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- Kapitel 180 - Und der Morgen roch nach Blut
Der Schmerz, der Nea in den letzten Tagen begleitet hatte, wurde langsam erträglicher. Die Erinnerung an den Käfig der sieben Flammen, jenes grausame Konstrukt aus brennender Magie, das ihren Körper durchdrungen und verwüstet hatte, brannte jedoch weiterhin in ihr nach. Große Teile ihrer Haut waren versengt worden, ihre Flügel – einst prachtvoll und stolz – fast völlig zerstört. Anders als bei gewöhnlichen Wunden konnte hier keine Heilmagie helfen. Diese Art von Verletzung verlangte Geduld, verlangte Zeit. Und das war etwas, woran es Nea nie gemangelt hatte. Sie hatte mehr Zeit überlebt, als viele in diesem Kaiserreich jemals leben würden. Sie lag still in den weichen Kissen ihres Betts, umgeben von warmem Licht, das durch die kleinen Glasfenster in ihr Quartier fiel. Es war ihr Zimmer im Hauptquartier der Kaiserlichen Kopfgeldjäger – sie hielt es einfach, aber dennoch komfortabel. Die dunklen Holzbalken, der vertraute Geruch von Pergament, Kräutern und Leder gaben ihr Sicherheit. Doch sie war nicht in der Stimmung, sich davon trösten zu lassen. Ihr Blick wanderte zur Seite, über das hölzerne Tablett mit dem Frühstück, das ihre Dienerin Nyphe ihr nur Minuten zuvor gebracht hatte. Frisches Brot, gekochte Eier, etwas geschmorter Fisch – ein Festmahl für Genesende. Doch Nea hatte keinen Appetit. Ihr Magen war leer, aber die Sehnsucht in ihrer Brust wog schwerer. Sie wollte nichts essen. Sie wollte auch nicht reden. Sie wollte nur liegen bleiben. Ruhig. Unbewegt. Ihr Körper tat weniger weh als noch am Vortag, doch die Müdigkeit in ihrem Herzen wich nicht. Wie es Leyla wohl ging? Bestimmt hatte sie die Mission erfolgreich abgeschlossen. Leyla war so jemand. Eine, die ihr Ziel nie aus den Augen verlor. Eine, die selbst dann weiterging, wenn der Preis hoch war, wenn der Schmerz sie fast zerriss. Leyla konnte verlieren. Sie konnte zweifeln. Aber am Ende würde sie aufstehen – und weiterkämpfen. Ein müdes Lächeln legte sich auf Neas Lippen. Für sie war Leyla mehr als eine Kameradin. Mehr als eine Heldin. Sie war das Licht in einem langen Leben, das zu oft aus Schatten bestanden hatte. Seit dem Tag, an dem Nea sie das erste Mal hatte kämpfen sehen – in jener staubigen Arena, das Schwert fest in der Hand – war sie ihr verfallen. Nicht auf die Weise einer romantischen Liebe, sondern auf die Weise, wie eine Mutter ihr Kind liebt. Wie eine Beschützerin, die ihr Leben geben würde, damit das Leben der anderen weitergehen kann. Sie hatte etwas gesehen in diesem Mädchen, damals. Eine Entschlossenheit, die nicht nur aus Zorn bestand, sondern aus etwas Tieferem. Aus Mut. Vielleicht sogar aus Sehnsucht. Wenn sie bei Leyla war – dann war sie glücklich. Dann bedeutete das Leben etwas. Es war eine schlichte Wahrheit, die ihr heute abermals schmerzlich bewusst wurde. Nicht weil sie zweifelte, sondern weil sie vermisste. Nea schloss die Augen für einen Moment, ließ den Atem tief in ihre geschundenen Lungen strömen. Der Duft von Kräutersalben lag noch immer in der Luft. Der Verband an ihrer Seite kratzte ein wenig, aber sie rührte sich nicht. Die Welt durfte für einen Moment stillstehen. Nur für sie. Da erklang ein Geräusch. Ein Klopfen. -------------------------------------------------------------------------- —KLOPF— Nea seufzte leise und richtete sich langsam in ihrem Bett auf. Jeder Muskel schien gegen die Bewegung zu protestieren, doch sie zwang sich zur aufrechten Haltung. Der Schmerz war noch immer da – ein temporärer Begleiter, der wie ein Echo des Feuers in ihr pochte. „Herein“, rief sie schließlich mit einem Anflug von Ungeduld. Ihre Stimme klang angespannter, als sie beabsichtigt hatte. Doch je nachdem, wer hinter dieser Tür stand, würde sie anders reagieren – und anders fühlen. Die Tür öffnete sich mit einem leichten Knarren. Neas Augen weiteten sich, als sie die Frau sah, die den Raum betrat. Eine schwarze Frau, ganz in ein schlichtes weißes Kleid gehüllt, mit einem perfekt sitzenden Afro, der ihr Gesicht rahmte wie ein Kunstwerk. Ihr Gang war würdevoll, fast schwebend. Ihre Haltung aufrecht, gelassen. Ihre Präsenz durchdrang den Raum wie die Stille vor einem Gewitter. „Yaya!“ rief Nea überrascht und wollte sich reflexartig aus dem Bett werfen, doch der stechende Schmerz in ihrer Seite durchzuckte sie wie ein Messer. Sie sog scharf die Luft ein und sank zurück ins Kissen. Yang, die Anführerin der Kaiserlichen Kopfgeldjäger. Die stärkste Kämpferin des Kaiserreichs. Ihre Mentorin. Ihre Heldin. Und, auf eine Weise, die sie nie in Worte hätte fassen können – ihr Zuhause. Sie lächelte. Es war ein feines, seltenes Lächeln. Eines, das sie nie öffentlich zeigte. Ein Lächeln, das Nea allein gehörte. „Wie geht es dir, Nea?“ Ihre Stimme war ruhig, aber in ihr lag eine Schärfe, die wie durch samtenes Tuch klang. Nea grinste. Trotz des Schmerzes, trotz der Müdigkeit. Ein tapferes Grinsen, wie sie es schon als Kind aufgesetzt hatte, um die anderen nicht zu beunruhigen. „Mir geht's schon wieder super! Ehrlich! Gar kein Problem.“ Yang sagte nichts, trat nur langsam näher, nahm sich einen der hölzernen Stühle in der Ecke des Zimmers und stellte ihn neben das Bett. Dann setzte sie sich, die Hände auf den Knien gefaltet. Ihre Augen ruhten unerschütterlich auf Nea. ,,Das freut mich zu hören. Erzähl mir von dem Auftrag.’’ Nea nickte, ihre Haltung veränderte sich sofort. „Als wir beim Grünwald ankamen, trafen wir auf den Sohn des Schwertdämons… und auf Vincenz.“ Sie machte eine kurze Pause. „Du weißt schon… der Magier, der damals...“ Yang unterbrach sie knapp. „Ich erinnere mich. Fahr fort.“ Nea atmete tief durch. „Wir wurden getrennt. Es gab zwei Einzelkämpfe. Leyla hat sich dem Sohn gestellt. Ich bin geflogen – und hab mich Vincenz entgegengestellt.“ Yangs Blick wurde schärfer. „Wie wurdest du so verletzt? Du solltest stärker gewesen sein als er.“ Nea schwieg einen Herzschlag lang. Sie hätte es sagen können. Hätte ihr die Wahrheit sagen können. Dass Leylas Verletzung der Grund war. Dass ihr Fehler sie in Gefahr gebracht hatte. Aber sie entschied sich anders. „Vincenz hat den Käfig der sieben Flammen beschworen. Ich war unvorbereitet. Er hat mich darin gefangen, und… naja, der Rest ist offensichtlich.“ Yang sagte nichts. Ihre Miene verriet nichts. Keine Enttäuschung, kein Misstrauen. Nur Beobachtung. Und dennoch – Nea glaubte, in ihren Augen einen winzigen, kaum wahrnehmbaren Ausdruck zu sehen. Ein Zucken. Ein Aufblitzen. Vielleicht Sorge. Vielleicht Tadel. Vielleicht beides. Doch wie es gekommen war, so war es auch schon wieder verschwunden. „Und wie wurdest du befreit?“ fragte Yang schließlich. Neas violetten Augen begannen zu leuchten. Ein echtes, aufrichtiges Strahlen legte sich über ihr Gesicht. „Leyla“, sagte sie fast andächtig. „Leyla hat ihn zurückgedrängt – mit einer einzigen, mächtigen Feuerwelle. Dann hat sie sich selbst in die Luft geschleudert und mit einer Flut aus Wasser den Käfig zerstört. Sie hat Vincenz gepackt und mit sich zu Boden gerissen. Es war… es war unglaublich. Sie hat mich gerettet.“ Ein Moment der Stille. Yang blinzelte nicht. Doch ihre Lippen waren ein wenig weicher als zuvor. ,,Und was ist dann geschehen?’’ „Leyla hat den Sohn gefesselt und ist zu deren Lager aufgebrochen. Sie wollte sie alle gefangen nehmen. Ich bin mir sicher, sie hat es geschafft.“ Yang nickte langsam. „Gut. Dann weiß ich, was ich wissen muss.“ Sie erhob sich. Der Stuhl knarrte kaum. „Wenn es dir besser geht, melde dich bei mir.“ Nea nickte. Lächelnd. „Mach ich, Yaya.“ Yang blieb stehen, trat dann noch einen Schritt zurück und beugte sich zu ihr. Mit zwei Fingern tippte sie ihr leicht gegen die Stirn. „Du sollst mich nicht so nennen.“ Doch in ihren Augen lag Wärme. Dann wandte sie sich um, öffnete die Tür – und verschwand. Nea blieb noch einen Moment lang aufgerichtet sitzen, ehe sie sich mit einem zufriedenen Seufzer wieder ins Kissen sinken ließ. Und obwohl der Schmerz noch da war – sie fühlte sich ein wenig leichter. -------------------------------------------------------------------------- Einige Tage später war Nea wieder auf den Beinen. Ihre Schritte hallten leise durch die Gänge des Hauptquartiers der Kaiserlichen Kopfgeldjäger, während sie in ihrem gewohnten, leichtfüßigen Tempo durch die Korridore lief. Ihre Wunden waren noch nicht ganz verheilt, doch der Drang, sich wieder zu bewegen, war stärker als das Ziehen unter der Haut. Der Schmerz war da – unterschwellig, beständig – aber sie ignorierte ihn. So wie sie es immer tat, wenn es Zeit war, wieder Teil der Welt zu sein. Sie trat in den Gemeinschaftssaal, wo sich um diese Uhrzeit meist niemand aufhielt. Ihr Blick schweifte über das Zimmer, bis er an einer Gestalt hängen blieb, die sich nicht ignorieren ließ: Velverde. Das neueste Mitglied der Kopfgeldjäger saß lässig auf einem der Sofas, eine Tasse dampfenden Tee in der Hand. Seine weißen Haare standen in alle Richtungen, als wäre er gerade von einem Blitz getroffen worden, und sein Gesicht war wieder einmal in kunstvoll übertriebener Schminke geschmückt – ein Bild zwischen exzentrischem Theater und leichtem Wahnsinn. ,,Ne~a, freut mich dich zu se~hen!’’ rief er mit einem übertriebenen Grinsen, während er ihr mit den Fingern zuwinkte, als wäre sie eine alte Geliebte. Nea zog eine Augenbraue hoch, erwiderte sein Lächeln mit angespielter Höflichkeit – und drehte sich wortlos um. Sie mochte ihn nicht. Nicht seine Art zu reden, nicht seine ständige Selbstinszenierung, nicht seine Art, zu viel und gleichzeitig zu wenig zu sagen. Bevor er seinen Satz beenden konnte, war sie bereits durch die Tür verschwunden. Sie trat in den Garten, wo ihr sofort die Kälte des Winters ins Gesicht schlug. Die Luft war beißend, klar und scharf wie frisch geschliffener Stahl. Ein Hauch von Reif bedeckte die Hecken, und auf den steinernen Wegen hatte sich eine dünne Eisschicht gebildet. Sie fröstelte leicht, zog aber nicht einmal die Schultern hoch. Keine Chance, jetzt noch einmal zurückzugehen und sich einen Mantel zu holen. Der Moment der Freiheit war zu kostbar. Also verließ sie das Anwesen und betrat die Straßen der Kaiserstadt. Der Boden unter ihren Stiefeln war glatt und verräterisch, aber sie bewegte sich sicher, fast tänzerisch über das vereiste Pflaster. Der Himmel war noch blass, ein fahles Grau, das sich nur zögerlich in Blau verwandelte. Es war früh – viel zu früh für geschäftiges Treiben. Die Straßen waren leer, bis auf ein paar Frühaufsteher und Händler, die ihre Stände aufbauten oder Waren prüften. Nea genoss diese Ruhe, diesen langsamen Beginn des Tages, in dem die Welt noch nicht laut war. Doch trotz der frischen Luft, trotz des Platzes, den die Ruhe ihr ließ, spürte sie eine Leere in sich. Was sollte sie heute unternehmen? Es gab keinen Auftrag, kein Ziel. Nichts, das sie beschäftigte. Eigentlich hatte sie nur auf eines wirklich Lust: Leyla wiederzusehen. Zeit mit ihr zu verbringen, zu reden, zu lachen. Leyla brachte Struktur in ihre Gedanken, Wärme in ihr Herz. Während sie ziellos um eine Ecke bog, blieb ihr Blick plötzlich an jemandem haften. Ein Mann saß auf einer Bank, die Schultern breit, das Gesicht verborgen unter schwarzen Haaren, die ihm ins Gesicht fielen. Er kaute an einem Gebäck, fast genüsslich. Doch da war etwas an ihm – an seiner Haltung, an seinem Profil – das Nea innerlich aufhorchen ließ. Sie verengte die Augen, trat näher. „Sag mal…“ begann sie mit lockerer Stimme. „Bist du nicht ein gesuchter Mann? Wie war dein Name nochmal? Doofen? Dorfing?“ Der Mann hob den Kopf. Sein Blick war hart, kalt. Er stand auf, langsam, als wolle er seine Größe demonstrieren. Tatsächlich überragte er sie deutlich. „Duven“, knurrte er. „Du kleines Gör. Verpiss dich. Oder du wirst es bereuen, mich angesprochen zu haben.“ Nea blieb stehen. Ihr Grinsen wurde breiter, ihre Augen funkelten. Sie hatte recht gehabt. Sie erinnerte sich gut an Gesichter – und seines war in einem der älteren Steckbriefe zu sehen gewesen, die sie mal zufällig studiert hatte. „Doofen, richtig. Vierfacher Mord. Zwei Händler gefoltert. Ziemlich beeindruckend. Sag mal… warst du damals betrunken oder bist du einfach nur dumm?“ Duven fletschte die Zähne und griff an seinen Gürtel. Ein Messer blitzte auf, kurz und schartig, eindeutig oft gebraucht. „Du hast es nicht anders gewollt“, zischte er, holte aus und stürmte auf sie zu. -------------------------------------------------------------------------- Mit Bewegungen, die mehr an einen Tanz erinnerten als an einen Kampf, glitt Nea unter dem ersten Angriff hinweg. Ihre Füße berührten kaum den Boden, als sie sich zur Seite drehte, unter dem zischenden Bogen der Klinge hindurchtauchte und dann wieder aufrecht vor ihm stand, als sei nichts geschehen. Ihre violetten Augen funkelten wie kaltes Glas. Duven schnaubte wütend, stürmte erneut vor, stach und schlug. Doch so sehr er es auch versuchte, seine Klinge traf nichts als Luft. Selbst jetzt, wo ihr Körper noch nicht vollständig verheilt war, bewegte sich Nea mit Leichtigkeit, ihre Schritte sicher, ihre Reaktionen schneller, als sein Blick folgen konnte. Es war, als würde sie ihn verspotten, nur mit ihrer bloßen Präsenz. „Komm schon, Doofen!“ rief sie spöttisch und wich einem weiteren Hieb aus. „Du musst dich schon mehr anstrengen, wenn du mich beeindrucken willst!“ Duven knurrte. Sein Atem ging schneller, seine Stirn glänzte vom Schweiß. „Du kleines Miststück… du hast es nicht anders gewollt!“ Er hob seine Hand. Kleine, zuckende Blitze krochen über seine Finger, sammelten sich an den Gelenken, flackerten in der kalten Winterluft. Ein dumpfes Grollen lag in der Luft. Donnermagie. Er hatte also noch ein Ass im Ärmel. Nea blieb stehen und grinste breit, wie eine Katze, die mit ihrer Beute spielte. „Na endlich zeigst du mal, was du kannst. Ich hatte schon Angst, du bist wirklich nur ein Messerstecher mit großem Maul.“ Ein gleißender Blitz schoss auf sie zu. Für einen Moment zuckte das Licht über die Gasse und erhellte die Straße. Doch Nea hob nur lässig die Hand. Ihre Finger schlossen sich um das Licht, und der Blitz zersplitterte in Dutzende leuchtende Funken, die sachte zu Boden rieselten. „Oh, das war alles?“ fragte sie in gespielt enttäuschtem Tonfall. „Du machst deinem Namen ja wirklich alle Ehre. Duven… oder soll ich dich weiter Doofen nennen? Passt besser. Nicht mal merken, wie viel stärker ich bin… das ist schon fast tragisch.“ Ihre Stimme war süßlich, doch darunter lag die Schärfe eines Messers. Duven knirschte mit den Zähnen. In einem letzten, verzweifelten Versuch holte er aus und warf sein Messer nach ihr. Die Klinge flog in einem schnellen, unsauberen Bogen auf sie zu – aber noch bevor sie ihr Ziel erreichte, hatte Nea sie bereits abgefangen. Ihre Hand schloss sich mühelos um den Griff, ohne dass ihre Haltung sich nennenswert änderte. Dann drehte sich Duven um und rannte los. Seine Schritte schlugen hart auf das gefrorene Pflaster, ein ungleichmäßiger Rhythmus der Angst. Nea sah ihm nach, schüttelte den Kopf. „Und jetzt läuft er weg…“ murmelte sie, fast belustigt. „Das ist ja niedlich.“ Sie drehte das Messer in der Hand, spürte sein Gewicht, prüfte den Stahl. Es war nichts Besonderes – eine einfache, abgenutzte Waffe, nicht scharf, nicht präzise. Vermutlich hatte er sie bei einem Straßenhändler erstanden oder aus dem toten Körper einer der Händler gezogen, die er einst gefoltert hatte. Dann holte sie aus – nur ein einziger, kraftvoller Wurf, ohne Anstrengung. Die Klinge zischte durch die Luft, durchschnitt das Zwielicht des Morgens und durchschlug mit makelloser Präzision den Hinterkopf des Flüchtenden. Ohne einen Laut sackte Duven zusammen. Sein Körper schlug dumpf auf das kalte Pflaster. Eine Lache aus Blut begann sich unter ihm zu bilden, leuchtend rot auf dem frostüberzogenen Stein. Ein Moment der Stille folgte. Dann hörte sie hinter sich ein Geräusch. Ein einzelnes, langsames Klatschen. [???] ,,Schöne Vorführung, Edle Miss Nea!’’
- Kapitel 179 - Der Garten des Friedens
Wo war sie? Diese Frage hallte in Leylas Kopf wider, kaum dass sie die Augen geöffnet hatte. Alles wirkte so real – das Licht, die Gerüche, der Wind, der ihr durch die Haare strich – und doch wusste sie, dass dies nicht die wirkliche Welt war. Es war kein Ort, den man auf einer Karte finden konnte. Nicht so wie Tripolis oder die Kaiserstadt. Nein, dieser Ort gehörte zu etwas anderem. Als sie einst den Runenstein der Erde berührt hatte, war kaum etwas geschehen – zumindest nicht äußerlich. Die Macht, die sie entfesselt hatte, war roh gewesen, eine unkontrollierbare Reaktion auf den Zorn und Schmerz, der in ihr gebrodelt hatte. Der Stein hatte sie nicht an einen anderen Ort getragen. Keine Vision. Keine Stimme. Nur Zerstörung. Der Runenstein des Meeres war anders gewesen. Dort hatte sie sich in einer Sphäre aus schimmerndem Wasser wiedergefunden, hatte mit dem Stein selbst kommuniziert – oder mit dem, was ihn beseelte. Dort war Klarheit gewesen, ein Gefühl von Ordnung. Ein Vertrag zwischen zwei Seiten. Aber nun … nun stand sie in einem Garten. Kein tropischer, kein düsterer, kein magischer Dschungel. Sondern ein friedlicher, warmer Garten, der in seiner Schlichtheit eine fast kindliche Unschuld ausstrahlte. Blumen wiegten sich im Wind, ihre Farben sanft und leuchtend. Ein leises Summen erfüllte die Luft – das Geräusch von Bienen, die von Blüte zu Blüte flogen. Der Geruch nach frischem Gras und Morgentau lag in der Luft. Er ähnelte dem Garten, in dem sie mit den Runensteinen versiegelt gewesen war, und doch war er anders. Leyla betrachtete die Katze einen Moment lang. Vorsichtig, fast ehrfürchtig, streckte sie eine Hand aus und berührte das Fell. Es war weich, beinahe zu weich. Die Katze begann leise zu schnurren, öffnete aber nicht die Augen. Sie wirkte vollkommen in sich ruhend, als wäre sie hier geboren worden und hätte nie etwas anderes gekannt als diesen Frieden. Leyla atmete tief durch und ließ den Blick schweifen. So schön dieser Ort auch war – etwas fehlte. Wo war der Runenstein? Sie konnte seine Anwesenheit spüren, das Pochen war nicht verschwunden. Es hatte sich nur verändert – war weicher geworden, weniger drängend. Es klang nun wie ein Herzschlag, der sich an ihren eigenen Rhythmus angepasst hatte. Als auch nach längerem Verweilen nichts geschah, erhob sie sich langsam. Die Katze regte sich nicht. Sie drehte sich lediglich auf den Rücken und schnurrte weiter. Leyla schenkte ihr ein letztes Lächeln, dann begann sie, durch den Garten zu spazieren. Die Grashalme bogen sich unter ihren Füßen, ohne zu brechen. Der Boden war weich, fast samtig. Ein Vogel – eine Schwalbe mit leuchtend blauen Federn – erschien aus dem Nichts und flog in verspielten Bögen um Leyla herum. Sie hob überrascht die Hand, doch der Vogel wich nicht aus. Bald darauf tauchten weitere Tiere auf: zwei Hasen, die neugierig ihre Nasen reckten und dann um ihre Füße herumhoppelten. Sie spielten miteinander, warfen sich neckisch an und flitzten im Kreis. Leyla musste schmunzeln. Die Tiere schienen sich durch ihre Anwesenheit nicht im Geringsten gestört zu fühlen – im Gegenteil. Es war, als gehöre sie hierher. Sie folgte den Tieren eine Weile, bis sie einen schmalen Pfad entdeckte, der sich durch ein Wäldchen schlängelte. Die Bäume wirkten alt, doch nicht ehrfurchtgebietend. Sie wirkten freundlich, als würden sie jeden willkommen heißen, der ihren Weg betrat. Ihre Rinde war glatt, ihre Blätter hellgrün und von Sonnenlicht durchzogen. Leyla zögerte nicht. Noch bevor sie den ersten Schritt auf den Pfad setzte, zog sie ihre Schuhe aus – und auch ihre Socken. Sie wollte den Boden spüren, wollte spüren, was dieser Ort ihr sagen wollte. Die kühle Erde unter ihren nackten Füßen fühlte sich gut an. Beruhigend. Natürlich. Es war, als würde sie ein uraltes Band berühren, das unter der Oberfläche ruhte und auf sie reagierte. Langsam begann sie zu summen. Es war kein Lied, das sie kannte – keine Melodie aus ihrer Kindheit, keine Hymne aus einem Tempel. Es war ein Klang, der einfach in ihr aufstieg, geboren aus der Stille dieses Ortes, aus der Harmonie, die ihn durchzog. Eine Melodie ohne Worte, aber voller Bedeutung. Sie ließ den Ton durch ihre Lippen gleiten, ließ ihn mit dem Rascheln der Blätter und dem Zwitschern der Vögel verschmelzen. Nach einer Weile – sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war – öffnete sich der Wald zu einer zweiten Lichtung. Diese war kleiner als die erste, beinahe rund, und vollkommen eingefasst von wildem Jasmin. In der Mitte befand sich ein Brunnen. Kein großer, steinerner Bau, sondern ein schlichtes Becken aus moosbedecktem Holz, aus dem leise Wasser gluckerte. Und über diesem Brunnen – frei schwebend, von keinem Faden gehalten – schwebte er. Der Runenstein der Heilung. - ------------------------------------------------------------------------- Der Runenstein leuchtete in einem gedämpften, sanften Grün – nicht grell oder aufdringlich, sondern von jener zurückhaltenden Klarheit, wie man sie nur in einem tiefen Wald oder am Grunde eines Brunnens findet. Sein Licht war durchscheinend, fast als bestünde er aus geschliffenem Glas, und doch vibrierte er leise, wie ein Herzschlag, der nicht zu hören, aber zu fühlen war. Er schwebte reglos über dem Brunnen, als würde ihn keine Schwerkraft binden. Nicht einmal der Wind rührte ihn. Kein Drehen, kein Zittern – nur Stille. Und in dieser Stille lag eine sanfte, mächtige Präsenz. Nicht die Wucht der Zerstörung, nicht das Flüstern von Rache, sondern die beruhigende Umarmung dessen, was heilt, was trägt, was versteht. Leyla trat vorsichtig näher. Jeder Schritt über das weiche Gras war wie eine kleine Offenbarung, als ob der Boden selbst sie segnete. Noch hatte der Stein sie nicht angesprochen, doch sie spürte seine Nähe wie einen Blick im Rücken, wie einen Gedanken, der bereit war, sich zu formen. Etwas in ihr wusste: Der Moment war gekommen, an dem der Stein mit ihr sprechen würde. Kein Zweifel begleitete dieses Wissen. Nur Erwartung – und vielleicht ein leises Staunen. Sie hielt inne. Der Garten, der Brunnen, die Vögel, die sie begleitet hatten, das Licht – all das war nicht zufällig. Es war die Hülle, das Gewebe, das sie bis zu diesem Ort geführt hatte. Alles, was sie gesehen und gespürt hatte, war Teil eines Weges gewesen, der in diesen einen Punkt mündete. In diesen Moment der Entscheidung. Leyla schloss die Augen. Sie lauschte dem Plätschern des Brunnens, das gleichmäßig und ruhig erklang. Es war ein Klang, der mehr war als nur das Geräusch von Wasser – es war ein Lied, ein Atem, der tief in ihr widerhallte. Und dann, fast wie ein Windhauch, trat die Stimme in ihr Bewusstsein: ,,Ich begrüße dich, Jüngerin.’’ Die Worte waren klar, reiner als Glas, sanfter als jede Berührung. Sie klangen wie das Plätschern eines Baches, wie der Wind durch Blätter, wie das erste Licht nach einem langen Winter. Leyla öffnete ihre Gedanken, die Augen blieben geschlossen. „Du bist der Runenstein der Heilung, nicht wahr?“ „Natürlich bin ich das. Und du bist gekommen, um mich zu empfangen, um mich zu nutzen – so wie es vorherbestimmt ist.“ Sie schwieg einen Moment. Es war nicht die Stimme eines Befehls, nicht die eines Richters oder Lehrers. Es war die Stimme eines Begleiters. „Es ist schön hier“, sagte sie schließlich leise. „So friedlich. So … unberührt.“ ,,Das ist es. Denn Frieden ist keine Belohnung, sondern eine Grundlage. Er ist das, was alles Leben trägt. Das höchste Gut.“ Ein leises Unbehagen stieg in Leyla auf, kaum wahrnehmbar. Die anderen Runensteine, die sie bereits in sich trug, regten sich. Nicht laut – eher wie ein leiser, skeptischer Atem. Die Kraft des Meeres war wachsam geworden, und selbst die rohe Macht der Erde schien sich zu rühren. Sie protestierten nicht, nicht offen. Aber sie meldeten Zweifel an. Leyla unterdrückte das Gefühl und lenkte ihre Gedanken auf das Gespräch. „Man hat mir in den letzten Tagen oft gesagt, dass Frieden wichtig ist. Doch… kann man ihn wirklich erreichen? Ist wahrer Frieden überhaupt möglich?“ „Das hängt nicht von der Welt ab. Sondern von dir. Frieden beginnt nicht draußen – er beginnt in dir. Hilf denen, denen du helfen kannst. Und vergiss dabei dich selbst nicht. Hilf dir zuerst. Dann dem Rest.“ Leyla nickte kaum merklich. „Ich möchte frei sein“, sagte sie. „Wirklich frei.“ ,,Und das ist auch gut so. Freiheit ist kein Gegensatz zu Frieden. Sie gehört zu ihm. Sei du selbst. Kämpfe für dein Wohl, aber verliere nicht den Blick für andere. Denn wenn du anderen hilfst, wird es auch dir helfen.“ Sie schwieg erneut. Die Worte hallten in ihr nach. Der Runenstein der Erde hatte ihr einst gesagt, sie sei ein Monster – dass sie rücksichtslos sein müsse, wenn sie ihre Ziele erreichen wolle. Der Runenstein des Meeres hatte ihr geraten, alles zu tun, was sie glücklich mache – ein eher pragmatischer Ansatz, der auf Selbstverwirklichung zielte. Und nun dieser dritte Stein – er sprach von Balance, von Fürsorge, von Mitgefühl. Drei Stimmen, drei Wege. Und doch vielleicht ein gemeinsames Ziel? „Von hier an wird dein Pfad schwieriger. Einige von uns werden von jenen festgehalten, die sie missbrauchen – in Ketten gelegt, in Zorn gezwungen, zu Werkzeugen gemacht. Du wirst leiden müssen, um sie zu befreien. Doch du wirst es schaffen. Mit meiner Kraft wirst du bestehen.“ Leyla öffnete leicht die Lippen. „Gibt es etwas, das du von mir verlangst? Etwas, das ich tun muss, um würdig zu sein?“ ,,Nein. Ich habe keine Forderungen. Ich glaube an dich, Leyla. Nicht, weil du perfekt bist – sondern weil du immer wieder Entscheidungen triffst. Weil du bereit bist, zu tragen und zu lernen. Das macht dich zur Jüngerin.“ „Und… mit deiner Kraft kann ich heilen?“ fragte sie leise. „Ja. Doch nicht nur dich selbst. Ich schenke dir die Macht, jeden körperlichen Schaden, jede Krankheit, jeden Fluch aufzulösen – durch deinen Willen, durch dein Herz. Und mehr noch: Ich schenke dir diesen Ort. Diesen Garten. Wann immer du Frieden brauchst, für deine Seele, für deinen Geist, wirst du hierher zurückkehren können. Denn nicht alle Wunden sind sichtbar, Leyla. Die tiefsten Narben trägt man im Inneren.“ Leyla öffnete die Augen. Vor ihr schwebte der Runenstein – nur noch wenige Fingerbreit entfernt. Er strahlte ein tiefes, beruhigendes Grün aus, das sich wie Nebel um sie legte. Licht durchdrang sie, und in diesem Licht war Wärme. Geborgenheit. Hoffnung. „Ich danke dir“, flüsterte sie. ,,Nein, Leyla. Ich habe dir zu danken.’’ Dann löste sich der Stein auf. Nicht wie zerbrechendes Glas – eher wie ein Traum, der langsam verblasst. Und mit ihm schwand auch der Garten, der Frieden, das Licht. Die Vision löste sich auf wie Morgentau in der Sonne. - ------------------------------------------------------------------------- Als die Welt um Leyla langsam wieder Konturen annahm, als das Licht des Gartens der Heilung verblasste und die Farben des Feendorfes zurückkehrten, war das Erste, was sie sah, das kleine Gesicht von Calira. Die Dorfälteste saß noch immer auf derselben Holzbank wie zuvor, den Blick auf Leyla gerichtet – und ihre Augen waren feucht. Einige Tränen hatten ihren Weg über die zarten Wangen der Fee gefunden und glitzerten wie Tautropfen im Licht des warmen Waldes. Leyla richtete sich auf, noch etwas benommen, und trat näher. ,,Ist alles in Ordnung?’’ fragte sie mit echter Besorgnis in der Stimme. Sie hatte nicht erwartet, Calira weinen zu sehen. Die Fee nickte sofort, obwohl ihre Schultern leicht zitterten. Ihre Stimme war brüchig vor Emotionen, aber sie lächelte dabei. ,,Ja, alles ist gut. Besser als gut. Ich weine, weil ich mich so sehr freue. Weil unser aller Traum endlich Wirklichkeit geworden ist. Seit Generationen haben wir auf diesen Moment gewartet, Leyla. Auf dich.’’ Leyla trat ganz nah an sie heran. Ihr Herz war erfüllt von einem seltsamen Gefühl – etwas zwischen Dankbarkeit, Demut und einem zaghaften Stolz. ,,Kann ich irgendetwas für euch tun?’’ fragte sie leise, fast ehrfürchtig. Sie wollte nicht einfach gehen, nicht ohne zumindest ein kleines Zeichen des Dankes zu hinterlassen. Die Feen hatten ihr Vertrauen geschenkt, ohne Zögern, ohne Forderung. Doch Calira schüttelte sanft den Kopf. Ihre Flügel zitterten leicht dabei. ,,Gehe einfach weiter deinen Weg, mein Kind. Das ist alles, was wir uns wünschen. Dass du nicht aufgibst. Dass du deine Aufgabe annimmst – mit Herz und mit Kraft. Alles andere liegt nicht mehr in unserer Hand.’’ Leyla nickte langsam. Es war eine Bitte, aber auch ein Versprechen. Und sie spürte, dass es mehr wog als tausend Verträge. ,,Darf ich mich vielleicht noch ein wenig ausruhen, bevor ich aufbreche?’’ fragte sie schließlich, etwas schüchtern. Die Müdigkeit war ihr mittlerweile in jede Faser ihres Körpers gekrochen. Der Kampf gegen Leandro, die Reise durch den Grünwald, das Gespräch mit dem Runenstein – all das hatte ihre Kräfte aufgezehrt. Caliras Lächeln wurde noch weicher. Es war das Lächeln einer Großmutter, die wusste, dass ihr Kind nach einem langen Tag endlich schlafen darf. ,,Natürlich darfst du das, mein Kind. Der Garten wird über dich wachen. Und wir alle auch.’’ —GÄHN— Ein wohliges Gähnen kam über Leyla, ganz unvermittelt und ungehalten, wie ein Bote des Schlafs. Sie lachte leise, legte sich vorsichtig zurück in den mit Baumwolle gepolsterten Nussschalensessel, der sich wie ein Nest anfühlte, wie ein Ort, der genau für sie gemacht worden war. ,,Nur kurz die Augen schließen...’’ murmelte sie. Und noch ehe der Gedanke ganz verklungen war, fielen ihr die Lider zu. Wärme umhüllte sie, Geborgenheit. Der Atem wurde ruhig, das Herz schlug sanft, und der Winter draußen verlor seine Härte. Leyla schlief ein – tief, traumlos und friedlich. Und über ihr summten leise die Lichter des Feendorfes. - ------------------------------------------------------------------------- ,,Lass mich mit dir kommen!’’ Die Worte hallten fast trotzig durch die kleine Lichtung, und Leyla musste unwillkürlich schmunzeln. Vinessas Stimme klang zwar zierlich, doch ihr Entschluss lag in jedem einzelnen Ton. Leyla stand am Rand des Feendorfs, bereit aufzubrechen, die Riemen ihrer Rüstung wieder festgezogen, das Schwert an der Hüfte. Die Nacht war kühl, aber nicht unangenehm – der Zauber der Lichtung schien die Kälte fernzuhalten. Und tief in ihrem Inneren fühlte sie noch immer die leuchtende Wärme des dritten Runensteins. Der Runenstein der Heilung hatte sich zu den beiden anderen gesellt, und seine Kraft pochte leise und stetig in ihr wie das ruhige Schlagen eines Herzens. „Die Reise ist gefährlich, Vinessa“, sagte Leyla schließlich mit ruhiger Stimme und hob eine Augenbraue. „Bist du dir da wirklich sicher?“ Die kleine Fee mit den goldenen Haaren verschränkte trotzig die Arme vor der Brust und stemmte sich in der Luft, als wolle sie ihr Anliegen durch pure Entschlossenheit bekräftigen. „Na, hör mal! Ich werde dir schon keine Last sein. Ich will dabei sein, wenn du dein Ziel erreichst. Du wirst noch froh sein, mich dabei zu haben!“ Leylas Blick glitt zu Calira, der alten Dorfältesten, die das Gespräch mit einem sanften Lächeln beobachtete. Die Fee flog etwas näher, ließ sich langsam auf Leylas Schulterhöhe nieder und strich ihr mit der kleinen Hand liebevoll über die Wange. Ihre Berührung war federleicht, aber von einer Wärme, die unter die Haut drang. „Leyla, mein Kind“, sagte Calira leise, „ich würde mich sehr freuen, wenn du Vinessa mitnehmen würdest. Sie hat seit ihrer Kindheit davon geträumt, mehr von der Welt zu sehen. Und ich bin mir sicher, dass sie dich nicht belasten, sondern dir eine Hilfe sein wird. Hätte sie unser Dorf nicht trotz des Winters verlassen, wärst du vielleicht nie so schnell zu uns gekommen. Vielleicht war sie dein Schicksal.“ Leyla erwiderte die Geste mit einem stillen Nicken, streckte vorsichtig die Hand aus und stupste Calira sanft an. „Gut“, sagte sie, „ich werde auf sie aufpassen. Versprochen.“ Die Dorfälteste flog zurück, ihre Flügel schlugen ruhig und gleichmäßig, während ihr Blick nun zu der erwartungsvollen Fee wanderte. „Vinessa, Liebes“, sagte sie mit einer Stimme, die plötzlich fast feierlich klang, „unterstütze Leyla bitte, wo du kannst. Sei ihre Begleiterin, ihre Vertraute – und vielleicht auch ihre Erinnerung an alles, was gut ist in dieser Welt.“ „Natürlich, Älteste!“ rief Vinessa mit leuchtenden Augen und flog sofort zu Leyla, beinahe wie ein Stern, der seiner Umlaufbahn folgt. Leyla blickte kurz zum Himmel, dann senkte sie den Blick, berührte konzentriert den Stoff ihrer Rüstung und ließ ein sanftes Pulsieren von Mana fließen. Der Stoff veränderte sich, wurde weicher, formte sich – und bald war eine kleine, gepolsterte Tasche an ihrer Seite gewoben, kaum größer als eine Handfläche, aber innen warm und magisch abgeschirmt. „Da kannst du dich vor der Kälte schützen“, sagte sie schlicht. Vinessa jauchzte leise vor Freude und schlüpfte ohne Zögern hinein. Sie rollte sich zusammen wie ein kleiner Lichtfunke, der inmitten von Wolle ruht. „Oooh, ist das gemütlich! Ich bin bereit!“ Calira schwebte ein letztes Mal vor und erhob mit zitternden Flügeln ihre Stimme. „Leb wohl, Jüngerin Leyla. Unsere Hoffnung fliegt mit dir. Wir werden Tag und Nacht an dich denken – und wir werden immer auf dich warten, wenn du uns brauchst.“ Leyla blickte ein letztes Mal über die Lichtung, über die kleinen Häuser in den Ästen, die leuchtenden Pilze am Boden, die winzigen Gestalten, die zwischen Blumen und Moos hervorlugten. Es war ein Ort voller Sanftmut gewesen – doch jetzt rief die Welt erneut. Sie drehte sich um und trat zwischen die Bäume. Hinter ihr verstummte das Feendorf, vor ihr begann der kalte, schneebedeckte Wald. Doch sie ging nicht mehr allein. Und irgendwo jenseits der winterlichen Hügel lag ihr Ziel. Die Kaiserstadt wartete.
- Kapitel 178 - Frühlingsblumen im Eis
Ark VI - Zeugnis der Macht Es war ein sonniger Morgen in Tripolis. Der Winter, der wie ein eisiger Schleier über dem Kaiserreich lag, schien diesen entlegenen Teil der südlichen Inseln kaum zu berühren. Die tropische Wärme lag schwer in der Luft, Vögel stimmten ein vielstimmiges Konzert an, das in harmonischem Gleichklang mit dem leisen Rascheln der Palmenblätter im Wind tanzte. Aus dem offenen Fenster seines Zimmers drang der Duft frisch geöffneter Blüten, süßlich und lebendig, als würde der Tag selbst ihn willkommen heißen. Langsam richtete er sich in seinem Bett auf, seine Bewegungen waren präzise, beinahe mechanisch. Jeder Muskel dehnte sich mit stoischer Disziplin, als wäre selbst das Aufstehen ein Akt des Willens. Er stand auf, trat ans Fenster und blickte hinaus auf die bunten Dächer von Tripolis, auf den geschäftigen Hafen, in dem Fischerboote mit dicker Beute zurückkehrten, auf die Marktstände, die sich füllten. Heute würde er die Stadt verlassen. Seine Gedanken waren klar, sein Ziel unverrückbar. Ein Treffen in der Kaiserstadt stand bevor. Und nicht mit irgendeiner Person – ein Mann wartete auf ihn, den man nicht lange warten ließ. Ein Adliger, mächtig, gefährlich und intrigant. Ein Mann, dem er zutiefst misstraute. Der Gedanke an ihn ließ seine Stirn sich unwillkürlich runzeln. Es war eine lästige Pflicht, keine Frage. „Was für eine abscheuliche Angelegenheit …“ murmelte er und schüttelte kaum merklich den Kopf. Er konnte diesen Menschen nicht leiden. Er war einer von denen, die nichts als ihre eigene Macht im Sinn hatten. Einer, der dem Kaiser nicht treu ergeben war. Einer, der ihn sofort verraten würde, wenn sich die Gelegenheit bot. Wie viele waren es inzwischen geworden, die in dunklen Zimmern über Umstürze flüsterten? Ganz anders als er selbst. Er verdankte dem Kaiser alles. Seinen Rang. Seine Ehre. Sein Leben. Und auch, wenn er nicht zu den Männern gehörte, die leichtfertig mit Begriffen wie Treue oder Loyalität um sich warfen, so war seine Hingabe echt – kompromisslos. Er würde für den Kaiser töten, für ihn jeden noch so übermächtigen Feind herausfordern. Und wenn es sein müsste, würde er für ihn sterben, ohne mit der Wimper zu zucken. Mit einer fließenden Bewegung griff er nach dem roten Mantel, der über der hölzernen Rückenlehne eines Stuhls hing. Der Stoff war schwer, von bester Qualität, mit goldenen Nähten gesäumt, die das Familienwappen trugen. Als er ihn sich umlegte, wirkte er plötzlich größer, präsenter – wie eine Statue aus Fleisch und Blut. Er trat zur Tür, straffte die Schultern, der Blick ernst. Er wusste, was seine Rolle war. Ein General durfte keine Müdigkeit zeigen, keine Unsicherheit. Nur Stärke. Nur Entschlossenheit. Als er das ehemalige Rathaus verließ, blendete ihn das Sonnenlicht. Es war hell und warm, als wolle es den Tag in ein goldenes Versprechen tauchen. Sein Blick glitt über den Vorplatz, der von Palmen gesäumt war. Einige Soldaten standen Spalier, salutierten, während er die Stufen hinabstieg. Ihre Mienen waren angespannt, ehrfürchtig. Sie wussten, wer er war. [???] ,,Wollt Ihr das Schiff nach Welldyl nehmen, General van Trey?’’ Es war der Kapitän des kaiserlichen Handelsschiffes, das im Hafen auf ihn wartete. Er stand ein wenig abseits, verbeugte sich tief, doch sein Blick war wachsam. Thibedeau van Trey erwiderte seinen Blick mit kühler Entschlossenheit. „Nein, ich muss noch heute ankommen.“ Seine Stimme war ruhig, doch sie ließ keinen Widerspruch zu. Der Kapitän nickte nur, verbeugte sich erneut, und wich zurück. Keine weiteren Fragen, keine Angebote. Er hatte verstanden. Thibedeau schritt weiter über den Platz. Als er das Ende des Platzes erreichte, blieb er stehen. Dann breitete er langsam die Arme aus, als würde er den Himmel selbst begrüßen wollen. Tief aus seinem Innersten spürte er das vertraute Brennen, das sich aus seiner Brust bis in seine Fingerspitzen ausbreitete – die Hitze seiner Magie. Sie war sein Element. Sein Verbündeter. Seine Waffe. Mit einem Knall löste sich sein Körper vom Boden, von Flammen getragen. Die Umstehenden wichen ehrfürchtig zurück. In einer kreisenden Bewegung schoss er in den Himmel, wie ein flammender Pfeil, der in den Norden raste – in Richtung Kaiserstadt. In Richtung Pflicht. - ------------------------------------------------------------------------- [???] ,,Wer bist denn du?’’ Die Stimme war hauchzart, fast wie ein Windspiel, das von einer kaum spürbaren Brise berührt wurde. Doch sie trug sich über die kahlen Äste hinweg, durch das Flüstern der Baumwipfel, die unter dem Einfluss des eisigen Winterwinds sanft hin und her schwankten. Die Worte schnitten klar durch das frostige Schweigen des Waldes, als wären sie nicht von dieser Welt – leicht, verspielt und doch durchdringend. Leyla drehte den Kopf. Sie war allein. Der Kronprinz war längst fort, mit seinen Männern und den Gefangenen zurück in Richtung Kaiserstadt geritten. Er hatte sie gewähren lassen – als Kaiserliche Kopfgeldjägerin stand es ihr frei, sich nach Abschluss eines Auftrags für eine Weile zurückzuziehen. Doch sie war nicht ohne Ziel hier geblieben. In ihrer Stirn pochte es, ein vertrauter, fordernder Druck, der ihr immer dann erschien, wenn sie sich einem der Runensteine des Raben näherte. Ihr Blick fiel auf ein Astloch in einem knorrigen Baum, kaum eine Armlänge entfernt. Dort, von einem Schleier aus Kälte und Schneekristallen umgeben, kauerte eine winzige Gestalt. Zart wie eine Blüte, durchscheinend wie Morgentau. Eine Fee. Sie zitterte erbärmlich, hielt ihre dünnen Arme um sich geschlungen, doch in ihren funkelnden Augen lag ein ungewöhnlich fester Ausdruck. Trotz der Kälte, trotz ihrer Zerbrechlichkeit – sie war nicht schwach. „Ich bin Leyla“, antwortete sie ruhig. Ihre Stimme war leise, aber klar, durchdrang den frostigen Dunst zwischen ihnen. „Und du?“ Die Worte, die Selfmun Aragi ihr vor Wochen mit auf den Weg gegeben hatte, drängten sich wieder in ihr Bewusstsein zurück: ,, Wenn du die Gelegenheit hast, dann folge den Feen.’’ Damals hatte sie den Rat mit Misstrauen aufgenommen. Sie traute ihm nicht. Er war ein Lügner, nur auf seine eigene Macht besessen, ein Feind. Und doch … wie schon beim Auftrag in Tripolis hatte sich auch dieser Hinweis als real erwiesen. Warum wollte er, dass sie mächtiger wurde? Warum half er ihr? Vielleicht wollte er sie manipulieren, vielleicht aber war es auch Teil eines größeren Spiels. Fragen, auf die sie noch keine Antwort hatte. „Ich bin Vinessa! Freut mich, Leyla!“ Die Fee zwinkerte, ihre Stimme war hell und freundlich. Doch ihr Körper zitterte so stark, dass es fast schmerzhaft anzusehen war. Die dünnen Flügel flatterten kraftlos, der Atem der Fee wurde in kleinen weißen Wölkchen sichtbar. „Frierst du nicht?“ fragte Leyla mit leichtem Stirnrunzeln. Sie selbst spürte die Kälte nicht – seit sie das Feuer des Runensteins der Erde angefangen hatte zu erlernen, konnte sie über ihre eigene Körpertemperatur gebieten. Die Wärme der Erde, verbunden mit der beruhigenden Kühlung des Wassers – zwei Kräfte, die sie nicht nur im Kampf, sondern auch im Alltag schützten. „D-Doch … ein bisschen schon“, gab Vinessa kleinlaut zu und versuchte, ihre zitternden Flügel zu verbergen. Leyla lächelte, warm und einladend, und streckte beide Hände aus, die Innenflächen geöffnet. „Möchtest du dich ein wenig in meinen Händen wärmen?“ Die Fee zögerte kurz, musterte Leyla mit einem prüfenden Blick, als wolle sie ihre Absichten lesen. Doch dann nickte sie, machte einen kleinen Satz und ließ sich in Leylas Handflächen nieder. In dem Moment, in dem sie Hautkontakt spürte, weiteten sich ihre Augen. Ihre kleinen Finger krallten sich in Leylas Daumen. „Du bist sooo warm!“ rief sie erstaunt, beinahe jauchzend, und drückte sich ein wenig tiefer in die wärmende Haut. Leyla schmunzelte. Für einen Moment war da eine Ruhe, wie sie sie selten kannte. Ein Stück Frieden, eingefangen in einem einzigen Atemzug. „Mir wurde gesagt, dass ich den Feen folgen soll“, murmelte sie schließlich, mehr zu sich selbst als zu der kleinen Gestalt in ihren Händen. In diesem Moment veränderte sich Vinessas Mimik. Das Funkeln in ihren Augen wurde ernster, der Blick konzentrierter. Sie richtete sich langsam auf, legte ihre kleinen Hände in die Hüften und nickte entschlossen. „Dann komm bitte mit zur Dorfältesten. Ich zeige dir den Weg.“ Ihre Stimme war nicht mehr verspielt – sie klang nun wie die einer Botenführerin, die wusste, dass etwas Größeres bevorstand. Leyla nickte nur stumm und schloss langsam die Finger um die kleine Gestalt, ohne sie zu erdrücken. Dann wandte sie sich vom Baum ab und trat tiefer in den Wald hinein – dem schwachen Licht folgend, das zwischen den knorrigen Ästen hindurchbrach. Und dem Pochen in ihrer Stirn, das nun stärker wurde. Bald würde sie dem nächsten Runenstein gegenüberstehen. Und wer wusste schon, was sie dort erwarten würde. - ------------------------------------------------------------------------- „Älteste! Ich habe die Jüngerin dabei!“ rief Vinessa in heller Aufregung, kaum dass Leyla die grüne Lichtung betreten hatte. Der Klang ihrer Stimme hallte über die Wipfel der Bäume hinweg und ließ das Laub leise rascheln. Es war ein sonderbarer Ort, dieser Waldabschnitt – ein Ort, der sich von der kalten, winterlichen Welt jenseits der knorrigen Äste unterschied wie eine Erinnerung an den Frühling inmitten eines Schneesturms. Wärme lag in der Luft, Insekten summten zwischen Blüten, die nach süßem Tau dufteten, und das Licht, das durch das Blätterdach fiel, war so golden, als wäre es von der Sonne selbst gesegnet worden. Rings um sie herum öffneten sich kleine Türen in den Baumstämmen und zwischen knorrigen Wurzeln, und winzige Feen schwebten neugierig heran. Sie sahen aus wie aus Träumen geschnitzt – leuchtende Augen, flatternde Flügel, Gewänder aus Blattfasern und Tauperlen. Einige hielten inne, als sie Leyla bemerkten. Die Präsenz einer Menschin war offenbar selten, vielleicht gar einzigartig an diesem Ort. Leyla spürte ihre Blicke, doch es war keine Angst darin, eher eine ehrfürchtige Vorsicht. Vielleicht war es das Flüstern der uralten Magie, das durch ihre Adern floss, oder die Feen spürten, was in ihr schlummerte. „Leyla, dort vorne – sie ist in dem Haus! Komm mit!“ rief Vinessa und deutete auf ein zwischen Ranken verborgenes Häuschen, das in einem ausgehöhlten Ast errichtet worden war. Leyla trat näher, setzte ihre Schritte bedächtig und vermied es, Blumen oder Wurzeln zu beschädigen. Sie wusste nicht genau, woher dieser Respekt kam – ob aus der eigenen Moral oder aus der tiefen Ahnung, dass dieser Ort mächtiger und vor allem älter war als vieles, was sie bisher gesehen hatte. Hier herrschte ein Gleichgewicht, das man nicht stören durfte. Als sie das Häuschen fast erreicht hatte, ertönte von drinnen eine Stimme – zart und ruhig, aber mit einer Altersmilde, die an knisterndes Kaminholz erinnerte. „Ist es wahr, Vinessa? Ist sie endlich da?“ Kurz darauf schob sich ein runzliges Gesicht mit gütigem Lächeln aus der Öffnung. Die Fee hatte silberne Haare, die wie Spinnweben in der Sonne glänzten, und ihre Augen funkelten wie klarer Morgentau. „Ich bin Calira“, sagte sie mit freundlicher Stimme. „Ich bin die Dorfälteste und Hüterin dieses Ortes. Darf ich dich hineinbitten, Leyla?“ Leyla öffnete den Mund, wollte etwas sagen, doch zögerte. Wie sollte sie in dieses winzige Häuschen passen? Ihre Hand war mehr als viermal so groß wie die Tür, durch die Calira gerade gesprochen hatte. Doch Calira hatte die Situation bereits erfasst. Ein verschmitztes Grinsen erschien auf ihrem Gesicht, während sie sich aus der Tür lehnte. „Streck mir deinen Finger entgegen, Kind.“ Leyla tat, wie ihr geheißen. Im Moment der Berührung durch Caliras winzige Hand strömte warme, goldene Magie durch Leylas Körper. Ihr Blick verschwamm, als würde die Welt um sie herum tanzen, und plötzlich wurde sie kleiner. Der Boden kam näher, die Pflanzen wurden höher, und sie spürte einen leichten Windstoß, der sie sanft durch die Tür trug – nicht wie einen Menschen, sondern wie ein Blatt im Wind. Drinnen roch es nach Honig, Harz und einem Hauch von Moos. Der Innenraum war gemütlich und überraschend fein eingerichtet. Eine Nussschale diente als Sessel, darin ein Kissen aus Baumwolle. Ein Tisch, gemeißelt aus einem flachen, grünen Stein, stand in der Mitte des Raumes. Auf ihm ruhten mehrere Gegenstände – getrocknete Blüten, eine kleine Schale mit klarem Wasser, und genau dort, auf einem Kissen aus weißen Fasern, lag ein Objekt, das Leyla den Atem raubte. Ihr Herz begann schneller zu schlagen, ihre Schläfen pochten im vertrauten Rhythmus der Magie. - ------------------------------------------------------------------------- Der Stein, der auf dem geschliffenen Tisch aus Moosstein lag, war klein und unscheinbar – kaum größer als ein Apfelkern. Seine Oberfläche war von einem schimmernden Grau, das in Wellen changierte, wenn man ihn aus dem Augenwinkel betrachtete. Darauf zogen sich leuchtende Linien in sattem Grün wie filigrane Wurzeln über den Stein, die sich in einem uralten, organischen Muster wanden: Runen. Und nicht irgendwelche – Leyla erkannte instinktiv, dass es sich um einen Runenstein handelte. Einen jener Steine, die voller Macht pulsierten und die Welt verändern konnten. Langsam, fast ehrfürchtig, trat sie einen Schritt näher. Ihre Augen blieben auf dem Objekt ruhen, das so still und unbewegt dalag und doch etwas in ihr weckte – eine Spannung, ein Drängen, ein Ruf. Was für eine Kraft mochte in diesem Stein wohnen? Würde es etwas Neues in ihr wecken? „Hab etwas Geduld, Kind“, ertönte da die Stimme von Calira hinter ihr, leise und voller Milde. „Setz dich, lass uns reden.“ Leyla wandte nicht sofort den Blick vom Stein, aber sie nickte und ließ sich langsam in den Nussschalensessel gleiten, den man ihr angeboten hatte. Die Polsterung war weich, aus feinen Baumwollfasern gefertigt, und der Sessel wiegte sie sanft. Kaum hatte sie Platz genommen, überkam sie eine träge Wärme. Die Müdigkeit, die sie seit Tagen mit sich trug, stieg in ihr auf wie Nebel aus dem Boden. Sie hatte seit zwei Tagen nicht mehr geschlafen – erst der endlose Marsch durch das Südmoor, dann der Kampf gegen Leandro di Lorenzo und Vincenz. Ihr ganzer Körper pochte vor Erschöpfung, doch noch hielt sie sich wach. Noch musste sie zuhören. Calira nahm auf einer kleinen Bank aus verwittertem Holz gegenüber Platz. Ihre Bewegungen waren ruhig, wie die eines Wesens, das an der Schwelle zweier Welten lebt – der realen und der mythischen. „Dass ich zu meinen Lebzeiten die Jüngerin treffen würde …“ sagte sie, und Leyla sah, wie sich eine einzelne Träne im Augenwinkel der alten Fee bildete. Sie lief nicht hinab, blieb einfach dort stehen – als Zeichen einer Hoffnung, die plötzlich greifbar geworden war. Leyla runzelte die Stirn. Sie hatte diese Bezeichnung schon mehrmals gehört, doch ihre Bedeutung war ihr nie klar geworden. „Was genau bedeutet Jüngerin? Warum nennen mich manche so?“ Die Frage lag schon lange auf ihrer Zunge, seit jenem Tag, an dem sie Bläsk gegenübergestanden hatte – dem Erzdämon des Donners, der mit einem einzigen Blitz ihren Körper zerstört hatte. Damals war Roxy gestorben, an ihrer Stelle. Seitdem hallte dieses Wort in ihrem Geist wider wie ein Echo, das sich weigerte, zu verstummen. Caliras Blick wurde weich, beinahe ehrfürchtig. „Es bedeutet, dass du die Auserwählte bist, die die Kraft der Runensteine in sich aufnehmen wird. Du bist dazu bestimmt, dieser Welt Frieden zu bringen.“ Ihre Worte klangen nicht wie eine blinde Prophezeiung, sondern wie die Bestätigung eines jahrhundertelang erwarteten Wunders. Ein Glaube, geboren aus alter Weisheit und weitergegeben über viele Generationen. Leyla schwieg. Frieden. Das war ein großes Wort. Ein schweres. Ein Wort, das in ihr mehr Zweifel weckte als Hoffnung. Denn sie wusste nicht, ob sie dieser Rolle gerecht werden konnte – oder wollte. Ihr ganzes Leben war von der Unsicherheit und dem Wunsch nach Freiheit geprägt. Selbst der Weg, den sie jetzt beschritt, war mehr Suche als Ziel. Leandro hatte davon gesprochen, dass man Freiheit nur durch Frieden erreichen konnte, doch stimmte das? War wirklicher Frieden nicht einfach nur eine unlösbare Aufgabe? „Du scheinst verwirrt, Kind. Also lass mich dir erklären“, fuhr Calira mit sanfter Stimme fort. „Mein Volk gehört dem Federglauben an. Wir Feen verwalten seit langer, langer Zeit den Runenstein der Heilung. Wir haben gewacht, gehütet, gewartet – auf dich.“ Ihre Hände ruhten dabei gefaltet auf dem Schoß. Ihre Worte waren nicht überhöht, sondern schlicht und fest. Leyla horchte auf. Der Federglauben. Der Begriff war ihr fremd, ungewohnt – und doch klang er irgendwie vertraut, als hätte sie ihn in einem längst vergessenen Lied gehört. Vielleicht würde Eroica mehr darüber wissen? Sie wusste mehr zu solchen Dingen. „Wir wünschen uns, dass du den Stein in dir aufnimmst“, sagte Calira ruhig. „Nicht für uns. Nicht für Ruhm. Sondern damit du ihn nutzt, um der Welt Frieden zu bringen.“ Leyla konnte keine Worte finden, also nickte sie. Ob sie den Frieden wirklich erreichen konnte, spielte keine Rolle. Das einzige, was zählte, war der Runenstein vor ihr. Die Worte der Ältesten wurden leiser, feierlicher: „Bleib stets stark, Jüngerin. Wir vertrauen auf dich. Deine Aufgabe ist schwer. Sie bringt Leid, Schmerz und Opfer mit sich. Aber wenn du auf dein Ziel fokussiert bleibst, wirst du es erreichen – auf deine Weise.“ Ein weiteres Nicken. Mehr war nicht nötig. Denn sie fühlte es inzwischen deutlich: Das Pochen an ihrer Stirn war stärker denn je. Es hämmerte im Takt ihres Herzschlags, als wollte der Stein sie rufen. Als hätte er auf diesen Moment gewartet. „Gut“, sagte Calira nun mit sanfter Entschlossenheit. „Wenn du bereit bist – dann nimm bitte den Runenstein.“ Leyla beugte sich langsam nach vorne, als würde sie durch Wasser waten. Sie hob die Hand, streckte die Finger aus – vorsichtig, zögerlich. Ihre Fingerspitzen berührten den kalten, runenbedeckten Stein. Und in dem Moment, in dem ihre Haut das Gestein traf, veränderte sich alles. Die Welt um sie herum löste sich auf. Die Farben des Zimmers verschwanden. Der Geruch von Moos und Blüten war fort. Stattdessen war da Sonne – warme, angenehme Sommersonne. Leyla saß auf einer hölzernen Bank in einem Garten, in dem die Zeit stillzustehen schien. Ein kleiner Teich plätscherte neben ihr, auf dessen Oberfläche das Licht tanzte. Um sie herum sprangen Tiere über das frische Gras, fraßen, schliefen, spielten – als gäbe es keine Sorgen, keinen Krieg, keine Trauer. Und neben Leyla rollte sich eine kleine, schneeweiße Katze zusammen. Ihr Fell glänzte wie Neuschnee im Morgenlicht. Sie atmete ruhig und gleichmäßig. Und Leyla kam ein Wort in den Sinn. Klar und absolut. Frieden.
- Kapitel 177 - Der Preis für Frieden
In einem warmen Sommer, als der Himmel über der Kaiserstadt tagelang wolkenlos war und die Gärten der Reichen in sattem Grün erblühten, wurde ein Sohn in das Haus di Lorenzo geboren. Es war ein Ereignis von öffentlicher Bedeutung. Denn dieser Knabe war nicht nur irgendein Kind: Er war der zukünftige Erbe einer der einflussreichsten Familien des Hochadels, Sohn der Michelle di Lorenzo – der Schwester von Kaiser Tavil IV – und Francesco di Lorenzo, dem berühmten „Schwertdämon“ der Südlande. Sein Name: Leandro. Seine Geburt wurde nicht nur mit Festessen, Musik und Ritualen gefeiert – sie wurde auch in den Chroniken des Hofes niedergeschrieben. Leandro war ein Kind, dem die Welt offenstand. Von Anfang an wurde nichts dem Zufall überlassen. Die besten Hauslehrer der Kaiserstadt unterrichteten ihn in Geschichte, Politik, Rhetorik und Naturwissenschaften. Er lernte die kaiserlichen Gesetze, kannte die Abstammung jedes großen Hauses auswendig und konnte mit zehn Jahren die Position jeder Legion auf einer Karte benennen. Doch was ihn besonders machte, war nicht nur seine Abstammung – sondern sein verborgenes Talent. Schon im Kindesalter zeigten sich in ihm Anzeichen einer starken Begabung für Magie. Besonders Wasser und Erde folgten seinem Willen, manchmal sogar, bevor er diesen überhaupt formuliert hatte. Doch Magie wurde in seinem Elternhaus nicht gefördert. Ganz im Gegenteil. Francesco di Lorenzo, ein Kriegsheld ohne Gleichen, duldete keine Schwäche. Und Magie galt ihm als Werkzeug der Feiglinge. Für ihn zählte nur das Schwert – die ehrliche Klinge, die den Willen eines Mannes gegen das Chaos richtete. So wurde Leandro nicht zum Magier ausgebildet, sondern zum Kämpfer. Mit acht Jahren begann sein tägliches Training mit dem Langschwert. Mit elf hatte er seine ersten Turniere gewonnen. Mit dreizehn duellierte er sich mit Veteranen der Stadtgarde – und siegte. Mit vierzehn trat er in die Akademie für Militärstrategie ein. Dort wurde er zum General erzogen – nicht offiziell, denn der Adel war oft misstrauisch gegenüber zu schnellen Aufstiegen – doch hinter vorgehaltener Hand sprach man bereits von seiner Zukunft. Ein Stratege und Schwertkämpfer in einer Person. Leandro war ein Name, der Gewicht hatte. Doch dann, im Alter von einundzwanzig Jahren, kam es zum Bruch. Sein Vater, der bereits die kaiserliche Zustimmung eingeholt hatte, zwang ihn, eine Adlige aus dem Süden zu heiraten – ein politisches Bündnis, wie es schon Dutzende Male zuvor geschlossen worden war. Doch Leandro weigerte sich. Denn sein Herz gehörte einer anderen: Prinzessin Nara, der ältesten Tochter des Kronprinzen Verion. Eine Verbindung, die aus Sicht des Hofes inakzeptabel war – zu gefährlich, zu unberechenbar. Zwei starke Blutlinien außerhalb der direkten Thronfolge hätten zu einem gefährlichen Machtzentrum werden können. Also flohen sie. Mitten in der Nacht, in einem gestohlenen Wagen, begleitet nur von wenigen Getreuen. Auf ihrer Flucht durchquerten sie Dörfer, verlassene Garnisonen, Hungerlager. Und dort erkannten sie, was sie bislang nicht sehen wollten. Die Risse im Reich. Die Armut. Die Willkür. Die verrotteten Ämter. Der stille, allgegenwärtige Tod. Es war Prinzessin Nara, die den ersten Schritt wagte: Sie schlug vor, nicht nur zu fliehen – sondern zu handeln. Eine Bewegung zu gründen. Etwas Neues zu erschaffen. So wurde der Schwarze Stern geboren. Sie heirateten in einer kleinen Kapelle in Kartaffel, ohne Pomp, ohne Gäste, nur sie beide, ein Priester, ein Schwur. Danach trennten sich ihre Wege, um unabhängige Zellen aufzubauen: Nara im Norden, Leandro im Süden. Leandro zog in den Grünwald, ein wildes, kaum kontrollierbares Gebiet. Dort gründete er sein Lager. Anfangs bestand seine Truppe aus kaum mehr als zehn Deserteuren, ein paar überzeugten Bauern und ehemaligen Soldaten. Doch mit der Zeit wuchs seine Einheit. Sie führte Schläge gegen kaiserliche Versorgungslinien durch, zerschnitt Botenverbindungen, sabotierte Wachposten. Der Name Leandro di Lorenzo verblasste. An seine Stelle trat ein neuer Titel: der „Südstern“ des Widerstands. Und dann kam die Nachricht: Zwei kaiserliche Kopfgeldjägerinnen näherten sich seinem Lager. Leandro zögerte nicht. Er hatte einen Plan. Für Nea hatte er einen Trumpf: Vincenz, seinen stärksten Kämpfer. Vincenz war unerbittlich und kannte keine Gnade. Und er beherrschte den „Käfig der sieben Flammen“, einen der tödlichsten Zauber der Feuermagie. Er sollte Nea binden, kontrollieren, umbringen. Und für Leyla? Er hatte Berichte über sie gelesen. Sie war stark, keine Frage. Ihre Wassermagie hatte sie in einer Seeschlacht entfaltet, doch der Grünwald war kein Meer. Ihre Erdmagie dagegen war vorhersehbar. Leandro beherrschte den „Schutz der Elemente“, eine besondere Technik, die es ihm erlaubte, für eine Stunde gegen einen Magietypus nahezu immun zu werden. Und diesen Vorteil würde er nutzen. Er glaubte, alle Variablen kontrollieren zu können. Was er nicht wusste: Leyla war keine Variable. Sie war eine Naturgewalt. Und sein Untergang begann in dem Moment, in dem er das nicht erkannte. - ------------------------------------------------------------------------- ,,Was bedeutet für Euch Frieden und Freiheit?’’ Die Worte trafen Leyla unerwartet. Einen Moment lang wusste sie nicht, was sie antworten sollte. Die Frage selbst war einfach formuliert, beinahe harmlos – und doch lag etwas in Leandros Stimme, das sie stutzig machte. Meinte er das ernst? Oder war dies ein letzter Versuch, sie zu manipulieren? Wollte er etwa Mitleid erregen, sich ihre Gnade erschleichen? Sie runzelte die Stirn, ihr Blick kühl. „Wenn du mit dieser Frage bezwecken willst, dass ich dich verschone, kannst du es vergessen“, erwiderte sie ohne Zögern. Leandro hob langsam seine gefesselten Hände und schüttelte den Kopf. „Nein, das will ich nicht“, sagte er ruhig. „Ich weiß, dass ich dieses Gespräch nicht überleben werde. Das wissen wir beide. Ich verlange keine Gnade. Ich wünsche mir lediglich, ein letztes Mal einen Gedanken auszutauschen. Ein philosophisches Gespräch, bevor mein Weg endet.“ Leyla blieb still. Sie durchbohrte ihn mit ihrem Blick, als wolle sie erkennen, ob er log. Doch sie sah nichts als Müdigkeit in seinem Gesicht – und vielleicht ein winziges Stück Ehrlichkeit. Es war nicht Mitleid, das sie empfand. Eher Neugier. Und so entschied sie sich, zu antworten. Langsam ließ sie sich ihm gegenüber auf einem Hocker nieder. Ihr Blick wanderte kurz zum Fenster der Hütte. Draußen begann der Wald im ersten Licht des Morgens zu glühen. Die Welt schlief noch, und in diesem Moment, in diesem letzten Atemzug zwischen Nacht und Tag, beantwortete sie seine Frage. „Frieden“, sagte sie leise, „bedeutet für mich, dass man leben kann, ohne Angst zu haben. Ohne Sorge um das Morgen, ohne das ständige Zittern vor Hunger, Verlust oder Gewalt. Frieden ist, wenn man weiß, dass diejenigen, die einem etwas bedeuten, in Sicherheit sind.“ Sie legte eine Hand auf den Tisch zwischen ihnen. „Und Freiheit? Freiheit ist, wenn niemand mehr über einen bestimmt. Wenn niemand mehr die eigenen Entscheidungen lenkt oder einem befiehlt, was man zu denken, zu tun oder zu lassen hat. Freiheit bedeutet… selbst zu wählen, wer man ist.“ Leandro nickte langsam, seine Miene wirkte für einen Moment weich. „Für eine Kopfgeldjägerin sind das überraschend sanfte Ansichten.“ Ein schwaches Lächeln stahl sich auf seine Lippen, während er sich mit einem leisen Ächzen zurücklehnte. „Sagt, Edle Miss Leyla – herrscht im Kaiserreich Frieden?“ Die Antwort kam ohne Zögern. „Nein. Kein Frieden. Nirgends.“ Und sie dachte nicht einmal lange darüber nach. Schon vor ihrer Zeit als Kopfgeldjägerin hatte sie es gespürt – die Unruhe, das Leid, das durch das Land schlich wie ein stummer Schatten. Sie hatte es in den Straßen gesehen, in den überfüllten Krankenhäusern, in den zusammenbrechenden Dörfern. Selbst in den Palästen war es spürbar gewesen – in den kalten Blicken und den versteckten Dolchen, die jeder trug. „Und, Edle Miss Leyla, lebt Ihr in Freiheit?“ fragte Leandro, seine Stimme diesmal kaum mehr als ein Flüstern. Leyla senkte den Blick. Die Antwort war nicht schwer, aber sie schmerzte. „Nein. Auch das nicht.“ Seit jenem Tag vor eineinhalb Jahren, an dem sie ohne Erinnerung erwacht war, hatte sie nach Freiheit gesucht – und sie nie gefunden. Erst war es die Abhängigkeit von den anderen gewesen: von Liam, Roxy und Fer. Dann kam die falsche Freiheit unter Kronprinz Eugenius, in einer goldenen Zelle voller Regeln. Nun, als Kaiserliche Kopfgeldjägerin, trug sie den Anschein von Unabhängigkeit wie eine Maske – doch in Wahrheit war sie gebunden. An den Kaiser. An Yang. An Selfmun Aragi. An ihre Erwartungen, ihre Beobachtungen, ihre Kontrolle. Sie atmete tief durch. „Ich versuche es. Jeden Tag. Aber die Wahrheit ist: Ich bin immer noch gefangen. Vielleicht sogar mehr als je zuvor.“ Leandro schwieg einen Moment. Dann hob er langsam den Kopf, seine gefesselten Hände lagen ruhig auf dem Tisch. „Wollt Ihr“, sagte er ruhig, fast wie ein Vertrauter, „dass ich Euch verrate, wie Ihr wirklich frei werden könnt?“ - ------------------------------------------------------------------------- Leylas Herz begann schneller zu schlagen. Natürlich wollte sie das. Dafür war sie bereit, jeden Preis zu zahlen, jedes Hindernis zu überwinden. Dafür sammelte sie die Runensteine, dafür stellte sie sich Mächten entgegen, die das Kaiserreich seit Jahrhunderten prägten. Sie wollte frei sein – freier als Yang, freier als Bläsk, freier als irgendjemand vor ihr es je gewesen war. Ein leises Beben der Hoffnung mischte sich in ihre Stimme, als sie die Frage stellte, die ihr plötzlich das Wichtigste auf der Welt schien: „Wie werde ich Freiheit erlangen?“ Leandro lächelte. Trotz seiner ausweglosen Lage – gefesselt, besiegt, dem Tod geweiht – hatte er es geschafft, dass sie ihm zuhörte. Vielleicht war das mehr, als er sich selbst noch zugestanden hätte. Vielleicht war es genau das, was er geplant hatte. „Wirkliche Freiheit“, begann er, „kann man nur im Frieden finden. Nicht im Kampf, nicht im Sieg, nicht in der Macht. Nur im Frieden. Und wenn Ihr frei sein wollt, müsst Ihr für Frieden sorgen – echten, nachhaltigen Frieden. Doch auf diesem Weg stehen Euch drei Hindernisse im Weg.“ Leyla verschränkte die Arme. Ihr Blick war misstrauisch, doch er flackerte. Ihre Neugier war geweckt. Wenn er jetzt behaupten würde, dass der Schwarze Stern der einzige Weg sei, würde sie nicht zögern, ihn zum Schweigen zu bringen. Endgültig. Leandro hob den Blick und sprach ruhig weiter: „Erstens: die Algavia. Die kaiserliche Familie. Solange sie lebt, solange sie herrscht, wird sich dieses Land nicht verändern. Ihre Wurzeln reichen zu tief. Ihre Herrschaft formt selbst die Träume derer, die ihnen zu entkommen versuchen. Ihr könnt Euch noch so sehr bemühen – früher oder später werdet Ihr an die Grenzen ihrer Ordnung stoßen.“ Er sah zur Seite, auf eine Flasche mit tiefrotem Wein. Der Morgen war inzwischen hereingebrochen, das Licht fiel in langen goldenen Streifen durch die Ritzen der Hütte. „Darf ich einen Schluck?“ fragte er, beinahe beiläufig. Leyla nickte langsam. Ohne aufzustehen, streckte sie die Hand leicht aus. Aus dem Boden formte sich ein schlichter, doch fein gearbeiteter Kelch aus Stein in seiner Hand. Mit einer fließenden Geste lenkte sie den Wein durch die Luft, tropfenlos, präzise, bis das Glas sich füllte. Leandro hob es an und betrachtete es für einen Moment ehrfürchtig. „Beachtliches Feingefühl“, murmelte er. „Und dabei sagen viele, Ihr wärt nur rohe Gewalt, ohne Kontrolle.“ Leylas Augen verengten sich, doch sie schwieg. Es war keine Zeit für Eitelkeiten. Nachdem er einen Schluck genommen hatte, fuhr Leandro fort. „Zweitens: der Adel. Selbst wenn der Kaiser fällt, wird das Reich nicht enden. Der Adel wird zusammenkommen, sich neu formieren, einen anderen auf den Thron setzen. Solange ihre Strukturen leben, lebt das Kaiserreich. Und damit stirbt jede echte Freiheit.“ Er ließ eine kleine Pause entstehen, ließ seine Worte wirken. „Und drittens“, sagte er schließlich, und seine Stimme wurde leiser, schwerer, „müsst Ihr Yang beseitigen.“ Der Name hallte nach, wie eine letzte Wahrheit in einer langen Lüge. Yang – der Schild des Kaiserreichs. Die mächtigste Frau des Landes. Die Anführerin der Kaiserlichen Kopfgeldjäger. Das lebendige Symbol der Kontrolle. Solange sie lebte, würden die Pfeiler der Ordnung nicht einstürzen. Leyla verzog den Mund. Es war nicht neu. Und doch erschütterte es sie, diese Wahrheit von jemand anderem zu hören. Sie wusste es selbst, so wie jeder es wusste, – hatte es nur nie ausgesprochen. „Ihr denkt sicher, dass das unmöglich ist“, sagte Leandro, als hätte er ihre Gedanken gelesen. „Niemand kann Yang besiegen. Nicht in einem offenen Kampf. Nicht einmal Ihr.“ Er täuschte sich. Er wusste nichts von den Runensteinen. Von dem Plan, den sie langsam aber entschlossen verfolgte. Von der Macht, die sie sich aneignete, Stück für Stück. Und doch… auch sie wusste, dass es Jahre dauern würde. Dass es gefährlich war, dass der Preis unermesslich sein könnte. „Es gibt jemanden“, fuhr Leandro fort. „Einen Krieger in unseren Reihen. Sein Name ist Atorm. Ein Berserker, ein Taktiker. Er ist nicht so mächtig wie Yang – aber er wird sie schwächen. Wenn er fällt, dann nicht umsonst. Und wenn sie geschwächt ist, dann wird es möglich. Dann könnte eine Gruppe mit Leuten wie Euch, wie Nea… vielleicht… sie töten.“ Leyla hob eine Braue. Atorm. Der Name sagte ihr nichts. War es der Mann, der Bunj getötet hatte? Sie verspürte nur Hass für diesen Mann. Doch wenn er so stark war, wie Leandro behauptete… könnte das ein Weg sein? Doch noch bevor sie sich diesem Gedanken weiter hingeben konnte, stellte sie die Frage, die ihr auf der Zunge brannte. „Was erhoffst du dir davon, mir das zu erzählen?“ - ------------------------------------------------------------------------- Leandro blickte sie eine Weile lang schweigend an. In seinen Augen lag weder Trotz noch Verzweiflung – nur Ruhe. Dann sagte er mit leiser Stimme: „Mir ist es nicht wichtig, wie eine freie Gesellschaft, ein freies Kaiserreich, erreicht wird. Nur, dass es erreicht wird. Wenn dieses Gespräch, dieser Moment, etwas in Bewegung setzt… wenn er nur einen kleinen Teil dazu beiträgt, dann würde mich das selbst im Tod mit Frieden erfüllen.“ Leyla musterte ihn aufmerksam. Seine Stimme war ruhig, fast abgeklärt. Die Worte wirkten ehrlich – nicht als Manipulation, sondern wie ein letzter Wunsch eines Mannes, der seine eigene Bedeutung erkannt hatte, ohne sich zu überschätzen. Und vielleicht gerade deshalb etwas Wahres sagte. Sie ließ sich in die Stuhllehne zurücksinken. Ihre Gedanken kreisten, flackerten. Wenn dieser Atorm wirklich so stark war – stark genug, um Yang zu schwächen – dann könnte das der Beginn eines Plans sein. Vielleicht nicht heute, nicht morgen, aber irgendwann. Die Runensteine sammelten sich nicht von allein, die Welt drehte sich langsam, und ihre Freiheit – die echte, unausweichliche Freiheit – schien greifbar, wenn auch fern. Doch konnte sie darauf vertrauen? Selbst wenn Yang fiel, war das Kaiserreich damit nicht gestürzt. Da war immer noch Selfmun Aragi, der Adlige mit dem Grauen im Rücken. Und Bournadette Lacroix – sie war verschwunden, aber nicht tot. Menschen wie sie kehren zurück, wenn man sie am wenigsten erwartet. Und dann gab es da noch die Kopfgeldjäger. Die, die wirklich loyal waren. Die, die sich nicht wie Leyla in einer Grauzone bewegten, sondern kompromisslos an das glaubten, was ihnen von oben eingetrichtert wurde. Nein, Yang war nur der erste Stein, der fallen musste. Danach würde es ein Kampf gegen den Adel, gegen die Systeme und die Krone selbst. Und selbst wenn sie all diese Schritte gehen wollte – sie brauchte die Runensteine des Raben. Ohne sie war alles nur Hoffnung. Ein Märchen. Leandro unterbrach ihre Gedanken mit einer leisen, fast zärtlichen Bitte: „Es steht Euch natürlich frei, einen anderen Weg zu gehen. Ich verstehe das. Aber… ich hätte eine letzte Bitte: Helft meiner Frau. Helft Prinzessin Nara, diese freie Welt eines Tages zu sehen.“ Leyla hob eine Augenbraue. Eine Bitte aus Liebe also? War das der eigentliche Grund dieses Gesprächs? Kein strategisches Manöver, kein manipulativer Plan, sondern ein verzweifelter Wunsch, diejenige zu schützen, die er liebte? Wenn das so war, konnte sie ihn mehr verstehen, als sie es sich selbst eingestehen wollte. Liebe. Sie machte Menschen zu Monstern. Und manchmal zu Helden. Und zu allem dazwischen. Ihr Blick fiel auf ihn – den ehemaligen Adligen, den Verräter, den Philosophen, den Verlorenen. Und sie spürte, wie sehr sie dieses Gespräch berührt hatte. Wie selten es war, jemanden zu begegnen, der ehrlich sprach – nicht aus Schwäche, sondern weil ihm nichts mehr zu verlieren blieb. Sie lehnte sich nachdenklich zurück, ließ das Licht der aufgehenden Sonne über ihre Haut streifen und blickte wieder zu ihm. Dann stellte sie ihm die eine Frage, die all ihre Widersprüche zusammenfasste: ,,Muss das hier wirklich mit deinem Tod enden?’’ - ------------------------------------------------------------------------- Leandro schenkte ihr ein letztes Lächeln. Kein triumphierendes, keines aus Trotz – sondern ein leises, ehrliches, beinahe zärtliches. „Ja,“ sagte er ruhig, „das muss es. Für Euch wäre mein Überleben ein Zeichen von Schwäche. Es würde eure Stellung gefährden. Die Welt, in der Ihr lebt, duldet keine Unklarheit. Und mich... mich würde in der Kaiserstadt nichts erwarten als Schmerz. Die Folter wäre nur der Anfang. Sie würden meine Erinnerungen zerschneiden, meine Gedanken sezieren, meine Gefühle aus mir herausbrechen. Und all das nur, um ihre Ordnung, ihre Lügen, ihr Kaiserreich zu schützen. Eine Welt, die ich verabscheue.“ Er hielt kurz inne. „Nein, Edle Miss Leyla. Für mich ist der Tod das Einzige, was noch bleibt.“ Leyla seufzte leise. In ihrem Herzen regte sich keine Trauer um den Mann vor ihr. Aber sie verspürte Dankbarkeit. Dankbarkeit für ein Gespräch, das ihr Klarheit gebracht hatte. Für Worte, die nicht mit versteckten Klingen, sondern mit Überzeugung geführt wurden. Vielleicht war das alles gewesen, was sie ihm noch geben konnte – ein würdiges Ende. Langsam stand sie auf, trat einen Schritt näher an ihn heran. Ihre Stimme war ruhig, fast sanft: „Wie soll ich es machen? Eis? Wasser? Feuer oder Stein?“ Ein schwacher Glanz trat in Leandros Augen. „Bitte… enthauptet mich draußen. Mit eurem besonderen Schwert. Es soll nicht irgendetwas sein. Es soll bedeutsam sein.“ Leyla nickte schweigend. Sie half ihm auf die Beine, der einstige Rebell war leicht, beinahe schon ein Schatten seiner selbst. Gemeinsam gingen sie zur Tür. Als sie sie öffnete, strömte kalte, klare Winterluft in die kleine Hütte. Der Morgen war angebrochen, das Licht der aufgehenden Sonne legte sich wie ein goldener Schleier über das Lager, das dem Untergang geweiht war. Draußen knieten die Männer und Frauen des Schwarzen Sterns. Ihre Waffen lagen ordentlich gestapelt in der Mitte des Lagers. Es herrschte gespenstische Stille. Die Angst, der Schock – sie lagen über allem wie ein unsichtbarer Nebel. Theol stand etwas abseits. Seine schwarzen Schuppen glänzten matt im Dämmerlicht. Der Blick, den er Leyla zuwarf, war vorwurfsvoll, ja sogar durchdrungen von Schmerz. Doch sie konnte ihn nicht erwidern. Sie durfte jetzt nicht zweifeln. Leandro ließ sich auf die Knie nieder. Er atmete einmal tief ein, dann sprach er mit fester Stimme: „Männer und Frauen, die ihr mir gefolgt seid – ich habe versagt. Doch im Austausch für mein Leben wird euch Gnade gewährt. Haltet durch. Lebt. Und vergesst eure Hoffnung nicht. Auch wenn ich sie nicht mehr erleben werde – ich glaube daran, dass ihr es könnt. Dass ihr es schaffen werdet.“ Dann schloss er die Augen. Leyla zog das Schwert von Zcepes langsam aus seiner Scheide. Das metallene Geräusch hallte über den Lagerplatz wie ein Glockenschlag. Die Klinge war schwer, aber vertraut. Leyla hatte bereits viele Leben genommen. Jetzt würde sie ein weiteres beenden. Sie trat an ihn heran. Kein Zögern. Keine Worte mehr. Ein einziger, sauberer Schlag – und es war vorbei. Der Kopf von Leandro di Lorenzo rollte sanft zur Seite, sein Körper sank zusammen wie ein leerer Mantel. Niemand im Lager bewegte sich. Kein Laut war zu hören, außer dem weichen Rieseln von Schnee, der in diesem Moment zu fallen begann. -------------------------------------------------------------------------- „Ich werde den Wald noch durchsuchen. Ihr könnt die Gefangenen in die Kaiserstadt bringen, Eure Hoheit.“ Leylas Worte klangen bestimmt, doch in ihrem Tonfall lag unverkennbar eine tiefe Erschöpfung. Die Ereignisse der letzten Stunden, der Kampf, das Gespräch mit Leandro, die Entscheidung, sein Leben zu nehmen – all das lastete auf ihren Schultern. Mittlerweile war der Abend hereingebrochen, ein fahles Licht lag über dem Lager, als Kronprinz Cornelius mit einer kleinen Eskorte eintraf. Die eisige Luft war ruhig, fast zu ruhig nach allem, was geschehen war. Der Kronprinz musterte sie mit einem prüfenden Blick. Sein Gesicht blieb hart, wie aus Stein gemeißelt, doch in seinen Augen lag etwas, das sie überraschte – ein Hauch von Anerkennung. Schweigend nickte er. „Wie Ihr wünscht, Edle Miss Leyla.“ Dann wandte er sich ab, seine Stimme wurde scharf und befehlend. Mit einem lauten Ruf ordnete er den Abtransport der Rebellen an. Die kaiserlichen Soldaten begannen sich zu formieren, fesselten die Gefangenen und machten sich bereit für den Marsch zurück in die Kaiserstadt. Leyla sah ihnen schweigend nach. Ein Streit mit dem Kronprinzen war ausgeblieben – das war mehr, als sie erwartet hatte. Ein tiefer Atemzug löste sich aus ihrer Brust, eine Welle der Erleichterung durchflutete sie. Nea lebte. Sie war zwar verletzt, ihre Flügel geschwärzt, einige Knochen gebrochen, aber sie hatte es überstanden. Ihre unbändige Lebenslust war ungebrochen, sie würde sich erholen – da war sich Leyla sicher. Nea war schon unterwegs zurück zum Hauptquartier. Dort würde sie in Sicherheit sein. Und Leyla würde ihr folgen. Später. Zuerst gab es etwas, das sie nicht ignorieren konnte. Ihr Blick glitt über das Lager, über die erschöpften Soldaten, die geduckten Rebellen, die kargen Hütten – und blieb schließlich an einem kleinen Astloch hängen, nur wenige Schritte entfernt. Darin schlief eine winzige Gestalt. Eine Fee. Ihre Flügel zuckten leicht, ihr Atem war ruhig. Leyla erinnerte sich. ,,Wenn du die Gelegenheit hast, folge den Feen.’’ Selfmun Aragi hatte es gesagt, in seinem rätselhaften, beinahe unheimlichen Ton. Als hätte er etwas geahnt, das sie nicht begriffen hatte. Damals hatte sie seine Worte nicht verstanden, sie kaum beachtet. Jetzt wirkten sie wie ein Fingerzeig, der durch die Dunkelheit wies. Langsam streckte sie ihre Arme, löste die Anspannung aus Schultern und Nacken. Ihr Körper schmerzte. Der Kampf hatte Spuren hinterlassen – innerlich wie äußerlich. Doch ihre Gedanken waren klar. Sie wollte wissen, was es mit den Feen auf sich hatte. Vielleicht führten sie sie zu Antworten. Oder zu einem neuen Kapitel ihrer Reise. Doch bevor sie auch nur einen Schritt auf die schlafende Fee zugehen konnte, hielt sie inne. Etwas veränderte sich. Ein Pochen, ganz leicht, in ihrer Schläfe. Dumpf, rhythmisch, wie ein Herzschlag unter der Haut. Es war kein Schmerz, sondern ein Gefühl, das sie in den letzten Monaten nur selten gespürt hatte – aber sofort erkannte. Das Signal war eindeutig. Ein Runenstein. Er war in der Nähe. Und er rief nach ihr. Ende von Ark V
- Kapitel 176 - Splitter aus Stein
Leyla wirbelte durch die kalte Luft als sie den Blick fest auf Nea und Vincenz gerichtet hielt. Ihre rechte Hand war von schimmerndem Wasser umhüllt, das unter ihrer Kontrolle anschwoll, sich formte, wuchs – zu einer rauschenden Flutwelle, die mit donnernder Wucht dem brennenden Käfig entgegenschoss. Zugleich zog sie mit der linken Hand aus der Luft einen Eissplitter, lang, scharf, tödlich – und schleuderte ihn mit aller Kraft auf den Mann, der ihre Freundin gefangen hielt. Die Reaktion war unmittelbar. Das Wasser peitschte gegen die Flammen, zischte und kochte, doch es war kein einfacher Strom – es war von Mana durchtränkte, konzentrierte Magie, gelenkt mit der Präzision eines gedanklichen Befehls. Die Flammen zuckten auf, kämpften für einen letzten Moment gegen die Flut, dann erloschen sie mit einem grellen Fauchen. Die Wand aus Feuer zerplatzte, die Hitze entwich, und Neas brennende Flügel wurden von der Glut befreit. Neas Körper stürzte taumelnd in Richtung Erde. Für einen Moment wirkte sie fassungslos, die Arme wehrlos zur Seite gerissen, der Blick voller Schock. Doch Leyla wandte sich nicht zu ihr um. In ihrem Inneren brannte das Wissen: Nea war stark. Sie würde den Aufprall überleben – auch wenn er Schmerz bringen würde. Jetzt zählte nur eines: Vincenz. Der Eissplitter hatte sein Ziel nicht verfehlt. Mit der Kraft eines Hammerschlags bohrte er sich in Vincenz’ linkes Knie. Es zersplitterte, ein Knall, ein Schrei, ein Schwall aus Blut, der wie ein feiner Regen in die Tiefe fiel. Vincenz geriet ins Taumeln, verlor seinen Halt in der Luft. Leyla hörte seinen Aufschrei nicht, doch sie sah das Entsetzen in seinem Gesicht. Er hatte nicht auf sie geachtet. Nur auf Nea. Genau wie sie selbst zuvor Leandro unterschätzt hatte. Nun zahlte er den Preis für diese Arroganz. Ein kurzes Lächeln huschte über Leylas blutverschmiertes Gesicht. Der Moment gehörte ihr. Sie griff mit der Linken in ihre Tasche und ertastete die kleine Holzkugel, unscheinbar, fast schon unsichtbar im Schatten ihres Mantels. Sie erinnerte sich nur zu gut an den Kampf gegen Bläsk – wie hilflos sie sich dort gefühlt hatte, als ihre Erdmagie sie im Himmel verlassen hatte. Aber diesmal hatte sie vorgesorgt. Sobald ihre Finger sich um das Holz legten, reagierte es auf ihr Mana. Die Kugel zuckte, erwachte, öffnete sich wie eine Frucht, aus der Leben brach. Äste sprossen hervor, erst zögerlich, dann rasend schnell, ein Dornennetz aus hartem, verdrehtem Holz, das sich blitzartig auf Vincenz zuschob. Er erkannte die Gefahr – zu spät. Die Äste umschlangen seine Arme, klammerten sich an seinen Brustkorb, schlangen sich um die Reste seines verletzten Beins. Er versuchte, sich zu wehren, doch das Holz ließ nicht mehr los. Es fraß sich wie eine Ranke an ihn, zog ihn nach unten – zu Leyla. Ihr gemeinsamer Sturz war nun unausweichlich. Leylas Sprung hatten kein Momentum mehr, die Schwerkraft forderte ihren Preis. Doch auch Vincenz konnte sich nicht mehr halten, seine Magie reichte nicht aus, um gegen das Gewicht des verfluchten Holzes anzukommen. Sie fielen. Gemeinsam. Ihre Körper umkreisten sich, wie zwei verfeindete Sterne in einer ewigen Umlaufbahn. Und Leyla ließ nicht los. Sie würde ihn nicht entkommen lassen. - ------------------------------------------------------------------------- —KAWUMM— Leylas Körper prallte mit voller Wucht auf den gefrorenen Boden, doch im letzten Moment gab die Erde nach. Die Oberfläche unter ihr wurde weich, fing sie wie ein wacher Organismus auf, so wie sie es einst in Tripolis getan hatte. Eine sanfte Mulde aus gefrorenem Lehm und verdichtetem Schnee bremste ihren Fall ab und verschluckte den Aufprall in einer schützenden Umarmung. Sie atmete scharf ein, der kalte Wind pfiff über sie hinweg, während ihr Herz in einem wilden Trommeln gegen die Brust schlug. Nur wenige Meter neben ihr schlug Vincenz auf. Kein Schutz, kein Abfedern – nur der volle Zorn der Schwerkraft. Sein Körper krachte auf den harten Boden, als wäre er ein Stoffbündel, das man achtlos aus dem Himmel geworfen hatte. Das Splittern von Knochen hallte dumpf zwischen den Bäumen wider. Eine Lache aus dunklem Blut breitete sich unter seinem reglosen Leib aus. Für den Moment rührte er sich nicht. Leyla atmete schwer, spürte das Brennen in ihren Gliedern, doch sie zwang sich auf die Beine. Ihre Schritte knirschten im Schnee, während sie sich ihm näherte. Vincenz hustete, ein schwaches, rasselndes Geräusch, das von tief innen kam – das Geräusch eines Körpers, der sich dem Ende entgegenkrümmte. „W-wie… hast du…“ murmelte er zwischen zwei Hustenanfällen, bei denen jedes Wort mehr Kraft kostete als das letzte. Blut trat ihm aus dem Mundwinkel. „Wie hast du… den Käfig der… sieben Flammen… zerstört? D-das sollte jemandem wie dir… n-nicht möglich sein… D-dafür… braucht man Magie der höch…sten Stufe…“ Leyla kniete sich langsam neben ihn. Ihre Augen funkelten kühl im Licht der untergehenden Sonne. Ihr Atem ging noch immer schwer, doch ein bitterer Triumph lag in ihrem Blick. „Das ist für Nea“, flüsterte sie kaum hörbar, doch mit jener Klarheit, die wie eine Klinge schnitt. Dann streckte sie ihre Hand aus, und mit einem leichten Tippen berührte sie seine Stirn. Unter ihrem Finger wuchs ein kleiner Steinsplitter, geformt durch feines, zielgerichtetes Mana. Es war kein wilder Zauber, keine Explosion, kein mächtiger Flächenangriff – es war präzise, kalt, final. Der Splitter bohrte sich langsam, beinahe sanft, durch die Haut, durch den Knochen, in den Kopf des Mannes, der ihre Freundin beinahe getötet hätte. Vincenz’ Augen weiteten sich ein letztes Mal, sein Körper krampfte sich kurz, ein heiserer, erstickter Schrei entwich seiner Kehle – dann fiel er zurück, leblos, still. Leyla erhob sich langsam. Der Wind hatte sich gelegt, der Schnee fiel nun lautlos. Ein dünner Schleier aus Dampf stieg von der warmen Wunde auf, während sie sich dem nächsten Feind zuwandte. Leandro stand nur wenige Meter entfernt. Seine Gewänder waren an mehreren Stellen angesengt, der Stoff verkohlt, das Gesicht verschwitzt und voller Unverständnis. Seine Brust hob und senkte sich stoßweise, jeder Atemzug verriet die Erschöpfung. Und dennoch: Er stand. Noch. Ihre Blicke trafen sich. Zwischen ihnen lag ein stummer Abgrund, gefüllt mit Schmerz, Kampfeswillen und nicht ausgesprochenem Hass. Leyla sah kurz zur Seite. Nea lag am Boden. Bewegte sich. Verletzt, aber lebendig. Das war alles, was zählte. Sie griff nach dem Griff ihres Schwertes, das sie vor dem Aufstieg in die Luft wieder zurück an ihre Seite gesteckt hatte. Ein vertrautes Gewicht. Sie zog es nicht. Noch nicht. Stattdessen richtete sie es leicht, dann hob sie ihre Hände – leer, offen, bereit. Die Erde hatte Leandro kaum beeindrucken können. Doch das Feuer hatte ihn verbrannt. Das hatte sie gesehen, als seine Robe zu glimmen begann. Und das bedeutete: Seine Immunität hatte Lücken. Ein Grinsen stahl sich auf Leylas Lippen, unmerklich. Wie viel Erdmagie würde er wirklich aushalten, wenn sie aufhörte, sich zurückzuhalten? Wenn sie die Ebene über der bisherigen betrat? War er tatsächlich immun – oder gab es eine Grenze, jenseits derer auch seine Verteidigung brechen würde? Ihre Finger zuckten leicht. Das Mana in ihrem Körper begann sich wieder zu sammeln. Sie war nicht fertig mit ihm. Nicht annähernd. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla senkte den Oberkörper, ging langsam in die Hocke und legte die Handflächen auf den gefrorenen Boden. Ihre Finger sanken in den Schnee, das Zittern ihres Körpers verlor sich in der zunehmenden Vibration der Erde. Sie ließ ihr Mana tief in den Untergrund fließen, ließ es sich ausbreiten wie Wurzeln eines alten Baumes, ließ es wachsen, sich mehren, sich sammeln. Immer mehr, immer tiefer, immer stärker. Der Runenstein des Meeres in ihrer Brust vibrierte vor Freude. Sie spürte, wie sein Wasser sie umfloss, sie anfeuerte, ihre Wut aufnahm und zu Kraft verwandelte. Der Runenstein der Erde war still, wie immer – und doch gab er ihr die rohe Gewalt, den zähen Widerstand, die unnachgiebige Energie. Es war wie das Raunen eines uralten Gebirges, das sie durchströmte, schweigend, aber allgegenwärtig. Die Erde begann zu beben. Erst zitterte nur der Boden unter ihren Füßen, dann vibrierte der ganze Hang. Gestein krachte. Der Frost zersplitterte. Spalten öffneten sich unter altem Waldboden. Bäume schwankten und ächzten im Wind der Erschütterung, als hätte die Welt selbst ihren Atem angehalten. Magische Energie flutete durch den Wald, wie ein Sturm, der unter der Oberfläche raste, bereit, sich zu entladen. Dann hörte sie es. Das dumpfe Klirren eines Schwertes, das zu Boden fiel. Leyla hob den Blick. Nur wenige Schritte entfernt hatte Leandro di Lorenzo seine Waffe losgelassen. Er stand mit erhobenen Händen da, der Atem ging schwer, aber sein Blick war gefasst. „Ich ergebe mich“, sagte er. Nur diese drei Worte. Nüchtern, ruhig, ohne Unterton. Leyla blinzelte. Ihre Muskeln spannten sich weiter, ihre Magie wollte sich nicht beruhigen. Ihr Zorn loderte noch – unverbraucht, unbefriedigt. Dieser Mann hatte sie, und damit eine ihrer Liebsten, fast getötet. Er war der Grund für all das. Der Schmerz, die Angst, das Blut. Und jetzt stand er einfach da, ergab sich – und sie sollte aufhören? Sie zögerte. Ein Krater. Ein einziger Krater, der alles beenden würde. Sie konnte es. Der Manafluss in ihr war bereit. Sie konnte eine Wunde in die Welt reißen, so tief, dass selbst die Kaiserstadt darin verschwinden würde. Dann hörte sie eine Stimme. Leise, warm, zögerlich. Und doch kraftvoller als jeder Zauber. „L-Leyley. Wolltest du nicht… die Rebellen gefangen nehmen?“ Nea. Leyla erstarrte. Ihre Schultern sanken ein wenig. Die Worte ihrer Freundin trafen sie mit der Klarheit eines Spiegels. Ja. Das war ihr Plan gewesen. Gefangen nehmen. Nicht töten. Nicht auslöschen. Sie hatte sich mitreißen lassen – von der Kraft, von der Wut, von den Runensteinen. Und beinahe hätte sie eine Katastrophe ausgelöst, die selbst die Verwüstung von Welldyl in den Schatten gestellt hätte. Langsam, wie ein Netz durch Wasser, zog sie ihr Mana zurück. Die Erde beruhigte sich. Die Risse schlossen sich, die zitternden Bäume kamen wieder zur Ruhe. Stille kehrte ein. Leyla richtete sich auf. Mit festem Schritt ging sie auf Leandro zu, dessen Hände noch immer gehoben waren. Sein Blick war wachsam, aber leer. Vielleicht wusste er, dass er mit dem Leben davongekommen war. Vielleicht war er bereit, zu sterben. Es spielte keine Rolle. „Streck deine Arme aus“, befahl sie scharf. Er gehorchte ohne Zögern. Leyla ließ eiserne Fesseln aus dem Boden wachsen, elegant und stabil. Sie schlangen sich um seine Handgelenke und verbanden sich fest, unlösbar. Leandro senkte leicht den Kopf. „Ich führe Euch zu unserem Lager, Edle Miss Leyla.“ Sie erwiderte das Nicken knapp. Es war keine Ehre, die sie annahm, sondern eine Pflicht, der sie folgen würde. Aber zuerst… Sie drehte sich um und ging zu Nea. Die junge Frau hatte sich an einen Felsen gelehnt, der mit Schnee bedeckt war. Ihr Atem war flach, aber ruhig. Mehrere ihrer Knochen waren sichtbar gebrochen – der rechte Arm hing merkwürdig schief, das linke Bein war blutverschmiert. Und doch saß sie da mit einem Lächeln, das so strahlend war wie immer. Ihre violetten Augen blitzten. „Das hast du s-super gemacht, Leyley! Du hast mich gerettet… und die beiden besiegt!“ Leyla kniete sich hin. Ihre Finger zitterten, als sie nach Neas Schulter griff. Ein Lächeln wollte sich nicht auf ihr Gesicht schleichen. Stattdessen flüsterte sie mit gebrochener Stimme: „Es tut mir leid, Nea. Ich…“ Doch weiter kam sie nicht. Nea beugte sich vor und verpasste ihr mit überraschender Kraft eine Kopfnuss. Leyla riss die Augen auf, hielt sich den Kopf. Es hatte geknackt. Nicht schmerzhaft – aber eindringlich. Als sie aufsah, grinste Nea. „Du hast mich gerettet. Punkt. Ich kehre zu Cornelius zurück und sage ihm, dass du die Verhandlungen bis morgen Abend beendet hast.“ Leyla musste lachen. Leise, warm, von Herzen. Trotz allem. Trotz des Blutes, der Angst um Nea, des Schmerzes. Sie beugte sich vor und umarmte Nea sanft, vorsichtig, damit keine neue Verletzung entstand. „Erhol dich gut, Nea.“ Dann stand sie auf, wandte sich wieder Leandro zu. Er wartete. Immer noch aufrecht, immer noch in Ketten. Keine Spur von Trotz. „Führ mich zu eurem Lager“, sagte sie ruhig. - ------------------------------------------------------------------------- Leandro führte sie tiefer in den Wald hinein. Das Licht des Mondes schien gedämpft durch das Geäst, und das Knacken der Äste unter ihren Stiefeln begleitete ihren Weg wie ein ständiger Widerhall. Das Unterholz wurde dichter, der Pfad unwegsamer. Sie gingen stundenlang, ohne Pause, ohne Worte. Leyla spürte, wie ihr Körper protestierte, wie jede Wunde, jeder Schlag, sich nun mit schwerer Müdigkeit bemerkbar machte. Doch sie blieb wachsam. Leandro blieb gefesselt, aber er bewegte sich mit einer Ruhe, die sie misstrauisch machte. Dieser Mann war gefährlich, auch ohne Schwert. Erst als die ersten Strahlen der Morgensonne durch die kahlen Äste drangen, änderte sich etwas. Das Laub wurde lichter, der Boden weicher, von Moos bedeckt. Schließlich öffnete sich der Wald zu einer kleinen Lichtung. Vor ihnen lag ein Lager, improvisiert, aber strukturiert. Etwa drei Dutzend Männer und Frauen standen oder saßen um Feuerstellen und Hütten herum. Ihre Gesichter waren müde, gezeichnet vom Kampf, vom Leben im Verborgenen – und jetzt: vom Schock. Alle Blicke richteten sich auf Leandro. Und auf sie. Eine Fremde. Eine Feindin. Leandro hob die Stimme, deutlich, aber ruhig. „Lasst die Waffen fallen. Wir wurden besiegt. Vincenz ist tot.“ Ein Raunen ging durch die Menge. Einige starrten fassungslos, andere hielten ihre Waffen fester, als würden sie gleich dennoch kämpfen wollen. Leyla konnte den Moment greifen, diesen Atemzug der Unsicherheit, bevor die Worte wirklich durchsickerten. Dann sah sie ihn. Ein kräftiger Vishap mit pechschwarzen Schuppen trat aus dem Schatten einer der Hütten. Sein Anblick ließ Leylas Herz kurz stocken. Theol. Eine Erinnerung aus Malyl. Ein Freund aus der Zeit vor dem Krieg, vor dem Schmerz, vor all dem. Seine Augen weiteten sich. „L-Leyla? Bist du das wirklich?“ Sie nickte, langsam, beinahe zögernd. Ihr Blick blieb hart, aber in ihren Augen lag ein Funke, der sich nicht ganz unterdrücken ließ. Leandro drehte sich zu dem Vishap um. „Sorg dafür, dass unsere Leute sich entwaffnen und sich auf dem Platz versammeln. Ich spreche unter vier Augen mit der Edlen Miss Leyla.“ Theol zögerte, sein Blick verweilte einen Moment länger auf Leyla, dann senkte er leicht den Kopf und verschwand zwischen den Hütten. Leandro ging voraus. Zielstrebig, als sei das hier noch immer sein Reich. Er öffnete die Tür zu einer einfachen Holzhütte, die von außen unscheinbar wirkte, aber im Inneren zumindest ein gewisses Maß an Ordnung und Schutz vor der Kälte bot, mit seinem Fuß. Leyla trat hinter ihm ein und schloss die Tür hinter sich. Er ging zu einem grob gezimmerten Tisch, der in der Mitte des Raumes stand, und setzte sich. Er sah sie nicht sofort an, sondern ließ seine gefesselten Hände auf der Tischplatte ruhen, als würde er sich sammeln. Leyla stand noch einen Moment lang, beobachtete ihn schweigend. Ihre Finger lagen am Griff ihres Schwertes. Nur zur Sicherheit. Schließlich hob er den Blick. Ein Moment verstrich. Leyla war bereit, die Kapitulation zu verlangen. Bedingungslos. Ohne Deals. Ohne falsche Worte. Sie wollte keine Rechtfertigungen hören, keine gestammelten Appelle an Ehre oder alte Ziele. Nicht von einem Mann, der Neas Leben aufs Spiel gesetzt hatte. Doch dann sprach Leandro – ruhig, aber nicht kalt. Und nicht das, was sie erwartet hatte. „Was bedeutet für Euch Frieden und Freiheit?“
- Kapitel 175 - Der Käfig der sieben Flammen
„Du schaffst das, Leyley!“ rief Nea mit fester Stimme, ein Lächeln auf den Lippen. In ihren Augen funkelte Zuversicht, nicht gespielt, sondern aus tiefstem Herzen. Denn für Nea war Leyla mehr als nur eine Freundin oder Mitstreiterin – sie war ein Wunder. Eine Kriegerin, eine Kämpferin, eine Überlebende. Natürlich würde sie gewinnen. Sie musste einfach. Ohne zu zögern breitete Nea ihre großen weißen Flügel aus. Der Wind zerrte an ihren Haaren, als sie sich mit einem kräftigen Sprung vom Boden löste. Mit raschem Flügelschlag stieg sie in den Himmel auf, direkt auf Vincenz zu. Der Mann, der ihr schon so lange als Schatten nachhing. Nea wusste, dass er gefährlich war. Aber sie wusste auch, dass er nicht unbesiegbar war. Er hatte gegen Bunji beinahe gewonnen – ja. Aber das war eine andere Situation gewesen. Der Chimp hatte sich nicht richtig auf ihn einlassen können, hatte den Nahkampf nicht erreicht. Doch Nea? Nea konnte fliegen. Sie war nicht auf den Boden angewiesen. Sie war frei – und sie würde es ihm zeigen. Mit einem einzigen Atemzug ließ sie ihre Magie durch ihren Körper fließen. Eine Welle von Energie zündete in ihrer Brust, pulsierte durch ihre Arme, sammelte sich in ihren Händen. Sie formte in Windeseile vier Angriffe: Ein brennender Ball aus Feuer, heiß genug, um selbst Eisen zu schmelzen. Ein splitternder Eisbolzen, messerscharf und klirrend kalt. Ein zischender Blitz, zuckend und voller tödlicher Spannung. Und ein Lichtsplitter, strahlend und durchdringend, wie eine Miniatursonne. All diese Zauber manifestierte sie in weniger als einem Wimpernschlag – und schleuderte sie wie ein Salvenhagel auf Vincenz. Doch er war schneller. Mit der Eleganz eines Tänzers und der Präzision eines Meisters wich er jedem Angriff aus, schien förmlich durch die Elemente zu gleiten. Keine der vier Attacken traf ihn. Der Feuerball verpuffte in der Luft, der Eisbolzen zersplitterte an einem leer gebliebenen Punkt, der Blitz jagte ins Leere, der Lichtsplitter wurde von seiner Handfläche zerstreut. „Er ist schnell“ , erkannte Nea grimmig. Ihre Zähne knirschten, als sie sich kopfüber auf ihn stürzte. Ein Schwert aus Licht erschien in ihrer Hand, gleißend und scharf wie der Sonnenaufgang. Mit einem markerschütternden Schrei schlug sie zu – vertikal, auf Schulterhöhe. Doch Vincenz ließ sich einfach fallen. Mit einem kontrollierten Sturzflug wich er dem Hieb aus, fing sich auf und schoss dann direkt auf sie zu. Sein Faustschlag traf sie hart in den Bauch. Neas Augen weiteten sich, ihre Lungen wollten Luft, fanden aber keine. Der Schmerz durchfuhr sie wie eine Lanze. Reflexartig griff sie nach seinem Arm, ihre Finger verkrampften sich in seiner Haut. Sie sandte Feuer durch ihren Griff, ließ die Flammen in seinem Fleisch aufflammen. Tatsächlich fraßen sich die Flammen langsam an seinem Arm nach oben – doch Vincenz zeigte keine Regung. Kein Schmerz, kein Zucken. Stattdessen reagierte er sofort. Zwei schnelle Tritte trafen sie mit brutaler Präzision. Beide zielten auf ihre Brust – der erste brach ihre Konzentration, der zweite ihre Rippen. Das Knacken war deutlich zu hören. Nea wurde durch die Luft geschleudert. Ihr Lichtschwert zersplitterte, ihr Atem stockte. Sie taumelte, fing sich erst im letzten Moment mit einem flatternden Schlag ihrer Flügel. Schmerz durchzuckte ihren Körper, aber sie war vorbereitet. Noch im Flug aktivierte sie ihre Heilmagie. Ein leiser, goldener Schein umspielte ihre Brust, als sich das gebrochene Knochengewebe wieder verband, sich schloss, der Schmerz nachließ. Noch nicht verschwunden – aber gedämpft. Mit gestrecktem Rücken richtete sie sich auf, ihre lila Augen leuchteten jetzt heller als zuvor. Vincenz hatte sie verletzt. Aber sie war nicht am Ende. Noch lange nicht. Langsam hob sie ihre Hände. In ihren Fingerspitzen begann es zu kribbeln, die Luft um sie herum spannte sich wie ein aufgezogenes Netz. Kleine Blitze zuckten an ihren Fingern entlang, ihre Haare begannen sich leicht zu heben. Sie spürte es: das Knistern der Energie. Die rohe Gewalt ihrer Kräfte, bereit, entfesselt zu werden. - ------------------------------------------------------------------------- Mit einem donnernden Knall entlud sich Neas Magie. Die Luft um sie herum flackerte auf, als ein greller Blitz aus ihren Händen schoss. Wie ein spektraler Speer durchbrach der Lichtstrom die Wolkendecke, schnitt durch die Höhe und raste mit unaufhaltsamer Gewalt auf Vincenz zu. Doch das war erst der Anfang. Noch während der Blitz seine Bahn zog, begann er sich zu verzweigen. Es splitterten zunächst nur zwei, dann vier, dann Dutzende kleinerer Blitze von ihm ab, die in scheinbar chaotischem Muster durch die Luft zuckten. Sie sahen aus wie das aufbrechende Nervengeflecht eines lebendigen Wesens, ein Sturm aus Licht, ungeordnet und zerstörerisch. Doch dann – als hätte ein unsichtbarer Wille sie geleitet – änderten sie abrupt ihre Richtung. Alle zuckten im selben Moment auf Vincenz zu. Neas Lippen verzogen sich zu einem grimmigen Grinsen. Er war umzingelt. Ihre Magie hatte ihn eingekreist, ihm die Flucht abgeschnitten. Dieses Mal würde er nicht entkommen. Vincenz versuchte noch, mit einer hastigen Bewegung zur Seite auszubrechen, aber es war zu spät. Die erste Salve traf ihn an der Schulter, der nächste Blitz an der Hüfte, einer streifte seine Schläfe. Funken stoben, sein Körper zuckte, Licht umspielte ihn wie ein lebendiger Käfig aus Schmerz. Sie hatte ihn. Endlich hatte sie ihn. Nea sammelte bereits neue Energie in ihren Händen, bereit, nachzusetzen. Die Hitze ballte sich in ihrer Brust, strömte in ihre Finger und nahm die Form einer glühenden Feuerkugel an. Sie hob den Arm, wollte werfen – da fiel ihr Blick nach unten. Und sie erstarrte. Unter ihr, auf dem vereisten Boden, kniete Leyla. Ihr Körper war vom Blut getränkt, das über ihre Brust und Arme lief wie eine dunkle Flut. Aus ihrem Mund quoll ein tiefer, dicker Schwall von Blut, der sich in der kalten Luft wie ein grausiger Nebel verteilte. Über ihr stand Leandro di Lorenzo, das Schwert zum finalen Schlag erhoben, sein Gesicht von kalter Entschlossenheit gezeichnet. Neas Herz zog sich zusammen. Alles in ihr schrie. Instinkt, Angst, Wut – vor allem aber: Loyalität. „Oh nein, das wirst du nicht!“ schrie sie mit bebender Stimme. Ohne zu zögern schleuderte sie die Feuerkugel nach unten, zielgenau auf Leandro. Die Kugel fauchte durch die Luft, während Nea selbst hinterherstürzte, ihre Flügel weit ausgebreitet. Sie spürte, wie die kalte Luft ihr entgegenpeitschte, doch sie ignorierte es. Es zählte nur eines: Leyla retten. Doch kaum hatte sie sich in Bewegung gesetzt, brach ein gewaltiger Schrei aus der Höhe über ihr hervor. ,,EIN FEHLER, NEA!’’ Vincenz’ Stimme war wie ein Keulenschlag, wie das Zerreißen von Stahl. Sein Brüllen zerschnitt das Tosen des Windes, ließ den Himmel selbst für einen Moment erzittern. Bevor sie reagieren konnte, spürte Nea es. Eine Wärme, so intensiv, dass selbst ihre Flammenmagie dagegen wie ein laues Flackern erschien. Es war keine Hitze wie bei gewöhnlichem Feuer – es war brennende Ordnung, strukturierte Vernichtung. Noch ehe sie den Ursprung erfassen konnte, schloss sich der Käfig um sie. Sie sah ihn nur einen Herzschlag zu spät. Ringe aus reinem Feuer, sieben an der Zahl, formten sich kreisförmig um sie, drehten sich gegenläufig und formten einen glühenden Kerker. Die Hitze schnitt ihr den Atem ab, ihre Flügel zuckten, wollten ausbrechen – doch sie prallten an unsichtbaren Wänden zurück. Ihre Magie, so eben noch lebendig und wach, wurde plötzlich leise. Verstummte. Wie ein Sänger, dem die Kehle genommen wurden. „Nein…“ flüsterte Nea entsetzt. Sie kannte diesen Zauber. Der Käfig der sieben Flammen. Ein Bannkreis aus uralter Magie, nun von Vincenz gemeistert. Sie wusste, was das bedeutete – sie war machtlos. Und Leyla war allein. - ------------------------------------------------------------------------- Der „Käfig der sieben Flammen“ war kein gewöhnlicher Zauber. Er war ein Meisterwerk der Feuerkunst, geschaffen in einer Zeit, in der die Region des heutigen Kaiserreichs noch in viele verschiedene Staaten zerbrochen war. In Neas Gedanken hallte der Name seines Schöpfers wider – San Malri, ein legendärer Magier aus dem zweiten Jahrhundert vor dem Großen Krieg. Ein Mann, dessen Werke in verstaubten Folianten beschrieben wurden, deren Seiten selbst von der Hitze seiner Zauber durchwirkt schienen. San Malri hatte den Zauber einst erschaffen, um einen uralten Naturgeist zu bannen, ein Wesen aus Flammen und Wind, das ganze Landstriche verheert hatte. Der Käfig war kein Werkzeug zur Unterdrückung, sondern zur Vernichtung. Jeder einzelne seiner sieben Feuerkreise war mit einer Absicht geformt worden, mit einem Ziel, das ihn von jeder gewöhnlichen Magie abhob. Die erste Eigenschaft war seine Fähigkeit, jegliche Magie im Inneren zu unterdrücken. Kein Zauber konnte dort gewoben, kein Mana geformt werden. Es war ein Ort der Stille für jede magiebegabte Seele – als würde man in einen leeren Raum treten, in dem selbst der eigene Atem kein Echo fand. Die zweite Eigenschaft war die grausamste: Der Käfig zog sich unaufhaltsam zusammen. Langsam, unausweichlich, wurde das Ziel in seinem Inneren der sengenden Glut überlassen. Der Zauber wartete nicht auf Befehle, er verhandelte nicht. Er verbrannte. Und er tat es mit erschreckender Präzision. Doch damit nicht genug – die dritte Eigenschaft machte ihn fast unbesiegbar. Der Käfig war immun gegen jede Form gewöhnlicher Magie. Selbst mächtige Zauber, die Berge sprengen konnten, prallten an ihm ab wie Wasser an Glas. Nur Magie der höchsten Stufe, gewoben von jenen, die an den Grenzen des Möglichen wandelten, konnte ihn brechen – und selbst das nur mit Glück und Kraft in gleichem Maß. Die vierte und letzte Eigenschaft war sein Preis. Der Zauber zehrte mit unersättlichem Hunger an der Lebenskraft seines Anwenders. San Malri selbst war nach seinem ersten Einsatz fast gestorben. Viele andere waren es. Der Käfig war eine Waffe der Verzweiflung – wer ihn wirkte, war bereit, alles zu opfern. Und nun war Nea in ihm gefangen. Das war nicht das erste Mal, dass sie diesen Zauber sah. Die Erinnerung kam schnell, so schnell, dass sie ihr fast den Atem raubte. Es war viele Jahre her gewesen, in einem anderen Teil des Reiches, unter anderen Himmeln. Vincenz hatte damals einen Mann verfolgt – Heleron, den zehnten Kaiserlichen Kopfgeldjäger. Nea war ihm zugeteilt gewesen, offiziell als Begleiterin, inoffiziell als Lehrerin. Heleron hatte gekämpft, hatte seine besten Techniken aufgeboten. Doch als Vincenz den Käfig der sieben Flammen beschwor, war alles vorbei gewesen. Heleron hatte geschrien. Dann war er verstummt. Nea hatte ihm keine Träne nachgeweint. Er war ein Werkzeug gewesen, kein Freund. Doch die Scham über das eigene Versagen hatte sich tief eingebrannt. Sie hätte ihn beschützen sollen. Sie hätte siegen sollen. Damals war sie zu schwach gewesen. Und nun… war sie selbst im Käfig. Die Erkenntnis war wie ein kalter Schlag ins Gesicht. Sie war nicht frei. Ihre Magie war stumm, ihre Flügel nutzlos. Das Feuer, das sie umgab, war nicht ihres. Es war Vincenz’ Feuer – wild, kontrolliert, übermächtig. Die Hitze begann bereits, ihre Haut zu reizen, ihre Kleidung knisterte gefährlich. Es war noch nicht der Moment der Verbrennung, noch war Zeit. Aber nicht viel. Und draußen kämpfte Leyla. Nea spürte ihr Herz rasen, nicht vor Angst, sondern vor Zorn. Zorn über sich selbst. Sie war hier gefangen, während ihre Freundin allein war. Wieder hatte sie versagt – und diesmal war es nicht Heleron, den es das Leben kosten könnte. Diesmal war es Leyla.
- Kapitel 174 - Kälte, Blut und Feuer
Der kalte Wind des Winters strich gnadenlos über das gefrorene Moor von Inhantes. Schnee knirschte unter den Hufen, die Bäume am Horizont bogen sich im Rhythmus der Böen, und der Himmel spannte sich grau und schwer über die trostlose Ebene. Noch ein, vielleicht zwei Tage – dann würden sie den Rand des Grünwalds erreichen, jenes Gebiet, das längst nicht mehr nur von Bäumen beherrscht wurde, sondern auch von Zweifel, Aufstand und Blutgeruch. Leyla saß auf einem kräftigen rotbraunen Pferd. Ihre Finger ruhten ruhig auf den Zügeln, doch an ihrem Gürtel hing das Schwert von Zcepes, jene sagenumwobene Klinge, die einst dem mächtigsten Vampir gehört hatte. Es war eine bewusste Entscheidung gewesen, wieder ein Schwert zu führen. Nicht nur, weil es in ihren Händen wie ein Teil von ihr wirkte – sondern weil sie sich damit erhoffte, die zerstörerische Wirkung der Runensteine einzudämmen. Jene Kräfte, die in ihr wucherten und alles zersetzten, was einst menschlich gewesen war. Neben ihr lag Nea halb auf ihrem eigenen Pferd, die Augen geschlossen, der Atem ruhig, als könne selbst dieser Ort sie nicht aus der Ruhe bringen. Sie döste – nicht wirklich schlafend, aber auch nicht ganz wach – eine Haltung, die bei den meisten absurd gewirkt hätte. Doch Nea war nicht wie die meisten. Die beiden Frauen waren einige Kilometer vor der Hauptstreitmacht des Kronprinzen platziert worden. Cornelius, der Erste General und zweite Sohn des Kaisers, hatte Leyla eine Frist eingeräumt: Einen Tag. Einen einzigen. Entweder sie würde den Aufstand im Grünwald mit Diplomatie beenden – oder Cornelius würde keine Gnade zeigen. Er hatte deutlich gemacht, was dann folgen würde: ein Blutbad, ein Akt der Vernichtung, der den Wald in Flammen setzen und Theol sowie Eleanor mit sich reißen würde. Leyla wollte das verhindern. Sie wollte keinen weiteren Krieg. Keine unnötigen Toten. Sie wollte Eleanor und Theol – einst fast Freunde – lebend sehen, selbst wenn das bedeutete, sie gefangen nehmen zu müssen. Doch konnte sie das wirklich? Würden sie kampflos aufgeben? Oder kämpften sie bis zum letzten Atemzug? Sie presste die Lippen zusammen. Es brachte nichts, jetzt darüber zu grübeln. Die Gedanken führten ins Leere, und jede Entscheidung würde sich erst dann offenbaren, wenn das Schicksal sie erreichte. Ein Geräusch durchbrach die Kälte – ein leises Surren, kaum mehr als ein Flüstern im Wind. Reflexartig spannte sich Leylas Körper an. War das ein Pfeil? Doch bevor sie handeln konnte, fuhr Nea plötzlich hoch, als wäre sie vom Blitz getroffen. Sie riss die Hand in die Luft – und fing einen Pfeil, dessen Spitze nur Zentimeter vor Leylas Gesicht gewesen war, mit spielerischer Leichtigkeit. „Puh, das war knapp“, rief Nea mit einem breiten Grinsen, das eher verspielt als beunruhigt wirkte. Doch Leyla wusste, dass ihre Freundin in solchen Momenten keinen Spielraum für Zufall ließ. Wenn Nea sagte, es sei knapp gewesen, war es ernst. Leylas Blick glitt über die karge Landschaft, suchte nach dem Ursprung des Angriffs – und fand ihn. Hoch oben am Himmel, getragen von unsichtbaren Strömungen, schwebte ein Mann. Seine grauen Haare wehten im eisigen Wind, sein Körper war in schwarze Stoffe gehüllt, die wie Schattenflügel flatterten. Seine Arme hatte er vor der Brust verschränkt, das Grinsen auf seinen Lippen war spöttisch und selbstsicher. „Weißt du, wer das ist, Nea?“ fragte Leyla, ohne den Blick von der Gestalt zu lösen. Nea nickte langsam. „Das ist Vincenz. Er hat einmal gegen Bunji gekämpft. Sie waren auf Augenhöhe.“ Leylas Herz machte einen Schlag Pause. Bunji war einer der stärksten Kämpfer, denen sie je begegnet war. Wenn dieser Mann ihm ebenbürtig war, dann stand ihnen ein harter Kampf bevor – ein Kampf, den sie nicht leichtfertig angehen durften. „Wir sollten gemeinsam gegen ihn kämpfen. Am besten aus zwei Winkeln, während…“ Sie kam nicht weiter. Eine donnernde Stimme, wie von einem Gewitter getragen, überrollte sie. ,,KOPFGELDJÄGERIN NEA! ENDLICH KANN ICH DICH TÖTEN!’’ Nea veränderte sich augenblicklich. Die spielerische Lässigkeit wich einer gespannten Ernsthaftigkeit, die Leyla nur selten an ihr gesehen hatte. Noch immer stand sie auf ihrem Pferd, das keine Regung zeigte, als spürte es die Entschlossenheit seiner Reiterin. Sie wandte sich zu Leyla. „Leyley, er wird nicht zu uns kommen. Der bleibt da oben. Und wir haben noch einen anderen Gegner. Ich übernehme ihn.“ Fast im selben Moment raschelten die Büsche in der Nähe. Ein Mann trat zwischen den Bäumen hervor, sein Schritt gemessen, aber fest. Er hatte kurzes blondes Haar und trug ein schlichtes, aber gut gepflegtes Schwert an seiner Seite. Leyla erkannte ihn sofort. Sie hatte ihn auf der Rückreise von den Tabakinseln getroffen, in einem jener wenigen friedlichen Momente, die sie in Erinnerung behalten hatte. Es war ein Mann, dem sie Respekt entgegengebracht hatte. Es war Eleanor. Doch der Ausdruck in seinem Gesicht war nicht mehr freundlich. Er war kalt, entschlossen. Und seine Worte waren ein Urteil: „Kaiserliche Kopfgeldjägerin Leyla. Euer Weg endet hier. Ich, Leandro di Lorenzo, werde Euch eigenhändig ausschalten.“ Die Kälte des Windes war nichts gegen das, was nun zwischen ihnen lag. - ------------------------------------------------------------------------- Er erkannte sie nicht. Natürlich nicht – bei ihrem letzten und einzigen Treffen hatte sie eine andere Identität getragen, hatte sich hinter einer Rolle verborgen. Nun wusste sie, wer ,,Eleanor’’ wirklich war. Der Mann, zu dem sie einst unwillkürlich Sympathie empfunden hatte, war nicht nur ein Reisender oder Soldat – er war Leandro di Lorenzo, ein abtrünniger Adliger, einer der Führer des Schwarzen Sterns. Und jetzt stand er mit gezogenem Schwert vor ihr. Leyla glitt vom Pferd. Ihre Stiefel versanken ein wenig im frostbedeckten Boden, als sie die Klinge aus der Scheide zog. Es war das Schwert von Zcepes, schwer und zugleich ausgewogen, mit einer Präsenz, die in der Luft vibrierte. „Wenn du dich kampflos ergibst, garantiere ich dir dein Leben“, sprach sie, die Worte fest, mit jener autoritären Schärfe, die sie sich im Dienst antrainiert hatte. Doch ein leiser, verborgener Teil von ihr hoffte noch immer, dass er es sich anders überlegen würde. Dass irgendwo unter der Maske des Rebellen ein Mann steckte, der vernünftig war. Doch sie wusste es besser. Niemand, der sich dem Schwarzen Stern verschrieben hatte, würde sich ergeben. Nicht freiwillig. „Du schaffst das, Leyley!“ rief Nea, und Leyla wandte überrascht den Blick. Vor ihren Augen geschah etwas Unerwartetes – aus Neas Rücken brachen zwei große, leuchtend weiße Flügel hervor. Flügel, die sie ihr niemals zuvor gezeigt hatte. Flügel, die ein weiteres Geheimnis offenbarten, von dem Leyla nichts geahnt hatte. Es war ein Bild von erhabener Schönheit, fast wie aus einer alten Legende, doch es war keine Zeit, Fragen zu stellen. Nea stieß sich vom Boden ab, erhob sich in die Luft und flog Vincenz entgegen. Leyla dagegen konzentrierte sich wieder auf Leandro. Die Distanz zwischen ihnen schmolz dahin wie Reif unter Sonne. Mit einem leichten Surren glitt die Klinge von Zcepes durch die Luft. Leandro verzog kaum das Gesicht, als er sagte: „Kopfgeldjägerin – glaubt Ihr wirklich, im Schwertkampf gegen mich bestehen zu können? Warum flieht Ihr nicht lieber ans Meer und nutzt Eure Wassermagie?“ Leyla hielt inne. Er wusste von der Kraft, die der Runenstein des Meeres ihr verliehen hatte, aber nicht von der Kraft des Runensteins der Erde? Oder unterschätzte er ihre Erdmagie? Sie sagte nichts, hielt nur das Schwert fester. Ihre Gedanken überschlugen sich kurz, dann legte sich eine seltsame Ruhe über sie. Es war klar: Er würde nicht nachgeben. Nicht weichen. Und sie war nicht gekommen, um zu verhandeln. Mit einem lauten Ausruf sprang sie vor. Die Klinge schnitt durch die Luft, schnell, präzise – doch Leandro duckte sich, glitt unter ihrer Bewegung hindurch wie Wasser durch ein Netz. Seine eigene Waffe schnellte nach vorne, zielte auf ihren Bauch. Leyla reagierte instinktiv. Noch während die Klinge auf sie zuraste, aktivierte sie die Schutzschicht aus Eisen, die sie in ihre schwarze Kleidung eingearbeitet hatte – eine dünne, aber wirkungsvolle Einlage, die sie mit Erdmagie verstärken konnte. Der Aufprall wurde abgeschwächt, nicht vollständig absorbiert, aber genug, um keine tödliche Wunde zu reißen. Sie trat nach ihm, wollte ihn aus dem Gleichgewicht bringen, doch Leandro sprang behände über ihr ausgestrecktes Bein, holte aus und ließ seine Klinge in einem weiten Bogen niedersausen. Sie konnte den Schlag gerade noch abwehren, funkenstiebend kreuzten sich die Schwerter, dann sprang sie ein paar Schritte zurück, um Abstand zu gewinnen. Sie war besser geworden. All die Übung, die Kämpfe, die Niederlagen, sie hatten sie geformt – nicht mehr das naive Mädchen vom Anfang. Doch Leandro war anders. Sein Stil war wie Tanz und Sturm zugleich, zielgerichtet, geübt, erbarmungslos. Und er war der Sohn von Francesco di Lorenzo – dem Schwertdämon. Das konnte man in jeder Bewegung spüren. „Scheiß drauf“ , dachte Leyla mit einem zynischen Lächeln, während sie ihre Haltung veränderte. „Ich bringe mich selbst in Gefahr, wenn ich mich zurückhalte.“ Sie streckte eine Hand aus, und fast unmerklich begann sich die Erde unter ihren Füßen zu verändern. Ihr Mana, tief in den Boden geleitet, pulsierte wie ein schlafender Riese. Der gefrorene Boden bebte leise, kaum spürbar, aber es war da – das leise Grollen der uralten Macht, die ihr durch den Runenstein der Erde zur Verfügung stand. Die Luft wurde schwerer. Die Tiere im Wald verstummten. Und der Blick zwischen Leyla und Leandro wurde zum einzig noch existierenden Band in einem plötzlich stummen Universum. - ------------------------------------------------------------------------- Es war ein nicht zu unterschätzender Vorteil für Leyla, dass Leandro – und wohl auch der Schwarze Stern als Ganzes – ihre Fähigkeiten nur aus bruchstückhaften Berichten und Gerüchten kannte. Ihr Name war mittlerweile bekannt, das war ihr bewusst, doch ihr wahres Können war nach wie vor ein Mysterium, umhüllt von Geschichten, übertriebenen Darstellungen und absichtlichen Fehlinformationen. Wenn sie sich nicht täuschte, hatte Leandro, dieser selbstbewusste und gefährliche Abtrünnige, sich gleich in drei entscheidenden Punkten geirrt – und jeder einzelne davon konnte ihn das Leben kosten. Der erste Irrtum: Er glaubte offenbar, dass ihre Wassermagie nur in der Nähe des Ozeans funktionierte. Ein verbreiteter Irrglaube, den viele hegten, wenn sie von der Schlacht um Tripolis hörten. Natürlich war das Meer eine Verstärkung, eine Quelle unerschöpflicher Kraft. Doch auch fernab der Küste konnte sie Wasser und Eis formen – aus der Luft, aus ihrem eigenen Mana, notfalls sogar aus ihrem Blut. Diese Welt war nicht so festgefügt, wie viele es glaubten. Der zweite Irrtum war noch gröber: Er schätzte ihre Erdmagie als wenig bedrohlich ein. Vielleicht hielt er sie für eine Verteidigung, nicht für einen Angriff. Für eine Schutzmauer, nicht für eine Klinge. Doch genau das würde sie ihm jetzt demonstrieren – dass selbst der unscheinbarste Stein zum tödlichen Geschoss werden konnte, wenn er von der richtigen Hand gelenkt wurde. Und schließlich war da sein dritter Fehler, der wohl der schwerwiegendste war: Er glaubte, er könne sie mit einem Schwert töten. Dass ihre Reise hier enden würde, unter seiner Klinge. Doch Leyla wusste es besser. Sie konnte nicht sterben. Zumindest nicht wie andere. Der Raum der Kerzen, jenes entsetzliche Geschenk, hatte ihr etwas genommen – und zugleich etwas gegeben. Sie wollte nie wieder dorthin zurück, wollte dieses Werkzeug des Grauens nie wieder einsetzen. Aber wenn es sein musste… dann würde sie. Mit einer schnellen Bewegung ließ sie das Mana durch ihre Beine in den Boden fließen. Der Grund bebte, spannte sich, und mit einem grollenden Knacken riss die Erde unter Leandro auf. Eine tiefe Schlucht tat sich auf, als hätte die Erde selbst ihren Zorn entfesselt. Leandro reagierte blitzschnell, sprang mit einem kräftigen Satz zur Seite und landete geschickt am Rand der neu entstandenen Kluft. Leyla jedoch hatte diesen Schritt vorhergesehen – sie hatte ihre Magie bereits weiter gewoben. Zwei massive Steinspeere hatten sich während seiner Bewegung geformt, jeder mehrere Meter lang, scharf wie Lanzen und kreisend wie ein abgeschossener Pfeil. In dem Moment, als Leandro zur Seite sprang, hatte sie einen der Speere genau auf diese Stelle ausgerichtet. Der rechte Speer schoss mit wuchtiger Präzision nach vorn – und traf ihn. —BUMM— Ein dumpfer Aufprall, dann ein gewaltiges Krachen. Der Einschlag war so heftig, dass eine Wolke aus Staub und zersplittertem Gestein aufgewirbelt wurde, ein dichter Vorhang, der ihr die Sicht auf ihren Gegner nahm. Sie hörte nichts mehr außer dem Heulen des Windes und dem Echo der Explosion. Leyla blickte kurz zum Himmel empor. Dort sah sie Nea, wie sie einen grellen Blitz formte und ihn mit tödlicher Eleganz auf Vincenz schleuderte. Es war ein schönes Bild, beinahe beruhigend – für einen Moment glaubte Leyla, die Oberhand gewonnen zu haben. Doch da traf sie der Schmerz. Ein brennender, stechender Schmerz in ihrem Unterleib riss sie aus jedem Gedanken. Ihre Augen weiteten sich. Sie blickte nach unten – und sah die Klinge, die sich durch ihren Bauch gebohrt hatte. Blut quoll hervor, warm, dunkel, lebendig. Vor ihr stand Leandro di Lorenzo, unversehrt, mit einem triumphierenden Grinsen auf dem Gesicht. Er hatte sie durchbohrt – und sie hatte keine Ahnung, wie. Der Treffer mit dem Steinspeer hätte jeden normalen Mann zerfetzt. Aber er war kein gewöhnlicher Mann. Und anscheinend auch kein gewöhnlicher Kämpfer. Sie wollte ihn wegstoßen, irgendwie reagieren, doch er riss sein Schwert weiter. Die Klinge schrammte an ihrem Herz vorbei, durchtrennte die Lunge, und trat an ihrer Schulter wieder aus. Ein zweiter Schwall Blut floss über ihre Kleidung, auf den gefrorenen Boden, dunkelrot und erschütternd real. Leyla taumelte. Ihr Körper verweigerte ihr den Dienst. Sie versuchte zu atmen, doch Luft kam nicht – nur ein feuchtes Röcheln, begleitet von der bitteren Wärme ihres eigenen Blutes. Ihre Knie gaben nach, und sie sank in den Matsch, der durch ihr Blut aufgetaut war. Das Rauschen in ihren Ohren wurde lauter, übertönte selbst den Lärm des Kampfes im Himmel. Was nun? Ihre Gedanken rasten. Sie hatte ihn unterschätzt. Sie hatte es zugelassen, sich zu sicher zu fühlen. Und sie zahlte den Preis dafür. Wieder einmal. Hatte sie die Lektion im Wald der Spinnen vergessen? Jetzt wo sie so mächtig war? Leandro stand über ihr, die Waffe erhoben, bereit zum finalen Schlag. Mit allerletzter Kraft – aus einer Mischung aus Trotz und Pflichtbewusstsein – stieß sie mit ihrem Schwert nach oben. Die Klinge streifte seinen Knöchel, doch prallte ab. Ein kleiner Schnitt. Kaum Blut. Ein Kratzen, als würde sie gegen Stahl schlagen. „Verdammt…“ murmelte sie, als der Schatten seines Schwertes über sie fiel. Und dann sauste die Klinge herab. - ------------------------------------------------------------------------- —BAMM— Eine gewaltige Explosion schleuderte Leyla rückwärts durch die Luft. Sie krachte hart auf den gefrorenen Boden, wo der Schnee sich mit ihrem Blut vermischte. Für einen Augenblick verlor sie die Orientierung, ihre Sicht verschwamm – nur durch das rotverschmierte Flimmern vor ihren Augen konnte sie noch erkennen, wie eine Gestalt auf sie zuschoss. Es war Nea. Ihre Freundin hatte sie gerettet. Leandro hatte gerade noch zum tödlichen Schlag ausgeholt, als Nea eingeschritten war und ihn mit einem Angriff zurückgedrängt hatte. Zwar war der abtrünnige Adlige zur Seite gesprungen und hatte den Großteil der Wucht abgefangen, doch er setzte sofort wieder zum Ansturm an. „EIN FEHLER, NEA!“ brüllte Vincenz vom Himmel herab. Leyla drehte den Kopf, gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie sich ein glühender Käfig aus purem Feuer um Nea schloss. Die Flammen züngelten wie lebendige Wesen, schlossen sich eng um ihre Freundin und sperrten sie ein wie einen gefangenen Vogel im Himmel. Nea hatte keine Möglichkeit, auszuweichen oder zu fliehen – sie war gefangen. Sie schrie – doch Leyla konnte die Worte nicht verstehen. Alles war ein einziger, donnernder Rausch aus Schmerz, Magie und Verzweiflung. Niemand würde ihnen zu Hilfe kommen. Leyla wollte aufspringen, doch ihr Körper war zu schwer. Noch immer war sie schwer verletzt, noch immer pochte der Schmerz in ihrer Brust und schnürte ihr die Luft ab. Sie blickte wieder nach vorn, sah, wie Leandro sich ihr erneut näherte. Der Ausdruck in seinen Augen war finster, tödlich. Gleich würde er sie erreichen, und dann – dann würde alles enden. Sie würde im Raum der Kerzen erwachen. Und irgendjemand würde an ihrer Stelle sterben. Aber wer? Würde es Nea sein? Alexandra? Eroica? Ein weiteres Opfer für ihren Fluch? Doch genau in diesem Moment geschah etwas Unerwartetes. Leandro, der siegessicher auf sie zustürmte, stolperte plötzlich. Sein Körper geriet aus dem Gleichgewicht, er fiel nach vorn, fing sich mit einer Hand und starrte verwirrt auf seinen Fuß. Genauer gesagt – auf seinen Knöchel. Dort, wo Leyla ihn zuvor nur leicht mit dem Schwert gestriffen hatte, floss nun Blut. Es trat nicht in Tropfen aus, sondern in feinen, dünnen Linien – als würde es einem unsichtbaren Muster folgen. Die Linien zogen sich wie lebendige Ströme durch die Luft, formten Spiralen, verbanden sich – und begannen sich auf Leyla zuzubewegen. Nein – auf das Schwert. In dem Moment, als das Blut auf die Klinge des Schwerts von Zcepes traf, spürte Leyla einen Ruck durch ihren Körper. Eine Welle aus Energie durchströmte sie, heilend und kraftvoll. Die Magie war alt, fremd, aber zielgerichtet. Ihre Lunge heilte sich zuerst – sie konnte wieder atmen. Dann die zerstörten Gewebe in Brust und Schulter, schließlich die inneren Blutungen. Es war, als ob das Schwert sie neu zusammensetzte. Keuchend sog sie Luft ein, und das Gefühl, wieder atmen zu können, war überwältigend. „Das ist also… die Kraft des Schwertes…?“ dachte sie, benommen vor Erleichterung. Sie würde mit Eroica darüber sprechen müssen. Was genau war das für ein Artefakt, dieses Erbe des stärksten Vampirs aller Zeiten? Doch der Moment währte nicht lange. Plötzlich stoppte der Fluss des Blutes. Die Heilung endete abrupt. Leandro stand wieder. Seine Augen loderten vor Zorn, und Leyla erkannte sofort, was er getan hatte: Die Wunde an seinem Knöchel war verbrannt, schwarz verkohlt und rauchend. Er hatte das Gewebe selbst zerstört, damit das Schwert ihm nichts mehr nehmen konnte. Leyla rappelte sich langsam auf. Noch immer durchzuckten Schmerzen ihren Körper, doch sie lebte – und sie konnte kämpfen. „Das Schwert hat Euch gerettet. Noch einmal lasse ich mich nicht treffen“, sagte Leandro mit eisiger Stimme. Leyla spürte, wie sich etwas in ihr regte. Eine Hitze, eine Flamme, die sie bisher verborgen gehalten hatte. Die Feuermagie, die sie vor allen geheim hielt – nicht zuletzt, damit Selfmun Aragi nicht alles über sie wusste. Aber wenn sie Nea retten wollte, musste sie diese Karte nun spielen. Ein Schmerzensschrei riss sie aus dem Gedanken. Nea. Leyla wirbelte herum. Der Feuerkäfig hatte sich weiter zusammengezogen, brannte nun direkt an Neas Körper. Ihre weißen Flügel, zuvor so mächtig und stolz, standen nun in Flammen. Sie wand sich, schlug um sich – doch es war aussichtslos. Leyla spürte, wie ihr Herz sich verkrampfte. Nea hatte ihr das Leben gerettet. Und sie war im Begriff, es mit dem ihren zu bezahlen. Mit einem Ruck ließ Leyla eine massive Wand aus Stein zwischen sich und Leandro in die Höhe schießen, riss sich los aus der Erstarrung, konzentrierte sich ganz auf ihre Magie. Dann blickte sie gen Himmel, sammelte all ihre verbleibende Energie. Der Feuerkäfig brannte unerbittlich. Nea konnte jeden Moment sterben. „Nicht mit mir“, flüsterte Leyla. Im selben Moment, als Leandro begann, durch die Wand zu brechen, entfesselte sie eine alles verzehrende Welle aus Flammen – eine Feuersbrunst, die mit brutaler Hitze durch die Luft schnitt und ihn zurückdrängte. Gleichzeitig ließ sie ihre Erdmagie durch den Boden strömen, formte eine gewaltige Steinsäule, die sie mit enormer Kraft in den Himmel katapultierte. Während sie durch die Luft schoss, formte sie in ihrer rechten Hand eine schimmernde Kugel aus Wasser – klar, rein, kühl. In ihrer linken entstand ein messerscharfer Dorn aus Eis, gekrümmt wie ein Reißzahn. „Halte durch, Nea!“ dachte sie. Ihr Gesicht war eine Maske aus Entschlossenheit, ihre Zähne gebleckt vor Konzentration. Sie würde nicht zulassen, dass ihre Freundin starb.
- Kapitel 173 - Unter Flügeln aus Schatten
Der Blick der lilanen Statue – der Statue des Zil – war das Erste, was Alexandra sah, als sie ihre Augen aufschlug. Sie lag noch immer im gleichen Raum, umgeben von jener unwirklichen, violetten Dämmerung, die alles einhüllte. Das Licht schien nicht von einer Quelle auszugehen, sondern war vielmehr ein Zustand, der sich über die Wirklichkeit gelegt hatte. Es war diese Präsenz, die sie wie ein Insekt zur Flamme gezogen hatte. Der Raum hatte sich nicht verändert. Und doch hatte sich alles verändert. „War das alles nur ein Traum gewesen?“ murmelte sie leise, während sie sich mit zitternden Fingern über das Gesicht strich, die Augen rieb, als wollte sie den Schleier der Erinnerung zerstreuen. Doch dann spürte sie es – oder vielmehr: Sie spürte es nicht mehr. Der Schmerz in ihrer Schulter war fort. Er war verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben. Alexandra zögerte, dann bewegte sie ihren Arm langsam, kreisend. Da war kein Widerstand, kein Ziehen, kein Stechen. Nur fließende Bewegung. Ihre Schulter – eben noch gebrochen – war vollständig geheilt. Verwirrt ließ sie ihren Blick über sich selbst gleiten und entdeckte etwas Neues. Etwas Fremdes. Ihre Hände waren verändert. Die Fingernägel hatten sich zu schwarzen, spitzen Klauen geformt, so scharf, dass sie ohne Zweifel Metall hätten zerschneiden können. Ihre Arme, ihre Schultern – alles wirkte kräftiger, robuster. Nicht wie vorher. Ihr Körper war nicht mehr der gleiche. „Bin ich wirklich ein Dämon?“ Ihre Stimme war leise, kaum mehr als ein Hauch. „So, wie Jess es gesagt hat?“ Doch noch bevor sie eine Antwort finden konnte – eine innere oder äußere – rief sie sich zur Ordnung. Das Hier und Jetzt war wichtiger. Sie musste herausfinden, was passiert war. Sie musste diesen Ort verlassen. Langsam setzte sie einen Fuß vor den anderen, tastete sich vorwärts in Richtung des Ausgangs. Alexandra rechnete mit dem, was sie bereits kannte: mit der Leere, mit jener absoluten Schwärze, die jede Bewegung verschluckte, mit der klammen, bedrückenden Dunkelheit, die sie zuvor umfangen hatte. Sie bereitete sich innerlich darauf vor, erneut durch diese Schwelle zu schreiten. Doch stattdessen tat sich vor ihr ein anderes Bild auf. Eine Treppe. Stufen aus dunklem Gestein, die sich sanft nach oben wanden, sichtbar und klar vor ihr, als wären sie schon immer dort gewesen. Sie war sich jedoch sicher – sie waren vorher nicht da gewesen. Noch vor wenigen Stunden – oder waren es Minuten? – war an dieser Stelle nichts gewesen als gähnende Dunkelheit. „Egal…“ murmelte sie. Es war nicht der Moment für Zweifel. Nicht, solange ein Weg vor ihr lag. Vorsichtig begann sie die Stufen zu erklimmen, ihre Bewegungen angespannt und lauschend. Jeder Schritt klang auf dem Stein wie ein leiser Schwur, ein Bekenntnis zum Weitergehen. Die Luft wurde heller, ein silbriges Licht sickerte von oben herab, und schließlich, nach einigen Minuten, die sich wie Stunden anfühlten, trat sie durch das Tor, das sie zuvor nur von außen gesehen hatte. Das Tageslicht war grell, beinahe schmerzhaft in seiner Intensität. Alexandra kniff die Augen zusammen und hob eine Hand zum Schutz. Der Kontrast zwischen dem violetten Zwielicht und dem flammenden Licht der Sonne traf sie wie ein Schlag. Doch nach einigen Momenten gewöhnten sich ihre Augen an das Licht, und als sie endlich wieder klar sehen konnte, verschlug es ihr den Atem. Der Berg… hatte sich verändert. Wo zuvor karge Hänge, ausgetrocknete Erde und das Gestein einer toten Welt gelegen hatten, erstreckte sich nun eine Landschaft, die voller Leben war. Üppiges Grün wuchs an den Hängen, wild und lebendig. Schimmernde Farne krochen über das Gestein, Blumen reckten sich dem Licht entgegen, und hoch oben kreisten Vögel über Baumwipfeln, die dort nicht hätten sein dürfen. Ein rauschender Bach zog sich wie ein silbernes Band durch das neue Paradies, sein Wasser spritzte über Steine und glitt durch Wurzeln, die sich tief ins Erdreich gruben. Ein sanfter Wind trug den Duft von Harz und Blüten zu ihr, süßlich, verheißungsvoll. Alexandra stand einen Moment lang wie angewurzelt da. Es war, als hätte sich die Welt um sie neu erschaffen. Hastig, beinahe stolpernd, lief sie auf den Bach zu, kniete sich nieder und tauchte ihre Hände ins kühle Wasser. Sie schöpfte und trank in tiefen, dankbaren Zügen. Doch dann sah sie es. Ihr Spiegelbild. Das Wasser war klar wie Glas, und sie sah sich selbst darin – oder besser: etwas, das ihr ähnlich sah. Ihre Augen weiteten sich. Aus ihrem Rücken wuchsen zwei große, schwarzgefiederte Flügel, breit und majestätisch, wie die eines Raubvogels, aber dunkler als jede Nacht. Zwei geschwungene, schwarze Hörner krümmten sich aus ihrer Stirn, elegant und fremdartig zugleich. „Ähnlich wie bei Jess…“ flüsterte sie, während ihre Finger langsam die Hörner ertasteten. Das war keine Täuschung. Es gab keine Möglichkeit, es zu leugnen. Sie war verändert worden – nicht nur äußerlich. Sie war zur Dämonin geworden. Endgültig. Und was das bedeutete, würde sich erst noch zeigen. Nachdem sie genug getrunken hatte, stand sie auf, streckte sich und sah zu den weißen Stufen, die sich erneut vor ihr ausbreiteten. Sie hatten sich ebenfalls verändert. Kein Staub, keine Risse, kein Zeichen der Vergänglichkeit mehr. Sie strahlten rein und hell im goldenen Licht der Nachmittagssonne, als wären sie eben erst erschaffen worden. Und vielleicht… waren sie das. -------------------------------------------------------------------------- Während Alexandra weiter die Stufen emporstieg, hatte sie längst die Ebenen der gewöhnlichen Welt verlassen. Der Pfad führte sie nun durch die Wolken, in eine Ruhe, die selbst den Wind nur gedämpft an ihr Ohr dringen ließ. Um sie herum war nichts als Weiß, durchzogen von goldenen Sonnenstrahlen, die wie Schleier aus Licht wirkten. Sie spürte, wie die Luft dünner wurde, und dennoch fühlte sie sich nicht schwach. Ihr Körper war anders, kraftvoller, widerstandsfähiger – das war deutlich zu spüren. Doch sie wusste nicht, wie weit diese Veränderung reichte. Während sie einen Fuß vor den anderen setzte, begannen sich ihre Gedanken zu drehen. Sie wusste so wenig über Dämonen, über das, was sie nun selbst war. Bis vor wenigen Tagen hatte sie selbst die Geschichten über Erzdämonen für bloße Fabeln gehalten, für Märchen aus Tavernen, die man sich erzählte, um Kindern Angst zu machen oder Soldaten Mut. Jetzt war sie Teil dieser Wirklichkeit. Ihre Sinne waren geschärft, ihr Blick klarer. Doch mit dieser neuen Stärke kamen Zweifel. Was sie am meisten beschäftigte, war ihr Aussehen. Ihre Augen waren noch die alten, ihr Haar dieselben dunkelblonden Strähnen wie zuvor. Aber ihre Klauen, die Hörner, die pechschwarzen Flügel – das war nichts, was sie verbergen konnte. Nicht mit Kleidung, nicht mit Kapuzen oder Schleiern. Es war offensichtlich, wer – oder was – sie geworden war. Die Vorstellung, in die Kaiserstadt zurückzukehren, erschien ihr nun lächerlich. Niemand würde sie dort akzeptieren. Nicht als das, was sie nun war. Und dann war da Leyla. Alexandra spürte, wie sich ihre Brust zusammenzog. Was würde ihre Freundin sagen, wenn sie sie so sah? Würde sie sie erkennen? Würde sie sie zurückstoßen? Würde sie sich vor ihr fürchten – oder sie gar hassen? Und dann war da diese tiefere Angst, die alles andere überlagerte: Würde Leyla sie überhaupt noch lieben? Würde sie sie noch einmal küssen? Würde sie ihr Herz für das öffnen, was aus Alexandra geworden war? Der Gedanke daran ließ sie innehalten, wenn auch nur für den Bruchteil eines Augenblicks. Sie war aufgebrochen, um Leyla zu helfen – aber hatte sie sich damit stattdessen für immer von ihr entfernt? In ihrem Innersten hallte der Titel wider, den Jess für Leyla verwendet hatte. „Jüngerin“ . Das Wort nagte an ihr. Es war mehr als ein bloßes Etikett, mehr als ein Beiname. Es bedeutete etwas. Es stand in Verbindung zu jenen Runensteinen, von denen Jess gesprochen hatte. Alexandra erinnerte sich an den Drachar, der einen solchen Stein bei sich getragen hatte – der Stein, durch den Karst, Jevry und Betty gestorben waren. War das, was er besessen hatte, einer dieser Runensteine gewesen? Was bedeuteten diese Steine wirklich? Waren sie der Schlüssel zu jener Kraft, die Jess erkannt hatte? Und war Leyla wirklich im Besitz eines solchen Steins? Hatte sie gewusst, was das bedeutete? Alexandra hatte keine Antworten – nur Fragen. Und jeder Schritt, den sie höher stieg, machte diese Fragen drängender. Ihre Angst war nicht mehr nur Furcht vor Ablehnung. Es war die wachsende Erkenntnis, dass sie, mit jedem Schritt, nicht nur sich selbst veränderte – sondern vielleicht auch zu einer Gefahr für Leyla wurde. Was, wenn Jess den Körpertausch nicht nur forderte, sondern ihn für genau diesen Moment plante? Was, wenn sie Leyla durch Alexandras Hände töten würde? Würde sie es bemerken? Würde sie sich wehren können?** Alexandra schüttelte heftig den Kopf. Nein, so durfte sie nicht denken. Wenn sie aufgeben würde, dann hätte Jess schon gewonnen. Sie musste lernen, was in ihr erwacht war. Sie musste diese neue Kraft begreifen und kontrollieren. Und sie musste herausfinden, wer Jess wirklich war – jenseits der Maske, die sie ihr gezeigt hatte. Wenn sie eine Chance haben wollte, Leyla zu beschützen – oder zurückzugewinnen – dann durfte sie jetzt nicht stehen bleiben. In diesem Moment brach sie durch das letzte Wolkenband und trat auf ein Plateau, das direkt unter dem Himmel zu liegen schien. Der Gipfel des Berges – die Spitze jener uralten, von Legenden umwobenen Stufen – offenbarte sich ihr in einer Erhabenheit, die ihr den Atem nahm. Vor ihr erhoben sich zehn gewaltige Statuen, kreisförmig angeordnet. Ihre Gesichter waren stolz, fremdartig, jedes Detail so lebendig, dass man begann zu glauben, sie würden jeden Moment zu sprechen beginnen. Zwei dieser Kolosse überragten alle anderen: beide waren schwarz wie Obsidianspiegel, ihre Körper wirkten uralt und zeitlos, und ihre gewaltigen Silhouetten ragten über siebzig Meter in den Himmel. Die Luft vibrierte vor Stille, als ob die Welt den Atem angehalten hätte. Alexandra trat langsam in den Kreis der Statuen. Der Wind griff nach ihrem Haar, ließ es wirbeln, als wolle er sie begrüßen – oder prüfen. Sie war allein. Und doch spürte sie, dass etwas sie beobachtete. Jemand. Dann durchbrach eine Stimme die Stille. Tief, sanft, aber erfüllt von unbeschreiblicher Kraft. [???] „Nach so langer Zeit besucht mich wieder jemand… Was für eine Freude.“ -------------------------------------------------------------------------- Vor Alexandra stand ein alter Mann. Seine langen grauen Haare fielen ihm in sanften Wellen über die Schultern, und ein freundliches, beinahe verschmitztes Lächeln umspielte seine Lippen. In seinen Augen lag eine Ruhe, wie sie nur jene besaßen, die viel gesehen, viel erlitten und überlebt hatten. Doch trotz seiner friedlichen Ausstrahlung spürte Alexandra sofort, dass sein Blick sie prüfte. Nichts an ihr schien ihm zu entgehen. „Wer bist du?“ fragte sie mit fester Stimme, während ihre Hand instinktiv zum Griff ihres Schwertes glitt. Der Mann wirkte harmlos, doch der Ort, an dem sie sich befand, und alles, was sie in den letzten Stunden durchlebt hatte, ließen keinen Raum für unbedachte Vertrauensseligkeit. „Mein Name ist Willal“, antwortete er mit ruhiger Stimme, „und ich bin ein Dämon der großen Demes. Und du? Wie lautet dein Name?“ Alexandra erstarrte. Ein Dämon? Er sah nicht im Geringsten so aus, wie sie es erwartet hätte. Keine Klauen, keine Hörner, oder Flügel wie bei ihr. Vielmehr glich er einem müden Gelehrten, einem Mann, der sein Leben mit Geschichten, nicht mit Gewalt verbracht hatte. Doch da war etwas in seiner Stimme – eine Kraft, kaum hörbar, aber unübersehbar für jene, die schon einmal wahrer Macht begegnet waren. „Du bist ein Dämon?“ fragte sie misstrauisch. Ihre Augen verengten sich. „Wie schaffst du es, deine Flügel zu verbergen? Oder hast du gar keine?“ Willal lachte, ein sanftes, beinahe wohltuendes Lachen, das durch die Steinkreise hallte, ohne ein Echo zu werfen. „Willst du dich nicht erst vorstellen, bevor du Fragen stellst?“ Er hob eine Augenbraue. „Aber gut, wenn es dir hilft…“ Ein grünliches Leuchten begann, ihn zu umgeben. Es kroch langsam über seinen Rücken und seine Stirn, bis zwei prachtvolle, smaragdgrün schimmernde Flügel aus seiner Haut brachen. Ihre Federn wirkten lebendig, als ob sie im Wind flüsterten. Zugleich durchbrachen zwei kurze, gebogene Hörner seine Stirn. Alexandra trat einen halben Schritt zurück, nicht aus Angst, sondern aus Ehrfurcht. Der Anblick war beeindruckend. „Ich… ich bin Alexandra“, sagte sie schließlich. Ihre Stimme klang unsicherer als gewollt. „Kannst du mir das beibringen? Wie ich das verbergen kann?“ Willal betrachtete sie einen Moment lang schweigend. Seine Augen wanderten prüfend über ihr Gesicht, ihre Haltung, ihre Flügel, die Hörner auf ihrer Stirn. Dann wandte er sich ab und ging langsam in die Mitte des Steinkreises. Sein Blick streifte die gewaltigen Statuen, als würden sie mit ihm sprechen, als lausche er uralten Erinnerungen, die nur er verstand. „Du bist also eine Dämonin von Jess“, murmelte er nachdenklich. „Das ist ungewöhnlich. Sehr ungewöhnlich. Sie hat in all der Zeit nur einmal zuvor einen Sterblichen verwandelt.“ Er drehte sich zu ihr um. „Und nun dich.“ Sein Tonfall veränderte sich. Er wurde kühler, prüfender. „Was willst du mit diesen Kräften tun?“ fragte er, ohne den Blick von ihr zu nehmen. „Davon mache ich es abhängig, ob ich dir helfe… oder dich töte.“ Die Worte trafen Alexandra wie ein Hieb. Kein Zorn lag in seiner Stimme, keine Bosheit – nur ein nüchternes Urteil, das so leicht ihr letztes werden könnte. Sein Blick war so spitz wie ein Pfeil. Er drang in sie ein, wollte keine Fassade, keine gespielte Stärke – nur die Wahrheit. Alexandra spürte, wie ihr Herz raste. Ihre Gedanken überschlugen sich, doch sie zwang sich zur Ruhe. Sie wusste, dass sie nichts gewinnen würde, wenn sie log. Also sprach sie – langsam, aber ohne Umschweife. „Es gibt eine Person, die mir sehr wichtig ist“, begann sie. „Ich will sie unterstützen, ganz gleich, was es kostet. Und dann… gibt es jemanden, der meine Freunde getötet hat. Ich will ihn finden. Und ich will, dass er bezahlt.“ Willals Gesicht veränderte sich nicht sofort. Doch dann begann er langsam zu lächeln. Ein echtes Lächeln, das weniger Güte als Zustimmung ausstrahlte. Ohne ein weiteres Wort klatschte er in die Hände – ein scharfer, klangvoller Laut, der wie ein Signal durch den Himmel fuhr. Augenblicklich zogen sich seine Flügel zurück, die Hörner verschwanden, das Leuchten erlosch. Er wirkte wieder wie ein alter Mann, harmlos und friedlich. Mit gemessenen Schritten ging er auf sie zu. Als er vor ihr stand, legte er ihr sanft eine Hand auf die Schulter. Seine Stimme war nun leise, ernst, beinahe väterlich. „Dann will ich dir erklären, Alexandra, wie du dein neues Ich verbergen kannst.“ -------------------------------------------------------------------------- „Die Dämonenform verleiht dir enorme körperliche Kraft und erlaubt dir, auf eine Form der Magie zuzugreifen, die nicht mit herkömmlichem Mana funktioniert. Stattdessen nährt sie sich aus deiner Lebenskraft – dem, was dich am Leben hält, was dich antreibt und in Bewegung hält.“ Willals Stimme war ruhig, fast sanft, doch seine Worte lasteten schwer in der Luft. Alexandra hörte aufmerksam zu, denn sie wusste, dass jede Information ihr helfen könnte. Die Regeln, die Gesetze dieser neuen Existenz mussten ihr noch vertraut werden, wenn sie überleben wollte. „Du wirst irgendwann in der Lage sein, diese Form gezielt anzunehmen oder abzulegen“, fuhr Willal fort, während er langsam durch den Steinkreis ging. „Doch im Moment ist sie an deinen inneren Zustand gebunden. Solange dein Geist in Aufruhr ist, wird sie sich zeigen. Erst wenn du dich ganz entspannst, wenn du deine Seele leerst, kehrt dein Körper in seinen sterblichen Zustand zurück.“ Alexandra runzelte die Stirn. Diese Worte widersprachen ihrem Empfinden. Sie fühlte sich nicht aufgewühlt. Kein Zorn brodelte in ihr, kein panischer Gedanke schien sie zu übermannen. Sie war ruhig, zumindest glaubte sie das. „Ich verstehe das nicht“, sagte sie schließlich. „Ich bin nicht unruhig. Wieso ist die Form dann noch da?“ Sie blickte an sich hinunter, betrachtete ihre Krallen, spürte das Gewicht der Flügel auf dem Rücken, das Ziehen der Hörner an ihrer Stirn. Willal schmunzelte, fast mitleidig. „Du bist erst seit wenigen Stunden eine Dämonin. Und du behauptest, in dir sei keine Unruhe?“ Er blieb stehen und sah ihr direkt in die Augen. „Du denkst nicht an deine Freundin, an das, was sie jetzt von dir halten könnte? An ihre Reaktion, an ihre Zuneigung? Oder an den Mörder deiner Freunde? An deinen Wunsch nach Rache?“ Seine Worte trafen sie wie Nadelstiche. Sie wollte widersprechen, wollte sich verteidigen, doch sie wusste, dass er recht hatte. Diese Gedanken waren nicht verschwunden, sie hatten sich nur zurückgezogen, warteten im Schatten ihrer Seele, um sie im nächsten Moment wieder zu überfluten. Und so verzog sie das Gesicht, biss die Zähne zusammen und schwieg. Willal nickte langsam. „Aber keine Sorge“, sagte er dann, als wolle er sie beruhigen. „Es gibt einen Trick.“ „Einen Trick?“ fragte Alexandra skeptisch. „Was für einen Trick?“ „Ich zeig ihn dir“, sagte Willal, und sein Tonfall veränderte sich kaum. Er klang noch immer ruhig, fast gutmütig. Doch plötzlich trat er näher – zu schnell für Alexandra, um zu reagieren – und schlug ihr mit einer einzigen fließenden Bewegung mit der Faust gegen das Kinn. Sie spürte keinen Schmerz. Dann kam die Dunkelheit. Der Schlag war präzise, gezielt, wie ein geübter Schnitt. Ihre Knie gaben nach, ihre Gedanken zerflossen, und noch bevor ihr Körper den Boden berührte, umfing sie die Ohnmacht. -------------------------------------------------------------------------- Als Alexandra wieder zu sich kam, spürte sie zunächst nur den kalten Stein unter ihrem Rücken. Der Himmel über ihr war pechschwarz, durchzogen vom glitzernden Band der Sterne, das sich wie ein Fluss aus Licht über das Firmament spannte. Für einen Moment vergaß sie, wo sie war, doch dann kehrten die Erinnerungen zurück – an Jess, an den Steinkreis, an Willals Faust. Sie richtete sich langsam auf, ihr Nacken knackte, und sie blinzelte gegen das klare Licht des Nachthimmels. Und dann erstarrte sie. Der Skullaer, der weiße Mond, den sie seit ihrer Kindheit kannte, thronte wie gewohnt am Himmel – doch er war nicht allein. Neben ihm standen vier weitere Himmelskörper: ein tiefblauer, ein violetter, ein schwarzer und ein gelblich flimmernder Mond. „Was…?“ hauchte Alexandra, als könnte ihre Stimme die Realität greifbarer machen. „Hast du noch nie alle fünf Monde gesehen?“ Die Stimme war warm und belustigt – Willal, der sich nun wieder an die Brüstung eines nahen Felsens gelehnt hatte. „N-Nein“, antwortete sie und schüttelte leicht den Kopf. „Ich dachte, es gäbe nur den Skullaer.“ Willal lächelte in sich hinein. „Das denken viele. Doch das stimmt nicht ganz. Nur der Skullaer steht heute noch am Himmel. Die anderen – Arkibe, Lunar, Manifest und Brahatross – sind heute nicht mehr dort, wo sie hingehören. In dieser Sphäre, hier auf dem Gipfel des Berges, verschiebt sich die Zeit. Und mit ihr der Himmel.“ Alexandra war sprachlos. Sie fühlte sich winzig unter dieser uralten Wahrheit, die plötzlich so offensichtlich über ihr hing wie das Licht der Sterne selbst. Doch dann wurde ihr der Schmerz bewusst. Der Schlag. Sie rieb sich das Kinn, das noch pochend an den Moment erinnerte, in dem ihr Bewusstsein zerschlagen worden war. „Wieso… wieso hast du mich geschlagen?“ Willal zuckte mit den Schultern. „Du wolltest doch einen Trick, um deine Form zu kontrollieren. Der Zustand der Gedankenlosigkeit, auch nur für einen Moment, hat deine Emotionen besänftigt. Halte dieses Gefühl fest, ruf es in dir wach, wenn du Ruhe brauchst. Das ist der Schlüssel zur Kontrolle.“ Sie verstand. Ihre dämonischen Merkmale – die Flügel, die Klauen, die Hörner – waren verschwunden. Ihr Körper war der einer Elfe. Kein Schmerz, keine fremden Gliedmaßen, nur sie selbst. Ein Hauch von Frieden. Doch dieser Moment hielt nicht lange. Willal stand auf, sein Blick nun ernst. „Jetzt musst du gehen. Dieser Ort ist gefährlich. Bleibst du zu lange, wirst du wie ich gebunden. Und ich glaube nicht, dass du dein Leben hier zwischen den Steinen verbringen willst.“ Alexandra erhob sich rasch. Kaum hatte sie sich bewegt, durchbrach ein stechendes Gefühl ihren Rücken – die Flügel, erneut hervorgebrochen. Ihre Stirn riss, während sich die Hörner wieder formten. „Danke…“ sagte sie leise, fast widerwillig. „Danke für alles, Willal.“ Er hob die Hand zum Abschied, und in seinem Gesicht lag ein Ausdruck, der zwischen Melancholie und Hoffnung schwankte. „Pass auf dich auf, Dämonin Alexandra.“ Mit einem kräftigen Sprung erhob sie sich in die Luft, spürte den Wind unter ihren Schwingen und stürzte sich in einem steilen Flug die weißen Stufen hinab, durch die dichte Wolkendecke hindurch, zurück in die Welt, die sie einst verlassen hatte. Der Wind peitschte ihr ins Gesicht, doch sie hielt sich aufrecht. In ihr brannte ein neues Ziel. Leyla. Die Kaiserstadt. Die Zukunft. Die Zweifel, ob Leyla sie mit ihren neuen Kräften, mit diesem veränderten Körper, mit ihrem neuen Wesen akzeptieren würde, schienen verblasst zu sein. Alexandra glaubte fest daran, dass Leyla ihre Entscheidung verstehen würde. Dass sie hinter ihr stehen würde. Denn Leyla war keine gewöhnliche Frau. Sie war stark. Klug. Und mit einem Herzen, das Alexandra erreicht hatte. Es war Zeit, zu ihr zurückzukehren. Und gemeinsam würden sie jedem Feind entgegentreten.
- Kapitel 172 - Welt in Perfektion
„W-Wer ist da?“ stammelte Alexandra, während ihre Stimme im Echo der fremden Präsenz beinahe verloren ging. Sie hob ihren gesunden Arm schützend über den Kopf, obwohl sie wusste, dass dies kaum etwas nützen würde. Ihre Finger zitterten, und ihr Blick huschte hilflos durch die Halle – doch dann verschwamm alles vor ihren Augen. Die violette Helligkeit wurde von Schwärze verschlungen, die Wirklichkeit zerfiel, und als sie die Lider erneut öffnete, stand sie plötzlich auf offenem Feld. Ein Schlachtfeld. Tausende Leichen lagen verstreut auf dem Boden, ihre Körper verrenkt, zerfetzt, gebrochen. Zerschmetterte Rüstungen, versengte Stoffe, eingedrückte Helme. Der metallene Geruch von Blut und Eisen stieg ihr in die Nase, beißend, unerträglich. „Wo… wo bin ich?“ flüsterte sie, doch ihre Stimme verhallte ungehört. Ein Schwert klirrte unter ihrer Stiefelsohle. Sie machte erschrocken einen Schritt zurück – zu hastig. Ihr Fuß verfing sich an etwas Weichem, einem leblosen Körper. Alexandra verlor das Gleichgewicht und fiel hart zu Boden. Ein stechender Schmerz schoss durch ihre linke Schulter, ihr bereits gebrochener Arm protestierte mit brutaler Klarheit. Instinktiv versuchte sie, sich aufzurichten, doch ihre Hände griffen in eine warme, dicke Flüssigkeit. Blut. Sie keuchte auf, wischte sich hektisch über die Handflächen. Es klebte an ihr, kroch ihre Arme hoch wie ein lebendiges Wesen. Der Boden schien sie festhalten zu wollen, als ob das Schlachtfeld ihre Anwesenheit erkannt hätte – und sie nicht mehr gehen lassen wollte. Dann fiel ihr Blick auf eine Gestalt, die sie zuvor übersehen hatte. Hoch oben, auf einem Berg aus zerborstenen Rüstungen und Körpern, saß eine Frau – oder etwas, das wie eine Frau aussah. Ihre Haltung war reglos, würdevoll, beinahe anmutig. Ihr Blick lag ruhig auf Alexandra, als hätte sie sie schon lange erwartet. Ihr Gesicht war makellos, ihre Haut so glatt, als sei sie nicht aus Fleisch, sondern aus Porzellan geformt. Dünne, schwarze Kleidung spannte sich über einen Körper, der in dieser Umgebung deplatziert wirkte – nicht wegen seiner Schönheit, sondern wegen der Selbstverständlichkeit, mit der er hier existierte. Zwei geschwungene Hörner wuchsen aus ihrer Stirn, elegant und furchteinflößend zugleich. Aus ihrem Rücken entfalteten sich schwarze Flügel, die im Wind kaum zu zucken schienen. Ihre Augen waren unergründlich – tiefer als jede Dunkelheit, in der Alexandra je gestanden hatte. Alexandras Atem stockte. Ihr Herz setzte für einen langen, furchtbaren Moment aus. Sie senkte sofort den Blick, zwang sich, ihre Augen zu schließen. Nur so – nur so konnte sie wieder atmen. Dann sprach die Stimme erneut, jetzt noch näher, durchdringender. Sie war nicht laut, aber sie durchbohrte Alexandra wie eine Klinge aus Gedanken. „Sprich, Elfe. Was bringt eine so schwache Seele an diesen Ort?“ Alexandra rang nach Luft. Die Stimme allein war Folter. Ihre Eingeweide verkrampften sich. Sie hustete – und spürte warmes Blut, das über ihre Lippen rann. Als sie die Augen einen Spalt weit öffnete, drehte sich alles um sie herum, als hätte die Welt ihren Halt verloren. Und dann: Stille. Als hätte jemand einen Schleier über sie gelegt, lösten sich der Schmerz, die Furcht, die Übelkeit. Alles wich. Zurück blieb ein Zustand, der wie Trance wirkte – oder eine schlaflose Klarheit. „Jetzt solltest du antworten können“ , sprach die Stimme ruhiger, fast neugierig. „Warum existiert jemand, der meine Gegenwart nicht einmal erträgt, an diesem Ort?“ Alexandra hob langsam den Blick. Sie fühlte sich nicht mutiger, nur leerer. Und genau das machte es leichter zu sprechen. „I-Ich… Ich habe die Tür gefunden. Ich wollte wissen, was sich dahinter verbirgt. Ich spürte… es ist wichtig.“ Die Frau auf dem Gipfel der Rüstungen verengte die Augen. Dann stieß sie ein leises, kaum hörbares Geräusch aus – kein Lachen, aber etwas ähnliches. „Interessant. Eigentlich sollte niemand ohne Runenstein diesen Ort betreten können. Doch du besitzt keinen… oder, Elfe?“ Alexandra hielt inne. Der Drachar. Der Stein, den er in der Hand gehalten hatte, kurz bevor ihre Freunde starben. War das ein Runenstein gewesen? „Nein“, sagte sie wahrheitsgemäß. „So etwas habe ich nicht.“ Die Frau sprang. Mit der Eleganz eines Raubtiers landete sie vor Alexandra. Der Aufprall erzeugte eine Welle, einen unsichtbaren Stoß – der Wind riss über das Schlachtfeld hinweg. Leichen wurden fortgeschleudert wie Blätter im Sturm. Der Geruch von Tod wurde noch stärker. Alexandra wich zurück. Ihre Hand glitt instinktiv zu ihrem Gürtel. Noch bevor sie darüber nachdenken konnte, hatte sie ihr Schwert gezogen – und zugestochen. Die Klinge traf die Brust der Frau. Ein sauberer, kräftiger Stoß. Ihre Augen weiteten sich, überrascht – doch kein Laut kam über ihre Lippen. Dann: ein Grinsen. Langsam griff sie nach dem Schwert in ihrer Brust, zog es heraus – ohne einen Laut. Kein Blut trat aus. Keine Wunde war zu sehen. Nicht einmal ihr Hemd war beschädigt. „Du bist ja doch interessanter, als ich dachte“ , sagte sie leise, beinahe amüsiert. Bevor Alexandra reagieren konnte, legte die Frau eine Hand an ihren Hinterkopf. Die Berührung war eiskalt, ihr Griff jedoch sanft. „Komm“ , flüsterte sie. „Lass uns Erinnerungen tauschen.“ Und mit diesen Worten fiel Alexandra in die Schwärze. -------------------------------------------------------------------------- Alexandra stand inmitten eines Raumes, der aus Licht und Schatten zugleich zu bestehen schien. Vor ihr erhob sich ein gewaltiges Wesen – größer als alles, was sie je gesehen hatte. Weiße, leuchtende Flügel breiteten sich hinter ihm aus wie das Segel eines göttlichen Schiffes. Schwarze Fäden wanden sich um seinen Körper, zuckten wie lebendige Tentakel über seine Rüstung. Sein Gesicht war hinter einer Maske verborgen – unbeweglich, ausdruckslos, doch furchteinflößend in seiner vollendeten Ruhe. Ein Engel? Nein. Er war mächtiger. Viel mächtiger. Ein Erzengel. Alexandra hob langsam ihre Hand. In einem schwarzen, zischenden Aufblitzen materialisierte sich ein Speer in ihrer Faust – lang, aus dunklem Licht geschmiedet, mit einer Schneide, die aussah, als würde sie den Raum selbst zerschneiden. Ohne zu zögern schleuderte sie ihn mit aller Kraft auf den Erzengel. Noch während der Speer durch die Luft jagte, formte sich in ihrer anderen Hand ein Bogen. Drei Pfeile erschienen gleichzeitig auf der Sehne, sie zog durch, schoss – ihre Bewegungen fließend, wie aus einem einzigen Gedanken geboren. Kaum waren die Pfeile losgeschickt, breitete sie selbst schwarze Flügel aus und stürzte sich auf ihr Ziel. In der Luft drehte sie dich – und nun lag eine Kriegsaxt in ihrer Hand. Gewaltig. Schwer. Ihr Griff zitterte vor Macht. Der Erzengel bewegte sich nicht, wich dem Speer jedoch in letzter Sekunde mit kaum sichtbarer Eleganz aus. Die Pfeile jedoch wurden von den schwarzen Fäden abgefangen, die sich wie Ranken in die Luft schossen und die Geschosse noch vor dem Aufprall zerschmetterten. Doch die Axt war schneller. Sie zerschnitt die Fäden wie Papier, schlug durch die unsichtbare Barriere – und bohrte sich mit schmerzlicher Wucht in den Körper des Erzengels. Ein Riss durchzog die Fäden, sein Oberkörper wurde zurückgeschleudert, ein kurzes Stöhnen durchdrang die Stille. Alexandra ließ die Axt los, ließ sie in seinem Leib zurück wie ein Versprechen – und zog eine neue Waffe aus der Dunkelheit ihrer Magie. Eine Keule, formlos, rauchig – als wäre sie aus verdichtetem Schatten erschaffen worden. Sie vibrierte in ihrer Hand, ein dumpfes Grollen lag in ihrer Präsenz. Der Erzengel hob langsam die Hände. Nicht zum Gegenangriff. Nicht zur Verteidigung. Er faltete sie – wie zum Gebet. „Welt… in Perfektion“ , flüsterte er mit einer Stimme, die nicht gesprochen wurde, sondern direkt in Alexandras Verstand schnitt. Alexandras Augen weiteten sich. Sie erkannte die Gefahr. Noch ehe die Worte verklungen waren, trat sie ihm mit aller verbliebenen Kraft gegen die Brust. Es war kein Angriff – sondern ein Sprungbrett. Der Stoß schleuderte sie selbst dutzende Meter durch die Luft, weg vom Zentrum der Macht, das sich aufzubauen begann. Noch während sie flog, breitete sich um den Erzengel eine Kugel aus reinem, makellosem Weiß aus. Die Luft wurde still, der Klang verschwand. Das Licht begann, in rhythmischen Pulsen zu flackern, wie ein göttlicher Herzschlag. Dann wurde alles weiß. -------------------------------------------------------------------------- Als Alexandra wieder zu sich kam, lag sie nicht mehr im Nichts. Sie konnte sehen – und das Erste, was sich in ihr Blickfeld schob, war ein blutüberströmtes Gesicht. Es gehörte einem Mann, dessen lebloser Kopf reglos in einer Lache aus dickem, schwarzem Rot lag. Sein Blick war leer, seine Augen glasig, sein Haar vom Blut zusammengeklebt. Das Schlachtfeld um sie herum war überzogen von Tod, als hätte jemand die Welt selbst in Stücke gerissen. Blut bedeckte den Boden wie ein seichter See, aus dem Körper ragten wie Steine in einem Strom. Alexandra fuhr auf, der Schock durchfuhr sie wie ein Dolch – doch als sie sich zu schnell bewegte, durchzuckte ihre verletzte Schulter sie mit brennendem Schmerz. Sie keuchte, stützte sich taumelnd auf ein Knie und hob den Blick. Noch immer stand die Frau dort, unerreichbar, ruhig. Eine Präsenz wie eine Göttin, und Alexandra wusste nun mit einer Klarheit, die ihr Mark gefrieren ließ, wer sie war. Nicht einfach eine Frau. Keine gewöhnliche Kriegerin. Die Erzdämonin des Krieges. Jess. Alexandra spürte, wie sich ihr Mund automatisch öffnete, doch bevor sie was sagen konnte, unterbrach sie Jess: „Du hast… eine interessante Freundin, Elfe“ , sagte Jess und trat langsam vor. Alexandra schluckte. „Der Kampf... war das...“ setzte sie an, doch Jess ließ sie nicht ausreden. „Das war Gabriel. Der Erzengel der Perfektion“ , erklärte sie schlicht, als würde sie sagen, es habe geregnet. In ihrer Stimme lag weder Stolz noch Furcht, sondern nur eine nüchterne Feststellung. Der Name ließ Alexandra erschauern. Das, was sie gesehen hatte, war also keine Illusion gewesen. Kein Traum. Kein Fieberwahn. Sie hatte durch die Augen der Erzdämonin geblickt – und die hatte wiederum durch ihre gesehen. Bedeutete das, dass Jess nun auch sie kannte? Ihre Erinnerungen, ihre Schwächen? Und… hatte Jess auch Leyla gesehen? Als hätte sie Alexandras Gedanken gelesen, sprach Jess weiter – ihre Stimme ruhig, doch durchdringend: „Du willst deine Freundin unterstützen, nicht wahr?“ Es war keine Frage. Es war eine Erkenntnis, eine Diagnose. Alexandra spürte, wie ihr Herz pochte, und dennoch kam ihre Antwort ohne Zögern: „Ja, das will ich.“ Sie wollte bei Leyla sein. Sie wollte mit ihr kämpfen, sie begleiten, ihr eine Verbündete sein in einer Welt, die sich zunehmend in Dunkelheit und Gewalt verwandelte. Jess’ Lächeln veränderte sich. Es war nicht warm – nicht im eigentlichen Sinn. Aber es war echt. Für einen kurzen Augenblick wirkte sie beinahe... zufrieden. „Dann mache ich dir ein Angebot“ , sagte sie leise, und ihre Stimme bekam etwas Lockendes, Verführerisches. „Ich mache dich zu einer Dämonin, Elfe. Ich gebe dir die Kraft, in der Welt zu bestehen, in der die Jüngerin lebt.“ Dämonin? Alexandra schluckte. Ihr Kopf war voller Fragen. Was bedeutete das für sie? Was genau war diese Jüngerin? War Leyla gemeint? Und was würde es bedeuten, keine Elfe mehr zu sein? „Und was… was wollt Ihr im Gegenzug?“ fragte sie vorsichtig, bemüht, die Spannung in ihrer Stimme zu verbergen. Jess’ Gesicht veränderte sich schlagartig. Das vage Wohlwollen wich einem drohenden Ausdruck. Ihre Augen verengten sich, und eine gewaltige Aura drang wie ein unsichtbarer Sturm durch den Raum. Alexandra zuckte unwillkürlich zusammen – sie hatte es überreizt. Zu glauben, sie könnten auf Augenhöhe reden, war ein Fehler gewesen. Die Erzdämonin trat näher. Ihre Worte kamen nun klar und unmissverständlich: „Ich werde zu einem späteren Zeitpunkt mit dir den Körper tauschen. Für eine Stunde. Danach bekommst du ihn zurück.“ Alexandra stockte. Der Gedanke ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Was würde Jess in dieser Stunde tun? Wen würde sie verletzen? Töten? Doch sie wusste, dass sie nicht Nein sagen konnte. Nicht hier, nicht jetzt. Nicht ohne den Preis, den Jess bereits begonnen hatte einzulösen. Alexandra biss sich auf die Lippe, bis Blut kam. Dann hob sie den Kopf. Ihre Stimme war brüchig, doch eindeutig: „Ich akzeptiere... euer Angebot.“ Jess nickte zufrieden – und was sie als Nächstes sagte, jagte Alexandra einen Schauer über den Rücken. „Gut. Ich habe meinen Teil sowieso schon erfüllt, während du geschlafen hast.“ Alexandra riss die Augen auf. „Nun flieg, Elfe“ , sagte Jess spöttisch – und lachte dann leise, wie jemand, der ein besonders schönes Spielzeug verschenkt hat. „Mein Fehler“ , murmelte sie. „Flieg, Dämonin.“
- Kapitel 171 - Estari Elnahrur
Alexandra ließ ihren Blick über die endlosen, goldenen Ebenen der Wüste schweifen. Von hier oben wirkte alles friedlich, still und beinahe erhaben – als würde die Welt unter ihr in einem ewigen, trägen Traum schlafen. Die Sonnenstrahlen brachen sich auf den Sandkämmen wie Licht auf Wasser, und für einen Moment vergaß sie, wo sie war. Fast eine Woche lang hatte sie nun den Berg der Dämonen erklommen, Schritt für Schritt, über ausgetrocknete Geröllfelder und durch leere Windschneisen, die klangen wie das Flüstern vergessener Stimmen. Von all den wundersamen Dingen, von denen Megmar in der Taverne erzählt hatte – von der Wärme des Magmas, den wuchernden Pflanzen, den magischen Barrieren, von Naturgeistern oder geheimen Wassern – war nichts zu sehen. Kein Zeichen von Leben. Keine Spur von Macht. Der Berg war still. Karg. Ausgedörrt wie die Wüste, die sich unter ihr ausbreitete, endlos und erbarmungslos. Und dennoch: Die Stufen waren da. Weiß, alt, vom Sand gezeichnet, aber zweifellos von etwas erbaut worden, das mächtiger war als Elfenhand. Alexandra seufzte, schwer und müde. Ihre Beine schmerzten, die Hitze brannte auf ihrer Haut, und die Sonne fühlte sich an wie ein Gewicht auf ihrem Rücken. Trotzdem setzte sie sich erneut in Bewegung. Ein Schritt. Dann der nächste. Was würde sie an der Spitze erwarten? Gab es dort überhaupt etwas – oder war das alles nur ein Irrweg, ein Flüstern eines Drachars, der mit fremder Macht spielte und ihre Verzweiflung ausnutzte? Langsam gingen ihre Vorräte zur Neige. Das Wasser war beinahe aufgebraucht, und wenn der Aufstieg länger als zwei weitere Tage dauern würde, würde sie es nicht mehr rechtzeitig zurück ins Tal schaffen. Verdurstet, vergessen, irgendwo zwischen Himmel und Gestein. Sie schüttelte den Kopf, fast wütend über sich selbst. Was tat sie hier eigentlich? Und doch – da war etwas, das sie nicht losließ. Der Berg war eindeutig der aus Megmars Erzählung. Die Stufen waren zu gleichmäßig, das ausgetrocknete Flussbett zu gezielt. Selbst die verstreuten Tierknochen entlang des Weges wirkten wie Reste eines uralten Rituals. Ein Ort voller Bedeutung, dessen Glanz vergangen war – aber nicht ganz erloschen. Wenn die Erzdämonen einst wirklich hier gewandelt waren, wie in den Geschichten erzählt wurde – wo waren sie jetzt? Was war aus ihrer Macht geworden? Warum war der Berg verlassen? Dann, plötzlich, ein dunkler Schatten in der Gesteinswand. Alexandra blieb stehen. Dort, hinter einer scharfen Biegung des Pfades, zeichnete sich eine Struktur ab. Keine natürliche – sondern von Hand, oder etwas Vergleichbarem, geschaffen. Eine Tür. Groß. Massiv. Schwarz wie Nacht. In die Felswand eingelassen wie das Herz eines alten Riesen. Langsam näherte sie sich. Je näher sie kam, desto deutlicher konnte sie ihre Ausmaße erkennen – es war kein gewöhnlicher Eingang, keine einfache Tür. Es war ein Tor. Höher als ein Haus, mit einem schweren Ringgriff aus dunklem Metall, das sich kühl unter ihrer Hand anfühlte. Eingraviert in das schwere Holz – oder war es Stein? – waren seltsame Worte. ,,Estari Elnahrur Dawn Egali´Rostrof’’ Sie verstand keine Silbe. Die Sprache war ihr völlig fremd, und doch hatte sie das Gefühl, dass diese Worte Macht in sich trugen. Etwas an ihnen ließ sie erschaudern. Zunächst versuchte sie es auf die einfache Weise. Sie packte den Ringgriff mit beiden Händen, stemmte sich dagegen, zog und rüttelte – doch das Tor blieb verschlossen, unbeweglich wie der Berg selbst. Schon wollte sie sich abwenden, als eine Idee in ihr aufstieg. Vielleicht... vielleicht war es kein physisches Hindernis. Vielleicht war dies ein Ort der Worte. Und so hob sie den Kopf, stellte sich gerade hin und atmete tief durch. ,,Estari Elnahrur Dawn Egali´Rostrof!’’ Ihre Stimme war fester, als sie erwartet hatte. Für einen Herzschlag geschah nichts. Doch dann bebte der Boden leicht unter ihren Füßen. Der Ringgriff vibrierte, ein dumpfes, tiefes Grollen drang aus der Tür selbst, als würde etwas auf der anderen Seite erwachen – etwas Altes, etwas, das lange geschlafen hatte. -------------------------------------------------------------------------- Langsam öffnete sich das gigantische Tor und offenbarte Alexandra einen Schlund, der schwärzer war als jede Nacht, die sie je erlebt hatte. Die Schwärze war vollkommen – ein undurchdringlicher Schatten, der das Licht zu verschlingen schien. Kein Sonnenstrahl drang hinein. Nichts reflektierte. Es war, als sei dort kein Raum, sondern die Abwesenheit von Raum. „Was zum…“ flüsterte sie, mehr zu sich selbst als zu irgendwem – denn sie war allein. Sie zündete eine Fackel an, in der Hoffnung, das Innere sichtbar zu machen. Doch kaum hielt sie die brennende Spitze hinter die Tür, geschah etwas Unerwartetes: Das Licht wurde regelrecht verschluckt. Nicht schlagartig, nicht gewaltsam, sondern mit einer unheimlichen Ruhe – wie Wasser, das lautlos in schwarzen Sand sickert. Die Flamme verlor ihre Kraft. Sie war noch da, flackerte leise, doch sie schien gegen einen unsichtbaren Schleier anzukämpfen, der dem Licht den Zutritt verwehrte. Alexandra schluckte. Ihr Herz klopfte spürbar gegen ihre Rippen. Und doch… sie machte einen Schritt. Der Boden war feucht, fast klebrig, und uneben wie eine alte Wurzelstraße. Ihre Finger tasteten sich an der Wand entlang, fanden kaum Halt, nur kalten, porösen Stein, der manchmal nachgab und dann wieder hart wie Glas wurde. Ein bitteres Lachen entrang sich ihrer Kehle – ein Reflex, geboren aus Nervosität und wachsender Erkenntnis. Was tat sie hier eigentlich? Ihre Vorräte waren knapp, das Wasser fast aufgebraucht, der Weg zur Spitze unklar – und nun betrat sie, als hätte sie den Verstand verloren, einen Tunnel, der wie ein Schlund zu den Tiefen wirkte. Das war Wahnsinn. Doch etwas trieb sie weiter. Jeder Schritt war eine stille Bekenntnis der Angst. Schritt für Schritt glitt sie tiefer hinein, bis die Welt um sie herum endgültig zu verstummen schien. Kein Licht mehr. Kein Laut. Selbst das Rutschen ihrer Stiefel auf dem Boden erstarb, als hätte auch der Schall Angst, sich in dieser Dunkelheit zu verirren. Ihre Sinne waren nutzlos. Nur der Druck unter ihren Sohlen, nur das Tasten ihrer Finger – das war alles, was ihr blieb. Schweiß rann ihren Rücken hinab. Die Stille wurde zur Präsenz, fast körperlich. Ihr Herz schlug schneller, raste schließlich. In ihrem Kopf wuchs das Bedürfnis, umzukehren. Alles in ihr schrie danach. Die Dunkelheit wollte sie nicht. Der Berg wollte sie nicht. Das hier war nicht für sie gedacht. Doch dann flüsterte sie: „Nein... wenn ich jetzt umkehre, kann ich Leyla nie wieder unter die Augen treten…“ Doch selbst dieser Satz, dieser trotzig gesprochene Satz, wurde vom Nichts verschluckt. Kein Echo, keine eigene Stimme. Ihre Worte verpufften, als wären sie nie ausgesprochen worden. Dann – ein Moment der Veränderung. Plötzlich verschwand der Boden unter ihren Füßen. Sie trat ins Leere. Ihr Körper stürzte nach vorne, als hätte jemand ihr die Welt entrissen. Ein Schrei löste sich aus ihrem Mund, ein stummer Schrei, der von der Finsternis geraubt wurde. Sie fiel, nein – sie rutschte. Ihre Glieder schlugen hart auf eine abschüssige Fläche, schlitterten über Geröll, über rauen Stein, durch Schlamm und Kälte. Der Sturz endete abrupt – ihr Körper schlug gegen eine Wand mit solcher Wucht, dass ihre linke Schulter splitterte. Sie spürte, wie etwas in ihr zerbrach. Der Schmerz war unmittelbar, brennend, beißend. Doch auch diesmal – kein Geräusch. Kein Knacken, kein Ächzen, kein Stöhnen. Nur das dumpfe Pochen in ihrem Innern. Keuchend, schweißgebadet und mit schmerzerfülltem Gesicht rappelte sie sich auf. Jeder Atemzug brannte. Tränen stiegen ihr in die Augen, nicht vor Schmerz, sondern vor purer Erschöpfung. „Ich wusste… ich wusste, dass es eine verdammte dumme Idee war…“ dachte sie und spuckte etwas Blut auf den Boden. Doch dann… flackerte etwas in der Ferne. Ein schwacher Schimmer. Violett. Blass. Aber da. Alexandra blinzelte, hielt die Luft an. War es Einbildung? Ein Licht in dieser Dunkelheit? Sie kniff die Augen zusammen, tastete mit zitternden Fingern an der Wand entlang. Nein – da war wirklich etwas. Eine Farbe, ein Leuchten, etwas, das sich abgrenzte vom alles verschluckenden Nichts. Und ohne zu zögern, trotz des Schmerzes in ihrer Schulter, bewegte sie sich darauf zu. Denn selbst ein trügerisches Licht war besser als das endlose Schwarz. -------------------------------------------------------------------------- Als Alexandra endlich den violetten Schimmer erreichte, öffnete sich vor ihr eine gewaltige Halle. Ihre Schritte führten sie aus der alles verschlingenden Dunkelheit in einen Raum, der zugleich offen und beklemmend wirkte – ein Ort, der älter war als Worte, älter als Erinnerung. Es gab keine sichtbare Lichtquelle, keine Fackeln, keine Flammen – und doch war alles getaucht in ein unnatürliches, tiefes Violett. Es schien, als käme das Leuchten aus dem Stein selbst, aus der Luft, aus dem Nichts. Mit pochender Schulter und schwankenden Schritten betrat Alexandra die Halle. Sie tastete sich voran, vorsichtig und misstrauisch, den Blick stets auf das Zentrum gerichtet – denn dort stand sie: eine riesige Statue, die im schimmernden Licht wie ein Schatten inmitten der Leere thronte. Erst als sie weiter vortrat, fiel ihr ein weiteres Detail auf – sie konnte wieder hören. Ihre Schritte hallten über den Boden, dumpf und rhythmisch, als hätte der Berg ihr die Geräusche endlich zurückgegeben. Es war wie ein Erwachen. Die Statue, der sie sich näherte, war mindestens fünfzehn Meter hoch. Der Unterleib fehlte – sie begann auf einem massiven Sockel, auf dem sich schwarze Risse wie Adern über uralten Stein zogen. Die Figur selbst zeigte einen männlichen Körper, kräftig, bedrohlich, mit einem verzerrten, höhnischen Grinsen. Zwei gewaltige Hörner wuchsen aus der Stirn, gebogen wie Klingen. Die Arme hatte die Gestalt vor der Brust verschränkt, die Finger ruhten wie Krallen auf den Schultern. Alexandra hob langsam den Kopf, betrachtete das Gesicht. Es war perfekt gemeißelt, beinahe zu lebendig – als würde es jeden Moment blinzeln. Das Grinsen war kein Lächeln. Es war ein Versprechen. Oder eine Warnung. Vor dem Sockel befand sich eine breite Metalltafel, eingefasst in schwarzes Gestein. Der Text, der darauf stand, war in derselben Sprache verfasst wie schon am Tor. ,,Hornak Lenerin Zil tarktak’’ Alexandra kniff die Augen zusammen. Wieder verstand sie nur Bruchstücke – und doch sprang ihr eines der Worte ins Auge. Zil. Der Name hallte in ihr nach. Zil – der Erzdämon der Dunkelheit, der Täuschung, der Spiegel, der sich stets selbst verhüllt. Megmar hatte sie gewarnt. Von allen zehn Erzdämonen war Zil der, dem man am wenigsten trauen durfte. Nicht weil er am grausamsten war – sondern weil man nie wusste, was er vor hatte. Alexandra trat einen Schritt näher, ihre Finger zitterten, als sie die Kante des Sockels berührte. Es war kalt. Kälter als alles, was sie zuvor gespürt hatte. Sie sog scharf die Luft ein und versuchte, den Schmerz in ihrer Schulter zu ignorieren. „Ist das hier also… wirklich einer der Orte, die unter dem Berg verborgen liegen?“ murmelte sie leise, mehr ein Gedanke als eine Frage. Doch da geschah es. Ohne Vorwarnung. Ohne dass der Raum sich veränderte. Eine Stimme. Eine Stimme, so tief und fremdartig, dass ihr das Blut in den Adern gefror. Sie war kein Laut. Sie war ein Eindringen – in den Kopf, ins Herz, in den Knochen. Alexandra zuckte zusammen, riss instinktiv die Hand zurück. Ihre Augen weiteten sich. Die Stimme war überall – sie war hinter ihr, vor ihr, in ihr. ,,Was macht eine so schwache Sterbliche an diesem Ort?’’
- Kapitel 170 - Der Berg der Zehn
Im abgelegenen Nordosten des Kaiserreichs, dort wo sich zwei Welten zu berühren scheinen – die Endlose Wüste des Ostens mit ihrer trockenen, sengenden Weite und der ungezähmte Denja-Dschungel mit seinen lebenden Schatten und rauschenden Wipfeln – erhebt sich ein einzelner Berg. Seine Flanken sind karg, von tiefen Rissen durchzogen, seine Spitze oft von schweigendem Nebel umhüllt. Er trägt einen Namen, der selbst unter Gebildeten nur flüsternd ausgesprochen wird: der Berg der Dämonen. Er liegt nicht weit von Karintes entfernt, jener alten Stadt am Rand der Wüste, die seit Jahrhunderten als Zentrum der kameristischen Kirche dient. Eine halbe Tagesreise zu Fuß – mehr ist es nicht – und doch wirkt der Berg, als läge er in einer anderen Welt. Einer dunkleren, einer älteren. Noch lange vor dem Großen Krieg, in einer Zeit, die von den meisten Chronisten mit vorsichtiger Distanz beschrieben wird, war dieser Ort das spirituelle Herz eines Glaubens, der nie wirklich zentral organisiert war, aber trotzdem in seiner Gesamtheit das Reich erschüttern konnte: der Dämonenkult. Der Begriff "Kult" wird der Wahrheit dabei kaum gerecht. Was als Dämonenkult bezeichnet wird, war nie eine einzige Lehre, nie eine geeinte Religion – sondern ein Mosaik aus hunderten, vielleicht sogar tausenden Splittergruppen, Sekten, Orden und Einsiedlern. Menschen, Elfen, Lupiden und andere Völker scharten sich um die Namen der Zehn – der Erzdämonen, deren Einfluss durch Geschichte, Magie und Blut tief ins Wesen der Welt selbst eingesickert war. Allen Gruppen gemein war nur eines: Sie glaubten an die Existenz und die Bedeutung dieser zehn uralten Entitäten. Einige verehrten sie als Retter, andere als Richter, manche als Vorboten eines neuen Zeitalters. Für manche waren sie Götter, für andere Lehrer. Für wieder andere schlicht Werkzeuge zur Erkenntnis. Es war kein Glaube, den man mit einem Gebet begann und mit einem Ritual beendete. Es war eine Art zu leben – oft chaotisch, radikal individuell und dennoch auf seltsame Weise verbindend. Unter diesen unzähligen Pfaden stachen manche besonders hervor. Da waren zum Beispiel die Jünger des Anfangs – eine Gruppe, die dem ersten Erzdämon folgte, von manchen auch nur „der Ursprung“ genannt. Sie galten als stille Hüter der Schwächsten, schützten Jungtiere, Neugeborene, Kranke. Ihr Dogma verbot jede Gewalt gegenüber dem Wehrlosen. Es heißt, dass sie einst eine Gruppe von Kannibalen auslöschten – nicht aus Rache oder Mordlust, sondern für die erbarmungslose Verhinderung weiteren Leids. Ihnen gegenüber standen radikalere Gruppen wie der sogenannte Fluch des Donners. Ihre Anhänger dienten Bläsk, dem Erzdämon des Donners. In ihrer Weltanschauung war Donnermagie nicht einfach ein Werkzeug, sondern die höchste Form der Erlösung. Für sie war der Tod durch Blitz und Sturm kein Ende, sondern der Eintritt in einen Zustand reiner Freiheit. Es war ein Kult, der sich selbst nicht als mörderisch verstand – sondern als befreiend. Andere Gruppen verschwanden in der Dunkelheit der Geschichte. Einige verbrannten sich selbst in heiligen Feuern, um das Fleisch zu reinigen. Andere existierten nur in Geschichten – von Nomaden erzählt, von Verrückten niedergeschrieben. Manche pflegten Kontakte zueinander, andere führten erbitterte Kriege im Namen ihrer jeweiligen Götter. Und einige waren sich schlicht gleichgültig, als lebten sie auf verschiedenen Ebenen. Doch so unterschiedlich ihre Ansichten auch waren – in einem Punkt waren sie sich einig: der Berg der Dämonen war heilig. Jahr für Jahr machten sich Pilgergruppen aus allen Himmelsrichtungen auf den Weg. Zu Fuß, auf knarrenden Wagen, getragen von tierischen Begleitern oder kriechend durch den Sand – egal wie, sie kamen. Manche stiegen schweigend empor, andere mit Gesängen, Schreien oder in Ekstase. Nicht wenige fanden dort den Tod. Der Gipfel war für viele das Ende einer Lebensreise. Für andere war er der Beginn einer neuen. Doch immer war er ein Ort, an dem sich etwas veränderte. Etwas, das keine kaiserliche Chronik je genau festzuhalten vermochte – und kein Sterblicher je vollständig verstand. - ------------------------------------------------------------------------- Alexandra öffnete die knarrende Holztür der heruntergekommenen Gaststätte namens „Sandsturm“ . Ein Schwall trockener Luft, vermischt mit dem dumpfen Geruch von altem Wein, Leder und etwas, das sie vage an Kamele erinnerte, schlug ihr entgegen. Sie trat ein, stieg über die Schwelle, als würde sie damit auch eine Grenze in sich selbst überschreiten. Das Dorf Raahs lag still da, verloren zwischen dem flirrenden Gold der Wüste und den schroffen Schatten des gewaltigen Felsmassivs, das sich gleich dahinter erhob – dem Berg der Dämonen. Ein Ort, der noch mehr eine Legende als ein geographischer Punkt war. Und doch war sie hier. Lange hatte sie mit sich gerungen. Der Drachar – dieser bleiche Mann – hatte sie getötet. Ihr Herz hatte aufgehört zu schlagen, das Leben war aus ihrem Körper gewichen. Und dann hatte er sie zurückgebracht. Einfach so. Als wäre es nichts. Und er hatte ihr gesagt: „Geh zum Berg der Dämonen, nördlich von Karintes.“ Alexandras Kiefer spannten sich, als die Erinnerung an Tunike zurückkehrte. An das Massaker. Den Staub, das Blut. Die Kälte in ihren Fingern. Und vor allem: an die leblosen Körper von Jevry, Betty und Karst – ihren Begleitern, ihren Freunden. Jeder einzelne von ihnen hatte für sie gestritten, gelacht, gekämpft. Und dennoch waren sie an diesem Abend gestorben. Sie wollte nicht daran denken. Nicht jetzt. Also drängte sie den Schmerz zurück. Schob ihn beiseite, wie man eine Tür schließt, die in einem brennenden Raum führt. Stattdessen erinnerte sie sich an das, was sie durchhalten ließ, was sie aufrecht hielt: Der Wunsch nach Rache. Kalt, zielgerichtet, unumstößlich. [???] „Guten Abend, junge Dame. Was kann ich Ihnen anbieten?“ Die Stimme war rau, aber freundlich, gezeichnet von einem langen Leben. Ein alter Wirt stand hinter der Theke. Seine Schultern hingen leicht durch, die Stirn war zerfurcht, und seine Augen blitzten trotz allem hellwach unter buschigen Brauen hervor. In seinen Händen rotierte ein staubiges Glas, das er mit einem Lappen polierte, der kaum sauberer wirkte. Alexandra spürte, wie ein Teil der Spannung von ihr abfiel. Die staubige Luft, das schummrige Licht, das Knacken der Deckenbalken – es war alles nicht gerade einladend, aber es war vertraut. Irgendwie. Sie ließ sich auf einen der knarzenden Holzstühle fallen, die an der Theke standen, und atmete tief durch. „Einen Wein“, sagte sie knapp. Der Wirt nickte und zog eine Flasche unter der Theke hervor. Das Etikett war halb abgeblättert, aber er behandelte sie mit einer Sorgfalt, als wäre sie ein wertvoller Jahrgang. Er stellte ein Glas auf die Theke – das kaum weniger verstaubt war als das in seinen Händen – entkorkte die Flasche mit einem leisen Knacken und schenkte ein. „Mein Name ist Megmar. Freut mich, Alexandra. Junge Leute wie du verirren sich selten nach Raahs. Schon gar nicht allein.“ Sie sah kurz auf den Wein. Ein paar Sandkörner trieben auf der Oberfläche wie kleine, unbeirrbare Boote. Für einen Moment überlegte sie, ob sie es ansprechen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Sie nahm einen Schluck. Der Wein war warm, aber er brannte angenehm. „Alexandra“, erwiderte sie knapp. Kein Titel, keine Herkunft. Nur ihr Name. Megmar lächelte. „Und, was führt dich hierher? Raahs ist kein Ort, den man zufällig betritt.“ Sie schwieg einen Moment. Dann antwortete sie. Vielleicht war es der Wein, vielleicht die Müdigkeit, vielleicht auch einfach das Bedürfnis, nach Tagen der Einsamkeit wieder eine Stimme zu hören. ,,Ich will auf den Berg der Dämonen steigen.’’ Der Wirt hob eine Augenbraue, langsamer als nötig, als hätte er diese Bewegung jahrelang geübt. „Auf den Berg also...“ murmelte er. „Das ist lange her, dass jemand das gesagt hat. Die letzten, die es versucht haben, kehrten gebrochen zurück. Manche gar nicht.“ Alexandra zuckte mit den Schultern. „Kann dir doch egal sein, Megmar.“ Ihre Stimme war kühl, nicht unfreundlich – aber klar. Sie wollte keine Ratschläge. Nicht von ihm. Nicht von irgendwem. Der Wirt jedoch schien sich daran nicht zu stören. Im Gegenteil. Er lachte leise in sich hinein, als würde er das schon oft gehört haben. „Weißt du“, sagte er und lehnte sich auf den Tresen, „wenn du möchtest, kann ich dir eine alte Geschichte erzählen. Eine, die in unserem Dorf seit vielen Generationen weitergegeben wird.“ Alexandra setzte an, um zu antworten, doch es war bereits zu spät. Megmar hatte sich in Bewegung gesetzt, wie ein altes Uhrwerk, das einmal angestoßen nicht mehr aufzuhalten war. Seine Stimme wurde ruhiger, tiefer, und seine Augen blickten nicht mehr sie an – sondern schienen auf etwas Unsichtbares zu starren. Auf eine Erinnerung, die älter war als sie selbst. Alexandra schloss die Augen für einen Moment, ließ den Wein auf ihrer Zunge verweilen. Vielleicht war es Unsinn. Vielleicht war es bedeutungslos. Aber irgendein Teil von ihr wollte die Geschichte hören. Und irgendetwas sagte ihr, dass sie wichtig sein könnte. Megmar begann zu erzählen. - ------------------------------------------------------------------------- Die zehn Erzdämonen waren uralt – so alt, dass selbst die ältesten Erzählungen ihrer Entstehung nur in Mythen und Liedern verbreitet wurden. Sie waren mehr als nur Gestalten der Macht oder entfernte Götter. Sie waren unsterbliche Wesen, Spiegelungen urtümlicher Kräfte, denen Sterbliche mit Ehrfurcht und Hingabe begegneten. Seit Jahrtausenden schon erfreuten sie sich an jenen, die ihnen folgten – Menschen, Elfen, Sectododen, Lupiden und andere Völker, die in ihren Namen beteten, Opfer brachten und Pilgerfahrten unternahmen. Eines Tages jedoch erhob sich unter ihnen eine Stimme – sanft, aber durchdringend. Es war Mew, die Schutzherrin der sterblichen Wesen. Unter den Erzdämonen war sie diejenige, die den Menschen am nächsten stand, die sich für deren Sehnsüchte, Zweifel und Schwächen interessierte. Sie sprach zu ihren Geschwistern: Die Sterblichen bräuchten mehr als nur Träume, Symbole oder stille Zeichen – sie brauchten einen zentralen Ort, einen heiligen Berg, zu dem sie beten, auf dem sie wandern, an dem sie glauben konnten. Die Erzdämonen berieten sich, und es war das erste Mal seit Ewigkeiten, dass sie fast einer Meinung waren. So begannen sie gemeinsam, den Ort zu erschaffen, der später zum Zentrum des Dämonenkults werden sollte – den Berg der Dämonen. An der Grenze zwischen der Endlosen Wüste und dem grünen Wall des Denja-Dschungels, genau dort, wo der Sand der Hitze und der Nebel des Dickichts aufeinanderprallten, trat Dharait hervor. Der Erzdämon der Erde, uralt und unbeweglich wie der Grund selbst, stampfte mit seinem Fuß auf, und der Boden erbebte. Er erhob Stein um Stein, riss den Wüstensand empor, ließ Schluchten bersten und Geröll zu Türmen schichten. Hundert Meter, dann zweihundert, dann tausend. Der Berg wuchs und wuchs, bis er schließlich in die Wolken ragte und seine Spitze sich im Nebel verbarg. Demes, die wilde Erzdämonin der Jagd, trat als Nächste vor. Ihre Augen glänzten, als sie das wüste Gestein betrachtete. Mit einem Schrei rief sie die Natur zu sich. Lianen wucherten an den Hängen hinauf, uralte Bäume schlugen Wurzeln in den Spalten, Moose und Blumen breiteten sich auf Felsen aus. Tiere aller Art – von den tiefsten Höhlen bis zu den höchsten Wolken – kamen. Sie gehorchten ihrem Ruf, und sie blieben, um den Berg zu bewachen, zu bewohnen, zu bezeugen. Dann erschien Banyu. Der Erzdämon des Meeres, begleitet von dem stetigen Rauschen seiner Wellen. Er legte seine kalte Hand in die Wüste und zog mit einem einzigen Schwung das Wasser des fernen Meeres heran. An der Spitze des Berges erschuf er eine Quelle – ein fließendes Wunder. Das Wasser stürzte in Kaskaden herab, ein Strom, der über Felsen tanzte, sich durch das Gestein schlängelte und schließlich wieder in die Tiefen des Meeres zurückfand. Bläsk, Erzdämon des Donners, erschien mit einem Knall, der den Himmel zerriss. Er lachte, laut und dröhnend, und schleuderte ein Stück seines Zorns in die Wolken. Ein Gewitter entstand – nicht eines von dieser Welt, sondern ewig, zornig, wachsam. Es würde für alle Zeiten über der Bergspitze toben und nur jenen weichen, die würdig waren, das Obere zu sehen. Zil, der Schatten in Person, der Erzdämon der Dunkelheit, trat still hinzu. Er sprach kein Wort, aber sein Wille war mächtig. Er hüllte den gesamten Berg in eine verborgene Schleierwelt – eine Barriere, die neugierige Blicke abhielt und nur jene hindurchließ, die etwas suchten, das größer war als sie selbst. In das Herz des Berges grub er ein Labyrinth aus Tunneln, Gängen und Hallen. In ihnen verbarg er Wissen, Rätsel, Relikte. Manche sagen, wer dort stirbt, lebt ewig als Frage. Mew trat nun selbst hinzu. Von den Bemühungen ihrer Geschwister tief bewegt, entschied sie sich, die Reise zum Gipfel möglich zu machen – aber nicht einfach. Sie erschuf die Treppen der Ewigkeit. Weiß wie Schnee, aber härter als jedes Gestein, unzerstörbar, zeitlos. Stufe für Stufe, Tag für Tag, führten sie bis zum höchsten Punkt. Und wer sie betrat, vergaß für eine Weile sein Alter, seine Zeit – vielleicht sogar sich selbst. Kaen, der Flammenfürst, rief seine Glut herbei. Der Erzdämon des Feuers schuf unter dem Berg ein Herz aus glühender Lava. Es war sein Geschenk: kein Pilger sollte je auf diesem Berg frieren. Die Wärme, die das Gestein ausstrahlte, war sanft, durchdringend, uralt. In den kältesten Nächten brannte der Berg wie eine Erinnerung an Leben. Jess, die Erzdämonin des Krieges, handelte als vorletzte. Ihre Gaben waren Waffe und Prüfung. Sie erschuf unzählige Naturgeister – Wesen aus Stein, Wasser, Wind, Feuer und Schatten – die über den Berg wachten. Sie dienten nicht dem Schutz, sondern dem Maßstab. Jeder Pilger würde geprüft werden. Nicht alle würden es schaffen. Und schließlich trat er hervor: der Erste, der Älteste, der namenlose Herr unter den Erzdämonen. Mit einem Fingerzeig erschuf er auf der Spitze des Berges zehn gewaltige Statuen – jede mehrere Dutzend Meter hoch. Jede zeigte ein Abbild eines der Erzdämonen – groß, unnahbar, aber voller Bedeutung. Sie blickten hinaus in alle Himmelsrichtungen – Zeugen ihrer gemeinsamen Schöpfung. Nur einer von ihnen fehlte. Geeri, der Erzdämon des Todes, war nicht gekommen. Er hatte sich geweigert, etwas beizutragen. „Was lebt, stirbt. Mehr braucht es nicht“, soll er gesagt haben. Doch es gab über die Jahrhunderte immer wieder Flüsterer in Raahs – alte Männer, verbitterte Seher, stumme Wächter – die behaupten, Geeri sei doch gekommen. Nicht damals. Später. Viel später. Und dass sein Geschenk tiefer im Berg verborgen liegt als jedes andere. Etwas, das man nicht suchen sollte. Nur finden, wenn man bereit ist, alles zu verlieren. - ------------------------------------------------------------------------- Erschöpft ließ sich Alexandra auf das Bett im einzigen Gästezimmer der Taverne fallen. Das schmale Fenster stand offen, und der warme Wüstenwind trug feinen Sand mit sich, der sich in den zerknitterten Laken gesammelt hatte. Doch das störte sie nicht. Sie war zu müde, zu betäubt, als dass ihr das raue Kratzen der Körner auf der Haut etwas ausgemacht hätte. Ihr Blick verlor sich an der Decke, während sich die Gedanken schwer und unaufhaltsam in ihrem Kopf drehten – Gedanken, die um den Wein kreisten, den sie getrunken hatte. Zwei Flaschen. Zuerst war das Betreten der Taverne bloß ein Versuch gewesen, dem Staub, der Hitze und ihrer inneren Rastlosigkeit zu entkommen. Doch dann war Megmar gekommen, der Wirt mit dem warmen Lächeln und der Stimme eines alten Geschichtenerzählers. Und er hatte erzählt. Nicht eine, nicht zwei, sondern Dutzende von Legenden. Die Geschichte vom Berg – seiner Erschaffung durch die Erzdämonen – hatte sie besonders gefesselt. Megmars Worte hatten etwas in ihr geweckt, das sie selbst kaum benennen konnte. Nicht Glaube, nicht Hoffnung – aber Neugier, vielleicht. Oder ein tiefer Zweifel, der sich langsam, aber stetig in ihr ausbreitete. Alexandra hatte nie viel gehalten von den Göttern, weder von Kamera noch von den Erzengeln. Für sie waren sie Geschichten gewesen, Märchen für Kinder oder politische Werkzeuge für jene, die mit göttlicher Legitimation ihre Herrschaft festigen wollten. Allmächtige Wesen, die über die Welt wachten? Die über Leben und Tod entschieden? Sie hatte diesen Gedanken stets abgelehnt, hatte ihn belächelt oder mit Bitterkeit zurückgewiesen. Doch in letzter Zeit war etwas in ihr ins Wanken geraten. In den letzten Wochen hatte sie Dinge gesehen, die nicht in ihr Weltbild passten. Dinge, die sich nicht mit Logik erklären ließen. Magie, die jede bekannte Grenze überschritt. Wesen, die mehr waren als nur Fleisch und Blut. Und dann war da jener Abend in Tunike gewesen. Der Drachar. Alexandras Magen krampfte sich zusammen, als sie an diesen Moment zurückdachte. An das Leuchten des Steins. An den Klang der Stimmen, der aufhörte, als würde jemand das Leben selbst ersticken. An das Blut. Karst, Jevry, Betty – weg. Fort. Ausgelöscht in einem einzigen Herzschlag. Und sie? Sie war zurückgeholt worden. Vom selben Mann, der sie getötet hatte. Der sie nun angewiesen hatte, den Berg der Dämonen zu betreten. Als wäre sie eine Figur in einem Spiel, dessen Regeln sie nicht verstand. „Was war das nur für ein Stein?“ flüsterte sie in die Dunkelheit, mehr zu sich selbst als zu jemand anderem. Ihre Stimme war rau vom Wein, brüchig von der Erinnerung. Der Stein war kein gewöhnliches Artefakt gewesen. Seine Kraft hatte nicht nur getötet – sie hatte ausgelöscht. Entfesselt. Zerschmettert. Und der Drachar? Er hatte von Leyla gesprochen. Von einem Wettlauf. Er hatte gesagt, dass er ihr zuvorkommen wollte. Alexandras Atem ging schneller. Ihre Finger krallten sich in die staubige Decke, während sich eine Welle aus Wut und Entschlossenheit in ihr aufbäumte. Nicht nur hatte er ihr genommen, was ihr am meisten bedeutet hatte. Nun wollte er auch Leyla schaden. Leyla, die sie zu lieben gelernt hatte, die sie bewunderte. Damals, an jenem Abend, hatte sie sich bereits entschieden. In dem Moment, in dem sie aus dem Tod zurückgekehrt war, war ihre Richtung klar gewesen. Und doch sprach sie die Worte jetzt erneut, um sich selbst zu vergewissern, um ihrem Entschluss Gewicht zu geben. „Ich werde auf den Berg steigen. Und danach… werde ich zu Leyla gehen. Und ihr alles erzählen.“ Der Wind strich durch die Fensteröffnung und trug ein leises Heulen durch das Zimmer. Draußen erstreckte sich die Wüste in alle Richtungen, und über dem Berg im Osten blitzte ein ferner Lichtschein. Alexandra schloss die Augen. Morgen würde der Aufstieg beginnen. Und nichts würde sie mehr aufhalten.
- Kapitel 169 - Ein Funke in der Asche
Jamalls Hände zitterten, als die letzten warmen Tränen über seine Wangen liefen und auf Bournadettes blasser Stirn zerplatzten. Ihr Körper lag schwer in seinen Armen, ein schlaffes Bündel aus Muskeln, Blut und gebrochener Würde. Das Lächeln auf ihren Lippen war erstarrt, eingefroren in einem Ausdruck zwischen Frieden und Schmerz, als hätte sie den Tod umarmt, um ihn zu erlösen. Jamall sank tiefer auf die Knie, der Fels unter ihm war hart und kalt, doch es war sein eigenes Inneres, das sich wie Stein anfühlte. Seine Brust bebte unter stummen Schluchzern, die sich nicht lösen wollten, sondern feststeckten wie ein Kloß aus Schuld und Trauer. Bruno, der treue Halbdrachen, trat langsam näher. Sein massiger Kopf senkte sich, die Schnauze berührte sacht Jamalls Schulter. —GRUU— Ein tiefes, kehliges Grollen, das aus dem Inneren seines gewaltigen Leibes zu kommen schien. Ob es Trost war? Oder ein stiller Vorwurf? Vielleicht beides. Vielleicht war es auch nur der Laut eines Wesens, das das Unbegreifliche spürte, ohne es benennen zu können. Die Dunkelheit senkte sich über den Gipfel, ein schwerer Schleier aus kaltem Wind und schwärzlichem Nebel, der langsam jede Farbe verschluckte. Die Sonne war längst hinter den Zinnen des Horizonts verschwunden, und mit ihr schwand auch das letzte Restlicht des Tages. Nur das Schwert der fünf Monde – schwebend über dem Altar – warf noch einen schwachen, geisterhaften Schein auf Jamalls Gesicht. In dem metallischen Glanz spiegelten sich seine tränennassen Augen, leer und entstellt von der Erkenntnis dessen, was er getan hatte. Hatte sie es gewusst? Dieser Gedanke kroch langsam in ihn hinein, wie ein kalter Finger, der in eine frische Wunde fuhr. Hatte sie geahnt, was geschehen würde? Bournadette war schneller, stärker gewesen. Sie hätte ihn aufhalten können. Mit einem Handgriff, einem Tritt, einem scharfen Wort – und doch hatte sie es nicht getan. Sie hatte sich dem Dolch nicht entzogen. Sich nicht gewehrt. Oder war sie so blind gewesen vor Vertrauen? Jamalls Magen zog sich zusammen, als die Antwort in ihm gären wollte. Hatte sie geglaubt, dass er sich zurückhalten würde? Dass er niemals fähig wäre, ihr weh zu tun? Dass er... sie liebte? Und wenn das so war, hatte er sie dann nicht nur ermordet, sondern auch verraten? Ihre Hoffnung, ihr letztes Vertrauen, das leise Lächeln auf ihren Lippen – all das hatte er mit einer einzigen Geste zerschmettert. Er hob den Blick. Über ihm spannte sich der Himmel wie eine endlose Decke aus samtigem Schwarz. Die Sterne funkelten leise, gleichgültig, fern. Doch einer darunter... einer war anders. Er blinkte. Hell. Dann dunkel. Dann wieder hell. In einem gleichmäßigen Rhythmus. Wie ein Zucken. Ein... Zwinkern. Jamalls Augen weiteten sich. Ein kalter Schauder rann ihm über den Rücken. Hatte sie ihm ein Zeichen hinterlassen? War dies Zufall oder Fügung? Oder vielleicht auch nur Einbildung – geboren aus einem Geist, der sich nicht in Schuld verlieren wollte? Langsam senkte er den Blick und legte Bournadette sanft auf den Felsen. Ihre Finger schloss er ineinander, faltete sie über ihrer Brust, als wollte er ihr mit dieser letzten Geste ein Stück Würde zurückgeben. Sein Blick verweilte auf ihrem Gesicht, auf ihren geschlossenen Augen, auf dem feinen Blutfilm, der ihre Haut befleckt hatte – ein Abschied in Rot, wie es zu ihr passte. Dann stand er auf. Langsam. Zögernd. Sein Körper schmerzte, doch er spürte es kaum. Der Blick richtete sich auf das Schwert. Es wartete. Und er wusste: Es war Zeit. - ------------------------------------------------------------------------- Jamalls Schritte waren schwankend, doch sie führten ihn unerbittlich vorwärts – Zentimeter um Zentimeter, als trüge er die Last von Jahrhunderten auf seinen Schultern. Der Wind strich schneidend über den kahlen Gipfel, riss an seinem Mantel, peitschte ihm durch das zerzauste Haar. Die Kälte des Steins nagte an seinen Knien, seine Gelenke protestierten bei jedem Schritt, sein Rücken pochte dumpf von dem Aufstieg – und doch war all das wie durch einen Schleier von ihm getrennt. Er spürte es nicht. Nichts drang mehr zu ihm durch. Als hätte sich mit Bournadettes Herz auch seines aus dieser Welt verabschiedet. Als hätte ihr Tod ihn leer gefegt, bis nur noch ein Körper übrig geblieben war, der seinem letzten Ziel entgegenstolperte. Vor ihm schwebte das Schwert der fünf Monde über dem Altar. Wie eine ewige Flamme, ein Zeuge aus einer Zeit vor der Zeit. Eingehüllt in den gläsernen Schimmer der Magie wirkte es wie etwas Unantastbares, ein Stück Vergangenheit, das sich niemals berühren ließ. Und doch vibrierte die Luft um es herum, als hätte sie seine Gegenwart gespürt. Die fünf Juwelen am Griff leuchteten in ihrem eigenen Takt, schwarz, gelb, weiß, blau, violett – jedes Pulsieren ein Herzschlag, jeder Lichtschein ein fremdes, uraltes Bewusstsein. Jamalls tränennasse Augen spiegelten die Farben, und für einen Moment glaubte er, dass sie ihn ansahen. Dass sie ihn erkannten. Zögernd, fast andächtig, hob Jamall die Hand – jene Hand, mit der er eben noch getötet hatte. Und diesmal begegnete sie keinem Widerstand. Kein Aufblitzen der Barriere, kein Aufbäumen der magischen Wand. Stattdessen wich sie zurück wie Nebel, der vom Licht vertrieben wurde. Lautlos. Vollkommen. Es war, als würde die Welt selbst sich öffnen, ihm Platz machen, ihn einladen. Irgendetwas war geschehen. Irgendetwas hatte sich verändert. Etwas war erfüllt worden. Seine Finger schlossen sich um den Griff des Schwertes. Und in dem Moment durchzuckte ihn ein Gefühl, das alles übertraf, was er je erlebt hatte. Keine Schmerzen – etwas Tieferes. Etwas Ursprünglicheres. Es war, als würde sein Fleisch umgeformt, als würde seine Seele neu geschrieben. Das Schwert nahm ihn auf, und gleichzeitig wurde es zu einem Teil von ihm. Grenzen verwischten, Wirklichkeit und Traum verschwammen. Für einen schwindelerregenden Moment war er überall: in den Träumen erloschener Sterne, in den Erinnerungen gefallener Reiche, in den Gedanken all jener, die dieses Schwert einst berührt hatten. Vor seinem inneren Auge erschienen die Monde, einer nach dem anderen. Zuerst der Manifest – mächtig, erhaben, der Herrscher unter ihnen. Sein Licht war ruhig, voller Gewicht, und als es Jamall berührte, spürte er, wie eine Kraft in ihn strömte, so alt wie der Himmel selbst. Dann der violette Lunar – wild, geheimnisvoll, betörend schön. Noch nie hatte Jamall ihn gesehen, und doch fühlte er sich ihm verbunden, als hätte dieser Mond ihn stets aus dem Verborgenen beobachtet. Der Segen, den er spürte, war berauschend. Danach erschien der Skullaer, der weiße, der letzte noch verbliebende Mond. Sein Licht war grell, fast schmerzend, doch als es Jamall umhüllte, war es wie eine Umarmung – kalt, aber ehrlich. Dann kam Brahatross, der goldene Sonnenmond, der nicht mehr am Nachthimmel stand. Sein Licht war warm, fast wie das Licht eines alten Freundes, und Jamall spürte, wie sich etwas in ihm ordnete – als würde er neu geboren. Als das Licht erlosch, stand Jamall da – das Schwert in der Hand, ein Teil von ihm geworden. Es glühte schwach, doch in diesem Glühen lag mehr Macht, als je ein Mensch erfasst hatte. Jamall atmete schwer. Er blickte hinab ins Tal, das in Dunkelheit lag, und stellte sich vor, wie eine Kugel aus Feuer dort einschlagen würde. Und im nächsten Moment formte sich die Magie vor ihm, wie aus dem Nichts, manifestiert durch seinen bloßen Willen. —BAMM— Ein dröhnender Knall zerriss die Stille. Der Feuerball schoss hinab, lodernd und gleißend, und traf das Tal mit gewaltiger Wucht. Die Erde bebte. Eine feurige Druckwelle jagte durch die Bäume, ließ Äste bersten, Laub verglühen. Der Wald stand in Flammen. Die Nacht wurde zur Hölle. Jamall nickte. Ruhig. Zufrieden. Die Legende hatte die Wahrheit gesprochen. Das Schwert hatte seine Magie auf ihn übertragen – und nicht nur irgendeine. Nicht mehr war er ein Mann ohne Zauber. Nun war er ein Wesen, das die Elemente befehligte. Er spürte es – Feuer, Wasser, Wind, Erde, Licht, Schatten. Alles lag ihm zu Füßen. Alles wartete nur auf seinen Befehl. Er spannte die Muskeln. Seine Beine drückten sich ab, und er sprang. Der Wind zerrte an ihm, doch er ließ sich tragen. Die Höhe, die Geschwindigkeit – es war nicht mehr wie Fliegen. Es war wie das Durchbrechen der Schwerkraft selbst. Als würde die Welt sich endlich nach ihm richten. Und Jamall lachte. Ein tiefes, freies, fast kindliches Lachen. Es kam von irgendwo weit unten in ihm, aus einem Teil, der so lange geschwiegen hatte. Endlich war er nicht mehr der, der hinterherhinkte. Endlich war er nicht mehr der, der sich verstecken musste. Endlich war er jemand. Er landete mit federnder Wucht. Der Boden barst leicht unter seinem Schritt. Er ging zu Bruno, fiel dem massigen Halbdrache in die Arme und lachte erneut, während seine Finger durch die schimmernden Schuppen strichen. „Du weißt nicht, wie besonders das hier ist, Bruno!“ flüsterte er atemlos. –GRAUO— Der Halbdrache brummte, nicht unbedingt begeistert, aber treu wie immer. Jamall lächelte, strich dem Tier noch einmal über den Nacken und ließ sich dann am Altar nieder. Die kalten Steine störten ihn nicht. Der Wind war nur noch ein Flüstern. Er schloss die Augen. Und fiel in tiefen, schweren Schlaf. - ------------------------------------------------------------------------- Als Jamall am nächsten Morgen die Augen öffnete, war es, als würde er zum ersten Mal wirklich wach werden. Nicht nur aus dem Schlaf, sondern aus einem Zustand, der sich über sein ganzes bisheriges Leben gelegt hatte – eine Art Trance, ein inneres Dämmern. Sein Atem ging ruhig, sein Körper fühlte sich kräftig und durchdrungen von Energie an, wie neu geordnet. Zum ersten Mal seit er denken konnte – oder vielmehr: seit er wieder denken konnte – fühlte er sich vollkommen ausgeruht. Nicht nur körperlich, sondern auf eine tiefere Weise, als hätte sich etwas in ihm gelöst, das ihn lange blockiert hatte. Und dann kam es zurück. Mit der Klarheit des Morgens kam die Erinnerung. Nicht bloß an den gestrigen Tag, an das Schwert, die Magie oder den Kuss – sondern an alles. An sein Leben vor dem Verlust. An Namen, Gesichter, Orte. An das Gespräch mit Ziaho Tah, dem Weisen des Turms. An den Preis, den er gezahlt hatte. Und an die Regel, die damit verbunden gewesen war: Die Erinnerung sollte verloren bleiben. Endgültig. Warum also war sie zurückgekehrt? Er wusste es nicht. Und zu seinem eigenen Erstaunen wollte er es auch gar nicht wissen. Vielleicht war es das Schwert. Vielleicht war es Bournadette. Oder beides. Es spielte keine Rolle. Der Gedanke war da – aber nicht drängend. Nicht jetzt. Er setzte sich langsam auf, ließ den Blick über den windgepeitschten Gipfel der Sternenklingen schweifen. Die Luft war klar, der Himmel blau und endlos, der Horizont wirkte wie das Versprechen einer neuen Welt. Und dann fiel sein Blick auf sie. Bournadette. Ihr Körper lag noch immer dort, wo er ihn abgelegt hatte – friedlich, mit gefalteten Händen, das Gesicht vom Wind leicht berührt. Kein Blut mehr, keine Regung. Nur Stille. Eine, die schmerzte. So konnte er sie nicht liegenlassen. Jamall erhob sich langsam. Er wusste nicht, ob sie gläubig gewesen war, ob sie an die Kameristische Kirche glaubte oder an die alten Geister, oder an gar nichts. Aber es fühlte sich richtig an, ihr eine Bestattung zu geben, die ihrer Stärke und ihres Lebens würdig war. Also entschied er sich für das, was im Norden für große Krieger getan wurde – ein Scheiterhaufen, dem Himmel nah, getragen vom Feuer, begleitet vom Wind. Er schloss die Augen und konzentrierte sich. Magie sammelte sich in seiner Hand, antwortete sofort auf seinen Ruf. Er formte das Holz aus dem Felsen, aus längst verwitterten Wurzeln, aus dem, was der Berg ihm zu geben bereit war. Stück für Stück wuchs der Scheiterhaufen, schlicht und schön, aufrecht wie eine letzte Geste des Respekts. —GROO— Bruno brummte leise und setzte sich neben ihn. Der Halbdrache neigte den Kopf, seine dunklen Augen blickten traurig und wach. Auch er verstand. Jamall legte ihm die Hand auf die Schnauze. „Ich weiß, Bruno. Wenn es eine andere Möglichkeit gegeben hätte, hätte ich sie genommen.“ Seine Stimme war leise, beinahe ein Flüstern, das der Wind mit sich trug. Dann trat er an Bournadettes Seite. Vorsichtig hob er sie hoch, trug sie mit einer Sanftheit, die seinem kräftigen Körper widersprach, und legte sie auf die vorbereiteten Hölzer. Ihre Haut war kalt, doch ihr Gesicht wirkte friedlich. Als hätte sie ihn verstanden. Er trat zurück und entzündete das Feuer. Flammen züngelten langsam empor, nahmen zuerst das Holz, dann den Stoff, dann den Körper. Kein Funke sprang, kein Knacken war zu hören – nur ein leises, stetiges Knistern, wie ein uraltes Lied. Jamall stand still, die Arme verschränkt, den Blick fest auf das Feuer gerichtet. Minuten wurden zu Stunden, während die Glut sich durch die Asche fraß und der Wind ihre Spuren verwehte. Und während er dort stand, begriff er den vollen Umfang dessen, was er verloren hatte. Nicht nur eine Gefährtin, nicht nur eine Verbündete. Bournadette war der Beweis gewesen, dass er doch nicht ganz allein war. Dass es möglich war, sich einem anderen Wesen zu öffnen, ohne dabei die Kontrolle zu verlieren. Und nun war auch das fort. Er schloss die Augen. Das Schwert erlaubte keine Nähe. Es duldete keine Bindung. Von Anfang an hatte er gespürt, dass diese Macht einen Preis forderte – und nun verstand er, dass dieser Preis in Einsamkeit bestand. Es war nicht nur Magie, die ihm geschenkt worden war. Es war ein Fluch. Eine Grenze, die jeden zu Asche machen würde, der ihm zu nah kam. Und das war seine Schuld. Er hatte gewusst, dass er alleine bleiben musste. Und er hatte sie dennoch angesprochen. Als das Feuer erlosch und nur noch glühende Reste auf dem Fels lagen, nickte Jamall Bruno stumm zu. Der Halbdrachen erhob sich und trottete langsam voran, den Pfad hinab, der sie zurück in die Welt führen würde. Jamall ging ihm nach. Schritt für Schritt. Die Schultern schwer, das Herz leer, aber der Blick nach vorn gerichtet. Denn so sehr ihn der Schmerz auch lähmte – er hatte ein Ziel. Er musste zurück ins Kaiserreich. Er musste Leyla finden. Und er musste sie töten. Was danach kam? Daran wagte er nicht zu denken. Vielleicht würde er mit Bruno irgendwo einen Platz finden, weit entfernt von allem. Einen Ort, der ihm nicht das Leben abverlangte. Einen Ort, der ihm erlaubte, zu vergessen. Doch bis dahin… war sein Weg noch nicht zu Ende.











