, dass du mich ohne ein Wort angreifst? Vielleicht bist du diejenige, die heute Schmerzen spüren wird.“ Diese Worte... so sprach sie sonst nie. So fühlte sie sonst nicht. Aber etwas an diesem Mädchen entzündete das Feuer in ihr – dieser uralte Impuls, der sie überrollte wie eine Welle aus brennendem Zorn. Ihr ganzer Körper zitterte. Nicht vor Angst. Vor Wut. Die violetten Augen der Angreiferin verengten sich zu Schlitzen. Feuer flackerte in ihrer rechten Hand auf, lodernd, gleißend, fast elegant in seiner Form. „Du hast es so gewollt, Dämonin. Ich bin Nea, Kaiserliche Kopfgeldjägerin – und ich verurteile dich hiermit zum Tod!“ Ein einzelner Name – doch er ließ in Alexandra alles erstarren. Nea. Die Partnerin von Leyla. Ein Ruck ging durch ihren Körper. Der Hass – als wäre er nie da gewesen – verglühte in einem Wimpernschlag. Stattdessen trat Überraschung an seine Stelle. Dann Hoffnung. Und ein Hauch von Erleichterung. „Warte... du bist Nea? Die Nea, die mit Leyla zusammenarbeitet?“ Nea schien irritiert von der plötzlichen Wendung, das Feuer in ihrer Hand zitterte leicht, wurde schwächer. Misstrauen flackerte über ihr Gesicht. „Ja, natürlich kenne ich Leyley. Und jetzt sag mir: Was willst du von ihr?“ Alexandra atmete einmal tief durch. Ihr Herz pochte noch immer heftig, doch der Zorn hatte sich zurückgezogen, wie eine Flut, die zu früh gekommen war. Ihre Stimme war nun ruhiger – drängend, aber ehrlich. „Ich bin eine Freundin. Ich wollte sie besuchen. Es ist wichtig. Sehr wichtig.“ Der Flammenball in Neas Hand erlosch ganz. Das Licht verschwand, ließ nur den kalten Schimmer des Winters zurück. Sie trat näher, langsam, mit dem prüfenden Blick einer Jägerin, die noch nicht wusste, ob sie ihren Gegenüber verschonen oder zur Strecke bringen sollte. Zwischen ihnen lag kaum ein halber Meter, und Alexandra konnte die Wärme ihrer Aura spüren. „Eine Freundin von Leyley also?“ Neas Stimme war leiser geworden, doch nicht freundlicher. „Und woher soll ich wissen, dass du nicht lügst?“ Alexandra runzelte die Stirn, der Groll kehrte leicht zurück – nicht dämonisch, sondern elfisch. „Gibt es wirklich so viele, die behaupten, ihre Freundin zu sein? Ist das so ungewöhnlich, dass du das anzweifelst?“ Nea schien gerade ansetzen zu wollen, um etwas zu erwidern, als plötzlich eine Stimme hinter Alexandra erklang – ruhig, freundlich, aber voller Neugier. [???] ,,Wie ist dein Name? Du bist nicht zufällig Alexandra?’’ -------------------------------------------------------------------------- Eine schlanke Filina stand hinter Alexandra, ihr graublaues Fell glänzte im kalten Winterlicht. In der Hand hielt sie einen geflochtenen Korb, aus dem der Duft getrockneter Kräuter und frischer Salbeiblätter strömte. Ihre Bewegungen waren ruhig, beinahe katzenhaft elegant, ihre jadegrünen Augen musterten Alexandra mit sanftem Interesse. „Ja, ich bin Alexandra“, sagte diese, noch immer angespannt. „Und du?“ Die Filina lächelte und legte den Kopf leicht schief. Ihre Stimme war weich, aber bestimmt. „Ich bin ihre Leibdienerin, Eroica Nyva. Freut mich sehr, dich kennenzulernen. Leyla hat mir von dir erzählt.“ Alexandra blinzelte überrascht. Ihre Leibdienerin? Dann war diese Eroica vermutlich die Person, die Leyla am nächsten stand – oder zumindest eine derjenigen, die ihr tägliches Leben in der Kaiserstadt begleiteten. Wenn jemand wusste, wo Leyla gerade war, dann sie. Und vielleicht konnte sie ihr helfen, sie zu finden. „Weißt du, wo sie ist? Ich muss dringend mit ihr sprechen.“ Doch Eroica schüttelte bedauernd den Kopf. Ihre Ohren zuckten leicht. „Sie ist noch nicht von ihrem Auftrag zurück. Ich weiß leider nicht genau, wann sie kommt. Aber wir sollten uns nicht hier draußen unterhalten. Komm doch erst mal mit rein. Und...“ – sie deutete mit einem feinen Nicken auf Alexandras Flügel und die Hörner auf ihrer Stirn – „…es wäre klüger, wenn du diese Merkmale wieder verbergen würdest.“ Alexandra atmete tief ein. Ihr Herz schlug noch immer schneller als gewöhnlich. Der Vorfall mit Nea steckte ihr in den Gliedern. Dennoch konzentrierte sie sich, schloss kurz die Augen und spürte, wie sich die entfesselten Dämonenzüge wieder zurückzogen. Die Federn verschwanden unter ihrer Haut, die Hörner zogen sich zurück, ihre Hände wurden wieder elfisch. Ein leises Knistern begleitete die Rückverwandlung, dann war es vorbei. „So besser?“ fragte sie trocken. Eroica nickte. „Deutlich.“ Gemeinsam traten sie durch das große, schwarze Tor in den Innenhof des Anwesens. Der Boden knirschte unter dem Neuschnee, doch die Pflanzen an den Seiten wirkten unberührt vom Winter. Immergrüne Büsche und eigenartige, blattlose Stauden mit silbrig glänzenden Knospen säumten den Weg. Zwischen ihnen lief Nea, nun scheinbar völlig unbeeindruckt von dem, was eben noch geschehen war. Sie summte eine fröhliche Melodie vor sich hin, warf Alexandra hin und wieder verstohlene Seitenblicke zu und grinste wie ein Kind, das ein neues Spielzeug entdeckt hatte. „Du bist also Lex, soso“, begann Nea schließlich, ihre Hände hinter dem Rücken verschränkt. Ihre violetten Augen blitzten neugierig. „Leyley hat mir nichts von dir erzählt. Also – du schuldest mir eine Geschichte. Wie habt ihr euch kennengelernt? Was bist du für sie?“ Alexandra war irritiert. Gerade eben hatte dieses Mädchen noch gedroht, sie zu töten, und jetzt plauderte sie, als seien sie alte Freunde. Doch etwas an Neas unbeschwerter Art wirkte entwaffnend. Es war schwer, lange Groll zu hegen, wenn jemand einen so offen und neugierig ansah. Noch immer konnte sie ihre Beweggründe nicht ganz deuten – war das echte Offenheit oder gut gespielte Naivität? Vielleicht beides. „Das ist eine lange Geschichte“, erwiderte Alexandra schließlich und lächelte schwach. „Aber ich erzähl sie dir gern. Nur… lass mich vorher kurz durchatmen.“ Nea nickte zufrieden. „Gut! Du kriegst Tee von Eroica. Aber wenn du lügst, schmeiß ich dich aus dem Fenster, klar?“ Alexandra lachte kurz auf. Es tat gut, zu lachen, nach so vielen Wochen voller Unsicherheit. Sie wusste, dass Leyla viel durchgemacht hatte. Doch wenn sie hier, inmitten dieser seltsamen, eigenwilligen Frauen war – mit einer verspielten Kriegerin wie Nea und einer stillen, aufmerksamen Dienerin wie Eroica – dann ging es ihr wahrscheinlich gut. Und vielleicht war Alexandra nun endlich am richtigen Ort angekommen, um den nächsten Abschnitt ihres Lebens zu beginnen.

  • Kapitel 181 - Das Säuseln des Teufels

    Nea wirbelte herum, ihre Augen schmal, ihre Schultern gespannt. Die Stimme, die sie angesprochen hatte, war ihr nur allzu bekannt – kühl, kontrolliert, in jedes Wort eine unsichtbare Klinge eingebettet. Ihr Blick traf den Mann, der seelenruhig in der winterlichen Gasse stand, als gehöre ihm die ganze Stadt. Er war groß, gekleidet mit einem hellrotem Mantel über dem schwarzen Gewand, tadellos sauber trotz des Schneematschs unter seinen Schuhen. „Aragi…“ stieß Nea hervor. Es war kein Gruß, sondern ein Urteil. Ihr Ausdruck war mit einem Schlag völlig ernst geworden. Die Verspieltheit, mit der sie eben noch einen Mörder verspottet hatte, war verschwunden wie Rauch im Wind. Sie kannte diesen Mann – oder glaubte es zumindest – und wusste, dass hinter seiner höflichen Fassade nichts als Gefahr lauerte. Selfmun Aragi war kein Krieger, kein Magier, keine uralte Kreatur. Er war einfach nur ein Mensch. Und dennoch… war da etwas an ihm. Etwas, das selbst ihr, einer der Stärksten im Kaiserreich, einen kalten Schauer über den Rücken jagte. „Warum so feindselig, Nea?“ Seine Stimme war ruhig, fast schon weich, doch jeder Ton trug diesen sachten Spott, diese Überheblichkeit, die für ihn so normal war. „Ich bin nur zum Reden hier.“ Ein leises, kaltes Lächeln spielte um seine Lippen. Es war ein Lächeln, das nichts versprach, nichts offenbarte, und in dem keinerlei Wärme lag. Für einen Moment hatte sie das Gefühl, dass er gar nicht wirklich da war – als sei er ein Schatten, ein Gedanke, der sich materialisiert hatte. „Du willst nie ,nur reden’, das wissen wir beide“, antwortete sie scharf und trat einen Schritt näher. „Also? Was ist es diesmal? Ein Angebot? Eine Drohung? Eine Abmachung, von der ich nur die Hälfte wissen darf?“ Könnte sie ihn töten? Diese Frage kam ihr unwillkürlich. Vielleicht, wenn sie vollständig genesen wäre. Vielleicht, wenn sie ihn überraschen würde. Vielleicht, wenn… doch mit jedem Gedanken daran wurde ihr klarer, dass sie es nicht wusste. Selfmun Aragi war nur ein Mensch. Doch die Aura, die ihn umgab, war dichter als jeder Nebel, schwerer als jede Rüstung, gefährlicher als jede Waffe. „Komm mit“, sagte er nur. „Ich lade dich zum Essen ein.“ Damit drehte er sich um, ganz ruhig, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, als sei die Sache bereits entschieden. Er ging gemessenen Schrittes die Straße hinab, in Richtung eines kleinen Restaurants, dessen Fenster hell leuchteten und hinter denen sich die Wärme sammelte wie das Licht eines falschen Zuhauses. Nea ballte die Fäuste. Wie sehr sie ihn hasste. Nicht mit dieser brennenden Wut, die zu einem Feuersturm werden konnte. Nein. Es war dieser tiefe, kalte Hass, der einem das Herz verätzte. Diese Verachtung, die sich über Jahre aufbaut, weil jemand nie die Wahrheit sagt, nie das zeigt, was er wirklich will. Sie hasste seine Selbstverständlichkeit, seinen Tonfall, seine endlosen Monologe, in denen jedes Wort wie ein Tropfen Gift in einen Kelch der Verlockung geträufelt war. „Bastard“, murmelte sie und folgte ihm. Sie musste wissen, was er wollte. Auch wenn sie wusste, dass sie es am Ende nur halb erfassen würde. -------------------------------------------------------------------------- Nea starrte mit mühsam unterdrückter Genervtheit auf das Essen vor sich. Eine dampfende Schale Nudeln in Pilzsuppe, garniert mit feingehackten Kräutern von den Sommerinseln. Die Aromen stiegen ihr in die Nase – reichhaltig, würzig, beruhigend. Sicherlich war das Gericht köstlich. Es war nicht das Essen, das sie störte. Es war der Mann, der es ihr hatte servieren lassen. „Also, Aragi“, knurrte sie schließlich, ohne ihn anzusehen, „was willst du von mir?“ Selfmun Aragi saß ihr gegenüber, mit der Ruhe eines Mannes, der keine Eile kannte – oder nie eine gehabt hatte. Während sie mit ihrer Wut rang, aß er mit kontrollierter Gelassenheit. Kein Bissen zu schnell, kein Schlürfen zu laut, keine einzige Regung im Gesicht. Erst als sein Teller leer war, schob er ihn mit bedächtiger Geste beiseite. Dann hob er den Blick und sah Nea direkt an – und dieses Lächeln war zurück. Dieses künstliche, freundliche Lächeln, das wie eine Maske auf einem bleichen Totenschädel saß. „Wie lief euer kleiner Ausflug zum Grünwald?“ fragte er in einem Tonfall, der vorgab, belanglos zu sein. „Ich habe gehört, dass es… Schwierigkeiten gab.“ Nea kreuzte die Arme und fixierte ihn mit einem kalten Blick. „Gut. Nichts Nennenswertes ist passiert.“ „Du willst nicht mehr erzählen? Auch gut.“ Er zuckte kaum merklich die Schultern, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. „Mir ist nur aufgefallen, dass Leyla heute Morgen nicht bei den Truppen des Kronprinzen war. Scheint, als hätte sie… andere Prioritäten. Ich frage mich, was das wohl sein könnte.“ Neas Blick verengte sich, ihre Faust schloss sich unter dem Tisch so fest, dass ihre Fingergelenke knirschten. „Wenn du ihr auch nur ein Haar krümmst, Aragi—“ Er lachte. Es war kein Lachen, das wärmte. Es war ein Geräusch, das eher an Glas erinnerte, das zu Bruch ging – kalt, leer, mechanisch. „Ihr etwas antun? Aber bitte, Nea. Leyla und ich – wir sind doch Freunde. Ich will ihr nur helfen.“ „Freunde“, wiederholte Nea mit beißendem Spott. Sie lehnte sich nach vorn, ihre Stimme ein Zischen. „Jemand wie du will mit meiner Leyla befreundet sein? Das ist der jämmerlichste Witz, den ich seit Langem gehört habe.“ Selfmun verzog gespielt das Gesicht, als sei er tief getroffen. „Ach, wirklich? Das tut im Herzen weh zu hören…“ Doch kaum war der Satz verklungen, verschwand die Miene wieder. Er beugte sich langsam wieder nach vorn, stützte sich mit den Ellenbogen auf die Tischkante, seine Stimme nun dunkler. „Wie dem auch sei. Sie ist in Gefahr, Nea. Und… sie weiß nicht einmal davon.“ Ein einziger Satz – und Neas Körper spannte sich wie unter einem Peitschenhieb. Alles in ihr wollte aufstehen, weglaufen, suchen, retten. Doch sie blieb sitzen, zwang sich zur Ruhe. Es konnte eine Lüge sein. Es konnte ein Trick sein. Aragi war ein Meister der Worte, und jeder Satz von ihm war ein Netz. „Sprich“, verlangte sie mit gepresster Stimme. „Warum ist sie in Gefahr?“ Selfmun schwieg einen Moment, ließ die Spannung in der Luft sich aufbauen wie ein Gewitter. Dann kam das Lächeln zurück, schmal, fast sanft – und doch voller Genugtuung. „Und plötzlich… zeigst du Interesse.“ -------------------------------------------------------------------------- Nea beobachtete ihn mit wachsamer, fast fiebriger Aufmerksamkeit. Wenn er jetzt nicht redete – wenn er sie weiter zappeln ließ – dann würde sie aufspringen, ihn packen, ihn zum Reden zwingen. Doch natürlich wusste Aragi das. Und wie ein Puppenspieler ließ er den Faden gerade so locker, dass sie sich bewegen konnte – aber nie ganz entkommen würde. „Nun gut“, sagte er mit jener geölten Stimme, in der Arroganz und Berechnung Hand in Hand gingen. „Es ist ja in unser beider Interesse, dass es Leyla gut geht. Nicht wahr? Also lass mich dir eine Geschichte erzählen. Von einem Mann.“ Nea antwortete nicht. Sie wusste, jede Reaktion wäre nur eine weitere Öffnung in ihrer Rüstung. Aragi erfuhr von seinem Gegenüber immer genau das, was er wissen wollte. Nea war sich bewusst, dass sie in diesem Kampf der Worte keine Chance hatte. Sie war eine Meisterin des Kampfes, nicht der Rhetorik. Also schwieg sie und hörte. Lauschte. Nicht nur auf die Worte selbst, sondern auf das, was zwischen den Worten lag. „Dieser Mann, nennen wir ihn Jamall, ist aufgebrochen. Eine Reise, ein Ziel. Und das Ziel… ist Leylas Tod.“ Der Name sagte ihr nichts. Jamall. Er klang unscheinbar, beinahe langweilig. Aber das bedeutete nichts. Die gefährlichsten Menschen hatten oft die gewöhnlichsten Namen. Und es war auch keine Überraschung, dass jemand Leyla nach dem Leben trachtete. Jeder Kopfgeldjäger hatte Feinde. Die Welt war voller verletzter Egos und Rachedurst. Und Leyla… sie war nach ihren Aufträgen in Welldyl und Tripolis eine Person die Rachegelüste anzog. Doch Aragi fuhr bereits fort: „Jamall hat es geschafft, an eine erhebliche Menge Macht zu gelangen. Nicht irgendeine Macht – sondern etwas… Besonderes. Und er besitzt eine Waffe, die, bei der kleinsten Berührung, Leyla töten würde. Sofort.“ Neas Herz pochte. Nicht aus Angst, sondern aus Wut. Warum? Warum so gezielt? Was war dieser Mann? Warum diese Waffe? Selbst Leyla, so stark sie auch geworden war, hatte keine unzerstörbare Haut. Sie wäre fast von Leandro getötet worden. Doch das klang nach mehr. Nach etwas, das gezielt auf sie zugeschnitten war. „Und wo ist er jetzt?“ fragte sie gepresst. „Noch fern“, antwortete Aragi. „Doch er bewegt sich stetig. Wenn niemand ihn aufhält, wird er sie im späten Frühling erreichen. Spätestens. Und dann wird es kein Gespräch mehr geben, Nea. Nur Blut.“ Nea versuchte, sich keinen Druck anmerken zu lassen, doch ihre Hände zitterten leicht unter dem Tisch. Was, wenn es stimmte? Was, wenn Leyla in Gefahr war – einer realen, tödlichen Gefahr – und sie hier saß und ihre Suppe anstarrte? „Was willst du von mir?“ fragte sie leise. Er lächelte. Der Moment, auf den er gewartet hatte, war gekommen. Sie hatte gefragt. Sie war eingestiegen. Und sie hatte es nicht einmal gemerkt. „Ich würde dir raten, dich in einigen Wochen auf den Weg nach Kries zu machen. Dort wird sich euer Schicksal kreuzen. Dort kannst du ihn finden. Und dort… kannst du ihn aufhalten. Bevor er Leyla zu nahe kommt.“ Es war so sauber, so glatt. Eine perfekte Schleife. Er hatte sie vom ersten Wort an genau hierher geführt – und sie hatte getan, was er wollte. Es war eine Falle. Nein – eine Einladung zu einer Falle, nur dass sie sie selbst geöffnet hatte. Nea sah ihn an, ihre Augen voller Zorn. Doch sie sagte nichts. Wozu? Er wusste längst was sie sagen würde. Selfmun stand auf, nahm sich die Zeit, seinen Stuhl leise zurückzuschieben. Dann legte er zwei Münzen auf den Tisch, als wäre er nur ein gewöhnlicher Mann, der ein gewöhnliches Frühstück hinter sich hatte. „Danke für das Gespräch“, sagte er und wandte sich zum Gehen. „Ich lasse dir Bescheid geben, wenn es Zeit ist aufzubrechen.“ Und mit diesen Worten verließ er das Lokal. Keine Verabschiedung, kein Blick zurück. Nea blieb sitzen. Sekunden verstrichen. Minuten. Der Platz gegenüber ihr war leer. Das Essen dampfte nicht mehr. Sie starrte in die Suppe, als könne sie ihr dort Antworten holen. Dann nahm sie die Schale, trank sie in wenigen, energischen Schlucken leer und stand auf. -------------------------------------------------------------------------- Nea ließ sich mit einem leisen, gepressten Seufzen auf ihr Bett fallen, als würde das Gewicht der letzten Stunden sie nun endgültig in die Knie zwingen. Die weiche Matratze gab nach, doch sie empfand keinen Trost. Ihre Augen richteten sich an die Decke, doch sie sah nicht die Struktur der Steine oder das fein geschwungene Muster des Stucks, sondern nur Dunkelheit. In ihr tobte ein Sturm, der nicht enden wollte – ein brutales Ringen zwischen dem glühenden Hass auf Selfmun Aragi und der schmerzhaften Sorge um Leyla. Um ihre Leyla. Wie war sie nur in dieses Spiel hineingeraten? Wie hatte er es geschafft, sie so leicht in Bewegung zu setzen, wie ein einfachen Stein auf einem Spielbrett? Sie wusste, dass sie ihm damit diente, ganz gleich, was er ihr erzählte. Doch wenn das der Preis war, um Leyla zu schützen, dann sollte es eben so sein. Sie würde Jamall finden. Und sie würde ihn töten. Nicht aus Pflicht. Nicht für Ruhm. Sondern weil ihr Herz es verlangte. „Scheiße“, murmelte sie heiser, und das Wort hallte leise in ihrem Zimmer nach, als könnte es den Knoten in ihrer Brust lösen. Ein leises Klopfen an der Tür unterbrach ihre Gedanken. Sanft, höflich – wie ein ferner Ruf aus einer anderen Welt. „Edle Miss Nea, wünscht Ihr etwas zu essen?“ Die Stimme gehörte Nyphe, ihrer treuen Dienerin. Eine Frau voller Anstand und Hingabe, die es irgendwie schaffte, immer zur falschen – und doch genau richtigen – Zeit aufzutauchen. Die Tür ging auf, und Nyphe trat mit einer tiefen, eleganten Verbeugung ein, wie es dem Protokoll entsprach. Nea zwang sich zu einem Lächeln. Ihre Gesichtsmuskeln wehrten sich dagegen, als wären sie müde vom vielen Schauspiel. Wie oft hatte sie diese Maske schon aufgesetzt? Diese fröhliche, verspielte Fassade, die vorgab, sie sei ein sorgloses Kind, ein quirliger Wirbelwind aus Energie und Unbedarftheit. Dabei war sie in Wahrheit so oft nur ein Haufen aus Müdigkeit, Zweifeln und Schmerzen, zusammengehalten von der Vorstellung, dass sie stark sein musste, wenn niemand anderes es war. „Nyphe, super lieb, dass du fragst“, sagte sie mit übertriebener Freundlichkeit, ein Lächeln, das ihre Stimme trug, aber nicht ihre Seele. „Aber ich habe bereits gegessen. Lässt du mir ein Bad ein?“ „Wie Ihr wünscht“, antwortete Nyphe höflich, ohne eine Miene zu verziehen. Dann verschwand sie mit einem lautlosen Schritt Richtung Badezimmer. Nea ließ sich wieder zurückfallen, diesmal tiefer. Die Decke über ihr wirkte plötzlich schwer, zu schwer für ihre Schultern. Sie zog sie über den Kopf, als wollte sie sich ganz darin vergraben. Wie ein Tier, das Zuflucht in seiner Höhle sucht, sobald der Winter zu lang dauert. Ihre Finger verkrallten sich in den Stoff, ihr Atem wurde langsamer, flacher – und dann spürte sie es. Tränen. Nicht dramatisch oder laut. Sondern still. Fast entschuldigend. Sie rannen ihr über die Wangen, warm auf der kalten Haut, begleitet von einer drückenden Stille, die viel schwerer wog als jedes Wort. „Komm schnell zurück, Leyley“, flüsterte sie leise in die Decke, kaum mehr als ein Hauch. Es war kein Befehl, keine Bitte. Es war ein Gebet.

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