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  • Kapitel 142 - Mera, Eleanor und Vippock

    Der blonde Mann lächelte Leyla freundlich an und trat einen Schritt auf sie zu. Theol hingegen verharrte an Ort und Stelle, als würde er die Situation erst einschätzen wollen. Das Sonnenlicht glitzerte auf seinen dunklen Schuppen, während seine Augen sie aufmerksam musterten – jedoch ohne eine Spur der Vertrautheit. „Guten Tag, hübsche Dame“, begrüßte sie der Blonde mit einer Stimme, die so glatt und charmant war, dass sie fast einstudiert wirkte. „Wie können mein Freund und ich dir behilflich sein?“ Leyla erwiderte sein Lächeln mit gespielter Unsicherheit, ihre Finger spielten unauffällig auffällig mit dem Anhänger ihrer Kamera-Kette. „Ich war mir nicht ganz sicher, aber führt dieser Weg zur Hauptstraße in Richtung Kaiserstadt?“ fragte sie mit einem schiefen Lächeln. Natürlich wusste sie, dass der Pfad nicht dorthin führte – aber sie brauchte eine plausible Ausrede, um sich ins Gespräch einzuklinken. Der Blonde runzelte kurz die Stirn, bevor sich sein Ausdruck wieder in angenehmer Freundlichkeit glättete. „Nein, dieser Pfad führt in eine ganz andere Richtung“, erklärte er und warf einen Seitenblick zu Theol, der noch immer schweigend neben ihm stand. „Aber wir könnten dich hinführen, wenn du möchtest.“ „Das wäre wirklich lieb von euch!“ rief Leyla mit übertriebener Begeisterung, klatschte leicht in die Hände und versuchte dabei, so unschuldig wie möglich zu wirken. „Ich bin übrigens Mera. Und ihr?“ Jetzt würde sich zeigen, ob Theol sie erkannte. Sie ließ ihren Blick scheinbar beiläufig über ihn wandern, während sie gespannt auf seine Reaktion wartete. Es war nur ein kurzer Moment, kaum länger als ein Wimpernschlag, aber Theol schien tatsächlich zu zögern. Dann jedoch straffte er die Schultern, als hätte er sich entschieden. „Mein Name ist Vippock“, brummte er, sein Blick wich ihrem dabei aus, als wollte er den direkten Augenkontakt vermeiden.  Leyla spürte, wie ihr Herz einen winzigen Schlag aussetzte. Vippock? Das war nicht sein Name. „Und ich bin Eleanor, sehr erfreut, Mera“, stellte sich der Blonde mit einer eleganten Verbeugung vor. Leyla musste sich beherrschen, nicht misstrauisch zu wirken. Warum benutzte Theol – oder Vippock, wie er sich nannte – einen falschen Namen? Sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er nicht der Typ war, der sich einfach so eine falsche Identität zulegte. Hatte er sie erkannt und spielte nun sein eigenes Spiel? War es eine Art Test? Oder – und das war die wahrscheinlichste Möglichkeit – hatte er Gründe, unerkannt zu bleiben? „Dann auf nach Norden!’’ rief Eleanor gutgelaunt und marschierte los, ohne weitere Fragen zu stellen. Leyla folgte ihm, während ihre Gedanken rastlos arbeiteten. Es gab einige plausible Erklärungen für Theols Verhalten, aber keine davon gefiel ihr besonders. Vielleicht hatte er sich in eine Sache verstrickt, von der er nicht wollte, dass Außenstehende sie durchschauten. Vielleicht hatte es etwas mit Liam zu tun. Sie wusste, dass sich Theol und Liam früher gut verstanden hatten. Und jetzt war Liam Teil des Schwarzen Sterns. Hatte sich Theol etwa ebenfalls der Rebellion angeschlossen? Es wäre nicht unlogisch. Theol war nie ein Freund des Kaiserreichs gewesen. Aber sie hatte keine Beweise, keine Bestätigung – nur diese winzige Lüge. Und was, wenn er sie tatsächlich erkannt hatte und nun ebenfalls versuchte, ihre Identität zu verschleiern? Leyla beschloss, es nicht zu überstürzen. Sie war offiziell nicht auf einer Mission gegen den Schwarzen Stern. Sie war einfach eine Reisende auf dem Weg in die Kaiserstadt. Also warum sich unnötig ins politische Chaos stürzen? Stattdessen setzte sie ihr charmantestes Lächeln auf und ließ das Gespräch locker weiterlaufen. „Also, Eleanor und Vippock“, begann sie in neckendem Ton, „was führt euch denn in diese Gegend? Seid ihr auch auf dem Weg zur Kaiserstadt?“ - ------------------------------------------------------------------------- Eleanor lachte und warf Leyla einen neugierigen Blick über die Schulter zu. „So in etwa. Wir reisen in Etappen. Auf dem Weg erleben wir einige Abenteuer und helfen Leuten wie dir.“ „Oh ja, das kenne ich nur zu gut!“ erwiderte Leyla fröhlich und setzte erneut ihr unschuldiges Lächeln auf. „Reist du alleine?“ fragte Theol plötzlich, seine Stimme ruhig, aber mit einem kaum merklichen Hauch von Besorgnis. „Für eine junge Frau kann es gefährlich sein, allein unterwegs zu sein.“ Leyla hätte beinahe laut gelacht. Wenn Theol nur wüsste, wer genau vor ihm stand, dann hätte er sich diese Bemerkung gespart. Stattdessen zwang sie sich, ihren amüsierten Ausdruck zu verbergen, und antwortete mit gespielter Ernsthaftigkeit: „Ja, ich reise allein. Aber ich kann mich gut selbst verteidigen.“ Eleanor blieb stehen und drehte sich langsam zu ihr um. In seinen bernsteinfarbenen Augen lag nun ein Hauch von Interesse, das über bloße Höflichkeit hinausging. „Ist das so, Mera? Und wie genau verteidigst du dich?“ Leyla hatte nicht damit gerechnet, dass jemand genauer nachhaken würde. Ihre Stärke lag nicht im klassischen Schwertkampf – nicht mehr. Ihre wahre Macht lag in ihrer Magie, in den Runensteinen, die sie trug. Doch das konnte sie natürlich nicht offenbaren. Und noch ein Problem: Sie hatte keine Waffe bei sich. Daran hatte sie in ihrer neuen Identität nicht gedacht. „Eigentlich kämpfe ich mit dem Schwert“, sagte sie nach kurzem Überlegen. „Aber meines ist vor ein paar Tagen kaputt gegangen.“ Theol runzelte leicht die Stirn, sein Blick huschte unauffällig über sie hinweg. „Also bist du momentan unbewaffnet?“ Leyla zögerte nur einen Moment, bevor sie mit einer Spur gespielter Verlegenheit nickte. „Ja, so ungefähr. Ich wollte mir bald ein neues kaufen, aber bis dahin muss ich improvisieren.“ Eleanor grinste, als hätte er genau auf diesen Moment gewartet. Mit einer geschmeidigen Bewegung griff er in seinen Gürtelbeutel – ein unscheinbarer Lederbeutel, der viel zu klein wirkte, um darin etwas Größeres zu verstauen. Doch als er seine Hand wieder herauszog, hielt er ein Schwert darin. Leyla riss überrascht die Augen auf. Ein magischer Beutel. Diese Art von Behältnis war selten und unglaublich wertvoll. Sie hatte schon davon gehört, aber noch nie einen aus der Nähe gesehen. „Wo hast du denn so einen Beutel her?“ fragte sie und betrachtete die kunstvollen Nähte des Lederbeutels genauer. Eleanor zuckte mit den Schultern. „Von meinem Vater“, antwortete er beiläufig. „Er hat ihn von einem Freund bekommen. Mehr weiß ich nicht darüber. Praktisch, oder?“ „Sehr praktisch“, stellte Leyla fest, ließ ihre Neugier aber nicht zu auffällig werden. Sein Vater musste ein Mann mit einflussreichen Kontakten sein – jemand, der Zugang zu solch seltener Magie hatte, gehörte nicht zum gewöhnlichen Adel, zu dem sie Eleanor bisher gezählt hatte. Sie warf Eleanor einen abschätzenden Blick zu. „Dann muss dein Vater ja ziemlich mächtig sein.“ Eleanor lächelte vage, wich ihrer Bemerkung jedoch elegant aus. „Er hat einfach ein paar gute Freunde.“ Bevor sie weiter nachhaken konnte, drehte er das Schwert einmal locker in der Hand und hielt es ihr dann entgegen. „Ich würde es dir überlassen, wenn du dich mit mir im Schwertkampf duellierst.“ Leyla stutzte. Sie hatte nicht erwartet, dass das Gespräch in diese Richtung gehen würde. Ein Kampf – selbst nur zur Übung – bedeutete eine Herausforderung, bei der sie vorsichtig sein musste. Wenn sie zu stark kämpfte, würde sie Verdacht erregen. Wenn sie zu schwach war, würde Eleanor sie nicht ernst nehmen. Doch auch wenn sie den Namen Mera trug: Sie war Leyla. Und Leyla liebte Herausforderungen. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla griff nach dem Schwert und wog es prüfend in ihrer Hand. Die Klinge war aus feinstem Stahl gefertigt, leicht genug, um schnelle Schläge auszuführen, aber mit genug Gewicht, um kraftvolle Hiebe zu führen. Der Ledergriff schmiegte sich angenehm an ihre Finger, und sie spürte sofort, dass die Waffe gut ausbalanciert war. Eleanor pflegte seine Klingen anscheind gewissenhaft – ein Zeichen dafür, dass er nicht nur ein erfahrener Kämpfer war, sondern auch den Wert einer guten Waffe verstand. Während sie das Schwert begutachtete, huschte ihr Blick zu Theol. Er stand schweigend da, seine schwarzen Schuppen reflektierten das Sonnenlicht, und seine Augen ruhten aufmerksam auf ihr. Eleanor zog sein eigenes Schwert mit einer geschmeidigen Bewegung. „Bist du bereit, Mera?“ fragte er mit einem herausfordernden Grinsen. Leyla nickte und ging in Angriffsstellung. Sie wusste nicht, wie gut Eleanor wirklich war, also beschloss sie, vorsichtig zu beginnen. Ihr erster Angriff war ein schneller, niedriger Hieb, mit dem sie versuchte, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Doch Eleanor bewegte sich mit spielerischer Leichtigkeit, parierte mühelos und setzte sofort zum Gegenschlag an. Seine Klinge schnitt durch die Luft, und Leyla wich nur knapp zurück, bevor die scharfe Spitze ihre Seite hatte treffen können. Sie verzog kurz die Lippen. Er war schnell – schneller, als sie erwartet hatte. Leyla ließ eine Reihe von Angriffen auf ihn niederprasseln, doch jeder ihrer Schläge wurde mit Präzision abgewehrt. Eleanor kämpfte nicht mit roher Kraft, sondern mit fließenden, kalkulierten Bewegungen. Jede seiner Paraden war genau abgepasst, sein Stand stabil, seine Reaktionen messerscharf. Sie sprang zurück, atmete tief durch und musterte ihn neu. Sie musste ihn überraschen. Mit einer plötzlichen Bewegung stürzte sie sich erneut vor, wirkte, als würde sie einen geraden Hieb ausführen – doch im letzten Moment drehte sie sich ein und ließ ihre Klinge aus einer ungewohnten Richtung auf ihn herabsausen. Eleanor erkannte den Trick im letzten Moment. Er hechtete zur Seite, doch die Spitze ihres Schwertes streifte seinen Ärmel, ein leiser Riss ertönte, als der Stoff nachgab. Er lachte. „Nicht schlecht.“ Dann nahm er eine ungewöhnliche Pose ein – er hielt sein Schwert hinter den Rücken, beugte seinen Oberkörper leicht nach vorne und ließ eine Hand locker hängen.  „Du solltest dich ohne Probleme in der Natur verteidigen können“, meinte er mit einem amüsierten Unterton. Es war keine normale Bewegung – er schoss auf sie zu, so schnell, dass sie ihn für einen Augenblick aus den Augen verlor. Ehe sie reagieren konnte, spürte sie einen leichten Druck an ihrem Rücken – die Spitze seiner Klinge, kaum mehr als eine sanfte Berührung. Sie erstarrte. Dann hörte sie sein Lachen. „Verzeih, ich wollte nur ein wenig angeben.“ Leyla drehte sich langsam um und musterte ihn mit einer Mischung aus Respekt und Neugier. „Was war das für eine Schwertkunst?“ Eleanor zuckte mit den Schultern, als wäre es nichts Besonderes. „Die hat mein Vater mir beigebracht.“ Da war es wieder. Sein Vater. Wer auch immer Eleanor wirklich war – er hatte eindeutig eine Ausbildung erhalten, die nicht jeder genießen konnte. Seine Bewegungen waren zu präzise, seine Haltung zu geschult. Leyla entschied, nicht weiter nachzufragen. So sehr interessierte sie es auch nicht. „Das Schwert kannst du behalten, Mera“, sagte Eleanor und steckte sein eigenes Schwert zurück in die Scheide. Leyla ließ sich nichts anmerken, doch in ihrem Inneren zog sich eine Erkenntnis zusammen: Dieser Mann war kein gewöhnlicher Abenteurer. „Von hier aus bist du in einer halben Stunde an der Hauptstraße“, fuhr er fort. Leyla nickte, steckte ihr neues Schwert in ihren Gürtel und schenkte den beiden ein strahlendes Lächeln. „Danke fürs Führen. Und fürs Schwert. Euch eine gute Reise, Eleanor, Vippock.“ Theol nickte nur knapp. „Dir auch, Mera.“ Leyla wandte sich ab und begann, in Richtung der Straße zu spazieren. Sie spürte noch immer den Blick von Theol auf sich, als sie sich entfernte. Er beobachtete sie. Vielleicht misstrauisch. Vielleicht neugierig. Sie hielt ihren Schritt gleichmäßig, zwang sich, nicht zurückzublicken. Erst, als sie sich sicher war, außer Sichtweite zu sein, erlaubte sie sich ein kleines, zufriedenes Lächeln. Die Tarnung als Mera war ein voller Erfolg. Mit leichtem Schritt wanderte sie weiter, während die untergehende Sonne die Hügel in warmes Gold tauchte. Die Reise zur Kaiserstadt versprach, noch interessanter zu werden, als sie gedacht hatte.

  • Kapitel 141 - Wildes Magenta

    —GÄÄHN— Leyla streckte sich genüsslich in ihrem Bett, während sich die ersten Strahlen der Spätherbstsonne durch die kleinen, etwas schief sitzenden Holzfenster der Taverne „Smörje & Arrne“  schoben. Das Licht tauchte den Raum in ein gemütliches Gold, ließ den Staub in der Luft wie winzige Glühwürmchen tanzen und hüllte Leylas Gesicht in angenehme Wärme. Die Luft roch nach altem Holz, nach der leichten Feuchtigkeit des Morgens und einem Hauch von Bier, das wohl in der Nacht über die Tische verschüttet worden war. Von unten drangen die ersten Stimmen der Frühaufsteher empor – raues Lachen, das Klirren von Krügen und das dumpfe Geräusch von Stiefeln auf Holzdielen. Leyla blinzelte verschlafen und ließ sich noch einen Moment im weichen Bett versinken. Die Erschöpfung, die sie gestern noch beinahe erdrückt hatte, war wie weggeblasen, als hätte ihr Körper über Nacht jede Spur von Müdigkeit einfach abgeschüttelt. Rasant regenerierende Kräfte… war das das Wirken der Runensteine? Nachdenklich griff sie nach dem Glas Wasser, das auf dem kleinen, grob gezimmerten Tisch neben ihr stand, und nahm einen erfrischenden Schluck. Sie spürte, wie das kühle Nass ihre Kehle hinabfloss, während sie gedankenverloren das Glas betrachtete. Langsam ließ sie das Wasser hin und her schwappen, beobachtete, wie das Licht sich auf der Oberfläche brach. Ihr Plan stand fest. Sie würde zu Fuß zur Kaiserstadt reisen. Kein Schiff, keine Kutsche, keine überstürzten Abkürzungen. Sie wollte das Land durchqueren, es mit eigenen Augen sehen und jede Gelegenheit nutzen, um mehr über sich selbst und die Welt zu erfahren.  Der erste Abschnitt würde sie durch das Südmoor führen, eine sumpfige, von Nebel durchzogene Landschaft, bis sie die hohen, unberührten Berge der Larifen erreichte. Man sagte, dort lebten vergessene Völker und Wesen, die älter waren als das Kaiserreich selbst. Danach würde sie ins Herzland weiterziehen, durch das geschäftige Treiben der mittelländischen Städte, bis sie schließlich wieder vor den Toren der Kaiserstadt stehen würde. Zuhause. Leyla stieß einen leisen Seufzer aus. Der Alltag der Kaiserlichen Kopfgeldjäger wartete dort auf sie – mit all seinen strengen Regeln, endlosen Pflichten und der unausweichlichen Konfrontation mit Yang. Sie würde sich für ihre eigenmächtigen Handlungen in Tripolis rechtfertigen müssen, und sie wusste genau, dass dieses Gespräch kein einfaches werden würde. Aber das war nicht das, was ihr am meisten Sorgen bereitete. Sie hatte ihre neu entdeckte Wassermagie gezeigt. Nicht nur ein wenig, sondern in einer Dimension, die selbst erfahrene Magier erschauern ließ. Über zweihundert Schiffe waren in den Fluten verschwunden, vernichtet durch die gewaltige Kraft, die sie entfesselt hatte. Die Leute hatten sie bewundert, andere hatten sie gefürchtet – doch alle hatten gesehen, dass sie eine Macht besaß, die sie vorher nicht gezeigt hatte. Und genau das war das Problem. Als sie das Kaiserreich verließ, konnte sie keine Wassermagie. Die plötzliche Beherrschung dieses Elements würde Fragen aufwerfen – Fragen, auf die sie keine einfachen Antworten hatte. Man würde wissen wollen, woher diese Fähigkeit kam, wer ihr das beigebracht hatte, ob sie etwas verbarg. Doch Leyla hatte sich bereits eine Geschichte zurechtgelegt. Sie würde behaupten, dass sie in Tripolis von einem begnadeten Wassermagier unterrichtet worden war. Schon zuvor hatten viele vermutet, dass sie eine außergewöhnliche Affinität zur Magie besaß – schließlich war sie fähig, Erde zu manipulieren. Wenn sie diese Erzählung geschickt präsentierte, könnte sie ihre wahre Quelle der Macht vielleicht verbergen. Vielleicht hatte Eroica noch eine bessere Idee. Ihre treue Dienerin war nicht nur klug, sondern auch gerissen, wenn es darum ging, die richtigen Worte zu finden. Leyla ließ ihre Gedanken einen Moment lang schweifen, dann blickte sie wieder auf das Glas in ihrer Hand. Fast spielerisch sandte sie einen Hauch Magie in das Wasser, nur ein kleines, unbedeutendes Experiment. Sie ließ das Volumen anschwellen, bis das Glas beinahe überlief, dann konzentrierte sie sich darauf, die Flüssigkeit zu verändern. Innerhalb von Sekunden färbte sie das Wasser tiefblau, dann ein schimmerndes Grün, dann ein leuchtendes Gold. Dann schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf – so klar, so brillant, dass ihr Herz vor Aufregung schneller schlug. Ein Grinsen huschte über ihr Gesicht, und es fiel ihr schwer, nicht laut vor Freude zu jubeln. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla sprang aus dem Bett, noch immer das Glas Wasser in der Hand, und eilte zu dem alten, leicht trüben Spiegel, der neben der Zimmertür hing. Ihr Herz klopfte schneller, während sich die Idee in ihrem Kopf weiter formte. Sie tauchte zwei Finger in das Wasser und fuhr sich damit über eine einzelne Haarsträhne. Konzentriert ließ sie ihre Magie fließen. Sofort begann sich die Farbe der Strähne zu verändern – erst leuchtete sie in einem tiefen Violett, dann glühte sie feurig Rot, bevor sie schließlich in ein dunkles Pechschwarz überging. Ein triumphierendes Grinsen breitete sich auf Leylas Gesicht aus. Ohne zu zögern hob sie das Glas über ihren Kopf und ließ sich das Wasser über das Haar laufen. Der kühle Schwall jagte ihr einen Schauer über den Rücken, doch sie ignorierte es, während sie ihre Magie weiter in die Flüssigkeit leitete. Die Verwandlung setzte sich fort. Ihre Haare funkelten in schimmernden Wellen von Blau, Grün und Gold, bis sich die Farben allmählich bei einem kräftigen Magenta einpendelten. Leyla trat einen Schritt zurück, legte den Kopf schief und musterte ihr Spiegelbild. Sie sah aus wie eine andere Person. Das leuchtende Magenta verlieh ihr ein wilderes, freieres Aussehen – nicht mehr die Kaiserliche Kopfgeldjägerin Leyla, sondern eine unbekannte Abenteurerin, eine Reisende, die durch das Land zog, ohne dass jemand wusste, wer sie war. Sie fuhr sich durch das Haar, wuschelte es auf, bis es noch ungezähmter wirkte. „Perfekt“, murmelte sie zufrieden und griff nach ihrem Geldbeutel. Ohne weiter Zeit zu verlieren, verließ sie ihr Zimmer und eilte die knarrende Holztreppe hinunter in den Schankraum der Taverne. Die ersten Gäste saßen bereits an den Tischen, ihre Stimmen mischten sich mit dem Klappern von Geschirr und dem Geruch von frischem Brot und gebratenem Speck. Ein paar Männer warfen ihr neugierige Blicke zu, doch niemand schien sie zu erkennen. Das war genau, was sie wollte. Draußen empfing sie die kühle Morgenluft mit einem Hauch von salzigem Meeresduft. Inhantes erwachte langsam zum Leben. Händler stellten ihre Stände auf, Karren rumpelten über das Kopfsteinpflaster, und das geschäftige Treiben der Menschen erfüllte die Straßen. Leylas Blick wanderte über die bunten Ladenschilder. ,,Franzos Backwaren’’ — der verlockende Duft nach frischem Gebäck ließ ihr kurz das Wasser im Mund zusammenlaufen. ,,Doku Naraka - Alchemiewunder’’ — ein kleines, schiefes Gebäude mit glitzernden Phiolen im Fenster. ,,Goldschmuck Bravom’’ — hier funkelten die Ketten und Ringe im Licht der Morgensonne. Doch dann entdeckte sie, wonach sie suchte: ,,Abenteurers bester Freund’’ Ein kleines Geschäft mit wettergegerbten Lederjacken, Umhängen und Reiterstiefeln im Schaufenster. Genau das Richtige. Leyla trat ein, und eine Glocke über der Tür bimmelte leise. Der Geruch von Leder und Stoff empfing sie. Hinter der Theke stand ein breitschultriger Mann mit einer grauen Schürze, der gerade dabei war, einige Ausrüstungsgegenstände zu sortieren. ,,Guten Morgen’’, begrüßte sie ihn freundlich. Als sie nähertrat, drehte er sich zu ihr um und schenkte ihr ein freundliches, aber prüfendes Lächeln. „Guten Morgen. Suchen Sie etwas Bestimmtes?“ „Ja“, antwortete Leyla bestimmt. „Ich brauche Kleidung, in der ich nicht sofort auffalle.“ Der Mann zog eine Augenbraue hoch. „Das ist eine interessante Anforderung.“ „Ich meine damit praktisch, widerstandsfähig und nicht zu extravagant“, erklärte sie schnell. Er nickte verständnisvoll und deutete mit einer Geste in den hinteren Bereich des Ladens. „Dort finden Sie alles, was Sie brauchen. Sehen Sie sich in Ruhe um.“ „Danke“, erwiderte Leyla und verschwand zwischen den Reihen von Kleidung. Die Auswahl war erstaunlich groß. Sie fuhr mit den Fingern über robuste Lederjacken, schwere Umhänge und leichte Stoffkleidung für wärmere Gegenden. Schließlich entschied sie sich für eine braune Hose aus widerstandsfähigem Material, die eng genug saß, um Bewegungsfreiheit zu ermöglichen, aber nicht einengend war. Dazu wählte sie eine grüne Bluse mit hochgekrempelten Ärmeln – praktisch, schlicht und dennoch elegant, sowie braune Lederhandschuhe. Ein Gürtel mit mehreren kleinen Taschen für Münzen und Werkzeuge vervollständigte die Ausstattung, ebenso wie eine robuste Ledertasche, die sie über die Schulter tragen konnte. Zufrieden trat sie zurück zur Theke. Der Händler musterte sie mit einem anerkennenden Blick, bevor er nickte. „Gute Wahl. Sie sehen aus wie jemand, der viel unterwegs ist.“ Leyla grinste. „Das trifft es ziemlich genau.“ Er rechnete den Preis aus. „Vier Silber und drei Kupfer.“ Nicht billig, aber eine notwendige Investition. Sie griff nach ihrem Geldbeutel, bezahlte und nahm ihre neuen Sachen entgegen. „Danke“, sagte sie noch einmal, bevor sie den Laden verließ. Als sie wieder auf der Straße stand, atmete sie tief durch. - ------------------------------------------------------------------------- Fröhlich summend ließ Leyla die Stadt Inhantes hinter sich. Die Sonne stand hoch am Himmel und tauchte die weiten Felder und sanften Hügel vor ihr in goldenes Licht. Sie atmete tief durch, genoss die Freiheit, die mit jedem Schritt mehr erfüllte. Der Lärm der Stadt, das geschäftige Treiben der Händler und Reisenden, verblasste allmählich hinter ihr. Bevor sie aufgebrochen war, hatte sie sich noch mit ein paar wichtigen Dingen eingedeckt: ein zuverlässiger Taschendrache für kühle Nächte, ein neuer Schlafsack, dicker und wärmer als ihr alter und ein robuster Kompass, dessen Nadel sie sicher durch unbekannte Gebiete leiten würde. Doch das wertvollste Stück ihrer neuen Ausrüstung war die Kette, die nun an ihrem Hals baumelte. Ein feines Silberband, an dem ein schlichter Stein hing, in den ein K-Kreuz eingraviert war – das Symbol der Kirche Kameras.  Der Stein funkelte im Sonnenlicht, und Leyla konnte sich ein amüsiertes Schmunzeln nicht verkneifen. Sie war keine Gläubige, im Gegenteil, doch diese Kette war mehr als bloßer Schmuck. Sie war ein Schlüssel, ein Werkzeug für ihre Tarnung, ein weiteres Detail, das sie in den Augen anderer Menschen zu jemandem machte, der sie nicht war. Je weiter sie sich von Inhantes entfernte, desto lebendiger fühlte sie sich. Die Straßen vor der Stadt waren voller Karren und Reisender, die lautstark miteinander plauderten. Doch Leyla war nicht in der Stimmung für Gesellschaft. Sie bog früh von der Hauptstraße ab und schlug einen schmalen Trampelpfad über die Hügel ein. Hier, in der unberührten Natur, konnte sie ihren Gedanken freien Lauf lassen. Doch die Ruhe währte nicht lange. Am Horizont, auf einem anderen Pfad, bewegten sich zwei Gestalten in Richtung Westen. Leyla kniff die Augen zusammen, um sie besser zu erkennen. Der eine war ein hochgewachsener Mann mit schlichter Abenteurerkleidung und einem Schwert an der Hüfte. Sein blondes Haar schimmerte in der Sonne, glatt und ordentlich, als hätte er gerade erst ein Bad genommen. Doch es war der andere, der ihre Aufmerksamkeit fesselte. Ein Vishap mit dunklen, fast schwarzen Schuppen, deren Oberfläche bei jeder Bewegung in einem tiefen Grün schimmerte. Die kräftige Statur, die Art, sich zu bewegen – Leyla kannte ihn. Theol. Ihr Herz machte einen kleinen Sprung. Erinnerungen schossen ihr durch den Kopf – lange Nächte in Malyl, Gespräche über die Welt, über Kämpfe, Verluste und Träume. Theol war immer ein guter Zuhörer gewesen, ruhig und nachdenklich, aber mit einer versteckten Wärme, die sich nur zeigte, wenn man ihn wirklich kannte. Er hatte nie viele Fragen gestellt, aber wenn er sprach, dann mit Bedacht. Ein schelmisches Lächeln huschte über Leylas Gesicht. Würde er sie erkennen? Sie sah nicht mehr aus wie die Frau, die er damals in Malyl kennengelernt hatte. Ihr Haar war nicht mehr blau, sondern in ein auffälliges Magenta getaucht. Ihre Kleidung war unauffällig, praktisch, und weit entfernt von der oft schwarzen Garderobe, die sie als Abenteurerin getragen hatte. Und die Kette, die sie um den Hals trug, war das perfekte Detail, um eine völlig neue Identität zu formen. Die Versuchung war einfach zu groß. Leyla setzte einen schnelleren Schritt an, näherte sich den beiden von der Seite und rief mit einer Stimme, die sie bewusst etwas heller und freundlicher klingen ließ: „Hey, ihr beiden! Wartet mal einen Moment!“ Beide Männer drehten sich um. Theols Augen musterten sie mit ruhiger, prüfender Miene, während sein Begleiter sie mit einer Mischung aus Neugier und Vorsicht betrachtete. Leyla hielt den Atem an. Würde er sie durchschauen?

  • Kapitel 140 - Die Blätterlosen

    Jevry Tanmer war ein junger Mann, geboren in einem wohlhabenden Vorort von Anjen, jener geschäftigen Hafenstadt, die genau zwischen Welldyl und Inhantes lag. Seine Familie hatte für ihn eine klare Zukunft vor Augen – eine Laufbahn als angesehener Gelehrter.  Schon früh wurde er auf die besten Schulen geschickt, wo er die Wissenschaften der Natur studierte: Pflanzenkunde, Monsterlogie, Mathematik. Bücher, Formeln, Theorien – sie alle wurden ihm mit strenger Disziplin eingetrichtert. Doch so sehr er sich auch bemühte, so viel er auch lernte, er fühlte sich nie wirklich dazugehörig. Jevry war groß, breit gebaut und kräftig – ein junger Mann mit der Statur eines Kriegers inmitten einer Umgebung aus zerbrechlichen Intellektuellen. Seine Lehrer lobten seine Fortschritte, aber in den Gesichtern seiner Mitschüler las er nur Ablehnung. Manche fürchteten ihn, weil er anders war, andere mieden ihn, weil es ihre Eltern so wollten. Ein Außenseiter unter denen, die sich selbst für die klügsten Köpfe ihrer Generation hielten. Doch Jevry ließ sich nicht unterkriegen. Heimlich begann er zu trainieren, ohne das Wissen seiner Eltern oder Lehrer. Nachts, wenn die Lichter in der Stadt erloschen waren, versuchte er sich am Schwertkampf. Doch seine Bewegungen waren zu ungelenk, seine Schläge zu plump. Er probierte das Bogenschießen, doch ihm fehlten Geduld und Präzision. Magisches Talent hatte er ebenfalls keins – der Funke, der in vielen seiner Mitschüler brannte, blieb ihm verwehrt. Es war, als wäre er nirgends willkommen. Dann, an einem heißen Sommertag, als er gerade sechzehn geworden war, änderte sich alles. Seine Studienklasse unternahm eine Exkursion ins Südmoor, ein weitläufiges Waldgebiet, das Anjen wie ein grüner Gürtel umgab. Die Luft war drückend, der Boden feucht, und das Summen von Insekten erfüllte die Stille. Dann kam der Angriff. Ein Stahlbär, ein monströses Raubtier mit dunklem Fell und tödlichen Klauen, brach aus dem Dickicht hervor. Die Schüler erstarrten vor Angst, ihre Bücher und Schriftrollen fielen klatschend in den Matsch. Ein Schrei gellte durch die Luft – jemand stolperte, jemand weinte. Der Bär bewegte sich auf sie zu, sein hungriger Blick suchte ein Ziel. Jevry handelte instinktiv. Noch bevor er selbst verstand, was er tat, stellte er sich zwischen die Bestie und seine Mitschüler – jene, die ihn seit Jahren ignorierten, belächelten, verspotteten. Er griff nach dem nächstbesten Ast, schwang ihn wie eine Keule und schrie aus vollem Hals. Der Kampf war brutal. Der Bär war übermächtig, seine Pranken schnitten durch Jevrys Fleisch, doch Jevry wich nicht zurück. Er rammte den Ast in die Schnauze der Bestie, wich aus, blockte mit bloßen Händen – hielt den Bären so lange auf, bis die Wachen eintrafen. Er überlebte. Doch seine Mitschüler dankten ihm nicht. Niemand sprach ihn an, niemand sagte auch nur ein Wort. Als er blutend auf einer Trage zurück nach Anjen gebracht wurde, senkten sie nur die Blicke. Doch für Jevry war das egal. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er eine Antwort gefunden. Er war nicht dazu geboren, Formeln zu entschlüsseln oder Theorien zu analysieren. Er war dazu geboren, zu schützen. Nach seiner Genesung kehrte er nicht nach Hause zurück. Er verließ Anjen, verließ das Leben, das seine Familie für ihn geplant hatte. Er würde kein Gelehrter sein, kein angesehener Mann in den Hallen der Weisheit. Stattdessen wollte er ein Schild für die Schutzlosen sein. In einer einsamen Nacht schlich er sich in eine Schmiede und stahl einen Turmschild – eine prachtvolles, magisches Artefakt, das mit mächtigen Runen durchzogen war. Sie verlieh ihm eine einzigartige Fähigkeit: Solange er den Schild hielt, wurde seine Haut so hart wie Stahl. Ein Schild aus Fleisch und Knochen. Monate vergingen. Jevry zog durch das Land, lernte zu kämpfen, lernte, sich selbst zu verteidigen. Er war noch unerfahren, seine Technik roh, doch seine Entschlossenheit war unerschütterlich. Immer wieder stellte er sich Banditen, Wildtieren, Monstern – und jedes Mal verließ er den Kampf stärker, als er ihn begonnen hatte. Dann, an einem regnerischen Abend, kreuzte er ihren Weg. Alexandra. - ------------------------------------------------------------------------- Karst wuchs in den Armenvierteln der Kaiserstadt auf – einem Ort, an dem Hoffnung ein seltenes Gut war und Träume oft in der Gosse erstickten. Seine Eltern kannte er nicht. Vielleicht hatten sie ihn verlassen, vielleicht waren sie gestorben. Es spielte keine Rolle, denn die Stadt nahm keine Rücksicht auf verlorene Kinder. Sie verschluckte sie, brach sie, ließ sie verschwinden. Die einzige, die sich um ihn kümmerte, war eine alte, obdachlose Frau. Sie war schwach, gebrechlich, doch sie teilte mit ihm, was sie hatte – ein hartes Stück Brot, eine dünne Decke für kalte Nächte, ein paar Geschichten aus einer Zeit, als die Welt vielleicht freundlicher gewesen war. Sie war alles, was Karst hatte. Und dann starb sie, wie es in den Straßen der Kaiserstadt üblich war: still und unbeachtet. Plötzlich war er allein. Ein Kind ohne Schutz, ohne Namen, ohne Bedeutung. Doch Karst ließ sich nicht unterkriegen. Er wurde ein Schatten in den Gassen der Kaiserstadt. Er lernte zu stehlen, zuerst nur Essen aus den Ständen der Händler, dann Münzen aus den Taschen der Unachtsamen. Er war schnell, geschickt und unsichtbar – genau das, was man sein musste, um in dieser Stadt zu überleben. Doch irgendwann reichte das nicht mehr. Er wurde älter, größer, und das bedeutete, dass er auffiel. Also begann er, mit anderen Waisen zu arbeiten, kleine Banden bildeten sich, aus Kindern, die nichts hatten, außer dem Willen zu überleben. Aber kam der erste Raubüberfall. Ein Adliger, reich gekleidet, in den dunklen Straßen der Kaiserstadt unterwegs. Sie wollten nur seinen Beutel, vielleicht seinen Mantel. Doch die Situation eskalierte. Ein Messer blitzte auf, es gab einen Schrei, und plötzlich lag der Mann reglos am Boden. Blut sickerte zwischen den Pflastersteinen hindurch, und Karst wusste, dass es kein Zurück gab. Panik ergriff ihn. Die anderen flohen, doch Karst blieb für einen Moment stehen, als könnte er die Realität mit bloßer Willenskraft ändern. Doch dann kamen Schritte, Rufe – und er rannte. Er wusste nicht, wie viel Aufsehen der Tod eines Adligen erregen würde, doch er stellte sich bereits vor, wie Yang seine Spur aufnahm. Yang, die Frau, die jeden zur Strecke bringen konnte – ganz gleich, wer er war oder wo er sich versteckte. Karst wusste, dass er nicht warten konnte, um herauszufinden, ob er wirklich gejagt wurde. Also floh er. Süden. Immer weiter nach Süden. Die Tage wurden zu Wochen, die Wochen zu Monaten, die Monate zu Jahren. Er lernte, in der Wildnis zu überleben. Während andere sich am Feuer der Stadt wärmten, schlief er in kalten Höhlen. Während andere in Tavernen tranken, trank er aus Flüssen. Er baute sich einen Bogen, schärfte seine Pfeile an Steinen und jagte sein eigenes Essen. Tiere zu erlegen wurde für ihn mehr als nur eine Notwendigkeit – es war ein Beweis dafür, dass er stark genug war, um zu leben. Aber er war allein. Er hatte es sich nicht ausgesucht, er hatte es nicht gewollt. Doch es war geschehen. Ohne es zu merken, zog es ihn immer weiter nach Süden, bis die Luft wärmer wurde, die Wälder dichter und die Nächte nicht mehr so bitterkalt. Und doch blieb das Gefühl, dass etwas fehlte. Er konnte nicht sagen, was es war – ein Ziel? Ein Grund? Eine Antwort auf eine Frage, die er nie gestellt hatte? Dann, an einem sonnigen Nachmittag, traf er sie. Die Frau, die ihn mit ihrem Lächeln verzauberte. Alexandra. - ------------------------------------------------------------------------- Betty de la Costa war von Geburt an ein gesegnetes Kind – geboren in die wohlhabendste Familie der Heiligen Stadt Karintes, aufgezogen in einer Welt aus Gold und Elfenbein. Ihr erstes Lächeln wurde von den Priestern als göttliches Zeichen interpretiert, ihre ersten Schritte mit gesegneter Erde bestreut. Sie war das strahlende Symbol eines makellosen Lebens, die perfekte Tochter, die makellose Gläubige. Ihre Taufe war ein Spektakel, das in der Heiligen Stadt seinesgleichen suchte. Der Erzbischof Feldbaum höchstpersönlich führte das Ritual durch, während sich die versammelten Gläubigen vor der kleinen Betty verneigten, als wäre sie eine Heilige. Schon früh wurde sie als Wunderkind gepriesen – mit außergewöhnlicher Schönheit, einem messerscharfen Verstand und einer Gabe für Magie gesegnet. Die Priester sahen in ihr eine Auserwählte, die Lehrer verehrten sie als perfekte Schülerin, und ihre Eltern sahen in ihr die Zukunft der Familie de la Costa. In der Kirche Kameras erhielt Betty eine Ausbildung zur Klerikerin – nicht nur eine Frau des Glaubens, sondern eine Kriegerin des Lichts, eine, die mit ihrer Magie für Kamera einstehen würde. Sie lernte die heiligen Schriften auswendig, vollzog Rituale mit makelloser Präzision und heilte mit einer Sanftheit, die beinahe übernatürlich schien. Doch obwohl sie von Ehrgeiz und Disziplin umgeben war, blieb Betty stets bescheiden. Ihr schüchternes Lächeln und ihre aufrichtige Freundlichkeit machten sie zur Lieblingstochter der Stadt. Die Männer priesen sie als die reinste Seele des Kaiserreichs, die Frauen beneideten und bewunderten sie zugleich. Sie war ein leuchtendes Ideal, eine Ikone des Glaubens. Doch in Bettys Herzen war nur ein einziger Wunsch: den Menschen helfen, den kameristischen Glauben verbreiten, jenseits der steinernen Mauern Karintes. Doch dann geschah es. Eines Abends, als sie durch die langen, mit Kerzen beleuchteten Gänge des Familienanwesens schritt, blieb sie vor der Bibliothek stehen. Leise Stimmen drangen durch die Tür – die Stimme ihres Vaters, ruhig und bestimmt, und die Stimme eines Priesters, ehrerbietig und doch mit einem Hauch von Angst. Neugierig trat Betty näher, lauschte dem Gespräch – und das, was sie hörte, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Bestechungen. Schutzgelder. Die Folter von Ungläubigen. Und es wurde nicht in Wut oder Scham besprochen. Nein, es wurde mit der Routine eines Geschäftsgesprächs diskutiert. Das war nicht der Kamerismus, den sie liebte. Nicht der Glaube, den sie in ihrem Herzen trug. Es war, als wäre der Boden unter ihren Füßen weggerissen worden. Die Kirche, die sie immer als reinen Hort des Guten gesehen hatte, war nichts weiter als ein Netz aus Korruption und Lügen. Und ihr eigener Vater, den sie als frommen, gerechten Mann angesehen hatte, war tief in diesen Machenschaften verstrickt. Sie konnte nicht bleiben. Am nächsten Morgen bat Betty ihren Vater, sie auf eine Pilgerreise zu schicken. Sie sprach von dem Wunsch, sich Kamera zu nähern, von dem Ruf, der sie hinaus in die Welt zog. Ihr Vater war zunächst skeptisch – doch schließlich gab er nach. Und so verließ Betty Karintes, mit einem Schiff, das sie auf eine Reise führte, die sie sich niemals hätte erträumen können. Sie reiste über Welldyl, durch das tropische Evigane, zu den blühenden Märkten von Anjen. Sie sah Elend und Ungerechtigkeit, aber auch Menschlichkeit und Güte. Ihre Überzeugungen wandelten sich, formten sich neu – nicht mehr die blinde Anbetung einer Institution, sondern der echte, aufrichtige Glaube an das Gute im Menschen. Und schließlich erreichte sie Inhantes. Die Stadt war ein Mosaik aus Stimmen, Kulturen und Möglichkeiten. Betty wusste, dass sie hier einen neuen Weg finden musste. Dass sie nicht allein kämpfen konnte. Und dann, an einem heißen Nachmittag in den belebten Straßen Inhantes’, traf sie auf eine Frau, die ihr Leben verändern sollte. Alexandra. - ------------------------------------------------------------------------- Alexandra Lemyllion wurde als jüngste Tochter einer angesehenen Elfenfamilie im Herzen des Grünwaldes geboren, einem uralten, fast magischen Wald im Südwesten des Kontinents. Die hochgewachsenen Bäume, deren Blätter selbst im tiefsten Winter grün blieben, umgaben sie seit ihrer Geburt, wurden zu ihrem Zuhause, zu ihrem Zufluchtsort und schließlich zu ihrer ersten Lehrmeisterin. Doch ihre Kindheit war nicht von der Wärme elterlicher Fürsorge geprägt. Ihre Eltern, hoch angesehene Gelehrte und Berater des Elfenrates des Waldes, hatten wenig Zeit für ihre jüngste Tochter. Alexandra wuchs in den Schatten ihrer älteren Geschwister auf, von denen jeder eine Rolle in der elfischen Gesellschaft zu erfüllen hatte – ein Schicksal, das auch ihr bestimmt war. Doch sie war anders. Sie wollte nicht in die Fußstapfen ihrer Familie treten. Sie wollte mehr als das. Ihre einzige wahre Bezugsperson war ihre Großmutter, eine weise Frau mit funkelnden Augen, die so viele Geschichten in sich trugen wie der Wald, der sie umgab. Es war ihre Großmutter, die Alexandra alles beibrachte, was sie über die Welt wissen musste – über Magie, über die Mythen und Legenden des Kaiserreichs, über die uralten Gesetze des Waldes. Sie lehrte sie, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und Menschen nicht nach ihrer Herkunft oder ihrem Blut zu beurteilen, sondern nach ihrem Herzen und ihren Taten. Ihr älterer Bruder, Helovas, war es, der ihr den Schwertkampf beibrachte. In jeder freien Minute trainierten sie zusammen, und Alexandra entdeckte eine Leidenschaft, die tiefer ging als alles, was sie je gespürt hatte. Das Schwert wurde ein Teil von ihr – es war nicht nur eine Waffe, sondern eine Verlängerung ihres eigenen Willens. Sie suchte den Kampf, nicht aus Blutlust, sondern aus dem Wunsch heraus, sich selbst zu verbessern, neue Herausforderungen zu finden, stärker zu werden. Und dann kam der Tag, an dem sich alles änderte. Ein Reisender aus dem Kaiserreich fand seinen Weg in den Grünwald. Er war ein einfacher Abenteurer, ein Mann ohne Rang oder Titel, doch seine Geschichten faszinierten Alexandra mehr als jedes Buch, das sie je gelesen hatte. Er erzählte von den Gilden, die überall in der Welt existierten, von Helden, die Monster erschlugen, von Abenteurern, die sich dem Unbekannten stellten und mit Ruhm und Geschichten heimkehrten. Alexandra hing an seinen Lippen, nahm jedes seiner Worte auf wie eine Pflanze das Licht der Sonne. Und als er den Grünwald wieder verließ, wusste sie eines mit absoluter Gewissheit: Sie würde ihre eigene Abenteurergilde gründen. Doch mit wem? Und wo? So begann ihre Reise. Sie verließ den Grünwald und zog durch den Süden des Kontinents, von den weiten Ebenen von Inhantes bis zu den Sümpfen von Welldyl. Sie begegnete vielen Menschen, hörte ihre Geschichten, sah ihre Stärken, aber auch ihre Schwächen. Und schließlich fand sie die Gefährten, die mit ihr dieses neue Kapitel aufschlagen würden. Als Erstes traf sie auf Jevry Tanmer, einen stämmigen Mann mit breiten Schultern und einem uralten Turmschild, dessen Oberfläche von roten Runen durchzogen war. Er war ein Krieger, wie sie ihn noch nie zuvor gesehen hatte – nicht elegant, sondern standhaft wie ein Berg. Alexandra sah die Entschlossenheit in seinen Augen, die unbeirrbare Loyalität, mit der er verteidigte. Sie unterhielten sich lange, über ihre Ziele, ihre Träume – und schließlich wusste sie, dass er der Erste sein würde, den sie in ihre zukünftige Gilde aufnahm. Zusammen reisten sie weiter, bis sie Karst fanden. Ein Waldläufer, ein Einzelgänger, dessen Pfeile präziser waren als jeder Dolch. Sein Blick war scharf, seine Haltung wachsam – und doch war da eine Dunkelheit in ihm, eine Vergangenheit, die er nicht teilte. Alexandra spürte, dass er nach einem Platz in dieser Welt suchte, genau wie sie selbst. Und obwohl sie zögerte, obwohl seine Geschichte sie abschreckte, entschied sie sich, ihm eine Chance zu geben. Die letzte war die größte Überraschung – Betty de la Costa, eine Klerikerin aus Karintes, dem Zentrum des kameristischen Glaubens. Betty war sanftmütig, freundlich, doch hinter ihrem sanften Lächeln verbarg sich eine tiefere Wahrheit – Zweifel. Sie hatte die Kirche verlassen, um ihren eigenen Weg zu finden, um herauszufinden, was es wirklich bedeutete, Gutes zu tun. Alexandra verstand sie nicht ganz – sie teilte Bettys Glauben nicht – doch sie wusste, dass sie etwas Einzigartiges war. Etwas, das ihrer Gruppe noch fehlte. Und so war ihre Gilde geboren. Mit Alexandra als Anführerin, Jevry als standhaftem Schild, Karst als lautlosem Jäger und Betty als heilender Klerikerin hatten sie alles, was sie brauchten. - ------------------------------------------------------------------------- Alexandra, Karst, Jevry und Betty saßen im warmen Schein des Lagerfeuers, nur wenige Kilometer von Inhantes entfernt – ihrem Ziel. Der Herbst hatte das Kaiserreich in seinen kühlen Griff genommen, und die Luft roch nach feuchtem Laub, Erde und dem nahenden Winter. Über ihnen raschelten die goldenen, roten und bronzefarbenen Blätter im Wind, einige tanzten lautlos zu Boden und legten sich wie ein sanfter Teppich über die Wurzeln der uralten Bäume. Über dem flackernden Feuer drehte sich langsam ein von Karst frisch erlegter Eber, dessen Fleisch brutzelte und einen köstlichen Duft verbreitete. Das leise Knistern des Feuers, das gelegentliche Knacken der Holzscheite und das entfernte Heulen eines Wolfs in der Ferne waren die einzigen Geräusche in der Stille der Nacht. Alexandra ließ ihren Blick über die Gesichter ihrer Gefährten schweifen. In den letzten Monaten waren sie zusammengewachsen – aus Fremden waren Verbündete, aus Verbündeten waren Freunde geworden. Sie hatten zusammen gekämpft, gelacht, geteilt. Und jetzt, an der Schwelle zu ihrer Zukunft, fühlte Alexandra zum ersten Mal, dass sie etwas gefunden hatte, wonach sie immer gesucht hatte: eine Familie, die sie sich selbst ausgesucht hatte. Doch eines fehlte noch. „Wir brauchen einen Namen“, sagte sie plötzlich, ihre Stimme durchbrach das leise Knistern der Flammen. Sie sprach mit der Entschlossenheit einer Anführerin, aber in ihren Augen lag Wärme. „Jede Gilde hat einen Namen. Und wir… wir sind jetzt eine Gilde.“ Betty, die wie immer dicht neben ihr saß und die Hände um einen dampfenden Becher Tee geschlungen hatte, hob den Kopf. Ihr goldblondes Haar fiel ihr ins Gesicht, doch ihre sanften Augen funkelten im Licht des Feuers. „Ich finde, es sollte ein Name mit Bedeutung sein“, sagte sie leise, fast zögerlich. Alexandra lächelte und tätschelte ihr sanft den Kopf. „Da hast du Recht, Betty.“ „Tch“, kam es von Karst, der gierig an einem Stück Fleisch kaute. Erst als Alexandra ihm einen genervten Blick zuwarf, legte er es widerwillig zur Seite. Er lehnte sich zurück, verschränkte die Arme und murmelte nachdenklich: „Es sollte was sein, das uns beschreibt. Etwas, das nicht übertrieben heroisch klingt, aber auch nicht langweilig.“ „Jevry?“ Alexandra wandte sich an den stämmigen Krieger, dessen massive Gestalt fast mit der Dunkelheit des Waldes verschmolz. Er saß ruhig da, die Stirn in Falten gelegt, und beobachtete nachdenklich das Blätterdach über ihnen. Auch wenn er die Zeit in der Ausbildung zum Gelehrten nicht genossen hatte, so hatte er eine Menge gelernt. „Seht euch den Wald an“, sagte er schließlich, seine Stimme ruhig, aber voller Bedeutung. „Die ersten Blätter fallen von den Bäumen.“ Er deutete auf einige junge Bäume am Rand ihrer Lichtung, deren Äste bereits kahl waren, während die älteren, größeren noch einen Teil ihres Laubs trugen. „Die jungen Bäume verlieren ihre Blätter zuerst, während die Älteren ihre noch festhalten. Und doch… obwohl die Jungen kahl sind, stehen sie weiter, trotzen Wind und Wetter.“ Er stocherte mit einem Ast in der Holzkohle des Feuers. „So sind wir auch. Jung. Noch ohne große Geschichten, noch ohne Ruhm. Aber wir bleiben standhaft. Wir fallen nicht.“ Stille trat ein. Alexandra ließ Jevrys Worte auf sich wirken. Das Bild, das er gezeichnet hatte, war kraftvoll. Ein Symbol für ihre Entschlossenheit, ihre Standhaftigkeit, ihren Willen, die Zukunft mit eigenen Händen zu formen. Sie richtete sich auf, ihr Blick wanderte über ihre Freunde, die sie erwartungsvoll ansahen. „Was haltet ihr von ‚Die Blätterlosen‘?“ Ihre Stimme war ruhig, aber in ihrem Inneren loderte ein Feuer. „Wir haben noch keine Geschichten, aber wir werden sie gemeinsam schreiben.“ Jevry nickte zufrieden, während Karst mit den Schultern zuckte. „Klingt gut“, murmelte er, bevor er wieder nach einem Stück Fleisch griff. Betty lächelte sanft, schmiegte sich näher an Alexandras Seite und murmelte: „Das gefällt mir.“ Und so wurde der Name geboren – nicht aus Ruhm, nicht aus Macht, sondern aus Entschlossenheit, aus einem Versprechen an die Zukunft. Die Blätterlosen waren bereit, ihre Geschichte zu schreiben. Zusammen.

  • Kapitel 139 - Angekommen im Land der Oni

    Ark V - Was ist Frieden? Endlich hatte Jamall wieder festen Boden unter den Füßen. Drei lange Monate hatte er auf dem Meer verbracht, von Welldyl bis nach Malheim, drei endlose Monate, in denen er, abgesehen von einer eintägigen Rast in Evigane, kaum zur Ruhe gekommen war. Das Leben auf dem Wasser war ihm fremd geblieben – es war, als hätte die See ihn nie wirklich willkommen geheißen. Die unaufhörliche Bewegung des Schiffes, das salzige Wasser, das selbst in die Nähte seiner Kleidung kroch, und das monotone Rauschen der Wellen hatten ihn erschöpft, seine Sinne ermüdet, seine Gedanken unruhig gemacht. Jetzt, da er festen Boden spürte, ließ er die Schultern sinken, atmete tief ein und sog die frische, erdige Luft in sich auf. Der Duft von feuchtem Moos und alten Bäumen füllte seine Lungen. Hinter dem kleinen Hafendorf erstreckte sich ein dichter Wald, dessen hohe Bäume sich schützend aneinanderdrängten, als wollten sie Eindringlinge von ihrem Reich fernhalten. Die mächtigen Äste und das dichte Laub bildeten ein perfektes Dach, einen Rückzugsort, an dem er endlich in Ruhe schlafen konnte – und Bournadette ebenso. ,,GRUO!’’ Ein lautes Brummen ließ Jamall grinsen. Bruno, sein treuer Begleiter, tappte unruhig auf seinen massiven Pranken umher. Der silberne Halbdrache – groß wie zwei ausgewachsene Pferde – reckte den muskulösen Hals und blähte die Nasenlöcher, als wolle er jeden einzelnen Geruch dieser neuen Umgebung in sich aufnehmen. Seine dichten, silbernen Schuppen schimmerten im Licht der untergehenden Sonne, als hätten sie die Strahlen selbst eingefangen. In seinen Augen spiegelte sich ein Funkeln reiner Freude. Jamall strich dem Halbdrachen mit einer vertrauten Geste über den Kopf, spürte die Wärme des kräftigen Körpers unter seinen Fingern. „Ja, Bruno, wir sind endlich da“, murmelte er, seine Stimme rau von der langen Reise, aber voller Erleichterung. „Aber wir sind noch nicht am Ziel.“ Er richtete den Blick nach vorne, dorthin, wo sich in der Ferne, kaum sichtbar zwischen den Bäumen, die Spitze des Turms des Weisen erhob. Sie ragte wie ein heller Finger in den Himmel, ein stummer Wächter, der auf ihn wartete. Bald war es ein Jahr her, seit er zu dieser Reise aufgebrochen war. Ein Jahr voller Gefahren, Prüfungen und unerwarteter Begegnungen. Doch noch war es nicht vorbei. Noch hatte er den Turm nicht erreicht. Noch hatte er nicht gefunden, wonach er suchte. - ------------------------------------------------------------------------- „Und hepp!“ rief Jamall, als er sich mit einem kräftigen Schwung auf den dicken Ast zog, den Bournadette als Schlafplatz auserkoren hatte. Seine Finger gruben sich in die raue Rinde, sein Körper spannte sich, als er sich über die Kante hievte. Mit einem letzten Ruck landete er neben ihr und ließ sich nieder. Zwanzig Meter unter ihnen, am mit Gras und weichem Moos bedeckten Waldboden, streckte sich Bruno aus, seine mächtigen Pranken in die Erde gedrückt. Der Halbdrache schnaubte leise, zufrieden darüber, endlich wieder festen Boden unter sich zu haben. Die Äste hier oben hätten sein Gewicht niemals getragen, doch das störte ihn nicht – Bruno schlief ohnehin lieber mit den Sternen über und der Erde unter sich. Jamall grinste und sah zu Bournadette, die neben ihm saß, ihre Haltung entspannt, aber dennoch wachsam. Ihre Augen huschten über das dichte Blätterdach, das über ihnen raschelte. Die warmen Farbtöne der untergehenden Sonne tanzten auf ihrem hellen Haar, das locker über ihre Schulter fiel. „Es ist schon ein ganz anderes Gefühl, wenn man an Land schläft, oder?“ sagte er, während er seinen Schlafsack ausrollte. Bournadette nickte, ohne ihn anzusehen. „Ja. Obwohl mich das Leben auf dem Schiff nicht gestört hat, fühlt es sich hier… natürlicher an.“ Sie lehnte sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Jamall ließ sich neben ihr nieder, spürte das sanfte Schwanken des Astes unter ihrem Gewicht. Die Stille des Waldes legte sich über sie, nur unterbrochen vom gelegentlichen Rauschen des Windes und dem fernen Zirpen der Insekten. Sie waren weit gereist. Drei Monate auf dem Meer, drei Monate voller Strapazen, voller Planung und Gedanken an das, was noch vor ihnen lag. Jetzt waren sie nur noch wenige Tage, vielleicht eine Woche, vom Turm des Weisen entfernt. Das Ziel ihrer Reise war klar. Leyla musste sterben. Für Bournadette war es Rache. Kronprinz Eugenius war tot, und Leyla trug die Schuld daran. Die einst gefürchtete zweite Kaiserliche Kopfgeldjägerin hatte sich vom Kaiserreich losgesagt, hatte ihre Loyalität hinter sich gelassen, nur um diesen einen Tod zu sühnen. Doch das machte sie zur Hochverräterin. Aus den Reihen der Kaiserlichen Kopfgeldjäger nach ihrem Regelbruch ausgestoßen, war sie nun selbst eine Gejagte. Für Jamall war es mehr als nur Rache. Es war eine Frage der Existenz. Leyla besaß eine Fähigkeit, die er nicht akzeptieren konnte. Eine Macht, die sie unantastbar machte – die es ihr erlaubte, ihren eigenen Tod auf andere zu übertragen. Sie konnte nicht mit gewöhnlichen Waffen getötet werden, nicht mit Magie, nicht mit Schwert oder Pfeil. Ihr Tod wurde zu dem eines anderen, eine grausame und perverse Umkehrung des natürlichen Gesetzes. Doch Jamall kannte eine Waffe. Eine Klinge, die sie endgültig richten konnte. Das Schwert der fünf Monde. Genau deshalb waren sie hier, in der Oni-Republik Heim. Sie würden den Turm des Weisen erreichen, sich die Antworten beschaffen, die sie brauchten. Und dann – dann würde Leyla fallen. Bournadette drehte sich auf die Seite, stützte den Kopf auf eine Hand und sah Jamall an. Ihre Stimme war leise, fast beiläufig, als sie fragte: „Was glaubst du, was Leyla jetzt macht? Wie oft sie wohl schon gestorben ist, seit du sie in Welldyl getroffen hast?“ Jamall presste die Lippen aufeinander. Er wollte es sich nicht vorstellen. - ------------------------------------------------------------------------- Müde streckte sich Jamall, als die ersten Sonnenstrahlen durch das dichte Blätterdach des Waldes fielen. Die kühle Morgenluft kitzelte seine Haut, während er gähnend die Arme hinter den Kopf legte. Nach drei Monaten auf dem schier endlosen Meer war dieser Schlaf im Schutz des Waldes eine wahre Wohltat gewesen. Kein beständiges Schaukeln, keine dröhnenden Wellen, kein salziger Wind, der ihm das Gesicht peitschte – nur weiches Moos unter seinem Körper und das beruhigende Rauschen der Blätter über ihm. Er atmete tief ein. Der Geruch von feuchtem Laub und frischer Erde füllte seine Lungen, vermischt mit dem leichten, harzigen Duft der Bäume. Hier, in den Wäldern der Oni-Republik Heim, herrschte noch ein milder Herbst, während im Kaiserreich längst der Winter seinen eisigen Griff ausbreitete. Neben ihm lag Bournadette noch in tiefem Schlaf, ihre gleichmäßigen Atemzüge ein sanfter Rhythmus in der morgendlichen Stille. Ihr Gesicht wirkte entspannt, fast friedlich – ein seltener Ausdruck für sie. Jamall wusste, dass sie sich nur selten diese Art von Ruhe gönnte. Er musterte sie für einen Moment und entschied dann, sie nicht zu wecken. Behutsam setzte er sich auf, streckte seine Muskeln, bevor er langsam die raue Rinde des Baumes hinabkletterte. Seine Bewegungen waren geschmeidig, lautlos. Kaum hatte er den Boden erreicht, erklang ein tiefes Brummen. ,,GRAO!’’ Bruno hob den Kopf, schüttelte sich und schnaubte zufrieden, als er Jamall sah. Der silberne Halbdrache streckte sich ausgiebig, bevor er mit seinen riesigen Pranken eine Spur in den feuchten Waldboden ritzte. Sein langer Schwanz wedelte leicht, und seine funkelnden Augen ruhten erwartungsvoll auf seinem Gefährten. Jamall grinste, legte einen Finger an die Lippen und zwinkerte Bruno zu. „Shhh, Bournadette schläft noch.“ Bruno neigte den Kopf leicht zur Seite, als würde er überlegen. Dann ließ er sich mit einem tiefen Seufzen wieder ins Gras sinken, schloss demonstrativ die Augen und rollte sich zusammen. Jamall lachte leise. Er nutzte die Gelegenheit für sein Morgentraining – eine Gewohnheit, die er sich während seiner Reisen angeeignet hatte. Während die Welt noch erwachte, konzentrierte er sich auf seinen Körper und Geist. Er begann mit Dehnübungen, ließ seine Muskeln langsam aufwärmen, bevor er zu schnellen, präzisen Bewegungen überging. Sein Schattenkampf war eine Mischung aus geschmeidigen Schlägen, fließenden Tritten und schnellen Drehungen, ein Tanz der Disziplin und Kontrolle. Die Blätter über ihm raschelten leise, und aus dem Augenwinkel bemerkte er eine Bewegung. Bournadette gähnte herzhaft, rieb sich über die Augen und lehnte sich an den Stamm des Baumes. „Du trainierst schon wieder?“ Ihre Stimme klang noch rau vom Schlaf, aber in ihren Augen funkelte Belustigung. Jamall hielt mitten in einer Bewegung inne und grinste. „Morgenroutine.“ Er wusste, dass aus ihrer Perspektive sein Training sinnlos war. Er würde nie zu ihr aufschließen können, egal wie sehr er sich auch anstrengte. Bournadette streckte sich, ihre Gelenke knackten leise. Dann sprang sie mit müheloser Eleganz aus dem Baum. Sie landete neben ihm, federte den Aufprall mit ihren Knien ab und richtete sich mit einem zufriedenen Seufzen auf. „Hast du gut geschlafen?“ fragte er. „Ich schlafe immer gut.“ Sie zuckte mit den Schultern, fuhr sich mit einer Hand durch das zerzauste Haar und sah ihn dann fragend an. „Und du?“ „Besser als auf dem Meer.“ Jamall verzog das Gesicht bei der Erinnerung an die schaukelnden Nächte auf dem Wasser. Er liebte die Freiheit des Reisens, doch die See würde ihm immer fremd bleiben. Bruno, der die Unterhaltung aufmerksam verfolgt hatte, erhob sich träge. Er reckte sich, brummte zustimmend und schüttelte den Morgentau von seinen glänzenden Schuppen. Bournadette sah zu ihm hinüber, dann nickte sie. „Lass uns aufbrechen.“ Jamall zog seinen Rucksack über die Schultern, verstaute seine Sachen und warf einen letzten Blick auf den Schlafplatz der vergangenen Nacht. Noch immer lag eine friedliche Stille über dem Wald, doch sie hatten keine Zeit, sich daran zu erfreuen. Der Turm des Weisen wartete – und mit ihm die Antwort auf die eine Frage, die ihre Reise bestimmte: Wo befand sich die Waffe, mit der man Leyla töten konnte?

  • Kapitel 138 - High Rock

    Der Drachar Yuurio wurde in Drachenkamm geboren, einem abgelegenen Dorf im Herzogtum Randurin, tief im frostigen Norden des Kaiserreichs. Die Welt, in die er hineingeboren wurde, war rau und ungezähmt – eine gefrorene Wildnis aus tiefen Schluchten und uralten Höhlen, verborgen unter einer dichten Schicht aus Schnee und Eis. Der Winter beherrschte das Land mit eiserner Faust, und nur die Stärksten überlebten in dieser erbarmungslosen Umgebung. Drachenkamm lag jenseits der bekannten Handelsrouten, abgeschottet vom Rest der Welt. Hier gab es keine Straßen aus Stein, keine glanzvollen Bauten oder große Märkte – nur schlichte Holzhütten, die sich an die Felsen klammerten, und eine Gemeinschaft von Dracharen, die sich mehr auf ihre eigene Magie als auf die Zivilisation der Menschen verließen. Magie war hier nicht nur ein Werkzeug, sondern ein essenzieller Bestandteil des Lebens. Schon als Kind zeigte Yuurio eine außergewöhnliche Affinität zur Eismagie. Während andere Kinder spielerisch kleine Schneekristalle formten, ließ er bereits mit sechs Jahren gefrorene Wellen über die Oberfläche eines Sees tanzen. Er liebte die Kälte, das sanfte Knirschen von Eis unter seinen Füßen und das Flüstern des Windes, der über die Gletscher fegte. Sein Vater, ein angesehener Eismagier des Dorfes, erkannte schnell, dass in seinem Sohn ein Talent schlummerte, das selbst unter den magiebegabten Dracharen als außergewöhnlich galt. Mit nur neun Jahren wurde Yuurio zur Akademie Engelssee geschickt – der renommiertesten Magieakademie des Kaiserreichs. Es war ein Schock für das Kind, das sein ganzes Leben in der Wildnis verbracht hatte. Die hohen, steinernen Türme der Akademie, die endlosen Bibliotheken voller uralter Folianten und die Disziplin der Gelehrten waren eine völlig neue Welt für ihn. Doch anstatt sich von den strengen Regeln erdrücken zu lassen, blühte er auf. Yuurio erwies sich als Wunderkind. Während andere Schüler Jahre brauchten, um die Grundtechniken der Magie zu meistern, vollbrachte er es in wenigen Monaten. Mit dreizehn Jahren legte er als jüngster Absolvent in der Geschichte der Akademie die Abschlussprüfung ab – und bestand sie makellos. Kein einziger Fehler. Sein Name wurde zur Legende, und der Titel, den er sich selbst gab, wurde bald von allen übernommen: „High Rock“, der Unerschütterliche. Die Nachricht von seinem Talent verbreitete sich wie ein Sturm durch das Kaiserreich und darüber hinaus. Magieakademien aus allen Teilen der Welt boten ihm Plätze an – die Kaiserliche Akademie, in der die Prinzen der Algavia-Dynastie ausgebildet wurden, die Lehrstätten der Tabakinseln, die Gelehrtenklöster von Garnime. Doch Yuurio lehnte sie alle ab. Stattdessen wählte er einen anderen Weg. Er zog in den tiefsten Süden, nach Wyllhär – eine Akademie, die nur den begabtesten Eismagiern offenstand. Ein Ort, an dem Wissen nicht nur gelehrt, sondern bis an die Grenzen des Möglichen erforscht wurde. Achtzehn Jahre lang lebte er in der eisigen Wildnis des Südpols, studierte alte Runen, lernte die uralte Sprache der Eisdrachen und perfektionierte seine Magie, bis er die Grenzen des Erlernbaren erreicht hatte. Mit zweiunddreißig Jahren verließ er Wyllhär – nicht als Schüler, sondern als Meister. Er zog durch die Welt, gründete eine Abenteurergilde in Tripolis und begann, sein Wissen und seine Kraft für jene einzusetzen, die sie brauchten. Wo er auch hinkam, hinterließ er Spuren: Er rettete Dörfer vor Räubern und Monstern, half beim Bau neuer Straßen, schuf Bewässerungssysteme mit seiner Magie und lehrte junge Magier, wie sie ihre Kräfte verantwortungsvoll einsetzen konnten. Doch dann lernte er Tyjah kennen. Die Dracharin aus Arazul, der Hauptstadt des Dracharenkönigreichs Drakia, trat in sein Leben wie ein warmer Sommerwind in einer eisigen Welt. Sie war klug, stark und unabhängig – und als sie sich in einem Kampf gegen eine Wüstenhydra gegenseitig das Leben retteten, wusste Yuurio, dass er gefunden hatte, was ihm all die Jahre gefehlt hatte. Zum ersten Mal in seinem Leben entschied er sich gegen die Rastlosigkeit. Gemeinsam mit Tyjah ließ er sich in einem ruhigen Dorf nieder, fernab von den Schlachten und Intrigen der Welt. Sie gründeten eine Familie, und in seinen vier Kindern fand Yuurio eine neue Art von Magie – eine, die keine Runen oder Formeln brauchte. Die Magie der unendlichen Liebe. Doch auch wenn er ein ruhiges Leben führte, blieb sein Name unvergessen. Junge Magier suchten seinen Rat, Krieger erzählten sich Legenden von „High Rock“, dem mächtigsten Eismagier der westlichen Welt. - ------------------------------------------------------------------------- Mino stolperte durch die Straßen seines Heimatdorfs, sein kleiner Körper bebte vor Angst, Erschöpfung und Kälte. Die Blätter, die sonst wie eine schützende Decke über den Dächern und Wegen lagen, waren schwarz von Asche, die Flammen fraßen sich durch die Holzbalken der Häuser und warfen verzerrte, gespenstische Schatten auf den Boden. Der Geruch von Rauch, verbranntem Fleisch und Blut lag schwer in der Luft, erstickend, alles verschlingend. Überall um ihn herum herrschte Chaos. Dracharen kämpften, schrien, fielen. Einige versuchten zu fliehen, andere versuchten, das Unvermeidliche aufzuhalten. Doch es gab kein Entkommen. Die Schreie der Verwundeten vermischten sich mit dem grausamen Lachen des Angreifers. Minos Herz hämmerte in seiner Brust, als er über einen leblosen Körper stolperte und beinahe hinfiel. Er erkannte das Gesicht – es war ein Nachbar, ein Mann, der ihm einst gezeigt hatte, wie man einen einfachen Zauber zum Kochen von Wasser nutzte. Jetzt lag er mit leeren Augen im Schnee, eine klaffende Wunde an der Brust. Mino unterdrückte ein Schluchzen und zwang sich weiterzulaufen. Er konnte nicht stehenbleiben. Er durfte nicht. Die Worte seines Bruders hallten in seinem Kopf wider, lauter als das Brüllen des Feuers, lauter als der Tod, der hinter ihm her war. „Mino, hole Yuurio! Er ist der Einzige, der sie aufhalten kann!“ Er wusste nicht, wo sein Bruder war. Ob er noch lebte. Doch das spielte keine Rolle. Wenn es noch eine Chance gab, dann lag sie auf dem Tränenberg. Dort, wo „High Rock“ lebte. Seine kleinen Beine brannten vor Anstrengung, sein Atem war ein keuchendes Röcheln, als er die steilen Treppen hinaufrannte, die zum Haus des legendären Magiers führten. Der Pfad war rutschig, die Kälte des Winters biss durch seine dünne Kleidung, aber er ignorierte es. Er konnte nicht aufhören. Hinter ihm krachte ein Dach in sich zusammen, ein erstickter Schrei kam aus seinem Innern, bevor es den Flammen endgültig zum Opfer fiel. Mino stolperte die letzten Stufen hinauf und erreichte endlich die schwere Holztür. Sein Körper war am Ende seiner Kräfte, doch er riss seine kleinen Fäuste hoch und hämmerte gegen das Holz. „Yuurio!“ Seine Stimme war heiser, zitternd voller Verzweiflung. „Bitte, öffne die Tür! Wir brauchen dich! Das Dorf brennt!“ Er schlug weiter, immer wieder, obwohl seine Arme sich anfühlten, als wären sie aus Blei. Die Erschöpfung übermannte ihn, sein Kopf dröhnte, schwarze Flecken tanzten vor seinen Augen. - ------------------------------------------------------------------------- Yuurio spielte gerade mit seiner jüngsten Tochter, als ein verzweifeltes Hämmern gegen die Tür ihn aufschrecken ließ. Er war sofort auf den Beinen, sein Körper reagierte, noch bevor sein Geist die Worte verarbeiten konnte, die durch das Haus hallten: „Yuurio! Bitte, öffne die Tür! Wir brauchen dich! Das Dorf brennt!“ Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Das Dorf brannte? Jetzt, mitten im Winter? Das ergab keinen Sinn. Mit einem schnellen Blick zu seiner Frau Tyjah, die ebenfalls alarmiert aufgesprungen war, eilte Yuurio zur Tür und riss sie auf. Vor ihm kauerte ein kleiner, zitternder Junge, rußverschmiert und mit panischem Blick. „Mino…“ Yuurio erkannte den Jungen sofort, ein Dracharenkind aus dem Dorf. Seine Kleidung war zerrissen, und auf seinen Schuppen haftete Ruß, als hätte er sich durch die brennenden Trümmer gekämpft. Ohne eine Sekunde zu zögern, kniete Yuurio sich hin und legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter. Ein sanfter Hauch eisiger Magie floss von seinen Fingerspitzen über Minos Körper, ließ winzige Eiskristalle über die Brandblasen wachsen und kühlte das geschundene Fleisch. Der Junge zuckte kurz zusammen, doch dann sah Yuurio, wie sich seine Atmung beruhigte, die Schmerzen nachließen. „Sprich, Junge. Was ist passiert?“ Seine Stimme war ruhig, aber fest, die Worte von einer unterschwelligen Dringlichkeit durchzogen. Mino schluchzte, seine kleinen Fäuste krallten sich in Yuurios Ärmel. „E-Ein Mädchen…“ keuchte er. „Sie… sie ist einfach aufgetaucht… und dann… hat sie angefangen, alle zu töten…“ Ein Mädchen? Yuurios Augen verengten sich. Das Bild, das Minos Worte zeichneten, war verstörend. Sein Blick schnellte hoch zu Tyjah, die bereits neben ihm stand. Ohne ein Wort zu verlieren, nickte sie ihm zu, nahm Mino sanft in ihre Arme und drückte ihn an sich. „Kümmer dich um ihn“, bat Yuurio, seine Stimme war nun von Härte durchzogen. „Ich werde herausfinden, was hier vor sich geht.“ Er wartete nicht auf eine Antwort. Mit einem einzigen Satz war er auf der Terrasse hinter seinem Haus und spähte in Richtung Dorf. Was er sah, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Die schneebedeckten Häuser, die das Dorf einst wie eine schützende Umarmung umschlossen hatten, standen lichterloh in Flammen. Dunkler Rauch stieg in dicken Schwaden zum Himmel, das Rot der Feuer spiegelte sich gespenstisch in den weißen Schneefeldern. Und inmitten des Chaos erkannte er sie – eine einsame, schattenhafte Gestalt. Sie bewegte sich mit einer erschreckenden Eleganz, blitzschnell und tödlich, und wo sie hintrat, folgten Tod und Zerstörung. Die verbliebenen Kämpfer des Dorfes versuchten, sich ihr entgegenzustellen, doch ihre Bewegungen waren zu langsam, zu schwerfällig. Einer nach dem anderen fiel. Keine Zeit zu zögern. Yuurio sprang über das Geländer seiner Terrasse und ließ sich den Hang hinabgleiten. Unter seinen Füßen bildete sich augenblicklich eine Bahn aus purem Eis, beschleunigte seine Abfahrt, während der eisige Wind ihm ins Gesicht schlug. Der Berg neigte sich steiler, doch er verlor nicht das Gleichgewicht. Er kannte dieses Land, jede Unebenheit, jeden Vorsprung. Als er den unteren Hang erreichte, stieß er sich mit aller Kraft ab und landete mit einem donnernden Knall inmitten des Chaos. Er hob die Arme. Der Temperatursturz war augenblicklich. Ein gleißendes, bläuliches Licht breitete sich aus, als ein eiskalter Sturm über das Dorf hinwegfegte. Schneeflocken tanzten in der Luft, die feuchten, rußgeschwängerten Winde erstarrten zu frostiger Kälte. Die Flammen, die sich wie gierige Bestien über die Dächer gefressen hatten, erloschen binnen Sekunden, das Holz knackte und dampfte, als es von der plötzlichen Kälte verschlungen wurde. Der Rauch verzog sich. Dann sah er sie. Sie stand am Rand des Dorfplatzes, eine junge Frau — wobei Mädchen eine bessere Beschreibung war, sie war höchstens fünfzehn — ihr Körper gehüllt in dünne, braune Kleidung, viel zu dünn für diese Jahreszeit. In ihrer rechten Hand hielt sie eine Klinge, deren blutige Schneide schwarz leuchtete. Ihre Augen trafen seine – und in ihnen lag weder Zorn noch Hass. Nur eine tiefe, unerschütterliche Hitze. Yuurio spannte sich an. „Wer bist du?“ fragte er, seine Stimme trug sich über den gefrorenen Boden. Das Mädchen neigte leicht den Kopf, als würde sie seine Präsenz nun erst richtig wahrnehmen. Dann lächelte sie – ein gefährliches, leeres Lächeln. „Oh, du musst High Rock sein“ , sagte sie leise, und ihre Stimme war so sanft wie der fallende Schnee, durchzogen von einer uralten Autorität. „Man hat mir gesagt, du würdest kommen.“ - ------------------------------------------------------------------------- Sofort schoss das Mädchen auf Yuurio zu, ein Wirbel aus Geschwindigkeit und tödlicher Präzision. Ihre Bewegungen waren so blitzartig, dass es schien, als würde sie sich in mehreren Richtungen gleichzeitig bewegen. Ihre Schattenklinge, die sich wie eine peitschende Schlange verlängerte, zielte direkt auf seinen Bauch, während in ihrer anderen Hand eine gewaltige Flammenkugel aufloderte. Sie schwebte kurz über ihrer offenen Handfläche, bevor sie sich teilte – fünf kleinere Feuerbälle schossen in präzisen Kreisen um Yuurio herum, bereit, sich auf ihn zu stürzen und ihn in Sekunden zu Asche zu verwandeln. Doch Yuurio blieb ruhig. Er kannte Gegner, die mit Raserei kämpften, die blind auf rohe Zerstörung setzten. Dieses Mädchen war anders. Ihre Angriffe waren nicht nur präzise, sondern mit erschreckender Effizienz geplant. Jeder Feuerball war perfekt platziert, die Schattenklinge war so geführt, dass er kaum Ausweichmöglichkeiten hatte. Aber sie unterschätzte ihn. Yuurio atmete tief aus – und mit seinem Atem kam die Kälte. Ein eisiger Wind strömte aus seinem Mund, schnitt durch die Hitze und legte sich um ihre Beine wie eine eiserne Fessel. Sekundenbruchteile später erstarrten ihre Füße in einem Mantel aus purem Eis, unzerbrechlich und fest mit dem gefrorenen Boden verbunden. Gleichzeitig sprang Yuurio hoch, seine Bewegungen waren fließend und kraftvoll, während sich über seinen ausgestreckten Fingern riesige Eissplitter bildeten. Mit einem Ruck schleuderte er sie auf die Feuerbälle. Eis traf auf Flammen, und die Welt explodierte in einem grellen Blitz aus Weiß und Rot. Die Druckwelle ließ den Schnee um sie herum in chaotischen Wirbeln aufsteigen, das Beben der aufeinanderprallenden Elemente dröhnte wie ein Donnerschlag Yuurio landete leichtfüßig und formte augenblicklich einen Speer aus purem Eis, sein Ziel war eindeutig: die Beine des Mädchens, er wollte sie kampfunfähig machen, nicht töten. Er schleuderte ihn mit all seiner Kraft. Doch sie reagierte schneller, als er es für möglich gehalten hätte. Ihr Oberkörper riss sich nach hinten, ihre Knie gaben nach – und mit einem schockierenden Knacken trennten sich ihre Unterschenkel von ihrem Körper. Die eingefrorenen Stümpfe blieben am Boden verankert, während sie sich geschmeidig in der Luft drehte. Dann geschah das Unmögliche. Weißes Licht pulsierte aus ihren Wunden. Ein unnatürliches Leuchten, reines Mana, das sich in Sekundenschnelle formte. Noch bevor sie den Boden berührte, wuchsen ihre Beine nach – vollkommen neu, vollkommen intakt. Yuurio erstarrte. Das war keine gewöhnliche Magie. Keine bloße Heilung. Das war etwas, das er kannte. Ein Echo aus der Vergangenheit. Die Magie eines alten Freundes. Das Mädchen landete leichtfüßig im Schnee, ihre Augen brannten jetzt heller als zuvor – nicht mit Zorn, nicht mit Wut. Mit reiner, ungebändigter Lust auf Kampf und Zerstörung. Und dann veränderte sich die Luft um sie herum.  Eine bedrohliche Aura aus rotem Licht begann zu flackern, erst schwach, dann stärker, bis sie wie eine brennende Flamme um ihren Körper pulsierte. Ihre Haut färbte sich blutrot, dunkle Adern zogen sich über ihre Arme. Dann, mit einem markerschütternden Geräusch, brachen zwei riesige weiße Flügel aus ihrem Rücken. Und in dem Moment riss der Himmel über ihnen auf. Das Blau des Himmels wich einem unnatürlichen Leuchten, einem Riss in der Welt selbst. Sie stieg auf, höher und höher, bis sie nur noch ein Schatten gegen das flammende Rot über ihr war. Dann sah Yuurio es. Über ihr formte sich ein gewaltiger Ball aus Feuer, größer als jedes Feuer, das ein gewöhnlicher Magier je hätte beschwören können. Ein brennender Meteor, der mit Sicherheit nicht nur ihn, sondern das gesamte Dorf in die ewige Dunkelheit reißen würde. Er hatte keine Zeit zum Überlegen. Yuurio schloss die Augen für den Bruchteil einer Sekunde – und dann explodierte die Welt um ihn herum in Eis. Eine Treppe aus kristallklarem Frost wuchs mit rasender Geschwindigkeit unter seinen Füßen, trug ihn in die Lüfte, direkt auf seine Gegnerin zu. Der Meteor begann zu fallen, stürzte mit zerstörerischer Wucht auf ihn zu. „Nicht heute“, knurrte Yuurio, und mit einer einzigen Geste erhob sich etwas Großes aus dem Schnee unter ihm. Ein Gigant aus purem Eis, mehr als hundert Meter hoch, erwachte zum Leben. Seine massiven, frostbedeckten Arme reckten sich nach dem herabstürzenden Feuerball, seine Augen glühten mit kaltem Licht. Der Aufprall war wie ein Erdbeben. Der Gigant stieß ein donnerndes Brüllen aus, als er seine Hände gegen den Meteor stemmte. Die Hitze war so intensiv, dass der Schnee unter ihnen schmolz, sich dampfend auflöste. Yuurio spürte, wie seine Muskeln sich verkrampften, wie sein Mana gegen die schiere Macht des gegnerischen Zaubers ankämpfte. Die Kraft des Meteors ließ das Eis unter seinen Füßen vibrieren. Doch er hielt stand. Mit einem letzten, alles verzehrenden Ruck schleuderte der Gigant den Feuerball zur Seite, weg vom Dorf, weg von seinen Leuten. Der brennende Komet flog in Richtung Meer und verschwand in der Ferne. Doch Yuurio hatte keine Zeit, um zu verschnaufen. Noch bevor er sich auf die Gegnerin konzentrieren konnte, spürte er eine Bewegung – und dann war sie plötzlich direkt vor ihm. Ihr Lächeln war ruhig. Zu ruhig. „Du übertriffst meine Erwartungen, High Rock“ , hauchte sie, ihre Stimme war süß und gefährlich zugleich.  „Ich danke dir!“ Dann trat sie zu. Yuurio sah es kommen, doch er konnte nichts mehr tun. Ihr bloßer Fuß traf ihn mit einer Wucht, die ihm die Luft aus den Lungen presste. Schmerz explodierte in seinem Brustkorb, als mehrere Rippen knackend nachgaben. —KRRK— Dann spürte er nur noch den Wind, als er in die Tiefe stürzte. Die Welt drehte sich, verschwamm in einem Strudel aus Dunkelheit und Schmerz. - ------------------------------------------------------------------------- Yuurio versuchte, die Kontrolle über seinen Sturz zurückzugewinnen, doch der Aufprall war unausweichlich. Er krachte durch die dichten Nadeln eines mächtigen Tannenbaums, seine Schuppen schabten an der rauen Rinde entlang, während Zweige unter seinem Gewicht zerbarsten. Der Schnee dämpfte seinen Sturz, aber nicht genug. Er schlug hart auf dem gefrorenen Boden auf – ein dumpfes Knacken erfüllte die Luft, als mehrere Knochen unter der Wucht des Aufpralls nachgaben. Schmerzen zuckten wie Blitze durch seinen Körper, ließen seine Sicht verschwimmen. Ein schwacher, frostiger Atem entwich seinen Lippen, während er mit dem Gesicht im Schnee lag, unfähig, sich zu bewegen. Alles in ihm schrie danach, liegen zu bleiben, aufzugeben, einfach die Augen zu schließen und den Schmerz versinken zu lassen. Doch Yuurio gab nicht auf. Mit letzter Kraft konzentrierte er sein Mana. Kälte strömte durch seine Adern, sein Atem wurde zu Nebel. Eis kroch über seinen Körper, schloss sich um seine gebrochenen Rippen und stabilisierte seine Knochen. Es war keine Heilung, nur eine temporäre Lösung, um seinen Körper am Funktionieren zu halten. Ein verzweifelter Trick, ein letzter Versuch, aufrechtzustehen. Sein Blick hob sich langsam – und da war sie. Das Mädchen stand am Rande des Waldes, direkt vor ihm, ihre Silhouette vom Schein der brennenden Ruinen hinter ihr umrahmt. Ihr Körper war unversehrt, als hätte er sie nie verletzt. Ihr braunes Haar wirbelte leicht im Wind, ihre roten Augen funkelten voller stiller, lauernder Freude. Und dann kam dieses Lächeln – süß und unschuldig, als hätte sie gerade einen wundervollen Tanz vollführt. Yuurio wusste es. Das war seine letzte Chance. Jeder weitere Kampf würde nur noch ein einseitiges Abschlachten werden. Sein Körper war am Ende. Doch es gab noch eine Sache, die er tun konnte. Eine letzte Tat. Sein Blick wurde ruhig. Er wusste, dass er diesen Kampf nicht überleben würde. Doch wenn er sein Ende besiegeln musste, dann würde es nach seinen eigenen Bedingungen sein. In seinem Geist formten sich Worte, leise und voller Schmerz, doch frei von Reue. „Es tut mir leid, Tyjah“ , flüsterte er in Gedanken, seine Lippen bewegten sich kaum.  „Kümmere dich gut um unsere Kinder.“ Dann hob er die Hand. Ein eisiger Wind durchzog das Schlachtfeld, stärker als alles, was er je zuvor entfesselt hatte. Die Temperatur stürzte in den absoluten Tiefpunkt, so frostig, dass selbst die brennende Aura des Mädchens zu flackern begann, als würden sie im Angesicht dieser übermächtigen Kälte erstarren. Yuurio ließ los. Sein Mana brach wie eine Flutwelle aus ihm hervor, ein Sturm aus glitzernden Eissplittern, die in alle Richtungen schossen. Jedes einzelne von ihnen war so scharf, dass sie Drachenschuppen mühelos hätten durchbohren können. Die Luft selbst gefror zu dicken, schwebenden Kristallen, die das Licht in tausend Farben brachen. Dann geschah es. Der Hagel aus gefrorenen Dolchen riss auf das Mädchen zu. Unzählige Klingen durchbohrten ihren Körper, ihre Arme, ihre Beine, ihre Brust. Yuurio sah, wie sie zuckte, wie ihre Bewegungen stockten. Sie erstarrte für einen Moment, ihr Blick fiel auf ihren eigenen Körper. Die Schattenklinge in ihrer Hand verblasste, ihr rotes Leuchten wurde schwächer. Ihr Blick wanderte langsam zu Yuurio – Überraschung lag in ihren Augen, doch kein Schmerz. Dann brach sie zusammen. Yuurio lächelte. Sein Körper sackte zusammen. Sein Mana war verbraucht, seine Kräfte vollkommen erschöpft. Seine Knie gaben nach, er fiel in den Schnee. Seine Sicht wurde dunkler, sein Herz schlug langsamer. Das letzte, was er wahrnahm, war das leise Rieseln des gefrorenen Schnees auf seiner Haut. Yuurio, der mächtigste Eismagier seiner Zeit, war gefallen. - ------------------------------------------------------------------------- ,,Ist es endlich vorbei?’’ Taliba saß regungslos in dem trostlosen, leeren Raum, in dem sie schon seit Monaten gefangen war. Ihre Knie angezogen, die Arme um sich geschlungen, als könne sie sich vor der Realität verstecken. Der Raum hatte keine Wände, keine Türen, kein Entrinnen. Doch es gab einen einzigen Ort, zu dem ihr Blick stets hingezogen wurde – ein schimmernder Riss in der Dunkelheit, durch den sie sehen konnte, was mit ihrem Körper geschah. Und dort, jenseits ihres Gefängnisses, lag es. Das „Monster“. Sein geschundener Körper lag zerschmettert im Schnee, zerfetzt von den eisigen Klingen des Mannes, den es „High Rock“ genannt hatte. Blut tränkte den gefrorenen Boden, dunkle Flecken auf makellosem Weiß. Taliba konnte es spüren – ihr eigenes Herz schlug kaum noch, ein schwaches, unregelmäßiges Pochen, das langsam, aber sicher erlosch. Ihre Glieder waren kalt, taub, als gehörten sie nicht mehr zu ihr. Ein Lächeln bildete sich auf ihren Lippen.  Endlich. Endlich hatte jemand es aufgehalten. Endlich würde sie sterben. Die Ketten, die sie so lange gebunden hatten, würden reißen. Der Fluch, der sie gequält hatte, würde ein Ende finden. Nie wieder würde sie seine Taten mitansehen müssen, nie wieder die Schreie der Unschuldigen hören, nie wieder spüren, wie das „Monster“ ihre Hände bewegte, ihre Stimme benutzte, ihr Gesicht zu einer Fratze des Grauens verzog. Die Tränen, die sich in ihren Augen gesammelt hatten, waren keine der Trauer, sondern der puren Erleichterung. Doch dann. Ein leises Klatschen. Und eine Stimme. [???] ,,Da bist du doch tatsächlich besiegt worden. Ein Glück hast du mich!’’ Taliba erstarrte. Die dunkle Präsenz, die sich durch den Raum schlängelte, war ihr nur allzu bekannt. Eine brennende Hitze, die sich durch ihren Geist fraß, ein Echo aus der Tiefe, das niemals verstummte. Die Stimme des Onis war sanft, beinahe verspielt, doch Taliba kannte die Wahrheit, die dahinter verborgen lag. „Nein…“ flüsterte sie. Ihre Lippen bebten. „Bitte… Nein!“ Sie versuchte, ihren Körper loszulassen, den letzten Funken Leben aufzugeben, sich endlich in den Schlaf der Erlösung sinken zu lassen. Doch das Licht kam. Warm und golden durchflutete es ihre Glieder, breitete sich in ihren verletzten Organen aus, durchtränkte ihre Knochen mit brennender Heilung. Wunden schlossen sich, Muskeln erneuerten sich, und mit jedem Herzschlag wurde sie zurück in die Dunkelheit gezogen. Langsam, mit erschreckender Ruhe, richtete sich ihr Körper auf. Die klaffenden Schnitte an ihrer Haut schlossen sich, ihre Gliedmaßen erstarkten. Ihr Blick war leer, ihr Körper nicht mehr ihr eigener. Die Fäden, die sie schon so lange versuchte zu durchtrennen, zogen sich nur noch fester. Taliba begann zu weinen. „Wieso…“ schluchzte sie leise, „wieso lasst ihr mich nicht gehen?“ Ihr eigener Körper lachte leise. „High Rock war sehr stark“ , sagte das „Monster“ mit anerkennendem Tonfall. Seine Finger zuckten, als würden sie sich an das Echo des Kampfes erinnern. Dann hob es eine Hand, und die Welt erzitterte. Taliba musste nicht hinsehen, um zu wissen, was geschah. Sie spürte es – das Aufsteigen von etwas Gigantischem, etwas Kaltem und Mächtigem, das selbst die Naturgesetze verspottete. Ein Eisgigant erhob sich, doppelt so groß wie der, den der Drachar erschaffen hatte, seine massiven Arme zertrümmerten die Bäume um ihn herum, während er langsam seinen Kopf hob. Das „Monster“ drehte sich zu ihm um, ein dunkles Grinsen auf seinen Lippen. ,,Kümmer dich um die Familie des Dracharen!’’ Taliba presste ihre Hände auf ihre Ohren, als könne sie damit die Worte aus ihrem Kopf verbannen. Aber es war zwecklos. Sie konnte nur daliegen, zitternd und verzweifelt, während ihr Körper sich erhob und die nächste Welle der Zerstörung einleitete. Es war hoffnungslos. Ende von Ark IV

  • Kapitel 137 - Die Sprache der Elemente

    Leyla schoss durch das tiefe Meer, schneller als jedes Schiff, schneller als jeder Meeresbewohner. Das Wasser teilte sich vor ihr, gehorchte ihrem Willen, ließ sie gleiten wie einen Pfeil, der sein Ziel niemals verfehlte. Ihr Blick war starr nach Norden gerichtet, in Richtung des Kaiserreichs. Inhantes würde ihre erste Station sein – die große Hafenstadt an der südlichen Küste des Kaiserreichs. Von dort aus würde sie ein Pferd nehmen und weiter in Richtung Kaiserstadt reiten. Die Reise würde fast einen Monat dauern, doch das störte sie nicht. Sicher, es gab schnellere Methoden. Sie könnte in Welldyl ein Schiff den Goldenen Fluss hinauf nehmen. Doch Leyla wollte Zeit. Sie wollte das Reich erkunden, die Natur erleben, die raue, ungezähmte Schönheit des Landes auf sich wirken lassen. Sie wollte ihre Gedanken ordnen, ihre Kräfte noch besser verstehen. Und vielleicht, wenn sie ehrlich mit sich war, wollte sie auch einfach der Kaiserstadt, und damit Yang, Hypos und Aragi, nicht sofort gegenübertreten. Nea, Bunj, Eroica – sie alle fehlten ihr. Die vertrauten Stimmen, die Kämpfe, das Lachen. Ein Teil von ihr sehnte sich nach ihnen, wollte zurück in ihre Welt, in ihr Leben. Doch sie wusste, dass sie sich erst selbst finden musste. Ein tiefes Grollen durchbrach das ewige Rauschen des Meeres. Leyla stutzte, tauchte neugierig auf und ließ sich von den Wellen nach oben tragen, bis ihr Kopf die Oberfläche durchbrach.  Einige Kilometer entfernt erhob sich eine der Tabakinseln, ihre zerklüfteten Felsen ragten wie dunkle Zähne aus dem Wasser. In ihrer Mitte thronte ein Vulkan, aus dessen Krater eine dichte Rauchsäule in den Himmel stieg. Ein weiterer Donner erschütterte die Luft, gefolgt von einem tiefen, grollenden Beben. Leyla runzelte die Stirn. Sie hatte von diesen Vulkaninseln gehört – unzählige kleine Eilande im Westen der Inselgruppe, einige aktiv, andere längst erloschen. Doch dieser hier… dieser erwachte gerade erst. Ihr Blick verengte sich. Plötzlich kam ihr eine Idee. Doch bevor sie handelte, wollte sie Gewissheit. Mit einer geschmeidigen Bewegung tauchte sie wieder unter und steuerte auf die Insel zu. Die Strömungen um sie herum schienen in Aufruhr zu sein, als spürten sie die Macht, die unter der Erde erwachte. - ------------------------------------------------------------------------- Als Leyla die Vulkaninsel erreichte, spürte sie die vibrierende Spannung in der Luft, das Beben der Erde unter ihren Füßen, als wäre der Berg selbst dabei, aufzuwachen. Der Koloss aus schwarzem Gestein erhob sich hunderte Meter über ihr, sein Gipfel verborgen in dichten, aschegrauen Wolken. Dünne Rauchfäden stiegen aus Spalten in den Hängen, als würde der Vulkan leise atmen, seine Kraft im Inneren sammeln. Leyla trat auf die harte, rissige Erde, und die Hitze, die von der Oberfläche ausstrahlte, ließ ihre Haut prickeln. Dies war kein gewöhnlicher Berg. Er lebte. Und sie war hier, um ihn zu verstehen. Mit fließenden Bewegungen begann sie, den zerklüfteten, steilen Abhang hinaufzuklettern. Jeder Griff, jeder Tritt musste präzise sein, denn der Boden unter ihr war trügerisch – brüchig, scharfkantig, mit Hohlräumen, aus denen hin und wieder dünne Rauchschwaden zischten. Sie setzte ihre Magie nur sparsam ein, nutzte sie, um sich an den glatten Felswänden festzuhalten, wenn ihre Finger abrutschten, oder um kleine Vorsprünge aus dem Stein wachsen zu lassen, die ihr Halt boten. Höher und höher kämpfte sie sich hinauf. Der Wind wurde stärker, er heulte um die zerklüfteten Felsen, als wolle er sie warnen, zum umkehren bewegen. Doch sie ignorierte ihn. Schließlich erreichte sie den Kraterrand. Vor ihr erstreckte sich eine Landschaft aus brodelnder, aufgewühlter Luft. Der Boden unter ihr war eine dicke, unruhige Steinschicht, die in tiefem Rot und Orange leuchtete, als wäre sie nur eine dünne Haut über dem kochenden Herz des Berges. Sie sah, wie sich Wellen durch das zähflüssige Gestein zogen, als würde der Vulkan atmen. Leyla ließ den Blick über die brodelnde Tiefe schweifen. Sie könnte den Vulkan ausbrechen lassen, wenn sie es wollte. Doch das war nicht der Grund, weshalb sie hier war. Bisher hatte sie geglaubt, dass die Runensteine die bekannten Magieelemente widerspiegelten – dass ihre Macht in das vorgefertigte Raster passte, das Gelehrte über Jahrhunderte hinweg geschaffen hatten. Der Runenstein der Erde gab ihr Macht über Gestein, Metall und Pflanzen. All das war Teil der Natur, also musste es Teil der Naturmagie sein. Und doch… In den letzten Tagen war ihr ein Widerspruch aufgefallen. Sie hatte wiederholt versucht, ihre Magie auf Tiere anzuwenden, um ihnen Befehle zu geben – doch es war ihr nicht gelungen. Ihre Verbindung zur Erde ließ sie Pflanzen wachsen und Steine formen, doch kein komplexeren Lebewesen reagierte darauf. Obwohl auch die Kontrolle über Tiere Teil der Naturmagie war. Zusätzlich hatte Eroica ihr vom Runenstein im Denja-Dschungel erzählt. Ein Runenstein, der die Macht über Tiere und Monster verlieh. Warum sollte es mehrere Steine geben, die sich die Naturmagie teilten? Warum sollte der Runenstein der Erde Tiere ausschließen, aber Pflanzen beherrschen? Die Antwort war einfach – und doch öffnete er ihr eine völlig neue Perspektive. Die Runensteine unterlagen nicht den von Gelehrten aufgestellten Gesetzen der Magie. Sie folgten keiner Ordnung, die Sterbliche geschaffen hatten. Sie waren älter als das Kaiserreich, älter als die Bücher, in denen die Magier ihre Theorien niedergeschrieben hatten. Sie gehorchten ihren eigenen Regeln. Der Stein des Vulkans war eindeutig etwas, das von der Magie des Runensteins der Erde beeinflusst werden konnte. Und in seinem Inneren brodelte Magma, bereit, als Lava hervorzubrechen und Feuer regnen zu lassen. Die Kontrolle über Lava und Feuer war Teil der Feuermagie — völlig unterschiedlich von Naturmagie. Vielleicht musste sie weniger auf die Worte der Gelehrten vertrauen. Vielleicht musste sie lernen, auf die Natur selbst zu hören. Vorsichtig legte sie ihre Hände auf die glühend warme Oberfläche des Kraters. Sie schloss die Augen. Tief in sich spürte sie, wie das Mana durch ihren Körper floss, durch ihre Fingerspitzen in den Berg sickerte. - ------------------------------------------------------------------------- Zwei Befehle sendete sie mit ihrem Mana. Der erste galt der dünnen Steinschicht, die das brodelnde Magma zurückhielt. Sie sollte teilweise aufbrechen, sich in ihre Einzelteile zerlegen und den Weg freigeben. Der zweite war an das Magma selbst gerichtet. Es sollte ruhig bleiben, sich nicht unkontrolliert in einer zerstörerischen Eruption entfesseln, sondern sich in geordneten Bahnen bewegen – ein kontrolliertes Zusammenspiel der Natur. Doch konnte sie das wirklich? Konnte sie Feuer befehlen, wie sie es mit Stein und Erde tat? Ein leises Knirschen durchzog die Luft. Dann ein erstes Brechen, ein dumpfes, hohles Geräusch, als die ersten Risse sich durch das schwarze Gestein zogen. Die Erde gehorchte ihrem Ruf.  Leyla spürte, wie sich die Struktur unter ihren Händen veränderte. Bruchstücke der Steinschicht brachen ab, fielen in den gähnenden Abgrund des Kraters und verschwanden mit einem zischenden Geräusch im heißen Schlund darunter. Dampf stieg auf, verdichtete sich zu dicken, weißen Schwaden. Dann – Stille. Leyla grinste, ihre Augen funkelten vor fast kindlicher Freude. Das Magma lag träge in seinem steinernen Gefäß, glühend, leuchtend, aber still. Ruhig. Leyla riss die Augen auf, ungläubig, dann breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus – nicht irgendein Lächeln, sondern ein triumphales, ein Ausdruck purer Euphorie. Sie hatte es geschafft. „Yippie!!!“ schrie sie begeistert, ihre Stimme hallte über den Krater. Sie ließ sich erschöpft nach hinten sinken, das heiße Gestein unter ihr vibrierte sanft, wie das zufriedene Atmen eines Wesens, das in einen tiefen, ruhigen Schlaf gefallen war. Sie hatte es verstanden, ohne Gelehrte, ohne Lehrer – nur sie, ihre Macht und das, was sie in der Natur fühlte. —BAMM— Mit einem donnernden Schlag zersprang die verbliebene Steinschicht in tausend Stücke, das Magma bäumte sich auf, als hätte es sich von der kurzen Ruhe betrogen gefühlt. Eine Druckwelle raste aus dem Krater hinaus, Staub und Asche wirbelten in die Luft. Leyla sog scharf die Luft ein. Sie hatte die Kontrolle verloren. Instinktiv ließ sie eine Steinsäule unter sich wachsen. Die Plattform katapultierte sie nach hinten, schleuderte sie weg vom Kraterrand, hinaus in Richtung des offenen Meeres. Der Himmel drehte sich über ihr, während sie durch die Luft flog, sich überschlug. Sie sah den Feuerschweif, der aus dem Vulkan schoss, ein glühendes Inferno, das sich in den Himmel warf, als wäre es ein brüllender Riese, der seine Ketten gesprengt hatte. Die Wasseroberfläche kam rasend schnell näher. Dann tauchte sie ein. Das Meer nahm sie auf, kühl und beruhigend, es umfing sie wie eine schützende Umarmung. Sie ließ sich treiben, das Wasser dämpfte die Geräusche, doch selbst in der Ruhe unter der Oberfläche konnte sie die Kraft des Vulkans spüren. Über ihr tobte das Inferno. Asche und Feuer regneten aus dem Himmel, Steinsplitter stürzten in das Wasser, ließen es zischen und dampfen. Leyla tauchte ab und ließ sich von der Strömung wegtragen, weiter in Richtung Norden. Leyla lächelte. Sie war nicht geflohen. Nein, sie war triumphierend davongeschwommen. Ein Triumphzug – einer, den nur sie verstand. - ------------------------------------------------------------------------- Es war bereits der folgende Abend, als Leyla endlich in Inhantes ankam. Über sechsunddreißig Stunden waren vergangen, seit sie Tripolis verlassen hatte. Sechsunddreißig Stunden ohne Schlaf, ohne Pause, ohne wirkliche Erholung. Nur das Adrenalin, das stetige Rauschen des Wassers um sie herum und ihre eigene Willenskraft hatten sie so lange wach gehalten. Doch nun, als ihre Füße den festen Boden der Kaiserstadt berührten, fiel all das von ihr ab wie ein zu schwer gewordener Mantel. Die Hafenstadt war geschäftig wie immer. Händler entluden Waren aus den tropischen Inseln, Fischer flickten ihre Netze im Licht der Laternen, und Seeleute lachten laut an den Tavernen, ihre Stimmen trunken von Bier und Erleichterung nach einem langen Tag auf See. Einige Hafenarbeiter warfen ihr verwunderte Blicke zu, als sie aus dem Wasser trat – trocken, als hätte das Meer sie nie berührt. Doch niemand sprach sie an. In einer Stadt wie dieser war es besser, nicht zu viele Fragen zu stellen. Leyla sog die kalte Nachtluft ein und spürte, wie ihre Glieder schwer wurden. Ihr Mana war fast vollständig aufgebraucht. Normalerweise regenerierte es sich schnell, schneller als bei den meisten, doch nach einer so langen Reise und dem Zwischenfall am Vulkan hatte sie selbst ihre Grenzen erreicht. Sie brauchte Schlaf. Ihr Blick glitt über die Straßen, vorbei an dampfenden Garküchen und wackeligen Marktständen, bis er an einem einladenden Gasthaus hängen blieb. Über der Tür hing ein hölzernes Schild, auf dem in kunstvoll geschnitzten Buchstaben „Smörje & Arrne“  stand. Warmes Licht schimmerte aus den Fenstern, begleitet von Stimmengewirr und dem verführerischen Duft nach gebratenem Fleisch und frischem Brot. Leyla trat ein. Der Innenraum war gemütlich, erfüllt von dem sanften Knistern des Kamins. An einem der Tische saß eine Gruppe junger Abenteurer, ihre Rüstungen zerkratzt und mit Staub bedeckt, doch ihre Gesichter strahlten die sorglose Freude von denen aus, die gerade ihren ersten großen Sieg feierten. An der Bar saßen wettergegerbte Seeleute, die mit rauen Stimmen Geschichten erzählten, einige lachten, andere grummelten über den letzten Fang. Leyla ging geradewegs zum Tresen. Der Wirt, ein massiger Mann mit buschigem Bart und einer Narbe, die sich quer über seine linke Wange zog, musterte sie kurz, bevor er sich ihr zuwandte. „Ein Zimmer für die Nacht, bitte“, sagte sie knapp. Ihr eigener Tonfall kam ihr härter vor, als sie es beabsichtigt hatte. Zu müde, zu erschöpft, um noch Höflichkeit zu simulieren. Also zwang sie sich zu einem Lächeln, wenn auch nur schwach. Der Wirt hob eine Braue. „Drei Kupfer“, brummte er und schob ihr einen Schlüssel über den Tresen. Leyla griff in ihre Tasche und zog eine Silbermünze hervor, legte sie auf den Tresen, ohne groß nachzudenken. Erst, als der Wirt das Wechselgeld auf den Tisch klimpern ließ, wurde ihr bewusst, dass sie als Kaiserliche Kopfgeldjägerin gar nicht hätte zahlen müssen. Doch sie war zu müde, um sich darüber Gedanken zu machen. Sie nahm den Schlüssel, nickte dem Wirt knapp zu und schob sich durch die Menge in Richtung Treppe. Die Geräusche des Gasthauses verschwammen bereits um sie herum, ihre Lider wurden schwer, und als sie endlich die Tür zu ihrem Zimmer hinter sich schloss, fiel jede Anspannung von ihr ab. Der Raum war schlicht, aber sauber. Ein schmaler Holztisch, ein Stuhl, ein Bett mit frischen Laken. Mehr brauchte sie nicht. Leyla löste den Gürtel, ließ ihn achtlos auf den Boden fallen und schlüpfte aus ihrer Jacke. Mit einem erschöpften Seufzen ließ sie sich auf das Bett sinken, ihr Kopf kaum auf dem Kissen, bevor der Schlaf sie gnadenlos übermannte. Draußen hallten die Stimmen der Stadt, das ferne Kreischen der Möwen und das leise Rauschen der Wellen. Doch für Leyla war die Welt für diesen Moment verstummt. Sie schlief. Und das war alles, was zählte.

  • Kapitel 136 - Tote sind geduldig

    Endlich war er wieder in seiner Heimat. Die Kaiserstadt erstreckte sich vor ihm, geschäftig und lebendig wie eh und je. Die breiten Straßen waren gefüllt mit Händlern, mit Reisenden und mit Wachen, die in schweren Rüstungen patrouillierten und dabei wachsame Blicke über die Menge schweifen ließen. Über den Dächern der Häuser thronte der Kaiserpalast, sein weißer Stein schimmerte im fahlen Herbstlicht, während rote und goldene Banner in der kühlen Brise wehten. Der Herbst kündigte sich an – die Luft war frisch, der Wind trug den Geruch von feuchtem Laub mit sich. Die ersten Blätter färbten sich in tiefem Rot und warmem Gold, ein flüchtiger Moment der Schönheit, bevor der Winter alles mit seiner gnadenlosen Kälte verschlingen würde. Sein Blick glitt über die Menge, ohne dass er bewusst nach etwas suchte – bis er an einer jungen Frau hängen blieb. Eine Filina. Ihr blaugraues Fell schimmerte sanft im Licht, ihre Ohren zuckten leicht, während sie mit konzentriertem Blick über ein Buch fuhr, das sie in der Hand hielt. Sie war in die schlichte, aber würdevoll geschnittene Robe einer Bibliothekarin gekleidet. Er wusste sofort, dass sie eine besondere Person war. Nicht nur eine Magierin – eine kluge Frau. Eine mit einem scharfen Verstand, mit Augen, die mehr sahen als nur die Oberfläche der Dinge. Er hatte ein Gespür für so etwas. Ein Talent, jene zu erkennen, die mehr waren, als sie auf den ersten Blick schienen. Einen Moment lang verharrte er, prägte sich ihr Gesicht genau ein – dann wandte er sich ab und ging weiter. Während er durch die Straßen schlenderte, beobachtete er die Stadt mit distanzierter Neugier. Ein Obsthändler hatte seine Ware kunstvoll aufgereiht – leuchtend gelbe Zitronen, die aus den Sommerinseln stammten, und eine Frucht, die aussah wie ein kleiner Igel, mit stacheliger brauner Schale und blassgoldenem Fruchtfleisch. Früher hätte ihn der exotische Geschmack vielleicht interessiert. Früher hätte er angehalten, eine Münze gezückt, gekostet. Doch diese Zeiten lagen hinter ihm. Er konnte nicht essen. Nicht mehr. Das Bedürfnis nach Nahrung, nach Schlaf – all das war ihm längst fremd geworden. Seine Existenz war von anderem bestimmt, von etwas, das jenseits des Menschlichen lag. Kein Herz schlug mehr in seiner Brust, kein Blut floss durch seine Adern. Nur seine eigene Magie hielt ihn aufrecht, formte ihn, gab ihm Kraft. Seine Schritte wurden schneller. Er wurde erwartet. -------------------------------------------------------------------------- Die Wache vor dem Kaiserpalast musterte ihn mit einer Mischung aus Argwohn und Nervosität. Ihre Haltung war steif, die Hand lag bereits an der Waffe, doch in ihren Augen flackerte Unsicherheit – als würde sie spüren, dass der Mann vor ihr niemand war, den sie mit einem bloßen Schwert aufhalten konnte. „Ich habe eine Audienz bei Seiner Majestät“, flüsterte er leise, seine Stimme kaum mehr als ein Hauch, und doch schien sie das Gewicht eines Befehls zu tragen. Die Wache erstarrte. Alle Farbe wich aus ihrem Gesicht, und ihre Lippen bebten, als müsste sie gegen eine unsichtbare Kälte ankämpfen. „S-Seid I-Ihr… V-V-Varon?“ stammelte sie schließlich, ihre Stimme ein zitternder Schatten dessen, was sie sein sollte. Varon unterdrückte ein müdes Lächeln. Warum nur hatten sie alle solche Angst vor ihm? Diese Menschen, diese schwachen, ängstlichen Geschöpfe, die sich vor dem Unbekannten versteckten wie Mäuse vor einer Schlange. Er würde ihnen nichts tun – nicht, weil er Skrupel hatte, sondern weil sie einfach nicht von Interesse waren. „Ja, das bin ich“, antwortete er knapp, seine Worte präzise, scharf wie die Klinge eines Skalpells. Die Wache schluckte hörbar. „D-Dann f-f-folgt m-m-mir b-b-bitte.“ Hastig wandte sie sich ab und eilte durch das gewaltige Tor in den Hof des Kaiserpalastes, als hätte sie Angst, dass er es sich doch noch anders überlegen könnte. Varon ließ sich Zeit, seine Schritte waren gelassen, sein Blick wanderte über die weißen Türme, die imposanten Kuppeln des Hauptpalastes und die kunstvoll errichteten Nebenflügel. Einst war dieser Ort sein Zuhause gewesen. Der Sitz der Herrscher. Doch hier hatte man ihn auch gerichtet. Hier hatte man seine Forschung verurteilt. Hier hatte man ihn aus dem Kaiserreich verbannt. Weil er anders war. Weil er den Tod nicht fürchtete, sondern ihn verstehen wollte. Weil er den Sterblichen einen Blick auf die Wahrheit hinter der Illusion des Lebens geben wollte. Er erinnerte sich noch genau an die Anklagen, die ihm entgegengeschleudert worden waren: Es sei „ gegen die Reinheit der magischen Studien“ , hatte die Akademie vom Engelssee erklärt. Es sei „ gegen Kameras Willen“ , hatte ihm die Kameristische Kirche vorgeworfen. Es sei „ gegen die Menschlichkeit.“  Das waren die Worte von Kaiser Tavil IV gewesen. Sie sahen nur Leichen und Fäulnis, während er die Perfektion der unvergänglichen Dinge betrachtete. Sie ekelten sich vor dem Tod, während er darin die wahre Essenz der Magie erkannte. Die Schönheit der Toten. Sein Blick wanderte weiter – und blieb hängen. Im Hofgarten, zwischen sorgsam gepflegten Rosensträuchern und hohen Marmorstatuen, stand eine Frau. Sie sprach leise mit ihren Dienerinnen, ihre Stimme war ruhig, voller natürlicher Autorität. Das Sonnenlicht fiel sanft auf ihr Gesicht, ihre dunklen Locken schimmerten wie gesponnene Seide. Ohne einen Blick auf die Wache zu verschwenden, die ihn entsetzt ansah, setzte Varon sich in Bewegung. Die Dienerinnen verstummten, als er näher trat. Sie sahen ihn verwirrt an, einige mit vorsichtiger Zurückhaltung, andere mit offener Skepsis. doch die Dame lächelte. ,,Varon, bist du es?’’ Ihre Stimme war sanft, aber voller Gewissheit. Sie hatte ihn erkannt, ohne Zweifel, ohne Zögern. Er nickte langsam. Und dann, ohne darüber nachzudenken, nahm er ihre Hände in seine, wie immer kalten, doch sie zuckte nicht zurück. „Isabella“, sagte er leise, seine Worte getragen von etwas, das einer Emotion glich, die er längst verloren geglaubt hatte. „Ich freue mich sehr, dich wiederzusehen.“ -------------------------------------------------------------------------- Kaiser Verion III wurde im Alter von sechzehn Jahren von seinem Vater mit der zwei Jahre jüngeren Valetta Aldobrandini verlobt – einer Tochter aus dem einflussreichen und wohlhabenden Haus Aldobrandini, dessen politische Macht bis in die höchsten Ränge des Kaiserreichs reichte. Doch es war keine Verbindung aus Liebe, keine romantische Verheißung zweier junger Seelen, sondern ein kühles, strategisches Bündnis, das dem Kaiserhaus Stabilität und Einfluss sichern sollte. Nur ein Jahr später, frisch siebzehn geworden, führte Verion Valetta als seine zukünftige Kaiserin vor den Altar. Noch im selben Sommer kam ihr erstes Kind zur Welt – Prinz Geroius. Doch Geroius blieb nicht lange das einzige Kind. Die Ehe zwischen Verion und Valetta, so lieblos sie auch begann, brachte vier weitere Kinder hervor: Prinz Cornelius, ein Mann von scharfem Verstand und grausamer Disziplin; Prinz Eugenius, der sich früh für die Künste und Wissenschaften begeisterte; Prinzessin Nara, die kluge und unbeugsame, deren politisches Gespür bald die Erwartungen ihrer Familie übertraf; und schließlich Prinz Sebastian, der jüngste dieser Ehe, dessen fehlendes Talent für Zeitmagie ihn zu einer Randfigur in der Familie machte. Doch während die Jahre ins Land gingen, veränderte sich Verion. Mit sechsundzwanzig Jahren, nach einer Dekade als Ehemann und Kronprinz, erlebte er zum ersten Mal, was es bedeutete, wirklich zu lieben. Nicht seine Gemahlin Valetta hatte dieses Gefühl in ihm geweckt, sondern eine Frau, die zwar nicht aus dem Hochadel stammte, doch eine Schönheit und Anmut besaß, die ihn in ihren Bann zog – Isabella vi Trittonia. Ihre Ehe war von Leidenschaft geprägt, doch während sie selbst nie offiziell in die Dynastie der Algavias aufgenommen wurde, trugen ihre Kinder dennoch kaiserliches Blut. Die Verbindung brachte drei Nachkommen hervor: zuerst Prinz Hypos, den man später als den wahnsinnigen Prinzen kannte – ein Mann mit ebenso scharfem Intellekt wie unberechenbarem Geist.  Drei Jahre nach ihm wurde Prinzessin Alarya geboren, die, kurz vor Verions Krönung, mit Giovanni Aldobrandini, dem Erben des Hauses Aldobrandini, vermählt wurde – ein weiterer geschickter politischer Schachzug, der die Bande zwischen den Familien verstärkte. Das jüngste Kind aus dieser Ehe war Prinz Tavil, dessen Name Kaiser Tavil IV zu ehren gewählt wurde. Doch Verion war kein Mann, der sich mit zwei Frauen zufriedengab. Er suchte mehr – sei es aus politischem Kalkül oder aus einer unersättlichen Sehnsucht nach etwas, das ihm noch immer fehlte. Und so nahm er, mittlerweile achtunddreißig, eine dritte Gemahlin: die fünfzehn Jahre jüngere Micy de Follar. Auch aus dieser Verbindung gingen drei Kinder hervor. Ihr erstgeborener Sohn, Prinz Ludwig, kam als siebter Sohn Verions zur Welt, ein potenzieller Erbe mit einer unbekannten Zukunft. Ihm folgten zwei Töchter – Julia und Maya Algavia – die bis heute unverlobt geblieben waren, zwei Damen von kaiserlichem Blut, deren Schicksal noch in der Schwebe lag, bereit, durch politische Ehen das Reich weiter zu formen. Drei Frauen. Zehn Kinder. Und ein Kaiser, der mehr als nur über ein Reich herrschte – er lenkte eine Dynastie, formte mit jeder Entscheidung die Zukunft, schuf Allianzen und Feindschaften zugleich. -------------------------------------------------------------------------- Isabella lächelte Varon an, ein Ausdruck warmer Nostalgie lag in ihren goldenen Augen. In ihrer Jugend hatten sie unzählige Stunden miteinander verbracht, ihre Gespräche waren endlos gewesen, ihre Neugier auf die Welt unersättlich. Doch dann war Verion in ihr Leben getreten – damals noch Kronprinz, voller Ambition und Charisma. Sie hatte sich in ihn verliebt, und Varon, der einst ihr Vertrauter gewesen war, war aus ihrer Welt verschwunden, an den Rand gedrängt von einer Liebe, die er nicht hatte aufhalten können. „Ist deine Verbannung aufgehoben?“ fragte sie sanft, doch ihre Stimme verriet, dass sie die Antwort bereits erahnte. Varon nickte, sein Lächeln kühl, beinahe amüsiert. „Zumindest vorübergehend“, erwiderte er trocken. „Dein Mann ist kein Narr – er wird Bedingungen gestellt haben. Vielleicht bin ich heute Abend schon wieder auf dem Weg in die Verbannung.“ Isabella öffnete den Mund, wollte ihm widersprechen, wollte vielleicht sagen, dass Verion sich geändert hatte, dass er eventuell erkannt hatte, welchen Fehler sein Vater begangen hatte – doch sie kam nicht dazu. Plötzlich wurde Varon mit roher Kraft nach hinten gerissen. Ein harter Griff packte ihn an der Schulter und zog ihn mit brutaler Leichtigkeit von Isabella weg. Er blickte auf und sah sich funkelnden, bernsteinfarbenen Augen gegenüber. Der breite Schädel, die dichten Fellbüschel an den Wangen und die kräftigen Pranken ließen keinen Zweifel zu: Vor ihm stand Bunj, der Kaiserliche Kopfgeldjäger – ein Chimp, ein Wesen mit der rohen Kraft eines Raubtiers und der Präzision eines Assassinen. „Varron“, knurrte Bunj, seine Stimme tief und kehlig. „Du solltest den Kaiserr nicht warrten lassen.“ Varon verzog kaum eine Miene. Sanft schüttelte er den Griff des Kopfgeldjägers ab und richtete sich auf, sein Mantel fiel wieder glatt über seine Schultern. Bevor er ging, warf er Isabella noch einen letzten Blick zu. „Wir unterhalten uns wann anders in Ruhe“, sagte er mit einer Stimme, die ruhiger klang, als er sich tatsächlich fühlte. Isabella nickte langsam und winkte ihm nach, während sich ein besorgter Ausdruck auf ihrem Gesicht breitmachte. „Pass auf dich auf, Varon.“ Bunj gab einen gutturalen Laut von sich, packte Varon erneut – diesmal fester – und machte einen gewaltigen Satz. Seine kräftigen Beine katapultierten ihn mit unnatürlicher Präzision zur nächsten weißen Mauer des Kaiserpalastes. Dann begann er mit erschreckender Geschwindigkeit nach oben zu klettern, seine Hände und Füße fanden mit einer instinktiven Leichtigkeit Halt in den kleinsten Vorsprüngen des Marmors. Varon, der auf seiner Schulter hing, wirkte fast wie eine Feder in den Armen des Chimps. Innerhalb weniger Sekunden hatte Bunj ein Fenster erreicht, kletterte hindurch und setzte Varon unsanft auf den Boden eines breiten Korridors ab. „Du kannst eintrreten, Varron“, brummte Bunj und wischte sich den Staub von seinen mächtigen Händen. „Du wirrst berreits errwarrtet.“ Varon richtete sich auf, glättete den Saum seines schwarzen Mantels und richtete seinen Blick auf die Tür vor sich. Dahinter wartete der Kaiser. Sein alter Freund. Sein alter Feind. Langsam hob er die Hand – und klopfte. -------------------------------------------------------------------------- „Komm doch herein, Varon“, erklang die Stimme des Kaisers, ruhig, aber mit einem Unterton, der keine Widerrede duldete. Varon öffnete die schwere Tür und trat ein. Der Raum war groß, aber drückend. Dunkelgraue Wände, schwarze Vorhänge, die das Licht des Tages fast gänzlich schluckten, und ein Teppich, so tiefschwarz, dass er fast den Eindruck erweckte, man stünde auf Nichts. Varon lächelte in sich hinein. Verion hatte sich in den letzten Jahrzehnten keinen Deut verändert. Schon früher hatte er die Empfangsräume seinem Gast anpassen lassen. Er trat näher, verneigte sich leicht und sprach mit höflicher Distanz: „Eure Majestät, ich bin erfreut über Eure Einladung.“ Verion erwiderte die Worte nicht sofort. Stattdessen musterte er Varon mit der ruhigen, kaiserlichen Gelassenheit, die er perfektioniert hatte. Schließlich deutete er auf einen Stuhl ihm gegenüber. „Setz dich, Varon“, sagte er schließlich, seine Stimme nun bestimmter. „Wir haben einiges zu besprechen.“ Varon ließ seinen Blick über die Anwesenden gleiten, während er sich setzte. In der Mitte des langen Tisches thronte der Kaiser selbst, seine Krone funkelte im schwachen Licht der silbernen Leuchter. Sein goldener Bart glänzte, akkurat gestutzt, jedes Haar an seinem Platz. Neben ihm saß Kaiserin Valetta, ihre dunklen Augen prüfend auf Varon gerichtet, ihr Mund eine schmale Linie.  Und dann war da noch Yang, die schweigende Leibwächterin, die wie ein Schatten hinter dem Stuhl der Kaiserin stand, regungslos, ihre dunklen Augen starr auf Varon gerichtet. Nicht einmal ihre Brust hob und senkte sich. Varon lehnte sich in seinem Stuhl leicht zurück, faltete die Hände vor sich auf den Tisch. „Ist das hier ein Verhör, Eure Majestät?“ fragte er mit einer Spur von Belustigung in der Stimme. „Nein, das ist es nicht“, entgegnete Verion sofort, ohne eine Spur von Zögern. „Ich habe entschieden, deine Verbannung aufzuheben. Allerdings erwarte ich dafür eine Gegenleistung.“ Natürlich. Varon unterdrückte ein Schmunzeln und ließ sich Zeit, seine nächsten Worte zu wählen. „Und was genau kann ich für Euch tun, Eure Majestät?“ „Wie du sicher weißt, wurde Randurin von Terroristen des Schwarzen Sterns erobert“, begann der Kaiser, während er sich leicht in seinem Stuhl zurücklehnte. „Im Gegenzug für deine Begnadigung wirst du die Stadt befreien – und die Rebellen zur Rechenschaft ziehen.“ Varon wusste bereits davon, doch die Frage blieb: Warum er? „Ich bin mir sicher, Ihr habt mächtigere Krieger und erfahrenere Heerführer in Eurem Dienst“, bemerkte er mit gespielter Unschuld. „Warum sollte ich mich darum kümmern?“ „Weil es eine Sache gibt, die diese Stadt so gefährlich macht, dass selbst meine besten Männer scheitern würden.“ Verion hielt kurz inne, um die Wirkung seiner Worte zu verstärken. „Die Boz.“ Varon runzelte die Stirn. Das Wort sagte ihm nichts. „Ich verstehe nicht, worauf Ihr hinauswollt.“ „Die Boz ist eine magische Waffe, die in Randurin jedes Ziel töten kann“, erklärte der Kaiser mit kalter Präzision. „Sie manipuliert die Körpertemperatur ihrer Opfer – wer in das Sichtfeld der Rebellen gerät, kann binnen Sekunden erfrieren oder verbrennen.“ Langsam zog ein Schmunzeln über Varons Lippen. Natürlich. Eine Waffe, die Lebende in einem einzigen Moment vernichten konnte – aber keine Macht über das hatte, was bereits tot war. Seine Armee aus Untoten würde unbehelligt bleiben. Selbst wenn einige von ihnen zerfielen, bedurfte es nur eines kurzen Zaubers, bis er neue hatte. „Also, Varon“, sagte Verion schließlich, und sein Blick wurde schärfer. „Was sagst du?“ Varon ließ sich einen Moment Zeit, sein Lächeln verschwand nicht. „Zunächst einmal“, begann er mit gespieltem Ernst, „möchte ich mich für diese große Ehre bedanken.“ Er sah dem Kaiser direkt in die Augen. „Aber was springt für mich dabei heraus? Ich würde nur ungern in ein paar Jahren wieder verbannt werden.“ Die Kaiserin verzog kaum merklich die Lippen. Yang zeigte keine Regung. Verion nickte, als hätte er diese Antwort erwartet. „Das Kaiserreich wird über deine Forschung hinwegsehen. Du wirst die Nekromantie frei erforschen können – ohne weitere Einmischung der Kirche oder der Akademie.“ Das war doch mal ein Angebot. Seit über fünfundzwanzig Jahren war seine Forschung gebrandmarkt, seine Werke verbrannt, sein Name aus den Registern der Akademie getilgt worden. Der damalige Kaiser, Tavil IV, hatte ihn vor die Wahl gestellt: die Nekromantie aufzugeben oder zu verschwinden. Varon hatte sich für die Verbannung entschieden – für seine Überzeugungen. Und nun bot ihm der Sohn des Mannes, der ihn einst verbannt hatte, genau das an, was ihm damals verwehrt worden war. „Ich akzeptiere Eure Bedingungen“, sagte er schließlich. „Ich nehme an, ich werde sofort aufbrechen?“ Der Kaiser erhob sich und streckte ihm seine Hand entgegen. „Genau. Bunj wird dich durch den Tiefenwald begleiten, dann trennt ihr euch. Ich freue mich, dass wir uns einig sind.“ Varon stand auf, erwiderte den Händedruck des Kaisers und verneigte sich leicht. „Ich danke Euch für Euer Vertrauen, Majestät.“ Dann drehte er sich um und verließ den Raum mit bedächtigen Schritten. Doch bevor er die Tür hinter sich schloss, ließ er mit einer kaum merklichen Handbewegung einen winzigen, schwarzen Käfer auf den Teppich fallen – einen untoten Diener, so klein, dass es fast unsichtbar war. Er musste wissen, was in diesem Raum noch gesagt wurde, nachdem er gegangen war. Ohne zurückzublicken, zog Varon die Tür hinter sich zu und verschwand in den dunklen Korridoren des Palastes. -------------------------------------------------------------------------- Ohne sich Zeit zu lassen, schlug Varon den Weg zu einer der Toiletten des Kaiserpalastes ein – ein diskreter, aber notwendiger Ort. Dort angekommen, schob er den schweren Riegel vor die Tür, lehnte sich an die kühle Steinwand und schloss die Augen. Mit einem gedanklichen Befehl aktivierte er die Verbindung zu seinem kleinen Diener. Sofort wurde sein Bewusstsein in eine andere Perspektive gezogen. Er sah nicht mehr mit seinen eigenen Augen, sondern durch jene des untoten Käfers, der nun reglos auf dem Boden des Thronsaals saß. Yang, das wusste Varon, konnte jeden Herzschlag, jeden fließenden Tropfen Blut in ihrem Umfeld wahrnehmen. Doch sein Diener war tot. Und somit für Yang unsichtbar. Die Welt wirkte verzerrt, Farben waren blasser, doch die Stimmen waren klar. Die Kaiserin stand nun direkt vor Verion, ihr Gesicht war angespannt, und ihre Augen funkelten vor Zorn. „Verion, Ihr wollt doch nicht wirklich diesen Mann ins Kaiserreich lassen? Der Hohepriester der großen Kamera wird das niemals gutheißen!“ Verion hob beschwichtigend die Hände, seine Stimme blieb ruhig. „Nein, Valetta, Liebes. Sobald er seinen Auftrag erfüllt hat, wird sich um ihn gekümmert werden. Ich brauche ihn nur für diese eine Sache.“ Die Kaiserin schnaubte verächtlich und ließ sich zurück in ihren Stuhl fallen. Ihre Miene war eine Maske aus Missbilligung, doch sie wusste wohl, dass ihre Worte den Kaiser nicht umstimmen würden. Yangs dunkle Augen waren noch immer auf Verions Gesicht gerichtet. Ihr Blick schien jede seiner Regungen zu durchdringen, als würde sie ihn wortlos analysieren, beurteilen. Doch sie sagte nichts. Der Kaiser seufzte leise, als würde das Gewicht der Entscheidung ihm doch mehr zusetzen, als er sich eingestehen wollte. „Ich hätte ihn nie zurückgeholt, wenn ich eine bessere Option gehabt hätte“, murmelte er schließlich. Dann hob er den Kopf und sah Valetta an. „Aber wie du weißt, kann ich weder Hypos noch Aragi vertrauen.“ Valetta zog scharf die Luft ein, doch sie erwiderte nichts mehr. Mit einem stummen Befehl ließ Varon seinen kleinen Spion zerfallen. Der untote Käfer verwandelte sich in einen Hauch von Staub, der unsichtbar mit einem Lufthauch verflog. Varon öffnete seine Augen. Sein Körper war zurück in der engen Kammer der Toilette, doch sein Geist war hellwach. Der Kaiser wollte ihn benutzen und anschließend entsorgen. Mit schnellen Schritten verließ er den Palast. Sein Mantel wirbelte leicht auf, als er in die kühle Nacht hinaustrat, und sein Blick war bereits auf sein nächstes Ziel gerichtet: die Unterkunft der Kaiserlichen Kopfgeldjäger. Verion glaubte, er könnte ihn kontrollieren? Betrügen? Ausnutzen? Vielleicht war es an der Zeit, sich nach neuen Verbündeten umzusehen. Vielleicht hatten die Rebellen bessere Argumente als der Kaiser. Varon schmunzelte in sich hinein. Die Toten waren geduldig.

  • Kapitel 135 - Die neuen Herrscher von Randurin

    Ralf ließ seinen Blick über die versammelten Rekruten schweifen, während er die Hände hinter dem Rücken verschränkte. Die Gruppe war gewachsen. Mehr als vierzig Männer und Frauen standen nun in den Reihen, darunter kampferprobte Veteranen und blutige Anfänger.  Jeder von ihnen hatte eine Geschichte, eine Bürde, die ihn hierhergeführt hatte. Sie kamen aus den verschiedensten Ecken Randurins – ehemalige Tagelöhner, Bauern, enteignete Händler, verarmte Adelige und geflohene Soldaten.  Doch trotz all ihrer Unterschiede einte sie eine gemeinsame Wahrheit: Sie hatten das Kaiserreich satt. Sie hatten satt, den Befehlen eines Adels zu folgen, der sie wie Werkzeuge behandelte. Sie hatten satt, als entbehrliche Zahnräder in einer gigantischen Mühle gesehen zu werden, die sich nur für den Wohlstand der wenigen an der Spitze drehte. Und nun standen sie hier. Einige mit angespannten Kiefern, andere mit nervösen Händen, die sich unbewusst an ihren Waffen klammerten. Doch in ihren Augen – in allen von ihnen – brannte eine Entschlossenheit, die Ralf nur allzu gut kannte. Er erinnerte sich an die Worte, die Liam ihm in Malyl einst gesagt hatte: „In den Herzen aller Bürger glüht ein Funke. Sie wollen sich gegen die Ordnung stellen und Missstände bekämpfen. Es ist unsere Aufgabe, diese Funken zu entzünden und die Flammen, die dann in jedem einzelnen lodern, zu einem großen Flächenbrand zusammenzuführen.“ Diese Worte hatten ihn damals bewegt. Sie taten es noch immer. Doch was Ralf nicht aussprechen wollte – nicht vor diesen Rekruten, nicht vor seinen neuen Vertrauten – war, dass er Liam vermisste. Er wünschte sich, sein Freund und Anführer wäre hier, um diese Stadt in eine neue Zukunft zu führen. Doch Liam war fort. Und so lastete nun die Bürde der Führung auf Ralfs Schultern, schwer wie eine Eisenkette. Trotzdem war er nicht allein. Sein Blick blieb an drei bestimmten Rekruten hängen – Männern, die in den vergangenen Wochen bewiesen hatten, dass sie mehr waren als einfache Kämpfer. Roman. Der Schmied mit den breiten Schultern und dem ruhigen Blick, dessen massiver Hammer nicht nur ein Werkzeug, sondern eine Waffe war. Er war kein Stratege, kein Soldat, doch er verstand Disziplin und Ordnung. Seit er sich dem Schwarzen Stern angeschlossen hatte, hatte er sich instinktiv um die Ausbildung der Neulinge gekümmert, ihnen beigebracht, wie man mit einem Schwert kämpfte, wie man die eigene Kraft einsetzte. Er war klug und zuverlässig, jemand, auf den Ralf sich verlassen konnte. Dann war da Kurr, der Lupid – wild, ungezähmt, unberechenbar. Seine Bewegungen erinnerten an ein Raubtier auf der Jagd, sein Kampfstil war brutal und gnadenlos. Doch ebenso oft, wie er seine Gegner niederstreckte, verletzte er aus Versehen seine eigenen Verbündeten. Kurr war eine Waffe, aber eine, die man mit Vorsicht führen musste. Doch wenn man ihn gezielt einsetzte, wenn man ihn dort entfesselte, wo Chaos notwendig war, dann war er unaufhaltsam. Und schließlich Azoph. Ein Drachar, ein Magier. Azoph sprach wenig, doch seine Worte waren durchdacht, seine Anwesenheit beruhigend. Seine starke Magie machte ihn zu einem wichtigen Verbündeten, doch für Ralf war er mehr als das. Er war jemand, mit dem er sich beraten konnte. Jemand, der verstand, was es bedeutete, an der Spitze zu stehen. „Hast du noch etwas hinzuzufügen, Hauptmann Ralf?“ fragte Roman, nachdem er die Verteilung der Wachposten besprochen hatte. Seine Stimme war ruhig, aber in seinen Augen glomm Stolz. Ralf ließ einen Moment verstreichen, als würde er überlegen, doch er wusste bereits, dass Roman alles gesagt hatte, was nötig war. „Nein, du hast das gut ausgeführt“, erwiderte er. Seine Stimme war fest, aber nicht hart. Er wusste, dass er sich auf Roman verlassen konnte. Und das war eine Erleichterung. Roman nickte knapp, sichtlich zufrieden mit der Anerkennung, und wandte sich wieder den Rekruten zu. Während er weitere Anweisungen gab, drehte sich Ralf um und machte sich auf den Weg zur Herzogsburg. Die Straßen Randurins waren lebendig, doch sie zeigten eine angespannte Unruhe. Die Bürger hatten sich noch nicht an die neue Herrschaft gewöhnt. Ralf konnte es ihnen nicht verübeln. Frühere Herzoge hatten zu oft ihre Versprechen gebrochen. Doch der Unterschied diesmal war: Er war nicht hier, um sich eine Krone aufzusetzen. Als er die Burg betrat, die nun sein neuer Sitz war, spürte er erneut das Gewicht der Verantwortung auf seinen Schultern. Doch anders als an den Tagen zuvor, fühlte sich dieses Gewicht heute leichter an. -------------------------------------------------------------------------- Ralf betrat den Saal der Boz mit entschlossenen Schritten, sein Blick scharf und prüfend. Der Raum war kaum beleuchtet, doch das matte Glühen der Runen auf der massiven Waffe reichte aus, um die beiden Frauen zu erkennen, die an ihrer Seite Wache hielten. Elina und Marry – zwei Schwestern, die einst als Dienerinnen eines Adligen gearbeitet hatten, nun aber die gefährlichste Waffe des Schwarzen Sterns bewachten. Elina saß auf einer einfachen Holzbank, ihre Hände ruhten locker auf ihrem Schoß, doch Ralf erkannte an der angespannten Haltung ihres Körpers, dass sie jederzeit bereit war, zu handeln. Marry stand neben ihr, ein Buch in der Hand, doch ihre Augen waren nicht auf die Seiten gerichtet. Sie musterte ihn aufmerksam, als er nähertrat. Die Schwestern wechselten sich mit dem Schlafen ab. Wenn es dunkel wurde schlief Elina, Marry blieb wach, bereit, die Boz zu nutzen, sollte das Kaiserreich eine Rückeroberung starten. Sobald die Sonne aufging, wechselten sie. Vom Mittag bis zum Abend waren sie beide wach. „Geht es euch gut?“ fragte Ralf mit leiser Besorgnis in der Stimme. „Braucht ihr irgendetwas?“ Marry hob eine Augenbraue und warf ihm ein amüsiertes Lächeln zu. „Wenn wir etwas brauchen, dann sagen wir es“, erwiderte sie mit einer Ruhe, die sie sich in den letzten Wochen antrainiert hatte. „Azoph versorgt uns regelmäßig mit allem Notwendigen“, fügte Elina hinzu. „Essen, Wasser, Bücher. Wir haben alles, was wir brauchen.“ Ralf nickte, zufrieden mit der Antwort. Er wusste, dass Azoph sich um sie kümmerte. Der Drachar war nicht nur ein fähiger Magier, sondern auch ein stiller, aber unermüdlicher Organisator, der die Stadt am Laufen hielt, während Ralf sich um die militärischen Angelegenheiten kümmerte. „Ihr macht einen guten Job“, sagte Ralf anerkennend. Seine Stimme war fest, doch er meinte es ehrlich. „Ohne euch wäre das hier nicht möglich.“ Marry grinste, während Elina lediglich ein knappes Nicken zeigte. Die Schwestern verstanden die Bedeutung ihrer Aufgabe, aber sie verlangten keine Anerkennung. Sie taten, was getan werden musste. Doch Ralf konnte es sich nicht leisten, lange hier zu verweilen. Er hatte noch eine andere Angelegenheit zu klären. Er wandte sich zur Treppe, die in die unteren Bereich der Herzogsburg führte, und stieg langsam hinab. Die Luft wurde kühler, feuchter, und mit jedem Schritt wurde die Dunkelheit dichter. Nur das matte Licht der Fackeln an den Wänden erhellte den steinernen Gang, der sich immer tiefer in den Boden zog. Unten angekommen, hielt Ralf für einen Moment inne. Der Kerker war still. Eine bedrückende Stille, die sich schwer auf die Brust legte. Er ging weiter, seine Schritte hallten auf dem kalten Steinboden wider. Schließlich erreichte er die kleine Zelle, in der Kronprinz Sebastian gefangen gehalten wurde. Der einst so stolze und arrogante Prinz saß auf dem feuchten Boden, sein Rücken gegen die kalten Eisenstangen gelehnt. Sein Gesicht war blass, seine Wangen eingefallen, sein dunkles Haar verfilzt. Die Kleider, die er trug waren zerknittert, fleckig und schmutzig. Ralf blieb vor der Zelle stehen und ließ seinen Blick über den Gefangenen gleiten. Am Anfang hatten sie Sebastian noch in einem normalen Zimmer eingesperrt. Doch nachdem er versucht hatte, eine Bürgerin, die ihm Essen brachte, zu töten, hatten sie ihn in den Kerker verlegt. Er kam bei der Zelle an, der Kronprinz saß vor ihm. Sein Gesicht wirkte fahl und eingefallen. Von seiner Überheblichkeit und seiner Arroganz war nichts mehr übrig. Vielleicht würde Ralf ja heute etwas Neues erfahren. -------------------------------------------------------------------------- Ralf empfand keine Genugtuung dabei, ihn so zu sehen – doch Mitleid? Das verspürte er ebenso wenig. Was er hier vor sich hatte, war nicht ein Mann, sondern ein Symbol. Ein Symbol der Macht, die das Kaiserreich verkörpert, nun eingesperrt in einer feuchten Zelle, reduziert auf einen Spielstein in einem viel größeren Spiel. „Wie geht es dir heute, Prinz?“ fragte Ralf schließlich, seine Stimme war nüchtern, fast beiläufig, als ob es sich um eine belanglose Floskel handelte. Doch der Unterton in seinen Worten war spöttisch, distanziert – er erwartete keine ehrliche Antwort, ebenso wenig wie er daran glaubte, dass Sebastian sie geben würde. Der Prinz hob träge den Kopf, sein Blick war leer, als würde er durch Ralf hindurchsehen. Ein Schatten huschte über seine Züge, eine Mischung aus Müdigkeit und Gleichgültigkeit. Dann zuckte er leicht mit den Schultern. „Hat das irgendeine Bedeutung?“ fragte er, seine Stimme rau, brüchig – nicht von Schwäche, sondern von Resignation. Ralf betrachtete ihn einen Moment schweigend. Das war es also. Keine Wut, keine Forderungen nach seiner Freilassung, nicht einmal der Stolz, der ihn sonst stets begleitet hatte. Nur eine Leere, die ihn von innen heraus verzehrte. „Das hängt von dir ab“, sagte Ralf schließlich, sein Tonfall geschäftsmäßig. „Ich habe dir bereits mehrfach angeboten, dich in eine vernünftige Unterkunft zu verlegen. Ein richtiges Bett, eine ordentliche Mahlzeit. Alles, was du tun musst, ist kooperieren.“ Sebastian lachte leise, ein heiseres, bitteres Geräusch, das in der Dunkelheit des Kerkers nachhallte. Es war nicht das Lachen eines Mannes, der etwas amüsant fand, sondern das eines Mannes, der nichts mehr hatte, das ihn kümmerte. „Kooperieren…?“ wiederholte er langsam, als würde er das Wort kosten. Dann lehnte er sich gegen die feuchten Steinwände, ließ den Kopf leicht zur Seite kippen und sah Ralf mit einem Ausdruck an, der vage an ein Lächeln erinnerte. „Für ein warmes Bett?“ Er schüttelte den Kopf, als wäre das Angebot nicht einmal der Mühe wert, es zu überdenken. „Das Prinzenspiel habe ich in dem Moment verloren, in dem mich Hypos besiegt hat“, fuhr er fort, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Alles andere ist nur noch… das letzte Zittern eines Mannes, der ohnehin nicht mehr existiert.“ Ralf beobachtete ihn schweigend. Für einen kurzen Moment hatte er den Impuls, weiter auf ihn einzureden, ihn zu provozieren, ihn dazu zu bringen, irgendetwas zu fühlen. Wut, Stolz, Ehrgeiz – irgendetwas, das zeigte, dass er noch lebte. Doch stattdessen war da nur diese kühle Gleichgültigkeit, als wäre Sebastian bereits halb in einer Welt, die nichts mehr mit dieser hier zu tun hatte. Ralf schnaubte leise und schüttelte den Kopf. „Dann verschwendest du nur meine Zeit.“ Er wandte sich ab, ließ den Prinzen in seiner Zelle zurück und begann, die Treppen hinaufzusteigen. Seine Schritte hallten durch den engen, kalten Gang, das einzige Geräusch in der bedrückenden Stille des Kerkers. Je weiter er sich von der Dunkelheit entfernte, desto wärmer wurde die Luft. Doch die Kälte, die sich tief in seine Gedanken gegraben hatte, blieb. -------------------------------------------------------------------------- Ralf stand auf dem hohen Turm der Herzogsburg, die Hände auf das kalte Steinwerk gestützt, während sein Blick über die schneebedeckte Landschaft wanderte. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne tauchten die Welt in warme Orange- und Rottöne, die sich auf der glatten Oberfläche der Bucht spiegelten. Es war ein atemberaubender Anblick – einer, den man in friedlicheren Zeiten vielleicht hätte genießen können. Doch Ralf wusste, dass dieser Frieden trügerisch war, ein Moment der Stille vor dem Sturm. Noch wehten keine kaiserlichen Banner im Wind, noch war Randurin unberührt von der Welle der Gewalt, die kommen würde. Aber sie würde kommen. Das war so sicher wie der Wechsel von Tag und Nacht. Er ließ seinen Blick über die Stadt schweifen. Die Brandnarben, die Nidhogg ihr zugefügt hatte, waren oberflächlich verheilt, die meisten Gebäude wiedererrichtet, doch die Erinnerung an das Feuer, das einst die Straßen verschlungen hatte, war nicht so leicht zu tilgen.  Das Leben war zurückgekehrt, das Lachen der Kinder hallte wieder durch die Gassen, und die Märkte waren belebter als noch vor einigen Wochen. Doch Ralf konnte die unterschwellige Spannung spüren – eine ständige Wachsamkeit, die über der Stadt lag wie ein unsichtbares Netz. Die Menschen hatten sich mit ihrem neuen Leben arrangiert, doch in ihren Augen lag die Frage, die sich alle stellten, aber kaum jemand aussprach: Wie lange noch? Seine Aufmerksamkeit glitt zum Handelshafen. Die kaiserliche Marine kontrollierte mittlerweile große Teile der Seerouten, und der einst geschäftige Umschlagplatz war fast leer. Nur wenige Schiffe kamen der Stadt nahe – verbündete Händler aus Arkan, die weit genug vom Einfluss der Krone entfernt waren, um ihnen zu helfen.  Auf hoher See wurden heimlich Güter ausgetauscht: Waffen und Gold für Nahrung, Kleidung und Rohstoffe. Solange dieser Handel aufrechterhalten wurde, konnte Randurin durchhalten. Doch wie lange würde das gut gehen, bevor das Kaiserreich ihre Versorgungslinien vollständig abschnitt? Er strich sich mit einer Hand übers Gesicht und atmete tief die kühle Luft ein. Zumindest war Randurin nicht schutzlos. Die unterirdischen Kornkammern der Stadt waren prall gefüllt – über ein Jahr konnten sie durchhalten, vielleicht sogar länger, wenn die Rationen klug eingeteilt wurden. Der Fischreichtum in der Bucht war eine weitere Lebensader, die sie versorgte. Und doch – Nahrung war nicht das Einzige, was eine Stadt am Leben hielt. Hoffnung war es, was die Menschen brauchten. Einen Grund, weiterzumachen. Doch Ralf fragte sich, wie lange auch das noch reichte. Seine Gedanken wanderten weiter, hinaus über das Meer, hinaus über die gefrorene Eiswüste, bis zum Horizont. Wann würde Unterstützung kommen? Würde sie überhaupt kommen? Waren sie auf sich allein gestellt? Die Zweifel nagten an ihm, dunkle Stimmen in seinem Inneren, die er nur mit Mühe zum Schweigen brachte. Wenn er nicht mehr an ihre Sache glaubte, wer dann? Er ballte die linke Faust und hob sie leicht, als würde er einen stummen Schwur sprechen. Er durfte nicht zweifeln. Nicht jetzt, nicht hier. Die Menschen zählten auf ihn, auf den Schwarzen Stern, auf ihren Widerstand. Es gab kein Zurück, nur den Weg nach vorn. Die Sonne versank langsam hinter dem Horizont, und der Himmel färbte sich von warmem Gold zu tiefem Violett. Der Wind wurde kälter, biss ihm ins Gesicht, während die ersten Sterne am dunkler werdenden Himmel zu funkeln begannen. Ralf blieb noch einen Moment stehen, lauschte dem leisen Rauschen des Windes. Dann atmete er tief durch, schloss für einen Moment die Augen – und als er sie wieder öffnete, war seine Entschlossenheit stärker denn je. Egal, was kam. Weder sein Willen, noch Randurin würden brechen.

  • Kapitel 134 - Der Preis auf ihren Köpfen

    Theol überreichte dem Grafen den schweren Sack mit Gold, seine Bewegungen ruhig und kontrolliert, als wäre dies nicht einfach nur ein Geschäft, sondern ein Ritual, das mit größter Präzision ausgeführt werden musste. Das Leder des Beutels knirschte leise unter seinem Griff, und als er ihn in die Hände von Graf Lukas Riederberg legte, klirrten die Münzen leise aneinander. Der Graf wog den Sack kurz in der Hand, ein zufriedenes Lächeln zog über seine Züge. Seine schmalen Augen funkelten gierig. „Es war ein Vergnügen, mit Ihnen Geschäfte zu machen“, sagte er, und seine Stimme trug eine höfliche Freundlichkeit, die jedoch nicht über die tieferliegende Arroganz hinweg täuschen konnte. „Das Waisenhaus wird gebaut, wie vereinbart. Sie haben mein Wort.“ Theol erwiderte den Blick des Grafen regungslos. Er hatte kein Interesse an Nettigkeiten, kein Bedürfnis nach Bestätigung. Worte waren für ihn nichts als leere Hüllen, und Versprechen – selbst die eines Grafen – waren nur so viel wert, wie die Angst vor den Konsequenzen eines Wortbruchs. Er nickte knapp, dann wandte er sich um und verließ den Burgfried. Seine Schritte hallten auf dem kalten Steinboden wider, während er durch die dunklen Gänge der Burg schritt. Der Geruch von Rauch und altem Holz hing in der Luft, ein vertrauter Duft, der ihn an vergangene Zeiten erinnerte – an andere Burgen, andere Grafen, andere Abmachungen, die mit Gold besiegelt wurden. Doch heute war er nicht hier, um zu verhandeln oder Schlachten zu schlagen. Heute hatte er nur eine Aufgabe erfüllt. Draußen schlug ihm der kalte Herbstwind entgegen, eine willkommene Erfrischung nach der stickigen Enge der Burg. Er atmete tief ein, spürte die kühle Luft auf seinen Schuppen und ließ den Blick über die weite Landschaft schweifen. Die Hügel und Wälder lagen in warmen Rottönen unter dem sanften Licht der Nachmittagssonne. Die Blätter wirbelten im Wind, ein Zeichen des Wandels, des nahenden Winters. Doch Theol beachtete die Schönheit der Natur kaum. Seine Gedanken waren woanders. „Was nun?“ murmelte er leise, mehr zu sich selbst als zu irgendjemandem. Er hatte getan, was von ihm verlangt worden war. Liams Auftrag war erfüllt, Roxy und Fer hatten ihre letzte Ehre erhalten. Doch was nun? Sollte er nach Randurin reisen, um zu sehen, ob Liam seine Mission erfolgreich abgeschlossen hatte? Oder gab es etwas anderes, das er tun konnte? Etwas, das ihn nicht nur von einer Aufgabe zur nächsten trieb, sondern einen echten Sinn ergab? Er beschloss, dass er darüber erst nachdenken würde, wenn sein Kopf nicht mehr so müde war. Zunächst brauchte er eine Pause – etwas, das sich wie Normalität anfühlte. Wielenstein lag nur wenige Stunden entfernt, eine ruhige Kleinstadt, deren Tavernen für gutes Essen und anständigen Wein bekannt waren. Vielleicht würde ein heißer Eintopf und ein Becher Rotwein helfen, seine Gedanken zu ordnen. Mit dieser Entscheidung drehte er sich um und schritt zu seinem Pferd, das unweit der Burg in einem überdachten Stall auf ihn wartete. Ein junger Stallbursche stand daneben, das Tier am Zügel haltend, während er nervös mit den Füßen scharrte. Als er Theol kommen sah, trat er eilig zurück und senkte den Blick – eine Mischung aus Respekt und Unsicherheit in seinen Bewegungen. „Euer Pferd ist bereit, Herr“, murmelte der Junge und reichte ihm die Zügel. Theol nahm sie wortlos entgegen und legte eine Hand auf den warmen Hals des Tieres. Sein Ross war kräftig gebaut, sein senfbraunes Fell glänzte im Licht der untergehenden Sonne. Das Tier schnaubte leise und scharrte mit den Hufen, als wollte es zeigen, dass es längst bereit war. „Komm, Junge“, sagte Theol leise, während er sich geschmeidig in den Sattel schwang. „Wir haben eine Reise vor uns.“ Mit einem leichten Druck seiner Beine setzte sich das Pferd in Bewegung. Der Kies knirschte unter den Hufen, während sie die Anhöhe hinunterritten, weg von der Burg und hinein in die offene Landschaft. Die Straßen im Norden des Herzogtums Inhantes waren einsam, nur das leise Rascheln der Blätter im Wind und das rhythmische Klappern der Hufe begleiteten ihn. Der Himmel verfärbte sich langsam zu tiefem Orange und Rosa, während die Sonne hinter den Hügeln verschwand. Theols Gedanken wanderten, während er ritt. Er dachte an Liam und Ralf, an die Schatten der Vergangenheit und an die ungewisse Zukunft. Doch für den Moment ließ er sich von diesen Gedanken nicht einholen. Heute würde er einfach reiten. Heute würde er eine warme Mahlzeit und einen guten Wein genießen. Morgen… morgen würde er sich um alles andere kümmern. Die Zukunft konnte warten. -------------------------------------------------------------------------- ,,Einen Becher mit Wein und einen Rotwildeintopf bitte’’, rief Theol der Wirtin zu. ,,Kommt sofort’’, gab sie lächelnd zurück. Theol ließ sich auf einen der massiven Holzstühle fallen, der unter seinem Gewicht leicht knarrte. Er streckte die Beine aus, lehnte sich gegen die Rückenlehne und ließ seinen Blick träge durch die Taverne wandern.  Der Raum war schlicht, aber funktional eingerichtet – Tische und Stühle aus dunklem Holz, bereits von Jahren des Gebrauchs gezeichnet. An den Wänden hingen Jagdtrophäen, verstaubte Wappen und alte Pergamente, die längst vergessen schienen. Der Geruch von gebratenem Fleisch, würzigen Eintöpfen und kaltem Bier lag schwer in der Luft, vermischt mit dem leichten, aber unverkennbaren Duft von Kaminrauch. Nur wenige Gäste hielten sich hier auf. In einer dunklen Ecke saßen zwei Männer, bereits deutlich angeheitert, die mit rauen Stimmen über einen alten Streit schimpften, während ihre Hände in betrunkenem Übermut immer wieder drohten, ihre Becher umzukippen. Ein Stück weiter saß ein Elf mit silbernem Haar, vertieft in ein vergilbtes Buch, als wäre er allein in diesem Raum. Die Welt rings um ihn existierte nicht – nur die Zeilen vor ihm. Theols Aufmerksamkeit wurde jedoch auf etwas anderes gelenkt. Direkt neben ihm hing ein Korkbrett, an das mehrere vergilbte Steckbriefe geheftet waren. Er beugte sich leicht vor, um die grob gezeichneten Gesichter besser zu erkennen. Die große, fett gedruckte Überschrift war unmissverständlich: ,,Terroristen gesucht. Jeder Hinweis der zu der Beseitigung einer dieser Leute führt wird mit einem niederen Adelstitel und einer Belohnung von hundert Goldmünzen vergolten.’’ Darunter prangte das Symbol des Schwarzen Sterns – ein Amulett im Hintergrund, ein schwarzer Stern davor, und ganz vorne eine goldene Faust. Ein vertrautes Zeichen. Ein Zeichen seiner Verbündeten. Sein Herz schlug schneller, als seine Augen über die Namen glitten: ,,Ralf Tersten - Hauptmann des Schwarzen Sterns. Vermeintlicher Aufenthaltsort: Randurin.’’ ,,Liam Valleri - General des Schwarzen Sterns. Vermeintlicher Aufenthaltsort: Randurin.’’ ,,Pala der Meris - Hauptmann des Schwarzen Sterns. Vermeintlicher Aufenthaltsort: Unbekannt.’’ ,,??? - Stellvertretender Anführer des Schwarzen Sterns. Vermeintlicher Aufenthaltsort: Unbekannt.’’ ,,??? - Anführerin des Schwarzen Sterns. Vermeintlicher Aufenthaltsort: Unbekannt.’’ Theol sog langsam die Luft ein, sein Blick verweilte auf den Namen und Gesichtern, die er kannte. Liam und Ralf. Seine engsten Vertrauten. Die Männer, mit denen er gekämpft, getrunken und Blut vergossen hatte. Männer, die sich nicht verstecken sollten, sondern auf goldenen Sockeln stehen müssten. Und dann waren da noch die unbekannten Namen. Pala der Meris? Nie gehört. Wer war diese Person? Und noch wichtiger – der Stellvertreter? Er wusste, dass Prinzessin Nara die Anführerin des Schwarzen Sterns war, aber ihre Identität schien dem Kaiserreich noch immer ein Rätsel zu sein. Das war gut. Die Belohnung war hoch. Ein Titel und hundert Goldmünzen. Das bedeutete, dass sie eine ernsthafte Bedrohung darstellten. Plötzlich wurde er aus seinen Gedanken gerissen. ,,Es ist erschreckend, was für Leute unter uns leben, oder?’’  Die Stimme gehörte der Wirtin, die sich neben ihn gestellt hatte, einen dampfenden Teller Eintopf in der Hand, den sie vor ihm auf den Tisch stellte. Ihr Gesicht war freundlich, aber ihr Blick war scharf, abwartend. Sie war eine stämmige Halbriesin, breitschultrig und kräftig, mit dunklem Haar, das sie zu einem dicken Zopf geflochten hatte. Trotz ihrer rauen Erscheinung wirkte sie nicht unfreundlich. Theol nickte nur leicht, ohne den Blick von den Steckbriefen zu nehmen. Erschreckend, ja. Aber nicht aus dem Grund, den die Wirtin meinte. „Man weiß nie, wer sich hinter einer freundlichen Maske verbirgt“, fuhr sie fort, während sie ein hölzernes Tablett abstellte. Darauf stand ein Becher Rotwein. Theol schnaubte leise, eine leere Bestätigung, die weder Zustimmung noch Widerspruch bedeutete. „Ja, erschreckend“, erwiderte er mit ruhiger Stimme, bedacht darauf, nicht mehr zu sagen als nötig. Die Wirtin musterte ihn noch einen Moment. Doch dann zuckte sie nur mit den Schultern. „Genießt das Essen. Falls Ihr noch etwas braucht, sagt mir Bescheid.“ Mit diesen Worten drehte sie sich um und ließ ihn allein. Theol betrachtete den dampfenden Teller vor sich. Der Eintopf duftete nach Rotwild, Kräutern und einem Hauch von Lorbeer. Seine Gedanken hingen noch immer an den Namen auf dem Steckbrief. Randurin. Liam und Ralf waren dort. Bedeutete das, dass sie in Gefahr waren? Oder hatten sie die Stadt bereits unter Kontrolle? -------------------------------------------------------------------------- Theol stellte den leeren Becher mit einem dumpfen Geräusch auf den Tisch und strich sich über das Gesicht. Der Wein hatte seine Kehle angenehm gewärmt, doch die Müdigkeit lastete schwer auf seinen Schultern. Die Strapazen der letzten Tage hatten Spuren hinterlassen, und alles in ihm verlangte nach Schlaf. Er stand auf und trat zur Theke. Die Wirtin, die Halbriesin mit den kräftigen Armen und dem aufmerksamen Blick, musterte ihn kurz, als er näher kam. „Ein Zimmer für die Nacht“, sagte er knapp. Seine Stimme klang ruhig, aber bestimmt. Sie nickte, nahm die Münzen entgegen und warf einen prüfenden Blick darauf, als könnte sie daran erkennen, was für ein Mann vor ihr stand. Doch sie fragte nicht weiter, sondern griff nach einem kleinen Schlüssel und schob ihn über den Tresen. „Zimmer drei, oben rechts“, sagte sie. „Schlaft gut.“ Theol nahm den Schlüssel, nickte dankend und machte sich auf den Weg zur Treppe. Die Holzstufen knarrten unter seinem Gewicht, und als er den Flur erreichte, roch die Luft nach trockenem Stroh und altem Holz. Er öffnete die Tür zu seinem Zimmer und trat ein. Der Raum war schlicht, aber sauber. Ein kleines Bett mit einer groben Wolldecke, ein Tisch mit einem hölzernen Stuhl, eine schmale Kommode. An der Wand hing eine alte Öllampe, die ein warmes, flackerndes Licht warf. Durch das kleine Fenster konnte er die dunkle Straße von Wielenstein sehen – leer, bis auf ein paar flackernde Laternen, die den Kopfsteinpflasterweg in ein gespenstisches Licht tauchten. Er ließ sich auf das Bett sinken, seufzte tief und zog sein Schwert aus der Scheide. Mit einer geübten Bewegung lehnte er es gegen die Wand neben sich. Eine Angewohnheit aus Zeiten, in denen er nie sicher schlafen konnte. Die Klinge musste immer griffbereit sein. Gerade als er sich zurücklehnen wollte, durchbrach ein Geräusch die Stille. —KLOPF— —KLOPF— Sein Körper spannte sich augenblicklich an. Sein Herz schlug schneller, seine Finger glitten wie von selbst zum Griff seines Schwertes. „Du bist doch Theol, oder?“ Die Stimme klang gedämpft durch die Tür, ruhig, aber bestimmt. Keine Unsicherheit, kein Zögern. Theol schloss kurz die Augen. Nicht gut. Er griff das Schwert fester und richtete sich auf, stellte sich neben die Tür, bereit, jeden, der hereinkam, mit einer gezielten Bewegung niederzustrecken. Seine Gedanken rasten. War es ein Soldat? Ein Spion des Kaisers? Jemand, der ihn bereits durchschaut hatte? Er atmete einmal tief durch. „Wer fragt danach?“ Seine Stimme war hart, scharf wie eine frisch geschärfte Klinge. Für einen Moment herrschte Stille. Dann kam die Antwort. „Ein Freund“, sagte die Stimme. „Liam hatte mir geschrieben, dass du hier in der Gegend sein würdest.“ Liam? Sein Griff um das Schwert lockerte sich leicht, doch sein Instinkt hielt ihn wachsam. Es konnte immer noch eine Falle sein. Er rief zurück: ,,Komm rein.’’ Die Tür öffnete sich langsam. Der Mann, der eintrat, war mittelgroß, mit breiten Schultern und einem selbstsicheren Gang. Seine blonden Haare waren kurz geschnitten, und ein leichtes Lächeln lag auf seinen Lippen – ein Lächeln, das freundlich wirkte. Sein Mantel war schlicht, ein gewöhnliches Reisendengewand, doch Theol erkannte auf den ersten Blick, dass dieser Mann nicht irgendein einfacher Reisender war. Er war jemand, der eindeutig ein Adliger war, oder jemand, der viel Zeit unter dem Adel verbracht hatte. „Wer bist du?“ fragte er kalt. Der Fremde hob beschwichtigend die Hände. Seine Bewegungen waren ruhig, kontrolliert – die eines Mannes, der sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen ließ. „Ich bin der Mann von Nara“, sagte er schließlich. Theol blinzelte. Das Lächeln des Mannes wurde ein wenig breiter, als er die Verwirrung in Theols Blick bemerkte. „Leandro di Lorenzo.“

  • Kapitel 133 - Der Mann mit den leeren Augen

    Der Schnee peitschte unaufhörlich durch die Luft, getrieben von einem eisigen Wind, der unbarmherzig über die weite Landschaft fegte. Die klirrende Kälte kroch durch Jakiras Mantel, biss sich durch das dicke Fell, als würde sie sich mit frostigen Klauen an ihr festklammern. Sie zog den Kragen höher, doch es war vergebens – die Kälte hatte längst ihren Weg in ihre Knochen gefunden. Die Welt um sie herum war in endloses Weiß getaucht. Die Nadelbäume am Straßenrand standen wie starre Schatten, ihre Äste schwer unter der Last des Schnees. Keine Bewegung, keine Geräusche – nur der Wind, der leise durch die Nadeln säuselte und das monotone Trommeln von Himmels Hufen auf dem gefrorenen Boden. Himmel ritt unermüdlich weiter, Schritt für Schritt durch das winterliche Nirgendwo, als könne ihn nichts aufhalten. Jakira ließ sich tiefer in den Sattel sinken, schmiegte ihr Gesicht an seine warme Mähne und atmete seinen mittlerweile vertrauten Duft ein – ein schwacher Trost inmitten der erbarmungslosen Kälte. Ihre Glieder fühlten sich schwer an, müde von der langen Reise, doch sie durfte jetzt nicht nachlassen. Nicht jetzt, wo ihr Ziel so nahe war. Kartaffel. Allein der Gedanke an die Festungsstadt gab ihr neue Kraft. Sie stellte sich vor, wie sie durch die Tore ritt, wie sie in der warmen Stube eines Gasthauses saß, umgeben von knisterndem Feuerholz, einem dampfenden Becher Tee in den Händen.  Dann glitten ihre Gedanken zu Liam. Wie es ihm wohl ging? Ob er stolz auf sie war? Sie hatte seine Stimme so lange nicht mehr gehört, seine Nähe nicht mehr gespürt. Wie lange es wohl dauern würde, bis sie sich wiedersehen konnten? Ein Zittern durchlief sie, doch diesmal hatte es nichts mit der Kälte zu tun. Dann endlich, nach einer scheinbaren Ewigkeit, tauchte vor ihr eine dunkle Silhouette im endlosen Weiß auf. Die Mauern von Kartaffel ragten wie ein Bollwerk aus Stein in der gefrorenen Landschaft empor. Türme mit Zinnen, auf denen sich der Schnee sammelte, ragten in den düsteren Himmel. Der Anblick der Stadt ließ ihre Erschöpfung für einen Moment verblassen. Sie hatte es geschafft. Langsam näherte sie sich dem massiven Holztor, das mit einer dicken Schicht Eis überzogen war. Die Wachen, in dicke Mäntel gehüllt, standen aufrecht an ihren Posten, ihre Gesichter halb von Helmen und Schals verborgen. Jakira spürte ihre prüfenden Blicke, wie sie sie wortlos musterten, abschätzten. Einer der Soldaten trat nach vorne. Sein Umhang flatterte im eisigen Wind. „Wer seid Ihr, und was führt Euch nach Kartaffel?“ Seine Stimme klang rau, vielleicht vor Kälte, vielleicht aus Gewohnheit. Jakira hob den Kopf und sah ihm direkt in die Augen. „Mein Name ist Jakira. Ich bin eine Reisende, die Unterkunft sucht.“ Der Soldat hielt ihren Blick für einen Moment, als wolle er prüfen, ob ihre Worte wahr waren. Dann nickte er knapp. Ohne weitere Fragen gab er ein Zeichen, und die schweren Tore wurden langsam geöffnet. Ein Knirschen hallte durch die kalte Abendluft, als die Holzbalken über den vereisten Boden scharrten. Jakira lenkte Himmel durch das Tor, nickte den Wachen dankbar zu – doch keine von ihnen reagierte.  Kaum hatte sie die Stadt betreten, fiel die Anspannung von ihr ab. Die Reise war endlich vorbei. -------------------------------------------------------------------------- Nachdem Jakira Himmel in den Ställen abgegeben hatte – ein junger Stallknecht hatte das Pferd mit einem freundlichen Nicken in Empfang genommen und ihm sogleich ein Büschel Heu hingehalten – zog sie den Mantel enger um sich und begann, durch die schneebedeckten Gassen von Kartaffel zu streifen. Trotz der bitteren Kälte war die Stadt voller Leben. Händler unterhielten sich mit Kunden, ihre Stimmen vermischten sich mit dem gelegentlichen Wiehern von Pferden und dem Klirren von Hufen auf gefrorenem Pflaster. Der Duft von frisch gebackenem Brot mischte sich mit dem Geruch nach geschmolzenem Wachs aus den Laternen. Kinder jagten sich kreischend durch den Schnee, hinterließen wirbelnde Fußspuren, während ihre Eltern in dicken Mänteln und mit tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen geschäftig durch die Straßen eilten. Die eisige Luft war schneidend, aber das Herz der Stadt schlug unaufhörlich weiter. Jakira zog den Kragen ihres Mantels höher und hielt nach einer Taverne Ausschau. Ein Ort, an dem sie sich aufwärmen, einen heißen Tee trinken und vielleicht jemanden vom Schwarzen Stern treffen konnte. Doch bevor sie eine geeignete Gaststube erspähen konnte, wurde sie von einer fremden Stimme angesprochen. [???] ,,Bist du Jakira?’’ Sie drehte sich abrupt um, die Hand bereits am Griff ihres Dolchs, bereit, sich zu verteidigen, falls nötig. Der Mann, der vor ihr stand, war groß und schlank, seine Gestalt wirkte beinahe übernatürlich im schneeweißen Licht der Stadtlaternen. Unter der Kapuze seines langen, weißen Umhangs quollen dunkle Haarsträhnen hervor. In seiner Hand hielt er eine kleine Fackel, deren Flamme seltsam ruhig brannte – als würde sie nicht vom Wind beeinflusst werden, sondern von einer anderen, unsichtbaren Kraft genährt. Doch es waren seine Augen – oder vielmehr das Fehlen davon — die Jakira für einen Moment erstarren ließen. Wo sich normalerweise ein Blick hätte treffen müssen, waren nur zwei hellblaue Punkte in einem bodenlosen Schwarz zu sehen, umgeben von einem dichten Netz dunkler Adern, das sich unnatürlich über seine Wangen ausbreitete. Trotz seines unheimlichen Äußeren spürte Jakira keine Bedrohung, keine feindliche Absicht. Nach einem Moment der Stille antwortete sie mit fester Stimme: „Ja, das bin ich.“ Der Mann neigte leicht den Kopf, als ob er auf diese Antwort gewartet hätte. Dann drehte er sich abrupt um und begann zu gehen. „Folge mir“, sagte er nur, ohne jegliche Erklärung. Jakira warf einen schnellen Blick zurück in die belebten Straßen, als könnte sie dort eine Antwort auf die Fragen finden, die sich in ihrem Kopf überschlugen. Doch niemand schien den seltsamen Mann zu beachten, als wäre er nur ein Geist, der durch die Stadt glitt, von den Augen der normalen Menschen unbeachtet. Schließlich zog sie den Mantel enger um sich und folgte ihm durch die engen, dunklen Gassen. Der Weg führte sie durch das Herz von Kartaffel, vorbei an schlichten Steinhäusern, deren Fenster schummrig leuchteten, an Plätzen, auf denen Schneeverwehungen gegen die Hauswände gedrückt wurden, bis sie schließlich vor einem kleinen, unscheinbaren Häuschen hielten. Die Tür war aus dunklem Holz, schief und mit abblätterndem Lack – ein Gebäude, das in seiner Unauffälligkeit beinahe absichtlich versteckt wirkte. Ohne zu zögern stieß der Mann die Tür auf und trat ein. Jakira folgte ihm vorsichtig, ihre Sinne geschärft, die Hand immer noch in der Nähe ihres Dolches. Der Raum, den sie betraten, war schlicht, fast karg eingerichtet. Ein einfaches Sofa stand an der Wand, daneben ein kleiner Tisch mit ein paar Stühlen und einem großen Sessel. Ansonsten war der Raum leer – abgesehen von den Gestalten, die darin auf sie warteten. Auf dem Sofa saßen drei Männer. Der erste, ein Elf mit schneeweißem Haar, das ihm glatt bis zu den Schultern fiel, trug schwarze Kleidung, die ihn noch schmaler und eleganter wirken ließ. Neben ihm, achtlos an das Sofa gelehnt, lagen fünf Schwerter. Nicht irgendwelche Schwerter – Jakira konnte die feinen Gravuren auf den Klingen erkennen, die kunstvollen Griffe, die so gefertigt waren, dass sie direkt auf einen geübten Schwertkämpfer verwiesen. Der zweite Mann war das genaue Gegenteil des Elfen. Breit gebaut, mit grimmigen, von Narben durchzogenen Zügen, trug er das dichte Fell eines schwarzen Bären wie einen Mantel um die Schultern. Der Kopf des Tieres ruhte wie eine schauerliche Krone auf seinem eigenen Kopf. Seine dunklen Augen bohrten sich in Jakira, als würden sie sie bis auf die Knochen durchleuchten, als wäre er bereits dabei, sie zu beurteilen, noch bevor sie ein Wort gesprochen hatte. Der dritte war ein Drachar – ein Mann mit schimmernder, schuppiger Haut, dessen Umhang, weiß wie Schnee, ihn beinahe wie eine geisterhafte Erscheinung wirken ließ. Seine reptilienhaften Augen ruhten kalt und berechnend auf ihr, seine schmalen Finger spielten nervös an den Säumen seines Umhangs. Und dann war da die Frau. Sie saß nicht auf dem Sofa, sondern auf dem Sessel, ihre Haltung war aufrecht, ihre Hände ruhig gefaltet. Ihre langen goldenen Haare waren von einem schwarzen Scheitel durchzogen, als würde Licht auf Schatten treffen. Ihre Kleidung war schlicht, doch edel – ein schwarzes Kleid mit goldenen Akzenten, das ihre kaiserliche Herkunft nicht leugnen konnte. Prinzessin Nara. Ihre Augen funkelten mit scharfem Verstand, ihre Miene verriet keinerlei Unsicherheit. Doch als sie Jakira ansah, zeigte sich ein Hauch von Erleichterung – als hätte sie bereits auf ihre Ankunft gehofft. Ein sanftes, aber bestimmtes Lächeln umspielte ihre Lippen. „Ich freue mich, dich zu sehen, Jakira“, sagte sie, ihre Stimme war ruhig, aber durchdringend. „Liam hat also Erfolg gehabt?“ -------------------------------------------------------------------------- Jakira ließ sich auf einen der freien Stühle sinken und spürte, wie die Anspannung der letzten Wochen langsam von ihr abfiel. Die Wärme des Raumes und das leise Knistern des Kaminfeuers wirkten beinahe tröstlich, doch die Blicke der Anwesenden ließen keinen Zweifel daran, dass dies keine gewöhnliche Zusammenkunft war. Sie alle warteten auf ihre Worte – auf ihren Bericht. Sie atmete tief durch und begann zu erzählen. Ihre Stimme war ruhig, aber fest, als sie von dem Sturm auf Randurin berichtete. Sie schilderte, wie sie in die Stadt gelangten, wie die Boz erobert worden war und wie der Herzog schließlich seinen letzten Atemzug getan hatte. Ihre Worte waren präzise, jedes Detail klar und ungeschönt, doch in ihrer Stimme lag eine unterschwellige Erschöpfung. Sie hatte diese Kämpfe nicht nur geführt, sondern durchlebt. Die Zuhörer verfolgten jedes Wort mit ernster Miene. Der Elf lehnte sich ein wenig vor, seine schlanken Finger um den Griff eines seiner Schwerter geschlossen, als könnte er die Spannung ihrer Geschichte in der Klinge fühlen. Der Mann mit der Bärenmütze runzelte die Stirn, sein Blick hart und nachdenklich, während der Drachar regungslos blieb, seine gelben Augen nur hin und wieder blinzelnd, als würde er jedes ihrer Worte in sich aufsaugen. Als Jakira geendet hatte, trat eine Stille ein. Prinzessin Nara war die Erste, die sprach. Sie lehnte sich leicht vor, ein Lächeln auf den Lippen, das sowohl Erleichterung als auch Anerkennung verriet. „Dann können wir aufbrechen und unsere neue Basis festigen“, sagte sie mit einer Stimme, die keine Zweifel an ihrer Entschlossenheit ließ. Jakira ließ ihren Blick durch den Raum wandern, während sie sich einen Moment nahm, die Männer genauer zu betrachten. Jeder von ihnen strahlte eine einzigartige Präsenz aus, und doch schien keiner die Ausstrahlung eines kaiserlichen Gemahls zu haben. War keiner von ihnen der Mann der Prinzessin? Nara, die ihren prüfenden Blick bemerkt hatte, schmunzelte leicht und begann, die Männer vorzustellen. „Der Drachar heißt Gendri“, sagte sie und deutete auf den schmalen, schuppigen Mann, dessen Umhang ihm wie eine zweite Haut um die Schultern hing. „Er ist ein Meister der Donnermagie und einer der mächtigsten Magier, die ich je getroffen habe.“ Gendri neigte kaum merklich den Kopf, sein Blick kühl und unlesbar. „Neben ihm ist Ulfgur Dranar“, fuhr Nara fort und nickte dem breitschultrigen Krieger zu, dessen imposante Erscheinung durch das schwere Bärenfell auf seinen Schultern noch verstärkt wurde. „Er kann sich im Kampf in einen Bären verwandeln.“ Ulfgur schnaubte belustigt und kreuzte die Arme vor der Brust, als wollte er ihre Worte bestätigen. „Der Elf dort ist Baharmut“, erklärte sie weiter, ihre Augen auf den weißhaarigen Mann gerichtet, dessen Haltung voller Eleganz war. „Er ist der einzige lebende Meister des Schwertertanzes.“ Baharmut verzog keine Miene, doch ein Anflug von Stolz war in seinen dunklen Augen zu erkennen. „Und schließlich…“ Nara deutete auf den stillen Mann mit den blauen, leeren Augen, „derjenige, der dich hierhergeführt hat. Atorm. Der stärkste Krieger des Schwarzen Sterns.“ Jakira runzelte die Stirn und musterte Atorm noch einmal genauer. Obwohl er die ganze Zeit über kaum eine Bewegung gemacht hatte, spürte sie eine unübersehbare Präsenz um ihn herum – als würde er trotz seiner reglosen Haltung bereit sein, in jedem Moment zu töten. Nara beugte sich leicht zu ihr hinüber und sprach leise, fast verschwörerisch: „Abgesehen von Yang ist er wohl der stärkste Kämpfer im Kaiserreich.“ Jakira schluckte. Das war eine beeindruckende Behauptung – und wenn sie die Kälte in Atorms Blick betrachtete, zweifelte sie keine Sekunde daran. Doch dann richtete die Prinzessin ihre Aufmerksamkeit wieder auf Jakira. „Du hast uns einen wertvollen Dienst erwiesen“, sagte sie mit sanfter Anerkennung in ihrer Stimme. „Endlich können wir Kartaffel verlassen. Wir sollten den Winter zu unserem Vorteil nutzen und morgen aufbrechen.“ Die Worte ließen Jakiras Herz schneller schlagen. Das Gefühl, der Prinzessin nützlich zu sein, erfüllte sie mit Freude. Nara betrachtete sie einen Moment lang nachdenklich, dann schmunzelte sie leicht. „Dir scheint noch eine Frage auf der Seele zu liegen“, stellte sie fest. „Stell sie ruhig.“ Jakira zögerte kurz, doch dann fragte sie direkt: „Wer von ihnen ist Euer Mann?“ Einen Moment lang herrschte Stille. Dann brach die Prinzessin in ein helles, warmes Lachen aus. Es war ein Klang, der den Raum zu füllen schien, ein unerwarteter Moment der Leichtigkeit in einem ernsten Gespräch. „Keiner von ihnen“, antwortete sie schließlich amüsiert. „Mein Mann ist momentan im Süden – er formiert eine zweite Truppe.“ Jakira spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss. Sie senkte schnell den Blick, verlegen über ihre Annahme. Doch Nara nahm es ihr nicht übel, stattdessen legte sie ihr sanft eine Hand auf die Schulter. „Es ist gut, dass du nachfragst“, sagte sie schmunzelnd. „Das zeigt, dass du aufmerksam bist.“ Dann richtete sie sich auf und wandte sich an Ulfgur. „Sammle unsere Leute zusammen“, befahl sie mit jener unbestreitbaren Autorität, die ihr ganz selbstverständlich zu gehören schien. „Sag ihnen, dass wir morgen früh nach Randurin aufbrechen.“ Ulfgur nickte nur, brummte zustimmend und erhob sich. Mit schweren, bedächtigen Schritten verließ er die Hütte, während sich der Rest der Versammlung auf das Kommende vorbereitete. Draußen fiel weiter der Schnee, doch in Jakiras Brust begann eine neue Flamme zu brennen. Bald konnte sie zu Liam zurückkehren.

  • Kapitel 132 - Friedensangebote

    Als Leyla erwachte, war die Kajüte bereits in goldenes Licht getaucht. Die ersten Strahlen der Morgensonne fielen durch das kleine Bullenauge, zeichneten lange, sanfte Streifen auf die hölzernen Wände und verliehen dem Raum eine friedliche Stille. Das leise Knarren des Schiffes, das sich sanft in den Wellen wiegte, erinnerte sie daran, wo sie war. Sie lag noch eine Weile in der Hängematte, ließ sich von ihrer langsamen Bewegung baumeln und schüttelte die letzten Reste der Müdigkeit ab. Ihre Muskeln waren schwer von der Erschöpfung des vergangenen Tages, doch ihr Geist war wach, geschärft. Sie hatte keine Zeit, sich dem Luxus des Ausruhens hinzugeben. Mit einem leichten Seufzen glitt sie aus der Hängematte, streckte sich ausgiebig und verließ die Kajüte. Der enge Gang des Schiffes war erfüllt von den Geräuschen des Morgens – das gedämpfte Murmeln der erwachenden Matrosen, das entfernte Klirren von Geschirr aus der Kombüse, das rhythmische Knarzen der Planken unter ihren Füßen. Sie traf auf einen älteren Matrosen. Sein wettergegerbtes Gesicht war von den Jahren auf See gezeichnet, die tiefen Falten um seine Augen erzählten Geschichten von Stürmen und fernen Häfen. Als er Leyla sah, nahm er ruckartig eine Haltung an, als würde er auf einen Befehl warten. „Kannst du mich zurück aufs Deck führen?“ fragte sie mit einer Stimme, die weder fordernd noch unterwürfig klang, sondern ruhig, freundlich. Der Matrose blinzelte, als hätte er eine klare, harte Anweisung erwartet. Doch dann nickte er hastig und antwortete mit rauer Stimme: „Jawohl, Edle Miss Leyla! Bitte folgt mir.“ Während sie ihm folgte, nahm sie die kleinen Details des Schiffslebens um sich herum wahr. Die Vorratskisten, die entlang der Wände gestapelt waren, rochen nach Salz, Holz und dem schwachen Aroma von geräuchertem Fisch. Einige Matrosen schliefen noch, zusammengerollt in ihren Hängematten, während andere sich mit müden Gesichtern an ihre morgendlichen Aufgaben machten. Als sie schließlich das Deck erreichte, atmete Leyla tief ein. Die frische Meeresluft füllte ihre Lungen, brachte ihr Klarheit, während die Morgensonne das Wasser in schimmernden Tönen von Blau und Grün leuchten ließ. Das Meer ruhig, als würde es auf sie warten. Ihr Blick wanderte über das Deck und blieb an einer einzelnen Gestalt hängen – Admiral di Lorenzo. Er stand am Bug des Schiffes, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, den Blick fest auf den Horizont gerichtet. Seine Haltung war gerade, diszipliniert, doch in der Art, wie er den Kopf leicht geneigt hatte, erkannte sie eine unterschwellige Spannung. Leyla trat mit selbstbewussten Schritten an seine Seite. „Guten Morgen, Herr Admiral“, begrüßte sie ihn mit einem freundlichen, aber bestimmten Lächeln. „Ich werde nach Tripolis aufbrechen. Haltet hier die Stellung.“ Langsam drehte er sich zu ihr um, sein Gesicht ausdruckslos, seine blauen Augen kalt und berechnend. Es war offensichtlich, dass er sich nur ungern von ihr Befehle erteilen ließ. Doch er wusste, dass er keine Wahl hatte. „Sehr wohl“, erwiderte er knapp. „Wie habt Ihr auf meinem Schiff geschlafen?“ Leyla lächelte leicht. Sie konnte sehen, wie schwer es ihm fiel, sich ihr zu fügen. Wahrscheinlich war er es gewohnt, dass andere vor ihm strammstanden, dass seine Worte Gesetz waren. Sie wollte den einfachen Bürgern gegenüber freundlich sein, gegen die machthungrigen Adligen, zumindest die meisten, wollte sie jedoch ihre Position ausspielen. „Sehr gut, danke der Nachfrage“, antwortete sie in einem Tonfall, der beinahe spöttisch war, als wäre seine Frage belanglos. Sie ließ seinen Blick auf sich ruhen, während sie zur Reling trat. Von hier aus konnte sie das endlose Meer überblicken, das sich bis zum Horizont erstreckte. Die Sonne war noch nicht hoch am Himmel, und doch war es bereits warm – eine beständige, tropische Hitze, die nichts mit den kühlen Herbstwinden des Kaiserreichs gemein hatte. „Ich lasse Euch eine Nachricht zukommen, wenn der Krieg vorbei ist“, sagte sie über ihre Schulter, ohne ihn anzusehen. Dann trat sie auf die Reling. Sie hörte, wie einige Matrosen den Atem anhielten, als wäre es das erste Mal, dass sie eine solche Szene sahen. Ohne zu zögern, sprang sie vom Schiff. Das Wasser empfing sie mit kühler, herzlicher Umarmung. Es umhüllte sie, zog sie hinab, doch sie war nicht hilflos – im Gegenteil. Die Kraft des Runensteins pulsierte in ihr, als wäre sie eins mit dem Meer, sie konnte seine Strömungen nicht nur spüren, sondern lenken. Sie richtete ihren Blick gen Süden. Tripolis lag in dieser Richtung, und es gab keinen Grund, sich Zeit zu lassen. Sie ließ Mana aus ihren Händen und Füßen strömen, spürte, wie das Wasser sich verdichtete, um ihr einen Weg zu ebnen. Dann stieß sie sich ab. Mit der Geschwindigkeit eines Pfeils schoss sie durch das Wasser, die Strömungen trugen sie, das Meer jubelte ihr zu. - ------------------------------------------------------------------------- Während Leyla durch das Meer glitt, getrieben von der Macht des Wassers, spürte sie eine Veränderung in ihrer Umgebung. Am Vortag war das Meer noch voller friedlichem Leben gewesen – Schwärme von Fischen waren unter ihr geschwommen, Mantarochen hatten sich durch die Tiefen geschoben, und selbst einige Haie hatten sich neugierig in ihre Nähe gewagt. Doch heute bemerkte sie eine neue Präsenz, eine, die ihr selbst mit der Kraft des Runensteins Unbehagen bereitete. Zuerst waren es nur vereinzelte Seeschlangen, deren dunkle Silhouetten sich im trüben Wasser wanden. Doch je näher sie Tripolis kam, desto mehr von ihnen tauchten auf. Dann erschienen andere Kreaturen – Riesenkraken, deren lange Tentakel sich wie Schatten durch das Wasser bewegten, deren Augen kalt und uralt wirkten. Tief in der Dunkelheit sah sie Wesen, deren Formen sie nicht einmal genau erkennen konnte, als würden sie von der Finsternis selbst verschluckt. Und doch – keines dieser Monster griff sie an. Sie glitten an ihr vorbei, als sei sie unsichtbar oder als würden sie sie bewusst meiden. Leyla konnte es nicht mit Sicherheit sagen, doch in ihrem Inneren wusste sie, dass dies an der Macht des Runensteins lag, den sie nun in sich trug. Vielleicht sahen die Kreaturen sie als eine von ihnen, vielleicht spürten sie etwas in ihr, das sie respektieren mussten – oder fürchteten. Als sie sich Tripolis näherte, durchbrach ein Anblick die endlose Weite des Ozeans unter ihr – Mylrie. Oder das, was noch von der Stadt übrig war. Ein Anflug von Unruhe stieg in ihr auf. Sie wusste nicht, was sie dazu trieb, doch sie tauchte tiefer, hinab in die versunkene Stadt, als ob sie sich mit eigenen Augen von der Zerstörung überzeugen musste. Mylrie war nicht mehr die Stadt, die sie einst gewesen war. Die einst prunkvollen Straßen, die sie nur kurz gesehen hatte, lagen nun in Trümmern. Die eleganten Gebäude, in denen einst die reichen Bürger gelebt hatten, waren zerstört, ihre Mauern eingestürzt, ihre Fenster von den Wassermassen zerschlagen. Die goldenen Türme, die einst hoch in das Meer geragt hatten, waren nichts weiter als zerborstene Skelette, ihre Überreste trieben ziellos durch das Wasser. Nur wenige Meriden hatten überlebt. Leyla konnte sie sehen, wie sie sich in den Ruinen versteckten, verloren und verängstigt. Ihre einst leuchtenden Augen waren nun voller Verzweiflung. Doch nicht nur sie bewohnten die Stadt – überall sah sie Monster. Dann fiel ihr Blick auf den Palast. Der Sitz der Neraner, einst das strahlende Herz der Stadt, stand noch, doch selbst er war schwer beschädigt. Und davor, als würde es nur darauf warten, dass die im Palast Schutzsuchenden hinauskommen würden, lauerte ein gewaltiges Monster. Es war eine Kreatur, die Leyla noch nie zuvor gesehen hatte – eine Mischung aus Seeschlange und Drache, mit einem langen, schuppigen Körper, der im fahlen Licht des Wassers glänzte. Seine Augen funkelten in einem unergründlichen Blau, und seine Bewegungen waren langsam, lauernd, als würde es darauf warten, dass jemand töricht genug wäre, sich ihm zu nähern. Doch dann traf sein Blick den ihren. In dem Moment, in dem Leyla ihm ins Gesicht sah, zuckte die Kreatur zurück, als hätte sie einen unsichtbaren Schlag erlitten. Ihr Körper spannte sich, und dann – mit erschreckender Geschwindigkeit – wirbelte sie herum und schoss davon. Ihr langer Körper durchschnitt das Wasser mit einer Eleganz, die ihre Größe Lügen strafte, und binnen weniger Augenblicke war sie in den Tiefen des Meeres verschwunden. Leyla verharrte für einen Moment, ihre Augen verfolgten die Richtung, in die das Monster geflüchtet war. Was bedeutete das? War es Angst gewesen? Doch sie hatte keine Zeit für Antworten. Sie richtete ihren Blick wieder auf den Palast. Wenn noch Überlebende übrig waren, dann würden sie dort sein. Sie durchquerte die mächtigen Tore, die einst undurchdringlich gewesen waren, nun aber schief in ihren Angeln hingen. Die Luftkammern innerhalb des Palastes hatten sich gehalten – hier war das Wasser noch nicht eingedrungen. Ein letzter, einsamer Zufluchtsort. Ihre Schritte hallten durch die leeren Hallen, als sie sich tiefer ins Innere des Palastes bewegte. In diesen Mauern hatte einst Macht geherrscht, prunkvolle Bankette waren gefeiert, Entscheidungen getroffen worden, die über das Schicksal Tausender bestimmt hatten. Jetzt war es nur noch ein leeres, sterbendes Monument. Dann erreichte sie den Thronsaal. Und dort waren sie. Gut hundert Meriden hatten sich hier versammelt, ein Schatten dessen, was einst das Volk von Mylrie gewesen war. Ihre Gesichter waren gezeichnet von Erschöpfung, von Angst, von Resignation. Einige waren verletzt, getrocknetes Blut klebte an ihren Körpern, ihre Augen blickten sie starr an. Und in ihrer Mitte stand Sandyr. - ------------------------------------------------------------------------- Sandyr starrte sie an, seine Miene eine unheilvolle Mischung aus Wut, Verzweiflung und Trauer. Seine Augen glühten vor Zorn, doch dahinter lag etwas anderes – eine unausgesprochene Frage, eine stumme Anklage, die sich nicht nur gegen sie richtete, sondern auch gegen ihn selbst. „Warum bist du wiedergekommen?“ rief er ihr entgegen, seine Stimme war heiser, rau von der Erschöpfung der letzten Stunden. Er trat einen Schritt auf sie zu, die Hände zu Fäusten geballt. „Wolltest du dir dein Werk noch einmal ansehen? Dich am Leid ergötzen?“ Leyla blinzelte. Einen Moment lang war sie sprachlos. Dass Sandyr am Ende gezögert hatte, war ihr bewusst gewesen, doch dass er ihr nun die Schuld an allem gab, ließ einen Funken heißer Wut in ihr aufflammen.  Sie spürte, wie der Runenstein des Meeres auf ihre Emotionen reagierte, wie sich die Energie in ihr regte, pulsierte, als wolle der Stein sie ermutigen, diese Wut nicht zu unterdrücken. Ein leises, rauschendes Wispern in ihrem Kopf, eine Einladung, Sandyr für seine Worte büßen zu lassen. Sie spürte die Macht in ihren Adern, wild und unberechenbar. Sie könnte ihn einfach mit einem Gedanken in die Fluten schleudern oder unter Stein begraben, ihn zwingen, seine eigenen Fehler mit einem letzten Atemzug zu bereuen. Doch dann kam die Angst. Nicht die Angst vor ihm. Sondern vor sich selbst. Vor dem, was sie werden könnte, wenn sie diesem Impuls nachgab. Sie drehte sich abrupt um und rannte aus dem Palast. Ihre Schritte hallten durch die verlassenen Gänge, schneller, als sie es gewollt hatte, als würde sie nicht nur Sandyr, sondern vor allem sich selbst entkommen wollen. „Bleib stehen, Leyla!“ rief er ihr hinterher. Seine Stimme war nun nicht mehr voller Wut, sondern flehentlich, als würde er verzweifelt nach einer Antwort suchen, nach einem Funken, der ihm erklären könnte, warum es so gekommen war. „Hast du nichts zu sagen?“ Draußen angekommen, das Wasser wieder um sich, blieb Leyla stehen. Sie drehte sich langsam zu ihm um, ihre Augen funkelten vor unterdrückter Wut. Die Strömung riss an ihren Haaren und das Wasser um sie herum begann sich unruhig zu kräuseln. „Du hast mir geholfen, mein Ziel zu erreichen“, sagte sie, und ihre Stimme war schärfer als jeder Dolch. „Und jetzt wirfst du mir vor, dass ich mich darüber freuen würde?“ Sandyr wich zurück, als hätte sie ihn geschlagen. „Ich habe dir gesagt, dass du aufhören sollst…“ flüsterte er, doch seine Stimme brach. Leyla lachte leise, ein bitteres, humorloses Lachen. „Und?“ fragte sie kühl. Ihre Schritte führten sie näher an ihn heran, bis sie ihm direkt gegenüberstand, der Blick eindringlich, ihre Präsenz überwältigend. „Du hast mir nichts zu befehlen.“ Bevor er reagieren konnte, packte sie ihn am Kragen. „Ich habe mir den Stein geholt, weil er mir gehört“, sagte sie langsam. „Du wolltest dich an der Stadt rächen. Wir hatten dasselbe Ziel, aber dein Antrieb war Hass.“ Sandyr rang nach Worten, doch sein Gesicht war eine Maske aus Schock und Schuld. „Ich wollte das nicht…“ murmelte er, seine Stimme klang so schwach, dass sie fast im Wasser verloren ging. ,,Nicht?’’ Leyla wurde immer wütender. Das Wasser um sie herum begann zu wirbeln, die Strömung wurde stärker. ,,Das ist dir ja früh eingefallen. Aber jetzt ist es zu spät, und wir müssen beide mit den Konsequenzen leben.’’ Sandyr sog scharf die Luft ein, sein Körper zuckte zusammen, als ihm das ganze Ausmaß seiner eigenen Schuld erneut bewusst wurde.  Das Wasser begann, in kreisenden Wellen um sie herumzustrudeln, als ob eine unsichtbare Hand es rühren würde. Die Kraft, die in Leyla pulsierte, wuchs unaufhaltsam, und sie konnte spüren, dass der Runenstein des Meeres jubelte – er wollte mehr. Sie merkte, dass der Stein Oberhand gewann. Dass sie dabei war, eine weitere riesige Katastrophe zu verursachen. Das wollte sie nicht. Ihre Macht nutzen, um an einem deutlich schwächeren ihre Wut abzulassen? Nein, das war das Gegenteil von dem, was sie mit ihrer Macht tun wollte. Die Wellen schlugen gegen die Ruinen von Mylrie, und das Wasser begann, an den Überresten zu zerren, als könnte ein einziger Moment der Unachtsamkeit die gesamte Stadt in den Abgrund reißen. Leyla erkannte es in diesem Moment. Sie ließ zu viel zu. Ihr Griff um seinen Kragen lockerte sich, dann ließ sie ihn los. Das Wasser wurde ruhiger, als sie ihre Wut unter Kontrolle brachte. Der Runenstein in ihr verstummte, als wäre er enttäuscht, doch Leyla ignorierte ihn. Sandyr rang immer noch nach Fassung, als sie ihn erneut ansah – diesmal nicht mehr voller Zorn, sondern mit einer kalten, unerschütterlichen Entschlossenheit. „Ich will die, die von euch noch übrig sind, retten“, sagte sie mit ruhiger, aber unverrückbarer Stimme. „Könnt ihr über den Tunnel nach Tripolis entkommen?“ Sandyr blinzelte verwirrt, als ob er sich nicht sicher war, ob er ihr glauben sollte, ob sie wirklich helfen wollte. Dann schüttelte er langsam den Kopf. „Der Tunnel ist eingestürzt“, sagte er, und seine Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. Leyla schnaubte leise. „Dann werde ich ihn freilegen.“ Das Meer beruhigte sich weiter, die Wellen ließen nach, und in ihr spürte Leyla die Stille des Runensteins. „Ich entscheide, wann ich deine Macht nutze, nicht du.“ Keine Antwort. Nur weiteres Schweigen. - ------------------------------------------------------------------------- „Tretet zurück“, befahl Leyla mit fester Stimme und ließ ihren Blick über die verängstigten Meriden gleiten, die sich um den Eingang zum Tunnel drängten. Ihre Stimme war ruhig, aber unmissverständlich, und nach einem kurzen Zögern wichen die Überlebenden zurück, so weit es der begrenzte Raum des Palastes erlaubte. Leyla trat näher an das schwere Tor heran, das den Zugang zum Fluchtweg versperrte. Mit einer schnellen Handbewegung entriegelte sie die alten Mechanismen, und sofort strömte Wasser in den Palast, stürzte in die große Halle und drohte, den Raum in kürzester Zeit zu fluten. Doch bevor es die Meriden erreichen konnte, hob Leyla ihre Hand. Augenblicklich folgte das Wasser ihrem Befehl und zog sich zurück, ihren Willen spürend und respektierend. Sie ließ ihre Finger über das zerstörte Gewölbe des Tunnels gleiten, spürte die Energie des Runensteins in sich pulsieren, bereit, ihren Befehl auszuführen. Die Trümmer – zerbrochene Steinsäulen, verbogene Metallstreben und umgestürzte Balken – lagen in einem wilden Durcheinander. Sie kniete sich hin und legte eine Hand auf den Boden. Wärme breitete sich in ihr aus, ihr Mana durchströmte den Stein wie eine Welle, die das Chaos ordnete. Langsam begannen sich die Trümmer zu bewegen, als würden sie von unsichtbaren Fäden gezogen. Große Brocken schwebten aufeinander zu, fügte sich wieder in ihre ursprüngliche Form, Balken richteten sich auf, verankerten sich an ihrem Platz. Innerhalb weniger Minuten war der Tunnel wieder stabil, so als wäre er nie eingestürzt. Leyla richtete sich auf und ließ den Blick über die Gruppe schweifen. Ihre Gesichter waren ein Mix aus Staunen, Angst und Erleichterung. Sie konnte spüren, wie sich ihre Haltung veränderte, wie sich ihre Ehrfurcht vertiefte. „Folgt mir“, befahl sie und schritt voran, ohne auf Zustimmung zu warten. Ihre Schritte waren fest und entschlossen, und die Meriden eilten hinter ihr her, geführt von einer Mischung aus Hoffnung und Instinkt. Sandyr lief an ihrer Seite, sein Gesicht ein wirres Spiel der Gefühle – Erleichterung, Schuld, vielleicht auch ein Hauch von neuer Entschlossenheit. Der Tunnel war lang und kalt, doch niemand sprach ein Wort. Jeder wusste, dass dies keine normale Flucht war – es war eine letzte Reise fort von dem, was einst ihr Zuhause gewesen war. Als sie schließlich die verborgene Öffnung in Tripolis erreichten, fühlten sich die ersten Meriden wieder sicher genug, um leise zu murmeln, sich untereinander zu flüstern, sich langsam zu sammeln. Erschöpfte Körper sanken auf den Boden, einige begannen zu weinen, andere lachten leise, ungläubig über ihr eigenes Überleben. Sandyr trat zu Leyla. Sein Blick war anders als zuvor – weniger anklagend, mehr suchend. „Danke, Leyla…“ murmelte er. Seine Stimme war leise, fast ein Hauch, aber voller Bedeutung. Leyla zögerte kurz. Dann lächelte sie – ein echtes, ehrliches Lächeln. Kein Spott, keine Überlegenheit, sondern einfach nur… Dankbarkeit. Für diesen Moment, für die Chance, richtig zu entscheiden, das Richtige zu tun. Doch sie wusste, dass ihr Weg hier nicht endete. Wortlos drehte sie sich um und begann, sich durch die Straßen von Tripolis zu bewegen. Ihr Ziel war klar: Yanis’ Anwesen. Doch während sie durch die engen Gassen der Stadt schritt, fiel ihr die seltsame Stille auf, die über allem lag. Wo vor ein paar Tagen noch Händler lautstark ihre Waren anpriesen, waren heute nur geschlossene Läden zu sehen. Keine Marktstände, keine spielenden Kinder, keine streitenden Seeleute. Die Straßen waren leer, fast gespenstisch ruhig. Sie blieb am Hafen stehen. Nur wenige Schiffe lagen dort vor Anker, und die schweren Kriegsschiffe waren verschwunden – aufgebrochen, um Schlachten zu schlagen, die sie niemals gewinnen würden. [???] ,,Ihr müsst Leyla sein?’’ Sie drehte sich um und sah einen kleinen Jungen, vielleicht zehn Jahre alt. Er war dünn, sein Haar zerzaust, seine Kleidung schmutzig. Doch in seinen großen, dunklen Augen lag eine ungewöhnliche Neugier – und ein Funken Hoffnung. Leyla trat einen Schritt näher und beugte sich leicht zu ihm hinunter. „Ja, das bin ich“, antwortete sie ruhig, ihre Stimme sanft, aber bestimmt. „Warum fragst du?“ Der Junge trat von einem Fuß auf den anderen, als würde er mit sich ringen. Dann, nach einem Moment des Zögerns, sagte er: „Ich soll Euch zum Rathaus bringen. Die Händler wollen mit Euch reden.“ - ------------------------------------------------------------------------- Leyla folgte dem kleinen Jungen durch die staubigen Straßen von Tripolis, vorbei an Reihen von Tabak’schen Soldaten, deren Blicke sie durchbohrten wie Speere. Ihre Gesichter waren angespannt, ihre Hände ruhten auf den Griffen ihrer Waffen, als wäre jeder Moment der richtige, um zuzuschlagen. Die Atmosphäre war geladen mit Feindseligkeit, mit unausgesprochenem Zorn und Misstrauen. Sie spürte es in der Luft – schwer, fast erdrückend. Wussten sie bereits, was sie getan hatte? Oder sahen sie in ihr nur eine Bedrohung, eine Fremde, die mit übernatürlicher Macht gesegnet war? Doch Leyla zeigte keine Unsicherheit. Ihr Gang blieb gleichmäßig, ihr Blick nach vorne gerichtet. Schließlich erreichten sie ein gewaltiges Gebäude, das sich über den anderen erhob wie ein Mahnmal des Wohlstands. Das Rathaus von Tripolis war aus tiefgrünem Stein erbaut, massiv und unerschütterlich. Mächtige weiße Säulen trugen ein weit ausladendes Dach, dessen goldenes Relief die Geschichte der großen Seefahrer der Tabakinseln erzählte. Leyla ließ ihren Blick kurz über die Architektur gleiten, nahm die imposante Erhabenheit dieses Ortes in sich auf. Ein Ort, an dem Entscheidungen gefällt wurden – Entscheidungen, die Leben kosteten und Reichtümer mehrten. Kaum angekommen, übernahm eine Gruppe von Soldaten das wortlose Kommando über sie. Der Junge, der sie hergeführt hatte, verschwand in einer Seitengasse, ohne sich noch einmal umzudrehen. Leyla wurde durch breite Gänge geführt, die mit kunstvollen Wandteppichen und Gemälden großer Handelsflotten geschmückt waren. Der Glanz des Reichtums lag in jedem Detail – in den goldenen Kronleuchtern, die das polierte Marmorparkett in warmem Licht erstrahlen ließen, in den schweren Türen aus dunklem Mahagoni. Schließlich kamen sie vor einer prächtigen Flügeltür zum Stehen. Die Tür war aus tiefblauem Holz gefertigt, mit feinen, silbernen Intarsien, die sich zu kunstvollen Blumenmustern verwoben. Ein weiteres Zeichen für Reichtum, für Macht. Einer der Soldaten klopfte an. Nach einem Moment erklang eine raue Stimme von drinnen.  [???] ,,Lasst sie herein.’’ Die Tür schwang langsam auf, und Leyla trat ein. Vor ihr, an einem langen Tisch aus dunklem Holz, saßen vier Männer. Ihre Blicke ruhten schwer auf ihr, jeder Ausdruck sprach seine eigene Geschichte. Ganz links saß Yanis Marghri. Sein Gesicht trug dieselbe Arroganz wie immer, sein Lächeln war süßlich und falsch. Er war ein Mann, der sich selbst am meisten liebte, ein Opportunist, der überall eine Chance witterte. Leyla wusste, dass er glaubte, ihre Anwesenheit wäre sein größter Vorteil – vielleicht sah er sich bereits als Protektor der Tabakinseln, als ein Herzog in der Gunst des Kaisers.  Es lag allerdings weder in ihrer Macht ihn zum Protektor zu ernennen, das war die Aufgabe des Generals, der für den Feldzug zuständig war, noch war es an ihr, den Herzog zu bestimmen. Wenn sie dem Buch ,,Aufbau und Struktur des Kaiserreichs’’ , das erste Buch, das sie in der Gefangenschaft im Kaiserpalast gelesen hatte, glauben konnte, dann wurde der Herzog einzig vom Kaiser selbst bestimmt. Sie hatte nicht vor, Yanis zu sagen, dass ihr Versprechen ein leeres war. Einem Mann wie ihm, der alles und jeden für seinen Profit verkaufte, brauchte man nicht ehrlich gegenüber zu sein. Rechts von ihm saß ein alter Mann mit breiten Schultern und einem schweren Bauch, sein Gesicht gezeichnet von Falten, die eher von Wut als von Alter herrührten. Sein Schnurrbart war dick und gepflegt, sein Blick jedoch schneidend wie ein Dolch. Er sah Leyla an, als wäre sie eine Plage, ein Unglück, das es zu beseitigen galt. Am anderen Ende des Tisches saß ein junger Mann mit blondem Haar, der sie mit neugierigen, wachsamen Augen beobachtete. Anders als die anderen schien er kein vorschnelles Urteil über sie zu fällen. Neben ihm saß der vierte Mann – unscheinbar, gehüllt in mehrere Schichten feiner Stoffe, als wollte er sich mit Reichtum selbst eine Identität schaffen. Nach einem Moment der angespannten Stille erhob sich der ältere Mann mit dem Schnurrbart. Der Stuhl unter ihm knarrte unter der Last seines Körpers, als er sich mit langsamer, bedächtiger Bewegung aufrichtete. „Ehrenwerte Leyla“, begann er mit tiefer, gewichtiger Stimme. „Ich möchte mich vorstellen. Mein Name ist Gandolf von Mamorstein, Oberhaupt der Mamorstein-Familie. Herr Marghri hat uns von Eurer… besonderen Rolle berichtet. Ich hoffe, dass wir heute zu einem vernünftigen Ergebnis kommen können.“ Seine Augen musterten sie scharf, suchten nach einer Regung in ihrem Gesicht. Leyla erkannte, dass dieser Mann gewohnt war, Kontrolle zu haben – in Verhandlungen zu dominieren. Doch das würde ihm heute nicht gelingen. Sie setzte sich langsam auf einen der freien Stühle, ließ sich Zeit, als wäre sie nicht in einem Saal voller Männer, die sie am liebsten in Stücke reißen würden. Sie schlug ein Bein über das andere, lehnte sich zurück und sah Gandolf mit ruhigen, emotionslosen Augen an. „Ich habe Euch holen lassen, weil Herr Marghri mir mitteilte, dass Ihr für Friedensverhandlungen offen seid“, fuhr Gandolf fort. Seine Stimme war freundlich, doch die scharfe Kante in seinen Worten verriet ihn. Leyla hob eine Augenbraue. Hatte Yanis ihnen gesagt, dass sie für Friedensverhandlungen hier war? „Ich bin nicht hier, um einen Frieden zu verhandeln“, sagte sie, ihre Stimme war klar und unmissverständlich. „Sondern um eure bedingungslose Kapitulation zu akzeptieren.“ - ------------------------------------------------------------------------- Der Raum wurde schlagartig still, als hätte Leylas Ankündigung die Luft aus dem Saal gesogen. Ein unsichtbares Gewicht legte sich auf die Schultern der Anwesenden. Das Lächeln auf dem Gesicht des jungen Blonden erstarrte, sein zuvor lässig zur Seite geneigter Kopf richtete sich abrupt auf, als hätte sie ihm mit ihren Worten den Boden unter den Füßen weggezogen. Seine Finger, die eben noch locker auf der Tischplatte gelegen hatten, umklammerten nun deren Kante, als würde er Halt in einer Welt suchen, die gerade ins Wanken geraten war. Der unscheinbare Mann in den teuren Gewändern atmete schwer aus, sein Brustkorb hob und senkte sich unruhig. Seine Finger, geschmückt mit goldenen Ringen, klammerten sich an die Armlehnen seines Stuhls, so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten.  Yanis, der sich sonst so gerne mit einem selbstsicheren Lächeln zurücklehnte, musterte Leyla jetzt mit einem Ausdruck, den sie nicht ganz deuten konnte – Respekt? Überraschung? Oder hatte er genau diese Eskalation gewollt? Wollte er sie als Druckmittel nutzen, um die anderen in die Ecke zu treiben, während er sich geschickt im Hintergrund hielt? Gandolf von Mamorstein jedoch zeigte keine Regung. Seine wachsamen Augen ruhten auf Leyla, und sie konnte fast hören, wie in seinem Kopf die Zahnräder arbeiteten. Dann lehnte er sich langsam vor, stützte seine massigen Hände auf die Tischplatte und sprach mit einer Stimme, die so scharf war wie ein frisch geschliffenes Messer. „Kapitulieren?“ Er ließ das Wort auf seiner Zunge rollen, als schmecke es bitter. Sein Blick war durchdringend, seine Haltung lauernd, wie die eines Raubtieres, das seine Beute mit einem letzten, abschätzenden Blick misst. „Ihr wollt, dass die Handelsfürsten von Tripolis sich einem Feind beugen, der von uns abhängig ist? Ihr verlangt, dass wir unsere Unabhängigkeit, unseren Wohlstand, unseren Stolz einfach aufgeben – nur weil Ihr es verlangt?“ Leyla atmete langsam aus, ließ seinen Widerstand an sich abperlen wie Wasser an Felsen. Er hielt sich für mächtig, für unerschütterlich. Doch sie hatte schon mit Männern gesprochen, die weitaus gefährlicher waren. Männer wie Selfmun Aragi, der mit einem einzigen Wort seinen Gegenüber brechen konnte. Im Vergleich dazu war Gandolf nur ein Händler, ein Mann, dessen Macht auf Gold und Verträgen basierte – beides Dinge, die wenig wert waren, wenn sich das Meer selbst gegen ihn wandte. Sie erwiderte seinen Blick, ihre Augen eine undurchdringliche Mauer. „Ja, genau das verlange ich“, sagte sie, ihre Stimme ruhig und messerscharf, mit einer Autorität, die keine Widerworte duldete. Gandolfs Lippen pressten sich zu einer dünnen Linie zusammen, und sein Blick wanderte für einen Moment zur Seite, hinaus durch die hohen Fenster, wo das Meer wie ein stiller, lauernder Gigant in der Ferne lag. Vielleicht suchte er dort nach einer Antwort. Vielleicht erkannte er zum ersten Mal die Wahrheit in ihren Worten. Leyla richtete sich langsam auf und trat einen Schritt zurück. Ihre Magie pulsierte in ihr, bereit, entfesselt zu werden. Sie ließ einen Bruchteil ihres Mana in den Boden strömen. Das gesamte Gebäude begann zu beben. Die Kronleuchter über ihren Köpfen schwankten bedrohlich, ihr goldenes Licht flackerte, während die schweren Wände vibrierten. Die hölzernen Stühle ächzten, und die Männer am Tisch griffen instinktiv nach den Kanten ihrer Sitze. Yanis zuckte zusammen, der blonde Mann sog scharf die Luft ein, und der unscheinbare Händler in den teuren Gewändern wirkte, als hätte ihm jemand sämtliches Blut aus den Adern gesaugt. Nur Gandolf blieb ruhig. Äußerlich zumindest.  Leyla ließ das Beben weiter anhalten, um ihre Worte mit Nachdruck zu untermauern. „Ihr habt diesen Krieg bereits verloren“, erklärte sie, ihre Stimme so ruhig wie das Auge eines Sturms. „Die Hauptflotte, die ihr der Barbarossa entgegengesetzt habt? Versenkt. Die Großmagi, eure mächtigsten Magier? Tot. Und das Kaiserreich?“ Sie ließ ihren Blick über die Männer am Tisch wandern, ließ sie spüren, dass sie die Wahrheit sprach. „Das Kaiserreich hat mehr Truppen, mehr Schiffe, stärkere Krieger – und die Geduld des Kaisers schwindet mit jeder Sekunde.“ Sie machte eine Pause, ließ die Stille für sich sprechen, bevor sie weitersprach. „Ihr habt zwei Möglichkeiten. Kapituliert – oder lasst euch vernichten.“ Die Worte trafen wie Hammerschläge. Gandolf ließ sich langsam zurück in seinen Stuhl sinken, als hätte das Gewicht ihrer Aussage ihn in den Sitz gedrückt. Seine Hände lagen nun flach auf dem Tisch, die Finger nicht mehr verkrampft, sondern gespreizt, als versuche er, den kühlen Holztisch unter ihnen zu verankern. Sein Blick war undurchdringlich, doch Leyla wusste, dass er innerlich längst mit den Konsequenzen rang. Der unscheinbare Händler zuckte nervös mit den Fingern, als würde er am liebsten aufspringen und weglaufen. Der blonde Mann sagte nichts, doch seine Miene hatte sich verändert – er wirkte nicht mehr arrogant, sondern zum ersten Mal wirklich nachdenklich. Yanis hingegen? Er hatte ein schmales Lächeln auf den Lippen. Leyla ließ das Beben verstummen, ließ den Raum in eine bedrückende, lauernde Stille fallen. Dann ließ sie ihren Blick erneut über die Anwesenden gleiten, ihre Haltung vollkommen ruhig, vollkommen sicher. „Also, wie wählt ihr?“ fragte sie schließlich, ihre Stimme war weich, fast sanft – und dennoch trug sie die Kälte eines unausweichlichen Schicksals in sich. - ------------------------------------------------------------------------- Es dauerte einen Moment, bevor Gandolf erneut das Wort ergriff. Er wirkte, als hätte er ein schweres Gewicht auf seinen Schultern zu tragen. Er schien zu wissen, dass seine nächste Entscheidung über das Schicksal seiner Heimat bestimmen würde. Schließlich atmete er tief ein und ließ seinen Blick über die Anwesenden schweifen. „Ich möchte die Meinung jedes Familienoberhaupts hören“, sagte er mit ruhiger, doch eindringlicher Stimme. Dann wandte er sich an den jungen Mann mit dem blonden Haar, dessen Gesicht noch immer eine Mischung aus Unsicherheit und Sorge zeigte. „Jacques, was denkst du?“ Jacques richtete seinen Blick auf Leyla, seine Hände ineinander verschränkt, als suche er Halt in der Realität, die sich vor ihm entfaltete. Als er sprach, klang seine Stimme bedächtig, aber nicht mehr unsicher. „Was geschieht mit unseren Familien, wenn wir kapitulieren? Behalten wir unseren Besitz?“ Leyla nickte leicht. Das Kaiserreich hatte selten ein Interesse daran gezeigt, die besiegten Adligen und Händler ihrer Besitztümer zu berauben – zumindest nicht, wenn sie sich widerstandslos ergaben. Die Geschichte hatte oft genug bewiesen, dass diejenigen, die sich beugten, weiterleben durften. Diejenigen, die kämpften, jedoch nicht. Jacques ließ einen leisen Atemzug entweichen. „Dann sollten wir kapitulieren“, sagte er schließlich und hob den Blick. „Wir müssen an die Bürger denken. Wie viele Leben können wir schützen, wenn wir uns für diesen Weg entscheiden?“ Gandolf musterte ihn schweigend, sein Blick schien eine Spur von Enttäuschung zu verraten. Doch er sagte nichts. Stattdessen wandte er sich an den nervösen, unscheinbaren Mann neben ihm. „Und du, Emmanuel?“ Emmanuel zuckte zusammen, als hätte man ihn aus einem Albtraum gerissen. Seine Finger spielten nervös mit den Säumen seiner seidigen Ärmel, und als er den Mund öffnete, schien seine eigene Stimme ihn zu erschrecken. „I-Ich denke, wir sollten… wir sollten a-aufgeben.“ Seine Worte klangen nicht wie eine Entscheidung, sondern wie eine Kapitulation vor einer unausweichlichen Wahrheit. Leyla konnte sich ein kurzes, amüsiertes Grinsen nicht verkneifen. Emmanuel war eindeutig kein Mann, der für Schlachten oder Widerstand gemacht war. Schließlich richtete Gandolf seine Aufmerksamkeit auf Yanis, als würde er an ihm seine letzte Hoffnung festmachen. „Yanis, du willst doch kämpfen, oder?“ fragte er, seine Stimme beinahe flehend. Yanis erhob sich langsam von seinem Stuhl, zog seine Jacke glatt und sah mit einem unergründlichen Blick in die Runde. Dann schüttelte er den Kopf. „Nein, das tue ich nicht“, erklärte er mit ruhiger Stimme. „Jacques hat recht – unser oberstes Ziel muss der Schutz unserer Bürger sein. Wir haben eine Verantwortung. Ein Krieg, den wir nicht gewinnen können, wäre nichts anderes als sinnlose Sturheit. Wir können es uns nicht leisten, auf unserem Stolz zu beharren, während unser Volk dafür bezahlt.“ Dann setzte er sich wieder, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Eine bleierne Stille legte sich über den Raum. Gandolf sah erschöpft aus, als hätte diese Debatte ihn um Jahre altern lassen. Sein Blick wanderte von einem zum anderen, als suchte er nach einer letzten Möglichkeit, das Ruder herumzureißen. Doch es gab keine. Sie hatten bereits entschieden. Mit einem resignierten Seufzen zog er ein Blatt Pergament aus einer Schublade, griff nach einer Feder und begann, mit bedächtigen Bewegungen darauf zu schreiben. Das Kratzen der Feder über das Papier war das einzige Geräusch im Raum. Dann, als er fertig war, reichte er das Dokument an die anderen Händler weiter. Nacheinander setzten sie ihre Namen darunter, einige schneller, andere mit einem Hauch von Zögern. Als der letzte seine Unterschrift geleistet hatte, schob Gandolf das Pergament mit ernster Miene über den Tisch in Leylas Richtung. „Die Tabakinseln beugen sich dem Kaiserreich“, verkündete er, seine Stimme klang wie eine alte Tür, die langsam ins Schloss fiel. „Wir werden jede Kampfhandlung einstellen und sind bereit, jegliche Bedingungen zu akzeptieren.“ Leyla nickte zufrieden und griff nach der Kapitulationserklärung. „Eine weise Entscheidung“, sagte sie schlicht. „Der Heerführer wird mit euch die Bedingungen ausarbeiten.“ Sie überflog das Dokument mit einem schnellen Blick – die offizielle Kapitulation, unterschrieben von den vier führenden Familien der Tabakinseln. Mit diesem Pergament in der Hand war der Krieg vorbei. Sie erhob sich, ihr Blick glitt noch einmal über die Männer am Tisch, bevor sie sich wortlos umdrehte und den Raum verließ. Erst als sie das Rathaus hinter sich gelassen hatte und die frische, salzige Meeresluft sie umfing, ließ sie einen langen, erleichterten Atemzug entweichen. Es war vorbei. Die Großmagi waren tot – mit Ausnahme von Miguel. Die erste Flotte der Tabakinseln lag auf dem Grund des Meeres. Die führenden Familien hatten kapituliert. Leyla hatte ihren Auftrag erfüllt. Nun konnte sie endlich nach Hause zurückkehren. - ------------------------------------------------------------------------- Einige Tage später stand Leyla am Hafen von Tripolis. Über den Dächern der Stadt wehte nun die Flagge des Kaiserreichs – eine goldene Krone, umgeben von schwarzen Flammen, auf rotem Grund. Ein Symbol des Sieges, der Eroberung und der unausweichlichen Herrschaft. Die Luft roch nach Salz und nach frischer Farbe – die Hafenmeister hatten bereits begonnen, die alten Banner der Tabakinseln zu entfernen und durch die des Kaisers zu ersetzen. Matrosen und Soldaten bewegten sich geschäftig über die hölzernen Stege, während Händler versuchten, das Beste aus der neuen Ordnung zu machen. Tripolis war gefallen, doch das Leben ging weiter. Heute würde Leyla sich mit dem führenden General treffen, ihm das Pergament mit der Kapitulationserklärung überreichen und dann endlich ins Kaiserreich zurückkehren. Der Gedanke an die Rückkehr nach Hause löste in ihr ein Gefühl der Erleichterung aus – aber auch eine seltsame Unruhe. [???] ,,Edle Miss Leyla, welch eine Freude Euch hier zu treffen.’’ Leyla fuhr herum. Die Stimme war tief und selbstsicher, und in ihr schwang eine Spur von Amüsement mit. Ihr Blick fiel auf einen Mann mit kurzem, blutrotem Haar, dessen schwarze Uniform mit dem goldenen Wappen des Kaiserreichs bestickt war. Ein Stirnband hielt seine wilden Haare zurück, daran befestigt ein einzelnes rotes Horn. Thibedeau van Trey. Leyla hatte ihn seit Malyl nicht mehr gesehen, und ehrlich gesagt war sie bisher froh darüber gewesen. Damals hatte er sie fast getötet, und nur durch eine Wendung des Schicksals hatte sie schließlich sein Leben gerettet. Ihr Verhältnis war kompliziert – eine Mischung aus Respekt, Skepsis und etwas, das sie nicht genau benennen konnte. Doch heute schien keine Feindseligkeit zwischen ihnen zu liegen. „General van Trey“, erwiderte sie mit einem höflichen Lächeln. „Ich hatte nicht erwartet, Euch auf den Tabakinseln anzutreffen.“ Der General trat näher, seine Bewegungen waren geschmeidig und selbstbewusst. Mit einer lässigen Geste streckte er ihr die Hand entgegen. „Ich wurde als Heerführer für diesen Krieg ausgewählt“, erklärte er, während sein Blick prüfend über ihr Gesicht wanderte. „Und nun, nachdem Ihr so hervorragende Arbeit geleistet habt, hat der Kaiser mich zum Protektor der Tabakinseln ernannt.“ Leyla nahm seine Hand und erwiderte seinen festen Griff. Sein Blick war ruhig, doch in seinen Augen lag ein unterschwelliges Funkeln – ein Interesse, das über bloße Höflichkeit hinausging. Was genau er von ihr wollte, wusste sie nicht, aber sie konnte sich vorstellen, dass sie es bei ihrem nächsten Treffen erfahren würde. „Ich danke Euch für das Lob“, sagte sie mit einem höflichen Nicken und überreichte ihm die Kapitulationserklärung. Der General nahm das Pergament entgegen, entrollte es mit einem geübten Handgriff und überflog die Zeilen mit kühler, professioneller Effizienz. In seinem Gesicht zuckte keine Regung, doch Leyla wusste, dass er jede einzelne Klausel genau analysierte. Sie wollte sich gerade abwenden, um zu gehen, als ihr noch etwas einfiel. „Einer der Händler, Yanis Marghri, hat darauf bestanden, zum Protektor der Tabakinseln ernannt zu werden“, sagte sie mit einem leichten Lächeln, das nicht ganz unschuldig war. „Ihr findet ihn in seinem Anwesen.“ Thibedeau hielt inne. Sein Blick glitt zu ihr hinüber, und für einen Moment war seine Miene ausdruckslos. Dann verzog er leicht das Gesicht – eine Mischung aus Spott und Belustigung. „Hat er das?“ Seine Stimme klang amüsiert, aber in seinen Augen blitzte etwas auf – eine dunklere, kältere Note. „Nun, dann sollte ich ihm wohl einen Besuch abstatten.“ Leyla beobachtete ihn einen Moment lang und konnte nicht verhindern, dass sich ein zufriedenes Lächeln auf ihre Lippen schlich. Yanis hatte seine eigenen Leute verraten, nur um sich selbst an die Spitze zu setzen. Jetzt würde er den Preis dafür zahlen. Thibedeau wandte sich wieder ihr zu, sein Blick aufmerksamer als zuvor. „Edle Miss Leyla“, sagte er mit einer unergründlichen Stimme. „Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder. Ich würde mich gerne zu einem besseren Zeitpunkt mit Euch unterhalten.“ Sie neigte leicht den Kopf. „Sehr gerne. Ihr wisst ja, wo Ihr mich in der Kaiserstadt findet.“ Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und ging zur Kaimauer. Sie wollte nicht länger bleiben, wollte nicht noch einen Moment mehr in dieser Stadt verbringen, die längst nicht mehr ihr Problem war. Sie warf einen letzten Blick auf Tripolis, auf das Meer, das sich ruhig und endlos vor ihr erstreckte, und auf die rote Flagge des Kaiserreichs, die im Wind flatterte. Dann sprang sie ins Wasser, und mit einem einzigen kraftvollen Stoß verschwand sie in den Tiefen des Ozeans.

  • Kapitel 131 - Das Massengrab Namens Mylrie

    Sandyr packte Nereus’ Hand mit aller Kraft, seine Finger gruben sich in die des Königs, während das tobende Wasser zwischen ihnen versuchte, sie auseinanderzureißen. Die Strömung war gnadenlos, riss an ihren Körpern, zog an ihren Gliedern, als wolle das Meer sie verschlingen. Kaltes Salzwasser drang Sandyr durch die Kiemen, brannte in seiner Brust, doch er ließ nicht los. Seine Muskeln zitterten unter der Anstrengung, seine Beine kämpften gegen das saugende Gewicht des Wassers, das ihn zu Boden zerren wollte. Mit einem letzten, verzweifelten Ruck zog er Nereus in den Gang der Treppe, wo die Luftkammern noch nicht kollabiert waren. Hier, im Halbdunkel, war die Luft schwer, gesättigt mit Feuchtigkeit. Nereus sackte auf den Boden, sein Gesicht bleich, seine Lippen bläulich verfärbt. Sein Atem war flach, stoßweise, als kämpfte er um jeden einzelnen Zug. Sandyr kniete sich neben ihn, seine Hände zitterten, nicht nur vor Erschöpfung, sondern auch vor der Schockstarre, die seine Gedanken erfasste. Dann bemerkte er es. Das Blut. Es sickerte durch Nereus’ Tunika, ein dunkler Fleck, der sich langsam ausbreitete. Sandyr riss die Stoffschichten beiseite, sein Herz schlug gegen seine Rippen wie eine gefangene Bestie. Eine klaffende Wunde am Bauch des Königs pulsierte bedrohlich, warme Flüssigkeit rann über Sandyrs Finger. „Nein... nein, nein, nein“, murmelte Sandyr, seine Stimme ein heiseres Kratzen. Er legte beide Hände auf die Wunde, ließ seine Wassermagie fließen. Sein Mana pulsierte durch seinen Körper, warm und lebendig, während er versuchte, die Wunde zu schließen. Das Blut reagierte, zog sich langsam zurück, doch es war mühselig. Sein Kopf pochte, seine Arme brannten, aber er gab nicht auf. Dann ließ das Bluten nach. Nereus stöhnte leise auf, seine Augen flatterten. Er lebte. „Nereus…“ Sandyr beugte sich näher zu ihm. Der König öffnete mühsam die Augen. Sie waren getrübt, doch in ihnen lag keine Angst. Nur ein leiser, brennender Schmerz – und etwas anderes, etwas, das Sandyr nicht deuten konnte. ,,Warum...?’’ Es war nur ein Wort, eine kurze Frage. Doch es traf Sandyr härter als jede Faust, härter als die Strömung, härter als der Hass, den er all die Jahre in sich getragen hatte. Warum? Warum war es so weit gekommen? Warum hatte er sich in seinem Hass verloren? Warum hatte er all die Jahre nichts anderes gesehen als den Wunsch nach Vergeltung? Sandyr wollte etwas sagen, wollte ihm eine Antwort geben, aber seine Lippen blieben stumm. Was hätte er auch sagen können? Dass er in der Dunkelheit gelebt hatte, ohne je zu erkennen, dass es Licht gab? Nereus schloss die Augen für einen Moment, dann atmete er langsam aus. „Nein…“ murmelte er leise, seine Stimme war kaum mehr als ein Hauch. „Es ist egal.“ Seine Finger zuckten leicht, als wollte er Sandyr eine Geste der Vergebung schenken. „Wir müssen versuchen… zu retten, was noch zu retten ist.“ Sandyr nickte, zu überfordert, um zu sprechen. Die Schuld nagte an ihm, ein widerliches Gefühl, das er bisher nicht kannte, nicht kennen wollte. Doch dafür war jetzt keine Zeit. Er schlang Nereus’ Arm um seine Schulter und half ihm hoch. Der König war schwer, seine Schritte wankend, doch sie hatten keine andere Wahl. Stück für Stück kämpften sie sich die Treppen hinauf, Wasser tropfte aus ihren Kleidern, jede Bewegung fühlte sich an wie eine endlose Tortur. Als sie schließlich den Thronsaal erreichten, taumelte Nereus nach vorne, stützte sich schwer auf die Armlehnen des Throns und richtete seinen Blick auf die riesige Glasfassade. Sandyr folgte ihm – und sein Herz blieb stehen. -------------------------------------------------------------------------- Die großen Türme von Mylrie, einst Symbole für Macht, Kultur und unerschütterlichen Stolz, lagen nun in Trümmern. Ihre Überreste trieben wie leblose Leichen durch die überfluteten Straßen, zerbrochen, zerschmettert, von der gewaltigen Flut mitgerissen, die alles verschlang.  Die Schutzkuppel, die die Stadt über Jahrhunderte vor den Gefahren des offenen Meeres bewahrt hatte, war geborsten, aufgerissen von einer Kraft, die niemand hatte aufhalten können.  Die vorher sanfte Strömung war mit unbändiger Wut losgebrochen, hatte Häuser, Straßen und Plätze verschlungen, hatte die Stadt in ein Chaos aus Strömungen und schwankenden Trümmern verwandelt. Mylrie, die leuchtende Perle der Meere, war zu einem Grab am Boden des Meeres geworden. Die Straßen, einst erfüllt vom geschäftigen Treiben der Meriden, waren jetzt ein Ort der Verzweiflung. Die Strömung war unerbittlich, zog Lebende und Tote gleichermaßen ins offene Meer hinaus. Manche versuchten verzweifelt, sich an Treppen, Balkonen oder Statuen festzuklammern, doch das Wasser kannte keine Gnade. Es riss sie mit sich, trug sie fort, fort aus der Stadt, die ihnen einst ein Zuhause gewesen war. Die Soldaten der Stadt, Männer, die geschworen hatten, Mylrie zu verteidigen, kämpften mit verzweifelten Befehlen gegen eine Bedrohung, die nicht aufzuhalten war. Ihre Stimmen waren schrill, doch sie wurden vom Brüllen des Wassers, vom Splittern der einst prachtvollen Gebäude verschluckt. Sie griffen nach Körpern, versuchten, Überlebende zu retten, doch auch sie wurden von der unkontrollierbaren Gewalt der Natur überwältigt. Doch es waren nicht nur die Fluten, die die Stadt heimsuchten. Das schlimmste waren die Monster des Meeres. Jahrhunderte lang, vielleicht noch länger, hatten sie auf diesen Moment gelauert – auf den Tag, an dem Mylrie endlich schutzlos sein würde. Der Runenstein, das uralte Artefakt, das ihre Stadt vor den Gefahren des Ozeans bewahrt hatte, war verschwunden. Die Barriere, die ihre Welt von den gefräßigen Kreaturen der Tiefe trennte, war gefallen. Und nun kamen sie. Die vier Antoken, jene Kreaturen, die einst als Wächter des Steines galten, waren zu Jägern geworden. Sie glitten lautlos durch die überfluteten Gassen, ihre schlanken, gepanzerten Körper mit Stacheln besetzt, ihre scharfen Kiefer hungrig aufgerissen. Sie schnappten zu, zogen Meriden mit sich, verschlangen sie mit erschreckender Leichtigkeit. Ihre Augen leuchteten in der Dunkelheit, zwei kalte, blaue Fackeln, die nichts als Tod versprachen. Und sie waren nicht allein. Seeschlangen, ihre langen, muskulösen Körper geformt für die Jagd, durchstreiften das Chaos. Die kleinsten waren kaum länger als ein Arm, doch die größten unter ihnen waren Giganten – fünfundzwanzig Meter. Sie schlängelten sich durch die Trümmer, bewegten sich blitzschnell durch das aufgewühlte Wasser, suchten nach Opfern, die von den Strömungen erfasst worden waren. Und sie fanden sie. Ein Merid, verzweifelt an einen umgestürzten Marktstand geklammert, schrie auf, als sich ein Paar glühender Augen in der Dunkelheit auf ihn richtete. Ein Zucken, ein Wimpernschlag, und die Seeschlange hatte ihn mit ihren Kiefern gepackt. Die Schreie verstummten augenblicklich. Doch das war nichts. Nichts im Vergleich zu dem wahren Horror. Ein Trochas. Ein Jäger der Tiefsee. Kreaturen, deren bloße Präsenz die Meere beherrschte. Sein mächtiger Körper wand sich durch die zerstörte Stadt, bewegte sich mit beängstigender Anmut durch das Trümmerfeld. Seine schuppige Haut schimmerte in der Dunkelheit, reflektierte die schwachen Lichtstrahlen, die durch das verwüstete Wasser brachen. Sein langer, muskulöser Schwanz peitschte durch das Wasser, zerschlug Trümmer, als wäre die Stadt nicht mehr als Sand unter seinem Willen. Doch seine tödlichste Waffe war sein Schrei. Eine durchdringende Schallwelle raste durch das Wasser, vibrierte durch die Knochen all jener, die ihm zu nahe kamen. Nicht hörbar, nicht greifbar – doch umso tödlicher. Die Meriden, die ihm zu entkommen versuchten, erstarrten mitten in der Bewegung, ihre Muskeln lähmten sich, ihr Blick wurde glasig. Sie konnten sich nicht mehr wehren, konnten nur zusehen, wie die Zunge des Trochas sich um sie legte, sie mit klebrigem Gift umhüllte und in sein Maul zog. Einer nach dem anderen verschwanden sie in der Dunkelheit. Die Stadt, die einst von den Meriden regiert worden war, gehörte nun dem Meer. Blut sickerte ins Wasser, legte sich wie ein Schleier über die Straßen, die einst vor Leben sprühten. Mylrie hatte seine Bewohner verraten, und das Meer hatte sich genommen, was ihm seit Jahrhunderten verwehrt geblieben war. Von den wenigen Überlebenden, die Zuflucht gesucht hatten, wagte niemand mehr, sich zu bewegen. Sie starrten nach unten, in das dunkle, gefräßige Chaos, das einmal ihre Heimat gewesen war. Die Schreie, die Hilferufe, das Flehen – all das wurde von der endlosen Stille des Wassers verschluckt. Mylrie war gefallen. Die Fluten hatten es überrannt. Die Monster hatten es eingenommen. Die letzte Stadt der Meriden war nichts mehr als ein Grab für das einst stolze Volk. -------------------------------------------------------------------------- ,,Papa, wieso sind manche Häuser so grau?’’ Nereus stand neben seinem Vater, König Nero, an der großen Glasfassade des Palastes. Von hier aus konnte man ganz Mylrie überblicken, die prächtige Stadt, die er eines Tages regieren würde. Die goldenen Dächer der Paläste der Aristokraten glänzten im Licht der Sonne, strahlten wie ein ewiges Versprechen von Reichtum und Macht.  Doch am Rand der Stadt lagen die grauen Viertel, gedrängt, schmutzig, arm. Sie wirkten wie ein dunkler Schatten, den niemand bemerken wollte. Nereus’ junge Augen suchten nach Antworten, doch je länger er die Stadt betrachtete, desto größer wurde seine Verwirrung. König Nero stand mit geradem Rücken, seine Hände auf dem Rücken verschränkt. Sein Gesicht war ernst, hart wie in Stein gemeißelt, doch in seinen Augen blitzte Stolz auf, als er die Frage seines Sohnes hörte. Er legte eine schwere Hand auf Nereus’ schmale Schulter, sein Griff fest, fast besitzergreifend. „Nun, mein Sohn“, begann er mit ruhiger, aber bestimmter Stimme, „unsere Stadt hat viele verschiedene Meriden. Es gibt die Rechtschaffenen, jene, die in goldenen Palästen wohnen, so wie wir. Sie sind fleißig, stark und wissen, was gut für Mylrie ist.“ Er machte eine Pause, ließ seine Worte sacken, bevor er seinen Blick auf die Schattenviertel richtete. Seine Lippen verzogen sich kaum merklich zu einer Miene der Abscheu. „Und dann gibt es die anderen. Die Faulen, die Schwachen. Die, die nichts beitragen, aber immer mehr fordern. Sie wohnen in den grauen Vierteln, weil sie es nicht anders verdienen.“ Nereus’ Magen zog sich zusammen. Er war erst neun Jahre alt, doch er verstand genug, um zu wissen, dass etwas an diesen Worten nicht richtig war. Es machte für ihn keinen Sinn, dass Reichtum und Güte zusammenhingen, so wie Armut und Bosheit. Er hatte die Kinder in den grauen Vierteln gesehen, barfuß, mit ausgemergelten Gesichtern und wachen, hoffnungsvollen Augen. Sie hatten gespielt, gelacht, genauso wie er es tat – waren sie wirklich böse, nur weil sie dort geboren worden waren? „Aber…“ Er zögerte, spürte die Erwartung seines Vaters wie eine unsichtbare Schlinge um seinen Hals. König Nero duldete keine Widerrede. Seine Meinung war Gesetz, und wer es wagte, Fragen zu stellen, musste sich fürchten. Nereus hatte die Narben an den Händen der Diener gesehen, das leise Zittern in ihren Stimmen, wenn sie seinem Vater zu widersprechen wagten. Also senkte er den Blick, presste die Lippen aufeinander und nickte. Sein Vater musterte ihn einen Moment lang, dann zog er die Hand zurück. „Gut“, sagte er zufrieden. Doch während sein Vater sich abwandte und zurück in den Palast schritt, blieb Nereus stehen. Sein Blick glitt erneut über die Stadt. Die glänzenden Dächer, die prächtigen Gebäude – und die grauen, dunklen Gassen, in denen das Licht der Sonne nicht so hell schien. Sein Herz schlug schneller. Sein Magen fühlte sich schwer an. „Wenn ich irgendwann regiere“, murmelte er leise, fast wie ein Gebet, das niemand hören sollte, „dann möchte ich, dass jeder Merid in goldenen Palästen wohnen kann.“ Sein Blick blieb auf den grauen Vierteln haften. Er wusste nicht wie, er wusste nicht wann – aber eines Tages würde er es besser machen als sein Vater. -------------------------------------------------------------------------- Nereus stand regungslos, sein Blick auf die Ruinen gerichtet, die einst seine Stadt gewesen waren. Sein Mylrie. Sein Zuhause. Die goldenen Türme, die er als Kind bewundert hatte, lagen zerborsten im schwarzen Wasser. Die prunkvollen Paläste der Aristokraten waren nicht mehr als Schutthaufen, die langsam in den Fluten versanken. Das tosende Meer, das seine Leute einst getragen und geschützt hatte, war nun ihr Henker. Der Schutz der Luftkammern war gebrochen, und mit ihm auch jede Hoffnung auf Rettung. Zwischen den Trümmern kämpften Meriden gegen die Strömung, klammerten sich verzweifelt an Mauerreste oder treibendes Holz. Ihre Schreie schnitten durch das dunkle Wasser, gellend, voller Panik. Andere wurden von der Strömung mitgerissen, ihre verzweifelten Arme streckten sich in die Leere, bevor das Meer sie verschluckte. Nereus’ Brust zog sich zusammen, als er all das sah. Es war zu viel. Zu viel Leid, zu viel Zerstörung. Doch nichts davon war so schmerzhaft wie der Verrat seines Freundes. Er drehte den Kopf und traf Sandyrs Blick. Der Mann, den er angefangen hatte, wie einen Bruder zu sehen, stand nun neben ihm – mit weichen Knien, verkrampften Händen und Schuld in den Augen. „Warum?“ Nereus’ Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Sandyr wich seinem Blick aus, sein Kiefer mahlte, als würde er die Worte suchen, die alles erklären konnten. Doch es gab keine Erklärung. Kein Grund konnte rechtfertigen, was geschehen war. Nereus wollte wütend sein. Er wollte Sandyr anschreien, ihn verfluchen, ihn für das alles verantwortlich machen. Aber da war keine Wut mehr in ihm. Nur Trauer. Eine unendliche, zermürbende Trauer, die schwerer wog als das Wasser, das seine Stadt ertränkte. Er hätte ihn schneller verstehen müssen. Hätte merken müssen, was sich in Sandyr angestaut hatte. Vielleicht hätte er all das dann verhindern können. Aber das spielte jetzt keine Rolle mehr. Ein stechender Schmerz riss ihn aus seinen Gedanken. Heißes Blut sickerte aus seiner Wunde, rann an seiner Seite hinab und vermischte sich mit dem Wasser auf dem Marmorboden. ,,Urgh.’’ Er taumelte. „Nereus!“ Sandyrs Stimme war panisch, voller Furcht. Nereus schwankte, sein Körper fühlte sich taub an. Das Blut, das Sandyr vorhin mit Mühe gestillt hatte, floss erneut aus der Wunde, diesmal stärker, unaufhaltsam. Seine Beine gaben nach, und er sackte auf die Knie. Sandyr war sofort bei ihm, griff nach seinen Schultern, versuchte, ihn aufrecht zu halten. „Wo sind deine Heiler?“ fragte er hastig, sein Griff fester, als könnte er Nereus allein mit seiner Entschlossenheit am Leben halten. „Ich kann— ich kann jemanden holen, wir können—“ Doch die Stimme des Mannes wurde zu einem dumpfen Echo. Die Welt um ihn herum verschwamm, die Lichter der sterbenden Stadt flackerten, als würden sie mit ihm verlöschen. Nereus’ Atem wurde flacher. Seine Finger krallten sich an Sandyr, als könnte er sich an diesem letzten Halt in der Welt festklammern. Seine Lippen bebten, als er versuchte zu sprechen. ,,S-Sandyr…’’ Sandyr erstarrte. Nereus sah die Tränen in seinen Augen, sah das Zittern seiner Hände.  ,,Nenn mich Tormund.’’  Die Stimme Sandyrs war brüchig, Tränen strömten seine Wangen hinab. „T-Tormund…“ Der Name verließ seine Lippen wie eine Bitte, wie ein Friedensangebot. Vielleicht hatte er doch nicht alles falsch gemacht. Sein Griff lockerte sich, sein Körper wurde schwer, sein Kopf sank an Sandyrs Schulter. Mit letzter Kraft formten seine Lippen die Worte, die er noch sagen musste. „Bitte… rette so viele Meriden wie du kannst.“ Ein Zittern lief durch seinen geschwächten Körper, sein Atem wurde unregelmäßig. „Und bitte… lebe.“

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