Suchergebnisse
220 Ergebnisse gefunden mit einer leeren Suche
- Kapitel 168 - Bournadette Lacroix
Die Familie Lacroix galt seit jeher als eine der ehrwürdigsten und einflussreichsten Adelslinien des Kaiserreichs. Ihre Ahnen reichten bis in die Ära des Großen Krieges zurück – eine Zeit, in der Legenden von Helden geschmiedet, Grenzen gezogen und Machtverhältnisse für Jahrhunderte zementiert wurden. Das Wappen der Familie, ein stilisiertes Krokodil mit aufgerissenem Maul, war Symbol für Stärke, Geduld und vor allem: Anpassung. Wie dieses mächtige Tier hatte sich die Familie über die Jahrhunderte hinweg allen politischen Strömungen, allen Thronwechseln und gesellschaftlichen Umbrüchen mit zäher Intelligenz angepasst – und dabei stets ihre Position an der Spitze erhalten. Nicht nur der Name Lacroix, sondern auch ihre Macht war tief in die Grundmauern der Kaiserstadt selbst eingebrannt. Die Familie kontrollierte große Teile der kaiserlichen Bürokratie, stellte über Generationen hinweg Minister, Richter und Strategen, und führte mit fester Hand die Adelsfraktion – das Gremium, das maßgeblich Einfluss auf Gesetze, Entscheidungen und das tägliche Leben im Reich nahm. Wenn irgendwo ein neues Gesetz verabschiedet wurde, war es nicht selten das Ergebnis eines langen Gesprächs in den Salons des Lacroix’schen Anwesen in Vallyka. In diese alte, majestätische Welt wurde ein junges Mädchen hineingeboren, das fortan nichts Geringeres verkörpern sollte als das Erbe dieses Hauses. Ihr Vater, der stolze und strenge Claude Lacroix, benannte sie nach einer Ahnherrin aus der Kriegszeit – Bournadette. Ein Name, der in alten Chroniken gleichbedeutend mit Mut, Pflichtbewusstsein und unerbittlicher Entschlossenheit erwähnt wurde. Der Klang ihres Namens war nicht einfach eine Wahl des Herzens, sondern eine Botschaft an das gesamte Reich: Diese Tochter wird kein schmückendes Beiwerk – sie wird eine Waffe, ein Zeichen der Kontinuität. Bournadette wuchs im Herzen des Machtzentrums auf – zwischen Marmorfluren, weinrot gepolsterten Thronstühlen und jahrhundertealten Wandteppichen, die die Siege ihrer Vorfahren zeigten. Ihr Alltag war von Anfang an geprägt durch Regeln, Etikette und das stetige Gewicht der Erwartungen. Kindliche Freiheiten kannte sie nur aus Erzählungen des Gesindels. Der Name Lacroix ließ keinen Raum für Fehler. Gemäß der ältesten Familienregel – dass das erstgeborene Kind, gleich welchen Geschlechts, zur Kriegerin oder zum Krieger ausgebildet werden musste – begann Bournadettes Ausbildung früh. Ihre Lehrer waren nicht nur die Besten, die sich mit Gold kaufen ließen, sondern auch die Härtesten. Unter ihnen lernte sie mit Schwert, Dolch und Speer umzugehen, diese Waffen wurden zu Erweiterungen ihres Körpers. Bald zeigte sich, dass sie nicht nur über ein außergewöhnliches Talent im Nahkampf verfügte, sondern auch über ein tiefes, fast unheimliches Gespür für Magie. Auf Wunsch ihres Vaters – und unter dem Applaus des gesamten Hofes – wurde sie im Alter von acht Jahren an die Magieakademie von Vallyka entsandt. Hier traf sie auf Altharion, einen alten, verschrobenen Magier, dessen Spezialgebiet in einer ungewöhnlichen Magieform lag: der sogenannten Ausweichmagie. Altharion war ein Exzentriker, bekannt für seine provozierenden Lehren. "Die beste Rüstung ist, gar nicht erst getroffen zu werden", pflegte er zu sagen, und seine Schüler lernten schnell, dass es bei ihm nicht um rohe Gewalt oder offensive Kraft ging, sondern um präzise Reflexe, blitzschnelles Denken – und um das Gespür für Gefahren, noch bevor sie real wurden. Für viele war seine Magie zu abstrakt. Für Bournadette war sie wie geschaffen. Unter Altharions Anleitung – und später auch weit darüber hinaus – entwickelte Bournadette ihre Gabe zu einer Kunstform. Sie bewegte sich im Kampf nicht einfach nur schnell – sie schien vorherzusehen, wo ein Schlag landen würde, und wich aus, bevor die Waffe überhaupt geführt wurde. Ihre Reflexe waren so geschärft, dass selbst Pfeile, die aus dem Nichts geschossen wurden, sie nicht berührten. Ihre Bewegungen waren ein Tanz, fließend, präzise, fast übernatürlich. Und irgendwann – so raunten die anderen Schüler – sei es gewesen, als weiche der Körper selbst ihren Feinden aus. Als sie Jahre später ihren Abschluss mit höchsten Ehren erhielt, war sie keine einfache Absolventin mehr. Sie war eine lebende Legende. Die Akademie sprach von ihr mit Ehrfurcht – manche nannten sie „die Unberührbare“, andere schlicht: „die Lacroix“. Der Name hatte für sich allein bereits eine Macht entfaltet, die Bournadette wie eine Rüstung trug. Sie kehrte zurück, bereit, den Platz einzunehmen, der für sie vorgesehen war – in der Familie, in der Armee, in der Geschichte. Sie sollte zur Kommandantin werden, zur politischen Figur, zur Verteidigerin des Erbes. Doch das Leben, das vor ihr lag, hielt etwas anderes für sie bereit. Etwas, das nicht Teil des Plans war. Etwas, das ihr zeigen würde, wer sie wirklich war. - ------------------------------------------------------------------------- Bournadettes Familie war ihr ein und alles. Trotz der Strenge, dem Stolz und der Unnachgiebigkeit, mit der die Lacroix seit Generationen ihre Macht ausübten, empfand sie eine tiefe, aufrichtige Liebe – vor allem für ihre beiden jüngeren Geschwister, Anja und Phillip. In einer Welt, die von Erwartungen und Pflichten diktiert wurde, waren sie ihre Zuflucht, ihre Menschlichkeit, der letzte verbliebene Teil ihres Herzens, der nicht von Ehrgeiz oder Pflicht geformt war. Anja Lacroix, ihre jüngere Schwester, war von einer natürlichen Anmut, die ihr ganzes Wesen durchzog. Sie war mehr als nur eine Schönheit; sie war Güte in Reinform. Während andere Adlige ihre Zeit mit Prunksucht und Intrigen verbrachten, richtete Anja ihre Aufmerksamkeit auf die Bedürftigen, die Vergessenen, die am Rand der Gesellschaft lebten. Bournadette hatte es mit viel Mühe geschafft, sie aus dem starren Korsett der Familientraditionen zu befreien. Ihr Einfluss – und vielleicht auch ihre Einschüchterung – hatten es ermöglicht, dass Anja ihre Stimme behalten durfte. Statt Bälle zu besuchen oder Politik zu lernen, ließ sich Anja jeden Monat ihr fürstliches Taschengeld auszahlen, das ausreichte, um ein Gutshaus zu erwerben, und investierte es in Waisenhäuser, Krankenstationen und Suppenküchen. Wo immer Armut herrschte, erschien bald ihr Name in stiller, dankbarer Verehrung. Phillip stattdessen war das Gegenteil – nicht in seiner Seele, sondern in den Augen der Familie. Der Junge war von schwacher Gesundheit, blass, mit zerbrechlichem Körperbau, der ihn früh zum Außenseiter machte. Doch sein Verstand war wach, neugierig, messerscharf. Er sprach klug, beobachtete aufmerksam, liebte Poesie und Mathematik gleichermaßen – und wurde dafür von ihrem Vater, Claude Lacroix, verachtet. Der alte Mann sah nur, was fehlte: ein Krieger, ein Erbe, ein Mann, wie ihn der Name Lacroix verlangte. Die Verachtung gipfelte schließlich in der Entscheidung, Phillip nach Wellenburg zu schicken – einem kalten, abgelegenen Nebensitz nahe der Hafenstadt Anjen. Dort wurde er verwahrt wie ein Familiengeheimnis, fern vom Hof, fern vom Stolz des Vaters. Für Bournadette war diese Verbannung ein tiefer Stich ins Herz gewesen. Wann immer es ihre Ausbildung und Pflichten an der Akademie zuließen, ritt sie nach Wellenburg, brachte ihm Bücher, las ihm Gedichte vor, diskutierte mit ihm über die Sterne, über Geschichte, über alles, was ihn interessierte. Sie ließ keine Gelegenheit aus, ihm zu zeigen, dass er wertvoll war, geliebt wurde – auch wenn der Rest der Familie ihn längst aufgegeben hatte. Doch als sie schließlich, nach elf langen Jahren der Ausbildung, zurück in die Kaiserstadt kehrte, warteten zwei Nachrichten auf sie, die wie Dolche in ihr Innerstes drangen. Zwei Schläge, die ihr Vertrauen in das System, das ihre Familie so lange getragen hatte, bis auf die Grundmauern erschütterten. Die erste traf sie mit lähmender Wucht: Ihre geliebte Schwester Anja, gerade vierzehn Jahre alt, war mit einem über sechzigjährigen Adligen verheiratet worden. Ein Schachzug, der dem Haus Lacroix politischen Einfluss in der Kaiserstadt sichern sollte. Bournadette konnte sich kaum vorstellen, wie Anja sich in jener ersten Nacht gefühlt haben musste – allein, entmündigt, verraten. Es war, als hätte man eine helle, reine Flamme erstickt, um den Mantel des Hauses Lacroix noch ein wenig glänzender zu machen. Doch es kam schlimmer. Die zweite Nachricht war ein Todesurteil für alles, woran sie geglaubt hatte. Phillip war tot. Offiziell hieß es, Räuber hätten Wellenburg überfallen, das Gut niedergebrannt, ihn ermordet. Doch Bournadette kannte die Zeichen – sie erkannte, was zwischen den Zeilen stand. Ihr Vater hatte ihn töten lassen. Aus Scham, aus Kälte, aus diesem unbändigen Willen, die Reinheit seines Blutes, seines Namens zu wahren. Phillip war zu schwach für seine Vision des Hauses Lacroix – und so hatte er ihn ausgelöscht wie eine Unreinheit auf einem goldenen Teller. In jener Nacht hielt Bournadette nichts mehr. Kein Eid, kein Familienband, kein Gesetz. Sie stürmte in das Schlafgemach ihres Vaters, ihren Dolch in der Hand, ihr Herz voller Zorn. Ihre Klinge durchdrang seine Kehle, bevor er auch nur ein Wort hervorbringen konnte. Sie tötete nicht aus Wut allein – sie tötete, weil sie wusste, dass das, was dieser Mann war, sich nie ändern würde. Mit seinem Tod würde vielleicht ein neuer Anfang möglich sein – für Anja, für die Familie, für sie selbst. Vielleicht. Als die Wachen sie fanden, saß sie noch immer an seinem Bett, die blutige Klinge in der Hand, die Schultern gerade, die Augen ruhig. Sie machte keinen Versuch, zu fliehen. Sie wusste, der Mord an einem der mächtigsten Männer des Reiches bedeutete den Tod. Und doch bereute sie nichts. Das Urteil fiel schnell: Tod durch Enthauptung. Ihre Tage in der Zelle waren kalt, düster und von einem lähmenden Schweigen durchzogen. Niemand sprach mit ihr. Niemand kam. Bis plötzlich eine Fremde an die Zelle trat, die so gar nicht in diese Welt aus grauen Steinen und klirrender Kälte passte. Ein Mädchen mit schwarzem Haar, violetten Augen und einem Lächeln, das sich weigerte, diese Dunkelheit anzuerkennen. „Hey du! Ich bin Nea“, sagte sie frech und lehnte sich an die Gitterstäbe, als wäre es ein Gartenzaun. „Willst du dich nicht mir anschließen, Detty?“ Bournadette erkannte sie sofort. Nea – die neunte Kaiserliche Kopfgeldjägerin. Sie war berüchtigt, eigenwillig, vollkommen unberechenbar. Doch was sie sagte, war kein Scherz. In diesem Moment begriff Bournadette: Hier war ihr Ausweg. Nicht zurück in ihre alte Welt – die war zerstört. Aber ein neues Leben, unter neuen Bedingungen. Die Kopfgeldjägerin Yang konnte ihr Leben retten – im Tausch gegen ihre Freiheit. Ein Pakt mit der Krone, ein Leben im Schatten, geführt von Blut und Befehlen. Sie blickte Nea lange an – dann nickte sie. Und so wurde aus Bournadette Lacroix, der verstoßenen Erbin eines uralten Hauses, die zweite Kaiserliche Kopfgeldjägerin. Keine Adlige mehr. Keine Tochter. Keine Schwester. Nur noch eine Waffe des Kaisers. Doch in den Tiefen ihres Herzens lebte noch immer die Frau, die einst für Gerechtigkeit getötet hatte. Die Schwester. Die Tochter. Die Kämpferin. Und diese Flamme, so schwach sie auch flackerte, war noch lange nicht erloschen. - ------------------------------------------------------------------------- „Der Tod in Rot“ – so flüsterte man ihren Namen in den Gassen der Armen und den Hallen der Mächtigen. Bournadette Lacroix war kein gewöhnlicher Name mehr, keine Adlige, keine Tochter aus gutem Haus. Sie war eine Legende geworden. Ein Gerücht, ein Schatten, der mit lautloser Entschlossenheit durch das Kaiserreich glitt. Wenn ihr Name in fiel, verstummten Gespräche. Wenn ihr roter Umhang am Horizont auftauchte, ergriff selbst den stolzesten Lord das Schweigen. Denn wo sie erschien, wuchs keine Reue – nur Furcht. Sie war das Messer im Rücken der Verschwörer, der leise Atem, der dem vor Angst geöffneten Mund entwich. Die Klingen ihrer Dolche war nur das Werkzeug – ihr wahrer Tod lauerte in ihrer Bewegung, in der Vorhersehbarkeit des Unvermeidlichen. Und das Rot, das sie stets trug, schimmerte nicht nur wie frisches Blut – es war ein Versprechen. Ein Versprechen, dass man nicht entkommen konnte. Und dass man nicht überlebte. Bournadette war zur unerbittlichen Vollstreckerin der Krone geworden. Während andere noch sprachen, richtete sie. Wo Gerüchte zu wachsen begannen, war sie bereits unterwegs. Aufstände in den südlichen Provinzen? Verstummt. Ein geheimes Treffen oppositioneller Edelleute im Herzen von Kartaffel? Kein einziger überlebte. Wenn Yang das unbewegte Auge des Kaisers war, war Bournadette sein ausgestreckter Dolch. Während Yang in den Sälen des Palastes schwebte, verborgen hinter ihrer Maske, war es Bournadette, die durch das Blut watete – Tag für Tag, Jahr für Jahr. Keiner der anderen Kaiserlichen Kopfgeldjäger hatte sich je einen Ruf erschaffen, der mit ihrem vergleichbar gewesen wäre. Nicht Vitalas, der Assassine mit dem Stahlblick, nicht Hepma mit ihrer Verwandlungsmagie, nicht einmal der legendäre Jiyark, Yangs rechte Hand während des Parenski-Bürgerkriegs. Nur Bournadette schuf sich einen Namen, der selbst auf den Gesichtern der hochmütigsten Adeligen einen Hauch von Angst hinterließ. Und das alles, ohne jemals ein Wort zu viel zu sprechen. Doch hinter dem roten Mantel, hinter dem messerscharfen Blick und der makellosen Präzision lebte eine andere Bournadette – eine, die niemand sehen durfte. Eine, die nachts lange wach lag, weil ihre Träume von Phillip sprachen, weil sie Anjas Stimme vermisste. Eine, die seit Jahren keine Briefe mehr erhielt, weil sie niemandem mehr schreiben konnte. Altharion war tot. Anja war in einer Ehe vergraben, die sie zerstörte. Phillip... Phillip war längst Asche in der Geschichte ihrer Wut. Und was war sie selbst noch? Ein Geist, eine Klinge – ein Werkzeug. Dann, in Karintes, trat ein junger Mann in ihr Leben, der alles veränderte. Prinz Eugenius war ein merkwürdiger Widerspruch in sich – höflich, klug, dabei stets ein wenig verloren. Er war niemand, den man für einen Sohn des Kronprinzen gehalten hätte. Doch in seinen Augen lebte eine Sehnsucht, die Bournadette kannte. Er erinnerte sie an Phillip – nicht im Körper, nicht im Klang der Stimme, aber in der Zerbrechlichkeit seiner Seele. Und er lächelte sie an, als sähe er nicht den Tod in Rot, sondern nur eine Frau, die jemandem wichtig sein könnte. Sie hatte gerade geheime Dokumente aus einem Lager der Kameristischen Kirche gestohlen, wollte sie dem Kaiser überbringen – ein einfacher, blutiger Auftrag, wie so viele zuvor. Doch ihre Wege kreuzten sich mit Eugenius, der ohne Wachen durch die Gassen streifte, auf der Suche nach... Bedeutung. Er war freundlich, aufmerksam, und je länger sie mit ihm sprach, desto schwerer wurde ihr Herz. Bournadette spürte früh, dass der junge Prinz mehr als nur Kameradschaft suchte. Sein Blick wurde weicher, wenn sie sprach. Seine Hände zitterten leicht, wenn sie ihn berührte. Doch sie schob es beiseite. Solche Bindungen waren ihr nicht erlaubt – nicht als Kopfgeldjägerin, nicht als Bournadette Lacroix. Und doch... in ihren Augen war er wie ein kleiner Bruder. Einer, den sie beschützen musste. Einer, den sie nicht auch noch verlieren durfte. Die Jahre vergingen, und Eugenius blieb. Ein heller Punkt in der Dunkelheit ihrer Welt. Seine Briefe waren wie ein vertrautes Echo inmitten des eisigen Schweigens, das sie umgab. Kein Wort über Gefühle. Nur Gedanken. Bücher, Philosophie, Geschichten. Kleine Fäden, die sie verbanden. Und dann starb Kaiser Tavil IV. Sein Sohn Verion bestieg den Thron. Und mit ihm kam der Irrsinn. Das Prinzenspiel. Ein grausames, barbarisches Schauspiel, das Jahr um Jahr einen Sohn verstoßen würde, bis nur noch einer übrigblieb – der nächste Thronfolger. Bournadette sah es mit ungläubiger Kälte. Als sie erkannte, dass Eugenius Teil dieses Spiels sein würde, brannte ihr Herz. Nicht vor Liebe. Nicht vor Angst. Sondern vor Entschlossenheit. Sie würde ihn schützen. Vor seinen Brüdern. Vor der Krone. Vor sich selbst, wenn es sein musste. Doch dann, inmitten dieses neuen Schachspiels, trat eine junge Frau mit blauen Haaren und sturem Blick in ihr Leben – Leyla. - ------------------------------------------------------------------------- Die Mittellande brodelten vor Gerüchten – ein brodelndes Netz aus Stimmen, Andeutungen, Angst. Flüsternd sprach man von einer Organisation, die sich aus dem Schatten erhob, um das Kaiserreich selbst herauszufordern: der Schwarze Stern. Niemand wusste, wer ihre Anführer waren, noch welches Ziel sie wirklich verfolgten. Doch überall regten sich Unruhen. Bauern verschwanden von den Feldern, Söldner kehrten ihren Auftraggebern den Rücken, und in den Städten am Rand des Reiches wurden Banner gesichtet, deren Symbole man seit Generationen nicht mehr gesehen hatte. Für Bournadette war das keine philosophische Frage. Es war eine Bedrohung. Eine, die zu beseitigen war – ohne Zögern, ohne Gnade. Mit kalter Entschlossenheit folgte sie den Spuren der Rebellen durch verlassene Täler, über Bergrücken, die längst keine Karte mehr beschrieb, bis sie in den abgelegenen Hamalien auf ein uraltes Bauwerk stieß: einen verfallenen Tempel der Engel. Ein Ort, an dem einst gebetet worden war – nun flüsterten die Steine nur noch vom Verrat. Dort fand sie sie. Eine Gruppe, zusammengesetzt wie ein wildes Mosaik aus Geschichten: Liam Valleri, ein Elf mit einem Blick, der zu viel wusste. Die ungestüme Roxy mit flammendem Temperament. Fer Stahl, ein Zwerg mit Händen aus Eisen und einem Herzen, das tief glühte. Und dann – Leyla. Kaum mehr als ein Mädchen, mit einer Haltung, die zwischen Trotz und Unsicherheit schwankte. Nichts an ihr schien außergewöhnlich. Und doch... da war etwas. Ein Blick. Eine Energie. Ein Echo. Es war kein Kampf, nicht wirklich. Für Bournadette war es eher eine Lektion. Eine Erinnerung daran, wie weit entfernt diese kleinen Lichtfunken von echter Macht waren. Leyla stürzte in einen Spalt, tief und bodenlos, und Bournadette war sicher, dass ihre Reise dort endete. Dann bebte die Erde. Es begann wie ein Flüstern. Ein tiefes Grollen, das in den Knochen vibrierte. Der Tempel barst. Säulen zerfielen zu Staub, die Decke stürzte ein, der Boden zersprang in einem apokalyptischen Beben. Als der Staub sich legte, stand Bournadette am Rande eines Kraters – und Leyla stieg daraus empor. Nicht verletzt. Nicht geschwächt. Anders. Um sie herum pulsierte rohe Erdmagie, wild und gewaltig. In einem einzigen Moment hatte sie Kräfte entfesselt, die jeden natürlichen Rahmen sprengten. Bournadette griff an, instinktiv, reflexhaft – doch Leyla lernte. Ihre Bewegungen wurden flüssiger. Ihre Augen klarer. Ihre Magie gezielter. Und in Bournadette keimte ein neuer Gedanke auf: Dieses Mädchen war keine Gegnerin – sie war ein Rohdiamant. Sie nahm sie mit. Als Gefangene, als Möglichkeit. In der Kaiserstadt übergab sie sie Kronprinz Eugenius – eine Gabe, gedacht, um sein politisches Gewicht zu steigern. Ein Bauernopfer mit Potenzial. Doch das Spiel lief anders. In Bournadettes Abwesenheit überschlug sich das Schicksal. Leyla kämpfte gegen Varragil, den zehnten Kopfgeldjäger – und siegte. Es war kein Zufall. Kein Irrtum. Mit einem Sieg entriss sie ihm seinen Rang. Sie stieg selbst auf – wurde zur Zehnten, entglitt Eugenius’ Einflussbereich und veränderte das Gleichgewicht der Macht in einem einzigen Moment. Was als Plan begonnen hatte, war nun außer Kontrolle geraten. Eugenius wurde als erster Prinz verbannt – doch Bournadette durfte ihn nicht sehen. Keine Worte. Kein Abschied. Keine Erklärung. Man verweigerte ihr das letzte Bild, den letzten Blick. Und sie tat, was sie immer getan hatte: Sie fügte sich. Äußerlich. Doch in ihrem Inneren wuchs eine Leere, die langsam zu brennen begann. Monate vergingen. Die Welt veränderte sich. Das Reich schwankte und Leyla stieg weiter auf. Bis Bournadette eines Morgens erwachte und wusste: Sie musste gehen. Sie verließ die Kaiserstadt, ließ das Blut und die Titel hinter sich, und wurde zur Gejagten. Zum Gespenst in Rot, das sich nun gegen den Willen ihres Herrn wandte. Ihr Ziel war Evigane – die freie Stadt der Sommerinseln. Dort, wo kein Gesetz des Kaisers Gültigkeit hatte, und wo man sogar den ,,Tod in Rot’’ mit einem Lächeln empfing, solange er zahlte. Bournadette fand Zuflucht in dieser Stadt aus Marmor und Lüge – doch was sie dort fand, war weit mehr. Charles wartete dort. Der alte Diener, treu bis zuletzt. Seine Stimme war brüchig, seine Hände zitterten, doch seine Worte waren messerscharf. Er erzählte ihr, was wirklich geschehen war. Eugenius war gefallen, bevor das Urteil der Verbannung ihn erreichen konnte. Getötet. Von Leyla. Bournadette hörte nicht, wie ihr Herz brach. Sie spürte nur, wie ihr Zorn zurückkehrte. Nicht laut. Nicht rasend. Sondern kalt. Schwer. Beständig. Es war derselbe Hass, der sie einst dazu gebracht hatte, ihren eigenen Vater zu töten. Am Hafen von Evigane, während die Sonne die Schiffe in Gold tauchte und die Möwen über der See kreisten, begegnete sie einem Mann, der ebenfalls mit der Vergangenheit gebrochen hatte. Sein Name war Jamall. Und in seinen Augen sah sie dasselbe Feuer, das in ihr brannte. Er erzählte von Leylas Kräften. Erzählte davon, dass Leyla ihren Tod auf andere Übertragen konnte. Auf einmal ergab für Bournadette alles einen Sinn. Im Engelstempel hatte sie einst gedacht, Leyla getötet zu haben, doch stattdessen war der Zwerg, Fer Stahl, gestorben. Jamall suchte eine Waffe. Eine Waffe, mit der man Leyla wirklich töten konnte. Bournadette suchte Rache. Und gemeinsam entschieden sie, den Weg zusammen zu beschreiten. - ------------------------------------------------------------------------- Der Turm des Weisen ragte wie ein Finger aus den kalten Nebeln des Nordwestens der Republik Heim empor – ein uraltes Monument aus weißem Stein, umhüllt vom Wispern der Winde und dem Schweigen vergangener Zeitalter. Um ihn rankten sich Legenden. Manche sprachen von Propheten, andere von gefallenen Göttern, die einst in seinen Mauern ihr letztes Wort gesprochen hatten. Für Bournadette war es kein Ort der Geschichten – es war ein Ort der Entscheidung. Sie und Jamall hatten sich den Weg über das offene Meer und durch geisterhafte Wälder gebahnt, verfolgt von den Schatten ihrer Vergangenheit und der wachsenden Unruhe, die ihr Ziel umgab. Nun standen sie vor dem Innersten des Turms, wo Ziaho Tah wartete – der Hüter der Wahrheiten. Der Weise, der jede Frage beantworten konnte, wenn man bereit war, den Preis zu zahlen. Auf den Treppen des Turmes, die aus Licht und Leere zu bestehen schienen, trennten sich ihre Wege, doch Bournadette wartete nicht. Manche Pfade musste man allein gehen. Als Bournadette den weißen Raum betrat, war es, als würde die Zeit selbst den Atem anhalten. Der Raum war leer, und doch erfüllt. Weiß wie die Stille vor einem Sturm. Ziaho Tah wartete bereits. Seine Augen waren leer, und doch spürte sie, wie er sie sah – bis auf den Grund ihrer Seele. ,,Welche Frage möchtest du mir stellen, Bournadette Lacroix?’’ Seine Stimme klang weder alt noch jung. Sie war einfach da, wie der Klang des Windes über einem Grab. Sie trat einen Schritt näher. Ihre Stimme war ruhig, fest, wie gemeißelt in Stein: „Was muss ich tun, damit Jamall sein Ziel erreicht?“ ,,Was ist dein Preis, Bournadette Lacroix?’’ Ohne zu zögern, als hätte sie es schon tausendmal geübt, sprach sie: „Ich gebe dir meine Magie. Meine Fähigkeit, jedem Angriff auszuweichen.“ Ein Moment des Schweigens. Dann, fast ehrfürchtig. ,,Der Preis ist ausreichend.’’ Die Welt schien zu flackern. Der Weise erhob sich, sein Schatten streifte die Wände wie eine alte Erinnerung. Seine Worte klangen wie ein Urteil, das bereits seit Ewigkeiten in Stein gemeißelt war: ,,Auf der Spitze der Sternenklingen wirst du dein Leben geben. Solange du lebst, kann er sein Ziel nicht erreichen.’’ Ein eisiger Schauer kroch über ihre Haut, doch sie blieb reglos. Kein Zucken. Kein Widerwort. Sie hatte gefragt. Sie hatte ihre Antwort bekommen. Und sie würde tun, was nötig war. Ohne Jamall ein Wort davon zu sagen, verließ sie den Raum. Der Turm schwieg, als wüsste er, dass alles nun beschlossen war. Die Reise zu den Sternenklingen war still. Das Gebirge empfing sie mit frostiger Majestät. Drei Gipfel, die wie Klauen aus dem Rücken der Welt ragten, verschmolzen auf ihrer Spitze zu einem einzigen, scharfkantigen Massiv. Die Luft war dünn und brannte in den Lungen. Das Licht der untergehenden Sonne tauchte die Felsen in ein glühendes, blutrotes Licht. Es war, als würde die Welt selbst sich auf ein Opfer vorbereiten. Sie erreichten den Gipfel, als die letzten Sonnenstrahlen die Schatten verdrängten. Dort, auf einem Altar aus altem Stein, schwebte es – das Schwert der fünf Monde. Eine Klinge, so vollkommen, dass sie nicht aus Metall zu bestehen schien. Fünf Edelsteine schmückten den Griff, jeder pulsierte in einem eigenen Rhythmus: Schwarz wie die Nacht, Gelb wie die Sonne, Weiß wie der Schnee, Blau wie der Ozean, Violett wie die Dämmerung. Magie durchdrang die Luft, machte jeden Atemzug zu einem Schwur. Jamall trat vor. Zögernd. Ehrfürchtig. Doch als er die Hand nach der Klinge ausstreckte, prallte sie ab. Ein unsichtbarer Wall – kalt und unnachgiebig. „Stimmt etwas nicht?“, fragte Bournadette. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch, aber sie kannte die Antwort längst. Jamall stand reglos. Die Schultern gesenkt. Die Finger leicht zitternd. „Ich erfülle die Voraussetzung nicht…“ Sie trat an seine Seite. Streichelte ihm über den Bart, als würde sie die Zeit anhalten wollen. „Ich bin mir sicher, dass du die Antwort findest“, sagte sie sanft. Er packte ihre Hand, hielt sie gegen seine Brust, wo sein Herz wild pochte – voll Angst, voll Hoffnung. „Ohne dich… hätte ich es nie geschafft.“ Sie lächelte. Es war ein stilles, trauriges Lächeln. Dann küsste sie ihn. Sanft, mit einer Zärtlichkeit, die mehr sagte als tausend Worte. Ihre Lippen flüsterten Abschied, während sie ihr Herz um Vergebung bat. Jamalls Hand glitt zu ihrem Gürtel, tastete nach dem Dolch. Sie spürte es. Hätte ihn stoppen können. Doch sie ließ es zu. Der Stich kam schnell. Präzise. Sie spürte, wie der Schmerz durch ihren Körper fuhr – ein brennendes, klares Zeichen. Doch sie klammerte sich nicht an das Leben. Stattdessen öffnete sie die Augen ein letztes Mal – sah in Jamalls Gesicht. Und darin lag Entsetzen. Reue. Erkenntnis. Er hatte sie geliebt. Und nun hatte er sie getötet. Dann wurde alles schwarz. So starb Bournadette Lacroix. Nicht als Opfer. Nicht als Gejagte. Sondern als Frau, die ihren Weg bis zum Ende ging – als Kriegerin, als Schwester, als Schatten einer besseren Welt. Ihr Tod war keine Niederlage. Er war der Preis. Für Rache. Für Erlösung. Für Liebe. Und für das Schicksal eines Mannes, der glaubte, das Richtige zu tun. Und irgendwo, hoch über den Sternenklingen, schien es, als hätte der Wind ihren Namen geflüstert. Nicht in Trauer. Sondern in Anerkennung. Ein neuer Stern erschien am Himmel, hell wie der Mond, und leuchtete von oben hinab.
- Kapitel 167 - Die Antwort, die er nicht hören wollte
—GAREE— Ein lautes Gähnen, rau und langgezogen, ließ Jamall schlagartig aus seinem Schlaf aufschrecken. Noch halb zwischen Traum und Realität, blinzelte er gegen das grelle Sonnenlicht, das sich unbarmherzig über die zerklüfteten Bergketten ergoss. Der neue Tag war angebrochen, golden und kühl zugleich, und mit ihm der letzte Abschnitt ihrer langen Reise. Über ihm erhoben sich die Sternenklingen – drei gewaltige Bergspitzen, die in schwindelerregender Höhe ineinander verwoben zu sein schienen, als hätten Götter selbst sie geformt. Heute Abend würden sie ihr Ziel erreichen. Heute würde Jamall das Schwert der Fünf Monde in den Händen halten – die legendäre Waffe. Und mit ihr würde endlich der Tag kommen, an dem er Leyla töten konnte. Langsam setzte er sich auf, sein Körper steif vom harten Boden und den kalten Nächten, die sie in dieser rauen Bergwelt verbracht hatten. Er tätschelte sanft die silbernen Schuppen von Bruno, dem Halbdrachen, dessen Atem in dampfenden Schwaden in die Morgenluft stieg. Sein linker Arm, der vor einigen Tagen noch gebrochen war, fühlte sich inzwischen beinahe normal an. Eine Heilerin eines abgeschiedenen Bergvolks hatte ihn versorgt. Der rechte jedoch – jener Arm, den er laut Bournadette am Turm des Weisen verloren hatte – war nicht zurückgekehrt. Er war fort, unwiederbringlich, ein Opfer, das er nicht mehr rückgängig machen konnte. Er erinnerte sich nicht an das Kaiserreich, aus dem er angeblich stammte. Der Name bedeutete ihm nichts – klang vage, wie aus einem Traum, in dem man nur die Umrisse sieht, aber niemals die Gesichter. Bournadette war seine Verbindung zu diesem verschwundenen Leben, und Stück für Stück hatte sie ihm geholfen, die fehlenden Fragmente zu rekonstruieren. Er wusste nicht, ob sie wahr waren. Vielleicht waren sie es nicht. Vielleicht war es auch egal. Am Anfang hatte er alles wissen wollen. Wer war er gewesen? Hatte er eine Familie? Einen Namen, der mehr bedeutete als „Jamall“? Gab es einen Ort, den er Heimat nennen konnte? Doch je weiter die Reise ging, je tiefer sie in die Berge vordrangen, desto mehr verblassten diese Fragen. Sie waren nicht relevant. Es zählte nur noch das Schwert. Mit dem Schwert der Fünf Monde kann man selbst die stärksten Wesen erschlagen – selbst eine Naturgewalt wie Leyla. Damit würde er sie vernichten können. Sein Hass war stark und unvergänglich. Das reichte, um weiterzugehen. Bournadette lag neben ihm, ihr Atem ruhig, fast lautlos. Ihre kurzen, blonden Locken waren ihr über die Stirn gefallen, und für einen Moment ließ Jamall den Blick auf ihr ruhen. In den vergangenen Wochen war sie mehr geworden als nur seine Weggefährtin. Nicht ganz eine Freundin, doch auch nicht mehr nur eine fremde Begleiterin. Etwas dazwischen. Jemand, der ihn am Leben hielt – aus welchen Gründen auch immer. Dann wandte er sich ab. Er stand auf, streckte seinen Rücken und trat näher an den Abgrund der Klippe. Der Wind hier oben war stark, bissig, aber klar. Er blickte über die Gipfel, auf denen das Sonnenlicht funkelte wie auf erstarrten Wellen aus Stein. Heute Abend. Heute Abend würde er das Schwert erreichen. Und dann würde alles anders sein. - ------------------------------------------------------------------------- Nach einigen Minuten regte sich auch Bournadette. Ihre blauen Augen öffneten sich schlagartig, wach und aufmerksam, als hätte sie nie wirklich geschlafen. Es war diese Art von Ruhe, die keine Erholung war, sondern ein ständiger Schwebezustand zwischen Wachen und Träumen – typisch für sie. Mit einem kurzen, routinierten Griff strich sie sich die blonden Locken aus dem Gesicht, bevor sie sich geschmeidig aufrichtete, als wäre der kalte, harte Boden ein weiches Bett gewesen. „Ist etwas, Jamall?“ fragte sie mit ihrer rauen Stimme, die vertraut und beinahe beruhigend klang. Ihre Finger glitten flüchtig über die Schatten unter ihren Augen, während sie die letzten Spuren des Schlafs fortwischte. Jamall blickte nicht zu ihr, sondern ließ den Blick über das Gebirge schweifen. Einen Moment lang sagte er nichts, bevor er leise antwortete: „Nein. Vielleicht. Doch.“ Er atmete tief durch, die kalte Bergluft schärfte seine Sinne. „Heute Abend ist es soweit.“ Bournadette reagierte kaum sichtbar. Doch Jamall kannte sie mittlerweile gut genug, um den kaum wahrnehmbaren Wandel in ihrem Ausdruck zu deuten. Es war dieses leichte, kaum auffällige Zusammenziehen der Mundwinkel, dieses Blinzeln, das länger dauerte als gewöhnlich. Ihre Miene war so undurchsichtig wie ein vereister See, aber darunter schien etwas zu lauern – vielleicht Sorge, vielleicht Bedauern. Vielleicht auch ein Hauch von Traurigkeit. Ohne ein weiteres Wort schwang sich Jamall auf Brunos Rücken. Der Halbdrache grollte tief. Die silbernen Schuppen glitzerten im Licht der aufgehenden Sonne wie frisch poliertes Metall. —GRUUUU— „Los, Großer“, murmelte Jamall und klopfte dem Tier sanft auf die Flanke. Bruno streckte sich, ließ die mächtigen Schultern kreisen und setzte sich in Bewegung. Seine Pranken bewegten sich mit einer überraschenden Leichtigkeit über das felsige Terrain, als würde er den Weg besser kennen als jeder Mensch. Bournadette lief nebenher, ihre Bewegungen ruhig, effizient, jeder Schritt saß, als wäre sie Teil der Bergwelt. Keine Unsicherheit, kein Zögern – nur Konzentration. „Du kennst noch den Weg zurück ins Kaiserreich?“ fragte sie schließlich, als würde sie eine Pflicht abarbeiten. Die Frage war Teil eines Rituals, einer täglichen Prüfung. Seit Wochen stellte sie sie jeden Morgen, und seit Wochen antwortete Jamall mit denselben Worten. Es war ihr stilles Spiel gegen das Vergessen – gegen den Preis, den Jamall bezahlt hatte, um das Versteck des Schwertes zu erfahren. „Von hier aus muss ich nach Süden reisen, bis ich Shargan erreiche“, begann er, beinahe mechanisch, die Route auswendig, fest eingebrannt wie ein Teil seiner selbst. „Dann nehme ich ein Schiff nach Westen, bis ich in der Föderation Juspa ankomme. Von dort geht es weiter nach Evigane, dann bis Welldyl im Süden des Kaiserreichs. Und von dort immer nach Norden, bis ich zur Kaiserstadt gelange.“ Bournadette nickte langsam, aber zufrieden. Ihre Augen blieben ernst, prüfend, als würde sie hinter seine Worte sehen wollen, um sicherzugehen, dass sie nicht nur auswendig gelernte Phrasen waren. „Gut. Vergiss es nie, sonst bist du mit deinem Gedächtnisverlust verloren“, sagte sie mit Nachdruck. Ein eigenartig warmes Gefühl stieg in Jamall auf. Trotz der rauen Worte spürte er, dass sie sich sorgte – auf ihre ganz eigene Art. Keine zärtlichen Beteuerungen, keine unnötigen Umarmungen, aber ihr stetes Erinnern, ihr Wachen über seinen Weg – das war ihre Form von Fürsorge. Und das bedeutete ihm mehr, als er je in Worte hätte fassen können. Bruno schnaubte vernehmlich, als wolle er die stille Ernsthaftigkeit zwischen seinen beiden Gefährten vertreiben. Mit einem leicht spöttischen Grunzen schleuderte er einen warmen Hauch Dampf in die Luft. Jamall schmunzelte und klopfte ihm anerkennend auf den Hals. Dann warf er Bournadette einen kurzen Blick zu – ein schmaler Hauch eines Lächelns, das ebenso schnell wieder verschwand, wie es gekommen war. Vor ihnen lagen die Gipfel der Sternenklingen, deren Schneedecken in der Morgensonne wie Kristall schimmerten. Jeder Schritt führte sie näher zu dem, was er suchte – und zu dem, was tun musste. Heute Abend würde er das Schwert der Fünf Monde erreichen. - ------------------------------------------------------------------------- Der Abend legte sich wie ein kalter Schleier über die Gipfel der Sternenklinge, und die Welt wurde still. Nur das Kratzen von Steinen unter Brunos Klauen war noch zu hören, als Jamall und Bournadette schließlich den höchsten Punkt ihrer Reise erreichten. Der Himmel war klar, ein dunkles Meer aus Violett und Schwarz, durchzogen von den ersten Sternen, die in der eisigen Höhe zu funkeln begannen. Jeder Atemzug war schwerer als der letzte, und Jamalls Herz schlug vor Anstrengung. Vor ihnen ragte ein Altar auf, roh in den Fels geschlagen und doch von einer überirdischen Präsenz durchdrungen. Über ihm schwebte eine Mana-Halbkugel, gleißend weiß, von innen heraus leuchtend wie der Kern eines sterbenden Sterns. Und darin – das Schwert. Eine Klinge, so klar, so absolut, dass der bloße Anblick ihr einen fast transzendenten Glanz verlieh. Die fünf Juwelen in ihrem Griff – tiefes Schwarz, gleißendes Gelb, reines Weiß, kühles Blau und ein flackerndes Violett – pulsierten fast lebendig, im Rhythmus eines fremdartigen Willens. Jamall trat näher. Der Wind war jetzt ohrenbetäubend, doch sein eigener Herzschlag war das einzige Geräusch, das er wahrnahm. Er streckte die Hand aus – zaghaft erst, dann mit wachsender Entschlossenheit. Doch kaum hatten seine Fingerspitzen die magische Kugel erreicht, prallten sie ab, als hätte er gegen eine gläserne Wand geschlagen. Die Kälte des Schlages fraß sich durch seine Finger bis in die Schultern, ein Stoß aus Magie und Ablehnung. Er taumelte leicht zurück, sein Blick suchte Halt. „Nein… nein“, flüsterte er heiser, während die Erkenntnis wie ein Dolch in ihn drang. Die Kugel hatte ihn abgewiesen. Die Waffe, auf die er alles gesetzt hatte, war ihm verwehrt geblieben. Bournadette war still hinter ihm geblieben, wie eine Statue. Jetzt trat sie einen Schritt näher, ihre Augen ruhig, ihre Stimme warm. „Stimmt etwas nicht?“ Sie wusste es längst. Doch sie ließ ihn es aussprechen. Jamall nickte. Er spürte, wie ein Hauch von Verzweiflung in ihm aufstieg und immer stärker wurde. „Ich erfülle die Voraussetzung nicht…“ Jamalls Stimme war kaum mehr als ein Hauch. Die Wahrheit hatte ihn getroffen wie ein Hieb ins Gesicht. All die Monate der Reise, all das Leiden, der Schmerz, die Kälte, die Einsamkeit, der Preis in Form seiner Erinnerungen – alles umsonst? Jamall legte seine flache Hand auf die Halbkugel und schloss die Augen. Und da verstand er. Er verstand, warum er abgelehnt wurde. Er öffnete die Augen und blickte zu Bournadette. Die ehemalige Kopfgeldjägerin trat zu ihm, so sanft, als wolle sie den Moment nicht stören. Ihre Hand legte sich an seine Wange, streichelte ihn mit einer Zärtlichkeit, die Jamall zum ersten Mal spürte. „Ich bin mir sicher, dass du die Antwort auf die Frage findest.’’ Ihre Nähe, ihre Stimme, ihre Wärme – alles in diesem Moment schien ihn zu umhüllen. Er spürte, wie sich etwas in ihm löste. Eine Dankbarkeit stieg in ihm auf, so tief, dass er sie kaum fassen konnte. Er ergriff ihre Hand, presste sie an sein Herz. „Ohne dich… hätte ich das nie geschafft.“ Seine Stimme war brüchig, ehrlich. Ein Lächeln glitt über ihre Lippen. Kein ironisches, kein berechnendes – ein echtes. Sie zog ihn zu sich, und als ihre Lippen sich trafen, war es nicht Leidenschaft, nicht Verlangen, sondern Trost. Eine Umarmung aus Wärme gegen die Kälte, ein Versprechen, dass er nicht allein war. Jamall ließ sich in diesem Moment fallen, ließ los – seinen Hass, seine Angst, seine Zweifel. Und dann, als die Welt für einen Atemzug stillstand, öffnete er die Augen. Er bewegte sich schnell. Seine Hand fuhr an Bournadettes Gürtel, fand den vertrauten Griff ihres Dolches, und mit einer einzigen, entschlossenen Bewegung riss er ihn hervor und rammte ihn ihr in den Hals.
- Kapitel 166 - Ein Wunsch geformt aus Schuld & Hoffnung
Das linke Bein von Ralf schmerzte. Die Wunde, die ihm Jakira zugefügt hatte, war zwar von Marry notdürftig versorgt worden, doch das Knie war noch weit davon entfernt, wieder voll belastbar zu sein. Der Schmerz war dumpf und bohrend, ein stetiger Begleiter – und zugleich eine unausweichliche Erinnerung an den verzweifelten Versuch, sie aufzuhalten. An das, was danach geschehen war, dachte er ungern, aber es ließ sich nicht abschütteln. Trotzdem ließ er sich nichts anmerken. Er war ein Soldat, geprägt von Pflichten, Loyalität und eiserner Disziplin. Verantwortung war nichts, das man ablegen konnte, nur weil der Körper schmerzte. Sein Blick wanderte durch den Versammlungsraum der Herzogsburg – ein kühler, steinerner Saal, der einst Macht und Ordnung symbolisiert hatte. Nun war er Treffpunkt der Rebellion, und das schwere Licht der tiefhängenden Kronleuchter schien auf Gesichter, die entschlossen, erschöpft und doch wachsam wirkten. Ralf saß an der Seite, neben ihm Azoph und Varon. Ihm gegenüber hatten Prinzessin Nara, ein Mann mit schwarzen Augen, die in der Dämmerung wie polierte Diamanten wirkten, und ein Drachar mit weißem Mantel Platz genommen. Die Spannung im Raum war spürbar, ein unsichtbares Netz aus Erwartung und Vorsicht, das sich über jeden der Anwesenden legte. Doch unter der Oberfläche dieser Anspannung lag auch etwas anderes: Entschlossenheit. Sie alle wussten, warum sie hier waren. Nara ergriff das Wort, ihre Stimme klang ruhig, aber klar, mit dem Selbstbewusstsein einer Frau, die sich ihrer Rolle bewusst war. „Ihr habt gute Arbeit geleistet, Ralf. Ich habe gehört, dass du in Liams Abwesenheit das Kommando übernommen hast?“ Ralf nickte. „Das stimmt. Nach Liams Verschwinden bin ich eingesprungen. Ich nehme an, du möchtest nun die Führung übernehmen, Nara?“ Er sprach sie bewusst mit ihrem Namen an, ohne Titel. Nicht aus Respektlosigkeit, sondern weil er sich an das hielt, was Liam über die Philosophie des Schwarzen Sterns gesagt hatte: Hier zählten nicht Titel, sondern das, was man tat. Nara lächelte schwach. Es war kein herablassendes Lächeln, sondern eines, das Anerkennung zeigte. „Nein. Ich finde, du füllst deinen Posten gut aus. Du kennst die Stadt, du hast sie gehalten – du wirst auch weiterhin das Kommando über Randurin führen. Das ist deine Aufgabe.“ Ihr Blick glitt zu Azoph und Varon. „Und wer sind deine beiden Begleiter? Liam hat mir nichts von ihnen erzählt.“ Ralf räusperte sich. Dies war der heikle Teil. Er wusste nicht, wie Nara auf Varon reagieren würde – und auf das, was er zu berichten hatte. „Azoph“, sagte er, und deutete auf den Drachar, „hat sich nach der Eroberung der Stadt früh für uns eingesetzt. Er hat sich als mein Stellvertreter bewährt, loyal und klug.“ Dann atmete Ralf tief durch. „Und das hier ist Varon“, fuhr er fort. „Er hat die Stadt mit seinen Untoten angegriffen. Nicht, um uns zu vernichten, sondern um unsere Stärke zu testen. Seine Bedingung für die Unterstützung ist einfach: Er will das Kaiserreich stürzen – wenn im Gegenzug die Nekromantie als normale Magieform anerkannt wird.“ Naras Augen verengten sich nur leicht, ein kurzer Ausdruck von Argwohn. Sie drehte sich zu dem Mann mit den obsidianschwarzen Augen. „Was sagst du, Atorm?“ Der Angesprochene wandte den Blick zu Varon. Sein Gesicht zeigte keine Regung, keine Spur von Emotion. Er sprach leise, aber mit einer Klarheit, die keinen Zweifel ließ. „Er ist stark und nützlich. Wenn er uns verrät, kann ich ihn in wenigen Sekunden töten.“ Ralf warf Varon einen kurzen Blick zu. Er hatte mit einer Reaktion gerechnet – mit Arroganz, Empörung oder zumindest einem stillen Grollen. Doch der Nekromant wirkte… abwesend. Seine Augen waren glasig, seine Gedanken offensichtlich weit weg. Er schien nicht einmal gehört zu haben, wie gerade über ihn gesprochen wurde. Nara ignorierte es. „Gut“, sagte sie schließlich. „Dann ist das vorerst kein Problem.“ Sie wandte sich Azoph zu. „Würdest du mir einen Bericht über den aktuellen Zustand der Stadt geben?“ „Sehr wohl, Prinzessin“, erwiderte Azoph sofort und zog einen Zettel aus seiner Tasche. Er begann sich Notizen zu machen, während Nara langsam aufstand und zur großen Karte an der Wand trat. Die Karte zeigte Randurin und das umliegende Herzogtum – mit roten, grünen und schwarzen Markierungen, die strategische Punkte, feindliche Bewegungen und offene Fragen zeigten. Nara verschränkte die Arme vor der Brust, betrachtete die Markierungen schweigend. Dann, verkündete sie mit fester Stimme: „Dann planen wir jetzt den nächsten Schritt.“ - ------------------------------------------------------------------------- „Soweit unsere Informationen reichen, plant das Kaiserreich eine vollständige Blockade von Randurin“, begann Nara mit ernster Stimme. Ihre Worte füllten den Versammlungsraum der Herzogsburg mit einer Schwere, die nicht zu überhören war. Alle Augen richteten sich auf sie, jeder im Raum spürte, dass dies keine gewöhnliche Lagebesprechung war – es ging um den Fortbestand ihrer Bewegung. „Zum einen wollen sie im Landesinneren die Städte Amarilles, Vanatorita und Grun massiv befestigen. Geplant ist ein Verteidigungswall, der sich wie eine Linie aus Stein und Holz zwischen diesen Städten zieht – ein Bollwerk, das jede Bewegung von uns unterbinden soll. Zum anderen bereiten sie eine umfassende Seeblockade vor. Ziel ist es, uns vollständig abzuschneiden – sowohl von Nachschub als auch von potenziellen Verbündeten.“ Während sie sprach, wanderte ihr Blick über die Anwesenden. Ihre Augen ruhten einen Moment länger auf Ralf, als wolle sie sicherstellen, dass er die Tragweite dieser Entwicklung begriff. Doch auch Azoph, Varon, Atorm und der still sitzende Drachar blieben nicht unbeachtet. Jeder in diesem Raum musste verstehen, was auf dem Spiel stand. „Die Seeblockade werden wir nicht verhindern können“, fuhr sie fort. „Dafür fehlt uns sowohl die Seeflotte als auch die Zeit, eine zu organisieren. Aber wir dürfen nicht aufgeben. Ich habe einen anderen Plan. Einen riskanten, aber notwendigen: die Eroberung der drei Städte. Wenn wir Amarilles, Vanatorita und Grun einnehmen, sichern wir nicht nur dieses Gebiet – wir gewinnen auch immense Ressourcen, strategische Positionen und, was noch wichtiger ist, neue Unterstützer in der Bevölkerung.“ Ralf nickte langsam. Der Gedanke war riskant, aber er war nicht unmöglich. Wenn sie dem Kaiserreich zuvorkommen wollten, mussten sie agieren – nicht reagieren. Eine Offensive war in dieser Situation keine Flucht nach vorn, sondern ihre einzige Chance. „Und wer wird damit betraut?“ fragte er schließlich. Seine Stimme war ruhig, aber es lag ein Hauch von Spannung darin – das Wissen, dass diese Entscheidung Leben kosten würde. Vielleicht auch seines. Nara blickte kurz zu ihm, dann zu Atorm. Der Mann mit den unergründlich dunklen Augen gab keine Reaktion von sich. Schließlich antwortete sie: „Ich habe mich noch nicht entschieden. Wir werden das in den nächsten Tagen festlegen. Im Moment... muss ich mich etwas erholen.“ Ralf wollte etwas entgegnen, hielt sich jedoch zurück, als sein Blick auf ihre Kehle fiel. Die Haut dort wirkte schwarz, leblos, als hätte sich ein Schatten dauerhaft in ihren Körper gebrannt. Die Verletzung wirkte nicht wie eine gewöhnliche Narbe – sie sah fremdartig aus, fast wie aus einer anderen Ebene der Realität. „Was ist das für eine Verletzung?“ fragte er schließlich, vorsichtig. Ein leises Seufzen entwich Nara. Für einen Moment wirkte sie weniger wie die entschlossene Anführerin der Rebellion und mehr wie eine Frau, die zu viel überlebt hatte. „Atorm hat mich gerettet“, antwortete sie leise. „Ich wäre sonst gestorben. Diese… Veränderung ist die Folge der Heilung.“ Ralf warf Atorm einen Blick zu. Der Mann bewegte sich nicht, sein Gesicht blieb reglos. Er wirkte wie eine Statue, unnahbar und vollkommen unbeeindruckt. Dass ausgerechnet er jemandem das Leben retten konnte, schien widersprüchlich – aber offensichtlich war es geschehen. Ralf stellte keine weiteren Fragen. Er wusste, dass manche Dinge besser im Unklaren blieben, solange sie funktionierten. „Für heute soll das reichen“, sagte Nara und erhob sich langsam. Ihre Bewegungen waren vorsichtig, als koste jede Geste Kraft. „Azoph, ich erwarte deinen Bericht morgen früh.“ Mit diesen Worten verließ sie die Runde. Varon erhob sich als erster. Er sagte nichts, sah niemanden an und verließ den Raum mit lautlosen Schritten, als hätte ihn das Gesagte nicht im Geringsten interessiert. Ralf beobachtete ihn einen Moment, ehe er selbst aufstand. Sein Bein schmerzte bei der Bewegung, aber er ignorierte es. Es gab Wichtigeres. Er wusste, dass er mit Varon reden musste. „Varon!“ rief er ihm hinterher. Seine Stimme war fest, aber nicht feindselig. „Warte kurz. Ich will mit dir reden.“ - ------------------------------------------------------------------------- Varon blieb stehen und drehte sich langsam zu Ralf um. In seinem Gesicht spiegelte sich etwas, das Ralf zuvor noch nie an ihm gesehen hatte – ein Hauch von Unruhe, vielleicht sogar ein Anflug von Schuld. Es war kein offenkundiger Ausdruck, nichts, das ein Außenstehender sofort bemerkt hätte. Aber Ralf war geübt darin, Menschen zu lesen, und auch wenn Varon kein einfacher Mann war, so war da für einen winzigen Augenblick etwas in seinem Blick, das aus dem inneren Gleichgewicht geraten war. Doch Ralf entschied sich, nicht nachzuhaken. Zumindest noch nicht. Es gab Wichtigeres – Dinge, die zu groß waren, um sie mit Andeutungen zu verschwenden. „Wie steht es um Jakira?“ fragte er schließlich, mit ruhiger, kontrollierter Stimme. Doch unter der Oberfläche lag ein feiner Riss, ein kaum hörbarer Unterton aus Sorge und etwas, das nahe an Hoffnungslosigkeit grenzte. „Konntest du sie wieder ins Leben holen?“ Varon zögerte. Nicht lang, aber lang genug, dass Ralf es bemerkte. Es war ein Zögern, das nicht aus Unsicherheit kam, sondern aus dem Abwägen, wie viel Wahrheit er zumuten konnte – oder wollte. Dann sprach er. Seine Stimme war ruhig, beherrscht, wie immer. „Ja. Ich konnte sie zurückholen. Zumindest… körperlich.“ Er machte eine kurze Pause, als suche er nach den richtigen Worten. „Aber es ist nicht ganz so verlaufen, wie ich es erwartet hatte. Etwas in ihr scheint… beschädigt. Ihre Erinnerungen, ihre Wahrnehmung. Sie hält Jester für Liam. Sie klammert sich an ihn, als wäre er derjenige, den sie liebt.“ Ralfs Atem stockte, seine Gedanken wirbelten. Das war nicht das, was er hatte hören wollen. Nicht das, was er gehofft hatte. Jakira lebte – aber nicht als die, die sie gewesen war. Sie lebte in einer Illusion, gefangen in einer Lüge, die jemand anders für sie erschaffen hatte. Eine Welt, die sich wie Trost anfühlte, aber in Wahrheit nur ein Schatten war. Ein Knoten bildete sich in seiner Brust, schwer und drückend. Es war nicht nur Trauer, sondern auch Schuld. Er hatte gewollt, dass Varon sie zurückholt. Er hatte das befürwortet. Und jetzt? „Ich denke, es ist im Moment das Beste, wenn wir ihr diese Illusion lassen“, fuhr Varon fort, seine Stimme klang gleichgültig, beinahe nüchtern. „Zumindest bis sie selbst beginnt, Fragen zu stellen – oder bis wir einen Weg finden, ihre Erinnerungen wieder zu ordnen.“ Die Worte prallten an Ralf ab, als wären sie aus Stein gemeißelt. Es war schwer, sie zu akzeptieren. Zu begreifen, dass die Frau, der er helfen wollte, nun in einem Zustand existierte, der wie Leben aussah – aber nicht wirklich Leben war. „Wie stehen die Chancen?“ fragte Ralf. Seine Stimme war nun leiser, brüchig, als müsste er sie durch einen dichten Nebel hindurch formen. Er wollte Hoffnung hören, irgendeinen Anker, an dem er sich festhalten konnte. Doch Varon zuckte nur leicht mit den Schultern. „Das kann ich nicht sagen. Es ist… komplizierter, als ich dachte. Ich werde weiter forschen. Vielleicht finden wir einen Weg, aber ich kann dir nichts versprechen.“ Ralf nickte langsam. Es war ein schwermütiges, schweres Nicken. Eines, das eher Ausdruck der Resignation war als des Verständnisses. Er wusste, dass Varon tun würde, was er konnte – aber es war die Art der Hilfe, die einen hohen Preis forderte. Vielleicht zu hoch. „Mach das…“ flüsterte er schließlich. Seine Stimme war kaum hörbar. Und doch war in diesem einen Satz so viel Gewicht, so viel unausgesprochene Angst, dass es den ganzen Flur zwischen ihnen füllte. Varon sah ihn noch einen Moment lang an, als wolle er etwas hinzufügen. Vielleicht eine Erklärung, vielleicht eine Entschuldigung – oder nur ein Versuch, etwas Menschliches zu sagen. Doch er entschied sich dagegen. „Gibt es sonst noch etwas, Hauptmann?“ fragte er stattdessen. Seine Stimme war wieder kühl, sachlich, fast distanziert. Ralf schüttelte den Kopf. „Ich brauche Ruhe.“ Varon nickte nur, dann wandte er sich ab und verschwand lautlos in den Korridoren der Burg. Ralf blieb allein zurück. In seinem Bein pochte der Schmerz, doch der, der in seiner Brust saß, wog ungleich schwerer. - ------------------------------------------------------------------------- Als Ralf sein Zimmer erreichte, fiel er schwer auf das Bett, das unter seinem Gewicht leise knarrte. Der Stoff seiner Kleidung war noch kalt von der feuchten Luft draußen, seine Glieder müde vom langen Tag, doch es war nicht der Körper, der ihm am meisten zusetzte. Es war sein Geist – rastlos, gehetzt, von einer Flut aus Schmerz, Trauer und nagender Schuld durchdrungen, die ihm jede Ruhe raubte. Er lag still da, doch in seinem Inneren tobte ein Sturm, der keine Pause kannte. Unaufhaltsam kehrten seine Gedanken immer wieder zu Jakira zurück. Zu ihrem Blick, ihrem gebrochenen Ausdruck, und jenem entsetzlichen Moment, in dem sie sich aus dem Fenster gestürzt hatte. Er sah es immer wieder vor sich – ihre Silhouette gegen den schwarzen Himmel, den Schrei, der in der Nacht verhallte, das Geräusch, als sie auf die Felsen prallte. Er hatte weggesehen, doch sein Inneres hatte jedes Detail aufgezeichnet, und jetzt spielte es sich ab wie ein Fluch, Bild für Bild, Atemzug für Atemzug. Sie hatte dieses Schicksal nicht verdient. Jakira war nicht einfach irgendeine Kämpferin gewesen – sie war mehr. Eine Frau, gezeichnet von einem Leben voller Gewalt, Missbrauch und Einsamkeit, und doch war sie aufgestanden, hatte gekämpft, hatte anderen vertraut, obwohl man ihr so oft bewiesen hatte, dass Vertrauen gefährlich war. Sie war stark gewesen, mutig, loyal bis zuletzt. Und trotzdem hatte sie geglaubt, dass sie nichts mehr wert war. Dass sie keinen Platz in dieser Welt hatte. Ralf verfluchte sich dafür, dass er sie nicht hatte retten können. Wenn er nur schneller reagiert hätte. Wenn er sie besser verstanden, mehr auf sie zugegangen wäre. Wenn er das Richtige gesagt, das Richtige getan hätte – vielleicht hätte sie sich dann nicht so verloren gefühlt. Vielleicht hätte sie sich nicht von der Dunkelheit verschlingen lassen. Doch er hatte versagt, und dieser Makel würde ihn für den Rest seines Lebens begleiten. Gleichzeitig wusste er, dass ihre Entscheidung nicht nur aus Verzweiflung getroffen worden war – sondern auch aus einer tiefen, traurigen Überzeugung. Sie hatte gedacht, niemand brauche sie mehr. Dass Liam tot sei, dass ihr Zweck erfüllt war. Und obwohl Ralf wusste, dass es falsch war, konnte er diese Überzeugung nicht verurteilen. Denn er verstand sie. Vielleicht zu gut. Seitdem hatte er kaum noch geschlafen. Die Nächte waren lang und leer, erfüllt von ihren Schatten. Die Schuld war nicht nur sein Begleiter, sie war seine Strafe. Wie würde es Liam damit gehen? Ralf konnte es nur ahnen. Doch er war sich sicher, dass der Elf daran zerbrechen würde, wenn er von Jakiras Tod erfuhr. Die beiden hatten sich gebraucht, mehr als sie es je in Worte gefasst hatten. Vielleicht hatten sie es selbst nie wirklich verstanden. Liam, mit seiner Zerrissenheit, seinem stillen Leid. Jakira, mit ihrer verzweifelten Suche nach Wert und Anerkennung. Sie hatten sich gegenseitig gestützt, auf eine fragile, beinahe zerbrechliche Weise – und jetzt war einer von ihnen verschwunden und die andere lebte in einer Illusion. Eine Illusion, die Varon geschaffen hatte. Ralf verstand, warum er es getan hatte. Vielleicht war es sogar notwendig gewesen, um Jakira zurückzuholen. Aber das bedeutete nicht, dass es richtig war. Was Jakira jetzt durchlebte, war kein Leben – es war ein Trugbild, ein Traumkäfig, in dem sie nicht wachsen, nicht heilen konnte. Es war eine Beruhigung für ihre verletzte Seele, nicht die Wahrheit, die sie verdiente. Und dann kam der Gedanke. Er drängte sich nicht mit Gewalt in sein Bewusstsein – nein, er formte sich langsam, fast schleichend, wuchs aus dem Schmerz und der Schuld, wurde von der Erinnerung genährt und von der Hoffnung getrieben. Es war keine rationale Idee. Es war ein Entschluss, geboren aus dem tiefsten Wunsch, etwas wiedergutzumachen, was womöglich nicht mehr gutzumachen war. Er würde Liam retten, wenn er noch lebte. Wo auch immer Hypos ihn gefangen hielt, wie stark auch immer die Wachen, wie tödlich auch immer das Terrain – es war egal. Ralf würde ihn finden. Und wenn er dabei sterben würde, dann wäre es ein gerechter Preis für das, was er Jakira schuldig war. Und Jakira? Er würde sie mitnehmen. Er würde sie zurückholen – aus dem Nebel, aus der Lüge, aus diesem trägen Stillstand, in dem sie nur ein Echo ihrer selbst war. Er würde ihr zeigen, dass sie mehr war als ein Werkzeug, dass sie mehr war als das, was andere aus ihr gemacht hatten. Dass sie leben konnte – und leben durfte – mit all dem Schmerz, mit all den Narben, aber auch mit Hoffnung. Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Der Schmerz in seinem Knie war fast vergessen. Es zählte nur noch dieser eine Gedanke. Diese eine Entscheidung, die ihn innerlich aufrichtete, ihm wieder eine Richtung gab. Leise, doch mit fester Stimme, sprach er es aus. Nicht für andere – nur für sich selbst. Und doch war es ein Schwur. ,,Ich gehe Liam retten. Und Jakira werde ich mitnehmen.’’
- Kapitel 165 - Der Preis eines Fluches
Varon bewegte sich zielstrebig durch die stillen Gassen des östlichen Randurins. Der Wind trug den salzigen Geruch des nahen Meeres mit sich, und trotz des dichten Nebels wusste er genau, wohin er ging. Seine untoten Vögel hatten den Ort beschrieben – ein verfallener Kräuterladen, scheinbar vergessen von der Zeit. Hier lebte die Frau, die sich selbst Barathila genannt hatte. Er wollte wissen, ob diese Frau wirklich die Fluchhexe war – oder nur eine Betrügerin. Er erreichte den kleinen Laden, dessen Fensterläden halb verfallen waren und dessen Tür schief in den Angeln hing. Die Farbe blätterte vom Holz, und das verwitterte Schild über der Tür war kaum noch lesbar. Er legte die Hand auf die Klinke und öffnete sie mit einem leisen Knarren. Der Geruch von Staub, getrocknetem Holz und altem Rauch schlug ihm entgegen. Der Innenraum war dunkel, fast vollständig im Schatten versunken. Früher war dies eindeutig ein Kräuterladen gewesen – die Regale an den Wänden deuteten darauf hin – doch sie waren leer, von Spinnweben durchzogen, als hätte sich seit Jahren niemand mehr hier aufgehalten. Der Boden war mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Keine frischen Fußspuren. Keine Bewegung. Und doch… Varon spürte es. Und dann sah er sie. In der hintersten Ecke, auf einem alten Holzstuhl, saß eine Frau. Alt, gebeugt, in einen dunklen Umhang gehüllt. Ihr Gesicht war von Falten durchzogen, doch ihre Augen… ihre Augen leuchteten wie geschliffene Splitter aus Stahl. Sie lächelte. „Warum störst du mich, Nekromant?“ fragte sie. Ihre Stimme war sanft wie eine alte Melodie – und doch lag ein dunkles Raunen darin, etwas, das an das Rauschen toter Wälder erinnerte. Varon trat einen Schritt näher, musterte sie mit wachsamem Blick. Dass sie ihn erwartet hatte, war ungewöhnlich. Beunruhigend. ,,Ich möchte, dass du mir verrätst, ob du damals den Namen ,Barathila’ nur benutzt hast, um mich zu irritieren, oder ob du wirklich die Fluchhexe bist.’’ Die Alte neigte leicht den Kopf. „Hat der kleine Junge, der die Wärme des Lebens nicht versteht, etwa Angst?“ Ihre Stimme klang nun spöttisch, aber nicht höhnisch. Sie sprach, als wüsste sie mehr über ihn, als er selbst zuzugeben bereit war. „Beunruhigt ihn, dass es etwas geben könnte, das er nicht kontrollieren kann?“ Varons Blick verengte sich. Ihre Worte waren gut gewählt. „Antworte“, sagte er. Ruhig, aber mit Nachdruck. Die Frau lehnte sich zurück, legte die knochigen Hände auf ihre Knie. Ihre Augen verloren nichts von ihrer Schärfe. „Was willst du von einer alten Hexe, die beschlossen hat, der Welt den Rücken zu kehren?“ Er lächelte kühl. Die Art, wie sie sprach, wie sie ihn las, wie sie Magie in ihrer bloßen Präsenz atmen ließ – all das ließ seine Zweifel schwinden. Sie war es. ,,Ich möchte, dass du jemanden für mich verfluchst.’’ Das Lächeln verzog sich zu etwas anderem – einer Fratze, halb amüsiert, halb finster. ,,Und warum sollte Barathila das tun?’’ Varon trat näher, die Luft um ihn wurde kälter, sein Blick härter. „Weil ich sonst die Kinder, die du geschützt hast, zu Untoten mache. Ich kann sie tanzen lassen. Sie werden dir jede Nacht die Knochen in den Schlaf singen.“ Ein Moment der vollkommenen Stille. Dann wich das Lächeln aus dem Gesicht der Hexe. Ihre Augen wurden hart. Ihre Lippen zitterten nicht vor Angst, sondern vor Zorn und – ja, auch Trauer. „Du hast wirklich keinen Funken Menschlichkeit in dir“, sagte sie leise. Doch ihre Stimme hallte im Raum nach, als wäre sie schwerer geworden. „Was ist dir widerfahren, dass du so geworden bist? Oder…“ – sie beugte sich leicht vor – „…warst du schon immer so? Unfähig, Teil von dem zu sein, was du heimlich ersehnst und doch verachtest?“ Varons Gesicht blieb regungslos, doch innerlich stieß etwas in ihm gegen ihre Worte. Er schüttelte den Kopf, als wollte er Gedanken vertreiben, die er nicht denken wollte. „Das ist irrelevant. Entscheide dich, Hexe.“ Barathila stand langsam auf. Ihre Bewegungen waren geschmeidig, ohne Zittern – nicht die einer gebrechlichen Frau, sondern die eines Wesens, das seine Zeit in Ruhe verbrachte. Sie blickte ihn an, mit einer Ruhe, die keine Angst kannte. ,,Mein Name ist Barathila, Tochter des Zil, auch bekannt als die Fluchhexe.’’ -------------------------------------------------------------------------- Varon spürte, wie sich ein seltsames, beunruhigendes Gefühl in seinem Inneren ausbreitete. Es kroch langsam durch seine Adern, schlich sich in seine Gedanken wie kalter Rauch, der durch die Ritzen eines geschlossenen Fensters dringt. Er war ein Mann, der den Tod kannte, der sich von Dunkelheit nicht einschüchtern ließ – und doch. Barathila hatte einen Namen ausgesprochen, der ihm einen Schauer über den Rücken jagte. Zil. Er konnte ihn nicht zuordnen, und dennoch hallte er in ihm nach wie ein Echo aus einer Welt, die älter war als Sprache. Der Klang dieses Namens war wie schwarzer Nebel – träge, tief und unheimlich still. Eine Silbe, die schwerer wog als ihre Buchstaben. Barathila trat näher. Sie hatte es bemerkt, das Flackern in seinen Augen, den winzigen Moment des Zögerns. Leise, beinahe zärtlich, begann sie zu kichern. „Hat der Mann, der die Toten beherrscht, etwa Angst vor der Dunkelheit?“ Ihre Stimme war ein Flüstern, aber sie schien die Luft selbst zu durchbohren. Varons Hände ballten sich zu Fäusten. Er ließ sich nicht provozieren, auch wenn ihre Worte sich anfühlten, als würden sie sich in seine Gedanken graben. Barathila trat einen Schritt zurück und blickte ihm lange in die Augen, ihre Miene nun wieder ruhig, beinahe sanft. ,,Wen soll ich für dich verfluchen?’’ Varons Miene glättete sich, und langsam begann sich ein Lächeln auf seinen Lippen zu formen. Es war ein kaltes Lächeln, nicht erfreut, sondern berechnend. „Ich möchte, dass du Yang verfluchst“, sagte er leise. „Die Anführerin der Kaiserlichen Kopfgeldjäger.“ Barathilas Augen glänzten plötzlich heller. Sie schien nicht überrascht, sondern… interessiert. Fast amüsiert. „Du verfluchst diese Frau. Interessant… durchaus interessant“, murmelte sie, während sie sich langsam zur Seite wandte. Sie griff in eine Tasche ihres dunklen Umhangs und zog einen alten Pinsel hervor. Die Borsten waren hart, von Zeit und Magie gezeichnet, und sie begann damit, einen Zirkel aus Linien, Runen und Symbolen auf den staubigen Holzboden zu malen. Ihre Bewegungen waren ruhig und flüssig, fast tänzerisch. Varon beobachtete sie schweigend. Als sie zu sprechen begann, änderte sich die Atmosphäre im Raum sofort. „In den Schatten der Nacht, im Licht der Sonne, im Atem des Windes, in der Strömung des Wassers, in der Hitze des Feuers, in den Festen der Erde…“ Ihre Stimme war leise, aber mit jeder Silbe durchdringender, getragen von einer uralten Melodie, die sich nicht nach Gesang, sondern nach einem archaischen Ruf anfühlte. „Barathila ruft dich, uralte Fluchkraft. Entfessel abermals deinen Hass und zehre dich am Leid. Dein Ziel heißt Yang. Gehorche mir, Wille der Vergangenheit, und führe diese Person zum ewigen Schwarz.“ Der Zirkel auf dem Boden begann zu leuchten – nicht hell, sondern in einem dunklen Violett, das sich wie Tinte über den Boden zog und dabei ein kaltes Licht ausstrahlte, das sich fremd anfühlte. Der Raum wurde schlagartig kälter. Nicht wie Winterkälte – sondern wie die Kälte, die in einem Grab herrscht. Sie schlich sich unter die Haut, durchdrang jede Schicht. Selbst Varon, der sonst ungerührt blieb, musste den Atem kurz anhalten. Ein leiser Wind fuhr durch den Raum. Dann, genauso plötzlich, wie es begonnen hatte, erlosch das Leuchten. Der Zirkel verblasste, als wäre er nie dort gewesen. Barathila blickte auf und sah Varon mit funkelnden Augen an. ,,Bist du zufrieden?’’ Varon nickte leicht, ein kaltes Lächeln legte sich auf seine Lippen. ,,Ich danke dir, Fluchhexe.’’ Dann zog er ohne zu zögern einen kleinen Dolch aus seinem Mantel. Eine Bewegung, so schnell wie seine Entscheidung. Er stach zu. Die Klinge fuhr in den Hals der alten Frau. Ihr Körper zuckte leicht, als das Blut hervorschoss und über ihre Kleidung sowie den alten Holzboden rann. Doch in ihren Augen lag kein Schock, kein Zorn. Nur etwas, das Varon irritierte. Erleichterung. Sie sackte zu Boden, langsam, fast würdevoll. Ihre Augen schlossen sich halb, und ihr Atem wurde flach. Varon sagte nichts. Er wandte sich ab, bereit, die Hütte zu verlassen. Doch in dem Moment, als er die Hand an die Tür legte, hörte er erneut ihre Stimme. Leise. Brüchig. Und doch seltsam kraftvoll. -------------------------------------------------------------------------- „Uralte Fluchkraft, nimm meinen Geist als Opfer. Ich verfluche den Mann, der mir mein Leben entrissen hat. Sein Name ist Varon – und er wird einen grausamen Tod sterben.“ Die Worte hallten durch den Raum wie ein uraltes Echo, so klar, so deutlich, als wären sie direkt in Varons Geist gebrannt worden. Für einen Moment stand die Zeit still. Er wirbelte herum. Barathila lag noch immer dort, wo er sie zurückgelassen hatte – leblos, ihr Körper zusammengesunken, das Blut sickerte in das Holz unter ihr. Doch ihre Lippen waren geschlossen. Regungslos. Kein Laut kam mehr aus ihr. Und doch hatte er sie gehört. Er trat hastig zu ihr, ging in die Hocke, legte zwei Finger an ihren Hals. Kein Puls. Nichts. Unmöglich. Varon knurrte leise, konzentrierte sich, ließ sein Mana in sie strömen, ein Strom dunkler Energie. Er wollte sie zurückholen – nicht, weil er sie als potenzielle Dienerin sah, sondern weil er Antworten wollte. Er wollte wissen, was sie getan hatte. Und wie man es rückgängig machte. Doch es geschah nichts. Nicht der kleinste Widerstand, nicht die geringste Resonanz. Ihr Körper blieb tot. Varons Augen verengten sich. Sowas hatte er noch nie erlebt. Nicht einmal der Urdrache Juka hatte sich seiner Kontrolle entzogen. Ein kalter Schauder kroch seinen Nacken hinab. War es möglich, dass er… Dass sie wirklich... Er fluchte laut, seine Stimme hallte in der leeren Hütte wider. Hatte er sich die Worte nur eingebildet? War es sein Unterbewusstsein gewesen, das sich in seiner Vorstellung eine letzte Warnung zusammengesponnen hatte? Aber sie war so deutlich gewesen. Und ihre Stimmbänder… sie waren durchtrennt. Niemand konnte in so einem Zustand sprechen. Oder? Er trat zurück, sein Blick noch einmal auf die leblose Gestalt am Boden gerichtet. Dann wandte er sich ab und verließ die Hütte, die Tür fiel krachend hinter ihm zu Boden. Die Luft draußen war kalt, ein schneidender Wind fuhr durch die Straßen von Randurin. Varon zog den Mantel enger um sich, doch es war nicht die Kälte, die ihn frösteln ließ. ,,Scheiße…’’ Das Wort entglitt ihm, unkontrolliert, zwischen den Zähnen hindurch. Er wollte sich wieder fangen, doch seine Gedanken blieben bei Barathila. Hatte sie ihn wirklich verflucht? Und wenn ja… was bedeutete das? Er wusste um die Geschichten. Die Flüche der Fluchhexe galten als unausweichlich. Es hieß, sie kämen wie der Tod selbst – langsam, unaufhaltsam, und niemand konnte sagen, wann oder wie sie zuschlagen würden. Ein Knacken auf dem Kopfsteinpflaster ließ ihn aufsehen. Ein Mann kam ihm entgegen – groß und dünn, mit feinen Schuppen, die unter einem hellen Reisemantel hervorblitzten. Ein Drachar. „Bist du Varon?“ fragte er knapp, seine Stimme war kratzig. Varon nickte langsam. „Und du bist?“ „Gendri. Ich bin Teil der Einheit der Prinzessin. Es gibt eine Lagebesprechung in der Herzogsburg. Du wurdest beordert.“ Varon musterte ihn kurz, dann nickte er erneut. „Gut. Lass uns gehen.“ Sie setzten sich in Bewegung, der Drachar schritt zügig voran. Doch Varon ging mit schweren Schritten. Sein Blick blieb wachsam, doch sein Geist war weit entfernt. Barathila. Zil. Der Fluch. Ein Gedanke bohrte sich in ihm fest: Er hatte einen Fehler gemacht.
- Kapitel 164 - Hoffnung & Täuschung
—ZFLATSCH— Ein Geräusch, das an das Zerquetschen einer überreifen Frucht erinnerte, hallte durch die Dunkelheit und drang in Varons Ohren. Er kannte diesen Laut nur zu gut. Er hatte ihn unzählige Male gehört, besonders während seiner Zeit in Arkan, wo viele Lupiden ihrem Leben durch einen Sturz aus großer Höhe ein Ende setzten. Ein Aufprall wie dieser bedeutete nur eines: Wer fiel, war entweder tot oder lag im Sterben. Beides war für Varon von gleichem Interesse. Er ließ sich Zeit, als er um die Herzogsburg herumging, seine Schritte lautlos auf dem kalten Stein. Seine Augen durchsuchten die Klippen, suchten nach dem Körper, der diesen Klang verursacht hatte. Schließlich entdeckte er sie. Eine Schattenläuferin lag leblos zwischen den zerklüfteten Felsen. Ihr Körper war verdreht, eine groteske Puppe aus zerbrochenem Fleisch und zerschlagenem Knochen. Ihr aschgrauer Teint war mit Blut überzogen, ihre schwarzen Haare wirkten in der Kälte wie dunkle Tinte, die über den Stein geflossen war. Varon ging in die Hocke, betrachtete sie einen Moment. Dann legte er zwei Finger an ihren Hals, suchte nach einem Puls. Nichts. „Du bist also Jakira?“ fragte er leise, wissend, dass er keine Antwort erhalten würde. Er könnte sie erwecken. Er könnte sie zu einer willenlosen Dienerin machen, zu einer von vielen, die seinem Willen folgten. Doch er hatte Ralf ein Versprechen gegeben. Ein Versprechen, das er nicht leichtfertig brechen wollte. Varon seufzte leise, dann griff er nach ihrem leblosen Körper und warf ihn sich über die Schulter. Blut tropfte von ihrer Kleidung auf den Steinboden, eine dünne Spur aus dunkler Flüssigkeit, die sich mit der Gischt vermischte. Als er durch die Tore der Herzogsburg trat, folgten ihm die Blicke der Wachen – einige entsetzt, andere voller stummer Furcht. Doch niemand stellte ihm eine Frage. Sie kannten ihn. Sie wussten, wer er war. Der Nekromant. Der Mann, der mit den Toten sprach. Der Mann, der die Toten zurückholte. Er betrat das Zimmer, in dem Ralf saß. Der Hauptmann saß am Rand seines Bettes, die Schultern hingen schwer, als wären sie unter einer Last begraben, die nicht sichtbar, aber allgegenwärtig war. Sein Blick war leer, auf das geöffnete Fenster gerichtet, aus dem Jakira wohl gesprungen war. Varon trat näher. „Hauptmann Ralf“, begrüßte er ihn mit ruhiger Stimme. Langsam hob Ralf den Kopf. Seine Augen fielen auf den Körper, der über Varons Schulter hing. Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. Dann verspannte sich Ralfs Gesicht. Sein Blick sprach von Schuld, von Trauer, von einem verzweifelten Versuch, das Geschehene zu begreifen. „Warum hast du sie hergebracht?“ Seine Stimme war rau, brüchig. Varon lächelte. „Ich kann sie vielleicht nicht vollständig zurückholen, aber ich könnte einen Mittelweg schaffen.“ Seine Worte waren ruhig, kalkuliert. „So ähnlich wie beim Kronprinzen. Sie würde weder leben, noch tot oder untot sein. Möchtest du das?“ Ralfs Blick wanderte zu Jakira. Womöglich hatte moralische Bedenken. War es fair, sie in diesen Zustand zu versetzen? War es gerecht, sie aus der Dunkelheit zurückzuholen – ohne zu wissen, was davon noch sie selbst sein würde? Oder war es besser, sie ruhen zu lassen? Ralfs Hand ballte sich zu einer Faust. Dann nickte er. „Gut, mach es. Wie viel wird von ihr erhalten bleiben?“ Seine Stimme war leiser, fast vorsichtig. Varon zuckte mit den Schultern. „Das lässt sich nicht sagen.“ Er sprach ohne Zögern, ohne Lügen. „Ich habe diese Magie noch nie an Personen getestet.“ Eine kurze Pause. Dann fügte er hinzu: „Wahrscheinlich wird ihr Charakter so sein wie vorher.“ Ralfs Lippen verzogen sich zu einer schmalen Linie. Seine Augen waren dunkel vor Zweifeln, vor Zögern. Dann atmete er aus. Ein erneutes Nicken. „Gut, mach es.“ Varon drehte sich um, mit Jakiras Körper noch immer über seiner Schulter. - ------------------------------------------------------------------------- Varon saß in seinem Labor, einem düsteren Raum in den Katakomben von Randurin, der von seltsamen Gerüchen und der Aura uralter Magie durchdrungen war. Regale voller vergilbter Bücher reihten sich an den Wänden, während auf den Tischen unzählige Phiolen mit dampfenden Flüssigkeiten und Artefakte verstreut lagen. Das einzige Geräusch war das leise Tropfen eines Elixiers, das von einer metallenen Apparatur in eine Schale rann. In der Mitte des Raumes lag Jakira. Ihr aschgrauer Körper, nackt und blutüberströmt, war auf einen steinernen Tisch gebettet. Ihre Glieder waren in einem grotesken Winkel verdreht gewesen, als er sie fand, doch nun hatte er sie in ihren Ursprungszustand zurückversetzt. Ihre Wunden waren geheilt, ihre Knochen wieder an ihrem Platz, doch sie war reglos. Varon runzelte die Stirn. Etwas stimmte nicht. Der Zauber war fehlerlos ausgeführt worden. Jeder Schritt war präzise, jede Formel perfekt. Und doch – nichts. Kein Zittern der Finger, kein Zucken der Lippen, nicht einmal der Hauch eines unwillkürlichen Atemzugs. Es war, als würde sich etwas in ihr wehren, selbst jetzt, da ihr Körper wiederhergestellt war. Ein tiefer Seufzer entwich ihm. Er beugte sich vor, legte seine Stirn sanft auf die ihre und schloss die Augen. Dann tauchte er ein. Eine Welt aus Schatten und Erinnerungen breitete sich vor ihm aus. Varon stand nun in einer kleinen, schäbigen Hütte. Der Raum war dunkel, nur eine einzelne Kerze warf ein flackerndes Licht auf die nackten Wände. Es gab kaum Möbel – ein Bett, ein Tisch, mehr nicht. Am Boden, mit leerem Blick, saß Jakira. Sie bewegte sich nicht. „Willst du nicht mehr leben?“ fragte er. Seine Stimme war sanft, aber es war kein gewöhnliches Gespräch. Er manipulierte ihre Erinnerungen. Eine riskante Handlung, die tief in das Bewusstsein eines Wesens eingriff, es formte, es verändern konnte. Jakira antwortete nicht. Ihre Augen waren leer, als hätten sie die Fähigkeit verloren, Hoffnung zu sehen. Das war beunruhigend. Doch Varon wusste, dass der Schlüssel in ihren tiefsten Gedanken lag. Er durchsuchte ihr Bewusstsein, tastete sich durch die Schleier ihrer Vergangenheit. Warum war sie gesprungen? Was hatte sie in den Abgrund getrieben? Dann fand er es. Es war nicht Randurin. Nicht die Rebellion. Es war eine Person. Liam. Varon überlegte, als es ihm wie Schuppen von den Augen fiel. Es musste mit Liam zu tun haben. Dem Elf, der von Kronprinz Hypos entführt wurde. „Vermisst du Liam?“ fragte er leise. Ein zartes Nicken. Es war das erste Zeichen von Leben, das sie ihm gab. „Ich verstehe“, sagte er. „Willst du ihn wiedersehen?“ Zum ersten Mal flackerte etwas in ihren Augen auf. Ein Funken. „Geht das denn?“ flüsterte sie. Varon nickte. ,,Natürlich. Erlaubst du mir, deine Erinnerungen mit ihm zu sehen?“ Ein zweites Nicken. Das war es, was er brauchte – ihr Einverständnis. Mit einem Gedanken formte er die Welt um sich herum. Die Hütte verschwand, und stattdessen stand Jakira nun auf einer Lichtung. Ein Windhauch strich durch das hohe Gras, und vor ihr, mit einem sanften Lächeln auf den Lippen, stand Liam. Jakira keuchte. „Liam?“ Sie fiel ihm um den Hals, drückte ihn an sich. Tränen füllten ihre Augen. Sie warf sich in seine Arme, vergrub ihr Gesicht in seinem Mantel. Er schloss sie in eine sanfte Umarmung, strich mit den Fingern durch ihr Haar. Varon stand am Rand der Illusion und beobachtete. Es war ein schöner Moment. Doch es war nicht genug. Diese Szene war nur ein Trost, ein falsches Versprechen. Er brauchte etwas anderes. Etwas, das sie in die Realität zurückzog. Varon suchte tiefer in ihren Erinnerungen. Kartaffel? Unwichtig. Ihre Reise nach Randurin? Ebenfalls nicht das, was er brauchte. Er ging weiter zurück. Zurück in die Kaiserstadt. Und dann sah er ihn. Kronprinz Sebastian. Jakira stand in einer engen Gasse. Sie beobachtete eine Hauptstraße, auf der sich Soldaten versammelt hatten. Und dort, inmitten der Menge, stand er: der Kronprinz, der seinem Schicksal entgegenging. ,,Sehr gut’’, murmelte Varon und lächelte. Mit einem kurzen Befehl ließ er Liam verschwinden. An seine Stelle trat Sebastian. Jakira erstarrte. Sie ließ ihn los, trat zurück. „Wer bist du? Wo ist Liam?“ fragte sie, Verwirrung in ihrer Stimme. Ihre Hände zitterten. Ihr Blick flog zu Varon. Sie suchte nach einer Erklärung. Varon trat einen Schritt näher. Seine Stimme war ruhig, sanft, fast hypnotisch. ,,Das ist doch Liam. Dein Liam.’’ Jakira schüttelte langsam den Kopf. „N-Nein… das ist er nicht. Er sieht… anders aus… oder?“ Ein Riss formte sich in ihrem Geist. Varon legte eine Hand auf ihre Schulter. „Nein, das ist Liam.“ Seine Stimme wurde fester. „Hast du ihn etwa vergessen?“ Jakiras Blick wanderte von ihm zu Sebastian – ihrem neuen Liam. Ihre Lippen bebten. „Ist… ist er das wirklich?“ Varon nickte. „Natürlich. Willst du ihn wiedersehen?“ Ein leises Ja. Varon nahm ihre Hand. In dem Moment zerfiel die Scheinwelt. Die Dunkelheit um ihn herum verschwand, das Labor kehrte zurück. Er öffnete die Augen. Jakiras Brust hob und senkte sich schwach. Dann öffnete sie die Augen. Ein flackernder Blick. Verwirrt, verloren. „Liam?“ flüsterte sie. Varon lächelte. „Nein, ich bin Varon. Aber du wirst ihn wiedersehen. Versprochen.“ -------------------------------------------------------------------------- „Jester!“ rief Varon mit scharfer Stimme, und sein Ruf durchschnitt die Stille des Labors. Ein kurzer Moment verstrich, in dem nur das leise Tropfen einer dunklen Flüssigkeit in einer Glasphiole zu hören war. Dann öffnete sich die Tür, und eine Gestalt trat ein. Jester. Einst war er Kronprinz Sebastian gewesen, ein Mann von kaiserlichem Blut, geboren mit dem potenziellen Anspruch auf den Thron und dem Stolz eines Herrschers. Doch all das war längst vergangen. Jetzt war er nichts weiter als eine Marionette, seine Bewegungen leer, sein Blick leblos, seine Existenz auf eine einzige Funktion reduziert: zu gehorchen. Anders als bei Jakira, die Varon nicht direkt kontrollieren wollte, war Jester vollständig seinem Willen unterworfen. Doch Varon wusste, dass direkte Kontrolle nicht immer der effektivste Weg war. Jakira musste von selbst glauben, dass ihre Welt noch Sinn ergab – dass Liam noch existierte. Und genau dafür war Jester da. Varon richtete seine Magie an Jester, formte seine Gedanken zu stummen Befehlen und drang in Jesters Geist ein. „Du wirst dich Jakira gegenüber als Liam ausgeben. Du wirst sie trösten. Sie loben. Für sie da sein. Lass sie nicht aus den Augen. Und sage ihr nichts von diesem Gespräch.“ Jester nickte stumm, seine Augen blieben leer. Es gab keine Fragen, kein Zögern. Er war nur noch eine leere Hülle, die tat, was von ihr verlangt wurde. Dann trat er vor. Jakira saß noch immer auf dem Tisch, ihr Blick glasig, ihr Geist verloren zwischen Realität und Erinnerung. Die Wunden ihres Sturzes waren längst verheilt, doch die Narben in ihrer Seele waren tiefer als jede Verletzung, die ihr Körper je erlitten hatte. Als sie Jester sah, füllten sich ihre Augen mit Tränen. „L-Liam?“ flüsterte sie, ihre Stimme war zitternd, unsicher – voller zerbrechlicher Hoffnung. Jester nickte. ,,Ja, ich bin es, Jakira. Willkommen zurück.’’ Er zog sie in eine sanfte Umarmung, seine Bewegungen ruhig, seine Berührungen vertraut. Und Jakira – die so sehr an ihn glauben wollte, so sehr Liam sehen wollte – klammerte sich an ihn, als wäre er der letzte Halt in einer Welt, die sie nicht mehr verstand. Ihre Schultern bebten, ihr Atem ging unregelmäßig, als sie ihre Tränen in seinem Mantel vergrub. Jester ließ es geschehen. Er hielt sie fest, streichelte ihr beruhigend über den Rücken, küsste sie sanft auf die Stirn. Varon stand im Schatten des Raumes und beobachtete sie mit einem leichten Lächeln. Perfekt. Es war ein zartes Netz aus Illusionen, aus Manipulationen, aus einem sorgfältig platzierten Trugbild. Jakira war zurück, und sie glaubte, dass Liam es auch war. Er wandte sich ab und verließ den Raum. Es gab noch etwas, das er heute tun musste – etwas, das er eigentlich schon längst hätte erledigen sollen, bevor er Jakiras Sturz gehört hatte. Er wollte die vermeintliche Fluchhexe aufsuchen. Barathila.
- Kapitel 163 - Die Schattenläuferin Jakira
Ein Schneesturm wütete an diesem Abend über Randurin, und der tiefste Winter hatte das Herzogtum mit eisiger Kälte und unerbittlichem Wind in seinem Griff. Die Stadt, die einst von geschäftigem Treiben erfüllt war, lag nun unter einer dicken Schicht aus Schnee und Eis begraben. Die Straßen waren menschenleer, als hätte der Winter alles Leben daraus vertrieben. Nur die Tapfersten oder Verzweifeltsten wagten sich hinaus in die klirrende Kälte, wo der Wind wie ein lebendiges Wesen heulte und an den Mauern der alten Festungsstadt rüttelte. Die Reise hierher war beschwerlich gewesen. Mehrere Mitglieder des Schwarzen Sterns hatten es nicht überlebt. Der Norden kannte keine Gnade, und die schneebedeckten Landschaften waren ebenso unbarmherzig wie ihre Monster. Doch Jakira hatte sich durchgekämpft. Sie war stark, entschlossen und trieb unermüdlich voran. Die Kälte hatte ihre Glieder längst taub gemacht, doch sie ignorierte es. Schmerz war nur eine Erinnerung, eine Randnotiz auf ihrem Weg zu etwas Größerem. Jetzt stand sie vor den Toren von Randurin. Der Anblick der gewaltigen Mauern, die von Schnee und Frost überzogen waren, ließ in ihr eine Welle der Erleichterung aufsteigen. Doch etwas hatte sich verändert. Die einst massive Steinbrücke, die die Festungsstadt mit dem Festland verbunden hatte, war nicht mehr da. Stattdessen war eine provisorische Zugbrücke aus Holz heruntergelassen worden – ein unmissverständliches Zeichen, dass die Stadt immer noch unter der Kontrolle des Schwarzen Sterns stand. Jakira strich mit ihrer Hand über den zotteligen Hals von Himmel, dem treuen Pferd von Liam, das sie hierhergetragen hatte. „Komm, lass uns zu Liam zurückkehren“, flüsterte sie ihm zu. Das Tier schnaubte leise, sein Atem bildete kleine, dampfende Wolken in der kalten Nachtluft. Es trottete weiter, vorsichtig und doch zielgerichtet, als ob es ihre Ungeduld spüren konnte. Liam. Der Gedanke an ihn ließ ihr Herz schneller schlagen. Sie wollte ihn wiedersehen. Wollte hören, dass sie es gut gemacht hatte, dass sie erfolgreich gewesen war. Sie wollte ihm von ihrer Reise erzählen, von Atorm und seinem Kampf gegen Bunj. Sie wollte ihm beweisen, dass sie wertvoll war, dass sie eine Rolle in dieser Rebellion spielte, die über die bloße Ausführung von Befehlen hinausging. Prinzessin Nara hatte sie vorausgeschickt, um die anderen Mitglieder des Schwarzen Sterns zu warnen. Jetzt war sie zurück. Und sie war bereit, ihren Platz in der Rebellion weiter einzunehmen. Als sie die Zugbrücke überquerte, traten ihr zwei Wachen entgegen. Ihre Umhänge flatterten im eisigen Wind, und die Schatten der Fackeln auf ihren Helmen ließen ihre Gesichter noch undurchdringlicher wirken. Einer von ihnen hob seine Lanze und musterte sie misstrauisch. „Wer bist du? Was willst du hier?“ Jakira spürte den Ärger in sich aufsteigen. Sie war müde, durchgefroren und hatte keine Geduld für Spielchen. „Ich bin Jakira.“ Der Ausdruck des Mannes änderte sich augenblicklich. Sein Griff um die Lanze lockerte sich, und er nickte. „Hauptmann Ralf hat von dir erzählt. Schön, dass du wieder da bist. Ist die Verstärkung auch da?“ „Sie sollten in einer Stunde eintreffen.“ Die Wachen tauschten einen kurzen Blick, dann traten sie zur Seite. Ohne weiter zu zögern, ritt Jakira durch das offene Tor und ließ sich von den Schatten der Stadt verschlucken. Randurin gehörte noch immer dem Schwarzen Stern. - ------------------------------------------------------------------------- Jakiras früheste Erinnerungen waren von Dunkelheit und Kälte gezeichnet. Sie wusste nicht, wo genau sie geboren wurde, nur, dass ihre Kindheit ein endloser Kampf ums Überleben war. Ihre ersten bewussten Gedanken gehörten einem kleinen, abgelegenen Dorf in den Bergen östlich von Schneeburg – ein Ort, an dem der Winter fast das ganze Jahr über herrschte und das Leben so hart war wie der gefrorene Boden, auf dem sie schlief. Die Dorfbewohner behandelten sie wie eine Fremde, ein unerwünschtes Wesen, das nicht hierhergehörte. Sie wurde gemieden, beschimpft, manchmal verjagt, wenn sie versuchte, ein wenig Essen zu stehlen. Doch es blieb ihr keine Wahl. Hunger war ein Feind, den sie nicht besiegen konnte. Sie lernte früh, dass sie in dieser Welt nur auf sich selbst zählen konnte. Um zu überleben, musste sie stehlen – oder sich an Männer verkaufen, die kleine, hörige Mädchen mochten. Sie verachtete es, doch es war der einzige Weg. Es gab keine Alternative für ein Mädchen ohne Namen, ohne Familie, ohne Schutz. Niemand mochte sie. Niemand wollte sie. Niemand brauchte sie. Dann, eines Tages, änderte sich alles. Ein Adliger ritt durch das Dorf. Sein glänzendes, graublondes Haar war kaum sichtbar unter dem Helm, seine silberne Rüstung reflektierte das kalte Sonnenlicht. Er wirkte wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt, edel, unantastbar. Und doch hielt er an, als er sie am Straßenrand kauernd sah. Für Jakira war es, als hätte sich ihr Schicksal von einem Moment auf den anderen gewendet. Zum ersten Mal in ihrem Leben bekam sie Essen, ein warmes Bett, Kleidung, die nicht aus Lumpen bestand. Und vor allem: Aufmerksamkeit. Doch ihr neues Leben war kein Traum, sondern eine Schule der Grausamkeit. Der Adlige brachte ihr das Kämpfen bei – nicht mit Geduld oder Güte, sondern mit Strafen und Belohnungen. Wenn sie etwas richtig machte, wurde sie gelobt, durfte essen, bekam eine Decke für die Nacht. Doch wenn sie versagte, wenn sie zu langsam, zu schwach oder zu ungehorsam war, wurde sie geschlagen, bis sie kaum noch atmen konnte. Es war ein Leben voller Extreme. Doch für Jakira war es besser als das, was sie zuvor kannte. Denn zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, dass sie einen Zweck erfüllte. Sie war nicht mehr bedeutungslos. Sie lernte schnell. Nicht nur mit dem Schwert und den Dolchen, sondern auch mit ihrem Verstand. Sie erkannte, dass sie nur dann etwas wert war, wenn sie nützlich war. Diese Erkenntnis brannte sich tief in ihre Seele ein. Sie wurde ihr Antrieb, ihr Lebensinhalt, ihre einzige Wahrheit. Mit vierzehn Jahren lebte sie in einer kleinen Hütte nahe der Kaiserstadt. Der Adlige besuchte sie gelegentlich, brachte ihr Essen, trainierte sie weiter mit harter Hand. Doch dann, an einem heißen Sommertag, kam er mit einem neuen Befehl. „Töte diese Frau“, sagte er. Eine Adlige. Jakira zögerte nicht. Zögern bedeutete Zweifel. Zweifel bedeutete Schwäche. Schwäche bedeutete, nicht mehr gebraucht zu werden. Sie tat, was man ihr auftrug. Schlich in das Anwesen, fand die Frau in einem mit Seide ausgeschmückten Schlafgemach und schnitt ihr mit einem Dolch die Kehle durch. Kein Geräusch. Keine Fehler. Nur ein sauberer, präziser Schnitt. Dann floh sie. Als sie zurückkehrte, wurde sie gelobt. Der Adlige sah sie mit Stolz in den Augen an, reichte ihr zwei schwarze Dolche als Belohnung. „Gute Arbeit.“ Es war der glücklichste Tag ihres Lebens. Von da an tötete sie immer wieder für ihn. Stadtwachen, die Nachforschungen anstellten. Eine Bäckerin, die zu neugierig war. Ein kleines Kind, das in den Armen seiner Mutter schlief. Nichts davon spielte eine Rolle. Nur das Lob, das sie erhielt. Nur die Bestätigung, dass sie gebraucht wurde. Dann kam der Tag, an dem alles zerbrach. Kaiser Tavil IV erließ das Menschenreichs-Gesetz. Ein Gesetz, das Nicht-Menschen ihrer Rechte beraubte, das sie zu Bürgern zweiter Klasse machte. Doch für Jakira bedeutete es noch mehr. Die Schattenläufer, ihr Volk, wurden als Verräter gebrandmarkt. Die Strafe war der Genozid. Als sie eines Tages von einem Auftrag zurückkehrte, erwartete sie neben dem Adligen ein Mann in Rüstung. Eine Stadtwache. Der Adlige blickte sie an, kalt, distanziert – nicht wie ein Mentor, nicht wie ein Vater, sondern wie ein Fremder. „Das hier ist die Schattenläuferin, die meine Frau vor Jahren ermordet hat.“ Jakira erstarrte. Ein Moment lang glaubte sie, sich verhört zu haben. Doch die Wache packte sie bereits, zog sie grob an den Armen, und in Jakira zerbrach etwas. Verrat. Sie hatte ihm ihr Leben gewidmet. Alles für ihn getan. Alles geopfert. Und jetzt wurde sie einfach weggeworfen? Sie reagierte instinktiv. Mit einer blitzschnellen Bewegung riss sie sich los, fuhr mit einer Klinge nach vorne und traf ihn am Auge. Er schrie auf, taumelte zurück. Die Wache wollte nach ihrem Schwert greifen, doch bevor sie dazu kam, beendete Jakira ihr Leben mit einem einzigen, sauberen Schnitt. Dann floh sie. Zunächst musste sie sich, wie in ihrer Kindheit, mit Diebstahl und Prostitution durchschlagen. Sie hasste ihr Leben. Die Welt war leerer geworden. Niemand lobte sie mehr. Niemand brauchte sie mehr. Doch sie hoffte, dass das nicht für immer so bleiben würde. Dass sie wieder einen Platz finden würde. Und dann traf sie auf Regis van Marsten. - ------------------------------------------------------------------------- Die Schattenläufer sind eines der rätselhaftesten und verborgensten Völker des Kaiserreichs. Seit jeher ist ihre Population klein, und im Gegensatz zu anderen Völkern errichten sie keine eigenen Städte oder Siedlungen. Stattdessen leben sie verstreut über den gesamten Kontinent, oft an abgelegenen, kaum zugänglichen Orten, wo sie unbemerkt bleiben können. Ihre nomadische Lebensweise, kombiniert mit ihrer Fähigkeit, nahezu unsichtbar zu werden, macht sie zu einem Volk, das zugleich gefürchtet und bewundert wird. Ihre Andersartigkeit ist nicht nur in ihrer Lebensweise, sondern auch in ihrem Erscheinungsbild offensichtlich. Schattenläufer besitzen schlanke, oft filigrane Körper, die sich mit einer fast übernatürlichen Geschmeidigkeit bewegen. Ihre Haut ist aschgrau, mit einer eigenartigen, nebelhaften Struktur, die ihnen ein unwirkliches, geisterhaftes Aussehen verleiht. Wer sie zum ersten Mal sieht, könnte den Eindruck bekommen, dass sie nicht ganz von dieser Welt sind, sondern eher wie lebendiger Dunst zwischen den Schatten wandern. Ihre Haare sind stets tiefschwarz, ebenso wie ihre Augen, die unergründlich schimmern – dunkel und undurchdringlich wie die Nacht. Doch es ist nicht nur ihr Äußeres, das sie von anderen unterscheidet. Die wahre Besonderheit der Schattenläufer liegt in ihrer Fähigkeit, mit den Schatten zu verschmelzen – eine Kunst, die von Gelehrten als Schattenwanderung bezeichnet wird. Sie können ihren physischen Körper nahezu vollständig auflösen und sich in den dunkelsten Winkeln bewegen, ohne gesehen oder gehört zu werden. Es ist, als ob sie selbst zu einem Teil der Finsternis werden, ein lautloses Echo in der Dunkelheit. Diese Fähigkeit macht sie zu unübertroffenen Meistern der Tarnung und Infiltration. Kein Schloss ist für sie uneinnehmbar, keine Mauer zu hoch, keine Wache aufmerksam genug, um sie aufzuhalten. Über die Jahrhunderte hinweg führte diese Fähigkeit dazu, dass viele Schattenläufer in Berufen tätig waren, die Diskretion und Unsichtbarkeit erforderten – Assassinen, Spione, Diebe. Doch je mehr ihre Fertigkeiten in den dunklen Künsten bekannt wurden, desto mehr wurden sie gefürchtet. Die Menschen begannen, sie als Bedrohung zu sehen, als Wesen, die sich in den Schatten versteckten und nur auf den richtigen Moment lauerten, um zuzuschlagen. Ihr Ruf verschlechterte sich zunehmend, bis sie schließlich nur noch als hinterlistig, gefährlich und unberechenbar galten. Dieser Hass erreichte seinen Höhepunkt während der Herrschaft von Kaiser Tavil IV, als das sogenannte Menschenreichs-Gesetz erlassen wurde. Es war eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte des Kaiserreichs, ein Gesetz, das den Schattenläufern offiziell das Recht auf Leben absprach und sie zu Gesetzlosen erklärte. Sie wurden als Verräter, als Abschaum, als Bedrohung für das Reich angesehen – und die Strafe für ihre bloße Existenz war der Tod. Was folgte, war eine systematische Verfolgung. Sie wurden gejagt, gefangen, hingerichtet. Familien wurden auseinandergerissen, Behausungen dem Erdboden gleichgemacht. Schattenläufer, die einst in der Kunst der Unsichtbarkeit Meister waren, wurden nun von einer unerbittlichen Maschinerie aus Misstrauen und Hass ausgerottet. Von einst Zehntausenden überlebten nur wenige Hundert. Als Kaiser Verion III schließlich den Thron bestieg, hob er das Menschenreichs-Gesetz auf und gewährte den Schattenläufern offiziell wieder das Recht auf Leben. Doch der Schaden war längst angerichtet. Der Hass, den sein Vorgänger entfacht hatte, war tief in den Herzen vieler Menschen verwurzelt. Besonders im Osten des Reiches, wo der Glaube an die Reinheit des Menschengeschlechts am stärksten ist, gelten die Schattenläufer weiterhin als Feinde. Auch wenn sie auf dem Papier nicht mehr als Gesetzlose gelten, ändert sich ihr Leben kaum. Sie bleiben im Verborgenen, leben in ständiger Angst, gejagt von den Schatten der Vergangenheit. Jeder Schritt in die Zivilisation ist ein Risiko, jeder Kontakt mit den Menschen eine potenzielle Bedrohung. Mit jedem Jahr, das vergeht, wird ihre Zahl geringer. Die Schattenläufer stehen am Rande des Aussterbens, und mit ihnen droht auch ihre Kultur, ihre Geschichten und ihre einzigartigen Fähigkeiten für immer verloren zu gehen. Doch trotz all des Leids und der Verfolgung gibt es jene, die sich weigern, aufzugeben. Sie kämpfen um ihr Überleben, um ihre Identität. Sie halten an der Hoffnung fest, dass es eines Tages einen Ort geben wird, an dem sie nicht mehr in den Schatten leben müssen. Dass der Hass gegen sie irgendwann nur noch eine blasse Erinnerung sein wird. - ------------------------------------------------------------------------- Jakiras Leben war eine Kette von Brüchen, von Umwegen und zerstörten Hoffnungen. Sie hatte gelernt, dass die Welt ihr keinen Platz bot, wenn sie sich nicht selbst einen erkämpfte. Doch als sie auf Regis van Marsten traf, schien sich etwas in ihrem Leben zu fügen. Der Graf nahm sie auf, nicht als Kriegerin oder Söldnerin, sondern als Beschützerin seiner Familie. Es war eine klare Aufgabe, eine, die Sinn ergab. Sie sollte innerhalb seines Anwesens leben, Wache halten und seine Frau und Kinder vor jeder Bedrohung schützen. Für Jakira war das mehr als nur ein Auftrag – es war eine Möglichkeit, endlich einen festen Platz zu haben. Einen Ort, an dem sie nicht nur funktionierte, sondern gebraucht wurde. Regis behandelte sie gut, lobte sie für ihre Wachsamkeit und ließ sie spüren, dass sie geschätzt wurde. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie nicht nur ein Werkzeug, das man nutzte und danach entsorgte. Sie begann, sich an das Leben in der Burg zu gewöhnen, begann, den Anblick der lichtdurchfluteten Hallen und der gepflegten Gärten mit einer leichten Vertrautheit zu verbinden. Vor allem aber wuchs ihr eine besondere Person ans Herz – Marlene, die jüngste Tochter des Grafen. Das Mädchen war neugierig, wild und voller Leben, ein kleiner Wirbelwind. Ein Mädchen, das in Jakira nicht die kalte, unnahbare Kriegerin sah, sondern eine Freundin, eine große Schwester. Die Art, wie Marlene ihr vertraute, ihre Hand suchte, wenn sie Angst hatte, oder ihr mit glühender Begeisterung Geschichten erzählte, ließ in Jakira eine neue, unbekannte Wärme entstehen. Es war eine Art von Leben, die sie nie für möglich gehalten hätte. Ein Leben, in dem sie nicht nur nützlich war, sondern auch gewollt. Doch dann brach alles auseinander. Leyla. Die Kaiserliche Kopfgeldjägerin betrat das Anwesen mit einem einzigen Ziel: den Tod von Regis van Marsten. Jakira kämpfte. Sie kämpfte verzweifelt, versuchte, Leyla aufzuhalten, doch die Kraft ihrer Erdmagie war überwältigend. Sie war schnell, gnadenlos, unaufhaltsam. Regis fiel. Mit ihm starb etwas in Jakira. Das Zuhause, das sie gefunden hatte, existierte nicht mehr. Der Ort, an dem sie sich sicher gefühlt hatte, war nicht mehr ihr Schutz, sondern nur noch eine leere Erinnerung. Alles, woran sie geglaubt hatte, alles, woran sie sich klammern wollte, zerbrach in diesem Moment. Jakira floh in den Norden. Sie hatte keinen Plan, keine Richtung, nur den verzweifelten Wunsch, doch noch irgendwo hingehören zu können. Vielleicht war es ihr letzter Versuch. Vielleicht war es das letzte Mal, dass sie suchte. Und dann traf sie Liam. Der Elf sprach mit einer ruhigen, sanften Stimme zu ihr. Kein Zwang, keine Befehle, kein Misstrauen. Er bot ihr etwas an, das sie nie erwartet hätte – eine Sache, für die es sich zu kämpfen lohnte. Eine Rebellion, eine Möglichkeit, Teil von etwas Größerem zu sein. „Wäre ich dir denn nützlich?“ hatte sie ihn gefragt. Liam nickte. Und für Jakira war das alles, was sie wissen musste. Jakira entschied, dass Liam ihr letzter Anlauf auf ein Leben sein würde. Sie folgte ihm, reiste mit ihm nach Randurin, hörte seine Worte, als er den Sturm auf die Stadt vorbereitete. Sie lauschte seiner Rede, spürte, wie seine Überzeugung sie erreichte, wie sie mitgerissen wurde. Seine Vision war klar, seine Ziele waren größer als das bloße Töten. Er wollte etwas erschaffen. Am Abend vor dem Angriff suchte sie ihn auf. Es war zuerst eine Geste der Loyalität. Sie wollte ihm helfen, ihm Ruhe schenken, ihn spüren lassen, dass er nicht allein war. Doch es wurde mehr. Es war das erste Mal, dass sie Intimität nicht als eine bloße Leistung empfand. Sie hatte sich immer über ihre Nützlichkeit definiert, doch in dieser Nacht war es anders. Liam ließ sie sich fühlen, ließ sie existieren, nicht nur als Schatten, nicht nur als Assassine. Dann kam der Sturm auf Randurin. Jakira kämpfte an der Seite von Ralf. Sie tötete Stadtwachen, brachte Mitglieder des Herzogsrats und die Herzogin selbst um. Sie zögerte auch beim Herzog nicht. Ihr Dolch beendete das alte Regime in Randurin. Und Liam lobte sie. Doch es war mehr als das. Er erklärte ihr, dass sie mehr war als eine Waffe. Mehr als ein Werkzeug, das nur für Blut und Tod geschaffen wurde. Sie war eine Schattenläuferin. Mit eigenen Wünschen. Mit eigenen Bedürfnissen. Mit einer eigenen Bedeutung. Als er sie schließlich bat, den Rest des Schwarzen Sterns aus Kartaffel zu holen, zögerte sie nicht. Doch kein Tag auf ihrer monatelangen Reise verging, ohne dass sie an ihn dachte. Liam war nicht nur ihr Anführer. Er war jemand, der sie nicht nur gebrauchte, sondern sie sah. Er war jemand, der ihr zeigte, dass sie mehr sein konnte als eine bloße Assassine. Vielleicht war er sogar der erste, der sie überhaupt je verstanden hatte. - ------------------------------------------------------------------------- Ralf empfing Jakira mit einem Lächeln, doch in seinen Augen lag etwas, das sie nicht deuten konnte. Es war ein Ausdruck, der zwischen Erleichterung und Trauer schwankte, als ob er froh war, sie zu sehen, aber gleichzeitig vor den Worten zurückschreckte, die er aussprechen musste. Jakira spürte sofort, dass etwas nicht stimmte. Ein ungutes Gefühl breitete sich in ihrer Brust aus, eine Kälte, die nichts mit dem frostigen Wind zu tun hatte, der durch die Straßen Randurins zog. „Jakira, es ist schön, dass du wieder da bist. Wie geht…“ begann Ralf, doch Jakira schnitt ihm das Wort ab. Ihre Stimme war scharf, fast verzweifelt, während ihr Blick sich in seinen bohrte. „Wo ist Liam?“ Ralf zögerte. Sein Gesicht verzog sich, als hätte sie ihn mit einem Dolch getroffen. Einen Moment lang herrschte eine Stille, die schwerer wog als jedes Wort. Dann sprach er, langsam, mit einer Stimme, die von Schmerz erstickt war. „Liam wurde von Kronprinz Hypos entführt. Wahrscheinlich lebt er nicht mehr.“ Die Welt um Jakira verschwamm. Ihre Knie wurden weich, ihr Atem stockte. Es fühlte sich an, als hätte jemand ihr Herz herausgerissen, als würde ein unsichtbarer Griff es in der Luft zerquetschen. Tränen stiegen ihr in die Augen, heiß und brennend, doch sie war zu erstarrt, um zu weinen. Liam war fort. Liam, der sie gesehen hatte. Der ihr das Gefühl gegeben hatte, dass sie mehr war als nur eine Klinge in der Dunkelheit. Der ihr beigebracht hatte, dass sie existieren durfte, nicht nur funktionieren musste. Ralf griff nach ihr, fing sie auf, als sie in sich zusammensackte. Seine Hände hielten ihre Schultern fest, als wollte er verhindern, dass sie endgültig zerbrach. Er sagte etwas, Worte, die versuchten, in ihr Bewusstsein drangen wie gedämpfte Stimmen durch eine dicke Wand. Doch sie verstand sie nicht. Alles, was in ihr war, war Schmerz. Liam würde ihr nie wieder sagen, dass sie etwas gut gemacht hatte. Er würde ihr nie wieder erklären, dass sie nicht nur eine Waffe war. Alles, was sie aufgebaut hatte, alles, was sie gefühlt hatte, war mit ihm verschwunden. Ihr Blick wanderte zum Fenster des Zimmers. Dahinter erstreckte sich die Nacht, schwarz und endlos. Die Dunkelheit lockte sie, flüsterte ihr Versprechungen von Ruhe zu. Von Stille. Von einem Ende. Plötzlich riss sie sich von Ralf los und stürzte auf das Fenster zu. Er reagierte sofort, packte sie an den Armen, zog sie zurück. „Tu das nicht!“ rief er, seine Stimme schwankte zwischen einem Befehl und einem verzweifelten Flehen. „Liam hätte das nicht gewollt!“ Jakira lachte bitter auf, ein trockener Laut, der in ihrer Kehle zerbrach. Hätte er das nicht? Hätte Liam gewollt, dass sie weiterlebte, weiterkämpfte, weiter atmete in einer Welt ohne ihn? Ja, wahrscheinlich hätte er nicht gewollt, dass sie sprang. Doch was blieb ihr noch? Sie hatte keinen Platz mehr. Keine Hoffnung. Keinen Willen. Nur noch die Dunkelheit. Sie ließ sich fallen, sackte kurz zusammen – doch es war nur ein Trick, eine Täuschung. Im nächsten Moment riss sie ihren Dolch aus der Scheide und stach zu. Die Klinge fuhr tief in Ralfs Kniekehle. Er schrie auf, sein Griff lockerte sich. Sie stieß ihn von sich weg, drehte sich, riss das Fenster auf. Der eisige Wind schlug ihr ins Gesicht, doch sie spürte ihn kaum. Vor ihr erstreckte sich das Nordmeer, tief und schwarz, wild gegen die Felsen schlagend. Fünfundzwanzig Meter. Ob es endlich enden würde? Ob dort unten endlich Stille sein würde? Sie blickte zum Himmel. Die Sterne funkelten inmitten des endlosen Schwarz, kalt und fern. Ob sie einer von ihnen werden würde? Ob Liam schon dort war? Ob sie ihn wiedersehen würde? Sie machte einen Schritt. Die kalte Nachtluft riss an ihr, und für einen Moment war es, als wäre sie frei. Kein Schmerz, kein Zweifel. Nur der Wind. Sie öffnete ihren Mund, ließ ihre Stimme ein letztes Mal durch die Dunkelheit schneiden. ,,Ich liebe dich Liam!’’ Dann kam der Aufprall. Und mit ihm die Stille.
- Kapitel 162 - Kronprinz Cornelius
Cornelius wurde als zweiter Enkel von Kaiser Tavil IV in die mächtige Familie der Algavia geboren – die Dynastie, die das Kaiserreich seit Generationen regierte. Von Kindesbeinen an zeigte sich, dass aus diesem Prinzen mehr werden würde als nur ein weiterer Adliger mit Titeln und Einfluss. In ihm schlummerte das Potenzial eines Anführers, eines Taktikers, eines Mannes, der Armeen befehligen und Schlachten gewinnen würde. Schon früh offenbarte sich sein außergewöhnlicher Verstand. Besonders in strategischen Spielen wie dem Kaiserduell, das für seine Komplexität berüchtigt war, glänzte Cornelius. Während andere Kinder noch die Grundlagen lernten, fegte er bereits seine Gegner vom Spielfeld. Es spielte keine Rolle, ob er gegen unerfahrene Kameraden, seinen Vater Kronprinz Verion oder gar die besten Spieler der Akademie antrat – er gewann immer. Seine Fähigkeit, Züge im Voraus zu berechnen, Fallen zu legen und Gegner in ausweglose Situationen zu manövrieren, war beispiellos. Doch für Cornelius waren Spiele nur ein Vorgeschmack. Er wollte mehr als Schachfiguren auf einem Brett bewegen. Er wollte Armeen befehligen. Er wollte echte Schlachten schlagen. An der Kaiserlichen Akademie erzielte er durchweg gute, aber nicht herausragende Leistungen – zumindest nicht auf den ersten Blick. Er war kein Schüler, der durch reines Wissen glänzte, sondern einer, der Verständnis für Strukturen und Mechanismen besaß. Er verbrachte unzählige Stunden in den Bibliotheken, vertiefte sich in Militärgeschichte, sezierte berühmte Feldzüge, analysierte die Fehler großer Heerführer und studierte, wie man Kriege nicht nur gewann, sondern entschied. Sein Ziel formte sich immer deutlicher: Er wollte der größte General seiner Zeit werden. Mit fünfzehn Jahren trat er offiziell dem Kaiserlichen Militär bei – nicht als einfacher Soldat, sondern direkt als Korpsführer. Doch in Friedenszeiten gab es für einen aufstrebenden Feldherren nur wenig Möglichkeiten, sich zu beweisen. Eine unbefriedigende Realität für jemanden, der danach strebte, seinen Namen in der Geschichte zu verewigen. Also schuf er sich seine eigene Gelegenheit. Cornelius fälschte Berichte über einen angeblichen Aufstand der Lupiden im Herzogtum Kries. Die Lupiden, ein stolzes und unabhängiges Volk, hatten in der Vergangenheit mehrfach für Unruhe gesorgt – ein neuerlicher Aufstand schien plausibel genug, um den Kaiser, der sie sowieso verabscheute, zu beunruhigen. Er wandte sich direkt an seinen Großvater, Kaiser Tavil IV, und bat darum, selbst entsandt zu werden, um die Rebellion niederzuschlagen. Der Kaiser, beeindruckt von dem Ehrgeiz seines Enkels, gewährte ihm das Kommando. Doch der Aufstand existierte nicht. Stattdessen führte Cornelius seine Truppen zu einem brutalen Angriff auf zwei ahnungslose Lupidendörfer. Seine Soldaten richteten ein Massaker an, dessen Zeugen bald nur noch Asche waren. Mit den Leichen zweier getöteter Lupiden als Beweis für seinen „Sieg“ trat Cornelius den Rückweg an, bereit, sich als Held feiern zu lassen. Doch als er die Endlose Wüste durchquerte, geriet er in einen Hinterhalt. Eine Gruppe von Räubern hatte ihn und seine Männer ins Visier genommen. Cornelius' Korps zählte fünftausend Soldaten, die Angreifer hingegen waren kaum tausend – doch sie hatten den Vorteil des Geländes. In einer engen Schlucht hatten sie die kaiserlichen Truppen eingekesselt. Ein Fehler hätte hier das Ende bedeutet. Doch Cornelius ließ sich nicht so leicht in die Enge treiben. Mit kühlem Kopf entwickelte er einen Plan. Die Hälfte seiner Truppen täuschte einen chaotischen Rückzug nach Süden vor, um die Räuber zu locken. Als die Angreifer sich auf diese Flüchtenden stürzten, führte Cornelius den Rest seiner Männer nach Norden – und drehte den Spieß um. Er ließ seine abgelenkten Feinde einkesseln. Dann gab er den Befehl zur kompletten Vernichtung. Es war gnadenlos, aber effektiv. Die Räuber wurden bis auf den letzten Mann abgeschlachtet, und Cornelius' Männer marschierten unangefochten weiter. Zurück in der Kaiserstadt wurde er gefeiert. Nicht nur für seine „Niederschlagung des Aufstands“, sondern auch für sein taktisches Genie in der Wüste. Noch am selben Tag ernannte der Kaiser ihn zu einem der zwölf Generäle des Kaiserreichs. Von da an gab es für Cornelius nur noch einen Weg: nach oben. In den folgenden Jahren festigte er seinen Ruf. Sein Großvater, Kaiser Tavil IV, förderte ihn nach Kräften. Mit zweiundzwanzig Jahren wurde Cornelius schließlich Oberbefehlshaber des Militärs – der Erste General des Kaiserreichs. Dies war jedoch nur ein Teil seines Aufstiegs. Kurze Zeit später heiratete er Christa di Lorenzo, eine Verbindung, die ihm noch mehr Macht einbrachte. Die Ehe war kühl, aber politisch wertvoll. Zwei Kinder gingen daraus hervor – doch während andere Adlige ihre Erben stolz präsentierten, hielt Cornelius seine Familie aus der Öffentlichkeit heraus. Er kannte die Intrigen des Hofes. Er wusste, dass Macht gefährlich war. Als sein Vater, Verion III, den Thron bestieg und das Prinzenspiel ausrief, erkannte Cornelius sofort das Potenzial. Denn wo Konflikte waren, gab es Schlachten zu schlagen. Und wo es Schlachten gab, konnte er Geschichte schreiben. Das Prinzenspiel war für ihn keine bloße Frage der Thronfolge. Es war eine Gelegenheit. Eine, die er nicht ungenutzt lassen würde. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla öffnete die Tür zu ihrem Wohnraum und trat ein. Sofort umfing sie ein Gefühl von Vertrautheit. Die warmen Farben der Möbel, die bis zur Decke reichenden Regale voller Bücher und der sanfte Schein des Kamins verliehen dem Raum seine behagliche Atmosphäre. Es war ein Ort, an dem sie sich entspannen konnte, fernab von den Kämpfen, den Intrigen und den ständigen Herausforderungen, die ihr Leben bestimmten. Sie hatte noch ein paar Minuten Zeit, bevor sie sich mit Nea bei Yang einfinden musste. Es war ein Moment der Ruhe, den sie nutzen wollte, um mit Eroica zu sprechen. „Willkommen zurück, Leyla“, begrüßte Eroica sie mit einem warmen Lächeln. Die Filina saß an ihrem gewohnten Platz am Tisch, ein aufgeschlagenes Buch vor sich, doch ihre Aufmerksamkeit wanderte sofort zu dem Schwert an Leylas Gürtel. Ihre feinen Ohren zuckten leicht – ein Zeichen von Neugier. „Wie war Euer Ausflug in die Kaiserstadt?“ fragte sie und legte das Buch vorsichtig beiseite. Leyla trat näher und ließ eine kleine Schatulle auf den Tisch gleiten. „Es war ein guter Tag“, erwiderte sie ruhig, bevor sie mit einer Kopfbewegung auf das Schwert deutete. „Kannst du dazu etwas herausfinden? Es ist das Schwert von Zcepes.“ Eroicas Augen weiteten sich vor Überraschung. „Von dem Zcepes? Dem großen Vampir?“ Ihre Stimme klang aufgeregt, und Leyla konnte förmlich sehen, wie in ihrem Kopf bereits die ersten Nachforschungen begannen. „Natürlich. Ich werde alles zusammentragen, was ich über dieses Schwert finden kann“, versprach Eroica voller Begeisterung. Sie griff bereits nach einem Stück Pergament, um sich Notizen zu machen, als Leyla sich leise an sie wandte. „Ich habe noch etwas für dich. Ein Geschenk.“ Eroica hielt inne und blinzelte überrascht. „Ein Geschenk?“ Ihre Stimme klang ehrlich verblüfft. Dann schüttelte sie leicht den Kopf. „Das ist doch nicht nötig, Ihr habt mir schon so viel gegeben, Leyla.“ Leyla erwiderte den Blick ihrer Freundin mit ernster Miene. „Du tust so viel für mich, da wollte ich dir auch etwas zurückgeben.“ Langsam nahm Eroica die Schatulle entgegen, als hätte sie Angst, etwas Wertvolles zu beschädigen. Sie drehte sie in den Händen, fuhr mit den Fingerspitzen über das kunstvoll geschnitzte Holz, bevor sie sich schließlich setzte. Vorsichtig hob sie den Deckel. Im Inneren lag die Brille, schlicht, aber elegant. Das Glas schimmerte leicht, als würde es die Umgebung auf eine besondere Weise reflektieren. Leyla konnte sehen, wie Eroica den Gegenstand nachdenklich musterte, noch nicht ganz verstehend, was es damit auf sich hatte. „Ich dachte, du könntest eine Brille gebrauchen“, sagte Leyla mit einem amüsierten Lächeln. „Deine Augen werden ja bereits schwächer.“ Eroica stockte und sah sie mit offenem Mund an. „Ähm… danke, Leyla.“ Dann fiel ihr Gesichtsausdruck in eine Mischung aus Enttäuschung und unsicherem Lächeln. Leyla konnte sich nicht mehr zurückhalten – sie brach in schallendes Lachen aus. Eroica schnaubte genervt, wollte etwas erwidern, doch bevor sie dazu kam, zog Leyla sie in eine feste Umarmung. „Das war ein Witz“, erklärte sie leise. „Diese Brille ist etwas Besonderes. Wenn du sie trägst, kannst du die Gedanken nachvollziehen, die ein Autor beim Schreiben hatte. Und außerdem kannst du das genaue Datum erkennen, an dem ein Buch verfasst wurde.“ Leyla trat einen Schritt zurück und beobachtete, wie sich Eroicas Miene wandelte. Erst Verwirrung. Dann Staunen. Und schließlich… pure Freude. Eroicas Finger schlossen sich fest um die Brille. Ihre Lippen bebten leicht, und dann passierte etwas, womit Leyla nicht gerechnet hatte. Eroica begann zu weinen. Sanfte Tränen der Rührung liefen ihr über die Wangen. „I-Ich… I-Ich…“ Sie schluchzte leise, ihre Stimme überschlug sich. Leyla legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter. Sie hatte gewusst, dass dieses Geschenk etwas Besonderes für Eroica sein würde – doch sie hatte nicht erwartet, dass es sie so tief berühren würde. „Darf ich sie ausprobieren?“ fragte Eroica schließlich, ihre Stimme noch immer voller Emotion. Leyla nickte leicht. „Natürlich. Sie gehört dir.“ Ohne eine Sekunde zu zögern sprang Eroica auf, stolperte fast in ihrer Eile zum Bücherregal und zog einen der ältesten Bände heraus. Mit zitternden Händen öffnete sie ihn, setzte die Brille auf – und begann zu lesen. Ein leises Keuchen verließ ihre Lippen. Ihre Augen huschten über die Seiten, schneller als sonst. Ihre Finger folgten den Zeilen, als könnte sie die Worte spüren. Die Magie der Brille entfaltete sich, und Leyla konnte fast spüren, wie sich für Eroica eine völlig neue Welt öffnete. Nach einigen Seiten klappte sie das Buch vorsichtig zu und drehte sich zu Leyla um. Ihre Augen glänzten noch immer. „Leyla…“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Ich danke Euch“, sagte sie schließlich mit aufrichtiger Hingabe. „Das ist das Schönste, was ich jemals bekommen habe. Wie kann ich das nur jemals zurückzahlen?“ Leyla schüttelte den Kopf. „Du tust schon so viel für mich. Wenn du die Brille annimmst, dann hast du schon genug getan.“ Eroica senkte den Blick, als müsste sie sich erst wieder sammeln. Dann hob sie den Kopf, ein kleines, schelmisches Funkeln in ihren Augen. „Darf ich jetzt einige Bücher lesen?“ Leyla schmunzelte. „Natürlich. Ich muss mich jetzt mit Nea und Yang treffen. Der nächste Auftrag wartet.“ Eroica strahlte, während sie die Brille wieder aufsetzte. „Viel Erfolg, Leyla. Und… danke. Wirklich.“ Leyla nickte nur und wandte sich zur Tür. Als sie den Wohnraum verließ, wusste sie genau, was als Nächstes geschehen würde. Eroica würde die nächsten Stunden, wenn nicht Tage, in den Büchern versinken, neue Welten entdecken, alte Geschichten mit neuen Augen sehen. Und das war in Ordnung. Denn sie hatte ihr etwas geschenkt, das nicht nur von materiellem Wert war. Sie hatte ihr etwas gegeben, das ihre Welt für immer verändern würde. - ------------------------------------------------------------------------- Als Leyla das Zimmer von Yang betrat, war Nea bereits da. Sie saß auf einem der Stühle und kippelte ungeduldig hin und her, als könne sie es kaum erwarten, endlich loszulegen. Ihre langen Haare wirbelten bei jeder Bewegung umher, und ihre violetten Augen funkelten voller Energie. Kaum hatte sie Leyla entdeckt, sprang sie auf und stürzte mit weit ausgebreiteten Armen auf sie zu. „Leyley!“ rief sie voller Freude und schlang ihre Arme um Leyla. „Ich bin ja so froh, dass wir zusammen auf Aufträge gehen können!“ Leyla lächelte und erwiderte die Umarmung, wenn auch etwas ruhiger. Nea war ein Wirbelwind, unaufhaltsam in ihrer Begeisterung. Doch Leyla genoss es, denn trotz all der Dunkelheit, die ihre Welt umgab, brachte Nea immer ein wenig Licht mit sich. „Das stimmt, ich finde es auch schön“, sagte sie ehrlich. Doch bevor sie das Gespräch vertiefen konnte, fiel ihr Blick auf Yang. Die Erste Kaiserliche Kopfgeldjägerin saß mit verschränkten Armen hinter ihrem Schreibtisch und beobachtete die Szene mit einem durchdringenden Blick. In ihren dunklen Augen lag keine Spur von Emotion, doch ihre Haltung allein reichte aus, um eine Welle an Disziplin in den Raum zu bringen. Leyla spürte sofort, wie ihr Körper sich anspannte. Sie löste sich von Nea und setzte sich schnell auf einen der Stühle. Nea ließ sich mit einem Grinsen wieder in ihren Sitz fallen, völlig unbeeindruckt von Yangs intensiver Präsenz. „Dann seid ihr also beide da“, sagte Yang mit ruhiger, ausdrucksloser Stimme. Ihr Blick wanderte von Nea zu Leyla, als wolle sie jede Regung ihrer Mimik studieren. Dann lehnte sie sich leicht nach vorne. „Ich will euch nun euren Auftrag erklären“, begann sie. Leyla hörte aufmerksam zu. „Ihr werdet zusammen mit Kronprinz Cornelius nach Süden ziehen und den Grünwald nach dem Schwarzen Stern durchkämmen.“ Der Kronprinz? Leyla blinzelte. Dass Cornelius selbst an der Mission beteiligt war, machte die Sache komplizierter. Yang ließ ihr jedoch keine Zeit, weiter darüber nachzudenken. Ihr Blick fiel direkt auf Leyla. „Du wirst die Verhandlungen leiten“, erklärte sie mit einem Tonfall, der keine Widerrede zuließ. „Es liegt in deinem Ermessen, wen du tötest und wen du gefangen nimmst. Beides hat seinen Nutzen.“ Für einen Moment herrschte Stille. Leyla spürte, wie sich in ihr eine leichte Erleichterung breitmachte. Das bedeutete Kontrolle. Wenn sie entschied, wer am Leben blieb, konnte sie vielleicht Theol verschonen. Theol. Ein Name, der in ihrer Erinnerung wie ein leises Echo nachhallte. Er war ein Mitglied des Schwarzen Sterns, ein Feind – doch auch ein alter Bekannter, jemand, der ihr nicht vollkommen gleichgültig war. Mit dieser Macht in ihren Händen hatte sie die Möglichkeit, die Dinge in eine Richtung zu lenken, die nicht nur Blutvergießen bedeutete. Yang sah zu Nea. „Und du wirst Leyla so gut es geht unterstützen“, fuhr sie fort. „Sollte sich jemand bei ihnen befinden, der auch nur annähernd an eure Stärke heranreicht, dann arbeitet zusammen.“ „Jaa, machen wir, Yaya!“ rief Nea fröhlich, ihr Grinsen wurde noch breiter. Yangs Augen verengten sich leicht. „Ich habe dir doch gesagt, dass du mich nicht so nennen sollst.“ Ihr Blick war streng, doch Leyla kannte Yang und ihre Beziehung zu Nea lange genug, um zu wissen, dass sie es durchgehen lassen würde. Nea war einfach Nea. Und gegen Nea anzukämpfen, wenn es um solche Kleinigkeiten ging, war verschwendete Energie. Gerade als sich eine leichte Stille in den Raum legte, ertönte ein festes Klopfen an der Tür. Alle drei sahen auf. Yang drehte leicht den Kopf in Richtung des Eingangs. „Herein.“ - ------------------------------------------------------------------------- Die Tür öffnete sich mit einem leichten Knarren, und ein Mann trat ein, dessen Anblick den Raum erfüllte. Er trug eine prächtige rote Militäruniform, die mit goldenen Orden geschmückt war, die im Licht funkelten. Ein schneeweißer Mantel wehte leicht hinter ihm her, während sein Gang von perfekter Kontrolle zeugte – nicht steif, sondern selbstbewusst, präzise, beinahe bedrohlich. Seine goldbraunen Haare waren kurz geschnitten, zwei Ohrringe glänzten an seinen Ohren, betonten die markanten Gesichtszüge, die von Eis und Kalkül geprägt waren. Doch es waren seine goldenen Augen, die am meisten auffielen. Sie strahlten Kälte und Überlegenheit aus, als würden sie jeden Menschen vor ihm nicht als Person, sondern als Schachfigur betrachten. „Kronprinz Cornelius“, begrüßte Yang ihn mit ihrer gewohnten, emotionslosen Stimme. Ohne zu zögern stand sie auf, trat an ihm vorbei zur Tür und warf Leyla und Nea noch einen letzten Blick zu. „Ich lasse euch alleine.“ Dann verließ sie den Raum. Stille. Cornelius machte einen Schritt nach vorne, dann noch einen. Ruhig. Dominant. Er ließ sich auf den Stuhl nieder, den eben noch Yang besetzt hatte, und legte die Hände gefaltet auf den Tisch, sein Blick nun direkt auf Leyla und Nea gerichtet. Einen Moment lang sagte er nichts. Er ließ seine Präsenz sprechen. Dann, mit einer glatten, kühlen Stimme, begann er: „Mir ist bewusst, dass Ihr als Diplomatin die Verhandlungen leiten wollt, Edle Miss Leyla.“ Er machte eine kurze Pause, als wolle er seine Worte in ihren Gedanken verankern. „Doch ich kann Euch sagen, dass es keine Verhandlungen geben wird. Wir werden sie ausnahmslos vernichten.“ Leylas Augen verengten sich leicht. Er war anders. Er war nicht wie Hypos, dessen Wahnsinn unberechenbar war. Und auch nicht wie Eugenius, dessen Autorität einzig auf seiner Position als Kronprinz gefußt hatte. Cornelius war kalkuliert. Er sprach nicht aus emotionalem Hass oder ideologischer Überzeugung. Er sprach, weil er bereits entschieden hatte. Er war sich sicher, dass sein Weg der einzige war. „Eure Hoheit, Kronprinz Cornelius“, erwiderte Leyla mit ruhiger, aber fester Stimme. Sie hielt seinem Blick stand. „Ich habe von Yang – und somit von Seiner Majestät – den direkten Auftrag erhalten, die Diplomatie zu übernehmen.“ Sie lehnte sich leicht nach vorne. „Bei allem Respekt, dieser Befehl steht über Eurer persönlichen Ansicht.“ Leyla versuchte höflich zu sein, aber ihm trotzdem unterschwellig zu signalisieren, wo er stand. Er war der Anführer des Kaiserlichen Militärs. Er war ein Kronprinz. Er stand über Leyla im Kaiserreich, allerdings nicht bei allen Themen. Wenn der Kaiser, oder Yang, ihr einen Auftrag gab, so stand dieser über den Befugnissen der Kronprinzen oder Generäle. Ein feiner Anflug eines Lächelns zuckte über Cornelius’ Lippen. Ein Lächeln, das nichts mit Freude zu tun hatte. Es war das Lächeln eines Mannes, der einen Zug auf dem Spielfeld gemacht hatte und nun auf die Reaktion wartete. „Wenn es zu Verhandlungen kommen sollte, dann werdet Ihr diese selbstverständlich übernehmen, Edle Miss Leyla.“ Seine Stimme war noch immer ruhig, doch da war etwas Entgültiges darin. „Allerdings wird es zu keinen kommen.“ Er legte eine Hand auf den Tisch. „Ihr habt keine Entscheidungsgewalt über die Bewegungen meiner Truppen.“ Stille. Dann krachte Neas Hand auf den Tisch. Leyla zuckte leicht zusammen. Nea funkelte Cornelius an, ihre violetten Augen loderten. „Wenn Leyley sagt, dass sie die Verhandlungen leiten will, dann tut sie das auch!“ Leyla spürte die Spannung in der Luft. Normalerweise hielt sich Nea aus solchen taktischen Diskussionen heraus. Sie war stark, eine Kämpferin – aber sie wusste auch, dass Politik nicht ihr Terrain war. Und doch … Cornelius wandte den Blick nun zu Nea. Seine goldenen Augen wurden noch kälter. „Glaubt Ihr, Edle Miss Nea, dass Ihr mich mit solch einem Auftreten einschüchtern könnt?“ Seine Stimme war nicht laut. Sie war gefährlich ruhig. „Ihr mögt Kaiserliche Kopfgeldjäger sein, doch eure Befugnis endet dort, wo die Befehlsgewalt des Ersten General beginnt.“ Er legte den Kopf leicht schräg. „An meiner Stelle.“ Neas Körper spannte sich an. Doch sie sagte nichts und ließ sich wieder auf ihren Stuhl fallen. Sie wusste, dass er Recht hatte. Den Kaiserlichen Kopfgeldjägern war es untersagt, Mitglieder der Kaiserfamilie anzugreifen oder zu bedrohen. Und Cornelius wusste das. Er spielte mit dieser Macht. Leyla ergriff das Wort. Ihre Stimme war ruhig, aber unerschütterlich. „Wir werden ja sehen, wie sich die Situation entwickelt.“ Sie hielt seinem Blick stand. „Genauso wenig, wie ich Eure Position übernehmen oder anzweifeln kann, könnt Ihr Euch nicht über die meine hinwegsetzen, Eure Hoheit.“ Wieder trat Stille ein. Ein Moment, in dem sich die Luft schwer anfühlte. Dann hob Cornelius leicht die Mundwinkel. Kein wirkliches Lächeln. Eher ein subtiles Interesse. „Ihr habt Recht.“ Er lehnte sich zurück. „Wir werden sehen, dass ich Recht behalten werde.“ Er stand auf. Sein weißer Mantel wehte hinter ihm, als er sich zur Tür bewegte. Noch bevor er sie öffnete, sprach er: „Wir treffen uns morgen früh am Südtor. Ich erwarte ein pünktliches Erscheinen.“ Dann verließ er den Raum. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Einen Moment lang sagte niemand etwas. Dann sprang Nea auf. Sie trat mit voller Wucht gegen den Schrank von Yang. Ein lautes Krachen, gefolgt von dem Klirren von zersplittertem Glas, hallte durch den Raum. „Ich mag ihn nicht, Leyley!“ rief sie wütend. Leyla beobachtete sie. Dann schmunzelte sie. „Ich auch nicht.“
- Kapitel 161 - Ein Tag in der Kaiserstadt
Die Kaiserstadt pulsierte vor Leben, als Leyla durch die Straßen schlenderte. Trotz der kühlen Winterluft war der Marktplatz gefüllt mit geschäftigem Treiben. Gold klimperte in den Händen der Händler, die in den zahlreichen Läden mit ihren Waren handelten. Der Duft von süßem Gebäck hing in der Luft, vermischt mit dem herben Aroma der Kohlebecken, die hier und da aufgestellt waren, um die Passanten zu wärmen. Auf einem kleinen Platz hatte sich eine Menge versammelt. Ein Eismagier führte seine Künste vor, ließ schimmernde Kristalle tanzen, die sich in der Sonne brachen und Regenbogenfarben auf die Umstehenden warfen. Kinder lachten, als er aus purem Eis einen majestätischen Phönix formte, dessen Flügel sich sanft bewegten, als könnte er jeden Moment davonfliegen. Leyla genoss diesen seltenen Moment der Ruhe. Ihr Leben bestand aus stetigem Kampf, doch heute konnte sie sich für einige Stunden treiben lassen, bevor sie und Nea ihren neuen Auftrag erhielten. Noch wusste sie nicht, wohin es sie diesmal führen würde – aber eine Befürchtung nagte an ihr. Liam. Wenn sie ihm begegnete, würde sie dann bereit sein? Ihre Gefühle für ihn waren längst erloschen, aber das bedeutete nicht, dass sie ihm mit kaltem Hass begegnen konnte. Töten sollte einfach sein – ein Auftrag, eine Mission, ein sauberer Schnitt. Doch mit ihm war es anders. Sie wollte sich diesem Kapitel nicht erneut stellen, wollte es nicht wieder aufschlagen. Sie wollte sich nicht noch einmal mit den Toden von Roxy und Fer beschäftigen. Wollte nicht die Gleichgültigkeit spüren, die sie immer empfand, wenn sie über Vergangenes nachdachte. Ihr erstes Ziel war der Laden mit der Kaiserkrone. Sie hatte ihn nach ihrer letzten Anhörung im Kaiserpalast bemerkt und wusste, dass sie hier finden würde, wonach sie suchte: ein Artefakt für Eroica. Etwas, das ihrer engsten Vertrauten wirklich helfen konnte. Eroica war mehr als nur eine Dienerin, sie war ihre Freundin – eine der wenigen, denen Leyla vertraute. Als sie an einem der größeren Plätze vorbeikam, bemerkte sie eine weitere Menschentraube. Neugierig hielt sie inne. Mit einer beiläufigen Bewegung ließ sie eine kleine Steinsäule unter sich aus dem Boden wachsen, um eine bessere Sicht zu haben. Einige der Umstehenden drehten sich erschrocken zu ihr um, doch als sie sie erkannten, wandten sie hastig den Blick ab. Die Kaiserlichen Kopfgeldjäger waren in der Stadt bekannt – und gefürchtet. Leyla ignorierte die Reaktionen und ließ ihren Blick über das Geschehen schweifen. Eine Hinrichtung. Ein Mann lag mit dem Kopf auf einem hölzernen Podest, sein nackter Oberkörper von der winterlichen Kälte gezeichnet. Seine blonden Haare waren zerzaust, und seine geschlossenen Augen verrieten, dass er wusste, was ihm bevorstand. Vor ihm stand der Henker, ein hochgewachsener Krieger in der goldenen Rüstung der Goldenen Löwen. Sein großes Schwert blitzte im Sonnenlicht auf, als wäre es selbst eine Quelle des Lichts. „Vinc Glitt“, verkündete er mit donnernder Stimme. „Hiermit wirst du für das Massaker von Shakaglam zum Tode verurteilt. Wenn du letzte Worte sprechen willst, dann tu dies jetzt.“ Leyla hatte den Namen des Ortes schon einmal gehört, konnte ihn allerdings nur grob dem Herzogtum Karintes zuordnen. Sie beobachtete still, wie der Mann seine Augen öffnete. In ihnen lag Verzweiflung, Panik – und eine Spur Hoffnung. „Ich habe niemanden getötet…“ flüsterte er. Seine Stimme war schwach, beinahe erstickt von der Erwartung seines bevorstehenden Endes. Dann wanderte sein Blick durch die Menge – bis er an ihr hängen blieb. Seine Augen weiteten sich. „Edle Miss Leyla, bitte stoppt meine unrechtmäßige Hinrichtung!“ Seine Worte hallten über den Platz, rissen eine Sekunde lang die Stille auf. Leyla blieb ausdruckslos. Warum bat er sie um Hilfe? Warum sollte sie sich für ihn einsetzen? Sie kannte ihn nicht. Und selbst wenn – sein Schicksal war nicht ihr Problem. Der Henker schnaubte verächtlich. „Du wagst es, eine Kaiserliche Kopfgeldjägerin um Hilfe zu bitten?“ Seine Stimme klang ebenso belustigt wie entrüstet. Dann hob er sein Schwert. Ein schneller, präziser Schnitt. Der Kopf des Mannes fiel in einen bereitgestellten Korb. Blut sickerte durch die Holzplanken des Podests, tropfte in den Schnee darunter und färbte ihn tiefrot. Die Menge johlte, als hätte sie soeben ein Schauspiel genossen. Leyla ließ die Steinsäule verschwinden und drehte sich um. Sie wusste nicht, ob der Mann die Wahrheit gesagt hatte oder ob sein Tod verdient gewesen war. Aber es spielte keine Rolle. Früher hätte sie sich gefragt, ob sie hätte eingreifen sollen. Früher hätte sie gezögert, vielleicht hätte sie den Prozess hinterfragt. Aber mittlerweile nicht mehr. Der Tod war ein fester Bestandteil ihres Lebens geworden. Sie hatte gelernt, ihn zu akzeptieren – und ihn zu bringen, wenn es nötig war. Ohne einen Blick zurück verließ sie den Platz und setzte ihren Weg fort. Nach kurzer Zeit erreichte sie den Laden, den sie gesucht hatte. Über dem Eingang hing ein dunkles Holzschild mit kunstvoll geschnitzten Buchstaben: ,,Artefakte, die das Reich verändern.’’ - ------------------------------------------------------------------------- Leyla trat über die Schwelle des Ladens, und augenblicklich umfing sie eine Atmosphäre, die sowohl einladend als auch voller Rätsel war. Ein sanftes, goldenes Licht erfüllte den Raum, warf flackernde Schatten auf die Regale, in denen unzählige Artefakte aufgereiht standen. Der Duft von Pergament, altem Holz und einem Hauch Magie lag in der Luft. Trotz der ruhigen Stimmung herrschte hier geschäftiges Treiben – Angestellte erklärten Kunden die Feinheiten magischer Gegenstände, ein junger Lehrling räumte sorgfältig glitzernde Phiolen in ein Regal, während in einer Ecke ein Mann mit einem in sich leuchtenden Kompass experimentierte. Leyla ließ ihren Blick schweifen, ihre Neugier geweckt von den unzähligen Möglichkeiten, die dieser Ort verbarg. Doch bevor sie sich in den verwinkelten Gängen verlieren konnte, trat ein alter Mann aus den Schatten eines hohen Bücherregals hervor. Er bewegte sich mit einer Gelassenheit, die von Erfahrung sprach. Sein schwarzes Haar war von grauen Strähnen durchzogen, und seine Augen wirkten freundlich – doch Leyla erkannte sofort den wachsamen Blick eines Mannes, der viel gesehen hatte und nichts dem Zufall überließ. „Edle Miss Leyla“, begrüßte er sie mit einer respektvollen Verbeugung. „Was für eine Freude, Euch hier willkommen zu heißen. Wie kann ich Euch behilflich sein?“ Leyla überlegte einen Moment, ob sie ihn abwimmeln sollte. Sie hatte geplant, selbst nach einem passenden Artefakt zu suchen, doch vielleicht konnte er ihr die Suche erleichtern. „Ich suche etwas für meine Dienerin“, sagte sie schließlich. „Sie liebt Bücher und verbringt viel Zeit mit dem Studium alter Schriften. Gibt es Artefakte, die ihr dabei helfen könnten?“ Der alte Mann nickte nachdenklich, während ein wissendes Lächeln seine Lippen umspielte. „In der Tat, ich glaube, ich habe genau das Richtige für Euch. Bitte folgt mir.“ Er führte sie durch die verschiedenen Abteilungen des Ladens, vorbei an Regalen voller verzauberter Waffen, schimmernder Kristalle und rätselhafter Artefakte. Hier und da vernahm sie das sanfte Summen aktiver Magie, spürte die Resonanz mächtiger Gegenstände, die Geschichten von vergangenen Epochen in sich trugen. Schließlich erreichten sie einen Bereich, der sich auf magische Alltagsgegenstände spezialisiert hatte. Die Atmosphäre hier war weniger überwältigend als in den vorherigen Räumen – fast behaglich. Ein Ort, an dem Magie nicht für den Kampf oder die Macht, sondern für Wissen und Komfort genutzt wurde. „Ich habe zwei Artefakte im Angebot, die für Eure Dienerin von großem Nutzen sein könnten“, begann der Händler und nahm ein Buch aus dem Regal. „Dies hier ist ein Memorarium.“ Er öffnete es vorsichtig und drehte es so, dass Leyla einen Blick auf das Innere werfen konnte. Die Seiten waren leer – aber sie wirkten nicht wie gewöhnliches Papier. Ein sanftes, silbriges Leuchten pulsierte darin, als ob sie in Bewegung wären. „Wenn man sein Mana mit diesem Artefakt verbindet, speichert es jedes Buch, das man liest, direkt in sich. Die Informationen können dann jederzeit wieder abgerufen werden – als hätte man die gesamte Bibliothek stets bei sich.“ Leyla betrachtete das Buch mit einem Funken Interesse. Eine Sammlung allen Wissens in einer einzigen Quelle. Eroica würde es lieben – doch sie wollte auch die zweite Option hören. „Und das andere Artefakt?“ fragte sie. Der Händler ging zu einem Schrank, dessen Oberfläche mit feinen Runen verziert war. Er öffnete ihn mit einer sanften Bewegung und nahm eine kleine goldene Figur heraus. Sie war in Form eines Phönix gefertigt, so filigran gearbeitet, dass ihre Flügel trotz des schweren Metalls fast durchsichtig wirkten. Er legte sie Leyla vorsichtig in die Hände. Die Figur war warm, als hätte sie ihr eigenes Leben. „Das hier ist Philox, der Goldphönix“, erklärte der Händler mit einer Stimme, die einen Hauch von Ehrfurcht enthielt. „Er wurde einst von Gheng Chu höchstpersönlich geschaffen. Wenn man sich in einer Bibliothek befindet, muss man ihn nur mit etwas Mana speisen und ihm sagen, nach welchen Informationen man sucht – und er wird sich auf die Suche machen. Selbst in den chaotischsten Archiven wird er Euch das Gesuchte bringen.“ Leyla betrachtete das Artefakt genauer. Die feinen Linien des Schnabels, die winzigen Gravuren auf den Flügeln – Philox war nicht nur ein magisches Hilfsmittel, sondern ein Kunstwerk. Die Energie, die von ihm ausging, war ruhig und geordnet, anders als das lebhafte Pulsieren des Memorariums. „Er ist wunderschön“, murmelte sie. „Er hat viele Generationen überdauert“, sagte der Händler leise. „Er hat unzähligen Gelehrten und Herrschern gedient. Und er hat niemals versagt.“ Leyla ließ sich Zeit mit ihrer Entscheidung. Beide Artefakte waren nützlich, beide würden Eroica eine große Hilfe sein. Doch sie wollte sicher sein, das Richtige zu wählen. „Ich würde gerne in Ruhe darüber nachdenken“, sagte sie schließlich. Der Händler verbeugte sich erneut. „Natürlich. Wenn Ihr etwas braucht, lasst es mich wissen, Edle Miss Leyla.“ Mit diesen Worten zog er sich zurück, verschwand lautlos zwischen den Regalen und ließ Leyla mit ihren Gedanken allein. Sie hielt Philox noch immer in der Hand, spürte sein Gewicht, die feine Magie, die ihn umgab. Ihr Blick wanderte zum Memorarium, das ruhig auf dem Tisch lag, als würde es geduldig darauf warten, dass sie ihre Wahl traf. Zwei Artefakte. Leyla atmete langsam aus und ließ ihren Blick über die Regale schweifen. Was würde sie wählen? - ------------------------------------------------------------------------- Leyla stand zwischen den Regalen des Artefaktladens, während ihre Gedanken um Eroica kreisten. Sie kannte ihre Freundin gut genug, um zu wissen, dass sie mit jedem der Artefakte glücklich sein würde – doch welches passte am besten zu ihr? Das Memorarium würde es ihr ermöglichen, jedes gelesene Buch in sich aufzunehmen und nach Belieben wieder abzurufen. Eroica besaß bereits ein außergewöhnliches Gedächtnis, aber sie las Bücher nicht nur einmal – sie tauchte immer wieder in sie ein, entdeckte neue Details, analysierte Texte und genoss es, verschiedene Blickwinkel einzunehmen. Mit dem Memorarium könnte sie all diese Werke jederzeit bei sich tragen. Andererseits war Philox eine flexible und praktische Lösung. Eroica liebte es, in Bibliotheken zu stöbern, das Gefühl von alten Büchern in den Händen zu halten, sich von den Reihen an Regalen inspirieren zu lassen. Der Goldphönix würde ihr die Suche erleichtern, aber nicht ersetzen. Wenn es um gezielte Recherchen ging, wäre er unschätzbar wertvoll. Doch Leyla fragte sich, ob er nicht genau das nehmen würde, was Eroica so sehr an Bibliotheken liebte – das zufällige Entdecken, das Finden von unerwarteten Schätzen zwischen den Seiten. Leyla runzelte die Stirn. Sie mochte es nicht, wenn Entscheidungen ihr zu einfach gemacht wurden – doch hier schien es fast zu schwer. Dann fiel ihr Blick auf eine Glasvitrine neben einem der Regale. Zwischen magischen Federn und selbsterwärmenden Tintenfässern lag ein weiteres Artefakt – eine silberne Brille mit klaren, feinen Gläsern. Neugierig nahm sie sie heraus. Kaum hatte sie sie in der Hand, spürte sie eine sanfte, gleichmäßige Magie von ihr ausgehen. Sie war anders als die anderen Artefakte – weniger auffällig, weniger direkt mächtig, aber dennoch spürbar von Wert. Leyla trat zu einem der Mitarbeiter, einem jungen Elfen mit feinen Gesichtszügen und schulterlangen blonden Haaren. Er wirkte unsicher, als er sie erkannte, und stand etwas zu hastig aufrecht. „Was genau ist das für ein Artefakt?“ fragte Leyla, während sie die Brille prüfend betrachtete. Der Elf schien einen Moment zu brauchen, um sich zu fassen, bevor er antwortete: „D-Das ist die Brille des Schriftstellers, Edle Miss Leyla. Sie erlaubt es, die Gedanken eines Autors während des Schreibens zu erkennen. Außerdem kann sie das exakte Datum bestimmen, an dem ein Buch verfasst wurde.“ Leylas Lippen verzogen sich zu einem leichten Lächeln. Das war es. Das war das Artefakt, das Eroica wirklich brauchen konnte. Es würde ihre Arbeit ergänzen, nicht ersetzen. Es nahm ihr nicht die Freude an Büchern oder das Erforschen von Texten – im Gegenteil, es würde ihre Welt um eine neue Perspektive erweitern. Sie könnte verstehen, was ein Autor in dem Moment gedacht hatte, als die Worte aufs Papier kamen. Sie würde Nuancen entdecken, versteckte Bedeutungen, Emotionen zwischen den Zeilen. Es war perfekt. Leyla nickte zufrieden. „Danke“, sagte sie schlicht, und der Elf schien erleichtert, dass sie seine Erklärung akzeptiert hatte. Sie trat zum Tresen, wo der ältere Mann bereits auf sie wartete. „Ich nehme diese Brille“, sagte sie und legte das Artefakt behutsam auf den dunklen Holztresen. Der Mann musterte sie mit einem wissenden Blick, bevor er respektvoll nickte. „Eine ausgezeichnete Wahl, Edle Miss Leyla. Möchten Sie eine Schatulle dazu?“ „Ja, bitte.“ Er verschwand für einen Moment hinter den Regalen und kehrte mit einer kunstvoll gearbeiteten Holzkiste zurück. Sie war mit feinen Gravuren verziert, wirkte edel, aber nicht überladen. Er legte die Brille vorsichtig hinein, schloss den Deckel und reichte sie Leyla mit einer erneuten Verbeugung. „Ich bin sicher, das Geschenk wird große Freude bereiten.“ Leyla nahm die Schatulle entgegen, ihr Griff fest, aber nicht hastig. „Danke.“ Mit ruhigen Schritten verließ sie den Laden. Draußen schien die Sonne noch immer hell, der Schnee auf den Dächern glitzerte im Licht, als hätte jemand Diamanten über die Stadt gestreut. Der Tag war ungewöhnlich mild für den Winter, doch Leyla achtete kaum darauf. Während sie durch die Straßen schlenderte, dachte sie an Eroicas Reaktion. Ein Lächeln huschte über ihre Lippen. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla betrat die gewaltige Leopoldbrücke, die sich mit beeindruckender Eleganz über den Goldenen Fluss spannte. Der eisige Wind wehte über das Pflaster, trug den Geruch des Wassers mit sich und ließ die tiefen Schatten der Häuser auf der Brücke unruhig flackern. Es war ein Bauwerk, das sowohl durch seine schiere Größe als auch durch seine historische Bedeutung beeindruckte. Auf ihr hatten sich über die Jahrzehnte ganze Straßenzüge entwickelt, mit schmalen Gassen, Geschäften und belebten Marktständen, die trotz der Kälte Kundschaft anlockten. In ihrer Mitte erhob sich eine kolossale Statue aus dunklem Stein: Jericho von Lautern, der legendäre Heerführer, der die Schlacht der Larifen für das Kaiserreich entschieden hatte. Sein Gesicht war streng, der Blick auf die Stadt gerichtet, als würde er sie auch nach seinem Tod noch bewachen. Die gewaltige Klinge, die er in den Himmel reckte, schien mit einer unsichtbaren Macht aufgeladen zu sein, eine Mahnung an all jene, die gegen das Reich aufbegehrten. Leyla schenkte der Statue nur einen kurzen, beinahe gleichgültigen Blick. Geschichte mochte für Gelehrte und Schreiber von Bedeutung sein – jetzt gerade war sie für Leyla nicht wichtig. Heute hatte sie keine Zeit, sich mit längst vergangenen Schlachten zu beschäftigen. Ihr Ziel lag vor ihr. Leopoldbrücke 66. Die Adresse hatte sie von Hypos erhalten. Eine willkürliche Laune des wahnsinnigen Prinzen oder ein bewusstes Rätsel? Sie wusste es nicht. Was sie jedoch wusste, war, dass sie sich auf alles gefasst machen musste. Als sie schließlich vor dem unscheinbaren Gebäude stand, das kaum zu den belebten Läden und Gasthäusern ringsum passte, runzelte sie die Stirn. Es war ein Waffenladen – doch keiner, der das Vertrauen eines erfahrenen Kriegers verdiente. Die Fenster waren trüb, als hätte seit Jahren niemand die Mühe aufgebracht, sie zu reinigen. Das Holzschild über der Tür war so verwittert, dass die ursprüngliche Gravur kaum noch zu erkennen war. Ein leises Quietschen begleitete Leylas Bewegung, als sie die Tür aufstieß. Der Geruch von Rost und altem Leder schlug ihr entgegen, durchmischt mit der feuchten, abgestandenen Luft eines Ortes, der seit langer Zeit nicht mehr richtig gelüftet worden war. Die Wände waren gesäumt von Waffen, doch keiner der ausgestellten Gegenstände war in gutem Zustand. Die Klingen waren stumpf oder von Rost überzogen, die Griffe speckig, die Rüstungen verbeult. Nichts an diesem Ort sprach von Qualität oder Sorgfalt. Hinter der Theke stand ein älterer Mann mit langem, weißem Bart, sein Gesicht gezeichnet von einem verschmitzten Ausdruck, der zwischen Berechnung und Belustigung schwankte. „Edle Miss Leyla“, begrüßte er sie mit einer Verbeugung, die eher spöttisch als respektvoll wirkte. Seine dunklen Augen blitzten amüsiert. „Was führt Euch in meinen bescheidenen Laden? Ich hätte nicht gedacht, dass eine Kaiserliche Kopfgeldjägerin sich für mein Angebot interessieren würde.“ Leyla erwiderte seinen Blick kühl. „Mir wurde dieser Laden empfohlen.“ Sie ließ den Blick durch das Geschäft wandern, ihr Urteil über die minderwertigen Waren weiter festigend. „Ich zweifle aber gerade daran, ob diese Empfehlung ernst gemeint war.“ Hypos war für seine Spielereien bekannt. Es war gut möglich, dass er sie ohne jeden Grund hierher geschickt hatte, nur um zu sehen, was sie tun würde. Vielleicht war es ein Test, vielleicht war es bloße Langeweile. Gerade als sie sich umdrehen wollte, um zu gehen, fiel ihr Blick auf ein Schwert im hinteren Teil des Ladens. Es hing an der Wand eines abgetrennten Bereichs, halb verdeckt von einem schweren, dunklen Vorhang. Es unterschied sich von den anderen Waffen. Während alles in diesem Laden schäbig und abgenutzt wirkte, hatte dieses Schwert eine eigenartige Ausstrahlung. Es war tiefschwarz, als würde es das Licht um sich herum schlucken. Ein Gefühl, das sie nicht erklären konnte, zog sie zu ihm hin. „Was ist das für ein Schwert?“ fragte sie, ohne den Blick davon abzuwenden. Der alte Mann zuckte zusammen, als hätte er gehofft, sie würde es nicht bemerken. „Das…“ Er stockte kurz, seine Stimme wurde leiser. „Das ist das Schwert von Zcepes.“ Sein Tonfall war nicht mehr spöttisch. „Zcepes? Der Vampir?“ Leyla hatte in einem der Bücher, die Eroica ihr zum Thema Vampire gegeben hatte, von ihm gelesen. Der Händler nickte, sein Blick huschte nervös zur Waffe. „Laut meinem Großvater gehörte es ihm. Die Legenden sagen, dass sein Blut damit verschmolzen ist… und dass es seinen letzten Besitzer verändert hat.“ Leyla trat einen Schritt näher, doch bevor sie sich dem Vorhang nähern konnte, bewegte sich der Händler hastig in ihren Weg. „Das sind meine privaten Räume“, sagte er mit gespielter Höflichkeit, doch seine Stimme war angespannt. „Ich fürchte, ich kann Euch nicht erlauben, einzutreten.“ Sie musterte ihn kühl. Es war selten, dass jemand wagte, sich ihr in den Weg zu stellen. Nea hätte ihn sofort für diese Dreistigkeit getötet. „Gut.“ Sie lächelte leicht. „Ich habe auch nicht vor, in dein Schlafgemach zu stolpern.“ Der Mann schien sich für einen Moment zu entspannen, atmete sogar erleichtert aus – doch seine Miene gefror, als Leyla weitersprach. „Bring mir das Schwert.“ Für einen Moment herrschte Stille. Der Händler schien zu überlegen, ob er protestieren sollte. Seine Hände zitterten leicht, seine Schultern versteiften sich. Doch schließlich drehte er sich wortlos um und verschwand hinter den Vorhang. Leyla hörte das Kratzen von Metall über Holz. Ein leises Murmeln. Dann trat der Mann zurück und hielt ihr das Schwert entgegen. In dem Moment, als Leyla ihre Finger um den Griff schloss, spürte sie es. Eine seltsame Wärme kroch durch ihre Handfläche, kroch ihren Arm hinauf. Nicht wie bei den Runensteinen, nicht so überwältigend – aber da. Eine pulsierende Energie, die sich fast wie ein leises Flüstern anfühlte. Das Schwert war schwer, aber nicht unhandlich. Es lag so gut in ihrer Hand, als wäre es für sie gemacht. Sie hob den Blick. Der Händler wirkte blass, sein Blick haftete auf ihren Händen. „Ich nehme es mit,“ sagte sie schlicht. „Danke für deine Hilfsbereitschaft.“ Er murmelte eine schwache Entgegnung, doch sie hörte nicht mehr zu. Sie hörte nur das Gefühl in ihr, das danach schrie, dieses Schwert zu behalten. Ohne ein weiteres Wort verließ sie den Laden. Die Kälte der Kaiserstadt umfing sie wieder, doch diesmal fühlte sie sich anders an. Vor ihr erstreckte sich die Leopoldbrücke, belebter als zuvor, doch ihre Gedanken waren bereits woanders. Jericho von Lauterns Statue ragte über ihr auf, der Blick des steinernen Generals schien auf sie gerichtet zu sein.
- Kapitel 160 - Die Kälte des Thrones
Der Winterabend legte einen kühlen Schleier über die Kaiserstadt, als würde die Kälte selbst die Unruhe spüren, die das Kaiserreich erfasst hatte. Leise rieselte der Schnee herab, bedeckte die Dächer mit einer dünnen, weißen Schicht, die Straßen verwandelten sich in ein Mosaik aus Licht und Schatten, als die Laternen flackernd gegen die Nacht ankämpften. In der Bibliothek des Kaiserpalastes saß Kaiser Verion III. in einem schweren, dunklen Ledersessel, das Licht der Kerzen warf lange Schatten auf die mit Büchern gesäumten Wände. In seinen Händen hielt er ein graues Buch, abgegriffen an den Kanten, die Seiten leicht vergilbt: „Farnfall und Karthur“ , eine Romanze eines Garnischen Poeten. Es war das dritte Mal, dass er es las, doch heute waren seine Gedanken weit entfernt von den tragischen Liebenden der Geschichte. Die Tür öffnete sich lautlos. Yang trat ein. Ihre Bewegungen waren geschmeidig, ihr Schritt so leise, dass es schien, als sei sie aus dem Schatten selbst geformt. Sie trug wie gewohnt ein weißes Kleid, das einen beinahe übernatürlichen Kontrast zu ihrer tiefdunklen Haut bildete. Ihre Augen, kalt und berechnend, musterten den Kaiser, als wüssten sie längst, was ihn beschäftigte. Verion sprach, ohne den Blick von den Seiten seines Buches zu heben. „Wie lief die Versammlung?“ „Wie erwartet“, erwiderte Yang teilnahmslos. „Es gab keine besonderen Vorkommnisse.“ Der Kaiser seufzte leise, klappte das Buch zu und legte es auf den Tisch neben sich. Seine Finger fuhren durch sein goldenes Haar, während er sich leicht nach vorne lehnte. „Das ist gut. Bitte behalte die junge Aldobrandini im Auge.“ Yang nickte nur. Keine Worte waren nötig. Sie ließ sich ihm gegenüber nieder, griff nach einer Karaffe mit rubinrotem Wein und schenkte sich lautlos ein Glas ein. Ihre Finger umschlossen den Kelch mit derselben Präzision, mit der sie eine Waffe führen würde. „Wie möchtest du das Problem im Grünwald angehen?“ fragte sie dann, während sie den Rand des Glases an ihre Lippen führte. Verion richtete seinen Blick auf das hohe Fenster der Bibliothek. Die grauen Wolken hingen tief, als hätte der Himmel selbst das Gewicht seiner Gedanken übernommen. Der Schnee fiel langsam, träge, ein Schauspiel, das im Kontrast zu den Ereignissen im Kaiserreich stand. „Wir werden eine kleine Armee losschicken, um den Wald zu durchkämmen“, entschied er schließlich. „Ich werde Cornelius beauftragen, sie selbst anzuführen.“ Sein zweitgeborener Sohn, Kronprinz Cornelius, war der oberste General der Kaiserlichen Armee, der Oberbefehlshaber des Reichs. Ein Mann, der für seine Unnachgiebigkeit ebenso bekannt war wie für seine strategische Brillanz. Er war der verlässlichste seiner Söhne – allerdings war er auch erbarmungslos. Empathie war ihm fremd, Zurückhaltung kein Teil seines Wesens. Doch wenn es um die Sicherheit des Kaiserreichs ging, war er von seinen Kindern der, dem Verion am meisten vertraute. Nach einem Moment der Stille sprach er weiter. „Mit wem hast du Leyla gepaart?“ „Mit Nea“, antwortete Yang sofort. Verion nickte leicht, ein seltenes Lächeln spielte um seine Lippen. „Gut. Die beiden sollen meinen Sohn begleiten. Leyla soll beweisen, dass sie den Diplomatenorden verdient hat.“ Wieder nickte Yang. Ihre Augen ruhten auf ihm, durchdringend, wachsam. Sie analysierte ihn, wie sie es immer tat, suchte nach Nuancen in seinen Worten, nach verborgenen Motiven, die er ihr vielleicht bewusst nicht offenlegte. Dann stellte er die Frage, die an seinen Gedanken nagte. „Gibt es Neuigkeiten von Varon?“ Ein kurzes Schweigen. Dann sprach Yang, ihre Stimme unverändert ruhig. ,,Es scheint, als hätte er sich den Rebellen angeschlossen.’’ Verion presste die Lippen zusammen, seine Finger schlossen sich fester um die Armlehnen seines Sessels. Es war ein Fehler gewesen, ihn aus der Verbannung zu holen. Er hatte gedacht, dass Varon, der mächtige Nekromant, in seinem Dienst eine unschätzbare Waffe sein könnte. Doch stattdessen hatte er sich gegen ihn gewandt. Randurin, das ohnehin schon ein gewaltiges Problem war, würde nun noch schwieriger zurückzuerobern sein. Seine Optionen schwanden. Er würde entweder Hypos oder Aragi beauftragen, die Stadt für ihn zurückzuholen. Beide waren fähig, jeder auf seine Weise ein Genie. Doch keinem von beiden vertraute er. Schließlich sprach er, seine Stimme wieder ruhig, doch mit einem Hauch von Enttäuschung. „Ich verstehe. Ich überlege mir etwas.“ Er griff nach einem Zettel auf dem Tisch, ließ seine Gedanken für einen Moment in den endlosen politischen Schachzügen versinken. Draußen fiel der Schnee weiter. Still, unaufhaltsam. - ------------------------------------------------------------------------- Verion ließ seinen Blick über die Liste seiner Söhne gleiten, die vor ihm auf dem schweren Mahagonitisch lag. Jeden Monat wurde sie neu geschrieben, angepasst an Erfolge, Misserfolge und die unausweichlichen politischen Manöver. Zahlen und Namen – mehr waren seine Söhne in diesem Spiel nicht. Das Prinzenspiel hatte bereits das Leben von Kronprinz Eugenius gefordert. Und bald würde es wieder einen treffen. Sein Blick verharrte auf einem Namen. Sebastian. Der vierte Sohn hatte versagt. Er hatte eigenmächtig gehandelt, war nach Randurin aufgebrochen – und hatte sich dort gefangen nehmen lassen. Eine Torheit, die ein unverzeihliches Zeichen von Schwäche war. Ein Prinz, der sich so leicht von Feinden einsperren ließ, war kein Prinz, der den Thron besteigen konnte. Und nach den Regeln des Prinzenspiels bedeutete das nur eines: Er würde verbannt werden. Jedes Jahr wurde ein Prinz verbannt, derjenige, der in der Rangliste am schlechtesten abschnitt oder der durch eigenes Versagen seine Position verspielte. Manche überlebten im Exil, manche nicht. Doch Verion konnte es sich nicht leisten, Mitleid zu haben. Wer nicht stark genug war, musste gehen. Es ging nicht anders. Sein Blick wanderte zur Spitze der Liste. Hypos. Sein fünftgeborener Sohn führte das Spiel an, mit über zweitausend Punkten. Der wahnsinnige Prinz. Er war ein Genie, jedoch keins, dass er an der Spitze des Kaiserreichs sehen wollte. Direkt hinter ihm lag Cornelius, der zweitgeborene, mit knapp tausendfünfhundert Punkten. Ein General durch und durch. Er war ein Mann, der Dinge mit seinen eigenen Händen erledigte, der sich auf das Schlachtfeld stürzte, statt aus der Ferne Befehle zu geben. Ein Anführer, der von seinen Soldaten gefürchtet und respektiert wurde. Dann kam Tavil. Der sechstgeborene. Tausendvierhundertunddrei Punkte. Klug, diplomatisch, ein Denker – aber es fehlte ihm an der Entschlossenheit, die seine Brüder auszeichnete. Er wäre ein hervorragender Berater geworden, vielleicht ein Minister. Doch ein Kaiser? Und dann waren da Ludwig und Geroius, mit jeweils knapp achthundert Punkten. Geroius, sein ältester Sohn, der einst so vielversprechend gewesen war, hatte in den letzten Jahren an Einfluss verloren. Ludwig hingegen war zu jung, zu unerfahren. Noch spielte er kaum eine Rolle im Prinzenspiel. Verion seufzte und legte den Zettel zur Seite. Wenn Hypos weiterhin an der Spitze blieb, würde er gewinnen. Er würde Thronfolger werden. Doch der Kaiser wusste, dass der Weg zur Krone nie so einfach war, wie es auf dem Papier erschien. Hypos war mächtig und schlau, aber sein Wahnsinn konnte gut sein Untergang sein. Oder der des Kaiserreichs. Er hob den Blick zu Yang, die schweigend vor ihm saß. Ihr Gesicht verriet nichts, aber er wusste, dass sie noch immer jedes Wort, jede Bewegung genau beobachtete. „Gibt es sonst noch wichtige Neuigkeiten?“ fragte er. Yang nickte leicht. „Wir haben einen Hilferuf vom Dracharenkönigreich Drakia erhalten. Eine junge Kriegerin wütet dort, der Rat ist geschwächt, das Land droht zu zerfallen.“ Verion ließ die Information auf sich wirken. Drakia, das stolze Dracharenkönigreich im Osten von Garnime, war ein langjähriger Verbündeter des Kaiserreichs. Der Hilferuf war nicht nur ein Zeichen des Vertrauens – er war auch ein Zeichen der Verzweiflung. „Lass ihnen eintausend Soldaten und hundert Goldene Löwen zukommen“, entschied er nach kurzem Überlegen. „Nicht mehr. Wir können es uns nicht leisten, mit eigenen Problemen im Rücken eine größere Streitmacht zu schicken.“ Yang nickte, ohne eine Miene zu verziehen. Diese Geste war nur symbolisch. Ein Signal, dass das Kaiserreich seine Verbündeten nicht vergaß – aber auch, dass Drakia auf sich selbst gestellt bleiben musste. Ein Moment verging in stillem, dann fragte Verion: „Wie läuft es auf den Tabakinseln?“ „Die Region ist befriedet“, sagte Yang knapp. „General van Trey hat bestätigt, dass sie nun in ein Herzogtum umgewandelt werden kann.“ Endlich eine gute Nachricht. Die Tabakinseln hatte er als einen Unruheherd erwartet. Piraten, Schmuggler, aufständische Clans – doch diese Probleme schienen gelöst. Die Frage war nur: Wer sollte über die neu gewonnene Region herrschen? Verion lehnte sich nachdenklich zurück. Aragi? Zu ehrgeizig. Er würde nach der Krone greifen, wenn er die Gelegenheit bekäme. Die Aldobrandinis? Zu reich. Sie würden die Inseln nur für ihren eigenen Handel nutzen und das Kaiserreich vergessen. Die von Chibars? Oder doch die di Lorenzos? Jede Wahl hatte ihre Konsequenzen. Und Verion wollte sich sicher sein, dass er die richtige traf. Doch diese Entscheidung konnte noch warten. Langsam stand er auf, strich sich das Gewand glatt und trat zur Tür. Seine Gedanken waren bereits bei den nächsten Herausforderungen, die vor ihm lagen. Yang folgte ihm wortlos, ihre Präsenz ebenso selbstverständlich wie die seines eigenem Schattens. Gemeinsam verließen sie die Bibliothek. Draußen fiel der Schnee weiter – langsam, lautlos.
- Kapitel 159 - Die neue Ordnung unter Yang
Leylas Blick glitt durch den Versammlungsraum des Hauptquartiers, während sie die Anwesenden musterte. Das heutige Treffen der Kaiserlichen Kopfgeldjäger war von entscheidender Bedeutung. Nach Bournadettes Verrat und Colarts Tod musste das weitere Vorgehen besprochen werden. Yang stand regungslos neben der Tür. Ihr Blick war ruhig, schien jedoch etwas zu fixieren, das nur sie wahrnahm. Sie verkörperte ihre Rolle als Erste Kaiserliche Kopfgeldjägerin mit einer Selbstverständlichkeit, die unerschütterlich wirkte. Cyntha saß in einem Sessel, die Beine lässig über eine Armlehne geschlagen. Als sie bemerkte, dass Leyla sie ansah, grinste sie breit und winkte ihr zu. Sie war die Fünfte unter den Kopfgeldjägern. Ihr Drache Zorda wartete draußen auf dem Trainingsplatz des Quartiers – er war viel zu groß, um sich in diesen Raum zu zwängen. Nea saß direkt neben Leyla, und wie sonst auch, konnte sie keine Sekunde stillhalten. Ihr Körper wippte vor Ungeduld hin und her, ihre Finger trommelten leise auf der Armlehne. Sie hatte sich bereits mehrfach darüber beklagt, dass sie keine Lust auf dieses Treffen hatte. Auf den ersten Blick wirkte sie wie eine Jugendliche, doch Leyla wusste es besser. Nea war die Achte Kaiserliche Kopfgeldjägerin. Zu Neas Linken saß ein großer Adler, der mit genüsslichen Bewegungen einen Keks nach dem anderen fraß. Doch es war kein gewöhnlicher Adler. Es war Hepma, die Neunte Kaiserliche Kopfgeldjägerin. Ihre Fähigkeit, sich in alle Tiere und Monster zu verwandeln, machte sie zu einer idealen Spionin – oder zu einer unerwarteten Ablenkung, je nach Situation. Dann gab es noch die Kopfgeldjäger, die Leyla bisher nicht persönlich kennengelernt hatte. Nea hatte ihr vor dem Treffen eine kurze Einführung gegeben. In einer Ecke des Raumes saß ein Drachar mit blauer, schuppiger Haut, vertieft in eine wissenschaftliche Abhandlung über die Zucht von Aschewölfen. Sein Name war Zuphoor, und er war nicht nur ein mächtiger Feuermagier, sondern auch die Nummer Vier unter den Kopfgeldjägern. Sein ruhiges Wesen stand in starkem Kontrast zu seinem zerstörerischen Talent im Kampf. Ein Elf hielt sich im Schatten eines großen Schranks. Fast hätte Leyla ihn übersehen. Sein Name war Vitalas, ein Assassine, der vorrangig für Mordaufträge im Ausland eingesetzt wurde. Er war die Nummer Sieben – ein Geist im Raum, wenn er es wollte. „Mit mir zusammen sind wir also zu siebt…“ Leyla runzelte die Stirn. Irgendetwas fehlte. Ihr Blick wanderte noch einmal durch den Raum. Wo war Bunj? Ihr Freund, der Chimp, hatte ihr einst das Leben gerettet. Er war es gewesen, der sie aus der Gefangenschaft von Kronprinz Eugenius befreit hatte – und sie damit vor einer ungewollten Hochzeit bewahrte. Doch er war nirgendwo zu sehen. Ob er sich verspätet hatte? Sie wollte gerade Nea fragen, als Yang einen Schritt vortrat. Sofort hielten alle inne, und alle Augen richteten sich auf die Erste Kaiserliche Kopfgeldjägerin. -------------------------------------------------------------------------- Leyla beobachtete Yang, die am Kopf des Raumes stand und mit müheloser Autorität die Versammlung der Kaiserlichen Kopfgeldjäger leitete. Die Frau strahlte eine Präsenz aus, die den Raum beherrschte. Ihr schwarzer Afro war makellos, jede Locke lag genau dort, wo sie sein sollte, als wäre selbst ihr Haar ein Ausdruck ihrer unerschütterlichen Kontrolle. Ihre dunklen Augen schweiften durch die Runde, und doch schien es, als würde sie niemanden direkt ansehen – oder vielleicht alle zugleich. Das schlichte weiße Kleid, das sie trug, setzte einen starken Kontrast zu ihrer tiefschwarzen Haut und ließ sie noch eindrucksvoller wirken. Es gab nichts an ihr, das überladen oder übertrieben wirkte, und doch war ihre Erscheinung so beeindruckend, dass selbst Cyntha, die Leyla normalerweise für die schönste Kopfgeldjägerin hielt, neben ihr fast blass und unscheinbar wirkte. Yang war nicht nur die Anführerin. Sie war die stärkste Frau in diesem Raum – und jeder wusste es. „Danke, dass ihr euch so kurzfristig einfinden konntet“, begann Yang. Ihre Stimme war ruhig, aber ihr Tonfall trug eine Autorität in sich, die keinen Widerspruch duldete. Es war keine übertriebene Strenge in ihrem Ausdruck, kein erhobenes Kinn oder harter Blick nötig. Die Tatsache, dass sie sprach, reichte aus, um jede Ablenkung im Raum zum Verstummen zu bringen. „Wie ihr sicher wisst, stehen wir vor einer Prüfung. Bournadette hat uns verraten.“ Yangs Stimme blieb fest, doch Leyla glaubte, einen Anflug von Verachtung in ihr zu hören. „Sie ist mit einem Menschen in den Süden gereist und hat nicht nur ihre Pflicht vernachlässigt, sondern sich auch einem direkten Befehl des Kaisers widersetzt, indem sie versucht hat, sich mit dem verstorbenen Prinzen Eugenius zu treffen.“ Leyla kannte die Geschichte bereits. Bournadettes Verrat war für sie eine zwiespältige Sache. Einerseits hatte es sie beruhigt – ihre alte Rivalin war fort, eine Bedrohung weniger. Doch zugleich beunruhigte es sie. Bournadette war zu schlau, um diesen Schritt ohne Grund zu gehen. Was immer sie in den Süden getrieben hatte, es war sicher nicht bloße Dummheit. Und das machte sie gefährlicher denn je. „Zusätzlich zu Bournadettes Verrat ist Colart in Randurin von einem Mitglied des Schwarzen Sterns getötet worden“, fuhr Yang fort. Ihre Worte hallten durch den Raum, ließen die Anwesenden spüren, dass das, was sie sagte, weitreichende Konsequenzen hatte. „Die Terroristen werden mutiger und gefährlicher. Ihre Vernichtung hat oberste Priorität. Einige von euch werden in den nächsten Monaten genau dafür eingesetzt.“ Colarts Tod war keine Überraschung mehr für Leyla, doch die Details waren es. Wer aus den Reihen des Schwarzen Sterns war stark genug gewesen, um ihn zu töten? Ihr erster Gedanke war Liam, doch sie verwarf ihn sofort wieder. Liam war geschickt, aber Colart? Er war eine lebende Festung gewesen. Nein, der Mörder musste jemand anderes sein. Jemand, der gefährlich war. „Doch nicht nur Colart ist vom Schwarzen Stern getötet worden“, sagte Yang. Diesmal war ihre Stimme kälter, als hätte sie sich selbst darauf vorbereitet, die nächste Nachricht auszusprechen. „Bunj ist auf einer Mission in den Schneelanden von ihnen getötet worden. Die Tatsache, dass nicht nur Colart, sondern auch Bunj gefallen ist, ist besorgniserregend.“ Leyla spürte, wie ihr Innerstes für einen Moment auseinanderbrach. Bunj. Der Chimp, der sie aus der Gefangenschaft des Kronprinzen befreit hatte. Der Mann, der wie ein Vater für sie gewesen war, der ihr gezeigt hatte, wie sie in dieser Stadt überleben konnte, wie sie kämpfen musste, wenn sie nicht sterben wollte. Und jetzt war er tot. Der Schmerz, der sie durchbohrte, war scharf und allumfassend – doch nur für den Bruchteil einer Sekunde. Dann kam die Kälte. Leyla spürte den Einfluss des Runensteins der Erde. Seine Kraft tötete ihre Emotionen, ließ ihre Gefühle wie einen fernen Schatten erscheinen, der nicht ganz zu ihr gehörte. Der steinerne Mantel der Gleichgültigkeit umhüllte sie. Bedauern regte sich in ihr, aber nicht für Bunj. Nicht einmal für das, was geschehen war. Sondern für sich selbst. Denn ein Teil von ihr wünschte sich, sie könnte trauern. Sie könnte weinen, sich verlieren in dem Schmerz, den sie eigentlich fühlen sollte. Doch der Runenstein ließ es nicht zu. Er schützte sie – und beraubte sie zugleich ihrer Menschlichkeit. Sie hob den Blick und sah sich im Raum um. Die anderen Kaiserlichen Kopfgeldjäger reagierten unterschiedlich, doch alle waren betroffen. Hepma, noch immer in Adlergestalt, hatte das Kauen auf ihren Keksen eingestellt. Nea sah auf ihren Knien, ihr wippender Körper war für den Moment erstarrt. Zuphoor legte sein Buch langsam beiseite, und sogar Vitalas, der selbst inmitten dieser düsteren Nachrichten kaum Emotionen zeigte, ließ den Blick kurz auf Yang ruhen. Bunj war eine Legende gewesen. Ein Mann, von dem viele geglaubt hatten, er sei nur von Yang besiegbar. Jetzt war er tot. Doch niemand sprach. Alle warteten auf Yangs Worte. -------------------------------------------------------------------------- Leyla spürte, wie sich die Atmosphäre im Raum veränderte. Die Luft war schwer, geladen mit Erwartung und Unsicherheit. Yangs Stimme zerschnitt die Stille mit einer Klarheit, die keinen Raum für Zweifel ließ. „Der erste Schritt wird es sein, die Kaiserlichen Kopfgeldjäger neu zu strukturieren.“ Sie ließ die Worte einen Moment ruhen, als wolle sie jedem Einzelnen die Tragweite bewusst machen. „Zuphoor wird Bournadettes Platz als Nummer Zwei einnehmen. Cyntha rückt an Bunjs Stelle, auf die Drei. Vitalas wird Nummer Vier, Nea Nummer Fünf. Leyla, du wirst die Nummer Sechs werden und Hepma die Nummer Sieben.“ Leyla richtete sich unwillkürlich auf. Sie hatte stets angenommen, dass die Nummerierung nach dem Zeitpunkt des Beitritts erfolgte, doch das war offenbar nicht der Fall. Hepma war vor ihr dabei gewesen, und dennoch wurde sie nun hinter ihr eingestuft. Lag es an den Fähigkeiten? Oder folgte Yang einem Plan, den Leyla noch nicht verstand? „Das bedeutet, dass wir die Plätze Acht bis Zehn neu besetzen müssen“, fuhr Yang fort. „Für Nummer Acht und Nummer Neun habe ich bereits neue Mitglieder gefunden.“ Ein kurzes Schweigen, dann öffnete Yang die Tür. Die Bewegung wirkte beinahe zeremoniell, als würde sie den Raum für etwas völlig Neues freigeben. Ihre Stimme, sonst immer von einem Hauch kaiserlicher Strenge durchzogen, klang jetzt beinahe einladend – aber mit der unausgesprochenen Erwartung, dass der nächste Schritt unausweichlich war. ,,Du kannst reinkommen, Franca.’’ Alle Augen richteten sich auf den Eingang. Leyla beobachtete die Frau, die in den Raum trat, mit einem Gang, so mühelos elegant, als würde sie über den Boden schweben. Sie hatte lange, blonde Haare, kunstvoll zu zwei dicken Lockenzöpfen geflochten, die ihr bis zur Taille reichten. Ihr roter Mantel aus feinstem Samt schmiegte sich wie ein kostbares Kunstwerk an ihren Körper. Eine große, sorgfältig gebundene Schleife schmückte ihr Haar, durchzogen mit feinen goldenen Fäden. Alles an ihr schrie nach Hochadel. Die junge Frau lächelte sanft und neigte den Kopf leicht, eine Geste, die mehr über ihre Herkunft verriet als jede noch so aufwendige Robe. „Freut mich, werte Kollegen. Mein Name ist Franca Aldobrandini, und ich werde ab heute die achte Kaiserliche Kopfgeldjägerin sein.“ Aldobrandini? Leyla konnte sich ein Stirnrunzeln nicht verkneifen. Die Familie Aldobrandini war die reichste und einflussreiche Dynastie des Kaiserreichs. Ihr Einfluss reichte bis in die höchsten Ämter, ihre Goldkisten waren endlos gefüllt, ihre Macht wuchs mit jedem Jahr. Doch Kopfgeldjäger? Sie hatte nicht gedacht, dass jemand aus dieser Familie den Willen – oder die Notwendigkeit – verspüren würde, in einer solchen Welt zu kämpfen. Und doch gab es an Franca nichts, das schwach wirkte. Ihr Auftreten war nicht nur das einer Frau, die es gewohnt war, dass man ihr gehorchte – sondern auch das einer, die wusste, dass sie es sich verdient hatte. Yang verschwendete keine Zeit mit Formalitäten. „Setz dich.“ Franca reagierte sofort. Ihr Körper spannte sich an. Ohne Zögern ließ sie sich auf den Platz neben Leyla nieder. Ein sanfter Duft von Jasmin und Rosen umgab sie, so subtil und perfekt abgestimmt, dass er fast unnatürlich wirkte. Leyla beobachtete sie verstohlen aus den Augenwinkeln. Wie viel von ihr war Echt? War sie eine Kriegerin oder nur eine Marionette ihrer Familie? Doch ehe Leyla ihren Gedanken weiter nachhängen konnte, sprach Yang erneut. ,,Die Nummer Neun konnte heute leider nicht kommen, ihr werdet ihn aber bald kennenlernen.’’ In dem Moment, wo Yang fertig gesprochen hatte, riss ein plötzlicher Knall die Stille auseinander. Ein ohrenbetäubender, durchdringender Knall, laut wie das Donnern eines Sturmes, ließ die Wände erzittern. Alles im Raum wurde schwarz. -------------------------------------------------------------------------- Leyla ließ ihre Magie in den Boden sickern, fühlte, wie sie sich in die Umgebung ausbreitete, bereit, jede Bewegung, jede Veränderung wahrzunehmen. Doch bevor sie überhaupt einen Hauch einer Präsenz spüren konnte, wurde die Dunkelheit mit einem einzigen Wimpernschlag vertrieben, als hätte jemand einen schweren Vorhang aufgezogen. Der Raum war wieder erleuchtet, als wäre nichts geschehen. Yang stand noch immer an ihrem Platz. Keine Veränderung in ihrer Haltung, keine Anspannung in ihrem Gesicht. Ihre Hand war leicht erhoben, ein kaum merkliches Lächeln spielte um ihre Lippen. Leyla wusste nicht, ob sie den Zauber selbst aufgelöst hatte. Doch nun gab es eine neue Präsenz im Raum. In der Mitte, wo vorher Leere geherrscht hatte, stand jetzt ein Mann, dessen Anblick jeden Blick auf sich zog. Schneeweiße Haare fielen ihm in wilden Strähnen ins Gesicht, ungezähmt und chaotisch, als hätte er sie seit Tagen nicht mehr gekämmt. Seine Haut war fast gespenstisch blass, als hätte er nie auch nur einen einzigen Sonnenstrahl auf sich gespürt. Der schwarz-rote Anzug, den er trug, erinnerte an einen Narren – doch nicht an einen von der harmlosen Sorte. Nein, dieser Narr hatte etwas Unheilvolles an sich, etwas, das eine tiefere Bedrohung verbarg. Seine grauen Handschuhe waren mit winzigen, kaum sichtbaren Dornen besetzt, ein Detail, das Leyla nicht entging. Aber es waren seine Augen, die alles übertrafen. Das linke Auge war ein helles, beinahe leuchtendes Blau – klar, fast kristallen. Das rechte hingegen schimmerte in einem intensiven, unnatürlichen Rot. Zwei Augen, die nicht zusammengehörten, zwei Welten, die in einer einzigen Person kollidierten. Yang schien von seiner Ankunft nicht sonderlich beeindruckt. Ihre Stimme klang ruhig, ausdruckslos. „Du hast es ja doch geschafft.“ Sie sah ihn abwartend an. „Dann stell dich vor und setz dich.“ Der Mann legte eine tiefe, übertrieben theatralische Verbeugung hin, seine Bewegungen so flüssig, dass sie an einen Tänzer erinnerten. Doch in ihnen lag etwas Unwirkliches, etwas, das nicht ganz menschlich wirkte. ,,Mein Na~me ist Velver~de“, sang er fast, seine Stimme mit einem melodischen Schwung in bestimmten Silben. ,,Und ich werde fortan als Neunter Kai~serlicher Kopfgeldjä~ger im Dienst der Krone ste~hen!’’ Leyla zog unwillkürlich eine Braue hoch. Sein Singsang war irritierend, seine Betonungen unvorhersehbar. Sie konnte nicht entscheiden, ob seine Art faszinierend oder einfach nur beunruhigend war. Vielleicht beides. Valverde ließ sich auf einen der noch freien Sessel fallen, mit einem selbstgefälligen Grinsen, das sich tief in sein Gesicht grub. Seine Augen wanderten langsam durch den Raum, nahmen jedes Detail auf, als würde er jeden einzelnen Kopfgeldjäger analysieren, bewerten, in irgendeiner unsichtbaren Liste kategorisieren. Nea, die noch immer neben Leyla saß, hatte sich vorgebeugt, ihre Augen leuchteten vor Faszination. Sie musterte Velverde mit einer Mischung aus kindlicher Begeisterung und morbider Neugier. Leyla kannte diesen Blick. Nea liebte ungewöhnliche Dinge, und Valverde war voller davon. „Er ist interessant“, flüsterte Nea kaum hörbar, ihre Stimme vibrierte vor Aufregung. Yang jedoch ließ sich von der Spannung im Raum nicht beirren. Sie ignorierte die aufmerksamen Blicke, die Valverde auf sich zog, als wäre seine Ankunft eine Kleinigkeit. „Gut“, sagte sie schlicht. „Da jetzt alle anwesend sind, besprechen wir das Vorgehen bezüglich des Schwarzen Sterns.“ -------------------------------------------------------------------------- Die Anspannung im Raum war beinahe greifbar, als Yang das Wort ergriff. Ihre Stimme war ruhig, doch jedes Wort hatte eine Schärfe, die sich durch die Stille schnitt. Niemand wagte, sich zu bewegen, als sie zu sprechen begann. „Soweit wir wissen, besteht der Schwarze Stern aus drei Truppen“, erklärte sie, und ihre dunklen Augen ruhten auf jedem Kopfgeldjäger, als wolle sie sicherstellen, dass sie ihre Worte genau verstanden. „Die erste ist die, die Randurin eingenommen hat. Sie selbst ist nicht außergewöhnlich stark, doch Randurin ist eine schwer zu erobernde Stadt. Sie haben dort eine Waffe – eine, die für jeden von euch tödlich sein könnte.“ Leyla fühlte, wie sich ihr Körper unwillkürlich verspannte. Randurin. Liam. Eine unbekannte Waffe. Sie kannte Liam gut genug, um zu wissen, dass er keine Sekunde zögern würde, sie für seine Ideale einzusetzen. Würde er sie auch gegen sie einsetzen? Die Vorstellung, gegen ihn antreten zu müssen, ließ einen unangenehmen Knoten in ihrer Brust entstehen. „Die zweite Gruppe ist die gefährlichste.“ Yangs Stimme wurde fester, und ihre Worte hallten durch den Raum. „Sie haben Bunj getötet. Sie sind derzeit unterwegs, um sich mit der ersten Einheit in Randurin zu vereinen. Wir werden es nicht schaffen, das zu verhindern.“ Leyla spürte ein unangenehmes Ziehen in der Brust, doch die Kälte des Runensteins ließ keine echte Trauer aufkommen. Dennoch blieb der Gedanke an Bunj bestehen, an das, was er ihr beigebracht hatte, an das, was er für sie gewesen war. Dass diese zweite Einheit ihn besiegen konnte, ließ nur eine Schlussfolgerung zu – sie waren außergewöhnlich stark. Yang ließ ihren Blick durch den Raum wandern, als prüfe sie jeden Einzelnen, als könne sie erkennen, wer bereit war, sich diesem Feind zu stellen. Ihre Augen, dunkel und berechnend, schienen in die Seele der Kopfgeldjäger zu blicken. Niemand wagte, ihrem Blick auszuweichen. „Und dann ist da noch die dritte Einheit“, fuhr sie fort. „Sie hält sich im Grünwald versteckt. Über sie haben wir nur wenige Informationen, doch ihre Eliminierung ist ein wichtiges Ziel.“ Leyla atmete langsam aus. Theol und Eleanor. Waren sie dort? „Ihr werdet in der nächsten Zeit stets in Paaren auf Aufträgen sein“, verkündete Yang dann, ohne Raum für Diskussionen zu lassen. „Zuphoor, du wirst mit Valverde zusammen agieren. Cyntha, du wirst dich Franca annehmen. Hepma wird mit Vitalas ein Paar bilden, Nea wird sich um Leyla kümmern.“ Leyla spürte, wie ihr Herz für einen Moment schneller schlug. Nea. Es war fast zu schön, um wahr zu sein. Nea war nicht nur eine ihrer engsten Vertrauten, sondern auch eine der wenigen, mit denen sie sich vorstellen konnte, zusammenzuarbeiten. „Danke, Yaya!“ rief Nea laut, ihre Stimme überschlug sich fast vor Begeisterung. Ihre Freude war so ehrlich, dass Leyla ein kleines Lächeln nicht unterdrücken konnte. Doch Yangs tödlicher Blick ließ Nea sofort verstummen. Leyla musste sich zusammenreißen, um nicht zu lachen. Nea wusste genau, dass Yang solche Spitznamen nicht duldete, und trotzdem konnte sie sich einfach nicht zurückhalten. Abgesehen von Zuphoor, dessen Gesichtsausdruck eine Mischung aus Missmut und Resignation zeigte, schienen alle mit der Verteilung zufrieden zu sein. Franca warf Cyntha einen neugierigen Blick zu, während Velverde sich in seinem Stuhl zurücklehnte und sich mit offensichtlichem Vergnügen Zuphoors Reaktion ansah. „Ihr werdet in den nächsten Tagen eure Aufträge erhalten“, sagte Yang abschließend. Ihre Stimme klang endgültig. Dann wandte sie sich um und verließ den Raum. Das Echo ihrer Schritte hallte noch lange nach.
- Kapitel 151 - Unter den Augen des Kaisers
Leyla stand vor der gewaltigen Tür zum Versammlungsraum des Kaiserpalasts, ihre Finger umschlossen den kunstvoll verzierten Griff aus poliertem Gold. Das massive Tor wirkte einschüchternd, nicht nur wegen seines Prunks, sondern wegen dem, was sich dahinter verbarg. Der Schild über der Tür, besetzt mit leuchtenden Edelsteinen, verkündete in kunstvollen Lettern „Kaiserliches Militär“ – ein Symbol von Macht, Ordnung und unantastbarer Autorität. Das Licht der Kronleuchter spiegelte sich in der glänzenden Oberfläche der Tür und warf schillernde Reflexe auf die kunstvoll geschnitzten Wände. Alles hier war auf Pracht und Erhabenheit ausgelegt. Darauf, jeden der eintrat, unmissverständlich daran zu erinnern, wo er sich befand – im Herzen der kaiserlichen Dynastie. Leyla sog die Luft tief ein. Ihr Herz schlug schneller, das Adrenalin rauschte durch ihre Adern. Sie wusste nicht, wer außer Yang und dem Kaiser noch anwesend sein würde. Die Ungewissheit war wie eine Klinge, die an ihren Nerven schnitt. Doch sie durfte sich nicht verunsichern lassen. Sie war eine Kopfgeldjägerin des Kaisers. Sie war stark. Sie war fähig. Sie war bereit. Zweimal ließ sie den Türklopfer auf das Metall prallen. —BANG— —BANG— Der dumpfe, hallende Ton schnitt durch die angespannte Stille, schien durch die Mauern des Palastes zu wandern. Einen Moment lang war nichts zu hören, dann drang eine tiefe, kontrollierte Stimme durch die Tür. Ein Mann, mit ruhigem, aber unmissverständlichem Befehlston. [???] ,,Edle Miss Leyla, tretet ein.’’ Leyla kannte die Stimme nicht, doch nun war nicht der Moment für Spekulationen. Sie drückte die Tür auf, die trotz ihrer massiven Erscheinung überraschend leicht und lautlos nachgab. Die Stille dahinter war beinahe erdrückend. Der Versammlungsraum war ebenso prächtig wie einschüchternd. Die Decke war hoch, mit kunstvollen Fresken verziert, die vergangene Schlachten und glorreiche Eroberungen darstellten. Die Wände glänzten im sanften Licht der vergoldeten Kronleuchter, während schwere Vorhänge das Sonnenlicht des Tages in tiefrotem Schimmer filterten. Doch all das verblasste angesichts der drei Personen, die an der Stirnseite des Raumes Platz genommen hatten. Yang saß links. Ihre Haltung war, wie immer, vollkommen ruhig und aufrecht. Ihre Augen, dunkel und undurchdringlich wie ein stiller See in der Nacht, musterten Leyla mit der Gelassenheit, die Leyla von ihr gewohnt war. Jeder im Raum wusste: Die Frau, die dort saß, war die mächtigste Person im Kaiserreich, vielleicht sogar der Welt. In der Mitte thronte Kaiser Verion III höchstpersönlich. Seine Präsenz war erdrückend, nicht laut oder einschüchternd auf offensichtliche Weise, sondern durch die unerschütterliche Ruhe, die ihn umgab. Sein Blick war scharf, sein Gesicht ausdruckslos – ein Mann, dessen Wort die absolute Wahrheit war, dessen Urteil nicht hinterfragt wurde. Die dunkle Robe, geschmückt mit goldenen Insignien, verlieh ihm eine fast gottgleiche Erhabenheit. Doch es war der Mann auf der rechten Seite, der Leyla überraschte. Ein General, das erkannte sie sofort. Seine Uniform war tiefschwarz, geschmückt mit zahlreichen Orden, die von einem Leben voller Schlachten und Verdienste zeugten. Er war älter, sein kurzes graues Haar makellos gepflegt, sein Vollbart akkurat gestutzt. Doch es waren seine Augen, die Leyla alarmierten – kalt, analytisch, voller Erfahrung. Ein Mann, der in seinem Leben wahrscheinlich mehr Kämpfe gesehen hatte, als seine Berufsgenossen. Ein Mann, der Fehler nicht duldete. Kein einziger Stuhl war für sie bereitgestellt. Sie war hier nicht als Gast. Leyla ließ ihren Blick für einen Moment gesenkt, dann tat sie das, was vor dem Kaiser erwartet wurde – sie verbeugte sich tief. Ihr Atem war ruhig, ihre Miene neutral. Jetzt durfte sie keine Unsicherheit zeigen. Der Kaiser musterte sie einen Augenblick, dann sprach er mit einer Stimme, die keine Emotion zeigte, aber die Luft im Raum füllte wie der Klang eines Glockenschlags. ,,Erhebe dich, Kopfgeldjägerin Leyla.’’ Die Worte des Kaisers waren hart und ließen keinen Widerspruch zu. Langsam hob sie den Kopf. Ihre Augen begegneten nacheinander denen der drei Anwesenden. Die Stille dehnte sich, schien beinahe greifbar, während sie darauf wartete, dass jemand das Wort ergriff. Es war der General, der die Stille brach. „Edle Miss Leyla.“ Seine Stimme war rau, aber durchdringend, seine Haltung reglos, als wäre er aus Stein gemeißelt. „Wir sind hier, um Euer eigenmächtiges Handeln auf Eurem vergangenen Auftrag zu besprechen.“ -------------------------------------------------------------------------- Leyla schwieg einen Moment und nickte langsam. Sie würde nur das sagen, wonach man sie fragte. Kein überflüssiges Wort würde ihre Lippen verlassen, kein unbedachtes Detail ihre Position gefährden. Ihre Haltung blieb reglos, ihre Augen waren fest auf den General gerichtet, während sie mit stoischer Ruhe abwartete, welchen Verlauf dieses Gespräch nehmen würde. „Ich bin General van Lautern, führender Befehlshaber der zweiten kaiserlichen Armee. Ich spreche hier im Namen des abwesenden General van Trey.“ Er musterte sie mit einem Blick, dem nichts entging, als wolle er jede ihrer kleinsten Reaktionen auf seine Worte erfassen und bewerten. „Kommen wir direkt zum Punkt.“ Seine Stimme wurde einen Hauch schärfer. „Warum habt Ihr entschieden, Miguel Atrasa, den Großmagus des Feuerturms, zu verschonen? Euer Auftrag war eindeutig – die Eliminierung aller Großmagi. Und doch lebt er.“ Die Frage lag schwer im Raum. Eine unausgesprochene Drohung schwang in seinen Worten mit, doch Leyla ließ sich nicht beirren. Sie hatte mit genau dieser Konfrontation gerechnet und war vorbereitet. Ohne zu zögern, atmete sie tief durch und antwortete mit ruhiger, klarer Stimme. „Miguel Atrasa hat sich als nützliches Werkzeug erwiesen. Ohne ihn wäre die Anerkennung des Kaiserreichs durch den Magieturm nicht gesichert gewesen. Ebenso hätten die führenden Händlerfamilien nicht so reibungslos verhandelt. Sein Überleben hat entscheidend zur Stabilisierung der neuen Ordnung beigetragen.“ Ihre Worte waren gezielt gesetzt, jedes Argument mit Bedacht formuliert. Sie sah, wie van Lautern sie prüfend musterte, ihr Gesagtes abwog. Dann nickte er langsam, als akzeptiere er ihre Begründung – doch das Misstrauen in seinen Augen blieb. „Verstehe.“ Seine Stimme war ein Hauch kälter als zuvor. „Dann erklärt mir, Edle Miss Leyla, warum Ihr dem mittlerweile verstorbenen Großhändler Yanis Marghri die Stellung als Protektor angeboten habt – mit der Aussicht auf einen Herzogstitel.“ Ein anderer hätte bei dieser Frage gezögert, doch Leyla war darauf vorbereitet. Ihre Antwort war bereits in Gedanken geformt, präzise und makellos. „Mir war bewusst, dass eine solche Entscheidung nicht in meiner Macht lag.“ Ihre Stimme war ruhig, aber fest. „Doch um ihn zu manipulieren, war es nötig, ihm ein solches Versprechen zu machen. Erst dadurch ließ er sich dazu bewegen, die Kapitulation zu unterzeichnen. Noch vor meiner Abreise habe ich General van Trey darüber in Kenntnis gesetzt, dass diese Zusage nichtig war und lediglich als taktisches Mittel diente.“ Van Lautern ließ sich nichts anmerken, doch sein Griff um die Feder, mit der er eine Notiz niederschrieb, wurde ein wenig fester. Einen Moment lang sagte er nichts. Nur das leise Kratzen der Feder auf Pergament war zu hören. Als er den Blick wieder hob, lag ein neuer Ausdruck in seinen Augen. Härter. Durchdringender. „Noch eine letzte Frage zu diesem Thema. Warum habt Ihr eigenmächtig in den Konflikt eingegriffen und eine der Flotten der Tabakinseln vernichtet?“ Die Anspannung im Raum war greifbar. Die Luft schwer von unausgesprochenen Konsequenzen. Doch Leyla blieb ungerührt. Ihre Haltung zeigte keinerlei Unsicherheit, und als sie antwortete, lag in ihrer Stimme eine Ruhe, die keine Zweifel zuließ. „Es brauchte ein eindeutiges Zeichen der absoluten Überlegenheit des Kaiserreichs.“ Ihre Worte waren klar und unerschütterlich. „Je schneller der Krieg beendet wurde, desto weniger Zivilisten mussten leiden. Eine rasche Kapitulation bedeutet eine effizientere Kontrolle über das neu gewonnene Territorium. Die Vernichtung der Flotte durch mein direktes Eingreifen war ein notwendiger Schritt, um diesen Krieg mit minimalen Verlusten zu beenden.“ Diesmal schien der General mit ihrer Antwort zufriedener zu sein. Zumindest ließ sein langsames Nicken darauf schließen. Wortlos legte er das Pergament beiseite. Sein Blick wanderte kurz zu Yang und kehrte dann zu Leyla zurück. Er hatte ihre Antworten akzeptiert – zumindest vorläufig. Dann begann Yang zu sprechen. -------------------------------------------------------------------------- „Leyla, als du nach Tripolis aufgebrochen bist, warst du nur imstande, die erweiterte Naturmagie zu nutzen. Doch in der Schlacht hast du einen mächtigen Wasserzauber gewirkt. Erkläre mir, woher diese plötzliche Beherrschung eines Magieelements kommt, das dir vorher nicht zugänglich war.“ Yangs Stimme war ruhig, aber jeder Satz war ein scharf geschliffenes Messer, das auf die Wahrheit abzielte. Leyla spürte das Gewicht der Frage, doch sie zwang sich ruhig zu bleiben. Ihr Puls blieb gleichmäßig, ob durch bewusste Selbstkontrolle oder durch die subtile Wirkung der Runensteine, die sie bei sich trug, konnte sie nicht genau sagen. Ihre Haltung blieb reglos, ihr Blick unerschütterlich, als sie antwortete. „Während meiner Vorbereitung auf die Erfüllung des Auftrags habe ich mit einem Meriden Wassermagie trainiert. Anfangs war es eine mühsame und langsame Angelegenheit, doch nach wenigen Tagen gelang mir die Beherrschung zunehmend besser.“ Sie hielt einen Moment inne, ließ ihre Worte in der angespannten Stille des Raumes nachhallen. Dann fuhr sie fort, diesmal mit einer zusätzlichen Erklärung, die sie und Eroica sorgsam ausgearbeitet hatten. „Ich konnte mir nicht erklären, wie ein solcher Fortschritt in so kurzer Zeit möglich war. Doch meine Leibdienerin, Eroica Nyva, hat eine Theorie. Sie ist sich sicher, dass ich eine Potenzialistin bin. Sie wird sich in den kommenden Tagen mit dem Hofchronisten Rhovar Trellis zusammensetzen, um eine ausführliche, wissenschaftliche Abhandlung darüber zu verfassen.“ Yang ließ die Worte einen Moment lang unkommentiert stehen. Ihre Augen ruhten auf Leyla, als wollte sie jede Nuance ihres Gesichtsausdrucks auf Wahrheit prüfen. Die Stille dehnte sich, ein unbarmherziger Moment der Einschätzung. Dann sprach sie, ihre Stimme ruhig, doch mit einer unterschwelligen Strenge, die Leyla nicht entging. „Diese Möglichkeit haben wir ebenfalls in Betracht gezogen.“ Sie ließ den Satz kurz in der Luft schweben, bevor sie weitersprach. „Eure Leibdienerin ist eine gebildete Akademikerin, ihre Einschätzungen sind fundiert. Doch Theorien allein reichen nicht. Die kommenden Monate werden zeigen, ob sie recht behält. Du wirst für Nachfragen bereitstehen.“ Leyla hielt dem durchdringenden Blick stand und nickte. Dann antwortete sie mit fester Stimme. „Das werde ich.“ Für einen Moment schien es, als wäre das Thema abgeschlossen. Doch dann, völlig unerwartet, folgte die nächste Frage – und sie traf Leyla mit der Wucht eines unvorhergesehenen Schlages. „Wie ich von Cyntha erfahren habe,“ begann Yang mit gefährlicher Ruhe, „hatte der Orden der Gerechtigkeit es auf dich abgesehen. Warum war es einem seiner Mitglieder so wichtig, dich auszuschalten?“ Ein kaum merklicher Kälteschauer lief Leyla den Rücken hinab. Sie hätte diese Frage vorausahnen müssen, doch sie hatte nicht erwartet, dass sie so direkt gestellt werden würde. Unwillkürlich spürte sie, wie sich ihr Magen leicht zusammenzog. Es dauerte den Bruchteil eines Moments, doch sie erlaubte sich keine Unsicherheit. Ihre Stimme blieb kontrolliert, als sie antwortete. „Ich weiß nicht, warum er es auf mich abgesehen hatte.“ Ihre Worte waren sorgfältig gewählt, weder hastig noch abwehrend. „Er hat es mir nicht erklärt.“ Die Stille, die folgte, war bedrückend. Yangs Blick blieb auf ihr haften, ihre dunklen Augen funkelten kühl, als ob sie versuchte, durch Leylas Worte hindurch die unausgesprochene Wahrheit zu greifen. Doch sie fragte nicht weiter nach. Stattdessen ließ sie die Worte im Raum stehen, als würde sie Leylas Antwort innerlich abwägen. Dann durchbrach eine andere Stimme die Anspannung. General van Lautern lehnte sich ein wenig vor, sein Gesicht ein Abbild harter Entschlossenheit. Seine Stimme war wie Stein auf Stahl – rau, aber unbestreitbar autoritär. Er stellte die nächste Frage. -------------------------------------------------------------------------- „Wie Ihr sicher mitbekommen habt, Edle Miss Leyla, ist derzeit eine Rebellion in Randurin im Gange.“ General van Lauterns Stimme war kühl, sein Blick bohrte sich förmlich in sie, als wolle er ihre Reaktion aus ihr herauspressen. „Unsere Quellen deuten darauf hin, dass ein alter Bekannter von Euch, Liam Valleri, der Anführer dieses Aufstands ist.“ Er machte eine kurze Pause, ließ die Worte in der angespannten Stille des Raumes nachwirken, bevor er die entscheidende Frage stellte. „Woraus besteht Eure Beziehung zu ihm?“ Leyla fühlte, wie sich ihr Körper unwillkürlich versteifte. Diese Frage traf sie wie ein Hammerschlag. Sie hatte von den Unruhen in Randurin gehört, doch sie hatte nicht erwartet, dass ihre Verbindung zu Liam hier, in diesem Raum, zur Sprache kommen würde. Es fühlte sich an, als würde sich eine unsichtbare Falle um sie zusammenziehen, ein Netz aus Misstrauen, aus dem es kaum ein Entkommen gab. Aber sie durfte sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Mit einer bewussten, langsamen Bewegung atmete sie aus und sammelte ihre Gedanken. „Vor über einem Jahr gründete ich mit drei Gefährten die Abenteurergilde Graue Federn in Malyl.“ Ihre Stimme war ruhig, kontrolliert, aber jeder Satz war mit Bedacht gewählt. „Neben mir und Liam Valleri waren noch ein Zwerg namens Fer Stahl und eine Frau namens Roxanne Teil der Gruppe. Doch meine Verbindung zu ihm endete, als ich unter den Schutz des damaligen Kronprinzen Eugenius gestellt wurde. Seitdem hatte ich keinen Kontakt mehr zu ihm.“ Sie spürte den prüfenden Blick des Generals auf sich lasten, als ob er jede Nuance ihrer Mimik analysierte, jede kleinste Bewegung ihrer Augen oder Lippen auf Widersprüche abklopfte. Seine Mine blieb reglos, doch Leyla wusste, dass seine Gedanken auf Hochtouren arbeiteten. Langsam lehnte er sich zurück, verschränkte die Hände vor sich auf dem Tisch und musterte sie weiter mit unbewegtem Gesicht. Dann sprach er erneut, seine Stimme noch immer ruhig, aber nun mit einem schneidenden Unterton. „War Euch zu der Zeit in dieser Gilde bewusst, was für ein Elf Liam ist? Wusstet Ihr von seinen Ansichten? Falls ja, warum habt Ihr dies nie zur Sprache gebracht?“ Leyla erwiderte seinen Blick ohne zu zögern. „Nein.“ Ihr Tonfall blieb standhaft. „Ich wusste nicht, welche Überzeugungen er hegte. Er hat sich nie offen gegen das Kaiserreich ausgesprochen. Weder damals noch heute habe ich Informationen über seine Absichten oder sein Ziel erhalten.“ Der General ließ eine bedeutungsschwere Stille folgen. Er musterte sie lange, als würde er ihr tief in die Seele blicken wollen. Obwohl sie die Wahrheit sagte, war ihr klar, dass das nicht ausreichen würde, um sein Misstrauen vollständig zu zerstreuen. Vielleicht lag es an der Natur seiner Position – oder vielleicht glaubte er, dass jeder, der einst an der Seite eines Feindes stand, selbst eine potenzielle Bedrohung war. Doch dann geschah etwas, das sie nicht erwartet hatte. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich kaum merklich, und als er das Wort ergriff, lag ein Hauch von Anerkennung in seiner Stimme. „Ihr habt bei Eurem abgeschlossenen Auftrag Verhandlungsgeschick sowie ein starkes Einschätzungsvermögen bewiesen. Ich verleihe Euch hiermit den Diplomatenorden. Mit ihm steht es Euch zu, in entsprechenden Momenten die Verhandlungen zu übernehmen.“ Für einen Moment war Leyla sicher, sich verhört zu haben. Sie blinzelte, während sie die Bedeutung seiner Worte zu erfassen versuchte. Ein Orden? Eine Auszeichnung? Hatte sie nicht gerade noch um ihren Ruf, vielleicht sogar um ihr Leben verhandelt? Doch dann bewegte sich der General, stand auf und zog mit bedachten Bewegungen eine kleine, kunstvoll verzierte Schatulle aus einer Schublade seines massiven Schreibtisches. Der Raum schien für einen Moment den Atem anzuhalten, während er sich Leyla näherte. Mit einer würdevollen Geste öffnete er das Kästchen, und darin lag ein goldener Orden, auf dem eine filigran eingearbeitete Feder sich mit der Klinge eines Schwertes kreuzte. Ein Zeichen des diplomatischen Ranges, ein Symbol von Autorität – aber auch von Verantwortung. Leyla spürte das Gewicht des Moments, als er den Orden an ihrer schwarzen Rüstung befestigte und ihr die Schachtel überreichte. Der kalte Glanz des Metalls lag schwer auf ihrer Brust, nicht nur als Schmuckstück, sondern als ein Zeichen dafür, dass sie nun eine Rolle im politischen Gefüge des Kaiserreichs spielte, ob sie es wollte oder nicht. „Ich danke Euch, General von Lautern“, sagte sie schließlich. Ihre Stimme blieb ruhig, doch sie konnte die unterschwellige Überraschung nicht gänzlich verbergen. Der General nickte knapp, sein Gesicht behielt seine ernste Strenge. „Ihr habt Euch verdient gemacht, Edle Miss Leyla. Doch vergesst nicht, dass mit dieser Auszeichnung auch große Verantwortung einhergeht. Wer verhandeln darf, trägt die Last seiner Worte schwerer als jedes Schwert.“ Leyla ließ den Blick durch den Raum wandern, ihr Herz schlug noch immer einen Hauch schneller als gewöhnlich. Ihre Augen trafen auf Yangs, die sie mit undurchdringlicher Miene musterte. Dann wanderte ihr Blick weiter – hin zu Kaiser Verion III. Der Kaiser hatte sich während der gesamten Befragung kaum gerührt, doch jetzt lag seine Aufmerksamkeit voll und ganz auf ihr. Seine Haltung war reglos, seine Präsenz jedoch allumfassend. Sein Blick war der eines Mannes, der weit mehr sah, als er preisgab, der jeden Menschen in seinem Umfeld nicht nur beobachtete, sondern analysierte. Dann, schließlich, ergriff er das Wort. Seine Stimme war tief, schwer und voller Autorität. -------------------------------------------------------------------------- „Kopfgeldjägerin Leyla.“ Die Stimme des Kaisers hallte tief durch den Raum. „Aufgrund der vergangenen Ereignisse werden die Kaiserlichen Kopfgeldjäger umstrukturiert. Du wirst von der zehnten Position auf eine höhere erhoben. Alles Weitere wird Yang bei dem anstehenden Treffen der Kaiserlichen Kopfgeldjäger erläutern. Du darfst dich nun verabschieden.“ Leyla zeigte keine Regung, doch in ihrem Inneren schlugen ihre Gedanken wie aufgewühlte Wellen aneinander. Eine Beförderung. Das bedeutete nicht nur mehr Ansehen und Privilegien, sondern auch größere Verantwortung – und eine noch intensivere Beobachtung durch ihre Vorgesetzten. Ihre Finger zuckten leicht, kaum spürbar, ein unbewusstes Echo auf die Mischung aus Stolz, Vorfreude und einer leichten, bohrenden Unsicherheit. Was würde diese Veränderung für sie bedeuten? Welche Pflichten erwarteten sie? Und vor allem: Welche neuen Gefahren würden damit einhergehen? Doch ihre Haltung blieb unverändert, ruhig und beherrscht. Mit einer disziplinierten, präzisen Bewegung verbeugte sie sich vor dem Kaiser. „Ich danke Euch für diese Ehre, Eure Majestät.“ Ihre Stimme war klar, ohne Zittern, doch sie konnte nicht verhindern, dass die Worte länger nachhallten, als es ihr lieb war. Mit einer flüssigen Bewegung drehte sie sich um und schritt zur Tür. Die schweren Doppeltüren schlossen sich hinter ihr mit einem dumpfen, endgültigen Geräusch. Erst als sie allein in den weiten, fast leeren Gängen des Palastes stand, ließ sie einen unmerklichen Atemzug der Erleichterung entweichen. Ihre Schritte hallten leise auf dem Marmorboden wider, während sie die breiten Treppen hinabstieg. Der Palast war ein Ort der Macht, der Kontrolle – und der unausgesprochenen Drohungen. Jede Wand, jeder goldverzierte Wandteppich, jede Statue von längst verstorbenen Kaisern schien sie zu beobachten, als würde selbst das Gemäuer die Loyalität eines jeden Anwesenden prüfen. Sie ließ sich nichts anmerken, aber sie wollte nur eines: diesen Ort hinter sich lassen. Als sie endlich durch das große Tor nach draußen trat, spürte sie die kühle Luft auf ihrer Haut. Ein tiefer Atemzug ließ die Anspannung in ihren Schultern ein wenig nachlassen. Der Himmel war grau, und einzelne Schneeflocken begannen sanft zu Boden zu gleiten. Sie wirbelten durch die Luft, tanzten im kalten Wind, nur um schließlich auf dem dunklen Pflaster der Stadt zu zerschmelzen. Es war noch zu früh, dass der Schnee liegen blieb, aber der Winter ließ sich nicht mehr leugnen. Der Herbst war auf seinem letzten Weg – und mit ihm schien auch ein Kapitel in ihrem Leben zu enden. Leyla ließ ihren Blick über die geschäftigen Straßen der Kaiserstadt schweifen. Händler verkauften ihre Waren, Kutschen ratterten über das Kopfsteinpflaster, und der Duft von dem Rauch der Schornsteine mischte sich mit dem kühlen Geruch des nahenden Winters. Trotz der Lebendigkeit der Stadt schien eine gewisse Schwere in der Luft zu liegen, als ob die Menschen ahnten, dass sich in den höheren Kreisen des Reiches etwas veränderte. Sie setzte sich langsam in Bewegung, ihr Ziel klar vor Augen: das Hauptquartier der Kaiserlichen Kopfgeldjäger. Ihr Weg führte sie durch ein Gewirr aus Gassen und breiteren Straßen, vorbei an hohen Gebäuden mit steinernen Fassaden und kunstvollen Holzverzierungen. Die Stadt war lebendig, pulsierend, doch Leyla bewegte sich wie ein Schatten durch die Menge, unauffällig, beobachtend. Dann fiel ihr Blick auf eine schmale Seitengasse. Ein dunkles, hölzernes Ladenschild hing dort, verziert mit goldenen Buchstaben: „Artefakte, die das Reich verändern.“ Neben der Schrift prangte das Symbol einer Krone – eine Kaiserkrone. Ein Zeichen höchster Qualität, eine Auszeichnung, die nur den besten Händlern des Kaiserreichs verliehen wurde. Es gab nicht viele Läden mit dieser Ehrung, vielleicht zwei Dutzend im ganzen Reich. Leyla blieb stehen, ihr Blick glitt über die Fassade des Ladens. Unscheinbar, fast zu bescheiden für die Auszeichnung, die es trug. Doch wenn der Kaiser selbst diesen Ort anerkannt hatte, mussten hier wahre Schätze verborgen sein. Vielleicht war dies ein Ort, an den sie zurückkehren sollte – für ein Geschenk, für eine Gelegenheit, für ein Detail, das ihr eines Tages von Nutzen sein könnte. Eroica würde sich gewiss über ein besonderes Artefakt freuen, und Leyla wusste, dass sie es verdiente. Mit einem letzten Blick auf das Geschäft setzte sie ihren Weg fort. Die Straßen wurden vertrauter, und schließlich tauchte das Hauptquartier der Kaiserlichen Kopfgeldjäger vor ihr auf. Die schwarze Holztür mit den eingelassenen Eisenverzierungen wirkte schwer und beständig. Sie öffnete die Tür und trat in die große Eingangshalle. Der Geruch umfing sie sofort – vertraut, beständig — Zuhause. Noch bevor sie sich ganz orientieren konnte, drang eine laute, vertraute Stimme durch den Raum, begleitet von einem Grinsen, das sie auch ohne hinzusehen spüren konnte. [???] ,,Da bist du ja, Leyley!’’
- Kapitel 158 - Ein Abend im Winter
[???] ,,Jetzt lass den Kopf nicht so hängen!’’ Alexandra zuckte zusammen, als sie die Stimme hörte, und wäre beinahe vom Sattel gestürzt. Sie umklammerte die Zügel fester, während sich ihr Blick genervt auf Jevry richtete. „Tu ich doch gar nicht“, entgegnete sie und strich mit der Hand beruhigend über den Hals ihres Pferdes. Das Tier schnaubte leise, als spüre es ihre innere Unruhe. Jevry schüttelte nur grinsend den Kopf. „Doch, tust du. Seit wir aufgebrochen sind. Ich sehe doch, dass du lieber in die Kaiserstadt reisen würdest.“ Alexandra spürte, wie ihr Gesicht warm wurde. Er hatte recht. Natürlich hatte er recht. Wäre es nach ihr gegangen, dann hätten sie sich auf den Weg zur Kaiserstadt gemacht – zu Leyla. Sie vermisste sie. Ihre Art, ihren scharfen Blick, dieses warme Lächeln, das sich nur zeigte, wenn sie sich wirklich wohl fühlte. Leyla erzählte nicht viel von sich, doch Alexandra hatte es nie gebraucht, um zu verstehen, wie viel in ihrer Freundin verborgen lag. Wie es Leyla wohl ging? Ob sie genug Schlaf bekam? Ob sie noch immer das Gewicht ihrer Entscheidungen mit sich trug? Alexandra wusste, dass das Leben einer Kaiserlichen Kopfgeldjägerin nicht einfach war. Wie viele unsichtbare Wunden mochte Leyla inzwischen tragen? Wie viele Dinge hatte sie tun müssen, die sie niemals tun wollte? Ein Seufzen entwich ihr. „Du hast recht, Jevry“, gab sie schließlich zu. „Ich würde gerne in die Kaiserstadt gehen. Aber wir haben ein anderes Ziel.“ Ein anderes Ziel. Rubendy. Die große Handelsstadt am Goldenen Fluss, ein Ort, an dem das Gold des Kaiserreichs floss, an dem Glück und Tragödien gleichermaßen gehandelt wurden. Hier verdienten Abenteurer gut, hier konnten sie sich beweisen – hier konnte man aufsteigen. Die Blätterlosen hatten bereits den Fortgeschrittenen Rang erreicht. Doch das reichte ihnen nicht. Sie wollten mehr. Sie wollten weiter. „Wir werden Leyla ganz bestimmt besuchen, Lexy!“ rief plötzlich eine fröhliche Stimme. Betty ritt nun ebenfalls an Alexandras Seite, ihr Lächeln hell wie der erste Sonnenstrahl nach einem langen Winter. Ihre weißen Haare wehten im Wind, während ihre blaue Augen lebhaft funkelten. Alexandra erwiderte das Lächeln zaghaft. Betty hatte eine Art, die Dinge leicht erscheinen zu lassen, auch wenn sie es nicht waren. Und manchmal war es genau das, was Alexandra brauchte. Ihr Blick wanderte nach vorn, wo Karst ritt, immer ein Stück voraus. Er ritt aufrecht, wachsam, sein Blick schweifte über die verschneiten Wiesen und Felder des Herzogtums Vallyka. Immer Ausschau halten. Immer sicherstellen, dass sie nicht überrascht wurden. Der Winter war in das Land gekrochen, leise und gnadenlos. Der Schnee bedeckte die Erde wie eine Lüge – schön, rein, und doch trügerisch. Rubendy lag vor ihnen. Und danach? Vielleicht würde es doch einen Weg zur Kaiserstadt geben. Einen Weg zurück zu Leyla. - ------------------------------------------------------------------------- Die wohlige Wärme des Steinofens hüllte den Raum in eine trügerische Geborgenheit, während draußen die eisige Kälte des Winters die Straßen bedeckte. Das Feuer knisterte leise, der Duft von gebratenem Fleisch und starkem Bier hing schwer in der Luft. Stimmengewirr erfüllte den Raum, das Lachen von Reisenden und das Klirren von Krügen schufen eine Atmosphäre der Rastlosigkeit, die für einen Ort wie diesen typisch war. Tunike war kein gewöhnliches Dorf – es lag am Dreikreuz, einem Knotenpunkt, an dem drei der wichtigsten Straßen des Kaiserreichs aufeinandertrafen. Von hier aus führte die Flussstraße nach Süden, schlängelte sich am Goldenen Fluss entlang und verband das Dreikreuz mit der Handelsstadt Rubendy. Weiter südlich mündete sie schließlich in Welldyl, wo die Flotten des Kaiserreichs ankerten. Die Nordstraße hingegen führte geradewegs nach Vallyka, der größten Stadt im Herzogtum. Von dort aus zog sie sich weiter gen Osten, durch die gefürchtete Endlose Wüste, bis sie schließlich in Karintes endete – dem heiligen Sitz der kameristischen Kirche. Die Kaiserstraße, die prestigeträchtigste unter ihnen, verlief nach Westen, führte direkt zur Kaiserstadt, dem Zentrum der Macht. Von dort aus zog sie sich weiter durch die Larifen, dem rauen Gebirge, bis in die Mittellande, wo Städte wie Malyl und Schneeburg lagen. Hier, an diesem Dreh- und Angelpunkt des Reiches, war die Taverne stets gut besucht. Kaufleute, Söldner, Pilger und Glücksritter trafen sich hier, ruhten sich aus oder handelten mit Informationen, die oft wertvoller waren als Gold. Alexandra, Karst, Jevry und Betty waren bereits einige Krüge tief in den Abend eingetaucht, ihre Gesichter gerötet vom Alkohol, ihre Stimmen gelöst. Sie genossen die Wärme und die Gesellschaft, ließen sich für einen Moment treiben. Bis sich eine Gestalt an ihren Tisch setzte. Alexandra runzelte die Stirn und drehte den Kopf. Ein Drachar hatte sich zu ihnen gesellt, sein Körper gehüllt in einen schwarzen Umhang, der kaum etwas von seiner Erscheinung preisgab. Nur die schwarzen Schuppen an seinem Hals blitzten im Licht der Taverne auf. Sie musterte ihn misstrauisch. „Kann ich dir helfen?“ fragte sie, ihre Stimme angespannt, vielleicht sogar ein wenig gereizt. Der Drachar zögerte. Sein Blick huschte nervös von einem zum anderen, als suchte er nach den richtigen Worten. „Ihr habt eben den Namen Leyla erwähnt“, begann er vorsichtig. „Kennt ihr sie?“ Alexandras Augen verengten sich. Ihre Finger spannten sich leicht um den Krug in ihrer Hand. „Ich würde es vorziehen, wenn du dich nicht in unsere Gespräche einmischst“, erwiderte sie scharf. Doch der Drachar ließ sich nicht so leicht abwimmeln. „Wisst ihr, ob sie auf dem Weg zum Denja-Dschungel ist?“ Bei diesen Worten erstarrte Karst. Die lockere Stimmung des Abends wich schlagartig einer eisigen Anspannung. „Hör mal, wir wollen wirklich nicht mit dir reden“, knurrte Karst und griff nach der Schulter des Drachars. „Also geh und lass uns in Ruhe!“ In dem Moment rutschte dem Fremden die Kapuze vom Kopf. Unter der schwarzen Stoffbahn kam ein Gesicht zum Vorschein, das jung wirkte, vielleicht zu jung für einen Reisenden, der allein unterwegs war. Doch es war nicht sein Alter, das Karst innehalten ließ – es war sein Ausdruck. Die Furcht. Einen Moment lang hielten sie sich gegenseitig in den Augen fest, als ob in diesem Blick mehr als Worte ausgetauscht wurden. Dann, abrupt, erstarben die Stimmen in der Taverne. - ------------------------------------------------------------------------- Becher klirrten, dumpfe Aufschläge hallten durch die Taverne, gefolgt von einem schweren, unnatürlichen Schweigen. Alexandra sah sich ruckartig um, ihr Atem ging schnell. Die eben noch belebte Schankstube lag in gespenstischer Stille. Überall auf dem Boden lagen Körper – still, reglos, als wären sie Puppen, denen das Leben ausgesaugt worden war. Die Wärme des Steinofens hatte nichts Tröstliches mehr an sich, das prasselnde Feuer war nun nur noch ein Hohn auf das Leben, das hier eben noch gewesen war. ,,Sie sind tot…’’ Bettys Stimme war kaum mehr als ein ersticktes Wispern. Sie kniete neben einem massigen Halbriesen, der noch vor wenigen Minuten mit dröhnendem Lachen seinen Met getrunken hatte. Sein Kopf lag nun schief, die leeren, nach oben verdrehten Augen auf etwas gerichtet, das nur er sehen konnte. Ein Kloß bildete sich in Alexandras Kehle. Wie hatte das so schnell geschehen können? Jevry sprang auf, seine Stuhlbeine rutschten mit einem hässlichen Geräusch über den Boden. Mit einer einzigen Bewegung riss er seinen Schild vom Rücken, seine Muskeln spannten sich, als wäre er eine gespannte Feder kurz vor dem Abschuss. Ohne zu zögern stürzte er auf den Drachar zu. Doch bevor er auch nur einen Schritt tat, stockte seine Bewegung. Dann sackte er einfach in sich zusammen. Sein großer Körper krachte auf den Tisch, riss Teller und Besteck mit sich. Bierkrüge kippten um, ihr Inhalt ergoss sich wie dunkles Blut über die Holzdielen, während sein lebloser Körper auf dem Tisch liegen blieb. Alexandra konnte nicht atmen. „Jevry…?“ Sie wollte auf ihn zurennen, wollte ihn wachrütteln, wollte einfach nur, dass er sich bewegte. Doch noch bevor sie sich auch nur rühren konnte, erklang wieder die nervöse Stimme. ,,Hört mal, ich würde wirklich gerne einfach reden…’’ Die Stimme des Drachars war leise, beinahe vorsichtig, und doch lag darin ein unheilvolles Echo. Karst riss den Kopf herum, seine Augen brannten vor Wut. „Was hast du mit Jevry gemacht?!“ brüllte er, seine Stimme bebte. Der Drachar neigte leicht den Kopf, als wäre die Frage überflüssig. „Ich habe ihn getötet.“ Er sagte es ruhig, ohne Dramatik, als hätte er gerade das Wetter beschrieben. Dann zuckte er mit den Schultern. „Ich will mich einfach in Ruhe unterhalten…“ Die Worte trafen Alexandra wie ein Stich ins Herz. So beiläufig. So grausam. Er hatte ihn getötet. Einfach so. Ohne Anstrengung, ohne Zögern, ohne auch nur einen Hauch von Schuld in seiner Stimme. Betty wimmerte leise, dann erstarrte ihr Gesicht. Ihre feuchten Augen wurden hart, während die Luft um sie herum zu flimmern begann. Ein gleißender Lichtstrahl durchzuckte die Taverne. Die Magie war so hell, dass Alexandra für einen Moment die Augen schließen musste. Als sie sie wieder öffnete, sah sie, wie ein Pfeil aus purem Licht mit brutaler Wucht in den Drachar krachte. Er wurde von der Wucht des Treffers durch den Raum geschleudert. Seine dunkle Gestalt flog über die Tische hinweg, Stühle splitterten unter seinem Körper, ehe er hart gegen eine der Wände krachte. Bettys Brust hob und senkte sich schwer, große Tränen rannen über ihre Wangen. „Du hast Jevry getötet…“ Ihre Stimme war erstickt vor Schmerz, doch darunter lag eine Wut, die fast greifbar war. „Bei Kamera, ich werde dich dafür bestrafen!“ Alexandra trat sofort schützend vor sie. Ihr Schwert glitt aus der Scheide, die Klinge glänzte im Licht der Feuerstelle. Sie konnte nicht zulassen, dass er seine verdammte Magie auch auf Betty wirkte. Karst war ebenfalls bereit. Seine Hände zitterten nicht, als er seinen Pfeil auf den Drachar richtete, der noch immer zwischen den umgestürzten Möbeln lag. Doch dann sprach der Drachar erneut mit offensichtlicher Nervosität in der Stimme. „Wie schwer ist es, einfach zu reden?“ „Reden?“ Alexandras Atem ging schwer. Sie konnte fühlen, wie ihr Puls in ihren Ohren hämmerte. „Du hast kein Recht, mit uns über Leyla zu reden! Was willst du von ihr?!“ Der Drachar rappelte sich langsam auf. Er klopfte sich den Staub von der Schulter, als hätte Bettys Angriff ihn kaum berührt. Sein Blick war weiterhin ruhig, aber sein Griff spannte sich um etwas in seiner Hand. Dann hob er es in die Luft. Ein kleiner, schwarzer Stein. Runen waren auf seine Oberfläche eingraviert, sie leuchteten mit einem unheilvollen Schimmer. Der Drachar hielt ihn mit einer fast nachlässigen Bewegung hoch, während er antwortete: „Ich möchte ihr zuvorkommen.“ Alexandra öffnete den Mund, wollte ihn anschreien – doch dann hörte sie die dumpfen Aufschläge hinter sich. So schwer, so endgültig. Langsam, so als könnte sie durch ein langsameres Drehen das Unvermeidliche aufhalten, wandte sie sich um. Karst und Betty lagen reglos am Boden. Ihr Herz setzte aus. „N-nein…“ Sie taumelte zu Betty, sank auf die Knie, drehte ihren Körper auf den Rücken. Das Licht in ihren Augen war erloschen. Keine Bewegung. Kein Atem. Kein Puls. Alexandra wusste es schon, bevor ihre Finger Bettys Hand ergriffen. Sie war tot. Ein Schluchzen entkam ihr, ein ersticktes, verzweifeltes Geräusch, das aus der Tiefe ihrer Brust kam. Alle. Sie waren alle tot. Innerhalb einer Minute. Nicht gestorben. Ermordet. Hingerichtet. Der Schmerz war eine brennende, alles verschlingende Flamme, doch selbst sie wurde übertönt von einer anderen Empfindung. Die Wut. Sie stieg in ihr auf wie eine Welle, überrollte sie, nahm ihr den Atem. Alexandra ballte die Hände zu Fäusten, ihre Finger krallten sich so fest um den Griff ihres Schwertes, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Langsam, mit brennendem Hass in den Augen, drehte sie sich zum Drachar um. Ihr Atem war heftig, doch ihr Blick war eiskalt. Sie stand auf, jeden Muskel angespannt, jede Faser ihres Körpers bereit für den Kampf. - ------------------------------------------------------------------------- „Ich habe keine Ahnung, was es mit dem Stein auf sich hat…“ Alexandras Stimme war leise, doch sie zitterte nicht. In ihren Worten lag eine Kälte, die nichts mit Furcht zu tun hatte, sondern mit reiner, fokussierter Wut. Sie spürte, wie sich ihre Fingernägel in ihre eigene Haut gruben, als ihre Hände sich um den Griff ihres Schwertes krampften. Jeder Muskel in ihrem Körper war angespannt, ihr Atem langsam, doch unnatürlich schwer. „… aber es ist mir auch egal.“ Die Worte brannten in ihrer Kehle wie Gift, und sie meinte es so, wie sie es sagte. Alles um sie herum – die Leichen, der kalte, klebrige Boden unter ihren Füßen, der Geruch von verschüttetem Alkohol, der sich mit dem metallischen Duft von Blut vermischte – wurde unwichtig. Ihr Fokus lag nur noch auf ihm. Auf diesem verfluchten Drachar. Er hob die Augenbraue, als hätte sie ihn tatsächlich überrascht. Dann schnaubte er amüsiert und zuckte beiläufig mit den Schultern. „Oh, ist das so?“ Seine Stimme war so ruhig, so unberührt von dem, was er gerade getan hatte. „Dann haben wir das ja geklärt.“ Seine Worte schnitten tiefer als jede Klinge es hätte tun können. Er drehte sich um, als wäre es nichts. Als wäre es ein belangloses Gespräch gewesen. Als wäre nicht die gesamte Taverne voll von den leblosen Körpern derer, die er getötet hatte. Er wollte einfach gehen. Die Welt um Alexandra wurde taub. Ihr Atem stockte. Ihre Sicht verschwamm für einen Moment, nicht vor Tränen – nein, sie weinte nicht. Sie konnte nicht weinen. Sie brannte. Alles in ihr brannte. Dieser Bastard. Er wollte einfach gehen? Nach allem, was er getan hatte? Das Blut rauschte in ihren Ohren, ihre Wut verschlang jeden klaren Gedanken, jede Rationalität. Die Kontrolle über ihre eigenen Glieder entglitt ihr. Etwas riss in ihr. Etwas Dunkles, etwas Unaufhaltsames. Ein Schrei brach aus ihr hervor, roh, ungeschliffen, aus den tiefsten Tiefen ihres zerrissenen Inneren. „Ich bring dich um!“ Ihre Stimme hallte in der Taverne wider, schneidend, voller ungezügelten Zorns. Sie stürzte vorwärts, ihr Schwert in der Hand. Die Welt zog sich um sie zusammen, existierte nur noch für diesen einen Moment. Ihr Herz schlug wie eine Trommel in ihrer Brust, der Schweiß auf ihrer Haut fühlte sich heiß an. Ihr Ziel war klar. Ihr Körper war bereit. Ihr Schwert würde seine Kehle durchtrennen— Dann wurde schlagartig alles schwarz. - ------------------------------------------------------------------------- Ifrits Blick ruhte auf der Frau, die reglos vor ihm auf dem Boden lag. Die Klerikerin hatte sie Lexy genannt. Ein Name, der jetzt bedeutungslos erschien. Er hatte seine Informationen erhalten. Oder besser gesagt, sein Verdacht hatte sich bestätigt – sie konnten ihm nicht weiterhelfen. Damit war die Sache für ihn eigentlich erledigt. Und doch hielt er inne. Der letzte Blick, den Lexy ihm zugeworfen hatte, flackerte in seinem Gedächtnis auf. Keine Angst. Keine Verzweiflung. Nur Wut. Ungezähmte, lodernde Wut. Ein vielversprechender Funke. Wut war eine Waffe. Wenn sie richtig gelenkt wurde, konnte sie mehr zerstören als jedes Schwert, mehr formen als jede geschliffene Klinge. Wut konnte eine Elfe brechen – oder sie zu etwas Größerem machen. Ifrit betrachtete den Runenstein in seiner Hand. Den Runenstein von Leben und Tod. Bisher hatte er ihn nur zum Töten genutzt. Seine Finger schlossen sich fester um das kalte Gestein, während er nachdachte. Es wäre so leicht, sie liegen zu lassen. Sie hier zurückzulassen, ohne sich weiter um sie zu kümmern. Aber er tat es nicht. Er richtete seine Gedanken auf Lexy. Er stellte sich vor, wie das Leben in sie zurückkehrte, wie sich ihr Herzschlag erneuerte, wie die kalte Starre wich. Eisige Fesseln schlangen sich um ihren Körper, während sein Zauber wirkte. Sie würde nicht entkommen. Noch nicht. Dann öffnete sie die Augen. Ein ruckartiger Atemzug. Ihre Brust hob und senkte sich hastig, ihre Finger zuckten, als sie versuchte, sich zu rühren. Doch die magischen Fesseln hielten sie fest. „Hör mal, Lexy…“ begann Ifrit. ,,NENN MICH NICHT SO!’’ Ein Schrei, roh und voller Abscheu. Ifrit zuckte unwillkürlich zusammen. Warum mussten Leute ihn immer anschreien? Er ignorierte es. „Ich habe dich zurückgebracht“, sagte er ruhig. „Du könntest eine interessante Person werden.“ Doch Lexy schien seine Worte kaum zu hören. Ihre Brust hob und senkte sich schnell, ihre Augen funkelten vor Wut – dieser wilden, ungezähmten Wut, die ihn so faszinierte. Er zögerte. War es klug, ihr diesen Weg zu weisen? Er wusste es nicht. Aber er wusste, dass es eine Möglichkeit gab, sie zu etwas Mächtigem zu machen. „Geh zum Berg der Dämonen, nördlich von Karintes“, sagte er schließlich. Ob sie dort etwas finden würde, ob sich dort überhaupt etwas für Lexy ändern würde, das wusste Ifrit nicht. Ihn interessierte nur, dass die Möglichkeit bestand. Er hatte getan, was er tun wollte. „Ich muss weiter“, fügte er hinzu. „Leb wohl, Lexy.“ Er drehte sich um und ging. Hinter ihm hallten ihre Schreie durch die Taverne, schrill und zornig, doch er blickte nicht zurück. Draußen erwartete ihn bereits ein gewaltiger Schatten, der hinter einer Scheune lauerte. Ifrit trat näher, seine Fingerspitzen glitten über die rauen, dunklen Schuppen. Kagendra, seine Drachin. Sie hob den Kopf, ihre Augen funkelten im Dämmerlicht. „Lass uns weiter“, sagte er leise. „Auf zum Denja-Dschungel.“ Mit einer geschmeidigen Bewegung schwang er sich auf ihren Rücken. Kagendra stieß ein tiefes, grollendes Geräusch aus, dann breitete sie die Flügel aus und erhob sich in den Himmel.











