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  • Kapitel 155 - Weder tot, noch lebendig

    ,,Wer von euch ist der Anführer hier?’’ Varons Worte hallten über den Marktplatz wie ein drohender Donner. Niemand bewegte sich. Niemand wagte zu antworten. Die Menschen waren erstarrt, ihre Gesichter kreidebleich, ihre Körper von einer eisernen Angst gelähmt. Dann trat eine alte Frau vor. Ihre Haltung war aufrecht, ihre Hände leicht zitternd, doch ihre Augen ruhten fest auf Varon. Sie stellte sich schützend vor eine Gruppe Kinder, die sich verängstigt hinter ihrem Rocksaum duckten. ,,Ich bin die Anführerin.’’ Lüge. Varon erkannte es sofort. Diese Frau war keine Rebellin, keine Kriegerin, keine Strategin. Sie hatte sich nur vor die Kinder gestellt, um sie vor dem zu schützen, was sie glaubte, erwarten zu müssen. Er ließ seinen Blick auf ihr ruhen. Eine lange, unangenehme Stille legte sich über den Platz. „Wie ist dein Name?“ fragte er schließlich. Ein Lächeln huschte über das wettergegerbte Gesicht der Alten. „Barathila.“ Varon zögerte. Der Name klang in seinen Ohren wie eine Verwünschung. Barathila – die Fluchhexe. War sie es wirklich? Oder wollte sie ihn täuschen, ihn zwingen, vorsichtiger zu sein? Ein falscher Name konnte Leben retten. Aber er konnte auch töten. Doch ehe er der Sache nachgehen konnte, wurde die angespannte Stille von schnellen, harten Schritten durchbrochen. Ein Mann trat auf den Platz. Seine langen, roten Haare fielen ihm über die Schultern, sein weißer Bart wirkte fast wie eine Narbe aus vergangenen Jahren. In der einen Hand hielt er ein Schwert, in der anderen nichts. Seine Augen funkelten. ,,Varon…’’ Das Wort verließ seine Lippen wie eine Klinge, vorsichtig geführt, aber messerscharf. Varon musterte ihn. Die Art, wie er sich hielt, wie er das Gewicht auf seinen Füßen verteilte – ein Kämpfer. Kein gewöhnlicher Rebell. Das musste der Anführer sein. „Dann bist du also derjenige, den ich suche?“ fragte Varon. Der Mann nickte. „Ralf Tersten.“ Varon blinzelte. Diesen Namen kannte er. Ein ehemaliges Mitglied des Goldenen Löwen – der Eliteeinheit des Kaisers. Ein Verräter, der sich vor mehr als zehn Jahren losgesagt hatte. Interessant. „Was möchte jemand wie du hier?“ fragte Ralf kühl. Varon erwiderte sein Funkeln mit einem breiten Lächeln. „Ich möchte mit dir reden“, sagte er. Dann ließ er seinen Blick über den Marktplatz wandern. Die Schaulustigen, die noch nicht geflohen waren, die Rebellen mit gezogenen Waffen, die Angst in der Luft. „Wollen wir uns nicht einen ruhigeren Ort suchen?“ -------------------------------------------------------------------------- Varon ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Sie hatten ihn in das Ministerium geführt, den ehemaligen Sitz des Herzogsrats von Randurin und der Ort, von dem aus der Herzog regiert hatte, den sie getötet hatten. Der ehemalige Versammlungssaal war einst ein Symbol der Macht gewesen – nun war er kaum mehr als das Relikt einer gestürzten Herrschaft. Die dunklen Tapeten an den Wänden wirkten schwer, fast bedrückend, und der einst edle blaue Teppich, der unter dem runden Tisch lag, war mit Blut befleckt und halb zerrissen. Ein Überbleibsel des Umsturzes. An der Wand hing eine große Karte des Herzogtums, auf der strategische Punkte vermerkt waren. Doch es war nicht die Karte, die Varons Aufmerksamkeit immer wieder fesselte. Es war das Gemälde. Ein lebensgroßes Porträt von Kaiser Augustius VII, dem legendären Herrscher, der den Großen Krieg vor über eintausendzweihundert Jahren für die Menschen entschieden hatte. Sein Gesicht war zerstört. Tiefe, wütende Schnitte entstellten die einst stolzen Züge, als hätte jemand seine Wut in das Gemälde selbst geritzt. Darunter, in roter, eingetrockneter Farbe, stand eine Botschaft, die nur Verachtung kannte: ,,Nieder mit allen Kaisern!’’ Varon schmunzelte. Die Rebellion hatte hier ihre Spuren hinterlassen. Doch sein Blick kehrte schnell zu den drei Männern am Tisch zurück.  Ralf Tersten. Der ehemalige Löwe saß mit angespannten Schultern, sein Schwert lag griffbereit neben ihm. Sein Gesicht war von Narben gezeichnet, und seine Augen – diese kühlen, berechnenden Augen – verrieten, dass er kein Mann war, der leicht zu überzeugen war. Der Drachar. Eine eindrucksvolle Gestalt mit scharf geschnittenen Gesichtszügen. Sein Blick war wie flüssiges Feuer, ein Echo seiner Macht, die erst vor wenigen Stunden seine Untoten zurückgeschlagen hatte. Der Gelehrte. Ein alter Mann mit einem langen, silbernen Bart und einer Stirn, die von tiefen Falten durchzogen war. Er sah aus wie jemand, der in Büchern mehr Kriege geführt hatte als auf dem Schlachtfeld – und doch war sein Schweigen nicht das eines schwachen, alten Mannes, sondern das eines Denkers. Drei Männer, drei verschiedene Kräfte. Varon lehnte sich entspannt zurück, ließ die Stille in der Luft hängen. „Also, Varon“, begann Ralf schließlich, seine Stimme misstrauisch, aber nicht feindselig. „Worüber möchtest du reden?“ Varon faltete die Hände vor sich auf dem Tisch. „Ich wurde aus meiner Verbannung geholt“, erklärte er ruhig. „Kaiser Verion III hat mir versprochen, dass ich meine Nekromantie frei studieren kann – unter der Bedingung, dass ich ihm Randurin zurückerobere.“ Ralf nickte langsam. Kein Zeichen von Überraschung – er hatte es sich wohl schon gedacht. „Und doch sitzt du hier mit uns“, sagte er. „Warum?“ Varon lächelte leicht. „Weil der Kaiser hinter verschlossenen Türen der Kaiserin meinen Tod versprochen hat, sobald diese Rückeroberung abgeschlossen ist.“ Jetzt zuckte ein Schatten über Ralfs Miene. Ein Augenblick der Erkenntnis, des Verstehens. Doch er blieb ruhig. „Dann wägst du also Eure Möglichkeiten ab.“ „Sagen wir es so: Ich sehe wenig Sinn darin, für einen Herrscher zu kämpfen, der mich ohnehin beseitigen will.“ Ein Moment des Schweigens. Dann kam Ralf zur Sache. „Was sind deine Bedingungen?“ Varon ließ sich Zeit mit der Antwort. Er wusste, dass sie ihn brauchten. Die Rebellen waren geschwächt. Sie konnten es sich nicht leisten, ihn abzulehnen. Doch er wollte mehr als Duldung. Er wollte Akzeptanz. „Ich will für die Verteidigung der Stadt verantwortlich sein“, sagte er schließlich. „Jeder kaiserliche Soldat, der fällt, wird in meine Reihen aufgenommen. Und außerdem – ich will eine Normalisierung der Nekromantie.“ Er wusste, dass dieser letzte Punkt der wahre Preis war. Ralf sah ihn lange an. Dann wanderte sein Blick zu den anderen. Der Drachar regte sich kaum merklich, doch er nickte. Der Gelehrte runzelte die Stirn. Aber er sagte nichts. Schließlich wandte sich Ralf wieder Varon zu. „Unter zwei Bedingungen.“ Seine Stimme war ruhig . „Erstens: Die Boz bleibt in unserer Hand.“ Varon musste ein Lächeln unterdrücken. Die Boz. Diese legendäre Waffe, die ganze Armeen auslöschen konnte, war beeindruckend – aber sie interessierte ihn nicht. „Zweitens“, fuhr Ralf fort, sein Blick nun noch durchdringender, „kein Zivilist und kein Mitglied des Schwarzen Sterns wird Opfer deiner Nekromantie.“ Varon hob eine Augenbraue. Das war es also, was Ralf dachte, was Nekromantie war. Ein Opfer. Er verstand es nicht. Noch nicht. Doch das spielte keine Rolle. Varon ließ die Worte einen Moment wirken, dann streckte er die Hand über den Tisch. „Einverstanden.“ Ralf zögerte. Nur einen Atemzug lang. Dann ergriff er Varons Hand. Sein Griff war fest. Entschlossen. „Willkommen in der Rebellion, Varon.“ Und in seinen Augen blitzte etwas auf. Etwas, das fast wie Respekt aussah. -------------------------------------------------------------------------- Varon richtete sich auf. Sein schwarzer Mantel raschelte leise, als er die Hände vor sich faltete. Sein Blick blieb ruhig, doch seine Augen ruhten scharf auf Ralf, als er sprach. „Wie ist die Situation eurer Truppen? Unserer Truppen?“ Er betonte das Wort kaum merklich, doch die Bedeutung war unmissverständlich. Er wollte sehen, ob Ralf ihn bereits als Verbündeten betrachtete – oder ob er nur geduldet wurde. Ralf ließ sich Zeit mit der Antwort. Seine Haltung blieb entspannt, doch Varon bemerkte, dass sein Blick sich für einen Moment verdüsterte. Er wog seine Worte sorgfältig ab. Schließlich seufzte er leise, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme. „Wir haben in Randurin etwa achtzig Soldaten.“ Seine Stimme klang ruhig, doch Varon hörte das unausgesprochene „nur“ in dem Satz. „Zusätzlich ist eine weitere Einheit auf dem Weg zu uns. Sie haben weniger Leute, aber sie bringen Kämpfer mit, die so stark sind wie eine ganze Armee.“ Das war eine interessante Information. Varon hatte erwartet, dass die Rebellen mehr zu bieten hatten als eine Handvoll Soldaten, doch es beruhigte ihn zu hören, dass sie nicht nur auf Masse setzten, sondern auf individuelle Stärke. Zahlen allein entschieden keine Kriege – Macht tat es. Er nickte langsam. „Gibt es sonst noch etwas, das ich wissen muss?“ Seine Stimme blieb ruhig, doch der Unterton war unmissverständlich. Er duldete keine Halbwahrheiten. Er wollte die ganze Wahrheit – und er würde es merken, wenn sie ihm verwehrt wurde. Ralf zögerte erneut. Diesmal länger. Sein Blick wanderte zu den anderen Männern am Tisch, als würde er ihren Rat suchen. Der Drachar blieb regungslos, sein Blick kühl. Der Gelehrte kratzte sich nachdenklich am Bart, sagte aber nichts. Schließlich atmete Ralf tief durch. ,,Wir haben den Kronprinzen Sebastian als Geisel.’’ Varon hob leicht die Augenbrauen. Das war eine Wendung, die er nicht erwartet hatte. Sebastian. Der „unbesiegbare“ Prinz. Der Thronfolger, der in jeder Schlacht vorausging und niemals eine Verletzung davontrug. Varon hatte von ihm gehört – jeder der sich für die Algavia interessierte, hatte von ihm gehört. Der Mann, der sich in den letzten Jahren einen Ruf als der geborene Krieger gemacht hatte. Unnahbar, unaufhaltsam, unverwundbar. Und jetzt saß er in den Kerkern von Randurin. Er konnte sich nicht erklären, wie es den Rebellen gelungen war, ihn zu fangen. Doch das war eine Frage für später. Er lehnte sich ein wenig nach vorne, das leichte Funkeln in seinen Augen verriet seine Neugier. ,,Darf ich mich mit dem Kronprinzen unterhalten?’’ Ralf zuckte mit den Schultern, als wäre es ihm gleichgültig. „Tu dir keinen Zwang an.“ Er sprach es beiläufig aus, als wäre der Kronprinz eine unwichtige Figur, ein Bauer auf dem Spielfeld, der längst aufgegeben hatte. „Er hat für uns keinen Wert. Der Kaiser wird ihn aufgrund des Prinzenspiels sich selbst überlassen.“ Varon lächelte schmal. Das Prinzenspiel. Ein grausames, aber effizientes System. Wer scheiterte, wurde verbannt. Kein Verhandeln, keine zweite Chance. Der Kaiser suchte den stärksten Nachfolger – und nur er überlebte das Spiel im Kaiserreich. Ein Prinz, der gefangen genommen wurde, war kein würdiger Thronfolger mehr. „Dann schaue ich mir den Prinzen einmal genauer an.“ Seine Stimme klang fast amüsiert, als er sich langsam von seinem Stuhl erhob. Seine Bewegungen waren ruhig, fließend, fast zu elegant für einen Mann, der sich mit den Toten befasste. Ralf nickte knapp. „Er ist im Kerker. Ich lasse dich von jemandem dorthin führen.“ -------------------------------------------------------------------------- Varon stand reglos vor der Zelle, sein Blick ruhte auf dem Mann hinter den rostigen Gitterstäben. Sebastian Algavia. Der vierte Kronprinz des Kaiserreichs. Ein Name, der bereits in einigen Liedern besungen wurde, ein Krieger, der niemals gefallen war, ein Mann, der aus jeder Schlacht unversehrt zurückkehrte. Und doch lag er nun hier, gefangen in der Dunkelheit eines feuchten Kerkers. Seine einst makellose Erscheinung war verwischt von Schmutz und Erschöpfung, seine Kleidung zerrissen, durchsetzt mit dunklen Blutflecken. Dennoch – selbst in diesem erbärmlichen Zustand haftete ihm eine Würde an, die selbst Varons kaltes Herz kurz innehalten ließ. Die Jahre des Stolzes, der unerbittlichen Disziplin, der Erhabenheit – sie waren nicht verschwunden. Sie lagen unter der Oberfläche, verborgen, doch nicht zerbrochen. Zunächst regte sich der Prinz nicht. Er lag still, als wäre er sich bewusst, dass Varon ihn beobachtete, doch verweigerte, die Existenz seines Gegenübers anzuerkennen. Minuten verstrichen in gespenstischer Stille, bis er schließlich den Kopf hob. Ihre Blicke trafen sich. ,,Bist du Varon?’’ Die Stimme war schwach, aber klar. Ein Schatten dessen, was sie einst gewesen war. Varon lächelte schmal. ,,Ja, das bin ich.’’ Es überraschte ihn nicht, dass Sebastian ihn erkannte, obwohl sie sich nie zuvor begegnet waren. Der Prinz war nicht dumm.  Er ließ eine kurze Pause verstreichen, bevor er fortfuhr. „Und du, Kronprinz Sebastian, willst du mir nicht verraten, wie du es geschafft hast, Gegner zu besiegen, die deutlich stärker waren als du? Lass mich raten… es war Zeitmagie, oder?“ Die Wirkung war sofort sichtbar. Sebastian zuckte. Es war nur ein winziger Reflex, kaum spürbar, doch für Varon so offensichtlich wie ein Schrei. Die Unruhe in seinen Augen verriet ihn – es war keine bloße Vermutung gewesen. Varon trat einen Schritt näher, seine Hände umschlossen die Gitterstäbe, das kalte Metall drückte sich in seine Handflächen. „Anhand deines Kampfmusters könnte man fast meinen, dass du immer genau wusstest, wie deine Gegner kämpfen würden“, fuhr er fort, sein Tonfall ruhig, doch gezielt. „Jeder einzelne Schlag war dir bekannt. Kannst du… in die Zukunft sehen?“ Sebastian schwieg. Doch sein Schweigen war nicht das eines Mannes, der überlegen war – es war das eines Mannes, der ertappt worden war.  Varon sah, wie sich die Finger des Prinzen leicht in den Dreck unter ihm krallten, als ob er Halt suchte, einen Anker, um sich nicht von der Wahrheit mitreißen zu lassen. Varon schüttelte leicht den Kopf. „Nein, das kann es nicht sein“, sagte er leise. „Sonst wärst du von meinem Erscheinen nicht überrascht gewesen. Es muss etwas anderes sein.“ Ein Schatten huschte über Sebastians Gesicht. Seine Schultern strafften sich, die Fesseln klirrten leise, als er sich langsam aufrichtete. ,,Was willst du von mir, Nekromant?’’ Seine Stimme war fester, aber Varon hörte, wie tief die Müdigkeit darin wog. Varon antwortete nicht sofort. Stattdessen ließ er sich Zeit. Er ließ die Spannung wachsen, ließ den Kronprinzen auf die Antwort warten. Dann – mit einem leisen Knarren – öffnete er die Zellentür und trat ein. Seine Schritte hallten auf dem feuchten Steinboden, während er näherkam. Die Dunkelheit des Kerkers schien sich um sie zu verdichten, der Raum wurde kleiner, als ob die Mauern selbst lauschten. „Ich habe zwei Theorien, wie du das anstellst“, sagte Varon und kam neben Sebastian zum Stehen. Seine Stimme war ruhig, doch etwas lauerte darin. „Entweder kannst du die Zeit verlangsamen… oder du kannst deinen Tod ungeschehen machen.“ Der Hauch von Furcht, der, als er die zweite Idee aussprach, für einen Sekundenbruchteil in Sebastians Augen aufblitzte, war alles, was Varon wissen musste. Er hatte recht. Der unbesiegbare Prinz – war unbesiegbar, weil er niemals wirklich starb. ,,Der Hauptmann hat mir gesagt, dass du keinen Wert mehr für die Rebellen hast, aber ich sehe das anders.’’ Varon ließ seine Hand langsam auf Sebastians Stirn sinken. Sebastian zuckte unter der Berührung zusammen, versuchte sich instinktiv zu winden, doch die Fesseln hielten ihn fest. ,,H-hör auf…’’ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Varon ignorierte ihn. Dunkle Magie sammelte sich in seinen Fingerspitzen, wanderte wie schwarze Adern über seine Haut und strömte langsam in den Körper des Kronprinzen. Sebastians Atem stockte. Die Veränderung begann sofort. Seine Haut wurde blasser, als würde das Leben selbst aus ihm gesogen. Die Farbe seiner Lippen verblasste, seine Adern traten dunkler hervor. Seine Augen, einst voller Stolz und Feuer, wurden glasig, als ob das Licht darin verlosch. Ein mächtiger, anspruchsvoller Zauber, den er bisher nur an Tieren hatte testen können. Ein Zauber, mit dem er Lebende sofort zu Untoten verwandeln konnte. Zu seinen Dienern. Zwar konnte er sie nicht in seinen Kerker der Toten versiegeln, doch sie waren ihm genauso treu ergeben. Varon trat zurück, ließ ihn fallen wie eine leere Hülle. Sebastian sackte auf die Knie, sein Körper zuckte, wehrte sich, versuchte, gegen die dunkle Kraft zu kämpfen, die ihn überrollte. Doch es war vergeblich. Nach wenigen Sekunden verstummte das Zittern. Varon beobachtete ihn, geduldig. Dann öffnete der Kronprinz die Augen. Doch es waren nicht mehr Sebastians Augen. Die blassen, leeren Iriden richteten sich auf ihn, tot, emotionslos. Kein Wille, keine Vergangenheit. Nur Gehorsam. Langsam erhob sich der Mann, der einst ein Prinz gewesen war. Seine Bewegungen waren steif, als wäre er eine Marionette, deren Fäden gerade erst gespannt wurden. Varon betrachtete ihn mit unverhohlener Zufriedenheit. Ein Mann, der niemals sterben konnte – war nun ein Mann, der zusätzlich nie wieder leben würde. „Ich nenne dich Jester“, sagte Varon leise, während sein Blick auf die leeren Augen fiel, in denen einst Stolz geglüht hatte. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. „Nun… erzähl mir von den Fähigkeiten deines alten Lebens.“

  • Kapitel 154 - Die Toten marschieren weiter

    Langsam erhoben sie sich. Ein unheilvolles Geräusch erfüllte die Luft, als über fünfhundert Soldaten aufstanden – jeder einzelne von ihnen ein Diener des Todes. Ihre Leiber waren von Fäulnis und rostigem Stahl gezeichnet, ihre Augen leer, doch in ihrer Haltung lag ein unerschütterlicher Wille. Sie waren bereits gestorben. Und doch standen sie erneut. Für ihn. Varon ließ seinen Blick über das verschneite Land vor ihm schweifen. Randurin. Die mächtige Festungsstadt thronte auf der Insel, ihre Mauern ragten fest und unbezwingbar gegen den Horizont. Wie gut wohl die Rebellen auf eine Belagerung vorbereitet waren? Wie lange würden sie der bevorstehenden Welle standhalten? Er atmete die kalte Nachtluft ein, sein Lächeln kaum mehr als ein unscheinbares Zucken seiner Lippen. Dann hob er die Hand – eine einfache, beiläufige Geste, die jedoch das Schicksal einer ganzen Stadt besiegeln konnte. „Geht“, befahl er mit ruhiger Stimme. „Erobert die Stadt. Aber tötet niemanden.“ Kein Zögern. Kein Laut. Die Armee der Untoten setzte sich in Bewegung. Ein Marsch ohne Hast, ohne Angst. Kein einziges Wort wurde gesprochen, kein Kriegsruf durchbrach die Stille. Nur das gleichmäßige Stapfen der Soldaten, das dumpf über den gefrorenen Waldboden hallte, als sie gegen Randurin zogen. Varon beobachtete sie eine Weile, ehe er sich auf den kalten Waldboden zurücksinken ließ. Seine Prüfung hatte begonnen. - ------------------------------------------------------------------------- „Ralf, wir werden angegriffen!“ Der Ruf schnitt wie ein Messer durch die kalte Luft. Ralf fuhr zusammen, sein ganzer Körper spannte sich instinktiv an. Eben noch hatte er sich in ein Gespräch mit einer jungen Frau vertieft, die ihm von den jüngsten Rohstofflieferungen aus Arkan berichtete. Doch mit einem Schlag war der Moment der Normalität vorbei. Er drehte sich ruckartig um. Roman, der Schmied, rannte auf ihn zu, das Gesicht schweißnass, seine Atmung keuchend. „Wir werden angegriffen? Wie viele?“ rief Ralf, seine Stimme angespannt, voller Dringlichkeit. Roman kam schlitternd zum Stehen, rang nach Atem. „Ungefähr fünfhundert… aber…“ Er schluckte hart, seine Augen weit vor Entsetzen. „Sie sind anders. Du musst es selbst sehen.“ Ralfs Blick verengte sich. „Anders? Was meinst du damit?“ Doch Roman schüttelte nur hastig den Kopf. „Ich kann es nicht erklären. Du musst es mit eigenen Augen sehen.“ Ein eisiges Gefühl breitete sich in Ralfs Brust aus. Ohne weiter zu zögern, wirbelte er herum und rannte los. Die Frau, mit der er gesprochen hatte, rief ihm noch etwas nach, doch ihre Stimme ging im Rauschen seines eigenen Blutes unter. Seine Stiefel donnerten über das Kopfsteinpflaster, als er durch die engen Gassen der Festungsstadt sprintete. Die Stadt war noch ruhig, ahnungslos. Menschen gingen ihrem Alltag nach, Händler riefen ihre Waren aus, Kinder rannten lachend durch die Straßen. Doch das würde nicht mehr lange so bleiben. Er warf einen Blick über die Schulter. „Roman! Sorge dafür, dass die Stadtmauer bemannt wird!“ Der Schmied nickte nur, bevor er in eine andere Richtung abdrehte, um Ralfs Befehl auszuführen. Ralf aber rannte weiter, schneller. Er spürte das Brennen in seinen Lungen, doch er zwang seinen Körper, nicht nachzulassen. Jeder Moment zählte. Die Tür der Herzogsburg donnerte, als er sie mit voller Wucht aufstieß. Die Soldaten in der Halle fuhren herum, überrascht von dem plötzlichen Krachen. „Wir werden angegriffen!“ rief Ralf, seine Stimme hallte zwischen den steinernen Wänden wider. „Bemannt das Tor! Sofort!“ Die Soldaten erstarrten nur für den Bruchteil eines Moments, dann brachen sie in hektische Bewegung aus. Rüstungen klirrten, Schwerter wurden gezogen, Befehle wurden durch den Raum gebrüllt. Doch Ralf hielt sich nicht auf. Mit schnellen Schritten nahm er zwei Stufen auf einmal, stürmte den Turm hinauf. Sein Atem ging schwer, Schweiß lief ihm über die Schläfen, aber er zwang sich vorwärts. Er musste sehen, wovon Roman gesprochen hatte. Als er schließlich oben auf der Plattform ankam, stürzte er nach vorne, packte das steinerne Geländer und blickte hinunter auf das weite Schneefeld vor der Stadt. Dann gefror sein Blut in den Adern. Über fünfhundert Krieger marschierten auf die Stadt zu. Ihre Bewegungen waren steif, unnatürlich. Ihr Fleisch war von Verwesung gezeichnet, einige trugen zerfetzte Überreste von Rüstungen, andere zogen rostige Waffen hinter sich her. Manche hatten keine Waffen – doch das machte sie nicht weniger bedrohlich. Ihre Augen glommen in einem unnatürlichen, fahlen Licht. Ralfs Magen zog sich zusammen. Untote. „Fuck“, entfuhr es ihm leise. Ein Gefühl, das irgendwo zwischen Panik und Fassungslosigkeit lag, breitete sich in ihm aus. Er hatte schon viel gesehen. Doch das? Das war nicht normal. Wer hatte sie herbeigerufen? Wie kämpfte man gegen etwas, das bereits tot war? Er durfte keine Zeit verlieren. Er musste zur Boz. Sofort. - ------------------------------------------------------------------------- „Elina, Marry!“ Ralfs Stimme durchschnitt die Stille des steinernen Saals, in dem sich die Boz, Randurins mächtigste Waffe, befand. Sein Ruf hallte von den Wänden wider, scharf und drängend. Die beiden Schwestern zuckten zusammen, als wären sie aus einem tiefen Traum gerissen worden. „Was gibt es, Hauptmann Ralf?“ fragte Marry, während sie ihr Buch hastig beiseitelegte. Ihre Augen waren weit aufgerissen, suchten hektisch nach einer Erklärung für seinen plötzlichen Aufruhr. Neben ihr richtete sich Elina auf, ihre Haltung angespannt, bereit. „Wir werden angegriffen,“ sagte Ralf knapp. „Elina, du kommst mit mir. Marry, du hältst dich bereit!“ Es gab keine Zeit für lange Erklärungen. Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte er sich um und rannte los. Elina folgte ihm sofort, ihre Schritte leicht, aber entschlossen. Marry blieb zurück, doch ihr Blick war fest. Ihre Hände ruhten auf der Boz, als spürte sie bereits das Gewicht dessen, was auf sie zukam. Ralf jagte durch die Gassen der Stadt. Randurin war in Bewegung. Menschen eilten in geordneten Reihen zu den Schutzräumen, angeführt von Azoph, dessen dunkle Silhouette aus der Menge herausragte. Ralf hatte in den letzten Wochen Evakuierungspläne vorbereitet, und jetzt bewiesen sie ihren Wert. Er konnte sehen, wie Familien Hand in Hand liefen. Er atmete kurz durch, dann rief er: „Azoph! Du kommst auch mit!“ Der Drachar wandte ihm seinen scharfen Blick zu, nickte und drehte sich noch einmal zu den fliehenden Bürgern um. „Ihr wisst, was zu tun ist. Bleibt zusammen! Keine Panik! Macht es wie in den Übungen!“ Seine tiefe Stimme rollte wie Donner durch die Straßen. Ohne ein weiteres Wort folgte er Ralf und Elina. Sie rannten weiter, das Echo ihrer Schritte vermischte sich mit den aufgeregten Stimmen der Stadt. Als sie die errichten Mauer erreichten, standen dort bereits die versammelten Rebellen – die letzte Verteidigungslinie Randurins. Die Mauern waren in den letzten Wochen verstärkt worden. Die Verteidiger hatten eine zweite Barriere innerhalb vor dem Haupttor errichtet, eine zusätzliche Schutzschicht gegen den erwarteten Ansturm. Nun standen sie dort, angespannt, ihre Waffen bereit, ihre Augen auf den Horizont gerichtet. Ralf trat vor die Gruppe. Sein Blick glitt über die Männer und Frauen, die sich der Gefahr entgegenstellen würden. Ihre Gesichter waren ernst. Entschlossen. Doch hinter der Entschlossenheit lauerte die Angst. Nur Kurr wirkte ungerührt. Mit einem zufriedenen Knurren schärfte er seine Klauen an einem Schleifstein, während ein grimmiges Lächeln über seine Lippen huschte. Er war der einzige, der sich auf das kommende Blutvergießen freute. Ralf hielt inne, schärfte seine Gedanken. Dann hob er die Stimme. „Wir lassen die erste Welle in die Stadt und eliminieren so viele wie möglich mit der Boz!“ rief er. „Danach greifen wir ein!“ Schweigen. Dann ein knappes Nicken. Keiner stellte Fragen. Sie alle wussten, was auf dem Spiel stand. Ralf atmete tief durch und trat an die Zinnen. Dann sah er sie vor der Brücke. Die Armee war näher gekommen. Eine Welle aus Untoten zog unaufhaltsam auf die Stadt zu. -------------------------------------------------------------------------- Die Untoten marschierten über die Brücke. Ihre knochigen Füße schlugen im Gleichschritt auf den Stein, ein dumpfes, unheilvolles Trommeln, das sich durch die eisige Luft zog wie eine drohende Warnung. Jeder Schritt war ein Versprechen des unausweichlichen Todes. Ralf stand auf der Mauer, seine Hände zu Fäusten geballt, während sein Blick die vorrückende Armee verfolgte. Die Frage, die in seinem Kopf nagte, ließ ihn nicht los: Hätte er mehr tun können? Er hatte vorgehabt, die Brücke zur Zugbrücke umzubauen, um eine solche Bedrohung zu verhindern – doch die Zeit hatte nicht gereicht. Jetzt marschierten sie direkt in die Stadt. Hundert. Zweihundert. Noch mehr. Ihre leeren Augen starrten ins Nichts, ihre Körper bewegten sich steif, unaufhörlich. Sie drängten durch die Straßen, nahmen keinen Befehl, keine Angst, keinen Schmerz wahr. Es war, als würde die Stadt von einer Flut überrollt, die nicht aufzuhalten war. Dann war es soweit. Die Untoten hatten den inneren Bereich erreicht. Ralf drehte sich zu Elina, seine Stimme ruhig, aber voller Schärfe. „Sag deiner Schwester Bescheid. Sie soll alle Angreifer mit Hitze ausschalten!“ Elina schloss die Augen, ihre Stirn spannte sich vor Konzentration. Ein Herzschlag lang herrschte Stille. Dann flammte ein gleißendes Licht über den Untoten auf. Ralf blinzelte gegen das grelle Leuchten an, konnte für einen Moment nichts sehen. Dann, als das Licht nachließ, nahm er das Ergebnis in voller Deutlichkeit wahr. Die Untoten schmolzen. Ihre Körper sackten in sich zusammen, Fleisch und Knochen wurden zu einer zähflüssigen, übel riechenden Masse, die zwischen den Pflastersteinen zerfloss. Der Geruch von verbranntem Knochenmark legte sich über die Stadt, beißend und schwer. Doch Ralf ignorierte ihn. Die erste Hälfte war vernichtet. Er drehte sich zu Azoph. „Ich zähle auf dich!“ Der Drachar nickte, seine Augen glommen in der Dunkelheit des eintretenden Abends. Mit erhobenen Händen ließ er einen glühenden Feuerball zwischen seinen Fingern entstehen – nur eine Sekunde später schleuderte er ihn in die Reihen der verbleibenden Untoten. Der Feuerball explodierte mitten zwischen ihnen, sengende Hitze breitete sich aus. Asche stieg in dicken Schwaden auf, als Gruppen von Untoten in Flammen aufgingen. Doch Azoph ließ nicht nach. Immer wieder sammelte er Feuer in seinen Händen, ließ es auf die Feinde niederregnen, verbrannte sie in Wellen von Hitze und Licht. Unterdessen ließ sich Kurr mit einem tiefen Knurren von der Mauer fallen. Er landete schwer zwischen den Untoten, seine Klauen blitzten auf. Ein Wirbel aus scharfem Stahl und purem Instinkt. Der Lupid riss Gegner mit bloßen Händen in Stücke, schleuderte sie von der Brücke ins eiskalte Wasser hinab. Pfeile regneten von den Mauern. Die Bogenschützen hatten ihre Position eingenommen und ließen eine Salve nach der anderen niedergehen. Die Geschosse bohrten sich in verweste Körper, durchdrangen Schädel, durchtrennten Sehnen. Steine folgten. Die Katapulte, in der Eile vorbereitet, schleuderten ihre Last in die Reihen der Angreifer. Die schweren Geschosse zertrümmerten Knochen, zerschlugen Körper wie Tonkrüge. Es lief gut. Besser als erwartet. Fast zu gut. Ralf beobachtete, wie die Reihen der Untoten immer weiter ausgedünnt wurden. Er spürte, wie sich ein leises, nagendes Gefühl in seine Brust grub. Das ist zu einfach. Sein Blick huschte über das Schlachtfeld. Die Asche der verbrannten Kreaturen stieg noch immer auf, die geschmolzenen Überreste sickerten in den Boden. Alles schien unter Kontrolle. Und doch … Er kniff die Augen zusammen, suchte nach einer Bewegung, nach etwas, das sich außerhalb des Musters befand. Dann flüsterte er, mehr zu sich selbst als zu irgendjemand anderem: ,,Ist das wirklich schon alles?’’ -------------------------------------------------------------------------- Varon richtete sich langsam auf. Sein schlaksiger Körper entfaltete sich, als würde er sich nach einem langen, tiefen Schlaf strecken. Die erste Welle war nahezu vollständig vernichtet – genau wie er es erwartet hatte. Ein leises, raues Lachen entkam seiner Kehle, während er die Stadt Randurin aus der Ferne betrachtete. Der Schnee dämpfte das Echo der Schlacht, die noch immer in der Luft lag, doch er konnte es fühlen. Den Triumph der Verteidiger. Die Erleichterung. Die selbstgefällige Sicherheit, dass sie den Angriff überstanden hatten. Er strich sich eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht, seine Augen funkelten im schwachen Licht der untergehenden Sonne, die sich mühsam durch die dichten Schneewolken kämpfte. ,,Mal sehen, wie ihr mit der zweiten Welle zurecht kommt.’’  Sein Grinsen wurde breiter, als er die nächste Phase seines Plans in Gang setzte. Langsam hob er eine Hand. Seine Haut war blass, durchzogen von feinen Narben, jede von ihnen ein Relikt seiner Experimente mit der Dunklen Kunst der Nekromantie. Unter der Oberfläche pulsierte eine Energie, die älter war als er selbst, ein Flüstern in seinem Blut, das nur darauf wartete, entfesselt zu werden. Er ließ sich Zeit. Genoss den Moment. Mit einer fließenden Bewegung öffnete er das Tor zwischen der Welt der Lebenden und seinem Kerker der Toten. Die Luft flackerte. Das Eis unter seinen Füßen knackte. Drei gewaltige Silhouetten erschienen. Wüstenriesen. Varon betrachtete seine Schöpfungen mit einem zufriedenen Lächeln. Einst waren sie Herrscher über die glühenden Dünen von Arkan gewesen, Krieger von unermesslicher Stärke, deren bloßer Anblick Städte erzittern ließ. Doch diese Zeiten waren vorbei. Er hatte sie getötet. Und sie dann seiner Armee der Toten hinzugefügt. Ihre Haut, einst von der Sonne gebräunt und von Sandstürmen gezeichnet, war nun bleich wie altes Pergament. Die Hitze, die einst aus ihren Körpern strahlte, war verschwunden – ersetzt durch eine leere, unnatürliche Kälte. Und ihre Augen.  Einst voller Stolz, voller ungezähmter Wildheit, waren nun… leer. Gehorsam. „Geht.“ Varons Stimme war ruhig, doch sie vibrierte vor dunkler Macht. „Erobert Randurin. Tötet niemanden.“ Die Riesen blieben einen Moment lang reglos. Dann neigten sie langsam ihre massiven Köpfe – eine gespenstische, mechanische Bewegung. Mit jedem Schritt, den sie taten, erzitterte die Erde. Der Schnee, der ihre Füße berührte, wurde zur Seite geschoben. Ihre Schatten streckten sich lang über die eisigen Dünen, wie Vorboten eines unausweichlichen Unheils. Die Kälte schien sie nicht zu stören. Nichts störte sie mehr. Varon verschränkte die Arme, trat einen Schritt zurück. Randurin hatte sich tapfer geschlagen. Doch das war nur der Anfang. Er lehnte sich gegen einen und ließ sein Grinsen nicht aus dem Gesicht weichen. „Lasst uns sehen, wie lange ihr diesmal standhalten könnt.“ -------------------------------------------------------------------------- Der letzte untote Soldat fiel. Sein Körper zerfiel zu Staub, als die dunkle Energie, die ihn am Leben gehalten hatte, erlosch. Für einen Moment herrschte Stille. Dann brach Jubel aus. Die Rebellen des Schwarzen Sterns rissen die Arme in die Luft, ihre Stimmen hallten über das Schlachtfeld, vermischten sich mit dem Knirschen des Schnees unter ihren Füßen. Sie hatten gesiegt. Sie hatten die Armee der Toten zurückgeschlagen. Ralf ließ seinen Blick über das Chaos streifen. Der Boden war übersät mit den Überresten der Untoten – zersplitterte Knochen, verrostete Waffen, leere Rüstungen, die niemanden mehr schützten. Er suchte nach Verwundeten, nach Verlusten. Doch er fand keine. Seine Kehle war trocken. „Wir haben niemanden verloren...“ murmelte er ungläubig. Es schien zu gut, um wahr zu sein. Dann vibrierte der Boden. —BUMM— —BUMM— —BUMM— Der Klang rollte über die Schneelandschaft, ein drohender Herzschlag, der das Eis unter ihren Füßen zum Beben brachte. Ralf riss den Kopf hoch, seine Augen durchkämmten den Horizont. Doch noch war nichts zu sehen. Dann tauchten sie auf. Drei gewaltige Gestalten erhoben sich aus dem Schnee, ihre Schatten streckten sich über die weiße Weite. Sie waren riesig – jeder von ihnen groß wie ein Turm, ihre Körper massig, ihre Bewegungen schwer und unaufhaltsam. Ralf erkannte sie sofort. Wüstenriesen. Nun dämmerte Ralf, was hier vor sich ging. Sein Magen zog sich zusammen. Varon. —BUMM— —BUMM— —BUMM— Varon. Der Nekromant war zurück. Ralf hatte von ihm gehört – ein dunkler Magier, der einst vom Kaiser Tavil IV selbst nach Arkan verbannt worden war. Doch nun stand er offenbar wieder im Dienst des Kaiserreichs. War seine Verbannung aufgehoben worden? Ein Pakt geschlossen? Hatte Kaiser Verion III den alten Feind losgelassen, um Randurin zu erobern? Die Gedanken überschlugen sich, doch Ralf hatte keine Zeit, um nach Antworten zu suchen. —BUMM— —BUMM— —BUMM— Die Riesen kamen näher. Jeder Schritt ließ den Boden beben, feine Risse bildeten sich im gefrorenen Erdreich. Sie bewegten sich langsam, doch es war die Art der Langsamkeit, die unvermeidlich war – eine Lawine, die nichts aufhalten konnte. Ralf ballte die Fäuste. Ohne die Boz, die für den heutigen Tag bereits ihren Schuss abgegeben hatte, hatten sie keine Chance. Dann hörte er Schritte hinter sich. Azoph betrat die Zinnen. Der Drachar wirkte erschöpft, doch in seinen Augen loderte Entschlossenheit. Er riss die Arme nach oben, seine schuppigen Hände zitterten unter der wachsenden Magie, die sich um ihn sammelte. —BUMM— —BUMM— —BUMM— Die Luft begann zu flimmern. Die Temperatur um sie herum veränderte sich, das Gleichgewicht der Elemente wurde verzerrt. Selbst Ralf konnte es spüren – die Energie wurde dichter , konzentrierter. Eine brennende Scheibe formte sich über Azoph. Zunächst drehte sie sich langsam, dann immer schneller, bis sie wie ein wirbelnder Sonnenaufgang über den Zinnen schwebte. Die Hitze war unerträglich, das Licht so grell, dass Ralf eine Hand vor die Augen heben musste. Dann ließ Azoph los. Die Scheibe schoss mit unvorstellbarer Geschwindigkeit auf die Riesen zu. Sie schnitt durch die Luft wie eine Klinge, ließ den Schnee unter sich verdampfen. Der vorderste Riese wurde in zwei Teile gerissen. Sein Oberkörper kippte nach hinten, krachte auf den Boden und versank im Schnee. Seine Beine blieben noch einen Herzschlag lang stehen, bevor sie unter ihrem eigenen Gewicht einknickten. Dann war Stille. Nur für einen Moment. —BUMM— —BUMM— „Sehr gut, Azoph!“ Ralfs Stimme war rau, voller Erleichterung. Dann drehte er sich um – und sah, wie Azoph fiel. Der Drachar taumelte nach hinten, seine schuppigen Hände sanken kraftlos herab. Sein Brustkorb hob und senkte sich schwer. „Ich… vertraue dir, Hauptmann Ralf…“ Dann schlossen sich seine Augen. Er sackte zusammen. Ralf fing ihn gerade noch rechtzeitig auf. Er spürte das Gewicht des Drachars in seinen Armen, spürte die Erschöpfung, die sich wie eine Kette um ihn gelegt hatte. Und dann hörte er es wieder. —BUMM— —BUMM— Die Riesen hielten nicht an. -------------------------------------------------------------------------- Was sollte er tun? Seine Männer in den sicheren Tod schicken? Die Frage brannte in Ralfs Kopf, während der Boden unter den gewaltigen Schritten der Riesen erzitterte. Jeder dumpfe Schlag hallte durch seine Knochen, ließ den Staub in den Straßen aufwirbeln.  Sein Blick fiel auf die Brücke, die einzige Verbindung zwischen Randurin und dem Festland. Wenn sie brach, war die Stadt abgeschnitten – aber wenn sie hielt, würde der Feind durchbrechen. —BUMM— —BUMM— Er hatte nur noch eine Möglichkeit. Sein Körper spannte sich, als er die Leiter hinabkletterte, seine Stiefel schlugen hart auf die Steinplatten der Gasse. Ohne Zeit zu verlieren, zwängte er sich durch die engen Straßen, sein Ziel klar vor Augen. Das Lagerhaus. Gelegen am vorderen Rand der Stadt, von vielen längst vergessen, doch er wusste, dass es einen geheimen Zugang zu den Katakomben barg – einem alten Labyrinth unter Randurin, voll vergessener Gänge, voller Möglichkeiten. Ralfs Atem ging schwer, als er die Treppe hinunterstürzte. Fackelschein zuckte über die Wände, warf gespenstische Schatten auf den Boden. Er erreichte die Kammer. Wochen zuvor hatte er sie öffnen lassen, hatte gehofft, hier unten etwas zu finden, das ihnen im Kampf helfen konnte. In dem Raum lagen unzählige Waffen und Rüstungen. Doch er war nicht wegen ihnen hier. Er ging zu einer Truhe, die in der Ecke lag. Er öffnete sie und holte den saphirfarbenen Kristall heraus. Ein Manakristall aus den Minen von Erzofen. Er nahm den Kristall heraus. Die Macht in seinen Händen vibrierte leicht, ein Flüstern, das ihn dazu drängte, sie freizusetzen. Er wusste von Roman, was dieser Kristall tun konnte. Mana erneuern. Waffen verstärken. Oder – eine Explosion entfesseln, die alles in ihrem Umkreis vernichtete. —BUMM— —BUMM—  Ralfs Herz hämmerte, als er rannte, den Kristall fest an sich gedrückt. Die Riesen hatten den Rand der Stadt erreicht, ihre Schatten überragten die Mauern, groß wie drohende Albträume. Die Soldaten auf den Zinnen starrten sie an, erschöpft, doch bereit, bis zum letzten Atemzug zu kämpfen. Er bahnte sich einen Weg durch seine Männer, die den Feind fassungslos beobachteten. Dann spürte er eine Hand auf seiner Schulter — Roman. „Was hast du vor, Hauptmann?“ Seine Stimme war ruhig, doch voller unausgesprochener Fragen. Ralf schluckte. „Ich bringe sie zu Fall. Ich sprenge die Brücke.“ Roman blieb stumm, sein Blick wanderte zu dem Kristall, der noch immer in Ralfs Fingern glühte. Er wusste, was das bedeutete. —BUMM— —BUMM—  Dann tat er das Letzte, womit Ralf gerechnet hätte. Er schlug zu. Ralfs Kopf ruckte zur Seite, Sterne tanzten vor seinen Augen. Sein Körper taumelte nach hinten, seine Knie gaben nach. „Was… zum Geeri?“ keuchte er, während er sich wieder aufrappelte. Roman kniete sich vor ihm hin, hob den Kristall auf, hielt ihn fest umklammert. „Du kannst nicht sterben, Hauptmann.“ Seine Stimme war ruhig, aber entschlossen. „Die Stadt braucht dich.“ —BUMM— —BUMM—  Ralf wollte protestieren, wollte ihm den Kristall wieder aus den Händen reißen – doch Roman hatte sich bereits umgedreht. Er rannte. Rannte direkt auf die Brücke zu. Der erste Riese war fast da. Roman stellte sich ihm entgegen. Ralfs Stimme versagte. Er sah, wie sein Freund den Kristall hob. Sah, wie er sein Schwert in das schimmernde Blau rammte. —KAWUMM— Ein Lichtblitz zerriss den Himmel. Ein gewaltiger Knall erschütterte die Stadt. Die Brücke begann einzustürzen. Felsbrocken flogen durch die Luft, stürzten hinab in das eiskalte Wasser. Die Wellen bäumten sich auf, als die Explosion alles mit sich riss. Der vorderste Riese wurde von der Druckwelle umgestoßen. Sein Körper kippte, riss den zweiten mit sich und beide stürzten in die Tiefe. Ralf stolperte an den Rand der Mauer. Das Wasser schlug gegen die Klippen, ein Chaos aus aufgewühltem Schaum. Roman und einer der Riesen waren vom Meer verschluckt worden. Der andere Riese wurde von der Strömung ins offene Meer, hinaus aus der Bucht, getrieben. Ralf spürte, wie sich seine Kehle zuschnürte. ,,Roman…’’ Er drehte sich um, wollte gerade zurück in die Stadt gehen und die weitere Verteidigung planen, da hörte er es. Ein Brüllen. Ralf drehte sich um. Und sein Herz setzte aus. -------------------------------------------------------------------------- Varon kletterte auf den breiten Rücken des Urdrachen Jade. Die mächtigen Schuppen unter ihm fühlten sich unter seinen Fingern kalt an. Sie schimmerten dunkel im Licht der untergehenden Sonne, doch das war nur eine Erinnerung an das Leben, das Jade einst geführt hatte. Der Drache war längst tot. Einst war Jade eine Plage für das Kaiserreich gewesen, eine Bestie, die Karintes mit Feuer und Zerstörung bedrohte. Es war der Kaiserliche Kopfgeldjäger Bunj, der ihn einst erschlagen hatte – ein Held für viele, ein Fluch für die Kreatur, die er vernichtet hatte. Doch nichts blieb tot, wenn es in Varons Hände fiel. Er hatte Jade in seine Reihen geholt. Nicht als Herrscher des Himmels, sondern als seinen mächtigsten Diener. Mit einem einzigen Gedanken ließ Varon die letzten Wüstenriesen, die von den Wellen ins offene Meer getragen wurden, endgültig vergehen. Ihre massiven Körper zerfielen zu Staub, als ihre Seelen aus ihnen herausgerissen wurden. Ein letzter Windstoß fegte ihre Überreste fort – als wären sie nie gewesen. Ihre Essenzen kehrten zurück an den Ort, an dem Varon alle gefallenen Seelen aufbewahrte. Sein Kerker der Toten. Dort würden sie bleiben. Ewig. ,,Flieg mich nach Randurin!’’ befahl Varon dem Drachen. Mit einem dumpfen, metallischen Knirschen spannte Jade seine Flügel, riesige Schwingen von über hundert Metern Spannweite, deren bloße Bewegung die Luft zum Zittern brachte. Dann – ein gewaltiger Flügelschlag. Die Erde erbebte, der Wind heulte, als der Urdrache sich in die Luft erhob. Varon spürte, wie der Sog an seinem Mantel zerrte, doch er bewegte sich nicht. Er saß fest wie eine Statue. Ein markerschütterndes Brüllen erklang. Tief, durchdringend, urgewaltig. Die Vögel in den Wäldern flohen in panischer Hast. Selbst die Tiere, die nicht verstehen konnten, was über ihnen kreiste, spürten, dass sie nur einen Fehler davon entfernt waren, aus dem Leben gerissen zu werden. Jade flog über die Stadt hinweg, sein Schatten glitt wie ein düsterer Vorbote über die Häuser und Plätze. Dann senkte er sich langsam herab. Mit einem gewaltigen Aufprall landete er auf dem Marktplatz. Der Boden erzitterte. Staub wirbelte in dichten Wolken auf, füllte die Luft mit feinem Sand. Fenster barsten, Marktstände kippten um. Und dann – Stille. Nur das Flattern von herabfallenden Tüchern, das leise Stöhnen der Stadt unter dem Gewicht ihrer eigenen Angst. Händler, die ihre Stände absichern wollten, standen reglos da, ihre Finger um wertlose Gegenstände geklammert. Mütter, die ihre Kinder hinter sich schoben, wagten nicht, zu atmen. Zwei der Rebellen hielten ihre Waffen fest, doch keine ihrer Klingen zitterte mehr vor Entschlossenheit. Nur vor Furcht. Varon glitt von Jades Rücken. Mit einer beiläufigen Geste ließ er Jade verschwinden. Der Drache löste sich auf, sein gewaltiger Körper zerfiel in schwarzen Rauch, der in der kühlen Luft verging. Varon ließ seinen Blick über die verängstigten Gesichter wandern.  Dann sprach er: ,,Wer von euch ist der Anführer hier?’’

  • Kapitel 153 - Schwarzer Rauch und blaues Wasser

    Leyla ließ sich schwer in ihren Sessel fallen. Ihr Körper fühlte sich erschöpft an, das Gespräch mit Hypos, und das mit Aragi, hatte sie mehr Kraft gekostet, als sie zugeben wollte. Das Buch lag auf ihrem Schoß, unscheinbar, ein einfaches Kochbuch mit goldener Schrift auf dem Einband. Langsam öffnete sie es und ließ ihren Blick über die ersten Seiten wandern. Es war tatsächlich nichts Besonderes – eine Sammlung von Rezepten aus verschiedenen Regionen des Kaiserreichs, mit sorgfältig beschriebenen Zubereitungsschritten und kleinen Anekdoten zu den jeweiligen Gerichten. Sie blätterte weiter, ihr Daumen glitt mechanisch über die Papierseiten, bis sie bei Seite vierundsiebzig ankam. Ihr Blick verharrte. Die eigentliche Schrift war nahezu vollständig gebleicht, als wäre der Text vorsätzlich entfernt worden. Stattdessen war auf der leeren Seite eine einzige Zeile in schwungvoller Handschrift vermerkt. ,,Leopoldbrücke 66, Südlicher Bezirk, Kaiserstadt’’ Leyla runzelte die Stirn. Sie fuhr mit den Fingern über das Papier, suchte nach einer weiteren Spur, einer verborgenen Nachricht, etwas, das ihr mehr Informationen geben konnte. Doch da war nichts. Kein geheimer Code, keine versteckten Markierungen. Nur diese Adresse, klar und unmissverständlich. Leyla klappte das Buch zu und steckte es ein.  Sollte sie sich auf Hypos’ Spiel einlassen? Zu der Adresse gehen, die er ihr vorgeschlagen hatte? Wer oder was würde sie dort erwarten? Leyla schob den Gedanken zur Seite. Sie war müde. Zu müde für weitere Fragen, zu müde für weitere Rätsel. Die Entscheidung konnte warten. Langsam erhob sie sich, spürte das Ziehen in ihren Schultern und die bleierne Erschöpfung, die sich durch ihren Körper zog. Sie trat in ihr Schlafzimmer, schloss die Tür hinter sich, zog sich mit hastigen Bewegungen aus und ließ sich aufs Bett fallen. Doch Ruhe fand sie nicht. Ihr Geist war noch immer aufgewühlt. Ihre Gedanken kreisten um den Grünwald, um die bevorstehende Mission, um die Möglichkeit, dass sie dort einem Freund begegnen könnte. Theol. Sie konnte es sich kaum schönreden – es war wahrscheinlich, dass er auch Teil des Schwarzen Sterns war. Und wenn das stimmte, dann war Eleanor, sein Freund, unweigerlich ebenfalls ein Terrorist. Was, wenn sie tatsächlich in diesen Krieg geschickt wurde? Müsste sie dann ihren alten Freund töten? Leyla schloss die Augen und massierte ihre Schläfen. Bis jetzt hatte sie nie jemanden aus ihrem früheren Leben opfern müssen. Jeder Kampf war gegen Fremde gewesen, gegen Feinde, gegen Menschen, deren Tod für sie keine persönliche Bedeutung hatte. Doch Theol war kein Fremder. Ein leiser Windzug ließ die Kerzen in ihrem Zimmer flackern. Plötzlich spürte sie etwas auf ihrem Bauch. Ein Gewicht, schwer und doch vertraut. Leyla setzte sich langsam auf und sah nach unten. Ihr Atem stockte. Dort lag ein Buch. Ein Buch, das sie beinahe vergessen hatte. ,,Rabe ’ ’ Unwillkürlich griff sie danach, schlug die erste Seite auf — — und fiel in eine tiefe Ohnmacht. - ------------------------------------------------------------------------- Langsam kehrte das Sehvermögen zurück. Schatten und Lichter tanzten vor Leylas Augen, während sich die Umgebung um sie herum formte. Sie war wieder in einer Vision des Buches. Des Raben. Diesmal fühlte sich alles anders an. Schärfer. Greifbarer. Zum ersten Mal in diesen Visionen spürte sie einen Körper – aber es war nicht ihr eigener. Etwas stimmte nicht. Die Bewegungen waren fremd, die Glieder fühlten sich falsch an. Zu leicht. Zu gebrechlich. Sie konnte sich nicht umsehen, konnte ihren Blick nicht steuern, doch vor ihr erstreckte sich eine Lichtung. Sanfte Nebelschleier krochen über das feuchte Gras. In der Mitte der Lichtung lag eine Frau. Leyla brauchte einen Moment, um die Details zu erkennen. Die dunklen Haare, das scharfe Gesicht, der Körper, der unnatürlich verdreht am Boden lag. Yang. Ihr Atem stockte. Sie sah schlimm aus. Blut durchtränkte ihre Kleidung, dunkle Flecken zeichneten sich auf ihrer Haut ab. Wunden, tiefe Schnitte. Yang, die unbesiegbare Kopfgeldjägerin, lag dort – verletz und wehrlos. Wie konnte das sein? Wer hatte sie so zugerichtet? Noch bevor Leyla eine Antwort darauf finden konnte, tauchte eine Gestalt am Rand der Lichtung auf. Ein junger Mann. Er war schlank, aber nicht zerbrechlich, bewegte sich mit einer natürlichen Leichtigkeit durch das Gras. Sein kurzes goldenes Haar glänzte im Licht der untergehenden Sonne. Leyla spürte die Verwunderung in seinem Blick, als er Yang sah. Langsam näherte er sich ihr, mit einer Vorsicht, die fast ehrfürchtig wirkte. Dann kniete er sich neben sie und betrachtete ihre Wunden. Was tat er da? Wer war dieser Mann? Seine Hände zitterten leicht, als er sie auf Yangs Schultern legte. Plötzlich begann ein sanftes Licht aus seinen Fingern zu fließen. Es breitete sich aus, ein goldener Schimmer, der sich über Yangs verletzten Körper legte. Die tiefen Schnitte schlossen sich langsam, das Blut verschwand, als wäre es nie geflossen. Yang atmete ruhiger. Ihr Brustkorb hob und senkte sich in einem gleichmäßigen Rhythmus. Leyla wollte mehr sehen, wollte verstehen, was hier geschah – doch die Welt um sie herum begann zu flackern. Die Farben verschwammen. Und dann fiel sie erneut in die Dunkelheit. - ------------------------------------------------------------------------- Als Leyla wieder sehen konnte, war alles anders. Sie stand mitten auf einem Schlachtfeld. Die Luft war erfüllt von den Schreien der Verwundeten, vom dumpfen Klirren aufeinanderprallender Waffen und dem Gestank verbrannter Erde. Der Himmel war ein düsteres Grau, überzogen von dicken Rauchschwaden, die wie Geister über den Toten schwebten. Zehntausende Krieger kämpften um ihr Leben. Einige trugen die Farben des Kaiserreichs, andere gehörten zu feindlichen Armeen. Stahl blitzte auf, Magie durchbrach die Luft, und zwischen den Kämpfenden tanzte das Chaos, unaufhaltsam und gierig. Doch nichts davon fesselte Leylas Blick so sehr wie die Frau inmitten des Schlachtfelds. Sie hatte langes, schwarzes Haar, das mit jeder Bewegung wie ein dunkler Schleier um sie wirbelte. Ihre Kleidung war tiefschwarz, ohne Verzierungen oder Symbole, doch es war nicht ihr Gewand, das sie so furchteinflößend machte. Es waren ihre Hörner. Zwei große, geschwungene Hörner ragten aus ihrem Kopf, so schwarz wie die Nacht. In ihren Händen hielt sie eine Lanze, mit der sie drei Elfen gleichzeitig aufspießte, als wären sie nichts weiter als aus Stroh. Ohne zu zögern ließ sie sich nach hinten fallen – die Lanze verschwand in einer dunklen Rauchwolke, und in ihrer Hand formte sich augenblicklich eine neue Waffe. Ein Bogen aus schwarzem Nebel entstand zwischen ihren Fingern. Geschmeidig zog sie zwei Pfeile aus dem Nichts und ließ sie mit unmenschlicher Präzision fliegen. Der Magier, den sie anvisiert hatte, stand inmitten eines Schutzkreises, seine Hände leuchteten in einem grellen Blau, als er gerade einen mächtigen Zauber entfesseln wollte. Die Pfeile bohrten sich in seinen Hals, noch bevor er den Spruch vollenden konnte. Ein erstickter Laut verließ seine Lippen, dann kippte er leblos zur Seite. Doch die Frau hielt nicht inne. Der Bogen verschwand. An seiner Stelle materialisierte sich eine gewaltige Streitaxt, die sie mit einer fließenden Bewegung durch die Luft wirbelte. Ein Krieger, der sich in ihre Nähe gewagt hatte, wurde in zwei Hälften geteilt, bevor er überhaupt verstand, was geschah. Dann ließ sie die Axt verschwinden. Ein Schwert erschien in ihrer Hand. Dann eine Sichel. Dann ein Messer. Mit jeder neuen Waffe tötete sie schneller, brutaler. Ihre Angriffe waren kein bloßes Kämpfen – sie waren ein makelloser Tanz aus Blut und Tod. Ihr Haar legte sich über das Schlachtfeld wie ein dunkler Schleier, ihre roten Augen glühten in der Dunkelheit. Leyla spürte die gewaltige Präsenz, die von dieser Frau ausging. Eine Erzdämonin. Das konnte nur eine sein. Ihre Aura war so überwältigend, so vernichtend, dass es ihr unmöglich war, sich gegen die Erkenntnis zu wehren. Bläsk war stark gewesen. Aber sie? Sie war stärker. Die Vision begann zu flackern. Leyla spürte, wie die Welt um sie herum zerfiel, als würde sie von unsichtbaren Händen aus der Szene gerissen. Sie wollte bleiben, wollte sehen, wer diese Dämonin war, wollte verstehen, warum sie ihr gezeigt wurde. Doch es lag nicht in ihrem Ermessen. Die Dunkelheit verschlang sie erneut. - ------------------------------------------------------------------------- Vision folgte auf Vision, schneller als zuvor. Bilder tauchten auf, verschwanden, hinterließen Spuren in Leylas Geist, ehe sie von der nächsten Szene überdeckt wurden. Sie sah eine Hochzeit am Hafen von Welldyl. Die salzige Meeresluft hing schwer über den schmalen Stegen, während ein Brautpaar sich das Jawort gab. Ihre Hände fanden zueinander, ihre Stimmen waren in der Brandung kaum zu hören. Dann änderte sich das Bild. Ein Schafott. Ein Mann wurde in der Kaiserstadt hingerichtet. Die Menge schwieg, kein Aufruhr, kein Mitleid. Das Geräusch der fallenden Klinge durchschnitt die Luft, ein dumpfer Aufprall folgte. Der nächste Wechsel war sanfter. Zwei Händler standen beisammen, tuschelten, schüttelten Hände, schoben sich mit verstohlenen Blicken Beutel voller Gold zu. Ein stiller Handel in der Ecke eines überfüllten Marktes. Dann – ein See. Glasklares blaues Wasser, so ruhig, dass es aussah wie ein Spiegel. Fische glitten lautlos darunter hinweg, ohne Hast, ohne Angst. Die Szenen zogen an ihr vorbei wie Blätter, die der Wind mit sich riss. Warum zeigte ihr der Rabe das alles? Was bedeuteten diese Bilder? Dann fror alles ein. Die Vision änderte sich – und Leyla sah sich selbst. Sie stand in einer engen Straße, umgeben von zerklüfteten Felsen. Der Boden war aufgerissen, als hätte sich ein Krater mitten in die Stadt gegraben. Eine Grube klaffte vor ihr, ein dunkles Loch, das den Weg versperrte. Leyla – oder das andere sie – bewegte sich vorsichtig am Rand entlang. Ihr Körper war angespannt, ihre Schritte präzise, als würde sie den Sturz fürchten. Sie kletterte über die spitzen Steine, suchte Halt an den glatten Wänden. —Kraaaah— Ein Vogel krächzte laut. Das andere sie riss überrascht den Kopf hoch – und der Moment der Unachtsamkeit reichte aus. Ihr Fuß rutschte ab. Ein Schrei, ein dumpfer Aufprall. ,,Fuck, fuck, fuck!’’ Ihr eigenes Ich fluchte, ihre Stimme keuchend vor Schmerz. Sie hielt sich den Fuß, verzog das Gesicht. Dann bewegte sich etwas in den Schatten. Ein Elf. Er kletterte geschickt über die Felsen zu ihr, seine Bewegungen waren mühelos, fließend. Dann, als er näher kam, erkannte sie sein Gesicht. Liam. Er grinste die andere Leyla an. Dann zerfiel die Welt wieder zu Staub. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla keuchte laut auf. Ihr Körper bebte, ihr Atem ging stoßweise. Alles drehte sich. Ihre Finger waren verkrampft, als hätten sie sich an etwas festgeklammert, das nicht mehr da war. Sie saß wieder auf ihrem Bett. Die Dunkelheit ihres Zimmers umhüllte sie wie ein schwerer Mantel. Das Buch war verschwunden. Ein Schauder lief ihr über den Rücken. Was war das gewesen? Ihr Herz pochte noch immer ungleichmäßig in ihrer Brust, während sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Die Bilder der Visionen jagten noch immer durch ihren Kopf, wie Schatten, die sich weigerten zu verschwinden. Yang. Die Erzdämonin. Ihre eigene Vergangenheit. Sie schlang die Arme um sich, als könnte sie die Kälte, die sich in ihr ausbreitete, damit vertreiben. Diese Vision – die Szene mit dem Loch in der Straße. Sie hatte sie schon einmal gesehen. Nein. Sie hatte sie erlebt. Das war keine Zukunftsvision gewesen. Keine Warnung vor dem, was kommen würde. Es war die Vergangenheit. Und wenn das stimmte, dann bedeutete es, dass auch die anderen Visionen Fragmente der Vergangenheit gewesen waren. Yang war fast getötet worden. Die Erzdämonin hatte einst auf einem Schlachtfeld des Großen Krieges gewütet. Die Hochzeit, die Hinrichtung, das Gespräch der Händler – all das war bereits geschehen. Aber warum? Warum zeigte der Rabe ihr das alles? Leyla atmete tief ein, zwang ihren Körper, sich zu beruhigen. Ihr Geist war erschöpft, überfordert von den Bildern, die sich in ihr eingebrannt hatten. Was wollte der Rabe ihr sagen? Es gab keine Antworten. Nur Rätsel. Sie schloss kurz die Augen, lehnte den Kopf gegen die Wand und versuchte, das Gedankenchaos in ihrem Kopf zu bändigen. Doch je mehr sie nachdachte, desto mehr Fragen drängten sich auf. Schließlich entschied sie sich für das einzig Sinnvolle: Schlafen. Sie konnte die Vergangenheit nicht ändern. Und sie konnte die Antworten nicht erzwingen. Morgen war ein neuer Tag. Morgen würde sie nach Antworten suchen. Mit einem leisen Seufzen ließ sie sich zurück auf das Kissen sinken. Doch kaum hatte ihr Kopf den Stoff berührt, spürte sie es. Ein feines Kribbeln auf ihrer Haut. Leyla hob die Hand – und erstarrte. Die Tattoos auf ihren Fingern, die feinen Linien, die durch die Magie der Runensteine in ihre Haut eingebrannt worden waren… Sie pulsierten.

  • Kapitel 152 - Kuchen unter Freunden

    „Nea!“ rief Leyla und eilte ihrer Freundin entgegen. Ohne zu zögern schlang sie die Arme um sie und zog sie in eine feste, herzliche Umarmung. Für einen Moment fiel all die Anspannung der letzten Stunden von ihr ab. Es war ein vertrauter Halt, ein Stück Normalität in einer Welt, die sich stetig veränderte. „Boah, was ist das denn für ein Orden?“ kam Neas Stimme gedämpft zwischen Leylas Armen hervor. Leyla konnte nicht anders, als zu schmunzeln. Sie hatte die Unbekümmertheit ihrer Freundin vermisst, die Art, wie Nea mit ihrer Leichtigkeit selbst die schwersten Momente zu durchbrechen schien. „Das ist ein Diplomatenorden“, erklärte sie, während sie sich langsam von ihr löste. Nea musterte sie mit großen Augen, als hätte Leyla ihr gerade eine besonders absurde Geschichte erzählt. Dann machte sie plötzlich einen freudigen Satz in die Luft, ihr Gesicht strahlte vor Begeisterung. „Ich hab noch nie einen Orden bekommen! Beeindruckend, dass du es nach so kurzer Zeit geschafft hast.“ Leyla verkniff sich eine spitze Bemerkung. Sie konnte sich denken, warum Nea nie für eine solche Ehrung in Frage gekommen war. Stattdessen ließ sie ihren Blick durch den Raum schweifen. Ihr Blick fiel auf den angrenzenden Wohnbereich, und in dem Moment erstarrte sie. Ein Reh saß an einem der hölzernen Tische und trank genüsslich Tee. Leyla blinzelte. Rieb sich ungläubig die Augen. Doch als sie wieder aufsah, war das Tier noch immer da. Ein Reh, ganz eindeutig, mit weichem, braunen Fell und großen, ruhigen Augen. Der Dampf des heißen Getränks kräuselte sich sanft in der Luft, als würde sich nichts Ungewöhnliches in diesem Raum abspielen. „Nea…“ begann Leyla langsam, während sie den Blick nicht von dem seltsamen Anblick abwenden konnte. „Wer… wer ist dieses Reh?“ Nea zog gespielt geheimnisvoll die Augenbrauen hoch. „Das ist…“ Sie ließ sich extra viel Zeit, zog die Spannung bewusst in die Länge. Erst als Leyla sich bereits ungeduldig zu ihr umdrehte, setzte sie mit einer theatralischen Geste fort: „Heppy! Die neunte Kaiserliche Kopfgeldjägerin!“ Es dauerte einen Moment, bis die Worte in Leylas Bewusstsein sanken. Dann dämmerte es ihr. Hepma. Sie hatte von ihr gehört – eine Schamanin, eine Gestaltenwandlerin, die in der Lage war, die Form von Tieren anzunehmen. Doch Leyla hatte nie erwartet, ihr auf diese Weise zu begegnen. Sie wollte gerade auf die mysteriöse Kopfgeldjägerin zugehen, um ein Gespräch zu beginnen, als sie plötzlich einen unerwarteten Stoß spürte. Nea war ihr auf den Rücken gesprungen, ihre Beine um Leylas Taille geschlungen. „Oh! Ich hab’s fast vergessen zu erzählen!“ rief Nea aus, als hätte sie sich gerade erst an eine unbedeutende Kleinigkeit erinnert. „Der rothaarige Minister wartet auf dich.“ Leylas Magen zog sich augenblicklich zusammen. Aragi. Ihr Herz setzte einen Schlag lang aus. Auf dem Heimweg hatte sie ihn völlig verdrängt – die unausweichliche Begegnung, die sie erwartet hatte, aber nicht so schnell. Nicht hier. Nicht in ihrem eigenen Zuhause. Ohne zu zögern schüttelte sie Nea ab. Diese protestierte zwar lautstark, ließ sich jedoch lachend von ihrem Rücken plumpsen. Doch Leyla hielt sich nicht länger bei Nea auf. Ihre Gedanken überschlugen sich bereits, während sie mit schnellen Schritten durch den Flur eilte. Aragi war bereits hier. Und das bedeutete, dass sie sich auf das Schlimmste gefasst machen musste. -------------------------------------------------------------------------- Selfmun Aragi saß in Leylas Sessel, als gehöre ihm der Raum. Die Art, wie er sich in dem weichen Polster zurücklehnte, eine Hand lässig auf der Armlehne, ein Bein über das Knie geschlagen, ließ keinen Zweifel daran, dass er sich hier nicht als Gast fühlte. Eroica saß ihm gegenüber, ihre Ohren zuckten leicht – ein untrügliches Zeichen für ihre Nervosität. „Ahh, Leyla! Wie schön, dich zu sehen!“ rief Aragi erfreut, als hätte er sie zufällig auf einem Fest wiedergetroffen und nicht gezielt in ihren eigenen Gemächer gewartet. Leyla verschränkte die Arme vor der Brust. „Ja… wie schön“, murmelte sie knapp, ohne sich die Mühe zu machen, ihre Skepsis zu verbergen. „Ich habe mich gerade mit deiner Dienerin über die Geschichte der Meriden unterhalten.“ Aragi sprach ruhig, als wäre dies ein angenehmer Zeitvertreib und keine bewusste Provokation. „Ein äußerst faszinierendes Thema. Ich interessiere mich stets für das Vergangene.“  Seine Worte waren harmlos, doch der Unterton war unmissverständlich. Er wollte ihr zeigen, dass er jeden ihrer Schritte verfolgte – dass er sich alles über sie aneignete, was ihm nützlich sein könnte. Leyla ließ sich nicht auf das Spiel ein. Sie ging nicht auf seine Stichelei ein, sondern setzte sich schweigend neben Eroica. Einen Moment überlegte sie, ob ihre Freundin bleiben sollte, doch sie verwarf den Gedanken. Sie wollte nicht, dass Eroica weiter Selfmun Aragi ausgesetzt war. „Eroica? Lass uns bitte allein“, sagte sie ruhig, ohne ihren Blick von Aragi abzuwenden. Eroica erhob sich sofort, verbeugte sich leicht. „Wie Ihr wünscht.“ Ohne Widerworte verließ sie den Raum, doch Leyla spürte, dass ihre Freundin nur widerwillig ging. Kaum war die Tür hinter ihr zugefallen, richtete Leyla sich auf und sah Aragi direkt an. „Also? Weshalb bist du hier?“ Der Minister lächelte – sein übliches, höfliches Lächeln, das lediglich Berechnung und keine Freude zeigte. „Ich wollte dich für deinen Erfolg auf den Tabakinseln beglückwünschen. Und natürlich lief auch dein Auftrag zufriedenstellend.“ Leyla unterdrückte ein Schnauben. Sie hatte längst vermutet, dass Aragi über die Runensteine Bescheid wusste. Nun hatte sie Gewissheit. Er ließ es beiläufig klingen, doch in Wahrheit war es eine Botschaft: Ich weiß, was du getan hast. Ich sehe dich. Sie konnte ihm nicht trauen. Das hatte sie nie. Doch sie konnte es sich ebenso wenig leisten, ihn sich zum Feind zu machen. Er hatte Macht – nicht nur innerhalb des Kaiserreichs, sondern auch über sie. Sie hielt seinen Blick stand und nickte leicht. „Der Tipp mit der Kampfschule hat mir weitergeholfen.“ Ihre Stimme war ruhig, fast beiläufig, als wolle sie ihm keine Genugtuung geben. „Ist das so?“ Aragi legte den Kopf leicht schief. „Freut mich, dass ich dir helfen konnte.“ Dann wechselte er abrupt das Thema. „Ich habe gehört, dass du neue Freunde gefunden hast. Wie hießen sie doch gleich? Die Blätterlosen?“ Leylas Augen verengten sich. Eine kalte Welle kroch durch ihren Körper. Es war keine beiläufige Bemerkung. Es war eine Drohung. Ein Beweis, dass er wusste, wer ihr wichtig war. Dass er sie daran erinnern wollte, dass niemand in ihrem Leben vor ihm verborgen blieb. Sie wollte antworten, wollte sich zur Wehr setzen, doch Aragi kam ihr zuvor. „Wo wir schon bei Freunden sind… wusstest du, dass Liam gar nicht mehr in Randurin ist?“ Leyla spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Vor nicht einmal zwei Stunden hatte General van Lautern sie genau darauf angesprochen – und er war sicher gewesen, dass Liam dort war. Doch Aragi wusste es besser. Das bedeutete, dass er genauere Informationen hatte als die Kaiserliche Armee selbst. Sie verspürte den brennenden Drang zu fragen, wo Liam nun war. Doch sie zwang sich zur Ruhe. Jede Frage würde ihm nur zeigen, dass sie sich sorgte. Sie würde ihm genau das geben, was er wollte. Stattdessen lehnte sie sich zurück, verschränkte die Arme und wechselte selbst das Thema. „Demnächst wird der nächste Kronprinz im Prinzenspiel verlieren und verbannt werden“, sagte sie mit gespieltem Interesse. „Was denkst du, wer wird der nächste sein?“ Sie wusste, dass er die Frage durchschauen würde. Doch es war besser, über Belanglosigkeiten zu sprechen, als sich von ihm in ein Gespräch drängen zu lassen, das nur seinen Zielen diente. Aragi reagierte nicht sofort. Einen Moment musterte er sie, als würde er abwägen, ob er sich auf das Spiel einlassen wollte. Dann zuckte er die Schultern. „Ich denke, dass es da eine ganz eindeutige Antwort gibt.“ Seine Stimme klang betont gelangweilt. „Mich interessiert das Prinzenspiel nicht. Was mich hingegen interessiert, sind seine Folgen.“ Er ließ sich bewusst Zeit, bevor er weitersprach. „Eugenius wurde verbannt, eine Kopfgeldjägerin reist nach Evigane, um ihn zu treffen, stellt fest, dass er bereits tot ist und beschließt daraufhin, Rache zu nehmen. Das ist doch viel spannender, oder?“ Leyla erstarrte innerlich. Sie hatte vermutet, dass Bournadettes Verrat etwas mit Eugenius zu tun hatte – aber jetzt wusste sie es sicher. Aragi hatte es ihr gerade bestätigt, mit einem süffisanten Lächeln, als hätte er nur eine nette Anekdote erzählt. Sie wusste, dass sie stärker geworden war. Seit ihrem letzten Kampf gegen Bournadette hatte sie sich verändert, sie hatte gelernt, war gewachsen. Doch war es genug? War sie stark genug, um Bournadette entgegenzutreten, wenn der Tag kam? „Wie dem auch sei“, fuhr Aragi fort, seine Stimme wieder so leicht wie zu Beginn des Gesprächs. „Demnächst wird ein Angriff auf die zweite Einheit des Schwarzen Sterns durchgeführt. Noch ist nicht entschieden, wer daran teilnehmen wird… aber ich halte es für eine interessante Idee, dich dorthin zu schicken.“ Er machte eine kurze Pause, ließ die Worte sacken, bevor er hinzufügte: „Du magst doch Krieg, oder?“ -------------------------------------------------------------------------- Leyla hasste den Krieg. Und sie wusste mit absoluter Sicherheit, dass Aragi das wusste. Der rote Teufel spielte weiter sein Spiel, sein Lächeln so undurchsichtig wie immer, seine Worte sorgfältig gewählt, um ihre Reaktionen zu testen. Doch sie ließ sich nicht provozieren. Stattdessen hob sie ruhig eine Hand und tippte mit dem Finger leicht gegen den goldenen Orden an ihrer Rüstung. „Wie du sicherlich bemerkt hast, habe ich einen Diplomatenorden erhalten.“ Ihre Stimme war kontrolliert, ihre Miene ausdruckslos. „Es wäre also nur logisch, dass ich als Verhandlungspartnerin eingesetzt werde.“ Aragi nickte langsam, als würde er ihren Worten zustimmen. „Herzlichen Glückwunsch.“ Seine Stimme war so glatt, dass es fast klang, als hätte er es wirklich ernst gemeint. „Ich bin mir sicher, dass noch viele Orden folgen werden.“ Dann griff er gemächlich nach der Teetasse vor ihm, nahm einen langsamen Schluck, als hätte er alle Zeit der Welt. Die Art, wie er sich bewegte – kontrolliert, beiläufig, fast spöttisch – ließ Leyla die Zähne zusammenbeißen. Jede einzelne seiner Gesten war durchdacht. „Für dich sollte der Grünenwald besonders interessant sein“, sagte er schließlich. „Wenn du die Gelegenheit hast, dann folge den Feen.“ Leyla spürte, wie ein eisiger Schauer über ihren Rücken lief. Aragi hatte seine Worte bewusst gewählt. Das war keine zufällige Bemerkung. Wollte er ihr wieder eine Spur legen? Ein weiteres Puzzlestück, das sie zu den Runensteinen führen würde? So wie der Tipp mit der Kaifeng-Kampfschule? Wenn dem so war, dann hatte er einen Plan – und dieser Plan bedeutete, dass er selbst davon profitieren würde. Doch es spielte keine Rolle. Sie musste die Runensteine sammeln, ganz gleich, was es kostete und wer davon profitierte. Sie hatte keine Wahl. „Eine großartige Idee übrigens, dich als Potenzialistin darzustellen.“ Aragi lehnte sich leicht vor, sein Blick neugierig. „Ich nehme an, es war deine werte Leibdienerin, die sich diesen Schachzug ausgedacht hat? Ein cleveres Mittel, um deine wahren Fähigkeiten zu verschleiern – zumindest vorerst.“ Er ließ eine bedeutungsschwere Pause folgen, bevor er weitersprach. „Aber was wirst du tun, wenn man dich testen will? Wenn jemand überprüfen möchte, ob du tatsächlich weitere Magieelemente lernen kannst? Wäre es dann nicht… problematisch?“ Leyla horchte innerlich auf, doch sie ließ sich nichts anmerken. Aragi sprach absichtlich in Rätseln, doch seine Worte verrieten ihr mehr, als er vielleicht beabsichtigt hatte. Er wusste nichts von ihrer Feuermagie. Das war eine wertvolle Information. Er kannte also nicht alle ihre Geheimnisse. Sie hatte noch einen Trumpf in der Hand, einen Teil von sich, den er nicht durchschaut hatte. Das bedeutete, dass sie zumindest an dieser Front noch eine gewisse Kontrolle über die Situation hatte. Sie winkte ab. „Das ist kein Problem, mit dem ich mich aktiv beschäftige.“ Ihre Stimme blieb ruhig, fast beiläufig. Dann sah sie ihn direkt an. „Willst du mir nicht endlich deinen eigentlichen Grund verraten? Warum bist du hier?“ Aragi hob eine Augenbraue. Für einen kurzen Moment war seine Überraschung echt – ein seltener Augenblick, in dem er aus seinem üblichen, glatten Spiel herausfiel. Doch nur für den Bruchteil einer Sekunde. Dann kehrte sein Lächeln zurück, geschliffen und berechnend. „Ich merke, dass du das Gespräch kurz halten willst.“ Sein Tonfall wurde einen Hauch ernster. „Dann bin ich mal so frei, dir meine Bitte direkt zu stellen.“ Leyla spürte, wie sich die Luft im Raum veränderte. Die Atmosphäre wurde schwerer, dichter. Aragi hatte noch nie eine Bitte offen geäußert. „Wenn du im Krieg gegen den Schwarzen Stern im Grünenwald eingesetzt wirst, wirst du unweigerlich auf den stellvertretenden Anführer treffen.“ Er hielt inne, musterte sie eindringlich. „Töte ihn.“ So direkt war Aragi noch nie gewesen. Warum stellte er gerade diese Bitte so offen? Leyla blieb reglos. Kein Muskel in ihrem Gesicht zuckte. Doch innerlich arbeitete ihr Verstand fieberhaft. Warum sprach Aragi plötzlich so offen? Warum ausgerechnet jetzt? War das eine Falle? Oder wollte er testen, ob sie bereit war, seinen Einfluss zu akzeptieren? Sie wollte gerade ansetzen, um eine Antwort zu formulieren – vorsichtig, durchdacht – als plötzlich eine Stimme hinter ihr erklang. [???] ,,Was ein schöner Abend, um sich zu unterhalten. Will jemand Kuchen haben?’’ -------------------------------------------------------------------------- Leyla fuhr herum, ihr Körper spannte sich an, als sie die Gestalt in der Tür erkannte. Ein weiterer, dem sie lieber aus dem Weg gegangen wäre. Der Mann, dem sie nach Aragi am meisten misstraute. Kronprinz Hypos. Er trug wie immer seinen goldenen Anzug, dessen aufwendige Stickereien im Kerzenlicht schimmerten. Ein schwarzer Umhang lag locker über seinen Schultern, und auf seinem Kopf thronte ein schwarzer Anglerhut – eine absurde Wahl, die dennoch auf eigenartige Weise zu ihm passte. In seiner linken Hand hielt er ein Messer, die Klinge schmal und elegant. In der rechten balancierte er einen Teller mit drei Stücken Kuchen. Ohne Eile schlenderte er in den Raum, als wäre dies sein eigenes Wohnzimmer, als hätte er Aragi und Leyla nicht inmitten eines Gesprächs überrascht, das mit unausgesprochenen Drohungen gespickt war. Er nahm Platz, ließ sich mit übertriebener Lässigkeit in einen der Sessel sinken und ignorierte dabei die Blicke, die Leyla und Aragi ihm zuwarfen. Dann, mit der Ruhe eines Mannes, der sich seiner Unantastbarkeit bewusst war, reichte er Aragi und Leyla jeweils ein Stück des Kuchens. „Lasst uns diesen leckeren Kuchen gemeinsam genießen.“ Seine Stimme war heiter, als wäre dies ein friedlicher Nachmittag unter Freunden. „Wir verbringen viel zu wenig Zeit zusammen. Da können wir doch diesen Moment genießen, nicht wahr?“ Leyla wollte es nicht zugeben, doch seine unerwartete Störung hatte sie aus einer unangenehmen Lage befreit. Aragi hatte von ihr eine Antwort erwartet, eine Reaktion auf seine Bitte – nein, seine Forderung. Doch nun war der Moment verstrichen. Hypos hatte ihn zerschlagen wie eine Schale, die achtlos vom Tisch gestoßen wurde. Trotzdem zögerte sie, ihr Blick ruhte auf dem Stück Kuchen vor ihr. Hypos bemerkte ihr Misstrauen und lachte. „Das ist nicht vergiftet, Leyla. Das wäre dir gegenüber doch der völlig falsche Ansatz!“ Er legte seine Füße auf den Tisch, als wollte er jede angespannte Atmosphäre im Raum mit bloßer Dreistigkeit hinwegfegen. Leyla schnaubte leise. Es war sinnlos, weiter zu zögern. Sie nahm eine Gabel und probierte den Kuchen. Kirschkuchen. Süß und saftig, der Geschmack füllte ihren Mund, der Teig war perfekt gebacken. So sehr sie ihn auch hassen wollte – es war ein verdammt guter Kuchen. „Also, worüber habt ihr euch unterhalten?“ fragte Hypos mit gespieltem Interesse, während er sich sein Stück in den Mund schob. Aragi sah ihn an, sein Gesicht ausdruckslos wie eine steinerne Maske. Leyla konnte sich bildlich vorstellen, wie er den Prinzen innerlich verfluchte. Doch er ließ sich nichts anmerken. „Wir haben über die aktuelle innenpolitische Lage gesprochen,“ antwortete er schließlich kühl. „Was meinst du, Hypos? Wer von deinen Brüdern wird nächsten Monat verbannt werden?“  Hypos brach in lautes, unkontrolliertes Gelächter aus, als hätte Aragi ihm den witzigsten Scherz des Abends erzählt. Seine Schultern bebten, seine Hand klatschte auf seine Knie, und es dauerte einen Moment, bis er sich wieder gefasst hatte. „Wer weiß?“ grinste er schließlich, als hätte er sich an ein gut gehütetes Geheimnis erinnert. „Ich tippe auf Sebastian.“ Leyla runzelte die Stirn. Sebastian? Das war merkwürdig. Kronprinz Sebastian stand derzeit an zweiter Stelle, direkt hinter Hypos. Warum sollte er verbannt werden? Hypos grinste und lehnte sich etwas nach vorne, sein Blick auf Aragi gerichtet. „Sag mir, Selfmun, war Sebastian nicht Euer Favorit? Wäre doch mal eine nette Abwechslung, wenn das Pferd, auf das du gesetzt hast, lahmen würde.“ Leyla musste unwillkürlich schmunzeln. Es war erfrischend, jemanden zu sehen, der mit Aragi sprach, ohne sich von ihm einschüchtern zu lassen. Der wahnsinnige Prinz — Hypos mochte verrückt sein, unberechenbar und gefährlich – aber er ließ sich von niemandem in Ketten legen. Aragi erwiderte den Kommentar nicht. Er war zu klug, um auf Hypos’ Spiel einzugehen. Stattdessen wandte er sich erneut Leyla zu. „Ich denke, du hast bereits genug aus unserem Gespräch mitgenommen.“ Dann erhob er sich mit einer fließenden Bewegung, rückte seinen Mantel zurecht und verließ den Raum. Leyla war nun allein mit Hypos. Der Kronprinz betrachtete sie mit unverhohlener Neugierde. Dann, ohne Vorwarnung, griff er nach ihrer rechten Hand. Leyla spannte sich an, überlegte kurz, ob sie sich losreißen sollte – doch Hypos hielt sie nicht mit Gewalt fest. Er drehte ihre Handfläche nach oben, sein Blick wanderte über die filigranen Linien der Tattoos, die sich auf ihrer Haut erstreckten. „Hübsche Tattoos“, murmelte er leise. Seine Stimme klang amüsiert, aber auch... interessiert. Fast schon ehrfürchtig. „So mächtig. So voller Magie.“ -------------------------------------------------------------------------- Leyla kniff die Augen zusammen und zog ihre Hand ruckartig zurück. Die Berührung mochte flüchtig gewesen sein, doch das Gefühl, von Hypos durchleuchtet zu werden, blieb. Der Kronprinz beobachtete sie mit einem gespielt überraschten Blick, ehe sich seine Lippen zu einem breiten Grinsen verzogen. „Ich wollte dir nicht zu nahe treten.“ Seine Stimme war ein sanftes Säuseln, das dennoch in seinem üblichen Spott getränkt war. „Ich habe nur überlegt, mir selbst ein solches Tattoo stechen zu lassen. Ich habe gehört, dass in Jidar ein wahrer Künstler auf diesem Gebiet sein soll.“ Leyla nickte knapp. „Das habe ich auch gehört. Falls ich ihn besuche, kann ich ihn fragen, ob er dir auch eines sticht.“ Sie spielte sein Spiel mit, doch sie wusste genau, dass es hier nicht um Tätowierungen ging. Es ging um die Runensteine. Hypos testete sie. Vielleicht wollte er sehen, wie viel sie bereits wusste. Eroica hatte in einem alten Buch eine Spur gefunden, einen Hinweis darauf, dass in Jidar einer der Steine verborgen lag. Und nun sprach Hypos genau von diesem Ort. Plötzlich stand der Prinz auf. Seine Bewegungen waren mühelos und tänzerisch, während er auf den Kamin zuschritt. Sein Blick fiel auf das Kissen davor, auf dem das Drachenei ruhte. „Ein schönes Drachenei hast du da, Leyla“, murmelte er und beugte sich leicht vor. Leyla verspannte sich augenblicklich. Sie stand ebenfalls auf und folgte ihm mit schnellen Schritten. Sie konnte sich bei Hypos nie sicher sein – würde er es zerstören? Es ins Feuer werfen, nur um zu sehen, was passieren würde? Bei ihm gab es keine Vorhersehbarkeit, nur Chaos. Doch anstatt etwas zu tun, betrachtete er das Ei mit funkelnden Augen, als wäre es ein seltenes Schmuckstück, das ihn in seinen Bann gezogen hatte. Dann lachte er leise. „Das erinnert mich an Michelle.“ Leyla blinzelte. Sie kannte diesen Namen nicht. Hypos drehte den Kopf leicht zur Seite, sein Blick wirkte einen Moment lang unerwartet sanft. „Michelle ist mein Drache. Meine Seelenverwandte.“ Er hielt inne, als würde er einen alten, wertvollen Schatz in Gedanken streifen. „Ich habe auch vor Jahren ein Drachenei gefunden… oder sagen wir, es hat mich gefunden.“ Er grinste schelmisch, hob eine Hand und legte einen Finger über seine Lippen. „Aber verrat das niemandem. Das ist geheim.“ Dann begann er zu kichern – ein leises, fast kindliches Geräusch, das jedoch eine seltsame Unruhe in Leyla hervorrief. Es war unmöglich zu sagen, ob seine Worte wahre Vertraulichkeit bedeuteten. „Jetzt wissen wir beide ein Geheimnis des anderen.“ Hypos drehte sich halb zu ihr um, sein Blick herausfordernd. „Wir sind wohl wirklich Freunde.“ Leyla ignorierte den Kommentar. Sie hatte genug von seinem Gerede. „Warum bist du hier, Hypos?“ fragte sie direkt. Es war Zeit, das Gespräch zu einem Ende zu bringen. Hypos blinzelte sie an, als hätte er die Frage nicht erwartet. „Um Kuchen zu essen!“ rief er schließlich aus, als wäre das die offensichtlichste Antwort der Welt. Leyla seufzte. „Das haben wir ja jetzt getan. Wenn es nichts Weiteres gibt, hätte ich gerne meine Ruhe.“ Der Kronprinz legte eine Hand auf die Brust und neigte spielerisch den Kopf. „Oh natürlich, wie unaufmerksam von mir.“ Er griff in die Innentasche seines goldverzierten Mantels und kramte für einen Moment darin, bevor er ein kleines Buch hervorholte. Er drehte es in den Fingern, musterte es kurz und reichte es Leyla dann mit einer übertriebenen Geste. „Ein kleines Geschenk meinerseits.“ Ohne eine weitere Erklärung machte er auf dem Absatz kehrt und schlenderte zur Tür. Als er den Türrahmen erreichte, hielt er inne, drehte sich noch einmal um und warf ihr ein breites Grinsen zu. „Seite vierundsiebzig könnte für dich interessant sein.“ Dann brach er in schallendes Gelächter aus, als hätte er gerade den besten Scherz des Abends gemacht, und verschwand. Leyla stand noch einen Moment reglos da, ihr Blick auf die leere Tür gerichtet. Dann senkte sie langsam den Kopf und betrachtete das Buch in ihren Händen. Sein Einband war schlicht, dunkelbraun, mit vergoldeter Schrift. ,,Das kulinarische Erlebnis im Kaiserreich.’’ Leyla schnaubte leise. Natürlich. Selbst in seinen Hinweisen versteckte Hypos eine weitere Schicht an Wahnsinn. Seite vierundsiebzig.

  • Kapitel 150 - Das Geschenk der Sterne

    Leyla betrat das Hauptquartier der Kopfgeldjäger, und sofort umfing sie das Gefühl der Heimat. Es war, als hätte das Gebäude selbst sie erkannt und willkommen geheißen – die massiven schwarzen Steinwände, die hölzernen Balken, das sanfte Flackern der Öllampen an den Wänden. Der vertraute Duft von Rauch, altem Papier und frisch gebrühtem Tee lag in der Luft. Mit ruhigen, aber entschlossenen Schritten ging Leyla zu ihrem Wohnbereich. Sie öffnete die Tür und ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Alles war, wie sie es verlassen hatte – die Regale voller Bücher, die weichen Sessel, auf denen sie und ihre Dienerin so oft mit einem dampfenden Tee gesessen hatten. Und mitten in diesem vertrauten Bild saß Eroica, in ein Buch vertieft, ihre filigranen Finger glitten sanft über die Seiten. Ihre Schnurrhaare zuckten leicht, als sie die Tür hörte, und dann hob sie den Kopf. „Leyla, Ihr seid wieder da!“ rief sie, ihre Stimme klang erleichtert und voller Freude. Sie klappte das Buch zu und erhob sich mit einer geschmeidigen Bewegung. Ein warmes Lächeln lag auf ihrem Gesicht, doch in ihren Augen lag auch ein Hauch von Besorgnis. Bevor Leyla protestieren konnte, nahm ihr Eroica den Mantel ab und warf einen prüfenden Blick auf sie. „Habt Ihr Hunger? Soll ich Euch etwas zu essen machen?“ Leyla schüttelte den Kopf und ließ sich auf einen Stuhl am Tisch sinken. Ein müdes, aber ehrliches Lächeln spielte um ihre Lippen. „Nein, aber danke. Ich würde lieber mit dir reden.“ Eroica nickte und setzte sich ihr gegenüber. Ihr Blick war aufmerksam, lauernd, als ob sie bereits wusste, dass etwas Wichtiges kommen würde. Leyla atmete tief durch und begann zu erzählen. Sie sprach von ihrer Reise, vom Fall von Mylrie, von den Runensteinen, von Sandyr. Eroica hörte still zu, doch Leyla konnte sehen, wie ihre Augen sich verengten, als sie das Ausmaß des Geschehenen begriff. Wahrscheinlich hatte sie es schon geahnt. Eroica war klug, sie hatte schon vor Leylas Aufbruch gewusst, dass die Stadt der Meriden fallen musste. Dennoch nahm sie die Worte mit bedachter Miene auf. Dann kam der schwierigste Teil – die Großmagi des Magieturms. Leyla erzählte von Miguel Astrada, davon, wie sie in den Turm eingedrungen war, wie sie sechs der sieben Magier getötet hatte. Eroicas Gesicht veränderte sich nicht, doch ihre Finger, die auf dem Tisch lagen, zuckten leicht. Sie wartete, bis Leyla endete, dann sprach sie ruhig: „Haben die Großmagi gelitten? Oder war es ein schneller Tod?“ Leyla zögerte. Sie hatte erwartet, dass Eroica ihre Taten verurteilen würde, vielleicht wütend auf sie sein würde. Doch die Frage war frei von Vorwurf, nur ein stilles, nüchternes Interesse. „Nein, sie haben nicht gelitten“, antwortete Leyla schließlich. Ihre Stimme war ruhig, aber fest. „Ich habe sie in ein Loch fallen lassen und es sofort geschlossen.“ Eroica nickte. ,,Der Tod von ihnen war unvermeidbar. Wenigstens konnten sie schnell und ohne unnötiges Leid sterben.’’ Leyla musterte ihre Freundin, suchte in ihrem Gesicht nach einer Reaktion. „Bist du nicht wütend, Eroica?“ Die Filina sah sie mit einem sanften Lächeln an. „Nein. Ich bin Eure Freundin, Leyla. Eure Dienerin, Eure Verbündete. Wenn ich mich zwischen jemand anderem und Euch entscheiden muss, werde ich immer Euch wählen.“ Leyla spürte, wie sich die Anspannung in ihr löste. Ein warmes Gefühl breitete sich in ihrer Brust aus. „Danke.“ Doch es gab noch mehr zu erzählen. Leyla sprach von der Seeschlacht, den Verhandlungen, dem Vulkan – von der Erkenntnis, dass der Runenstein der Erde ihr nicht nur Erdmagie verlieh, sondern auch Feuer. ,,Wie du sicher schon verstanden hast, werde ich mich vor Yang rechtfertigen müssen. Ich muss erklären, wieso ich auf einmal Wassermagie beherrsche. Meine Idee war es, das Gerücht aufzugreifen, dass ich eine besondere Affinität zu allen Magieelementen habe und in der Zeit in Mylrie in Wassermagie trainiert worden bin.’’ Eroica hörte aufmerksam zu, ihre Schnurrhaare zuckten leicht, als ob sie verschiedene Möglichkeiten abwägte. Doch sie sagte nichts und ließ Leyla weiterreden. Dann erzählte Leyla von der falschen Identität als Mera, von der Reise mit den Blätterlosen und von dem Kampf mit dem Oni. Als sie von der Nähe zu Alexandra erzählte, lächelte Eroica. Sie zeigte ihre Freude darüber, dass Leyla eine Person getroffen hatte, zu der sie so eine Nähe und Intimität empfinden konnte. ,,Was ist in diesem Garten passiert? Ich nehme mal an, die Zeit ist dort anders verlaufen. Ihr seht älter aus, wenn auch nicht viel.’’ Leyla erzählte von dem Garten, von dem einjährigen Training, das für die Außenwelt nur eine Stunde gedauert hatte, von der schwarzen Tür, von den Runensteinen. Als Leyla endete, trat einen Moment lang Stille ein. Dann stand Eroica abrupt auf, ging zu einem der Regale und zog ein altes, abgenutztes Buch heraus. Ihre Augen funkelten, als sie zu Leyla zurückkehrte. „Ich habe eine Idee, wie wir Euer Dilemma lösen können“, sagte sie, ihre Stimme voller Entschlossenheit. -------------------------------------------------------------------------- In jeder Generation gibt es Magier, die aus der Masse herausragen. Sie übertreffen ihre Zeitgenossen, meistern die Kunst der Magie mit einer Leichtigkeit, die andere nur bestaunen können, und hinterlassen Spuren in den Geschichtsbüchern. Sie werden zu Legenden, zu Symbolen der Macht und zur Inspiration für künftige Generationen. Namen wie Ifrit der Große, Astraoph oder jüngst High Rock sind monolithisch mit der Magiegeschichte verbunden. Sie alle hatten eines gemeinsam: eine außergewöhnlich hohe Affinität zur Magie, ein tiefes Gespür für den Fluss des Manas und – nicht zu unterschätzen – das Glück, eine erstklassige Ausbildung genossen zu haben. Und doch war jeder von ihnen auf seine eigene Weise einzigartig. High Rock, der berühmte Eismagier, ist ein Meister auf nur einem einzigen Gebiet. Er verfügt über keine Vielseitigkeit, keine Beherrschung anderer Elemente. Nicht, weil er sich bewusst dagegen entschieden hätte, sondern weil er es nicht kann. Seine Gabe liegt ausschließlich in der Eismagie, in der er jedoch eine Perfektion erreicht hat, die ihn zu einer unaufhaltsamen Kraft in seinem Element macht. Ifrit der Große, einer der mächtigsten Magier zur Zeit des Großen Krieges, war das genaue Gegenteil. Er besaß eine natürliche Affinität zu allen Magieelementen und kämpfte mit einer Flexibilität, die ihn auf dem Schlachtfeld nahezu unbesiegbar machte. Er konnte seine Angriffe fließend anpassen, von sengenden Flammen zu tosenden Fluten wechseln, die Erde aufspalten oder Winde entfesseln, um seine Feinde zu zerschmettern. Doch am faszinierendsten war wohl Astraoph. In seiner Kindheit schien er kein Talent für Magie zu besitzen. Er war schwach, ein scheinbarer Durchschnittsmagier ohne herausragende Fähigkeiten. Viele gaben ihn auf, hielten ihn für unfähig, je Großes zu erreichen. Doch sein Onkel glaubte an ihn und schickte ihn nach Inhantes, um die Magie zu studieren. Dort begann etwas, das niemand erwartet hatte. Astraoph trat als Schüler eines Wassermagiers an und innerhalb weniger Monate entwickelte sich sein Potenzial in diesem Element explosionsartig. Er lernte schneller als alle anderen, wuchs über sich hinaus und wurde in kürzester Zeit zum Meister der Wassermagie. Doch er blieb nicht stehen. Er zog weiter und suchte einen Feuermagier auf. Und wieder geschah das Unfassbare – unter der richtigen Anleitung wurde er zu einem Meister der Feuermagie. Es war ein Muster, das sich fortsetzte. Egal, welchem Lehrmeister er sich anvertraute, welches Element er studierte – sobald er auf jemanden traf, der ihm die Wege der Magie lehrte, entfesselte sich sein verborgenes Potenzial. Er eignete sich jedes Element mit einer Geschwindigkeit an, die alles übertraf, was man je gesehen hatte. Rhovar Trellis prägte für dieses Phänomen den Begriff „Potenzialisten“. Ein Magiertyp, der extrem selten vorkommt. Neben Astraoph fand er in den über eintausend Jahren nach dem Großen Krieg lediglich zwei weitere Beispiele für diese außergewöhnliche Fähigkeit. Was machte Potenzialisten aus? Warum konnten sie ihre Fähigkeiten auf diese Weise entfalten, während andere Magier in ihren begrenzten Bereichen verharrten? Und gab es sie noch? Fragen, die selbst nach Jahrhunderten des Studiums unbeantwortet blieben. Doch eines war sicher – Magier wie Astraoph waren nicht nur Meister ihres Fachs. Sie waren ein Wunder der Magie selbst. -------------------------------------------------------------------------- Leyla klappte das Buch zu. Es war eine moderne Abhandlung über die Vielseitigkeit der Magie, ein Werk, in dem Eroica ihr nur einen kurzen Abschnitt gezeigt hatte, doch er reichte aus. Sie hatte sofort verstanden, worauf ihre Dienerin hinauswollte. „Ich soll also Yang gegenüber andeuten, dass ich vermute, eine Potenzialistin zu sein?“ fragte sie langsam, während sie das Buch gedankenverloren zwischen den Fingern drehte. Eroica nickte, ihre grünen Augen funkelten. „Genau. Ich würde vorschlagen, dass Ihr erwähnt, dass es meine Theorie ist und ich das Ganze weiter untersuchen werde. Ich bin eine anerkannte Akademikerin, und selbst wenn sich zwangsläufig die Vermutung als falsch erweist, sollten wir damit eine Menge Zeit gewinnen.“ Leyla schmunzelte. Natürlich hatte Eroica eine Lösung. Sie hatte es gewusst. Ihre treue Dienerin wusste immer genau, was getan werden musste. Leyla konnte sich gar nicht vorstellen, was sie ohne sie tun würde. „Dann machen wir es so. Danke, Eroica.“ Die Filina zuckte mit ihren Ohren und nahm das Buch entgegen, als hätte sie genau diese Antwort erwartet. Dann legte sie es beiseite und musterte Leyla mit einem geheimnisvollen Funkeln in den Augen. ,,Ich habe noch ein Geschenk für Euch.’’ Leylas Ohren zuckten. Ein Geschenk? Eroica war nicht die Art von Person, die wahllos Geschenke machte. Wenn sie etwas vorbereitete, dann war es stets bedeutungsvoll. „Was ist es?“ fragte Leyla neugierig. Eroica grinste und verschwand in ihr Zimmer. „Schließt Eure Augen, Leyla!“ rief sie dabei. Leyla schüttelte amüsiert den Kopf, folgte aber der Anweisung. „Sie sind geschlossen.“ Sie hörte, wie Eroica zurückkam. Ein sanftes Geräusch, als etwas auf den Tisch gelegt wurde. Etwas Weiches? Ein Kissen? Leylas Neugier wuchs mit jeder Sekunde. „Ihr dürft sie wieder öffnen“, verkündete Eroica schließlich. Langsam öffnete Leyla die Augen – und ihr Atem stockte. Auf einem schwarzen Kissen, sanft eingebettet, lag ein Ei. Doch es war nicht irgendein Ei. Seine Schale war von dunklen, nebligen Mustern überzogen, als würde darin ein Stück des Sternenhimmels gefangen sein. Zarte, lilafarbene Kristalle wuchsen darum herum, als ob sie das Ei beschützten, seine Essenz bewahrten. Eine unbeschreibliche Kraft ging davon aus, eine Präsenz, die fast greifbar war. „Ist das…?“ Leyla brachte den Satz nicht zu Ende. Eroica nickte. „Ja. Ein Drachenei. Und nicht irgendeines. Es ist das Ei eines Sternendrachen.“ Leyla fühlte, wie ihr Herz vor Aufregung schneller schlug. Seit ihrem Flug auf Zorda hatte sie immer wieder daran gedacht, wie es wäre, einen eigenen Drachen als Partner zu haben. Doch sie hätte nie erwartet, dass dieser Traum so schnell Realität werden könnte. „Sternendrachen gehören zu den mächtigsten und seltensten Drachenarten“, fuhr Eroica fort. Ihre Stimme war ruhig, aber bestimmt. „Sie sind klug, stolz und dulden keine Schwäche. Sie akzeptieren nur Sterbliche, die stärker sind als sie.“ Leyla konnte nicht anders. Sie stürzte sich auf Eroica und schlang die Arme um sie. Das weiche Fell der Filina kitzelte ihre Wangen, während sie sie fest an sich drückte. „Danke, Eroica. Das ist ein unglaubliches Geschenk!“ Sie hörte das leise, amüsierte Schnurren ihrer Dienerin. „Ihr seid mir wirklich ans Herz gewachsen, Leyla. Ihr habt mir so viel gegeben, da wollte ich auch Euch etwas geben. Etwas, das Euch gerecht ist.“ Dann wurde Eroicas Stimme wieder ernst. „Aber Ihr müsst verstehen – ein Drache ist kein Haustier. Ihr müsst mit ihm auf Augenhöhe sein, wenn er schlüpft. Nur dann wird er Euch akzeptieren. Ihr dürft weder unterwürfig, noch herablassend sein.“ Leyla schmunzelte. So hatte sie gedacht, bevor sie zu ihrem Auftrag aufgebrochen war. Doch seit dem Treffen mit Cyntha, hatte sie ihre Meinung geändert. Eroica wirkte zufrieden mit dieser Reaktion. „Gut“, sagte sie und strich mit den Fingern über das schwarze Kissen. „Es wird noch einige Zeit dauern, bis es schlüpft. Aber bis dahin solltet Ihr so viel wie möglich über Drachen lernen.“ Leyla nickte sofort. „Kannst du mir so viele Bücher aus der Kaiserlichen Bibliothek besorgen, wie du finden kannst? Ich will alles wissen.“ Eroica lachte leise. „Natürlich. Das mache ich gerne.“ Leyla blickte noch einmal auf das Ei. Ihre Finger strichen vorsichtig über die neblige Schale. Sie konnte es spüren – da drin war Leben. Und irgendwann würde es in diese Welt eintreten. -------------------------------------------------------------------------- Leyla ließ sich erschöpft in ihr Bett fallen, der weiche Stoff der Decken umhüllte sie, während die Erschöpfung des Tages langsam von ihr abfiel. Ihre Augen waren schwer, und sie wollte gerade in den Schlaf sinken, als ihr ein süßlicher Duft in die Nase stieg – vertraut, aber unerwartet. Verwirrt setzte sie sich wieder auf und ließ ihren Blick durch den Raum wandern. Es dauerte nur einen Moment, bis ihre Augen auf eine einzelne rote Blume auf ihrem Tisch fielen. Eine Heimblüte. Leyla blinzelte überrascht. Sie hatte die Pflanze beinahe vergessen, doch nun stand sie da, gesund und kräftig, ihre Blütenblätter leuchteten in der Dunkelheit des Zimmers. Bunj hatte ihr die Blume einst gegeben, und anscheinend hatte sich Eroica während ihrer Abwesenheit um sie gekümmert. Ein sanftes Lächeln stahl sich auf Leylas Lippen. Sie musste sich bei Eroica revanchieren. Ihr etwas schenken, das nicht nur ein einfaches Dankeschön war, sondern ihre tiefe Wertschätzung ausdrückte. Doch was? Sie wusste, dass Eroica keine teuren Geschenke schätzte – es musste etwas sein, das eine Bedeutung hatte. Etwas, das nur Leyla ihr geben konnte. Darüber würde sie in den nächsten Tagen nachdenken. Doch vorerst gab es Wichtigeres. Morgen stand das Gespräch im Kaiserpalast an. Würde außer Yang noch jemand anwesend sein? Der Kaiser selbst? Oder gar Selfmun Aragi? Der Gedanke daran ließ einen Hauch von Nervosität in ihr aufsteigen. Sie konnte nicht genau sagen, was Yang von ihr erwartete, doch eines war klar – sie musste vorbereitet sein. Mit diesen Gedanken im Kopf legte sich Leyla wieder hin, zog die Decke enger um sich und lauschte dem leisen Flüstern des Windes, der durch das offene Fenster strich. Ihre Lider wurden schwer, und nach einigen Minuten versank sie in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Den ersten Schlaf für ihren Körper seit über einem Jahr.

  • Kapitel 149 - Wiedersehen

    Alexandra fühlte sich, als hätte jemand ihr den Boden unter den Füßen weggerissen. Die Worte des Onis hallten in ihrem Kopf wider, ein Echo, das sich nicht abschütteln ließ. Mera — Nein — Leyla existierte nicht mehr? Die Vorstellung war absurd, unmöglich – und doch stand der Oni mit dieser unerschütterlichen Gewissheit vor ihr. Ihr Körper bebte, nicht vor Angst, sondern vor brodelnder Wut. „Du lügst!“ schrie Betty, ihre Stimme war eine Mischung aus Verzweiflung und unbändiger Wut. Tränen standen ihr in den Augen, doch sie ließ sich nicht davon aufhalten. Ihre kleine Gestalt zitterte, doch ihre Hände umklammerten ihren Stab so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Karst hatte seinen Bogen gespannt, sein Gesicht war kalt, voller Abscheu. Jevry stand regungslos da, seine massige Gestalt war angespannt wie ein lauernder Bär. Er trug Betty auf dem Rücken, seine Muskeln waren hart wie Stein, seine Augen verengt, als wäge er jede Möglichkeit ab, den Oni zu Boden zu zwingen. „Nein“, erwiderte der Oni ruhig, aber es lag ein Hauch von Ungeduld in seiner Stimme. „Dieser Anhänger ist einer der wenigen Gegenstände, die eine Person aus der Realität entfernen können.“ Ein brennender Stich durchzog Alexandras Brust. Sie wollte schreien, wollte dem Oni mit bloßen Händen den Hals umdrehen, doch stattdessen handelte sie. Mit einem Wutschrei stürzte sie sich auf ihn, ihre Klinge durchtrennte die Luft mit tödlicher Präzision. Doch der Oni war schnell. Zu schnell. Mit einer geschickten Bewegung hob er sein Schwert und parierte ihren Angriff. Ein lautes Klirren erfüllte die Lichtung, Funken sprühten, als Metall auf Metall traf. Alexandra biss die Zähne zusammen, drängte mit all ihrer Kraft nach vorne, aber der Oni hielt stand. Ein Pfeil zischte durch die Luft, schnell und tödlich – Karst hatte geschossen. Doch der Oni duckte sich zur Seite, der Pfeil sauste knapp an ihm vorbei. Dann setzte er zum Gegenangriff an. Sein Schwert raste auf Alexandra nieder, und sie riss ihre Klinge hoch, um den Schlag abzuwehren. Die Wucht ließ ihre Arme vibrieren, doch sie blieb stehen, blieb fest, ließ sich nicht zurückdrängen. Plötzlich erstrahlte ein grelles, blendendes Licht über der Wiese. Der Oni verzog schmerzerfüllt das Gesicht, seine Augen tränten, während er einen Schritt zurückwich. Betty keuchte schwer, ihre Hände glühten noch von dem Zauber, den sie gewirkt hatte. Jevry nutzte den Moment. Mit einem tiefen Kampfschrei preschte er vor, sein massiver Schild wie eine Ramme vor sich. —BANG— Der Aufprall ließ den Oni durch die Luft wirbeln. Sein Körper schlug hart auf den Boden auf, wirbelte Staub und Blätter in die Luft. Alexandra war sofort über ihm. Ihre Klinge drückte sich in seine Schulter, Blut sickerte aus der Wunde. „Gib sie uns zurück“, forderte sie, ihre Stimme war gefährlich ruhig, doch ihre Finger umklammerten den Griff ihres Schwertes so fest, dass ihre Knöchel sich spannungsvoll hervorhoben. Der Oni hustete, ein verzogenes Lächeln spielte auf seinen Lippen, während er sich die tränenden Augen rieb. „Wie gesagt… es ist zu spät.“ Etwas in Alexandras Kopf riss. Sie drückte ihre Klinge tiefer, spürte, wie das Fleisch nachgab. „Gib… sie… uns… zurück!“ Ihre Stimme war ein Knurren, jeder Buchstabe getränkt in Wut und Verzweiflung. Dann hörte sie Karsts Warnung. ,,Pass auf Alexandra!’’ Ein Schatten verdunkelte den Himmel. Ein donnernder Schrei zerriss die Luft. Plötzlich stürzte ein Greif aus den Wolken herab. Krallen gruben sich in Alexandras Schulter, rissen sie von dem Oni fort. Ein gewaltiger Schnabel bohrte sich in ihren Rücken, Schmerz explodierte in ihrem Körper, als das Blut aus der Wunde strömte. Mehrere Pfeile durchbohrten das Fell des Greifen, Karst hatte ihn getroffen. Das Tier kreischte, ließ Alexandra los, die schwer zu Boden stürzte. Schmerz. Brennend, allumfassend. Ihr Körper bebte, als ihre Finger die blutende Wunde an ihrem Rücken berührten. Ihre Lunge zog sich zusammen, ihr Atem ging stoßweise. „Bitte, allmächtige Kamera…“ Bettys Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Leih mir deine Kraft, um meine Freundin zu heilen.“ Ihre Hände leuchteten sanft, als sie ihre Magie wirkte. Wärme breitete sich durch Alexandras Körper aus. Der Schmerz ließ langsam nach, das Brennen wurde schwächer. Sie konnte wieder atmen. Doch ihr Verstand konnte sich nicht entspannen. Leyla… Sie konnte sie nicht einfach aufgeben. Nicht, solange noch eine Chance bestand. Mit wackeligen Beinen kämpfte sie sich hoch, Betty stützte sie leicht. „Wir… wir müssen weiterkämpfen“, brachte sie hervor, ihre Stimme schwach, aber ungebrochen. Jevry nickte, sein Gesicht war finster. „Wir stehen zusammen. Bis zum Ende.“ Karst zog einen weiteren Pfeil aus seinem Köcher, sein Blick war auf den Greifen gerichtet, der sich zum nächsten Angriff bereitmachte. Der Oni rappelte sich langsam auf, keuchend, seine Schulter blutete noch immer. „Ihr seid hartnäckig“, murmelte er, während er sich die Brust rieb. „Aber ihr könnt nicht gewinnen.“ Alexandra hob ihr Schwert erneut. Ihr Körper war geschwächt, aber ihre Entschlossenheit unerschütterlich. „Wir werden sehen“, sagte sie leise, aber mit unmissverständlicher Härte. „Wir geben nicht auf. Niemals.“ -------------------------------------------------------------------------- Alexandra hielt ihren Blick fest auf den Greifen gerichtet. Sein schwarzes Gefieder glänzte matt im schwachen Licht, während sein blutverschmierter Schnabel sich leicht öffnete, bereit, erneut zuzuschnappen. Seine Augen, glühend und intelligent, musterten sie mit der scharfen Berechnung eines Raubtiers. Das Biest war größer als ein Bär, jeder seiner Schritte ließ die Erde erbeben. Sie durfte keinen Fehler machen. Sie drehte sich zu Betty um, die schwer atmete, ihr Gesicht war von Anstrengung gezeichnet. „Kannst du mich verstärken?“ fragte Alexandra, ihre Stimme war ruhig, aber es lag ein Hauch von Dringlichkeit darin. Betty nickte sofort, obwohl sie beide wussten, dass dieser Zauber ihr letztes Mana kosten würde. Ihre Hände begannen zu leuchten, ein sanftes, goldenes Licht pulsierte zwischen ihren Fingern, als sie die heiligen Worte murmelte. Wärme breitete sich in Alexandras Körper aus, eine Welle von neuer Kraft, als würde ihr eigener Geist neu erwachen. Ihre Muskeln spannten sich an, ihr Geist wurde schärfer – jeder ihrer Sinne war jetzt auf höchstem Niveau. „Karst, halte den Oni mit deinen Pfeilen auf Distanz. Jevry, du kommst mit mir, wir erledigen zuerst den Greifen“, befahl Alexandra, während sie ihr Schwert fester umklammerte. Kein Zögern. Kein Zweifel. Beide Männer nickten wortlos. Karst nahm seine Position ein, seine Hand zog präzise einen Pfeil aus dem Köcher, die Sehne gespannt, bereit zu schießen. Jevry hingegen zog tief die Luft in seine Lungen, seine mächtigen Arme hoben den Schild, und sein Blick war fest auf den Greifen gerichtet. Dann stürmten sie los.  Der Greif reagierte blitzschnell. Mit einem lauten, durchdringenden Schrei schlug er seine massiven Krallen nach Alexandra aus. Doch Jevry war schneller – sein Schild krachte gegen die Klauen des Biests, die Wucht des Aufpralls ließ ihn zwar zurücktaumeln, aber er hielt stand. Alexandra nutzte diesen Moment. Mit einem flüssigen, gezielten Stoß rammte sie ihr Schwert in die Seite des Greifen, genau in das schwarze Federkleid. Warmes Blut spritzte hervor, das Tier kreischte vor Schmerz, sein massiger Körper bebte unter dem Angriff. Doch noch bevor sie sich in Sicherheit bringen konnte, spürte sie eine plötzliche Bewegung in ihrem Rücken. Der Oni. Er hatte den Pfeilhagel Karsts ignoriert und bewegte sich nun mit erschreckender Geschwindigkeit auf sie zu. Seine Klinge sauste auf sie herab – eine tödliche, präzise Bewegung. Alexandra reagierte instinktiv. Sie sprang zur Seite und trat mit der verstärkten Kraft von Bettys Magie nach dem Oni. Ihr Fuß traf ihn mit solcher Wucht, dass er zurücktaumelte und gegen den immer noch tobenden Greifen krachte. Er sank für einen Moment zu Boden, doch sie wusste, dass das nicht lange anhalten würde. Jevry nutzte die Gelegenheit. Er packte den Schnabel des Greifen mit beiden Händen, seine Finger krallten sich in das federbedeckte Fleisch, und er zog mit all seiner Kraft, um den Kopf des Tieres zu fixieren. Doch der Greif war stark. Er bäumte sich auf, seine Flügel schlugen heftig, Schnee und Staub wirbelten durch die Luft, und Jevry kämpfte darum, die Kontrolle zu behalten. Alexandra setzte zum nächsten Schlag an. Doch dann – ein Ruck. Ein seltsames Gefühl durchströmte sie, eine Welle der Schwäche überrollte ihren Körper, ließ ihre Knie zittern. Die Kraft, die Betty ihr gegeben hatte, begann zu schwinden. Zu früh. Betty keuchte laut auf, und Alexandra wusste, was geschehen war. Der letzte Tropfen Magie war verbraucht, Betty hatte nichts mehr zu geben. Und nun… Ihre Beine gaben nach. Der Greif nutzte den Moment. Er riss seinen Kopf los, schleuderte Jevry mit ungeheurer Kraft gegen einen Baum. Die Rüstung des Kriegers krachte gegen das Holz, der Aufprall war brutal, und Jevry blieb schwer atmend auf den Knien. Alexandra versuchte sich zu bewegen, doch ihre Glieder fühlten sich bleischwer an. Sie sah, wie der Oni sich wieder aufrappelte, sein Schwert war fest in seiner Hand. Jevry bemerkte ihre Schwäche. Ohne zu zögern rappelte er sich auf und rannte los, packte Alexandra und zog sie mit sich fort. Schwerthiebe des Onis schnitten durch die Luft, trafen Jevry mehrfach am Rücken, doch er hielt stand, sein Körper war eine wandelnde Mauer, die sich nicht einfach so niederreißen ließ. Er erreichte Betty und Karst, ließ Alexandra auf den Boden sinken, während Betty zitternd die Hände auflegte, um zu helfen. Doch sie hatte keine Magie mehr, nichts, um die Wunden zu heilen. Karst hatte seinen Dolch gezogen, seine Pfeile waren aufgebraucht. Er stellte sich schützend vor die Gruppe, seine Haltung war angespannt, bereit, bis zum letzten Moment zu kämpfen. Alexandra versuchte sich aufzurichten, doch ihre Muskeln versagten. Sie konnte nur noch auf den Greifen blicken, der trotz der tiefen Wunde an seiner Seite immer noch aufrecht stand. Die Kreatur atmete schwer, Blut tropfte aus ihrem Maul, doch ihr Blick war drohend. Wie sollten sie diesen Kampf gewinnen? Eine dunkle Welle der Verzweiflung überrollte sie. Sie wollten Leyla retten, aber wenn sie hier starben, würde es keinen mehr geben, der für sie kämpfte. Dann – ein lautes Brüllen durchschnitt die Luft. Der Himmel färbte sich rot. Alexandra hob den Kopf, ihre Augen weiteten sich, als sie erkannte, was da über den Horizont auf sie zukam. -------------------------------------------------------------------------- Am Himmel kreiste ein schwarzer Drache, gewaltig groß. Alexandra hatte noch nie einen Drachen erblickt, und der majestätische Anblick ließ ihren Atem stocken. Ein Inferno regnete vom Himmel herab. Die sengenden Flammen umschlossen den Greifen, verschlangen sein massiges Federkleid und ließen die Luft vor Hitze flirren. Ein entsetzlicher Schrei durchbrach die Stille, ein markerschütterndes Kreischen voller Schmerz und Panik. Alexandra wandte instinktiv das Gesicht ab, die Wucht der Hitze ließ ihr die Haut brennen, obwohl sie nicht einmal direkt in der Feuersäule stand. Das Tier kämpfte, schlug wild mit seinen Klauen um sich, versuchte sich mit heftigem Flügelschlag zu befreien, doch es war sinnlos. Die Flammen verschlangen es gnadenlos, verschlangen Fleisch und Knochen, bis sein Leib verkohlte und schließlich leblos in sich zusammenbrach. Alexandra zwang sich, wieder hinzusehen, und spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog. Der Gestank von verbranntem Fleisch lag schwer in der Luft. Der Oni reagierte panisch. Mit hektischen Bewegungen begann er, einen Zirkel in den Boden zu zeichnen, seine Hände zitterten, und sein Atem ging stoßweise. Alexandra erkannte den Ernst der Lage. Was auch immer er vorhatte, sie musste ihn aufhalten. Doch als sie versuchte, sich aufzurichten, versagten ihre Beine. Die Erschöpfung hatte ihren Körper fest im Griff. Ihr Blick glitt suchend über den Himmel – und dann sah sie ihn. Ein dunkler Schatten stürzte herab, und für einen Moment glaubte Alexandra, ein zweiter Drache würde angreifen. Doch es war eine Person. Mit einer Eleganz, die unwirklich war, glitt sie durch die Luft, ihr lila Haar flatterte im Wind. Alexandra hielt den Atem an. —BUMM— Der Aufprall ließ die Erde erbeben. Eine Staubwolke wirbelte in die Höhe, Steine splitterten, und der Boden vibrierte unter der Wucht des Einschlags. Alexandra hob den Arm, um sich vor dem aufgewirbelten Staub zu schützen. Als der Schleier sich lichtete, sah sie, wie der Drache sich über die Überreste des Greifen beugte, seine scharfen Zähne durch das verkohlte Fleisch schnitten. Daneben stand die Frau, die vom Himmel gefallen war. Die lila Haarsträhnen tanzten um sie herum, ihre Kleidung war kaum zerzaust vom Aufprall. Doch das Beunruhigendste war der Oni in ihren Händen. Sie hielt ihn am Hals, hob ihn mühelos in die Luft, als wäre er nichts weiter als eine Puppe. Sein Körper zitterte, seine Beine zuckten in verzweifeltem Strampeln. Dann – ein leises Knacken. Der Oni erschlaffte. Die Frau ließ ihn achtlos zu Boden fallen, sein lebloser Körper schlug dumpf auf. „Gut gemacht, Zorda!“ sagte sie in ruhigem, doch auch druckvollen Tonfall und tätschelte dem Drachen den Kopf. Alexandra holte zitternd Luft. Wer war diese Frau? Sie zwang sich auf die Beine, jeder Schritt fühlte sich an, als würde sie durch zähen Schlamm waten. Schließlich erreichte sie die Fremde. „D-Danke… dass Ihr uns gerettet habt“, brachte sie mühsam hervor. Die Frau drehte sich um, ein breites, unbeschwertes Lächeln auf den Lippen. „Kein Problem! Aber eigentlich war das nicht mein Ziel! Ich wollte nur den Oni töten!“ Sie schwang sich auf den Rücken ihres Drachen, als würde sie sich zum Aufbruch bereitmachen. Alexandras Brust zog sich zusammen. Nach all dem durfte sie nicht einfach verschwinden. „Warte!“ rief sie. Ihre Stimme war fester, durchdringender. „Bist du nicht wegen Leyla hier?“ Etwas in der Miene der Frau veränderte sich. Ein Lächeln zog sich über ihre Lippen, doch diesmal wirkte es… interessiert. „Doch! Ist sie bei euch?! Ich kann sie gar nicht sehen!“ Alexandras Blick wanderte zum Oni, oder besser gesagt zu dem, was von ihm übrig war. „Er hat sie verschwinden lassen…“ Die Fremde blinzelte. Dann musterte sie den leblosen Körper des Onis, als könnte sie nicht glauben, dass er eine solche Tat vollbracht hatte. „Der da?! Der Schwächling?!“ Alexandra sagte nichts. Stattdessen ging sie auf den Oni zu und griff nach der schwarzen Kette, die um seinen Hals hing. Sie war kalt, fast eisig, und als sie sie in den Händen hielt, spürte sie, wie eine seltsame Energie durch sie hindurchfloss. Ein ungutes Gefühl breitete sich in ihr aus. „Gib mir die mal!“ rief die Drachenreiterin, ihre Stimme triefte vor Neugier. Alexandra hielt die Kette fest. Sollte sie ihr wirklich vertrauen? Doch letztendlich wusste sie, dass sie keine Wahl hatte. Wenn irgendjemand in der Lage war, Leyla zurückzuholen, dann war es diese Frau mit ihrem Drachen. Sie warf ihr die Kette zu. Die Fremde fing sie mühelos auf, drehte sie prüfend zwischen den Fingern und pfiff dann durch die Zähne. „Interessant! Was meinst du, Zorda!?“ Der Drache beugte sich vor, seine glühenden Augen musterten die Kette mit unergründlicher Intelligenz. Schließlich streckte er eine Kralle aus, und die Frau legte die Kette darauf. Ein Moment des Schweigens. Dann holte der Drache tief Luft. Alexandra erkannte in letzter Sekunde, was er tun würde, und stolperte einen Schritt zurück. Mit einer einzigen, alles verzehrenden Feuerwelle umhüllte der Drache die Kette. Die Hitze schlug Alexandra ins Gesicht, ließ ihre Haut prickeln, ihre Haare kräuselten sich an den Spitzen. Der Luftzug riss an ihrer Kleidung, während die Flammen die Kette verzehrten. Dann – ein metallisches Knacken.  Alexandra öffnete langsam die Augen. Die Kette lag in zwei zerbrochenen Stücken am Boden. Ein pulsierendes Licht breitete sich aus, so hell, dass es für einen Moment die gesamte Wiese erstrahlen ließ. Eine seltsame Energie, uralt und mächtig, zischte durch die Luft, als wäre eine unsichtbare Kraft endlich entfesselt worden. -------------------------------------------------------------------------- Leyla stand reglos da, während der Garten um sie herum in sich zusammenfiel. Die prächtigen Blumen, die in schillernden Farben geblüht hatten, verwandelten sich in fahle, leblose Schatten ihrer selbst, bevor sie zu Staub zerfielen. Die mächtigen Bäume, deren Blätter wie smaragdene Kronen im Licht geschimmert hatten, verloren ihre Pracht, bis ihre Äste kahl und tot in den Himmel ragten. Selbst der Boden unter ihren Füßen begann zu bröckeln, als würde die Realität dieses Ortes sich selbst auslöschen. Ihr Blick fiel auf den Holzstamm, an dem sie ihre Tage gezählt hatte. Die eingeritzten Zahlen waren noch immer da – vierhundertfünfundfünfzig. Über ein Jahr hatte sie in dieser Zwischenwelt verbracht. Ein Jahr ohne Tag und Nacht, ohne Hunger oder Müdigkeit. Ein Jahr, in dem sie nichts getan hatte, außer mit den Runensteinen zu trainieren. Ein Jahr, in dem sie nicht einmal ihre Haare geschnitten hatte. Sie konnte spüren, wie viel stärker sie geworden war. Sie hatte begonnen, die Feuermagie des Runensteins der Erde zu lernen und war mittlerweile ziemlich geschickt. Auch Eismagie, eine Untermagie des Wasserelements, gelang ihr immer besser. Und jetzt war es vorbei. „Hat jemand die Kette zerstört?“ fragte sie schließlich, ohne ihren Blick von dem zerfallenden Garten abzuwenden. Der alte Mann – das Abbild des Runensteins der Erde – stand ruhig neben ihr. Seine Gestalt wirkte so uralt und beständig wie die Erde selbst, sein Gesicht ausdruckslos, doch in seinen tiefen, dunklen Augen lag etwas Unerschütterliches. ,,Ja. Du bist frei.’’  Seine Stimme war wie das Grollen eines fernen Donners, ruhig, aber voller Kraft. Leyla atmete langsam aus. Frei. Das Wort klang so fremd in ihren Gedanken, so unwirklich, nachdem sie so lange an diesen Ort gebunden gewesen war. ,,Das hat Spaß gemacht!’’  rief die Frau, die den Runenstein des Meeres repräsentierte. Ihr Gesicht strahlte vor Freude, ihre blauen Haare schimmerten, als reflektierten sie das Licht des Meeres selbst an diesem Ort. Sie wirbelte um Leyla herum, voller Energie, als würde sie jede Sekunde in Bewegung bleiben müssen. Leyla lächelte. ,,Wir werden uns sicher nicht noch einmal in dieser Art und Weise begegnen.’’ Der alte Mann nickte nur knapp. „Du hast gelernt und einen großen Teil unserer Kräfte gemeistert. Wir sind ein Teil von dir.“ Sie verstand, was er meinte. Die beiden waren nicht einfach nur Stimmen oder Abbilder gewesen – sie waren Teile ihrer Macht, Teile ihres Seins. Die Runensteine hatten sie geformt, sie gestärkt, und jetzt war sie bereit. Bereit für die Welt, die sie zurückgelassen hatte. Ihre Gedanken wanderten zurück zu dem Moment, als sie diesen Ort betreten hatte. Sie erinnerte sich an Alexandra, Karst, Betty und Jevry. An die Wärme der Nacht mit Alexandra, an den Moment, als Nahenma sie ergriffen und in diese Welt gesogen hatte. Hatten sie nach ihr gesucht? Hatten sie versucht, sie zu retten? Wie viel Zeit wohl vergangen war? Plötzlich begann die Luft um sie herum zu flimmern. Die Farben des Gartens verblassten vollends, wurden zu einem trüben Grau, bis alles, was sie kannte, vor ihren Augen verschwand. Die Realität dieses Ortes zerfiel vollständig – mit einer einzigen Ausnahme. Die schwarze Tür. Während alles andere im Nichts versank, blieb sie bestehen. Majestätisch und fremdartig ragte sie vor ihr auf, sie war der einzige beständige Punkt in dieser vergehenden Welt. Dann wurde alles grell. Ein Licht, so intensiv, dass es ihre Gedanken auslöschte, verschluckte sie. Die Hitze war nicht brennend, nicht schmerzhaft – es war, als würde sie in reiner Energie aufgehen, als würde ihr Körper neu geformt, während sie aus dem Nichts herausgerissen wurde. Alles wurde weiß. Alles wurde still. -------------------------------------------------------------------------- Leyla blinzelte, ihre Sicht verschwamm für einen Moment, als ihre Augen sich an das Licht und die Farben der vertrauten Welt gewöhnten. Der kühle Wind der Herzlande streifte über ihre Haut, das Rascheln des Grases unter ihren Füßen klang wie ein Echo aus einer vergangenen Zeit. Es war dasselbe Feld, an dem sie verschwunden war – zumindest aus ihrer Perspektive. Doch während sie über ein Jahr lang in einer anderen Existenz gefangen gewesen war, war hier kaum mehr als eine Stunde vergangen. Ihr Herz schlug schneller, als ihr Blick auf Alexandra fiel. Sie stand da, blutüberströmt, mit aufgerissenen Augen, als könnte sie nicht glauben, was sie sah. Ihre Brust hob und senkte sich schnell, als kämpfte sie gegen die Erschöpfung, gegen die Schmerzen, gegen den Schock. Neben ihr stand eine weitere Gestalt – Cyntha, die Kaiserliche Kopfgeldjägerin, begleitet von dem massiven Drachen Zorda. Cyntha grinste breit, als hätte sie gerade ein Spektakel gesehen, ihre lebhaften Augen voller Neugier. Doch Alexandra sprach zuerst. „Du bist doch Leyla, oder?“ Ihre Stimme war vorsichtig, als fürchtete sie, dass ein falsches Wort alles wieder verschwinden lassen könnte. Leyla hob die Hand an ihre Stirn, ihr war immer noch schwindelig, und ihre Gedanken überschlugen sich. „Ja, das bin ich“, antwortete sie, ihre Stimme klang rau, als hätte sie eine Ewigkeit nicht gesprochen. „Du hast es also herausgefunden?“ Alexandras Augen verengten sich leicht, während sie Leyla genau musterte. „Wie viel Zeit ist für dich vergangen?“ „Etwas über ein Jahr.“ Leylas Worte hingen für einen Moment in der Luft. „Aber hier… nur eine Stunde?“ Alexandra nickte langsam. „Du siehst… älter aus.“ Leyla ließ einen leisen Atemzug entweichen. Die Erleichterung in ihr war überwältigend. Wenn in dieser Welt nur eine Stunde vergangen war, dann hatten sie sie fast sofort befreit. Ein Jahr Training in einer einzigen Stunde – es fühlte sich wie ein ungewolltes Geschenk an. Zum Glück waren keine Jahrhunderte daraus geworden. „Leyla!“ Cyntha trat mit federnden Schritten näher, ihr Grinsen strahlte Selbstsicherheit aus. „Ich soll dich mit in die Kaiserstadt nehmen! Yang verlangt, dass du dich erklärst!“ Leyla nickte. Natürlich wollte Yang Antworten. Doch bevor sie gehen konnte, gab es noch etwas Wichtigeres. „Kann ich mich vorher noch mit den anderen unterhalten?“ fragte sie und richtete ihren Blick auf Alexandra. Cyntha lachte und zuckte mit den Schultern. „Na klar! Ich bin nicht im Stress!“ Sie drehte sich halb um und winkte Zorda herbei. „Komm mit, Zorda! Wir warten da drüben!“ Der Drache ließ sich mit einem tiefen Grollen unter einem alten Baum nieder, seine massige Gestalt wirkte fast träge, während seine Flügel sich leicht zusammenfalteten. Cyntha folgte ihm mit der Gelassenheit einer Frau, die genau wusste, dass sie keine Befehle erteilen musste, um Gehorsam zu bekommen. Als Leyla sich wieder Alexandra zuwandte, bemerkte sie, wie ihre Freundin noch immer reglos dastand, als versuche sie, in ihrem Gesicht zu lesen, nach etwas Greifbarem in all dem Chaos zu suchen. Dann, ohne ein weiteres Wort, trat Alexandra näher und legte ihre Hände an Leylas Wangen. Ihre Lippen trafen sich in einem Kuss, der so sanft begann, dass es Leyla fast aus der Fassung brachte. Doch es war nicht nur Sanftheit – es war das Aufeinandertreffen all der Emotionen, die sich aufgestaut hatten. Erleichterung, Zuneigung, Schmerz, Wut. Alexandra hielt sie fest, als wollte sie sich vergewissern, dass Leyla wirklich hier war, dass sie nicht wieder verschwinden würde. Als sie sich voneinander lösten, sah Alexandra sie mit einem Blick an, der nichts mehr mit Unsicherheit zu tun hatte – nur mit Entschlossenheit. „Du hast uns einiges zu erklären, bevor du aufbrichst.“ Leyla lächelte leicht, ein Ausdruck von Müdigkeit, aber auch von Akzeptanz. „Da hast du wohl recht.“ -------------------------------------------------------------------------- Leyla ließ ihren Blick langsam über ihre Freunde wandern. Die Blätterlosen standen vor ihr, erschöpft, verletzt, aber sie waren hier. Sie waren geblieben. Betty hatte ihr Bein mit einem notdürftigen Verband umwickelt, doch man sah ihr an, dass jeder Schritt sie schmerzte. Alexandra war blutüberströmt, ihr Körper gezeichnet von unzähligen Schnitten und blauen Flecken. Jevry hielt sich den Rücken, wo mehrere tiefe Wunden unter seiner Kleidung verborgen lagen, nur Karst war der Einzige, der äußerlich noch halbwegs unverletzt aussah. Doch auch er wirkte müde, seine übliche Wachsamkeit überschattet von der Erschöpfung des Kampfes. Und doch… sahen sie sie alle an. Erwartungsvoll. Fragend. Leyla atmete tief durch, dann räusperte sie sich und begann mit ruhiger Stimme zu sprechen. „Wie ihr mittlerweile sicher wisst, heiße ich nicht Mera. Mein richtiger Name ist Leyla, und ich bin die zehnte Kaiserliche Kopfgeldjägerin.“ Sie machte eine kurze Pause, ließ ihre Worte wirken. „Ich habe meine Haare gefärbt, meine Identität versteckt, weil ich einfach reisen wollte, ohne erkannt zu werden.“ Kaum hatte sie ausgesprochen, schnellte Bettys Kopf nach oben. Ihr Gesicht war eine Mischung aus Entsetzen und Empörung. „Also glaubst du gar nicht an Kamera?“ Ihre Stimme zitterte, nicht vor Angst, sondern vor Enttäuschung. Leyla schüttelte sanft den Kopf. „Nein, tut mir leid, Betty.“ Sie hielt die Hände leicht erhoben, als könnte sie die junge Klerikerin damit besänftigen. „Es war nie meine Absicht, deinen Glauben zu verspotten.“ Betty presste die Lippen aufeinander, verschränkte die Arme und sah zur Seite. Doch sie schwieg. Sie hörte weiter zu. Karst, der Leyla misstrauisch musterte, war der Nächste, der sprach. „Und was ist mit uns?“ fragte er leise, sein Tonfall war ruhig, aber voller Bedeutung. „War das alles… nur eine Lüge?“ Leyla schüttelte den Kopf. Ihre Stimme klang jetzt weicher, voller Emotionen. „Nein. Ich habe früher eine eigene Gilde gehabt. Und das war die schönste Zeit meines Lebens.“ Sie blickte ihnen tief in die Augen. „Mit euch war es genauso. Ich habe euch alle wirklich gern gewonnen.“ Ein leises Räuspern. Dann meldete sich Jevry zu Wort. Seine Haltung war angespannt, seine Augen schmal. „Der Oni sagte uns, du hättest eine Stadt zerstört. Ein ganzes Volk ausgelöscht.“ Seine Stimme war fest, beinahe anklagend. „War das nur ein Befehl des Kaisers?“ Ein Stich fuhr durch Leylas Brust. Sie spürte, wie ihre Finger sich zu Fäusten ballten. Es war keine Überraschung, dass sie es erfahren hatten – aber es tat trotzdem weh. „Nein…“ begann sie vorsichtig, und ihr Blick senkte sich für einen Moment. Sie holte tief Luft, bevor sie wieder aufsah. „Ich kann euch den Grund nicht sagen. Ich wünschte, ich könnte, aber das geht nicht.“ Ihre Stimme zitterte leicht, als sie weitersprach. „Ich hätte gerne einen anderen Weg gefunden, aber es gab keinen.“ Jevry hielt ihrem Blick stand. Er suchte nach Lügen, nach Unsicherheiten – doch er fand nichts. Schließlich seufzte er und lehnte sich zurück. Er schien nicht zufrieden, aber er schwieg. Dann trat Betty einen Schritt nach vorne, ihr Stab tippte sanft gegen Jevrys Kinn. „Sie hatte einen Grund. Ich wusste es!“ erklärte sie trotzig, während sie Jevry einen triumphierenden Blick zuwarf. „Und wenn du das nicht glauben willst, dann bist du doof.“ Jevry verdrehte die Augen und winkte ab. „Ja, ja… du hast ja recht…“ Langsam entspannte sich die Atmosphäre wieder. Doch eine Frage blieb noch. „Und?“ Alexandras Stimme war ruhig, aber bestimmt. „Was wirst du jetzt tun?“ Leyla wusste, dass dies der schwerste Teil war. Der, der sie am meisten schmerzte. „Ich werde mit Cyntha in die Kaiserstadt reisen. Yang will Antworten, und ich kann sie nicht ignorieren.“ Sie hielt kurz inne. „Danach… werde ich weitermachen. Meine Aufträge werden entscheiden, wo ich hingehe.“ Alexandra senkte den Blick für einen Moment. ,,Das ergibt Sinn. Sehen wir uns denn wieder?’’ Leyla lächelte. Ein warmes, ehrliches Lächeln. „Natürlich. Sobald ich die Gelegenheit habe.“ Sie sah Alexandra direkt in die Augen. „Wenn du mir Briefe schreibst, kann ich euch vielleicht besuchen, wenn ich in der Nähe bin.“ Alexandras Miene erhellte sich. „Dann werden wir dich auch in der Kaiserstadt besuchen. Irgendwann.“ Sie lächelte, doch in ihren Augen lag noch immer eine Spur von Sorge. Karst hob die Hände. Er schien protestieren zu wollen, doch als er das Funkeln in Alexandras Augen bemerkte, ließ er die Schultern sinken. Dann griff Alexandra in ihre Tasche und zog einen schlichten silbernen Ring hervor. Sie trat zu Leyla und hielt ihn ihr hin. „Der ist für dich.“ Leyla spürte, wie ihr Herz einen Sprung machte. Ohne zu zögern nahm sie den Ring entgegen, betrachtete ihn kurz und steckte ihn an ihren Finger. Er war schlicht, aber warm – ein Symbol, das mehr sagte, als Worte es je könnten. Ihr Blick glitt über die beiden Tattoos der Runensteine an ihrer rechten Hand. Sie waren für sie so sehr zur Normalität geworden, dass sie ihr sonst nicht auffielen. Leyla atmete tief ein, hob eine Hand. Sanft formte sie eine Kette aus Silber, fein und glitzernd im Licht. Behutsam legte sie sie Alexandra um den Hals. „Dann will ich, dass du diese trägst.“ Ihre Stimme war ruhig, aber in ihr lag eine tiefe Bedeutung. Alexandra betrachtete die Kette für einen Moment, dann lächelte sie breit. Ohne ein weiteres Wort trat sie noch einmal an Leyla heran, zog sie sanft zu sich und küsste sie. Es war kein hastiger Kuss, keiner voller Verzweiflung oder Angst. Es war ein Versprechen. Als sie sich voneinander lösten, flüsterte Alexandra: „Wir sehen uns bestimmt bald wieder, Leyla.“ Leyla nickte, und in ihren Augen brannte eine Entschlossenheit, die nicht zu brechen war. „Ja. Ganz bestimmt.“ -------------------------------------------------------------------------- Mit einem gewaltigen Satz erhob sich Zorda in den Himmel, seine mächtigen Schwingen verdrängten die Luft mit einer Kraft, die den Himmel selbst zu spalten schien. Der Wind heulte um sie herum, brachte die kühle Herbstluft mit sich und zerrte an ihren Kleidern, während die Welt unter ihnen immer kleiner wurde. Die Bäume der Herzlande verwandelten sich in ein Meer aus rot und gold, während die Hügel sanft in die Ferne rollten, bis sie nur noch ein verschwommenes Band am Horizont waren. Leyla wagte einen Blick nach unten. Am Rand der Lichtung standen die Blätterlosen, kleine, dunkle Silhouetten gegen das leuchtende Grün der Wiesen. Betty sprang auf und ab, winkte wild mit beiden Armen. Jevry hielt sie fest, wahrscheinlich damit sie nicht zu weit mit ihrem verletzten Bein in die Luft sprang. Karst stand mit verschränkten Armen daneben, doch selbst aus dieser Höhe konnte Leyla erkennen, dass er nickte – ein stiller Abschied. Alexandra hob die Hand, ein letztes Zeichen, und Leyla spürte, wie sich ihr Herz zusammenzog. Ein sanftes Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Auf ihrem Auftrag war sie allein gereist. Und jetzt ließ sie zum ersten Mal seit Langem Freunde zurück, die ihr wirklich wichtig geworden waren. Personen, die sie zurücklassen musste – aber nicht für immer. „Hat Yang irgendetwas Genaueres gesagt?“ rief Leyla. Cyntha schüttelte den Kopf, ihre Augen blitzten vor Aufregung. „Nur, dass sie dich sehen will! Außerdem wurden alle Kopfgeldjäger in die Kaiserstadt beordert!“ Leyla runzelte die Stirn. Alle? Das hatte sie in ihrem Jahr als Kopfgeldjägerin noch nie erlebt. Die Kopfgeldjäger arbeiteten selten gemeinsam. Dass Yang sie alle zusammenrief, bedeutete, dass etwas großes im Gange war. Ein ungutes Gefühl mischte sich mit ihrer Neugier. „Gibt es denn einen Grund dafür?“ Cyntha zuckte mit den Schultern, dann grinste sie. „Ich nehme an, es hat mit dem Tod von Colart und dem Verrat von Bournadette zu tun!“ Leylas Magen zog sich zusammen. Colart war tot? Bournadette hatte das Kaiserreich verraten? Die Worte trafen sie wie ein Faustschlag. Colart war kein Freund gewesen, aber er war trotzdem stark gewesen. Dass er gefallen war, ließ erahnen, wie ernst die Lage war. Und Bournadette… Leyla hatte sie immer für loyal gehalten, eine Kämpferin mit eiserner Disziplin. Dass sie den Kaiser verraten hatte… Hatte es etwas mit Prinz Eugenius zu tun? Leyla schluckte schwer. „Ich verstehe…“ murmelte sie, ihre Gedanken rasten. Wenn alle Kopfgeldjäger in der Kaiserstadt sein würden, bedeutete das auch, dass Nea dort sein würde. Und Bunj. Die Vorstellung, ihre alten Gefährten wiederzusehen, ließ einen Funken Wärme in ihr auflodern. Sie hatte auch Eroica vermisst – ihre Ruhe, ihre scharfen Gedanken, ihr Lächeln, das Leyla so viel bedeutete. Trotz der düsteren Nachrichten freute sie sich darauf, wieder auf vertraute Gesichter zu treffen. Plötzlich drehte Cyntha sich halb zu ihr um, ihr Grinsen war schelmisch. „Du, Leyla!? Deine langen Haare stehen dir echt richtig gut!“ Leyla brauchte einen Moment, um sich von ihren Gedanken zu lösen. Dann musste sie schmunzeln, und das Lächeln wurde zu einem herzlichen Lachen. „Danke.“ Cyntha lachte mit ihr, ihre Unbekümmertheit war ansteckend. Inmitten all der Sorgen, der Unsicherheit, fühlte sich dieser Moment an wie ein kleiner, gestohlener Augenblick der Leichtigkeit. Der Wind frischte auf, und am Horizont tauchten die gewaltigen Mauern der Kaiserstadt auf. Selbst aus dieser Höhe wirkten sie unüberwindbar, ein endloser Ring aus hellem Stein, der die Metropole umschloss. Die Türme des Kaiserpalastes ragten weit über die anderen Gebäude empor, ihre weißen Spitzen glänzten im Licht der untergehenden Sonne. Unter ihnen schlängelte sich der Goldene Fluss durch die Landschaft, sein Wasser schimmerte in der Abendsonne wie geschmolzenes Metall. Brücken aus Stein überspannten ihn, verbanden die äußeren Viertel mit dem Herzen der Stadt. Von hier oben wirkte die Kaiserstadt wie ein riesiges, lebendiges Wesen – pulsierend, atmend, ein Zentrum aus Macht und Geheimnissen. Leyla atmete tief ein. Die Luft schmeckte vertraut, schwerer als in den offenen Feldern oder dem Meer, aber voller Erinnerungen. Das hier war ihre Heimat. „Willkommen zurück!“ sagte Cyntha und grinste. „Bereit für das Chaos!?“ Leyla erwiderte das Grinsen. „Habe ich eine Wahl?“ Cyntha lachte. „Gute Antwort!“ Zorda senkte sich langsam, bereit zur Landung. Und mit ihm stürzte sich Leyla in das, was vor ihr lag.

  • Kapitel 148 - Ein Garten für die Ewigkeit

    Leyla blinzelte, ihre Gedanken noch benommen von dem plötzlichen Wechsel der Szenerie. Gerade eben hatte sie noch in der Wiese gestanden, kurz nachdem sie mit Alexandra gesprochen hatte – und jetzt? Jetzt war sie an einem fremden, aber seltsam vertrauten Ort. Ein Garten erstreckte sich um sie herum, so weit das Auge reichte. Blumen in schillernden Farben wiegten sich sanft im Wind, ihr süßer Duft erfüllte die Luft. Das Zwitschern der Vögel mischte sich mit dem gleichmäßigen Summen von Bienen, und der Rasen unter ihren Füßen war so weich, dass es fast unwirklich schien. Das Licht der Sonne schien warm auf ihre Haut, doch Leyla konnte nicht sagen, woher es genau kam. Dann fiel ihr Blick auf etwas, das nicht hierhergehörte. Die Tür. Schwarz, massiv und mit feinen, kunstvollen Linien überzogen, stand sie mitten im Garten. Keine Wände, kein Gebäude, nur eine einzelne Tür, als wäre sie fälschlicherweise hier platziert worden. Sie war mit feuchtem Moos bewachsen, und der kleine Weg, der zu ihr führte, wirkte, als hätte ihn schon lange niemand mehr betreten. Leyla trat vorsichtig näher. Das Holz der Tür war tiefschwarz, doch die feinen Verzierungen auf ihr schienen sich zu bewegen, als würde etwas darunter schlummern. Symbole, die ihr auf eine unerklärliche Weise bekannt vorkamen, zogen sich in geschwungenen Linien über die Oberfläche. Sie ging um die Tür herum. Auf der anderen Seite erwartete sie nichts als der Garten – keine Mauer, kein Raum. Nur diese Tür, scheinbar losgelöst von allem, was sie kannte. Ein Prickeln lief über ihre Haut, eine Mischung aus Nervosität und Neugier. Was würde passieren, wenn sie hindurchging? Ihre Finger glitten vorsichtig über das Holz. Es fühlte sich warm an, doch in der Tiefe war eine kühle Präsenz spürbar, eine fremde Energie, die sich nur erahnen ließ. Leyla biss sich auf die Unterlippe. Instinktiv wusste sie, dass diese Tür keine gewöhnliche war. Doch genau das machte sie so verlockend. ,,Was eine schöne Tür’’, murmelte Leyla. Langsam hob sie die Hand zur Klinke. Kaum hatte sie sie berührt, spürte sie eine leichte Vibration unter ihren Fingern, als würde die Tür auf ihre Anwesenheit reagieren. Ein Schauer lief über ihren Rücken. Ein einziger Druck, ein leises Quietschen – dann würde sie sich öffnen. Doch bevor sie es tun konnte, erklang eine Stimme hinter ihr. Ruhig, aber eindringlich. [???] ,,Das würde ich nicht tun, wenn ich du wäre.’’ -------------------------------------------------------------------------- Leyla fuhr ruckartig herum, ihr Herz schlug schneller, als sie in das strenge Gesicht eines alten Mannes blickte. Sein langer, grauer Bart fiel ihm über die Brust, und sein grüner Mantel hing schwer über seinen Schultern. Seine braunen Augen wirkten merkwürdig leblos, als hätten sie schon zu viel gesehen, zu viel verstanden. „Warum soll ich nicht durch die Tür gehen?“ fragte Leyla misstrauisch. Etwas an dieser Tür zog sie an, ein Gefühl, das sie nicht erklären konnte. Sie wollte sie öffnen, wollte wissen, was dahinter lag. Der alte Mann ließ einen langen Seufzer hören.  ,,Weil du dann aufhören würdest zu existieren.’’ Leyla blinzelte. Das klang absurd. „Das kann ich mir nicht vorstellen“, antwortete sie und spürte, wie sich ihre Finger fester um die Türklinke schlossen. Irgendetwas in ihr sträubte sich gegen seine Worte. Die Tür war ihr so vertraut erschienen, so richtig. Sie fühlte sich fast verpflichtet, sie zu verteidigen. [???] ,,Er hat aber Recht.’’ Leyla zuckte zusammen und drehte sich zur Seite. Dort stand eine junge Frau mit langem, blauem Haar. Ihre Haut hatte einen leicht schimmernden Ton, als wäre sie aus dem Wasser gestiegen, und ihr knapper, mit Muscheln besetzter Badeanzug wirkte fehl am Platz in dieser friedlichen Gartenlandschaft. Langsam kam Leyla zu Sinnen. Die Tür, die eben noch wie eine sanfte Einladung gewirkt hatte, erschien ihr nun fremd. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. „Seid ihr die Runensteine?“ fragte sie, ihre Stimme war leiser als beabsichtigt. Der alte Mann seufzte erneut. ,,Ja und nein. Wir sind das Abbild deiner Fantasie.’’ Leylas Verwirrung wuchs nur noch mehr. „Was ist das hier für ein Ort?“ fragte sie und drehte sich um, als könnte sie irgendwo eine Antwort finden. Die Frau trat näher, ihr Lächeln war seltsam verspielt, als sie Leyla auf die Schulter klopfte. ,,Das hier ist ein Übergang.’’ Leyla schluckte. „Ein Übergang wohin?“ ,,Einen Übergang ins Nichts. In die Bedeutungslosigkeit’’ , antwortete der alte Mann mit einer Stimme, die keine Emotion erkennen ließ. Ein ungutes Gefühl breitete sich in Leyla aus, als hätte sie einen Abgrund direkt vor sich übersehen. „Warum ist dieser Übergang hier? Was mache ich hier überhaupt?“ Ihre Gedanken rasten. Die blauhaarige Frau kicherte leise, bevor sie sich leicht zu Leyla beugte, ihre Stimme war weich, fast süßlich. ,,Du bist hier, weil du aus der Existenz entfernt werden sollst.’’ -------------------------------------------------------------------------- Leyla ließ sich auf den Boden sinken, ihr Kopf dröhnte, und ein Gefühl der Ohnmacht überkam sie. Aus der Existenz entfernt werden? Warum? Was hatte sie getan, das eine so extreme Maßnahme rechtfertigte? Ihr Atem ging schneller, als die Bedeutung der Worte auf sie einwirkte. „Wie komme ich von hier weg?“ fragte sie schließlich, ihre Stimme war leiser, als sie es gewollt hatte. Doch sie richtete ihre Frage direkt an den alten Mann, von ihm erwartete sie eine klare, unverblümte Antwort. Er sah sie mit seinen leblosen Augen an, und als er sprach, war seine Stimme ebenso kalt und endgültig wie sein Blick. ,,Gar nicht.’’ Die Worte trafen sie wie ein Schlag. Ein kaltes Kichern erklang, und Leyla drehte ihren Kopf zu der blauhaarigen Frau, die sie mit einem amüsierten Lächeln betrachtete. „Du musst ihr doch keine Angst machen“ , sagte die Frau und tippte sich gespielt tadelnd an die Schläfe. „Es gibt durchaus eine Möglichkeit, von hier zu entkommen.“ Leyla klammerte sich an die Hoffnung in diesen Worten. „Und welche wäre das?“ fragte sie sofort. Die Frau drehte sich verspielt um ihre eigene Achse, als würde sie das Gespräch genießen. Doch es war der Mann, der antwortete, seine Stimme war rau und unnachgiebig. ,,Jemand muss das Artefakt zerstören, das dich hierher gebracht hat.’’ Sein Blick wirkte schwer, als würde er über etwas nachdenken, das ihn beschäftigte. Dann fiel Leyla auf, dass sich seine Miene leicht verhärtet hatte, als wäre er… enttäuscht? Ein unangenehmes Ziehen machte sich in ihr breit. „Bist du wütend auf mich?“ fragte sie vorsichtig. „Weil ich die letzten Wochen genossen habe?“ Der alte Mann musterte sie lange, dann schüttelte er langsam den Kopf. „Nein“ , sagte er schließlich. „Du gehst deinen Weg. Wenn du Umwege nimmst, ist das deine Entscheidung, solange du auf dem Pfad bleibst, der dir vorbestimmt ist.“ Seine Worte lösten eine unerwartete Erleichterung in ihr aus. Sie war also nicht auf einem verbotenen Pfad gewandelt. Sie hatte nicht gegen ein unausweichliches Schicksal verstoßen. Doch ein weiteres Rätsel beschäftigte sie. „Wer ist dieser Oni?“ fragte sie und erinnerte sich an die leuchtenden Augen des Mannes, der sie aus der Realität gerissen hatte. Die blauhaarige Frau verzog das Gesicht, als hätte sie in eine bittere Frucht gebissen. „Er gehört zum Orden der Gerechtigkeit“ , sagte sie mit einer Ruhe, die beinahe verächtlich klang. „Sie sehen sich als Wahrer des Gleichgewichts und glauben, dass sie darüber entscheiden können, was in dieser Welt existieren darf… und was nicht.“ Leyla runzelte die Stirn. „Und ich widerspreche der Ordnung?“ Diesmal war es der alte Mann, der näher trat. Sein Blick war tief, fast durchdringend, als würde er direkt in ihre Seele blicken. ,,Nein. Doch das kann er nicht wissen.’’ Leyla ballte ihre Hände zu Fäusten. „Kann ich mit ihm reden? Es ihm erklären?“ Der Mann seufzte.  ,,Nein. Er würde es nicht verstehen.’’ Leyla presste die Lippen zusammen, und ihre Fingernägel gruben sich in ihre Handflächen. Warum musste es immer so sein? Es fühlte sich an, als würde sie gegen unsichtbare Fäden kämpfen, die jemand anders um ihr Leben gesponnen hatte. Doch dann fiel ihr etwas ein. Sie sprang auf, ihre Verwirrung war für einen Moment vergessen, als ein Gedanke sich in ihrem Kopf formte. Sie trat näher an den alten Mann heran, ihre Augen fixierten ihn eindringlich. „Was war das damals, als ich mit Selfmun Aragi gesprochen habe?“ -------------------------------------------------------------------------- Kaum hatte Leyla die Worte ausgesprochen, veränderte sich der Garten um sie herum auf erschreckende Weise. Ein eisiger Wind fegte über das Land, ließ die Luft schneidend kalt werden. Die Bäume begannen zu verdorren, ihre Blätter wurden braun und fielen in wirbelnden Spiralen zu Boden. Die bunten Blumen, die den Garten zuvor in leuchtenden Farben getaucht hatten, verwelkten in Sekunden, als hätte eine unsichtbare Hand ihnen das Leben entzogen. Über ihnen verstummten die Vögel abrupt. Ein dumpfes Geräusch ließ Leyla aufblicken – die Tiere fielen aus der Luft, eines nach dem anderen, ihre Körper schlugen leblos auf den Boden auf, als hätte eine unsichtbare Kraft sie einfach ausgelöscht. Die Frau mit dem blauen Haar zuckte erschrocken zusammen und riss die Arme über den Kopf, als wollte sie sich vor etwas schützen, das nur sie sehen konnte. Der alte Mann blieb reglos. Seine leblosen Augen fixierten Leyla mit einer Intensität, die ihr einen Schauer über den Rücken jagte. ,,Das ist kein Thema, über das wir hier reden dürfen’’ , sagte er schließlich, seine Stimme war ruhig, aber warnend. Leyla spürte, wie sich Frustration in ihr regte. Sie wollte protestieren, nachhaken – doch dann ließ sie es bleiben. Stattdessen nickte sie knapp. Kaum hatte sie die Frage in ihrem Kopf beiseitegeschoben, flaute der Wind ab, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Die Blätter der Bäume wuchsen nach, das saftige Grün kehrte in den Garten zurück. Die Blumen erblühten erneut, und das lebhafte Zwitschern der Vögel erfüllte wieder die Luft. Die gefallenen Tiere erhoben sich aus dem Gras, schüttelten sich kurz und flogen weiter, als wäre nie etwas geschehen. Die plötzliche Rückkehr zur Normalität war beinahe noch erschreckender als der Untergang zuvor. Leyla atmete tief durch, versuchte die seltsame Szene in ihrem Kopf einzuordnen, dann stellte sie die nächste drängende Frage: ,,Und was soll ich jetzt machen? Was, wenn das Artefakt nie zerstört wird?’’ Die Frau lachte leise, als hätte Leyla einen kindlichen Gedanken geäußert. „Dann bleiben wir für immer hier“ , sagte sie mit spielerischer Leichtigkeit, als sei das nichts weiter als eine unterhaltsame Möglichkeit. Leyla schnaubte und verschränkte die Arme. „Na wunderbar.“ Ihr Blick glitt zu der schwarzen Tür. Die Tür, die sie so stark angezogen hatte, die sie fast unwiderstehlich fand. Sie erinnerte sich daran, wie sehr sie hatte hindurchgehen wollen. „Warum habe ich mich zu der Tür hingezogen gefühlt?“ fragte sie, ihr Blick blieb auf den dunklen Verzierungen haften. Der alte Mann trat neben sie, betrachtete die Tür mit etwas, das fast wie Respekt wirkte. „Dieser Garten ist darauf ausgelegt, Seelen zu vernichten“ , erklärte er mit seiner trockenen Stimme. „Die Tür ist der Übergang. Ihr Ruf ist unmöglich zu ignorieren.“ Leyla runzelte die Stirn. „Aber ich habe ihm widerstanden. Das liegt an euch, oder?’’ Die blauhaarige Frau lachte leise und trat an Leyla heran. Ihr Grinsen war breit und selbstzufrieden. „Ja. Weil wir deinen Verstand geschützt haben“ , sagte sie mit einem Augenzwinkern. Leyla seufzte, als ihre Gedanken zu kreisen begannen. Sie konnte nichts tun. Sie konnte sich nicht befreien. Sie konnte nur warten, hoffen, dass jemand da draußen stark genug war, um das Artefakt zu zerstören. Aber sie konnte sich zumindest darauf vorbereiten, was danach kam. Leyla ging ein paar Schritte zu einem kleinen See, dessen Oberfläche spiegelglatt war. Sie betrachtete ihr eigenes Spiegelbild – und erstarrte. Ihre Haare waren wieder blau. Die magentafarbene Tarnung war verschwunden. Ihr Blick wurde entschlossener. „Also muss ich einfach warten?“ fragte sie schließlich, ohne den Blick von ihrem Spiegelbild zu nehmen. ,,Ja’’ , antwortete der alte Mann schlicht, ohne Raum für Verhandlungen zu lassen. Leyla sog scharf die Luft ein, dann stand sie auf und streckte sich ausgiebig. Sie drehte sich zu den beiden um, ihre Augen funkelten nun mit einem neuen Feuer. „Dann werde ich trainieren und die Zeit nutzen“, erklärte sie mit fester Stimme. „Helft ihr mir?“ Die Frau sprang auf, ihre Begeisterung war nicht zu übersehen. Ihr Lächeln war breit und voller Energie. Der Mann hob leicht die Schultern, als würde er eine unausweichliche Tatsache akzeptieren, und nickte. Dann sprachen sie im Einklang, ihre Stimmen klangen wie eine einzige, sich überschneidende Melodie: ,,Endlich fragst du danach.’’

  • Kapitel 147 - Es ist vorbei.

    Alexandra starrte auf den leeren Fleck, an dem Mera eben noch gestanden hatte. Die Realität schien sich vor ihren Augen zu verzerren, als könnte ihr Verstand nicht fassen, was geschehen war. Eben noch war ihre Freundin hier gewesen – warm, lebendig, so echt wie die Erde unter ihren Füßen – und dann war sie einfach… verschwunden. Nicht verletzt. Nicht getötet. Nicht besiegt. Verschluckt. Aus dieser Welt gerissen von einem Oni, dessen kalter Blick selbst jetzt noch durch ihre Gedanken brannte. Er hatte es einfach getan, ohne große Mühe, ohne Zögern. Alexandra konnte es nicht verstehen. Warum Mera? Warum auf diese Weise? Die Fragen rasten durch ihren Kopf, doch eine andere Emotion überflutete sie viel schneller. Wut. Ein heißer, brennender Zorn, der all ihre Verwirrung, ihre Hilflosigkeit hinwegfegte. Heute sollte ihr Abschied von Mera sein – aber auf ihre Weise, nicht so. Nicht durch Gewalt. Nicht durch Entführung. Alexandra spürte, wie sich ihre Muskeln anspannten, ihr Herz raste. Ihr Atem kam flach, ihre Hände zitterten nicht vor Angst, sondern vor dem unbändigen Drang, zurückzuholen, was ihr genommen worden war. „Jevry! Betty! Karst!“ rief sie in Richtung des Lagers, ihre Stimme durchschnitt die Stille mit einer Schärfe, die selbst den Morgenwind in den Schatten stellte. Keine Sekunde später eilten die drei herbei. Karst hatte bereits den Bogen in der Hand, den Köcher über die Schultern geschnallt, seine Augen wachsam und berechnend. Bettys sonst so verspielte, strahlende Miene war verschwunden – stattdessen hielt sie ihren Stab umklammert, als wäre er der einzige Anker in einem aufgewühlten Meer. Und Jevry, breitschultrig wie eine wandelnde Festung, hatte sein massives Turmschild um den Arm gebunden, bereit, jeden Angriff auf die Gruppe abzuwehren. „Was ist los, Alexandra?“ fragte Karst, seine Stimme war ruhig, aber die Spannung in seiner Haltung war nicht zu übersehen. Alexandra schluckte schwer. „Der Oni dort unten… er hat Mera… aufgesogen, oder so etwas.“ Die Worte kamen brüchig, unzusammenhängend, sie konnte noch immer nicht fassen, was sie gesehen hatte. Bettys Lippen bebten, ihre Augen funkelten vor Wut. „Dann holen wir sie zurück!“ Ihre Stimme war ein scharfes Zischen, die Hände um ihren Stab so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. Jevry nickte, die Ernsthaftigkeit in seinem Blick machte klar, dass er keinen Moment zögern würde. „Sie ist unsere Freundin. Wir lassen sie nicht zurück.“ Alexandra atmete tief durch. Die Wut hatte sich in Entschlossenheit verwandelt. Ein Plan formte sich in ihrem Kopf, die Taktik war klar. „Jevry, du bleibst bei Betty. Beschütze sie, egal was passiert. Betty, dein Ziel ist es, ihn zu blenden und mit deinen Lichtspeeren zu schwächen. Karst…“ Sie sah zu ihm, und er nickte. Keine weiteren Worte waren nötig. Er wusste, was zu tun war. Dann richtete sie ihren Blick auf den Oni, der noch immer reglos am See stand, als würde er auf etwas warten. „Ich werde mir die Kette holen“, sagte sie schließlich. Ihre Stimme war ruhig, fester als zuvor. Die Kette – sie musste der Schlüssel sein. Sie hatte etwas mit Meras Verschwinden zu tun. Niemand stellte ihren Plan in Frage. Die Blätterlosen wussten, dass Alexandra niemals unüberlegt handelte. Sie waren bereit. Mit einem letzten Nicken gab sie das Zeichen. Blitzschnell stürmten sie los. Alexandra war die Erste, ihre Schritte waren schnell und entschlossen, als sie auf den Oni zuschoss. Karst hielt sich etwas zurück, suchte eine erhöhte Position, um aus dem perfekten Winkel schießen zu können. Bettys Lippen bewegten sich lautlos, bereit, ihre von Kamera gegebene Magie zu entfesseln. Jevry war dicht hinter ihr, seine Muskeln gespannt wie eine lebende Schutzmauer. -------------------------------------------------------------------------- Alexandra stürmte auf den Oni zu, ihre Bewegungen waren flüssig, jeder Schritt voller unerschütterlicher Entschlossenheit. Ihr Herz raste, doch ihr Griff um das Schwert blieb fest, unnachgiebig wie der Stahl der Klinge selbst. Sie war schnell, aber nicht unüberlegt – jede Bewegung war präzise, berechnet. Der Oni wandte sich ihr mit einer Mischung aus Überraschung und Belustigung zu. Seine leuchtenden weißen Augen weiteten sich für einen kurzen Moment, doch dann kräuselten sich seine Lippen zu einem spöttischen Grinsen. „Gib uns Mera zurück!“ Alexandras Stimme gellte über die Lichtung, scharf wie die Klinge in ihrer Hand. Die Wut in ihr brannte heiß, ließ ihre Muskeln vibrieren, trieb sie vorwärts. Der Oni machte einen mühelosen Sprung zurück, seine geschmeidigen Bewegungen verrieten eine Körperbeherrschung. Als er landete, blitzte in seiner Hand ein Krummsäbel auf, dessen Klinge im matten Morgenlicht silbern schimmerte. „Mera?“ Seine Stimme war ruhig, fast amüsiert. „Wer soll das sein?“ Alexandra knirschte mit den Zähnen, wollte sich auf ihn stürzen, doch seine nächsten Worte ließen sie kurz innehalten. „Ach… sie hat euch gar nicht ihren echten Namen verraten?“ Alexandras Gedanken rasten. War das eine Lüge? Oder wusste er etwas, das sie nicht wusste? Sie hatte immer geahnt, dass Mera nicht völlig ehrlich zu ihnen gewesen war, doch ihr Name… das war eine der wenigen Dinge gewesen, die sie für wahr gehalten hatte. Dieser Moment des Zögerns reichte dem Oni, um seinen Vorteil zu nutzen. Doch bevor er sich bewegen konnte, surrte ein Pfeil durch die Luft und schoss mit tödlicher Präzision auf ihn zu. Karst. Der Oni wirbelte herum, und mit einer Geschwindigkeit, die beinahe unmöglich erschien, parierte er den Pfeil mit seiner Klinge. Der metallische Klang hallte über die Lichtung. Fast zeitgleich tauchten leuchtende Speere aus dem Nichts auf – Bettys Magie. Die strahlenden Geschosse prasselten auf den Oni nieder, schnitten durch die Luft wie kleine Kometen. Er duckte sich, wich aus, bewegte sich mit der Anmut eines Tänzers zwischen den Angriffen hindurch. Doch Alexandra ließ ihm keine Zeit für eine Atempause. Die Ablenkung war alles, was sie brauchte. Mit einem gewaltigen Satz stürzte sie sich auf ihn, ihr Schwert schnellte vor. Er erkannte die Gefahr zu spät. Die Klinge durchschnitt seine Schulter, riss durch Fleisch und Sehnen, während Blut in dunklen Tropfen auf den Boden spritzte. Der Oni knurrte auf, sein Gesicht verzog sich vor Schmerz, doch in seinen Augen loderte keine Panik – nur eine dunkle Entschlossenheit.  „Hört mal…“ Seine Stimme war rau, aber nicht zitternd. Er klang nicht wie jemand, der Angst hatte. „Ich will euch nicht töten müssen.“ Er verzog das Gesicht, ein Ausdruck zwischen Genervtheit und Bedauern. „Geht einfach und vergesst sie.“ Bettys Augen weiteten sich. Ihre Finger umklammerten den Stab fester, ihr ganzer Körper bebte. „Sie vergessen?!“ Ihre Stimme überschlug sich fast vor Wut. „Gib sie uns gefälligst zurück!“ Ein weiterer Pfeil bohrte sich in den Boden, keine Handbreit vor den Füßen des Onis. „Letzte Warnung.“ Karsts Stimme klang von der erhöhten Position über ihnen. Er hatte den nächsten Pfeil bereits auf der Sehne, sein Blick war ruhig, berechnend. Alexandra sog tief die kalte Morgenluft ein. Sie fühlte, wie ihre Entschlossenheit in ihrem Körper pulsierte. Sie würden nicht verlieren. Nicht hier. Nicht heute. Sie hatten keine Angst. Und sie würden nicht aufgeben. -------------------------------------------------------------------------- Alexandra und der Oni kämpften mit gnadenloser Präzision, ihre Klingen kreuzten sich immer wieder in einem Tanz aus Stahl und Entschlossenheit. Der Oni war flink, seine Bewegungen geschmeidig wie die eines Raubtiers, doch Alexandra war nicht minder geübt. Sie ließ sich nicht von seinem Tempo einschüchtern, ihre Hiebe waren berechnend, jeder Schlag zwang ihn ein Stück weiter zurück. Ihr Atem ging schnell, ihre Muskeln brannten, doch sie ließ nicht nach. Der Oni wich einem horizontalen Schlag aus, sein Körper duckte sich in einer fast unmenschlichen Bewegung, bevor er blitzschnell zum Gegenschlag ansetzte. Die scharfe Klinge seiner Waffe schnitt durch Alexandras Arm. Doch bevor er nachsetzen konnte, flammte ein sanftes Licht auf. Alexandras Wunde, die sich gerade noch geöffnet hatte, schloss sich sofort wieder. Betty. Abseits des Kampfes stand die Priesterin mit konzentriertem Gesicht, ihre Hände leuchteten, während sie Alexandras Verletzungen unermüdlich heilte. Jede Wunde, die der Oni schlug, wurde in Sekunden wieder beseitigt. Der Oni bemerkte es. Sein Blick verfinsterte sich, und Frustration zeichnete sich auf seinem Gesicht ab. „Ihr seid hartnäckig“, knurrte er, sein Griff um die Waffe wurde fester. „Aber ich habe keine Lust mehr auf dieses Spiel.“ Ohne zu zögern griff er in seine Tasche und zog eine kleine grüne Kugel hervor. Alexandra erkannte die Gefahr, doch bevor sie reagieren konnte, krachte die Kugel auf den Boden. —PUFF— Mit einem lauten Zischen breitete sich eine dichte Rauchwolke aus, beißender Nebel brannte in Alexandras Augen, und sie stolperte hustend zurück. Die Welt um sie herum war ein einziges Grau, Formen verschwammen, Geräusche hallten verzerrt durch den Dunst. Alexandra riss ihre tränenden Augen auf und sah gerade noch, wie der Oni unter Jevrys Schild hindurchtauchte und seine Klinge tief in Bettys Bein rammte. Bettys Aufschrei schnitt durch die Luft, eine Mischung aus Schmerz und Schock. Jevry reagierte augenblicklich. Er rammte dem Oni seinen Schild entgegen, ein gewaltiger Hieb, der den Gegner mit brutaler Kraft zurückstieß. Der Oni taumelte, seine Haltung war nun angespannter, als würde er erkennen, dass er in dieser Konfrontation nicht so leicht gewinnen konnte. Karst hatte mittlerweile seine hohe Position aufgegeben und war auf den Boden gesprungen. Sein Bogen war gespannt, sein Blick konzentriert, jede Bewegung vorsichtig. „Das reicht!“ Alexandras Stimme war ein scharfes Messer durch die Stille. Ihr Schwert war auf den Oni gerichtet, ihr Blick war eisern. „Gib sie uns zurück!“ Der Oni betrachtete sie kurz. „Mera…“ Er ließ das Wort in der Luft hängen, als koste er es aus. „Wie ihr sie nennt, ist in Wahrheit die Kaiserliche Kopfgeldjägerin Leyla.“ Alexandra spürte, wie ihr Herz für einen Moment aussetzte. Sie suchte nach einer Lüge in seinen Augen, nach irgendeiner Regung, die seine Worte entkräftigen konnte. Doch es gab nichts. „Vor ein paar Wochen hat sie ein ganzes Volk ausgelöscht und ihre Stadt vernichtet“, fuhr der Oni fort, seine Stimme war ruhig, aber messerscharf. „Sie ist es nicht wert, gerettet zu werden.“ Stille. Die Worte hingen schwer zwischen ihnen, wie ein unsichtbares Gewicht, das sich auf Alexandras Brust legte. Ihr Blick zuckte zu Betty, zu Jevry, zu Karst – alle sahen genauso erschüttert aus wie sie. Doch dann schob sie das Gefühl zur Seite. „Es sind immer noch wir, die entscheiden, ob wir sie retten oder nicht“, sagte sie, und ihre Stimme war fest. Jevry richtete sich auf, seine Finger umschlossen den Griff seines Schildes fester. „Wir haben nur deine Version gehört. Bevor wir ihre nicht kennen, werden wir sie nicht aufgeben.“ Betty presste eine Hand auf ihre blutende Wunde, ihre Lippen bebten, doch ihre Stimme war klar und entschlossen. „Mera ist keine böse Frau. Was immer passiert ist, sie hatte ihre Gründe… und ihre Freundlichkeit war immer echt.“ Der Oni seufzte leise, und in seinen glühenden Augen flackerte erneut dieses seltsame Bedauern. „Ihr seid echt sonderbar.“ Er schüttelte leicht den Kopf. „Dann muss ich es euch eben sagen…“ „Ihr könnt Leyla nicht retten“, sagte er mit einer unerschütterlichen Ruhe. „Sie wurde bereits aus der Existenz entfernt.“ Alexandra fühlte, wie ihr Körper erstarrte. Die Worte des Onis hallten in ihr nach, setzten sich fest, ließen sie den Griff um ihr Schwert lockern. Aus der Existenz… entfernt? Was meinte er damit? Der Oni sah sie mitfühlend an. „Es ist vorbei.“

  • Kapitel 146 - Wenn die Sterne verblassen

    Leyla saß mit den Blätterlosen am Lagerfeuer, das warme Licht der Flammen tanzte über ihre Gesichter und ließ die Dunkelheit der Nacht flackern. Der Rauch stieg in sanften Spiralen auf, mischte sich mit dem erdigen Duft des Waldes und dem saftigen Aroma von gebratenem Fleisch, das noch auf den heißen Steinen am Rand des Feuers nachschmorte. Es war eine dieser Nächte, die sich fast wie ein Zuhause anfühlten – eine trügerische Illusion, aber eine, die Leyla für den Moment genießen wollte. Ein Monat war vergangen, seit sie Inhantes verlassen hatte, zwei Wochen, seit sie sich den Blätterlosen angeschlossen hatte. Die Zeit war wie Sand durch ihre Finger geronnen. Nun waren sie tief im Süden der Herzlande, wo die Hügel sanft und die Winde milder waren als im Süden. Noch ein, vielleicht zwei Monate, dann würde sie die Kaiserstadt erreichen. Doch in diesem Moment, mit den vertrauten Stimmen ihrer Gefährten um sie herum, wirkte ihre eigentliche Reise beinahe irreal – als würde sie zu einem anderen Leben gehören. „… und deswegen danken wir dir für deine Liebe, die du uns jeden Abend schenkst“, beendete Betty ihr Gebet an Kamera, ihre Stimme sanft und voller Hingabe. Ihre Hände waren gefaltet, ihre Augen geschlossen, der schwache Feuerschein spiegelte sich in ihrem ehrfürchtigen Gesicht. Leyla hatte, wie in den letzten Nächten auch, mit geschlossenen Augen zugehört. Sie war noch immer Mera, die fromme Kameristin – eine Rolle, die sie perfektioniert hatte. Alexandra ließ sich neben Leyla nieder, ihr Lachen war warm und ehrlich, wie der letzte Sonnenstrahl eines langen Tages. Mit spielerischer Leichtigkeit legte sie den Arm um Leylas Schultern und drückte ihr einen Krug mit kühlem Bier in die Hand. „Sag mal, Mera, was genau machst du eigentlich in der Kaiserstadt?“ fragte sie neugierig und nahm einen tiefen Schluck. Leyla drehte den Krug in ihren Händen, spürte die feuchte Kühle des Tons an ihren Fingern, bevor sie einen Schluck nahm. „Ich arbeite für einflussreiche Leute“, sagte sie schließlich mit einem Hauch von Rätselhaftigkeit in der Stimme. „Ich erledige Geschäfte, kümmere mich um Verhandlungen, solche Dinge.“ Die Worte waren sorgfältig gewählt – gerade vage genug, um keine Verdächtigungen zu wecken, aber konkret genug, um nicht wie eine Lüge zu klingen. Alexandra zog eine Augenbraue hoch und musterte Leyla mit amüsierter Skepsis. „Hm, klingt ja wahnsinnig spannend“, sagte sie und lehnte sich zurück. „Viel trockene, langweilige Arbeit, nehme ich an?“ Sie schmunzelte, nahm einen weiteren Schluck aus ihrem Krug und deutete mit einer kaum merklichen Bewegung auf die lodernden Flammen. „Ich hätte schwören können, dass du für ein abenteuerlicheres Leben gemacht bist.“ Leyla erwiderte das Lächeln, doch es lag ein Hauch von Wehmut darin. Sie mochte die Blätterlosen, mochte die Dynamik zwischen ihnen, die unkomplizierte Art, mit der sie miteinander umgingen. Betty war wie eine kleine Schwester für sie geworden – unschuldig, sanft, voller Vertrauen in das Gute. Sie erinnerte Leyla an Nea, doch sie war zerbrechlicher, als hätte die Härte der Welt sie noch nicht wirklich berührt. Leyla wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis auch Betty mit der Realität konfrontiert werden würde, und sie spürte ein tiefes Bedürfnis, sie davor zu bewahren. Dann war da Karst, wortkarg und oft abweisend, aber stets wachsam. Er sprach wenig, doch seine Taten bewiesen, dass er sich um die Gruppe sorgte. Seine Loyalität war eine seiner stärksten Eigenschaften, und Leyla respektierte ihn dafür mehr, als sie es zeigte. Jevry war ein wandelndes Lexikon, ein Mann mit einer Faszination für die Natur, die ansteckend war. Leyla hatte von ihm Dinge gelernt, die sie sonst nie erfahren hätte – welche Kräuter gegen Vergiftungen halfen, welche Spuren zu welcher Kreatur gehörten. Sein Wissen war nicht nur akademisch, sondern praktisch, gewachsen aus Erfahrung und Neugier. Und dann war da Alexandra. Leyla mochte sie besonders. Sie war das Herz der Gruppe, eine Anführerin, die führte, ohne zu befehlen, die sich um jeden kümmerte, ohne dass es aufdringlich wirkte. Und selbst jetzt, wo sie längst gemerkt haben musste, dass Leyla stärker war als die ganze Gruppe zusammen, behandelte sie sie nicht anders. Es war eine seltene Art von Freundschaft, eine, die Leyla kaum kannte – eine, die sich leicht anfühlte. „Weißt du was?“ Alexandra drehte sich halb zu ihr und musterte sie mit diesem typischen, schelmischen Grinsen. „Du solltest dich uns anschließen. Das Leben als Abenteurerin steht dir besser als jedes Geschäft in der Kaiserstadt.“ Leyla hielt inne, der Krug in ihrer Hand schwebte kurz über ihren Lippen. Sie wusste, dass Alexandra es nicht ganz ernst meinte, dass es nur eine halb gescherzte Einladung war. Aber trotzdem… trotzdem trafen die Worte etwas in ihr. Ein Teil von ihr wollte es. Ein Teil von ihr wollte bleiben, weiterreisen, jeden Tag am Feuer sitzen und mit diesen Freunden lachen. Doch sie konnte nicht. Sie durfte nicht. Sie zwang sich zu einem leichten Lächeln, ließ es so echt wie möglich erscheinen. „Das ist eine liebe Einladung“, sagte sie, ihre Stimme weich, aber bestimmt. „Aber es geht momentan leider nicht.“ Alexandra betrachtete sie einen Moment lang, als könnte sie in ihren Gedanken lesen. Dann lachte sie, ein warmes, unbeschwertes Lachen, das die Nacht erfüllte. „War ja klar, dass du nein sagst. Aber ich dachte, ich frage trotzdem.“ Sie nahm einen tiefen Schluck aus ihrem Krug und stieß ihn dann spielerisch gegen Leylas. „Wir alle mögen dich, Mera. Falls du deine Meinung änderst.“ Leyla fühlte, wie sich ihr Brustkorb für einen Moment zusammenzog. Die Worte kamen so beiläufig, so ungezwungen, doch sie trafen sie tiefer, als sie es sich anmerken lassen wollte. Sie hob ihren Krug und erwiderte das Lächeln, auch wenn ein leiser Schmerz in ihr wuchs. „Und ich mag euch auch“, sagte sie leise, ihre Stimme ehrlich, aber voller unausgesprochener Worte. „Sehr sogar.“ Für diesen Moment ließ sie alles andere hinter sich. Die Zukunft konnte warten. Die Pflicht konnte warten. Denn in dieser Nacht, unter den Sternen, am knisternden Feuer, war sie nicht Leyla, die Kaiserliche Kopfgeldjägerin. Sie war Mera. Und sie war glücklich. -------------------------------------------------------------------------- Leyla hatte sich tief in ihren Schlafsack gekuschelt, ihre Augen bereits geschlossen, doch ihre Gedanken ließen ihr keine Ruhe. Das Gespräch mit Alexandra hallte in ihrem Kopf wider. Die Einladung, sich den Blätterlosen anzuschließen, die Herzlichkeit in Alexandras Stimme – es hatte sie berührt. Der Gedanke, sich einfach diesem Leben hinzugeben, mit ihnen durch das Kaiserreich zu reisen und Abenteuer zu erleben, war verlockend. Doch sie wusste, dass es eine Illusion war. Früher oder später würde ihre wahre Identität sie einholen, und dann würde alles anders sein. Gerade als sie begann, in einen leichten Schlaf zu sinken, spürte sie ein sanftes Zupfen an ihrem Schlafsack. „Du, Mera… bist du noch wach?“ Alexandras Stimme war ein Flüstern in der Dunkelheit, sanft wie die Brise, die durch die Baumwipfel strich. Leyla blinzelte und setzte sich langsam auf. „Ja… was ist los?“ Ihre Stimme war leise, rau vom Schlaf, aber voller Neugier. Alexandra lächelte im schwachen Mondlicht, ihre Silhouette zeichnete sich sanft vor dem dunklen Wald ab. Sie beugte sich ein Stück näher. „Komm mit. Ich möchte dir etwas zeigen.“ Ohne zu zögern folgte Leyla ihr aus dem Lager hinaus. Die Nacht war klar und kalt, der Himmel voller funkelnder Sterne, die wie unzählige kleine Diamanten über ihnen schimmerten. Alexandra führte sie einen kleinen Pfad hinauf, bis sie auf einem Hügel ankamen. Ein alter Baum stand dort, seine knorrigen Äste streckten sich weit aus, als würden sie den Himmel umarmen. Darunter lag ein großer, flacher Stein, auf den sich Alexandra mit einem zufriedenen Seufzen setzte. „Setz dich“, sagte sie mit einem leichten Schmunzeln und zog zwei kleine Glasfläschchen aus ihrer Tasche. Ihr Inhalt leuchtete in allen Farben des Regenbogens, als würde er das Licht der Sterne einfangen. Leyla nahm eines davon entgegen und betrachtete es neugierig. „Was ist das?“ Alexandras Augen funkelten. „Sternenwasser. Es macht dich für eine Stunde leichter… als wärst du ein Teil des Himmels.“ Leyla zog eine Augenbraue hoch. „Und das ist sicher?“ Alexandra lachte leise. „Ich hab’s schon oft getrunken. Es ist nicht mehr als ein bisschen Magie und ein angenehmes Gefühl.“ Leyla zögerte nur einen Moment, dann zuckte sie mit den Schultern und öffnete die Flasche. Der Inhalt schmeckte süßlich, fast wie Honig, doch sobald sie ihn hinunterschluckte, breitete sich eine sanfte Wärme in ihr aus. Ihre Haut prickelte leicht, als würde sie von einem warmen Sommerwind umhüllt. Als sie den Blick zum Himmel hob, wirkten die Sterne näher, heller, als wären sie zum Greifen nah. Alexandra lehnte sich an sie, und Leyla erwiderte die Bewegung, ließ sich von der Magie und der Nähe ihrer Gefährtin treiben. „Schön, oder?“ fragte Alexandra leise, während sie in den Nachthimmel blickte. Leyla nickte. „Ja… unglaublich schön.“ Einen Moment lang herrschte Stille zwischen ihnen. Nur der Wind streichelte sanft die Blätter des alten Baumes, während die Sterne in einem endlosen Tanz über ihnen funkelten. Dann drehte Alexandra sich zu Leyla und berührte sanft ihre Wange. Leylas Herz machte einen Sprung, als sich ihre Blicke trafen. Es war kein Zögern in Alexandras Augen, nur ehrliche Zuneigung und ein Hauch von Sehnsucht. Langsam beugte sie sich vor, und Leyla tat es ihr gleich. Der erste Kuss war sanft, ein vorsichtiges Erkunden, warm und vertraut. Doch als sie sich voneinander lösten und Leyla Alexandras Lächeln sah, fühlte sie eine Wärme, die nichts mit dem Sternenwasser zu tun hatte. Alexandra fuhr mit ihren Fingern durch Leylas Haare, bevor sie ihr erneut nahe kam, diesmal drängender, fordernder. Ihr Atem vermischte sich mit dem kühlen Nachtwind, als ihre Lippen erneut aufeinandertrafen. Leyla schloss die Augen, ließ sich mitreißen. Sie spürte Alexandras Finger, die sanft an ihrer Taille entlangglitten, ihr Herzschlag beschleunigte sich. Alexandras Hand glitt tiefer, fand den Saum von Leylas Hose, ihre Berührung war warm und neugierig. Leyla konnte in Alexandras Augen tausend kleine Sterne funkeln sehen. ,,Wie schön’’ , dachte sie glücklich. Leyla seufzte leise, ließ sich gegen den Baum lehnen, während Alexandras Fingerspitzen über ihre Haut strichen und sich dann in ihre Hose vortasteten. Die Welt um sie herum verschwand, wurde bedeutungslos, als sie sich in diesem Moment verloren. Die Sterne funkelten über ihnen, doch für Leyla war Alexandra das einzige Licht, das jetzt zählte. -------------------------------------------------------------------------- Leyla erwachte langsam, blinzelte gegen das fahle Morgenlicht, das durch die dichten Wolken sickerte. Die Luft war kühl und roch nach nassem Gras und feuchter Erde, das sanfte Rauschen des Windes in den Bäumen verstärkte die friedliche Stille. Für einen Moment wollte sie einfach liegen bleiben, das Gewicht der Welt vergessen und sich in die Wärme neben ihr schmiegen. Alexandras Körper war eine sanfte, angenehme Präsenz, ihr Atem ruhig und gleichmäßig. Leyla spürte die vertraute Nähe, das sanfte Heben und Senken von Alexandras Brust, das ihr ein Gefühl von Sicherheit gab, das sie kaum noch kannte. Doch der Moment wurde jäh unterbrochen. ,,Aha, hab ich es mir doch gedacht!’’ Bettys empörte Stimme durchschnitt die Stille des Morgens wie ein Dolch, ließ die letzten Fetzen der Nacht mit einem Schlag verblassen. Alexandra rührte sich zuerst, ein leises Murren verließ ihre Lippen, als sie sich aufsetzte. Leyla folgte langsam, ihr Körper fühlte sich schwer an, noch gefangen in der angenehmen Trägheit der Nacht. Vor ihnen stand Betty, ihre Arme fest vor der Brust verschränkt, ihre weißen Haare zerzaust, als wäre sie gerade aus dem Schlaf gestürzt. Ihre Lippen waren zu einem missbilligenden Schmollmund verzogen, und ihre hellen Augen funkelten mit einem Ausdruck, der irgendwo zwischen Empörung und jugendlicher Enttäuschung lag. „Guten Morgen, Betty“, sagte Alexandra, ihre Stimme klang noch schläfrig, während sie sich eine Strähne aus dem Gesicht strich. Betty tappte mit dem Fuß auf den Boden. „Ihr habt die Sterne beobachtet und mich nicht geweckt?“ Ihre Stimme bebte leicht, und Leyla konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Oh, Betty…“ begann Alexandra beschwichtigend, doch bevor sie weitersprechen konnte, hallte Jevrys tiefe Stimme vom Fuße des Hügels zu ihnen hinauf. „Betty, lass die beiden erstmal in Ruhe aufstehen!“ Die Klerikerin schnaubte empört, drehte sich mit einer übertriebenen Bewegung um und warf demonstrativ ihre Haare über die Schulter. „Tja, ich wollte die Sterne sowieso nicht sehen“, verkündete sie trotzig, doch das leichte Zittern in ihrer Stimme verriet, dass sie eigentlich sehr wohl wollte. Leyla und Alexandra tauschten einen amüsierten Blick, dann mussten sie beide lachen. „Betty ist schon süß, oder?“ sagte Alexandra und gähnte, während sie sich die letzten Spuren des Schlafs aus den Augen rieb. Leyla nickte und betrachtete Betty, die mit verschränkten Armen den Hügel hinabging, aber immer wieder verstohlene Blicke zu ihnen warf. „Man will sie einfach in den Arm nehmen und beschützen“, sagte Leyla leise, ihr Blick voller Wärme. Doch in genau diesem Moment veränderte sich etwas in ihr. Es begann tief in ihrer Brust, ein vages, kaum greifbares Gefühl, das sich langsam ausbreitete. Zuerst war es nur eine Unruhe, wie ein fernes Echo, das durch ihre Adern vibrierte. Doch dann wurde es stärker. Die Runensteine, die tief in ihr schlummerten, begannen zu pulsieren, als würden sie erwachen. Sie schienen in Aufruhr zu sein– ein dumpfes Ziehen, das keine Worte brauchte. Leyla hatte so etwas noch nie zuvor gespürt. Die letzte Erinnerung, die vergleichbar war, war das Gespräch mit Selfmun Aragi, als der Runenstein der Erde eine ähnliche Reaktion gezeigt hatte. Doch damals war es Angst gewesen. Dies hier war anders. Keine Angst, sondern eine drängende Ungeduld, eine Notwendigkeit, weiterzugehen, sich zu bewegen, nicht stillzustehen. Ein unbewusstes Zittern durchlief ihren Körper, als ihr Blick über die Landschaft wanderte – und dann blieb er an einer Gestalt hängen. Am Ufer des stillen Sees, der ein Stück entfernt in der Morgendämmerung glitzerte, stand er. Ein Oni. Er war groß, seine Haut blass. Seine weißen Augen fixierten sie aus der Ferne. Er stand reglos, unbeweglich wie eine Statue, doch sie wusste, dass er auf sie wartete. Leyla spürte, wie ihr Herzschlag sich beschleunigte. Sie wusste nicht, woher sie es wusste, aber irgendetwas in ihr sagte, dass er eine Gefahr war. „Geh schon mal zu den anderen“, sagte sie leise zu Alexandra, ihre Stimme war ruhig, doch sie spürte, wie sich eine Anspannung in ihren Gliedern aufbaute. Sie wollte die Blätterlosen nicht in das, was auf sie wartete, hineinziehen. Alexandra musterte sie mit einem nachdenklichen Blick, als hätte sie das seltsame Zittern in Leylas Stimme bemerkt. Doch sie sagte nichts. Sie streifte mit ihren Fingern sanft Leylas Schulter, eine stumme Geste des Vertrauens. „Lass dir Zeit, wir warten auf dich.“ Leyla nickte. Dann wandte sie sich um und begann langsam, den Hügel hinabzusteigen. Jeder Schritt fühlte sich schwerer an als der letzte. Nicht aus Angst – nein, es war dieses unaufhörliche Ziehen in ihrer Brust. Der Oni stand noch immer da, unverändert, während der Nebel über dem See langsam aufstieg und ihn wie einen Geist umhüllte. -------------------------------------------------------------------------- „Wer bist du?“ Leylas Stimme war kalt, durchzogen von einem drohenden Unterton. Ihre Augen verengten sich misstrauisch, während sie ihre Haltung unmerklich absenkte, bereit, im nächsten Moment anzugreifen oder auszuweichen. Die Luft zwischen ihnen war schwer, gespannt wie eine Bogensehne kurz vor dem Schuss. Der Oni sah sie lächelnd an — ein Grinsen, das weder feindselig noch freundlich war, sondern tief in einer verborgenen Wahrheit verwurzelt lag. ,,Mein Name ist Nahenma. Und ich bin hier, um dich zu holen, Leyla.’’ Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Ihr Körper spannte sich instinktiv an, als ihre Gedanken rasten. War er einer der Kopfgeldjäger? Einer von denen die sie nicht kannte? Einen, den das Kaiserreich geschickt hatte? Doch irgendetwas daran fühlte sich falsch an. Dann fiel ihr Blick auf die Kette, die er um den Hals trug. Ein schräges Kreuz, das Symbol… Leylas Herz setzte einen Schlag aus. Diese Kette. Sie hatte sie schon einmal gesehen – nein, sie hatte sie in ihren eigenen Händen gehalten. Nach dem Kampf gegen den Drachen, als sie für „N“ gearbeitet hatte. Ihr Atem wurde flach. ,,Du bist ,N’?’’ fragte sie misstrauisch. Nahenmas Lächeln vertiefte sich. ,,Genau.’’  Einen Moment lang sagte er nichts, ließ das Wort einfach in der Luft hängen, als wolle er, dass sie es selbst verarbeitete. Dann fuhr er fort, seine Stimme klang nun fast bedauernd. „Ich habe dich damals getestet. Ich wollte wissen, ob du eine Bedrohung bist.“ Er machte eine kurze Pause, als wolle er ihre Reaktion abwarten, bevor er den letzten Satz aussprach: „Glaub mir… du tust mir leid.“ Leyla blinzelte. Seine Worte wirkten seltsam auf sie. Mitleid? Mit ihr? Doch bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, bewegte sich Nahenma. Langsam hob er eine Hand und legte die Finger auf die Kette. „Verzeih mir.“ Ein blendendes Licht brach aus dem Kreuz hervor. Leylas Körper reagierte sofort. Sie drehte sich um, ihr Herz raste, jeder Muskel schrie danach, zu fliehen – doch bevor sie auch nur einen Schritt tun konnte, spürte sie es. Eine unsichtbare Kraft packte sie, riss an ihren Gliedern, zog sie nach hinten, als wäre sie in einem Netz aus purem Nichts gefangen. Ihre Finger verkrampften sich, ihr Körper zuckte, doch sie konnte sich nicht bewegen. Es war wie damals – dieses lähmende, grausame Gefühl, als sie die magieunterdrückenden Handschellen tragen musste. Panik überkam durch sie. „LASS MICH LOS!“ schrie sie, ihre Stimme war eine Mischung aus Wut und verzweifelter Angst. Sie stemmte sich gegen die unsichtbare Macht, versuchte, ihre Magie zu rufen – doch nichts. Kein Funke, kein Hauch von Kraft. Nahenma stand reglos da. Seine Augen waren ruhig, sein Gesicht ernst. Als wäre dies nichts, was er gerne tat – sondern etwas, das er tun musste. Leylas Brust zog sich zusammen, als ihr Körper begann, sich zu verformen. Nicht äußerlich – nein, es war etwas viel Schlimmeres. Ein Gefühl, als würde sie sich auflösen, als würde sie von innen nach außen gestülpt, in Fäden gezogen, die nicht mehr zusammenpassten. Sie kämpfte. Kämpfte mit jeder Faser ihres Seins. Doch es war zu stark. Ihre Sicht verschwamm. Das Letzte, was sie sah, war Alexandras Gesicht, das vom Hügel herab zu ihr blickte. Ihre Augen waren weit aufgerissen, ihre Lippen formten stumme Worte, eine Hand war verzweifelt nach ihr ausgestreckt, als könnte sie Leyla noch festhalten – doch es war zu spät. Die Welt um sie herum zerfiel. Dann wurde alles schwarz. Das Letzte, was in ihrem Geist widerhallte, war die pure Verzweiflung in Alexandras Blick. Und dann war selbst das verschwunden.

  • Kapitel 145 - Eis, Blut und Schatten

    Jakira lag zusammengerollt in ihrem Schlafsack, als wäre sie ein verwundetes Tier, das sich vor der Welt verstecken wollte. Die Kälte der Schneelande kroch durch die dicken Stoffwände ihres Zeltes, biss sich an ihrer Haut fest, doch sie spürte sie kaum. Die Kälte war ihr vertraut, doch sie war nichts im Vergleich zu dem eisigen Gefühl, das sich in ihrem Inneren ausgebreitet hatte – ein dunkler Schatten, der jede Wärme erstickte. Sie zitterte nicht wegen der frostigen Luft, sondern wegen des bohrenden Gefühls der Nutzlosigkeit, das ihr schwer auf den Schultern lastete. Ihre Finger gruben sich in das raue Material des Schlafsacks, als könnte sie sich daran festhalten, als könnte sie sich so davor bewahren, von den Gedanken in ihrem Kopf verschlungen zu werden. „Bin ich wirklich so nutzlos…?“  Ihre Stimme war nicht mehr als ein heiseres Flüstern, das in der erdrückenden Stille ihres Zeltes verschwand. Tränen rannen über ihre Wangen, heiß gegen die eisige Luft, doch sie wischte sie hastig weg – als wollte sie ihre eigene Schwäche auslöschen. Doch die Tränen kamen immer wieder, ein unaufhaltsamer Strom, der sich nicht mehr zurückhalten ließ, egal, wie oft sie ihn eindämmte. Die Erinnerung an die Worte der Prinzessin lastete schwer auf ihr. Jakira war eine Schattenläuferin, eine Meisterin der Tarnung, des lautlosen Schleichens. Sie konnte sich in den dunklen Winkeln der Welt verlieren, unbemerkt bleiben, bis sie zuschlug – und doch hatte man sie zurückgelassen. Als wäre sie bedeutungslos. Als wäre sie eine Last. Sie sog zitternd die Luft ein, versuchte, ihre rasenden Gedanken zu beruhigen, doch stattdessen wurde sie von einer neuen Welle der Unsicherheit überrollt. Würde Liam dasselbe tun? Würde er sie auch zurücklassen, wenn die Zeit gekommen war? Oder würde er ihr zeigen, dass sie wertvoll war, dass sie einen Platz in dieser Welt hatte? ,,Weißt du Jakira, du bist eine tolle Person.’’ ,,Ich mag dich für dich. Ich mag deine fürsorgliche Art, und ich mag deine Präzision im Kampf.’’ ,,Behalte einfach die Worte im Kopf und nimm sie dir dann zu Herzen, wenn du bereit bist.’’ Seine Stimme hallte in ihrem Kopf wider, doch diesmal klang sie nicht beruhigend, sondern hohl, unwirklich. Wie oft hatte sie sich an diese Worte geklammert, hatte gehofft, dass sie wahr waren? Und doch fühlten sie sich jetzt wie eine bloße Illusion an, eine leere Lüge, die nie für sie bestimmt gewesen war. Ihre Arme schlangen sich fester um ihre angezogenen Knie, als könnte sie sich so vor dem erdrückenden Gewicht ihrer eigenen Zweifel schützen. Ihr Atem kam flach und schnell, ihre Brust hob und senkte sich hektisch, als würde sie gegen eine unsichtbare Last ankämpfen. Die Dunkelheit in ihrem Inneren schien jeden Lichtfunken zu verschlingen, jede Hoffnung zu ersticken. ,,Nichts hat sich geändert…’’  Die Worte verließen ihre Lippen wie ein bitteres Geständnis, ein stilles Eingeständnis dessen, was sie so lange verdrängt hatte. Und in diesem Moment fühlte sie sich so klein, so unbedeutend wie der Schnee, der unaufhörlich draußen fiel – ein Teil der endlosen, kalten Weite, vergessen und verloren. - ------------------------------------------------------------------------- Jakira war in einen unruhigen Schlaf gefallen, ihre Gedanken waren wie Nebelschwaden, die sich in wirren Träumen verloren hatten. Doch plötzlich wurde sie von einem heftigen Rütteln aus ihrer Dämmerung gerissen. Ihre Augen schossen auf, noch benommen, doch das Gesicht, das sich über sie beugte, ließ jede Trägheit augenblicklich verfliegen. Baharmut stand über ihr, sein Blick war von purer Panik gezeichnet, seine Brust hob und senkte sich schnell, als wäre er eine Ewigkeit gerannt. „Jakira, steh auf!“ Seine Stimme war rau, drängend. „Die Prinzessin wird angegriffen. Von Bunj!“ Der Name riss sie endgültig aus der Starre. Bunj? Hier? Ihr Herz setzte für einen Schlag aus, bevor es doppelt so schnell zu schlagen begann. Ein Kaiserlicher Kopfgeldjäger in den Schneelanden? Was zum Geeri machte er hier? Tausend Fragen rasten ihr durch den Kopf, doch sie hatte keine Zeit, nach Antworten zu suchen. Ihre Gedanken konnten warten – die Prinzessin nicht. Baharmut packte sie fest am Arm und zog sie hoch, ohne eine Sekunde zu verschwenden. Ihr Körper protestierte gegen die plötzliche Bewegung, noch steif vom Schlaf, doch Adrenalin pumpte bereits durch ihre Adern, brachte sie auf die Beine. Die Eiseskälte schlug ihr entgegen, als sie aus dem Zelt stolperte, doch selbst die klirrende Abendluft konnte die Hitze der Dringlichkeit nicht ersticken, die in ihrer Brust loderte. Draußen erwartete sie Atorm. Er stand bereit, seine Augen ruhten scharf auf dem Horizont, als könnte er die Gefahr bereits sehen. Der Wind riss an seinem Umhang, doch er stand da wie ein unerschütterlicher Fels in der eisigen Wildnis. „Los, Jakira“, sagte er ruhig, doch seine Stimme hatte ein Gewicht, das keinen Widerspruch duldete. „Wir dürfen keine Sekunde verlieren.“ Sie nickte hastig und warf einen letzten Blick auf Baharmut, der bereits zurück ins Lager rannte, um die anderen zu warnen. Dann setzte sie sich in Bewegung, folgte Atorm in die Schatten der verschneiten Bäume. Der Wald war eine stillschweigende, eisige Welt. Jeder ihrer Schritte knirschte im gefrorenen Schnee, ihr Atem formte kleine Wolken in der Dunkelheit. Doch sie ignorierte die Kälte, ignorierte den brennenden Frost auf ihrer Haut. Alles, was zählte, war das Ziel vor ihr. Ihr Körper bewegte sich instinktiv, als hätte er nur darauf gewartet, gebraucht zu werden. Sie spürte die Spannung in der Luft, das seltsame elektrische Knistern, das jeden bevorstehenden Kampf ankündigte. Jeder Muskel in ihrem Körper war angespannt, ihre Sinne geschärft. Der Wald, der zuvor so erdrückend gewirkt hatte, war nun ein Terrain, das sie beherrschte. Jeder Baum, jeder schneebedeckte Felsen wurde zu einem Punkt, den sie in ihre Route einbezog, ihre Schritte lautlos und präzise. Atorms Gestalt war nur ein dunkler Schatten, der vor ihr herjagte, aber sie konnte ihn spüren, seinen Rhythmus aufnehmen. Gemeinsam bewegten sie sich wie zwei Raubtiere, die durch die kalte Nacht jagten – auf der Suche nach ihrer Beute oder bereit, selbst zur Beute zu werden. Mit jedem Atemzug, jedem Schritt wich die Unsicherheit aus Jakiras Brust. Es gab keine Zweifel mehr, keine Ängste. Nur die Mission. Sie war bereit. Bereit, ihre Klinge zu ziehen. Bereit, alles zu geben. - ------------------------------------------------------------------------- Jakira und Atorm eilten durch den tiefen Schnee, ihre Atemwolken verpufften in der eiskalten Nachtluft. Sie spürte ihren eigenen Herzschlag in den Schläfen pochen, doch sie zwang sich, den Rhythmus von Atorms Schritten beizubehalten. Sein Tempo war erbarmungslos, zielgerichtet – als würde er genau wissen, wo er hinmusste. Dann sahen sie ihn. Ulfgors massiger Körper lag am Waldboden, halb vom Schnee bedeckt, als hätte die Natur bereits begonnen, ihn in ihr kaltes Grab zu ziehen. Sein Schädel war eingeschlagen, das dunkle Blut gefroren in grotesken Linien auf der weißen Oberfläche. Kein Zeichen von Kampfgeist, kein Zeichen von Leben. Nur Stille. Keine letzten Worte. Kein Abschied. Sie hielten nicht an. Jakira biss die Zähne zusammen und zwang sich, nach vorn zu sehen. Was hätte es genützt, innezuhalten? Ulfgor war tot. Ihre Aufgabe war es, die Lebenden zu retten. Atorm verlangsamte plötzlich sein Tempo. Sie spürte es, noch bevor sie verstand, warum – eine Instinktreaktion, ein Signal, dass die Situation sich verschärfte. Dann sah sie es auch. Durch die Schatten des Waldes bewegte sich eine Gestalt mit erschreckender Geschwindigkeit. Bunj. Der Chimp schwang sich von Baum zu Baum, sein muskulöser Körper eine einzige fließende Bewegung, als wäre er selbst Teil der Natur. In seinem Arm hing ein regloser Körper. Nara. Jakira sog scharf die Luft ein, als sie das Blut an Naras Kleidung erkannte. Ihr Körper war schlaff, ihr Kopf lehnte unnatürlich zur Seite. War sie…? Bevor ihr Verstand den Gedanken zu Ende führen konnte, verschwand Atorm aus ihrem Sichtfeld. Er war nicht gesprungen, er war nicht gerannt. Er war einfach verschwunden. Nur eine Sekunde später hörte sie das unheilvolle Knacken von Holz, ein Rascheln, dann einen dumpfen Aufprall. Bunj wurde aus der Luft gerissen, sein Griff um Nara löste sich, und ihr Körper wurde durch die Nacht geschleudert – direkt auf Jakira zu. Jakira reagierte instinktiv. Sie sprang nach vorn, riss die Arme hoch und fing die Prinzessin auf, versuchte, den Aufprall abzufangen. Doch Nara war nicht nur bewusstlos – sie blutete. Jakiras Hände wurden augenblicklich feucht und warm, das klebrige Gefühl des Blutes brannte sich in ihre Haut, als sie die Prinzessin vorsichtig in den Schnee legte. Ihre Augen weiteten sich, als sie den tiefen Schnitt an Naras Hals sah. Das war nicht Bunjs Werk. Nara hatte versucht, sich selbst das Leben zu nehmen. Ein Schauer lief Jakira über den Rücken. Ihre Finger flogen automatisch zu dem Stoff ihres Nachthemds, rissen ein Stück ab und drückten es gegen die Wunde. Das Blut pulsierte gegen ihre Handfläche, versuchte sich durch den Stoff zu drängen, und Panik loderte in ihrer Brust auf. „Verdammt, verdammt, verdammt!“  schoss es ihr durch den Kopf. Warum hatte sie keinen Heiltrank mitgenommen? Warum war sie so nachlässig gewesen? Sie war wirklich nutzlos und unfähig. Wenn Nara jetzt starb, war es nur Jakiras Schuld. Die Geräusche des Kampfes hallten in der Ferne wider – das Krachen von Ästen. Aber Jakira konnte nichts anderes tun, als sich auf die Prinzessin zu konzentrieren. Ihre Kehle war trocken, als sie flüsterte: „Bitte haltet durch… bitte…“ Plötzlich regte sich Nara. Ihre Augen flackerten, halb geöffnet, als sie Jakira mit einem verschwommenen Blick ansah. Ihre Lippen verzogen sich zu einem schwachen Lächeln. „Da bist du ja…“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. Jakira schluckte, das Brennen in ihren Augen nahm zu. „Prinzessin, bleibt wach, bleibt bei mir!“ flehte sie. Sie wusste, dass sie es nicht zulassen konnte. Sie durfte Nara nicht verlieren. Nicht nach all dem. Doch Nara hob eine zitternde Hand und berührte sanft Jakiras Wange. Ihre Finger waren eiskalt, ihre Berührung schwach. „Ich werde nicht sterben…“ murmelte sie, und für einen Moment klang sie so, als würde sie selbst nicht daran glauben. Dann jedoch blitzte etwas in ihren Augen auf – Entschlossenheit. „Ich… nutze meine Magie… ich kann den Blutfluss… in der Zeit einfrieren.“ Jakira erstarrte. Das war Naras Zeitmagie. Sie wollte die Blutung stoppen, indem sie ihre eigene Wunde in der Zeit einfrieren würde. Es war riskant, aber es war ihre einzige Chance. Jakira schluckte. Sie wollte bei ihr bleiben. Doch sie kannte ihren Auftrag. Sie musste Atorm helfen. Ihre Finger krallten sich für einen Moment in den Stoff ihrer eigenen Kleidung, bevor sie sich zwang, aufzustehen. Ein letztes Mal trafen sich ihre und Naras Blicke. Dann verschwand sie in die Schatten der Bäume. Lautlos. Unsichtbar. Bereit, das Blatt des Kampfes zu wenden. - ------------------------------------------------------------------------- Bunj keuchte, seine Lungen brannten, während er den eisigen Atem der Schneelande einsog. Seine Finger umklammerten den Kampfstab so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten, doch selbst der vertraute Griff seiner Waffe gab ihm in diesem Moment keine Sicherheit mehr. Der Schmerz in seinen Armen und Beinen pochte wie ein wütender Herzschlag, seine Muskeln schrien nach Ruhe, doch er zwang sich, aufrecht zu bleiben. Vor ihm stand der Mann, der ihn mit erschreckender Leichtigkeit abgewehrt hatte. Ruhig. Gelassen. Als wäre dieser Kampf nichts weiter als eine belanglose Nebensache. Seine schwarzen Augen funkelten mit einer beunruhigenden Kälte – nicht grausam, nicht arrogant, sondern absolut. Als wüsste er bereits, wie dieser Kampf ausgehen würde. Als wäre der Ausgang längst entschieden. Bunj verzog das Gesicht zu einem Grinsen, ein Ausdruck von Trotz und Respekt zugleich. „Du bist stärrkerr als derr Bärr“, stellte er fest, seine Stimme klang kratzig, aber fest. Jeder Muskel in seinem Körper war angespannt, bereit für einen erneuten Angriff, bereit, sich durch den Schmerz zu kämpfen. Sein Gegner nickte kaum merklich, jede seiner Bewegungen langsam, aber mit einer Effizienz, die keinen Raum für unnötige Energie ließ. „Du unterdrückst meine Magie, das schränkt mich ein wenig ein“, sagte er mit ruhiger Stimme. Bunj hob eine Augenbraue. Er hatte mit allem gerechnet – roher Gewalt, überlegener Kampftechnik – aber nicht damit, dass sein Gegner ein Magier sein könnte. Doch etwas daran stimmte nicht. Der Mann vor ihm wirkte nicht wie jemand, der sich auf Magie verließ. Nein, das war pure Kraft. Und doch… Bunj spuckte aus, sein Grinsen wurde breiter. „Mein Name ist Bunj, drritterr Kaiserrlicherr Kopfgeldjägerr“, erklärte er mit funkelnden Augen. Es war keine Drohung. Keine Warnung. Es war eine Kampfansage. Er wollte wissen, mit wem er es hier zu tun hatte. Welcher Krieger es gewagt hatte, sich ihm entgegenzustellen. Der Mann blieb unbewegt. Dann, nach einem Moment, in dem nur das Knirschen des Schnees unter dem schwachen Wind zu hören war, sprach er. „Atorm.“ Kein Titel. Keine weitere Erklärung. Nur ein Name. Etwas an dieser knappen Antwort ließ Bunjs Herz schneller schlagen. Ein Krieger ohne Herkunft, ohne Geschichte? War das eine Lüge? Oder war dieser Mann wirklich so außerhalb von allem, dass er keinen Ruf brauchte? Bunj knurrte zufrieden. „Ich gebe jetzt alles, Atorrm“, kündigte er an, und seine Muskeln spannten sich, während er sich zum Angriff bereit machte. Er rammte seinen Kampfstab tief in den Boden. Die vertraute Energie seiner Signaturkampfkunst durchströmte ihn, pulsierte durch seine Adern wie reines Feuer. Er ließ sie aufsteigen, formte sie in seinen Fäusten. Die Welt um ihn herum schien für einen Moment stillzustehen, als er sich in den Kampf warf. „Hunderrt Schläge des Affenkönigs!“ Er konnte diese Technik dreimal am Tag anwenden – und jeder Schlag war ein Orkan aus purer Zerstörung. Seine Fäuste verwandelten sich in eine unscharfe Masse aus Bewegung, sein Körper wurde zur Waffe. Der Schnee wirbelte auf, die Luft vibrierte unter der Geschwindigkeit seiner Schläge. Jeder Treffer sollte einen Menschen mit Leichtigkeit in den Boden rammen. Doch Atorm stand noch immer. Seine Hände bewegten sich mit unheimlicher Präzision, jeder Schlag von Bunj wurde pariert. Nicht mit hektischer Abwehr oder panischen Ausweichbewegungen, sondern mit kalter, mechanischer Effizienz. Es war, als würde Atorm nicht gegen einen Gegner kämpfen, sondern ein längst einstudiertes Muster abspulen. Seine Füße bewegten sich kaum. Sein Gesicht blieb ausdruckslos. Bunj konnte es nicht fassen. Er steigerte seine Geschwindigkeit, ließ seine Schläge noch härter, noch schneller werden. Doch egal, wie sehr er seine Technik forcierte, Atorm blieb unbeirrt. Dann, als der hundertste Schlag abgewehrt war, kam die Gegenattacke. Ein Tritt, so kraftvoll, dass Bunj das Gefühl hatte, ein Rammbock hätte ihn getroffen. Er flog nach hinten, sein Rücken krachte mit voller Wucht gegen einen Baum. Der Aufprall ließ den Stamm erbeben, Schnee rieselte von den Ästen herab. Bunj spürte, wie seine Lungen protestierten, als die Luft aus seinem Körper gepresst wurde. Er packte seinen Stab, versuchte, sich daran hochzuziehen, doch seine Hände zitterten vor Anstrengung. Atorm trat auf ihn zu, langsam, mit der ruhigen Gewissheit eines Jägers, der genau weiß, dass seine Beute nicht mehr entkommen kann. „Ich wollte sehen, wie stark deine Signaturkampfkunst ist“, sagte Atorm, während er stehen blieb. Seine Stimme klang beinahe… gelangweilt. „Aber es scheint, als seien die Gerüchte über den stärksten Kampfkünstler nichts weiter als Gerüchte.“ Bunj biss die Zähne zusammen, seine Kiefermuskeln zuckten vor Wut. Wie konnte das sein? Wieso war dieser Mann so stark? Woher kam diese absurde Kraft? Atorm griff nach dem Kampfstab. Bunj sah es kommen, versuchte, den Griff zu festigen, doch er war zu langsam. Atorm riss ihm die Waffe mit einer einzigen, ruckartigen Bewegung aus der Hand. Dann zerbrach er sie. Nicht mit einer komplizierten Technik, nicht mit einer magischen Kraft – mit bloßer physischer Stärke. Die legendäre Waffe, die Bunj für unzerstörbar gehalten hatte, brach in zwei Hälften, als wäre sie nichts weiter als ein morsches Stück Holz. Die Überreste fielen in den Schnee, das Echo des Bruchs hallte durch die eisige Nacht. Bunj starrte auf die Trümmer seiner Waffe. Ein Zittern lief durch seinen Körper. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er etwas. Etwas, das er nie zugelassen hatte. Furcht. Sein Blick wanderte zu Atorm, der nun direkt vor ihm stand. Eine Hand legte sich auf Bunjs Brust – keine aggressive Geste, kein brutaler Stoß. Die Berührung war sanft, fast… bedauernd. „Schlafe, Krieger, der Chimp“, murmelte Atorm leise. Nicht hämisch. Nicht arrogant. Sondern mit Respekt. Dann wurde alles schwarz. Die Geräusche des Waldes verschwanden, die Kälte der Schneelande war nicht mehr spürbar. Der Schmerz, der in seinen Gliedern gepocht hatte, die Frustration, die in seiner Brust gebrannt hatte – alles wurde fortgespült von einer überwältigenden Dunkelheit. Bunj fiel. Nicht nach vorne, nicht nach hinten. Sondern einfach… ins Nichts. - ------------------------------------------------------------------------- Jakira konnte kaum fassen, was sie gerade miterlebt hatte. Atorm hatte Bunj bezwungen – nicht mit Mühe, nicht mit einer letzten, verzweifelten Anstrengung, sondern mit der kalten Präzision eines Kriegers, der seinen Feind bereits vor dem ersten Schlag besiegt hatte. Der Kampf, der eigentlich eine epische Schlacht hätte sein sollen, war in wenigen Augenblicken entschieden worden. Sie kannte Bunj, wusste, dass er nicht nur stark, sondern auch ein erfahrener Kämpfer war, ein Kopfgeldjäger, der selbst unter den Besten des Kaiserreichs gefürchtet wurde. Und doch… hatte Atorm ihn hingerichtet, als wäre er kaum der Rede wert. Wer war dieser Mann? Ihr Herz schlug schneller, als Atorm sich in ihre Richtung wandte. Seine dunklen Augen durchbohrten die Nacht, als könnten sie durch die Schatten selbst sehen. Ein Raubtier, das sich seiner Umgebung vollkommen bewusst war. „Wie geht es der Prinzessin?“ Seine Stimme war ruhig, aber von einer eisernen Autorität durchzogen. Jakira zuckte unmerklich zusammen. Selbst jetzt, verborgen im Schatten, hatte er sie bemerkt. Nicht einmal Bunj hätte sie so leicht erspähen können. Es fühlte sich an, als wäre ihre Tarnung bedeutungslos, als könnte Atorm sie nicht nur sehen, sondern genau spüren, als würde er ihre Präsenz auf einer Ebene wahrnehmen, die sie nicht verstand. Sie trat langsam aus dem Dunkeln, ihre Bewegungen instinktiv vorsichtig, als würde sie auf einen schmalen Grat zwischen Sicherheit und Gefahr treten. „Sie stillt ihre Blutung mit ihrer Magie“, antwortete sie leise, während sie sich Naras Position näherte. Atorm folgte ihr. Jeder seiner Schritte war berechnet, keine Bewegung wurde verschwendet. Sie erreichten die Prinzessin, die im Schnee lag, ihre blassen Lippen leicht geöffnet, während ihr Brustkorb sich schwer hob und senkte. Trotz ihrer Selbstheilung sah sie aus, als würde sie jeden Moment das Bewusstsein verlieren. Ihre Haut war fahl, und dunkle Schatten lagen unter ihren Augen, als hätte sie mehr verloren als nur Blut. Atorm kniete sich neben sie, seine große Gestalt wirkte in der Dunkelheit noch dominanter. Er musterte Nara mit dem kühlen Blick eines Mannes, der bereits wusste, was zu tun war. „Prinzessin. Ihr sterbt, wenn ich nichts unternehme“, stellte er schlicht fest, ohne Zögern, ohne jede Spur von Unsicherheit. Seine Worte waren nicht grausam, sondern sachlich, als würde er eine unausweichliche Tatsache aussprechen. ,,T-tu es…’’ flüsterte Nara. Atorm legte seine Hand auf ihre Wunde. Ein leises Zischen erfüllte die Luft, und plötzlich stieg dunkler Rauch aus seiner Handfläche auf. Die Luft um sie herum veränderte sich augenblicklich – wurde schwerer, dichter, als hätte die Welt für einen Moment den Atem angehalten. Ein metallischer Geruch breitete sich aus, ein Hauch von etwas Fremdem, das nicht in diese Schneelande gehörte. Jakira spürte, wie sich ihr Nacken verspannte. Ihre Instinkte schrien, dass hier etwas nicht stimmte, dass sie Zeugin von etwas wurde, das nicht für ihre Augen bestimmt war. Unter Atorms Berührung begann sich die Wunde zu verändern. Kein Blut mehr, keine klaffende Öffnung in Naras Hals – stattdessen wuchs eine schwarze, glatte Schicht darüber, als würde sich eine unbekannte Substanz über das verletzte Fleisch legen. Es war keine normale Heilung. Es war, als hätte sich ein Teil der Dunkelheit selbst in ihre Haut gegraben. Naras Körper zuckte kurz, ihr Atem stockte, und für einen Moment dachte Jakira, sie würde das Bewusstsein verlieren. Doch dann… kehrte die Farbe langsam in ihr Gesicht zurück. Ihr Atem wurde gleichmäßiger, ihr Körper entspannte sich, und mit erschöpften Bewegungen griff sie nach Jakiras Arm und zog sich mühsam auf die Beine. Jakira konnte sich nicht bewegen, konnte ihre Augen nicht von dem Anblick losreißen. „Was hat er getan?“ Ihre Stimme war ein leises Flüstern, kaum mehr als ein Hauch, als würde sie fürchten, dass die Antwort etwas sein könnte, das sie nicht hören wollte. Nara hielt kurz inne, bevor sie sie ansah. Ihre Augen waren nun wieder klar, doch in ihnen lag etwas Neues – etwas, das Jakira nicht deuten konnte. Ein Wissen, das tiefer ging, als sie verstehen konnte. „Nichts, was für dich wichtig ist“, erwiderte sie, ihre Stimme war sanft, aber endgültig. Kein Raum für Fragen. Kein Raum für Zweifel. Jakira öffnete den Mund, doch bevor sie etwas sagen konnte, fuhr Nara fort. „Danke, dass du so schnell gekommen bist. Ohne dich wäre ich tot. Das hast du gut gemacht.“ Die Worte trafen sie unvorbereitet. Sie fühlte, wie sich eine unerwartete Wärme in ihrer Brust ausbreitete, wie das Gewicht der Zweifel, das sie die ganze Zeit mit sich herumgetragen hatte, ein kleines Stück leichter wurde. Es war das erste Mal seit sie in Kartaffel aufgebrochen waren, dass jemand ihr sagte, sie habe etwas richtig gemacht. Sie atmete tief durch, ließ das Lob in sich wirken, ließ es für einen Moment ihre Unsicherheiten übertönen. Sie war doch nicht völlig verloren.

  • Kapitel 144 - Wenn der Schnee sich rot färbt

    Die Kälte der Schneelande kroch wie ein lebendiges Wesen durch die dicken Zeltwände. Ein leiser, aber stetiger Feind, der sich in jede Faser der Kleidung, in jeden Atemzug stahl. Jakira saß auf einem umgestürzten Baumstamm, der als provisorische Bank diente, und starrte in die züngelnden Flammen der Feuerstelle. Das Licht flackerte an den groben Zeltwänden, warf verzerrte Schatten und ließ den Raum enger wirken, als er tatsächlich war. Doch die Wärme war kaum spürbar. Sie war trügerisch, nur ein schwacher Trost inmitten des gnadenlosen Winters. Jakira rieb ihre klammen Hände aneinander und ballte sie zu Fäusten, während sie den Worten von Prinzessin Nara lauschte. „Bist du dir sicher, Ulfgor?“ Naras Stimme war ruhig, doch Jakira hörte die unterdrückte Anspannung. Die Prinzessin ließ sich nicht so leicht verunsichern, aber heute… Heute lag etwas in der Luft. Ulfgor, der massive Bärenkrieger, stand regungslos am Rand des Feuers, seine Silhouette von den tanzenden Schatten verzerrt. Sein dunkles Haar hing in losen Strähnen über seine breiten Schultern, und seine Nase zuckte leicht, als würde er eine Witterung aufnehmen, die nur er wahrnehmen konnte. „Ja, ich bin mir sicher“, sagte er schließlich, seine tiefe Stimme vibrierte in der frostigen Luft. „Irgendjemand wartet da draußen auf uns. Ich kann es riechen.“ Ein leises Knacken ging durch das Zelt, als Naras Hände sich zu Fäusten ballten. Jakira wusste mittlerweile, dass Ulfgor nicht der Typ war, der solche Dinge leichtfertig sagte. Wenn er eine Gefahr spürte, dann war sie real. „Weißt du, wie viele es sind?“ fragte sie scharf. „Zwei“, antwortete er nach kurzem Zögern. „Der eine ist stark. Sehr stark.’’ Jakira spürte, wie eine Gänsehaut ihren Rücken hinaufkroch – und das lag nicht an der Kälte. Etwas in Ulfgors Stimme ließ sie unruhig werden. Wer auch immer diese beiden Fremden waren, sie waren nicht durch Zufall hier. Nara überlegte nicht lange. „Dann werden wir nicht blind in eine Falle rennen. Ich werde mit Ulfgor und Baharmut die Lage erkunden.“ Jakira fühlte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Sie war die beste Späherin in der Einheit – warum wurde sie nicht ausgewählt? „Ihr bleibt hier“, fuhr Nara fort und richtete ihren Blick auf Atorm, Gendri und Jakira. „Falls etwas passiert, verteidigt das Lager. Ansonsten haltet euch zurück.“ Jakira schluckte. Die Worte klangen wie ein Messer, das sich leise in ihr Selbstvertrauen schnitt. Zurückbleiben. Nicht nützlich sein. Nur sitzen und warten, während andere den gefährlichen Teil übernahmen. Baharmut hängte wortlos seine fünf Schwerter an den Gürtel, sein Gesicht zeigte keinerlei Emotionen. Er war immer so, ruhig und gefasst, als wäre es ihm egal, ob er in eine Schlacht zog oder ein Schachspiel spielte. „Falls ihr angegriffen werdet, verteidigt euch“, wiederholte Nara, während sie das Zelt verließ. Ulfgor und Baharmut folgten ihr lautlos, ihre Silhouetten verschwanden in der dichten Dunkelheit des Schneesturms. Stille kehrte ein. Jakira starrte ins Feuer. Die Flammen knackten und knisterten leise, ein schwaches Echo dessen, was in ihrem Inneren brodelte. Sie wusste, dass Nara ihre Gründe hatte, doch es nagte an ihr. Sie wollte sich beweisen, wollte nicht nur eine einfache Botenläuferin sein. Doch jetzt saß sie hier – unfähig, das Gegenteil zu beweisen. Gendri bewegte sich kaum, sein weißer Umhang fast eine zweite Haut. Es war schwer zu sagen, ob er nachdachte oder einfach nur fror. Atorm hingegen überprüfte seine Fingernägel, die schärfer und spitzer als jede Klinge waren, als könnte er es kaum erwarten, dass etwas passierte. Jakira schloss die Augen. Sie vermisste Liam. -------------------------------------------------------------------------- Baharmut trottete hinter seiner Prinzessin und dem massigen Ulfgor durch den tiefen Schnee, seine Stiefel versanken mit jedem Vorankommen tiefer in der weißen, eisigen Masse. Jeder Schritt war eine Anstrengung, als würde der Schnee mit jeder Bewegung versuchen, sie zurückzuhalten. Der eisige Wind schnitt scharf durch die Luft und biss sich selbst durch die dicken Pelzmäntel hindurch, die ihre Körper umhüllten. Sie hatten den Großteil ihres Marsches in Stille verbracht, einzig das Knirschen des Schnees unter ihren Füßen störte die fast unnatürliche Ruhe des Waldes. Der Eiswald umgab sie wie eine stille, alte Kathedrale, deren Pfeiler aus frostüberzogenen Baumstämmen bestanden. Ihre Äste hingen schwer unter der Last des Schnees, manche knarrten bedrohlich im Wind, als würden sie flüstern oder sich über die Eindringlinge beschweren. Die Sonne war hinter dichten Wolken verborgen, sodass nur ein mattes, diffuses Licht durch den Himmel sickerte. Die Welt wirkte hier fast monochrom – ein ewiges Reich aus Weiß, Grau und Schatten. Ruckartig hielt Ulfgor inne. Die muskulöse Masse seines Körpers erstarrte, seine Schultern spannten sich, und seine Nase zuckte leicht, als würde er eine unsichtbare Bedrohung erschnüffeln. Sein Blick wurde schmal, seine Ohren zuckten kaum merklich. Ein leises, raues Knurren vibrierte in seiner Kehle, kaum lauter als das Wispern des Windes, doch für Nara und Baharmut war es ein klarer Warnruf. „Hier“, brummte er schließlich, ohne seinen Blick von der schneebedeckten Lichtung vor ihnen zu nehmen. Nara blieb sofort stehen, ihre Bewegungen kontrolliert und lautlos. Ihre goldenen Augen ruhten auf dem Bärenkrieger, während ihre Finger sich sachte um den Griff ihres Dolches schlossen. „Was hast du?“ Ihre Stimme war ein leiser Hauch, kaum hörbar über das sanfte Säuseln des Windes hinweg. Ulfgor drehte seinen massigen Kopf zur Seite und fixierte einen Punkt im verschneiten Dickicht. „Unser Feind ist nah, kaum einhundert Meter entfernt“, murmelte er, seine Worte tief und scharf wie ein Messer. „Und die zweite Präsenz… war nicht einfach eine Person. Es war seine Waffe.“ Naras Stirn legte sich in tiefe Falten, auch Baharmut überlegte. Eine Waffe mit Präsenz? Das war keine alltägliche Bedrohung. Das bedeutete, dass ihr Gegner ein besonderer Krieger war – jemand, dessen Waffe mit einer eigenen Existenz ausgestattet war. So etwas gab es nur selten. Baharmut machte sich kampfbereit. Seine fünf Schwerter schwebten um ihn herum, angetrieben durch sein Mana, und schienen nur darauf zu warten, dass er den Befehl zum Angriff gab. Ihre Klingen glänzten im fahlen Licht, jede von ihnen geschärft für den Moment, in dem sie durch Fleisch oder Stahl schneiden mussten. „Lasst uns die Gefahr gemeinsam beseitigen“, sagte Nara, ihre Stimme war ruhig, aber in ihrem Ton lag unmissverständliche Entschlossenheit. „Wir können nicht zulassen, dass das Kaiserreich von Atorm erfährt. Noch nicht.“ Baharmut nickte nur, sein Blick blieb auf die Lichtung gerichtet, während sein Mana in sanften Wellen um seine Schwerter pulsierte. Ulfgor hingegen bleckte die Zähne in einem lautlosen Knurren. Doch dann – eine Regung. Ulfgor zuckte leicht zusammen. Sein Blick wurde schärfer, seine Stimme war nur noch ein leises Grollen. „Unser Feind… er kommt zu uns.“ Es waren Schritte. Schwer, langsam und bedächtig. Sie hallten durch den Schnee, ein rhythmisches Knirschen, das sich mit jedem Schritt tiefer in ihre Nerven grub. Es war nicht das Geräusch eines Flüchtigen, nicht das eines Jägers, der sich leise anpirschte. Nein – das war das Geräusch von jemandem, der wusste, dass ihm keiner der drei gefährlich werden konnte. Die Spannung war nahezu greifbar. Baharmut ließ seine Schwerter leicht rotieren, seine Magie summte in der Luft. Nara schob sich etwas zur Seite. Ulfgor senkte sich tiefer in seine Kampfstellung, bereit, jeden Moment loszustürmen. Dann, als die Schritte noch zwanzig Meter entfernt waren, erklang eine Stimme. Sie war tief, grollend, beinahe animalisch, aber voll müheloser Dominanz. Die Worte zogen sich lang, als würde ihr Sprecher sie mit Bedacht kosten. „Narr, Prrinzessin. Was macht Ihrr denn bei den Rrebellen?“ -------------------------------------------------------------------------- Die Worte hallten wie ein dunkles Omen durch die schneebedeckten Bäume, als würden die Schatten des Waldes selbst darauf reagieren. Der Wind frischte auf, peitschte mit unbändiger Kraft durch die Lichtung und ließ den Schnee in dichten Schwaden um sie herumwirbeln. Es war, als hätte die Natur selbst beschlossen, Zeuge dieses Moments zu sein – einer Konfrontation, die unausweichlich war. Nara sah, wie sich ihr Atem in der eisigen Luft zu kleinen Wölkchen formte, und spürte, wie ihr Herz schlug schneller. Sie kannte den Namen des Chimps, der vor ihr stand. Bunj. Der dritte Kaiserliche Kopfgeldjäger. Keiner, der ihm je begegnet war, konnte ihn vergessen. Und kaum jemand konnte ihm entkommen. Sie hatte gehofft, dass sie noch Zeit hatten. Dass sie sich in Randurin verschanzen, organisieren, eine Strategie entwickeln konnten. Doch das Kaiserreich war schneller gewesen. Es hatte sie bereits erwartet. Jetzt gab es keine Ausflüchte mehr, keine Verhandlungen. Nur den Kampf. „Baharmut!“ rief sie scharf, ihre Stimme durchschnitt die Stille wie ein Peitschenhieb. Der Elf war sofort bereit, seine wachen Augen fixierten Bunj, während seine fünf Schwerter drohend um ihn herum schwebten – tödlich, präzise, lauernd wie Raubtiere. „Ja, Prinzessin?“ „Lauf. Hol Atorm. Sofort!“ Ihre Stimme ließ keinen Widerspruch zu. Sie wusste, dass sie gegen Bunj nicht gewinnen konnten. Nicht ohne Atorm. Baharmut zögerte, sein Blick flackerte kurz zwischen ihr und dem Kopfgeldjäger hin und her. Dann passierte etwas, das ihn erstarren ließ. Ohne Vorwarnung, ohne eine Bewegung von Bunj, sanken Baharmuts Schwerter einfach zu Boden – als hätte eine unsichtbare Kraft sie an Ort und Stelle gebannt. Der Elf erstarrte, sein Blick verdunkelte sich vor Überraschung. Ein Schmunzeln huschte über Bunjs Lippen, ein Ausdruck stiller Überlegenheit. „Dumm gelaufen, oderr?“ Doch Baharmut ließ sich nicht beirren. Er nickte nur knapp, spannte seine Muskeln an und setzte sich in Bewegung. Seine Füße gruben sich tief in den Schnee, als er lossprintete, jeder Schritt eine kraftvolle Entscheidung gegen die lähmende Unsicherheit. Nara wandte den Blick von ihm ab, ihr Fokus nun ganz auf Bunj gerichtet. Er trat weiter nach vorne, seine Silhouette hob sich düster gegen die verschneiten Bäume ab. Die Luft um ihn herum schien sich zu verdichten, als würde die Welt sich seiner bloßen Präsenz bewusst werden. In seiner Hand hielt er seinen Kampfstab. „Ulfgor“, sagte Nara leise, doch ihre Worte waren von Stahl durchzogen. „Gib alles, was du hast.“ Ulfgor grinste. Ein breites, gefährliches Lächeln, das nur ein Wesen zeigte, das sich auf den bevorstehenden Kampf freute. Seine Muskeln spannten sich, und dann begann seine Verwandlung. Sein dunkles Fell verschmolz mit seinem Körper, seine Hände wurden zu riesigen, tödlichen Pranken, sein Gesicht verformte sich, seine Knochen knackten, als sie sich dem Körper eines riesigen Schwarz-Bergbären anpassten. Innerhalb von Sekunden stand kein Mensch mehr vor ihnen – sondern ein Koloss, eine Bestie in Fleisch und Blut. Bunj zeigte keine Spur von Angst. Im Gegenteil. Er grinste, sein Blick funkelte vor unbändiger Kampfeslust. Seine Finger schlossen sich fester um den Griff seines Stabes. „Dann brring ich Euch mal nach Hause, Prrinzessin.“ Seine Stimme klang tief und grollend, als wäre sie ein Teil der Schneelanden selbst – mächtig, unerbittlich und ohne Erbarmen. -------------------------------------------------------------------------- Ulfgor schoss vor wie eine entfesselte Bestie, seine massige Gestalt war eine einzige geballte Kraft, die durch den Schnee pflügte. Jede Bewegung ließ den tiefen Schnee unter seinen Pranken aufwirbeln, seine Muskeln spannten sich wie Sehnen einer gewaltigen Armbrust. Mit einem tiefen Grollen holte er aus, seine rechte Pranke zerschmetterte die Luft auf dem Weg zu seinem Ziel – ein Schlag, der jeden gewöhnlichen Gegner in zwei Hälften gerissen hätte. Doch Bunj war kein gewöhnlicher Gegner. Mit beeindruckender Geschwindigkeit ließ sich der Chimp zur Seite fallen, der Windhauch des Schlages fuhr ihm noch durch das Fell, als er mit erstaunlicher Präzision seinen Kampfstab hochriss. Die Waffe aus dunklem Holz vibrierte leicht, als sie mit Ulfgors gewaltiger Pranke kollidierte. Der Aufprall ließ eine Druckwelle durch die Umgebung rasen, der Schnee wurde in einer Staubwolke in die Luft geschleudert. Doch Bunj hielt stand, sein Standbein fest im Schnee verankert, sein Grinsen wurde nur noch breiter. „Du machst mirr’s leicht, Brrummbärr!“ höhnte Bunj und nutzte den Moment, um blitzschnell nach vorne zu schnellen. Bevor Ulfgor reagieren konnte, setzte der Kopfgeldjäger zu einer Serie von Stößen an. Der Stab zuckte wie eine Speerlanze, jeder Treffer zielgenau platziert. Zwei, drei, vier Stiche in rasender Geschwindigkeit krachten gegen Ulfgors Bauch und Brust, jeder Schlag hart genug, um einen normalen Krieger in die Knie zu zwingen. Ulfgor taumelte einen halben Schritt zurück, ein tiefes Knurren vibrierte in seiner Kehle. Doch anstatt vor Schmerzen nachzugeben, funkelten seine eisblauen Augen nur umso wilder. Seine Wut trieb ihn weiter an. Er riss sein Maul auf, sein brüllender Kampfschrei grollte durch den gefrorenen Wald und ließ selbst die schwerfälligsten Eisschichten an den Bäumen erbeben. Bunj ließ sich davon nicht beeindrucken. Während Ulfgor zum nächsten Angriff ansetzte, wich der Kopfgeldjäger mit akrobatischer Eleganz zurück, seine Füße glitten mühelos über den Schnee. Er tauchte unter dem nächsten Prankenhieb hinweg, ließ seinen Kampfstab durch die Luft wirbeln und rammte ihn mit blitzartiger Präzision in den gefrorenen Boden. Fast augenblicklich schien sich der Stab auszudehnen, als würde er leben. Mit einer Bewegung, die an einen Sprung von einem Katapult erinnerte, wurde Bunj in die Luft geschleudert. Er drehte sich mühelos um die eigene Achse, die Schneelandschaft unter ihm verschwamm, während er sich die perfekte Position suchte. Dann landete er – direkt auf Ulfgors Kopf. „Brrüllen kann ich auch!“ spottete Bunj mit einer gefährlichen Schärfe in der Stimme und schlug seine Zähne in das dichte Fell an Ulfgors Hals. Der Schmerz riss Ulfgor aus seiner Raserei. Mit einem zornigen Brüllen bäumte sich der Riesenbär auf, seine Pranken schnellten nach oben, packten Bunj mit unmenschlicher Kraft und schleuderten ihn mit einem gewaltigen Wurf durch die Luft. Der Chimp flog durch den eisigen Himmel, seine Gestalt war kaum mehr als ein Schatten im Schneesturm. Doch noch bevor er auf dem Boden aufschlagen konnte, streckte er einen Arm aus, krallte sich mit Leichtigkeit an einem der schweren Äste eines alten, knorrigen Baumes fest und schwang sich mit scheinbarer Mühelosigkeit zurück auf den Boden. Mit einem lässigen Ruck schnappte er sich seinen Kampfstab wieder. Der Kampf war für ihn nicht mehr als ein Spiel, ein Tanz auf dem schmalen Grat zwischen Tod und Triumph. Seine Augen funkelten wild. „Zeig mirr, was du kannst, Bärr!“ rief er heraus, seine Stimme schallte wie ein Echo durch die verschneite Lichtung. Es war nicht nur ein Ruf zum Kampf – es war eine Einladung zu einem Spiel, das er ganz offensichtlich genoss. Währenddessen stand Nara am Rande des Schlachtfelds, ihre Augen fixierten jede Bewegung der beiden Krieger. Ihr Atem ging ruhig, doch ihr gesamter Körper war angespannt. Sie hatte den Dolch fest in der Hand, das kalte Leder brannte fast in ihrer Haut. Sie wusste, dass sie noch nicht eingreifen konnte – nicht jetzt. Sie musste warten, auf den richtigen Moment, auf die Sekunde, in der der Kopfgeldjäger sich eine Blöße geben würde. Ulfgor preschte erneut nach vorne, sein massiger Körper wurde zu einem unaufhaltbaren Projektil. Mit jeder Bewegung ließ er den Boden unter sich beben, der Schnee stob in dichten Schwaden um ihn herum auf. Er würde Bunj diesmal nicht entkommen lassen. Und genau in diesem Moment aktivierte Nara ihre Magie. Die Welt um sie herum erstarrte. Jede Schneeflocke, die durch die Luft wirbelte, wurde in ihrer Bewegung eingefroren. Der Wind verstummte, als hätte jemand den Klang selbst aus der Welt geschnitten. Ulfgors massiger Körper, der sich gerade noch in voller Geschwindigkeit bewegt hatte, stand nun wie in einem stillstehenden Gemälde, eingefroren zwischen Wut und Momentum. Nara schloss die Augen für einen Sekundenbruchteil, dann sprintete sie los. -------------------------------------------------------------------------- Bunjs Kampfstab war eine Waffe von schlichter, aber unbarmherziger Perfektion. Sie wirkte unscheinbar, nur ein glatter, dunkler Holzstab, den man in jeder Stadt als gewöhnliche Kriegerausrüstung abtun könnte. Doch wer sich mit dem Chimp beschäftigt hatte, wusste es besser. Seine wahre Macht lag in seiner Fähigkeit, Mana aus der Luft zu saugen und zu neutralisieren – ein Fluch für jeden Magier, ein Albtraum für jene, die sich auf Magie verließen. Die Welt erzählte sich, dass kein Zauber, keine noch so mächtige Magie, Bunj auch nur einen Kratzer zufügen konnte. Aber Nara wusste es besser.  Die meisten gingen davon aus, dass der Stab jede Form von Magie annullierte. Doch das war eine Lüge. Externe Zauber, ja – sie verpufften, kaum dass sie die Luft berührten. Doch Magie, die innerhalb des eigenen Körpers blieb, die nicht nach außen drang, war immun gegen den Einfluss des Stabs. Die Waffe konnte einem nicht das Mana rauben, das tief im eigenen Fleisch brannte. Und genau das war Naras Vorteil. Ihre Zeitmagie war keine rohe Kraft, die die Welt anhielt, kein allumfassender Zauber, der alles einfrieren konnte wie die Fähigkeit ihres Bruders Hypos. Nein, ihre Magie war viel subtiler, viel tückischer. Sie beschleunigte sie selbst, brach die Regeln der Zeit nur für ihren eigenen Körper. Für die anderen schien es, als würde sie in einem Wimpernschlag von einem Ort zum anderen springen – doch für sie veränderte sich die Welt. Die Geräusche verzerrten sich, wurden dumpf und fern, die Bewegungen der anderen verloren an Bedeutung. Bunj glaubte, dass sie keine Bedrohung war. Das würde er bereuen. Mit einem einzigen Atemzug war sie verschwunden. Ihr Körper wurde zur Silhouette aus Silber und Schnee, ein flüchtiger Schatten, der durch die Luft schnitt. Ihr Dolch war eine schimmernde Linie, die sich direkt auf den Hals des Kopfgeldjägers zubewegte. Die Klinge glitt durch die Haut wie durch Wasser – sauber, präzise, tödlich. Blut spritzte auf den weißen Schnee, ein greller, klaffender Kontrast in der monochromen Kälte der Schneelanden. Noch bevor Bunj reagieren konnte, ließ Nara den Dolch los, machte einen flinken Satz rückwärts und löste ihre Magie auf. Die Zeit kehrte zurück zu ihrem normalen Fluss. Bunj taumelte. Sein Gesicht war kein Ausdruck von Schmerz, sondern von Überraschung. Er hatte nicht erwartet, dass sie ihn treffen könnte. Nicht so. Seine Finger hoben sich instinktiv zu seiner Kehle, als ob er spüren müsste, ob die Wunde wirklich da war. Und in diesem Moment, in dieser einen Sekunde der Schwäche, traf ihn die geballte Wucht von Ulfgors Pranken. Das Geräusch, mit dem der Kopfgeldjäger in den Schnee geschmettert wurde, war kein dumpfes Fallen – es war ein dröhnendes Krachen, als würde ein Felsbrocken auf Eis prallen. Ulfgors massige Gestalt begrub ihn unter sich, und ein tiefes Knurren vibrierte in der Brust des Bärenkriegers. Schnee flog in alle Richtungen, als er sein gewaltiges Maul öffnete, seine Zähne scharf wie Dolche, bereit, sich in den Schädel des Kopfgeldjägers zu bohren. Doch Bunj war nicht so leicht zu töten. Seine Bewegungen waren wie die eines wilden Tieres, getrieben von einem Überlebensinstinkt, der ihn nie im Stich ließ. Mit einem verzweifelten Ruck schaffte er es, seinen Arm zu befreien, presste ihn gegen Ulfgors Hals, während seine Beine sich tief in den Bauch des Bären krallten. Er war eingeklemmt, sein Blut färbte den Schnee rot, und doch kämpfte er weiter, als wäre Schmerz nichts weiter als eine Ablenkung. Nara fasste sich kurz an ihre eigenen Arme, als sie sah, wie der Kopfgeldjäger sich trotz der klaffenden Wunde aufbäumte. Ihr Herz schlug schneller. Was war dieser Mann? Selbst mit einer durchtrennten Kehle kämpfte er, als wäre er unaufhaltsam. Ulfgors Kiefer schnappte immer wieder nach ihm, seine Pranken rangen darum, Bunj niederzudrücken. Zentimeter für Zentimeter kam er näher. Heiße Tropfen Speichel fielen auf Bunjs Gesicht, vermischten sich mit Blut und Schnee. Die Anspannung in der Luft war fast greifbar. Dann – ein lautes Knacken. —KNACK— Ein Geräusch, das nichts Gutes verhieß. Bunj nutzte die Sekunden, in denen Ulfgors Griff kurz nachließ, rollte sich mit einer fließenden Bewegung aus der tödlichen Umklammerung und glitt durch den Schnee, als wäre er aus purem Schatten gemacht. Er bewegte sich mit einer Geschwindigkeit, die seinen Verletzungen widersprach, als wäre sein Körper darauf trainiert, selbst mit gebrochenen Knochen zu funktionieren. Sein linker Arm hing schlaff herab – die Schulter war ausgekugelt oder schlimmer, der Knochen gebrochen. Doch sein Gesicht verzog sich nicht einmal vor Schmerz. Seine Augen fixierten sein Ziel. Seinen Kampfstab. Ein Satz, und er war da. Seine Finger schlossen sich um das vertraute Holz, und kaum dass er die Waffe berührte, begann der Schnee um ihn herum zu vibrieren. Dann – eine plötzliche, unerwartete Bewegung. Er schnappte mit den Zähnen nach einem kleinen, mit Leder umwickelten Fläschchen, das in seinem Fell steckte. Mit einer schnellen Kopfbewegung biss er den Korken ab und leerte die leuchtend rote Flüssigkeit in einem Zug. Ein Heiltrank. Die Wirkung war sofort spürbar. Sein Körper straffte sich, seine Muskeln spannten sich, als würde die Kälte aus seinen Gliedern gebrannt. Der gebrochene Arm knirschte, als sich die Knochen wieder an ihren Platz fügten, die Wunde an seiner Kehle schloss sich in Sekundenschnelle, als hätte es sie nie gegeben. Dann richtete er sich auf. Naras Atem stockte. Der Ausdruck in seinen Augen hatte sich verändert. Das Grinsen war zurück – aber diesmal war es anders. Es war nicht mehr das spöttische Lächeln eines Mannes, der ein Spiel genoss. Nein, es war kalt, gefährlich. Eine Warnung. Seine Muskeln spannten sich, das Holz des Kampfstabs knirschte unter der Kraft, die er hineinlegte. Der Schnee um ihn herum begann sich zu heben, als hätte eine unsichtbare Kraft ihn zum Leben erweckt. „Das warrr nicht nett, Prrinzessin“, sagte Bunj, seine Stimme war ein tiefes Grollen, das sich durch die eisige Stille fraß. Er schwang seinen Stab mit einer Leichtigkeit, die darauf hindeutete, dass er noch längst nicht fertig war. „Tut mirr leid, aberr jetzt muss ich etwas... grrob werrden.“ -------------------------------------------------------------------------- Ulfgor stellte sich zwischen Nara und Bunj, sein massiger Körper eine lebende Barrikade aus Muskeln, Fell und unbeugsamer Entschlossenheit. Der eisige Wind der Schneelande biss in sein dichtes schwarzes Fell, ließ Frostkristalle auf seinen Schultern glitzern, doch der Bärenkrieger stand fest. Sein Blick war auf den Kopfgeldjäger gerichtet – ein drohendes, tierisches Funkeln in seinen tiefschwarzen Augen. Er atmete schwer, jeder Atemzug ließ Dampf aus seinen Nüstern steigen, als würde er selbst das Eis herausfordern, sich ihm in den Weg zu stellen. Bunj betrachtete ihn mit einer Mischung aus Belustigung und Respekt. Sein spöttisches Grinsen zeigte einen Hauch von Anerkennung für die Entschlossenheit des Bärenkriegers. „Du hast dich besserr geschlagen, als errwarrtet, Bärr“, grollte er, während sich seine Muskeln anspannten. Sein Körper vibrierte vor ungezügelter Energie, seine Haltung war locker, doch seine Augen funkelten mit der Wildheit eines Tieres, das kurz davor war, zuzuschlagen. „Jetzt belohne ich dich dafürr!“ Bunj verschwand. Oder zumindest wirkte es so. Einen Wimpernschlag später war er vor Ulfgor. Bevor der Bärenkrieger auch nur die Pranke heben konnte, krachte ein brutaler Tritt von unten gegen seinen Kiefer. Das markerschütternde Geräusch des Aufpralls hallte durch die eisige Stille. Ulfgors Kopf schnellte nach hinten, sein massiger Körper bäumte sich auf, ein dumpfes Grollen entrang sich seiner Kehle. Bunj war bereits in Bewegung, nutzte die bloßen Sekundenbruchteile, die er gewonnen hatte. Sein Stab bohrte sich mit solcher Kraft in den gefrorenen Boden, dass Risse im eisigen Stein entstanden. Die Luft schien zu flackern, als er sich abstützte, die Spannung in seinen Muskeln entlud sich explosionsartig. „Jetzt kommen meine Hunderrt Schläge des Affenkönigs!“ Seine Fäuste begannen zu leuchten, ein pulsierendes Rot, das die schneebedeckte Lichtung in ein gespenstisches Glühen tauchte. Die Luft flirrte vor Hitze, als sich seine geballte Kraft entlud. Dann kam die erste Faust. Sie traf Ulfgors Bauch mit der Wucht eines Katapults, ließ seinen Körper erzittern. Doch der nächste Schlag folgte unmittelbar, dann der nächste – ein Sturm aus unbarmherziger, perfekt platzierter Gewalt. Jeder Treffer wurde zu einem Echo im knirschenden Schnee, verschmolz zu einem einzigen, donnernden Rhythmus, der in der Nacht widerhallte. Ulfgors gewaltiger Körper wurde unter den Schlägen nach hinten gedrängt, seine Muskeln bebten unter der unnachgiebigen Flut von Treffern. Die Bestie kämpfte, versuchte, ihre Pranken zu heben, doch der Affenkönig war zu schnell. Die Wucht jedes einzelnen Schlags drang tief in sein Fleisch, ließ das Blut in seinen Adern kochen. Dann, nach wenigen Sekunden – die sich für Ulfgor wie eine Ewigkeit angefühlt haben mussten – brach der Sturm ab. Sein Körper sackte in den Schnee. Das schwarze Fell begann sich zurückzuziehen, seine Bärengestalt löste sich auf. Zurück blieb ein Mann, nackt bis auf das Bärenfell, das seinen geschundenen Körper spärlich bedeckte. Sein Atem war flach, Blut rann in dunklen Strömen aus seinem Mund und sickerte in das eisige Weiß unter ihm. Sein massiver Brustkorb hob und senkte sich in unregelmäßigen Zügen, doch seine Kräfte verließen ihn. Bunj trat einen Schritt zurück, ließ seinen Kampfstab lässig auf seiner Schulter ruhen. Sein Gesicht war ernst, doch sein Lächeln blieb – ein gefährliches, siegessicheres Grinsen. Er drehte sich zu Nara um, seine leuchtenden Augen fixierten sie. „So, Prrinzessin. Kommt ihrr frreiwillig mit, oderr muss ich euch zwingen?“ Die Worte trafen sie wie ein Dolch. Sie war allein. Baharmut sollte gerade erst bei ihrem Lager ankommen. Ulfgor lag blutend im Schnee. Es gab keine Möglichkeit mehr, diesem Kampf zu entkommen. Sie wusste es. Und Bunj wusste es auch. Ihre Finger verkrampften sich. Zitternd. Nicht aus Kälte, sondern aus Erkenntnis. Sie war machtlos. Selbst wenn sie ihre Zeitmagie nutzte, wohin sollte sie rennen? Sie konnte sich schneller bewegen, aber nicht verschwinden. Nicht fliehen. Bunj würde sie einholen, bevor sie auch nur hundert Meter weit gekommen war. Dann – eine Bewegung. Eine Hand, blutig und zitternd, schob sich aus dem Schnee hervor und schloss sich um den Knöchel des Kopfgeldjägers. Die Finger gruben sich mit letzter Kraft in sein Fleisch, klammerten sich an ihn wie eine verzweifelte Kralle. „L-lass die Prin…zessin in R-Ruhe…“ Ulfgors Stimme war nicht mehr als ein Keuchen, doch sie war da. Blut tropfte aus seinem Mund, ein leiser Strom aus rot getränkten Worten. Sein Körper bebte, doch seine Entschlossenheit war ungebrochen. Er wusste, dass er diesen Kampf nicht gewinnen konnte. Er wusste, dass er sterben würde. Aber er hatte seine Wahl getroffen. Bunj blickte hinab, sein Gesichtsausdruck wechselte von Überraschung zu… etwas anderem. Nicht Zorn. Es war etwas, das fast wie Anerkennung wirkte – eine stumme Wertschätzung eines Gegner, der bis zum letzten Atemzug kämpfte. Doch dann verdunkelte sich sein Blick wieder. „Du hast meinen Rrespekt, Bärrenkrriegerr“, murmelte er. „Doch hierr endet dein Kampf.“ Die Worte hatten kaum die eisige Luft verlassen, da fuhr Bunjs Kampfstab herab. Es war keine langsame, theatralische Bewegung. Kein Zögern. Es war die präzise, unaufhaltsame Hinrichtung eines Mannes, der sein Schicksal bereits akzeptiert hatte. Ein dumpfes Geräusch, als der Stab auf Ulfgors Kopf traf. Ein Knacken, das sich unnatürlich laut anhörte. Dann nichts mehr. Die Hand, die sich um Bunjs Knöchel gekrallt hatte, erschlaffte. Die Finger öffneten sich langsam, sanken in den blutgetränkten Schnee. Sein massiger Körper lag nun vollkommen still. Kein Zittern mehr, kein Beben, kein schmerzhaftes Atmen. Nur noch Stille. Bunj richtete sich auf, schüttelte langsam den Kopf, als würde er den Moment für sich selbst abschließen. Dann hob er seinen Blick wieder und richtete ihn auf Nara. Sein Grinsen war verschwunden. „Euerr Schweigen nehme ich als Antworrt“, sagte er leise, und diesmal klang seine Stimme kälter als die Schneelande selbst.

  • Kapitel 143 - Der Sumpf hat seine eigenen Regeln

    Die Berge der Larifen ragten majestätisch in den Himmel, ihre schneebedeckten Gipfel durchstießen die Wolken wie uralte Wächter, die über das Land wachten. Leyla hatte sie schon seit Tagen am Horizont gesehen, doch erst jetzt, da sie sich ihnen näherte, spürte sie wirklich ihre gewaltige Präsenz. Die Sonne ließ den Schnee auf den Gipfeln glitzerte, als wären sie von einem gleißenden, fast göttlichen Licht umhüllt. Zwei Wochen waren vergangen, seit sie Inhantes verlassen hatte. Die sanften Grasebenen waren allmählich dem feuchten, schwer zugänglichen Moor Platz gewichen. Doch Leyla störte sich nicht daran – im Gegenteil, die Abgeschiedenheit gefiel ihr.  Sie erinnerte sich daran, wie sie das Moor einst aus der Luft gesehen hatte, als Cyntha sie mit Zorda, dem gewaltigen Drachen, über das Land getragen hatte. Doch nun, auf dem festen Boden, war es eine ganz andere Erfahrung. Der Nebel kroch in dichten Schwaden über das moorige Land, krüppelige Bäume ragten wie verzerrte Schatten in den Himmel, und immer wieder hörte sie das entfernte Quaken von Fröschen oder das Summen verborgener Insekten. Mit jedem Schritt versanken ihre Stiefel tiefer im feuchten Untergrund, doch das bereitete ihr keine Sorgen. Am Abend würde sie ihre Kleidung mit Magie reinigen, ein kleiner, aber geschätzter Luxus. Während sie weiterging, genoss sie das Gefühl der Freiheit. Kein Druck, keine ständigen Blicke, keine Erwartungen. Hier draußen war sie einfach nur Mera, eine Wanderin auf der Straße in ein unbekanntes Morgen. Doch dann, mitten in der Stille des Moors, hörte sie Stimmen. [???] „Bist du sicher, dass es hier nach Norden geht?“ fragte eine tiefe, leicht skeptische Stimme. [???] „Ja, ich hab dir doch gesagt, dass ich das am Stand der Sonne erkenne!“ antwortete eine zweite, selbstbewusst, fast ein wenig genervt. Leyla blieb stehen und lauschte. Die Stimmen gehörten mehreren Leuten, vermutlich einer Gruppe von Reisenden oder Abenteurern. Sie schob sich vorsichtig durch das Gestrüpp am Wegrand, bis sie auf einen schmalen Trampelpfad trat. Dort entdeckte sie vier Personen, die offenbar über den richtigen Weg stritten. An der Spitze der Gruppe ging eine hochgewachsene Elfe mit langen, kastanienbraunen Haaren. Sie trug ein großes Schwert an ihrer Seite, und ihre aufrechte Haltung verriet, dass sie die Anführerin war. Neben ihr lief eine zierliche junge Frau, die Leyla fast den Atem raubte – sie hatte eine Schönheit, die selbst durch die schlammverschmierte Robe hindurch erstrahlte. Um ihren Hals hing ein K-Kreuz, das Symbol der Kirche Kameras. Eine Priesterin oder Klerikerin, zweifellos. Hinter ihnen bewegte sich ein massiger, breitschultriger Mann mit einem gewaltigen Turmschild, auf dem rote Runen leuchteten. Seine Präsenz war beinahe einschüchternd – ein wandelnder Schutzwall aus Muskeln. Der letzte in der Gruppe war ein schlanker, dunkelhaariger Mann mit wachsamen Augen. Ein Langbogen ruhte auf seinem Rücken, und seine Bewegungen waren geschmeidig wie die eines Jägers. „Wenn Jevry sagt, dass er es erkennt, dann stimmt das…“ begann die Elfe, doch sie unterbrach sich abrupt, als ihr Blick auf Leyla fiel. Ihre Hand glitt instinktiv zum Schwertgriff, und ihr Blick verengte sich misstrauisch. Leyla hob sofort beschwichtigend die Hände. „Ich bin keine Feindin. Ich habe eure Stimmen gehört und wollte wissen, ob ihr auch nach Norden reist.“ Die Elfe musterte sie einen Moment schweigend, ihre Augen ruhten abschätzend auf ihr. „Und wer bist du?“ fragte sie schließlich, ihre Stimme war ruhig, aber von natürlicher Autorität durchzogen. Leyla erwiderte ihren Blick mit einem freundlichen Lächeln. „Mera. Ich bin eine...“ Doch bevor sie weitersprechen konnte, fiel ihr die zierliche Schönheit ins Wort. „Mera? Das ist ein kameristischer Name! Bist du auch eine Gläubige?“ Ihre Augen leuchteten auf, fast so, als hätte sie eine Seelenverwandte gefunden. Dann wandte sie sich mit einem strahlenden Lächeln an die Elfe. „Sie wirkt wirklich nett, Lexy. Können wir sie nicht mitnehmen?“ Leyla unterdrückte ein Schmunzeln, während die Elfe – offenbar „Lexy“ – nur eine hochgezogene Augenbraue und ein trockenes Schnauben als Antwort gab. „Betty, nur weil jemand ein Kreuz trägt, heißt das nicht, dass er eine gute Person ist“, erwiderte sie mit gedämpfter Strenge. „Das weiß ich doch!“ schmollte Betty, die sich offenbar nicht so leicht entmutigen ließ. „Aber ich spüre, dass sie nicht böse ist.“ Der dunkelhaarige Mann mit dem Bogen mischte sich ein. „Alexandra, wir können uns doch zumindest mit ihr unterhalten. Im schlimmsten Fall sind wir immer noch zu viert.“ Alexandra – augenscheinlich ihr richtiger Name – seufzte leise und schien für einen Moment mit sich zu ringen. Schließlich gab sie nach und nickte knapp. „Ist ja gut, Karst.“ Dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf Leyla. „Freut mich, Mera. Ich bin Alexandra, aber das hast du ja bereits gehört.“ Leyla nickte höflich. „Freut mich ebenso. Und mit wem habe ich es noch zu tun?“ Die massige Gestalt mit dem Schild trat einen Schritt vor und deutete mit einer Hand auf sich. „Ich bin Jevry.“ Seine Stimme war tief, aber ruhig. Der dunkelhaarige Mann grinste schief und zuckte mit den Schultern. „Karst.“ Und schließlich Betty, die sich mit einem strahlenden Lächeln zu Leyla drehte. „Betty de la Costa, Dienerin der Kamera! Du kannst mich einfach Betty nennen.“ Leyla tat so, als würde sie zögern, bevor sie schließlich vorsichtig fragte: „Darf ich euch begleiten? Ich reise auch nach Norden und würde mich über Gesellschaft freuen.“ Alexandra betrachtete sie für einen Moment mit zusammengekniffenen Augen, dann seufzte sie erneut. „Solange du uns nicht zur Last fällst. Und solltest du Ärger machen, werde ich nicht zögern, dich loszuwerden.“ Leyla lachte leise und hob abwehrend die Hände. „Ich bin nicht hier, um Ärger zu machen.“ „Gut“, sagte Alexandra knapp. „Dann halten wir uns nicht länger auf. Wir haben noch einen langen Weg vor uns.“ - ------------------------------------------------------------------------- Mit den Stunden wurde die Stimmung in der Gruppe immer entspannter. Vor allem mit Jevry und Betty konnte sich Leyla schnell anfreunden. Trotz seines imposanten Äußeren war Jevry überraschend gebildet und höflich. Er erzählte von seinen Reisen, den verschiedenen Kulturen, die er kennengelernt hatte, und den Eigenheiten der Menschen, die er getroffen hatte. Es war faszinierend, ihm zuzuhören, und Leyla stellte schnell fest, dass sie sich gerne mit ihm unterhielt. Betty hingegen war eine wahre Frohnatur. Ihr Lachen war ansteckend, ihre Freude schien endlos, und sie brachte eine Leichtigkeit in die Gruppe, die Leyla unweigerlich an Nea erinnerte – ihre Freundin aus der Kaiserstadt. Es war, als hätte sich ein Stück Heimat in diese fremde Reisegruppe eingeschlichen, und Leyla konnte nicht leugnen, dass sie es genoss. Sie hatte mittlerweile erfahren, dass die vier eine Abenteurergilde namens „Die Blätterlosen“ gegründet hatten. Der Name war ihr ein Rätsel, doch sie hatte beschlossen, nicht weiter nachzuhaken. Vielleicht steckte eine tiefgründige Bedeutung dahinter, oder vielleicht war es einfach eine Laune der Gründer gewesen – so wie vieles im Leben. Während sie eine Pause einlegten, saßen sie auf den moosbedeckten Wurzeln einer alten Weide, während Karst das Gebiet mit seinen scharfen Augen musterte. Leyla nutzte die Gelegenheit, ihre Neugier zu stillen. „Und weshalb seid ihr hier im Moor unterwegs?“ fragte sie schließlich, während sie sich eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht strich. Alexandra sah sie ernst an. „Wir haben einen Auftrag. Ein Monster soll hier Reisende angreifen. Wahrscheinlich ein wildgewordenes Tier, vielleicht ein Wildschwein oder ein Wolf. Wir sollen es aufspüren und erledigen, bevor noch mehr Leute zu Schaden kommen.“ Sie zögerte kurz, dann zog sie Leyla ein wenig zur Seite und senkte die Stimme. „Mera, ich will ehrlich sein: Wir können nicht auf dich aufpassen. Also, wenn es ernst wird, dann halte dich bitte raus.“ Leyla musste sich ein Lachen verkneifen. Die ganze Situation war einfach zu absurd. Wenn Alexandra nur wüsste… Doch sie nickte artig, spielte die Rolle, die sie sich geschaffen hatte. „Ja klar, ich falle euch nicht zur Last.“ Alexandra musterte sie einen Moment, dann nickte sie zufrieden. „Gut.“ Karst, der sich ihnen nun näherte, schob die Kapuze seines Mantels zurück und musterte Leyla mit einem nachdenklichen Blick. „Und du? Du hast gesagt, du willst in die Kaiserstadt. Was genau führt dich dorthin?“ Leyla zögerte nur einen Moment, bevor sie antwortete. „Ich habe dort einen Beruf gefunden. Ich muss ihn wahrnehmen.“ Die Antwort war nicht einmal gelogen, doch es war natürlich nicht die ganze Wahrheit. Sie konnte ihnen schlecht erzählen, dass sie eine Kaiserliche Kopfgeldjägerin war, die sich momentan vor den neugierigen Augen der Welt versteckte. Karst runzelte die Stirn und wirkte einen Moment nachdenklich. „Dann lass mich dir einen Rat geben: Die Kaiserstadt ist nicht so schön, wie man es in den Büchern liest. Sie ist ein Moloch voller Intrigen, voller Augen, die einen beobachten, und voller Gefahren, die man erst bemerkt, wenn es zu spät ist.“ Leyla erwiderte seinen Blick ruhig. „Danke für die Warnung, Karst. Ich werde vorsichtig sein.“ Doch bevor er noch etwas sagen konnte, wurde die Stille des Moors von einem markerschütternden Schrei durchbrochen. Es war ein verzweifelter, rauer Laut – das Klagen eines Mannes, der in größter Not war. Innerhalb eines Augenblicks war Alexandra auf den Beinen. Ihr Gesicht hatte sich verändert, die Unbeschwertheit war verflogen. Jetzt war sie eine Kriegerin, fokussiert und bereit. Ohne zu zögern, stürmte sie in die Richtung des Schreis. Jevry folgte sofort, sein massiver Schild auf dem Rücken klirrte leise. Betty schnappte sich ihren Stab, während Karst mit geübter Hand einen Pfeil aus dem Köcher zog. Leyla blieb nichts anderes übrig, als ihnen zu folgen. Sie brachen durch das dichte Unterholz, sprangen über knorrige Wurzeln und durchquerten sumpfige Pfützen. Dann erreichten sie eine kleine Lichtung – und das, was sie dort sahen, ließ selbst Leyla kurz den Atem stocken. Ein Monster, halb Raubkatze, halb Pflanzenwesen, beugte sich über einen leblosen Körper. Seine Muskeln bewegten sich kräftig, seine mächtigen Klauen waren von einem dunklen Saft getränkt – nicht Blut, sondern etwas Unnatürliches, Klebriges. Sein Fell bestand nicht aus Haaren, sondern aus Lianen und Moos, das sich langsam bewegte, als wäre es lebendig. Es war eine groteske Kreuzung aus Tier und Pflanze, und als es die Ankunft der Gruppe bemerkte, hob es langsam den Kopf. Zwei glühende, gelbe Augen fixierten sie aus der Dunkelheit. „Scheiße“, fluchte Jevry leise und zog sein Schild vom Rücken. Seine sonst ruhige Stimme war angespannt. „Ein Sumpflöwe.“ - ------------------------------------------------------------------------- Leyla kannte dieses Wesen aus einem der Bücher, die Eroica ihr gegeben hatte. Sumpflöwen waren extrem selten, doch wenn sie auftauchten, galten sie als unaufhaltsame Raubtiere. Sie nutzten das Terrain des Moors zu ihrem Vorteil, tarnten sich im Nebel und konnten selbst schwerste Wunden in Sekunden regenerieren. Sie waren klug, geduldig und gnadenlos. Die Geschichten beschrieben sie als Jäger, die ihre Beute langsam in die Enge trieben, bis jede Flucht unmöglich war. Und jetzt stand sie selbst einem gegenüber. Die Luft wurde schneidend kalt vor Spannung. Der Sumpflöwe bewegte sich langsam, sein massiger Körper spannte sich an, als würde er jeden Moment zum tödlichen Sprung ansetzen. Seine gelben Augen glühten wie heiße Kohlen, und das Moosfell schien sich mit jedem Atemzug zu heben und zu senken. Ein tiefes, grollendes Knurren drang aus seiner Kehle, das den Boden unter ihren Füßen vibrieren ließ. Alexandra zog ihr Schwert und senkte die Klinge in eine tiefe Kampfhaltung. Ihre Stimme war scharf und klar, als sie Befehle erteilte. „Positionen einnehmen! Jevry, vorn! Karst, such dir eine gute Stelle! Betty, bleib in Bewegung!“ Leyla spürte, wie sich ihre Muskeln unwillkürlich anspannten. Sie wusste nicht, wie stark die vier waren, doch sie bezweifelte, dass sie eine Chance hatten. Der Sumpflöwe war zu schnell, zu stark, zu unberechenbar. Sollte sie eingreifen? Oder sie sich selbst überlassen? Die Frage brannte in ihrem Kopf, während sie die Szene vor sich beobachtete. Dann sprang der Sumpflöwe. Ein einziger Satz katapultierte das Wesen durch die Luft, seine Lianen schossen wie Speere nach vorne. Alexandra wich mit einem blitzschnellen Ausfallschritt zur Seite, während Jevry sich mit seinem Turmschild schützend vor Betty stellte. Karst ließ einen Pfeil los, doch das Geschoss prallte wirkungslos an den Ranken ab, die sich wie ein lebendiger Schild um das Tier legten. Alexandra stürmte nach vorne, ihr Schwert zerschlitzte das moosartige Fell des Wesens, doch zu ihrem Entsetzen schloss sich die Wunde innerhalb eines Herzschlags. Die grüne Masse pulsierte, als hätte der Löwe den Angriff kaum gespürt. „Was sollen wir machen, Jevry?!“ rief Alexandra, während sie zurücksprang. Ihre Stimme klang angespannt, doch nicht panisch – noch nicht. Jevry stand vor Betty, die gerade einen Zauber vorbereitete. Seine Stimme war tief und ernst. „Wir haben keine Chance gegen einen Sumpflöwen.“ Leyla konnte sehen, wie sich Alexandras Kiefer anspannte. Ihr Griff um den Schwertgriff verhärtete sich. „Wir müssen es trotzdem versuchen. Karst, ziel auf die Augen!“ Karst spannte seinen Bogen, seine Hände waren ruhig, doch in seinen Augen lauerte Angst. Noch bevor er den Pfeil abschießen konnte, machte der Löwe einen weiteren Satz, schneller, als man es für möglich halten würde. Seine Pranke krachte auf Karsts Bogen, zerschmetterte das Holz und warf ihn zu Boden. Dann blitzten die Zähne des Sumpflöwen auf. ,,AHHHHH!’’ Karst schrie auf, als die gewaltigen Kiefer sich in sein Bein gruben. Blut spritzte in den sumpfigen Boden, und ein klares Knacken war zu hören, als der Knochen brach. Betty unterbrach ihren Zauber und wollte zu ihm eilen, doch Jevry hielt sie zurück. „Bleib hinten, Betty!“ Seine Stimme war hart, aber nicht unfreundlich. Er wusste, dass sie keine Chance hatte, gegen das Monster anzukommen. Alexandra wandte sich Leyla zu, ihre Augen brannten vor Entschlossenheit. „Hau ab, Mera. Du hast nichts hiermit zu tun. Wir halten ihn auf!“ Sollte Leyla einfach gehen? Nein. Sie konnte diese Gruppe nicht dem sicheren Tod überlassen. Der Sumpflöwe bäumte sich erneut auf, seine Pranken krachten auf Alexandra herab. Doch bevor sie getroffen werden konnte, stürzte Jevry sich zwischen sie. Sein Schild hob sich wie ein schützendes Dach, und der Aufprall des Löwen ließ ein metallisches Dröhnen durch die Luft hallen. —BONG— Doch der Löwe war nicht so leicht abzuschütteln. Er biss in den Schild, riss ihn Jevry aus der Hand und schleuderte ihn einige Meter weit weg. Dann richtete er seinen Blick auf den riesigen Mann und sprang. Jevry hatte keine Zeit zu reagieren. Die Zähne des Sumpflöwen bohrten sich tief in seine Brust. Blut spritzte heraus, tropfte auf das moosartige Fell des Monsters, das es gierig aufsog. „NEIN!“ schrie Betty. Sie wollte zu Jevry stürzen, doch Karst, der sich unter Schmerzen aufgerichtet hatte, hielt sie zurück. „Wir… wir können ihn nicht besiegen…“ murmelte er, während er sein blutiges Bein hielt. Betty keuchte, ihre Augen waren geweitet. Dann wandte sie sich Leyla zu. „M-Mera… bitte… nimm das hier und flieh.“ Sie streckte ihr den Stab entgegen. Leyla starrte auf den Stab, auf Bettys verzweifelte Miene, auf die Tränen in ihren Augen. Ihre Hände zitterten so stark, dass der Stab beinahe zu Boden fiel. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla blickte Betty sanft an, ihre Augen ruhig, aber fest entschlossen. Die Angst, die sich in dem Gesicht der jungen Klerikerin spiegelte, war fast greifbar. Der Stab, den sie Leyla hinhielt, drohte ihr aus den Fingern zu gleiten. „Du kannst doch Heilmagie?“ fragte Leyla mit ruhiger, aber bestimmter Stimme. „Dann verlasse ich mich darauf, dass du die beiden heilst.“ Betty blinzelte sie verwirrt an, als hätte sie nicht richtig verstanden. „W-Was?“ stammelte sie. „Du darfst dich nicht für uns opfern, Mera!“ Leyla erwiderte nichts. Ihre Entscheidung war längst gefallen.  Stattdessen hob sie die Hände, und für einen Augenblick schien die Welt den Atem anzuhalten. Ein kaum wahrnehmbarer Ruck ging durch die Luft, als würde die Natur auf sie reagieren. Das trübe Wasser des Moors kräuselte sich, die Energie durchzog den Boden unter ihren Füßen. Der Schlamm, in dem sich ihre Stiefel vergraben hatten, begann zu beben – ein leises, drohendes Grollen aus den Tiefen des Erdreichs. Der Sumpflöwe zögerte. Seine gelben Augen verengten sich, während sein massiger Körper sich anspannte. Er spürte es. Etwas war anders. Leyla schloss ihre Finger um den Griff ihres Schwertes. Mit einer fließenden Bewegung schleuderte sie die Waffe durch die Luft, ihre Klinge glitzerte im fahlen Licht des Moores. Doch es war mehr als nur ein Wurf – unsichtbar für die Augen der anderen verstärkte sie die Klinge mit der Macht des Runensteins der Erde. Die Energie pulsierte durch das Metall, machte es schärfer, präziser, tödlicher. Die Waffe bohrte sich mit gnadenloser Präzision in den Rücken des Sumpflöwen. Gleichzeitig erhob sich das Wasser, das zuvor noch reglos im Moor gestanden hatte, und brach wie eine gewaltige Welle über Alexandra und Jevry herein. Doch anstatt sie zu verschlingen, trug die Wassermasse sie sanft aus der Gefahrenzone, ließ sie einige Meter weiter in den schlammigen Boden sinken – unversehrt, aber sichtlich verwirrt. Alexandra keuchte auf, ihr Schwert immer noch fest in der Hand. Ihr Blick schnellte zu Leyla, eine Mischung aus Erleichterung, Fassungslosigkeit und unausgesprochener Fragen spiegelte sich in ihren Augen. „Was…?“ Doch Leyla schüttelte den Kopf. „Wir reden später“, sagte sie bestimmt, ihr Tonfall ließ keine Widerrede zu. Dann wandte sie sich dem Sumpflöwen zu. Die Wunde, die ihr Schwert hinterlassen hatte, begann bereits, sich zu schließen. Das moosartige Fell pulsierte, wuchs zusammen, als wäre es nie verletzt worden. Doch diesmal war es anders. Der Löwe bewegte sich langsamer, als hätte etwas tief in ihm eine Unsicherheit geweckt. Leylas Augen funkelten. Der Boden unter den Pranken des Löwen begann sich zu verändern. Erst war es nur ein sanftes Zittern, dann formten sich um seine Beine dunkle Schlammströme, die sich in lebendige Fesseln verwandelten. Sie krochen an seinen Beinen empor, schlangen sich um seine Muskeln und zogen ihn mit einer Kraft nach unten, die unmöglich für ihn zu überkommen war. Er kämpfte. Er riss an seinen Gliedern, bäumte sich auf, doch die Fesseln gaben nicht nach. Stattdessen drangen sie tiefer in den Boden, versuchten, ihn hinabzuziehen, ihn dort festzuhalten, wo er hingehörte – in die Dunkelheit der Erde. Leyla atmete aus. Ihre Augen begannen in schwachen Blau zu leuchten, nicht hell, nicht auffällig – doch der Sumpflöwe sah es. Er verstand. Ein leises Knurren entwich seiner Kehle, doch es war kein Knurren mehr, das Drohung oder Kampfeslust verkündete. Es war ein Laut des Zögerns, vielleicht sogar der Angst. Dann ließ Leyla los. Die Fesseln gaben nach. Der Sumpflöwe riss sich los, sprang mehrere Meter nach hinten. Sein Moosfell war gesträubt, sein Körper angespannt, als wäre er auf der Flucht vor etwas, das er nicht begreifen konnte. Einen Moment lang verharrte er noch, dann – ohne einen weiteren Blick zurück – wirbelte er herum und verschwand zwischen den Bäumen. Das Knacken von Ästen, das Rascheln von Blättern – und dann war er fort. Stille. Leyla drehte sich langsam zu den anderen um. Die Spannung in der Luft war fast greifbar. „Da hab ich ja nochmal Glück gehabt“, sagte sie schließlich mit einem leichten, gespielt erleichterten Lächeln. „Meine Mana geht nach so einem Zauber schon fast zur Neige!“ Alexandra starrte sie an, ihre Brust hob und senkte sich schnell, noch immer von Adrenalin durchflutet. „W-Wie hast du das gemacht?“ fragte sie schließlich. Ihre Stimme war rau, durchtränkt von Misstrauen – aber auch von Staunen. Leyla zuckte mit den Schultern. „Lass uns einen ruhigen Ort suchen, dann erkläre ich es euch“, sagte sie und blickte zu Betty. Die Klerikerin hatte sich bereits auf den Boden gekniet, ihre Hände begannen sanft zu leuchten, als sie ihre Heilmagie auf Jevry und Karst wirkte. Ihre Lippen bewegten sich lautlos, während das warme, goldene Licht langsam über die Wunden der beiden Männer floss. Karst stöhnte leise, sein schmerzverzerrtes Gesicht entspannte sich langsam. Jevry, dessen Brust noch immer von dunklem Blut bedeckt war, öffnete schwerfällig die Augen. Leyla sah Betty an, die ihre ganze Kraft in den Heilzauber legte, trotz ihrer eigenen Erschöpfung, trotz der Angst, die noch in ihr steckte. Und zum ersten Mal, seit sie die Gruppe getroffen hatte, fragte sie sich, ob sie diesen vier Abenteurern wirklich nur eine Lüge hätte erzählen sollen. Doch dieser Gedanke verflog so schnell, wie er gekommen war. Ihre Identität durfte nicht ans Licht kommen. Noch nicht. - ------------------------------------------------------------------------- Das Lagerfeuer flackerte sanft auf der Lichtung, die sie als Schlafplatz gewählt hatten. Die Flammen warfen warme, tanzende Schatten auf die Gesichter der Gruppe, während die Dunkelheit des Moores sich lautlos um sie legte. Der Nebel hing schwer zwischen den Bäumen, als würde das Land selbst den Atem anhalten, fasziniert von dem, was an diesem Abend geschehen war. Leyla saß den vier Abenteurern gegenüber , die sie mit einer Mischung aus Dankbarkeit und Neugier musterten. Ihre Blicke brannten auf ihr, unausgesprochene Fragen lagen in der Luft, wie eine drückende Stille vor einem Sturm. Sie wusste, dass sie etwas sagen musste. Leyla räusperte sich schließlich und durchbrach das Schweigen. „Ich kann etwas Wassermagie wirken“, begann sie vorsichtig. Ihre Stimme klang ruhig, kontrolliert. „Ich weiß nicht, warum der Löwe vor mir geflohen ist, aber da haben wir echt Glück gehabt.“ Karst reagierte nicht sofort. Sein Blick war schmal, voller prüfender Skepsis. Mit dem Stock in der Hand stocherte er in den Flammen herum, als würde er darin nach Antworten suchen. Jevry hingegen ließ sie nicht so einfach davonkommen. Sein analytischer Blick ruhte auf ihr, als wäre sie ein Rätsel, das er entschlüsseln wollte. „Wassermagie also?“ wiederholte er langsam. Seine Stimme war ruhig, aber durchdringend. „Du hast das Wasser aus dem Schlamm gezogen. Das war keine einfache Wassermagie…“ Leylas Herz schlug einen Moment schneller. Doch bevor Jevry weiter nachhaken konnte, schnitt ihm Alexandra mit fester Stimme ins Wort. „Wir sollten Mera dankbar sein. Sie hat uns allen das Leben gerettet.“ Ihr Blick wanderte zu Leyla, ernst, aber voller aufrichtiger Freundlichkeit. „Du musst nichts erklären, wenn du es nicht möchtest.“ Leyla hielt einen Moment inne. Alexandra meinte es ehrlich – und das überraschte sie. Sie hatte erwartet, dass die Gruppe misstrauischer wäre. Dass sie nachbohren, drängen, Antworten fordern würden. Stattdessen bot Alexandra ihr eine Möglichkeit, den Schein aufrechtzuerhalten. Sie nickte leicht. „Danke“, murmelte sie, ihre Stimme leiser als zuvor. Trotzdem wusste sie, dass sie ihre Tarnung nicht mehr lange aufrechterhalten konnte. Sie hatte sich auf eine Gruppe kluger Abenteurer eingelassen, und sie spürte, dass sie langsam aber sicher durchschaut wurde. Plötzlich regte sich Betty. Ohne Vorwarnung stand sie auf und ging langsam um das Feuer herum, direkt auf Leyla zu. Ihre Robe war noch immer schmutzig, an den Säumen mit getrocknetem Schlamm bedeckt, doch das schien sie nicht zu kümmern. Ihr Blick war sanft, fast neugierig, als sie sich direkt neben Leyla in die feuchte Erde sinken ließ. Dann beugte sie sich leicht vor, ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern über dem leisen Knistern der Flammen. „Da war doch viel mehr, als das, was die anderen gesehen haben, oder?“ Leyla stockte. Bevor sie reagieren konnte, sprach Betty hastig weiter. „Ich konnte sehen, wie du das Schwert verstärkt hast. Und ich habe gespürt, wie du den Löwen gefesselt hast.“ Leyla öffnete den Mund – doch kein Wort kam über ihre Lippen. Betty hatte es bemerkt? Ihr Kopf arbeitete fieberhaft. Sie hatte sich so gut es ging zurückgehalten, sich darauf konzentriert, ihre Kräfte so subtil wie möglich zu nutzen. Aber Betty war anders als die anderen. Ihre Augen hatten Dinge gesehen, die den anderen entgangen waren. „Du musst nichts erklären, wie Lexy schon meinte“, fuhr Betty fort, bevor Leyla nach einer Ausrede suchen konnte. Ihre Stimme war leise, voller ehrlicher Bewunderung. „Ich wollte dir nur sagen, dass du richtig toll bist.“ Leyla blinzelte überrascht. Mit dieser Reaktion hatte sie nicht gerechnet. Kein Misstrauen. Keine Angst. Kein Versuch, ihre Geheimnisse zu entlocken. Nur ein ehrliches Lächeln, eine Anerkennung, die keine Beweise brauchte. Langsam entspannte sie sich. Sie legte eine Hand auf Bettys Schulter, drückte sie sanft und erwiderte leise: „Danke, Betty. Das bedeutet mir viel.“ - ------------------------------------------------------------------------- Nahenma atmete tief durch, als seine suchenden Augen sie endlich wiederfanden. Endlich. Nach Monaten der Jagd, des Spürens, der rastlosen Nächte hatte er sie eingeholt. Das Mädchen, das nicht in diese Welt gehörte. Er verharrte im Schatten der Bäume, das Blätterdach über ihm flüsterte im Wind, als würde selbst der Wald seine Ankunft kommentieren. Vor ihm, kaum dreißig Schritte entfernt, saß sie am Lagerfeuer, umgeben von ihren neuen Gefährten – vier Fremde, die sie offenbar als ihre Freunde betrachtete. Nahenma hatte sie beobachtet, ihre Spur durch Wälder und Sümpfe verfolgt, ihre kleinen Gewohnheiten und Bewegungen studiert. Und nun war sie in seiner Reichweite, so nah, dass er beinahe ihren Atem im kühlen Wind hätte spüren können. Er hatte sich so oft gefragt, was sie wohl in diesem Moment tun würde. Würde sie ahnen, dass er hier war? Dass sich die Sense ihres Schicksals über ihr zuspitzte? Doch nein – sie saß lachend am Feuer, sorglos, als gehöre sie in diese Welt. Er erinnerte sich an das erste Mal, als er sie beobachtet hatte. Damals war sie kaum mehr als eine Unbedeutende gewesen, ein Mädchen ohne Richtung, das durch diese Welt irrte, verloren zwischen den Schatten von Begleitern, die Größeres bewirkten. Er hatte sie studiert, getestet, sich überzeugt, dass sie keine Bedrohung war. Doch dann… hatte sich alles geändert. Sie war zu einer Kaiserlichen Kopfgeldjägerin geworden. Ihr Name wurde in den dunklen Ecken geflüstert, in Tavernen, in den Gassen der Unterwelt, unter denen, die wissen mussten, vor wem sie sich fürchten sollten. Und schlimmer noch – sie hatte zwei der Runensteine gefunden. Nicht nur gefunden, sondern gebändigt, sich ihre Macht angeeignet, als wäre es ihr Schicksal gewesen. Doch das war unmöglich. Die Runensteine wählten ihre Träger mit Sorgfalt. Sie verweigerten sich denen, die ihrer nicht würdig waren. Selbst die mächtigsten Magier konnten an ihnen verzweifeln, ihre Körper brachen unter der Last ihrer Kraft. Doch dieses Mädchen hatte es geschafft, mit einer Leichtigkeit, die jede Regel, jedes Naturgesetz verhöhnte. Das war nicht normal. Das war gefährlich. Nahenma spürte, wie sich seine Muskeln anspannten, während er sie weiter beobachtete. Ihre Haltung war entspannt, ihr Lächeln sorglos, ihr Blick voller Leben. Doch er wusste, dass es nur eine Illusion war. Sie war kein einfaches Mädchen mehr. Sie war eine Anomalie, ein Riss in der Struktur dieser Welt, eine Bedrohung für das Gleichgewicht, das bewahrt werden musste. Er atmete tief ein, füllte seine Lungen mit der kühlen Nachtluft. Sie roch nach feuchtem Moos, nach verbranntem Holz, nach der Stille, die sich wie ein unsichtbarer Mantel um das Moor legte. Nur das Knistern des Feuers und das leise Gemurmel der Gruppe durchbrachen die Ruhe. Sie waren entspannt. Fast… friedlich. Nahenma schloss für einen Moment die Augen. War sie wirklich eine Bedrohung? Oder war sie nur ein Mädchen, das versuchte, ihren Platz in einer Welt zu finden, die sie nie ganz verstehen würde? Ein leises, warmes Lachen durchbrach die Stille, und seine Augen öffneten sich sofort wieder. Es war ihres. Sie lachte. Doch dann erinnerte er sich an die Macht, die in ihr schlummerte. An das, was sie hatte. Und er wusste: Er durfte nicht zögern. Diese Welt war größer als ein einzelnes Leben. Und wenn er dieses Opfer bringen musste, um das Gleichgewicht zu bewahren, dann würde er es tun. Er trat zurück in die Schatten der Bäume. Noch nicht. Nicht heute Nacht. Doch bald… Sehr bald.

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